FANDOM



Zweiundzwanzig Gedanken schwirrten Eolarios durch den Kopf. Alle zur selben Zeit und doch war es ihm ein Leichtes, sie auseinanderzuhalten.

Es begann mit einer Erinnerung an Mia. Mehrere, um genau zu sein. Der Moment, in dem er seine Tochter das erste Mal in den Armen gehalten hatte. So winzig war sie gewesen. Lange hatten sie damals gebangt, ob sie überhaupt überlebt. Aber sie hatte gekämpft. Schon damals war sie stark gewesen, hatte sich immer durchsetzen können, egal was das Leben ihr entgegengeworfen hatte. Bereits als Säugling hatte sie Eolarios schon so unsagbar stolz gemacht. An jeden Moment erinnerte er sich, in dem er sie in den Armen gehalten hatte. Als sie das erste Mal hingefallen war und er sie getröstet hatte. Als er nach einem langen Tag nach Hause gekommen war und sie ihm freudig lachend entgegengerannt gekommen und ihm regelrecht auf den Arm gesprungen war. Oft hatte er sie so auf dem Arm gehalten, umschlungen, und sich mit ihr gedreht, dass es ihr wie auf einem Karussel vorkommen mußte. Jedesmal hatte sie sich an ihn geklammert, mit einem Lachen, das er schon seit sehr langer Zeit nicht mehr hatte hören dürfen. Und doch erschien es ihm wie gestern. Doch auch an die weniger schönen Momente erinnerte er sich. Damals hatte Mia auch sehen müssen, wie ihr Vater im Krankenbett lag. Monate hatte er im Lazarett zugebracht, hatte viel liegen müssen. Doch jeden Tag war Alicia zu ihm gekommen und hatte auch fast jedesmal die kleine Mia mitgebracht. Ihren vierten Geburtstag hatten sie so gefeiert. Immer hatte Mia sich in seinem Bett an Eolarios gekuschelt und hatte ihm irgendwas erzählt. Meistens hatte sie nur vor sich hingebrabbelt, aber Eolarios hatte jeden Moment genossen. Schon damals war es seine Familie gewesen, die ihn am Leben gehalten hatte. Für sein Land hätte er sich damals geopfert. Aber für Alicia und Mia war er am Leben geblieben, hatte gekämpft. Als er die ersten Schritte wieder tun konnte, das Bett hatte verlassen dürfen, waren sie ebenfalls an seiner Seite gewesen. Alicia hatte seinen Arm gestützt und auch Mia hatte verstanden, dass ihr Vater Hilfe gebraucht hatte. Das kleine Mädchen hatte sein Bein umschlossen und es mit aller Kraft immer wieder angehoben, wann immer Eolarios einen Schritt gemacht hatte. Beim ersten Mal war er vor Rührung fast wieder zusammengebrochen.

Doch seine Gedanken beschränkten sich nicht nur auf Mia. Auch Alicia spielte eine große Rolle darin. Die Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, würde Eolarios niemals vergessen. Soviel Nähe, Geborgenheit und Sicherheit hatte sie ihm geschenkt. Sein Leben hatte sich völlig verändert, seit er sie auf dem Marktplatz in Gilneas kennengelernt hatte. Allerdings war ihr Bild, seine Erinnerung an ihr Gesicht, seither unabänderbar mit der Erinnerung an seine eigenen Klauen verbunden. Kein Gedanke an die Liebe seines Lebens war möglich, ohne dass er sich auch gleichzeitig daran erinnerte, was er ihr angetan hatte. Für immer hatte er sie so verloren, unwiderbringlich. Viel Zeit hatte er danach darauf verwendet, zu bereuen. Erst Madeleine hatte ihm etwas Lebensfreude zurückgegeben. Nicht einmal Leryla und Daraline hatten das geschafft, wenngleich er sich schon damals entschieden hatte, für die beiden Mädchen zu sorgen. Er hatte ihnen bieten wollen, was ihnen genommen worden war. Beide hatten ihn inzwischen schon wieder verlassen und lebten ihr Leben, doch Eolarios war sich sicher, dass die Zeit bei ihm ihnen dabei geholfen hatte. Madeleine jedoch hatte ihn zuviel gekostet. Nerven, Geduld und viel zuviele Sorgen. Sie hatte einen Mann gebraucht, der sein Leben lebte und sie nur duldete. Eolarios jedoch wollte sein Leben mit ihr teilen und verlangte im Gegenzug auch, dass sie das täte. Erst Scarlet war dazu bereitgewesen. Sie war an seiner Seite geblieben, hatte ihn unterstützt und ihm Kraft gegeben. Nicht zuletzt ihr und ihren Kindern verdankte er, dass er zu dem Mann geworden war, der er heute war.

Ein Mann, mit dem Fluch einer Bestie. Nein, den Fluch hatte er nicht Scarlet zu verdanken. Dass er jedoch langsam begann, damit leben zu lernen, hatte er eindeutig ihr zu verdanken. Nicht zuletzt war sie es gewesen, die ihn darin bestärkt hatte. Nicht nur, dass sie seine Hilfe im Dschungel gebraucht hatte. Hätte er sich damals nicht gewandelt, hätten sie vermutlich beide den Trollen als Hauptmahlzeit gedient. Doch er hatte sie beschützt. Die Erinnerung an das knackende Geräusch, als der Hals des Trolles brach, erfüllte ihn noch immer mit Genugtuung. Die ganze Nacht hatte er damals bei Scarlet gewacht, sie in der klammen Höhle warmgehalten und beschützt. Wenngleich er selbst kaum gewagt hatte, sich zu bewegen, war wenigstens sie sicher gewesen. Zu groß war damals seine Angst gewesen, sie verletzen und selbst infizieren zu können. Und heute?

Noch immer scheute er sich, sich in ihrer Nähe zu wandeln. Obwohl Scarlet ihm schon mehrmals gezeigt hatte, dass sie weder Angst vor ihm hatte, noch sich vor seinen Berührungen fürchtete, änderte es kaum etwas für Eolarios. Noch immer hatte er diese Seite an sich nicht akzeptiert. Wie könnte er auch, nachdem sie soviele Leben gekostet hatte. Die Kinder wußten noch nicht einmal etwas davon. Es war auch gut so. Sie sollten den Mann, der ihren Vater ersetzt hatte, nicht so sehen. Selbst Jamie schaute inzwischen zu ihm auf, jedenfalls hatte Eolarios dieses Gefühl. Er wollte sie nicht enttäuschen. Den Kindern war es zu verdanken, dass er es inzwischen nicht mehr bis zur letzten Minute aufschob. Eolarios wußte nicht, ob es anderen Infizierten auch so ging, doch von Zeit zu Zeit spürte er den Drang, sich zu wandeln, wachsen. Mit niemandem hatte er vorher darüber geredet. Niemandem hatte er sich anvertraut. Andere Infizierte kannte er zwar, doch verabscheute er diese Form in solch einem Maße, dass er niemals auch nur daran dachte, darüber zu reden. Eolarios hatte gelernt, dass Alkohol half, diesen Drang zu unterdrücken. Es breitete ihm Kopfschmerzen, kostete ihn Kraft. Aber jede Minute, die er nicht als Worgen verbrachte, war es ihm wert, das auszuhalten. Damals war er so weit gegangen, dass er sich mit letzter Kraft in die Berge geschleppt und sich angekettet hatte. Es so lange herauszuzögern hatte bedeutet, dass er es nicht mehr kontrollieren konnte. Völlig von dieser Bestie übermannt, hatte Eolarios dann meist die ganze Nacht in den Ketten gehangen und sich die Seele aus dem Leib gebrüllt. Dem Tier hatte es nach Blut gedürstet, das hatte Eolarios spüren können. Jeder, der ihm in dieser Zeit in die Quere gekommen war, war zerfleischt worden. Nicht nur einmal war das geschehen. In Darnassus hatte er damals seinen Tod erwartet und völlig zu seinem Unverständnis Gnade gewährt bekommen.

Heute verwandte er einen Tag pro Woche darauf, dem Drang nachzugeben. Den Kontakt zur Außenwelt vermied er zu dieser Zeit, so gut er konnte. Selbst Scarlet ließ er an diesem Tag kaum an sich heran. Dennoch hatte er es insgeheim immer genossen, wenn sie in dieser Zeit in seiner Nähe war. Immer lauschte er auf ihre Schritte, wenn sie an dem Zimmer vorbeiging, in dem er den Tag verbrachte. Ihr Geruch drang unter der Tür durch und ließ ihn jedesmal erschaudern. Nur in dieser Form konnte er sie so gut wahrnehmen. Nur in dieser Form war ihm das erste Mal bewußt geworden, wie gut sie roch. Nur in dieser Form konnte er wirklich sie selbst riechen. Nicht ihr Parfüm, nicht die Seife, mit der sie sich wusch. Ihren ganz eigenen, so wundervollen Geruch hatte nur die feine Worgennase erfassen können. Ihren Herzschlag hatte er mit den Ohren schon wahrnehmen können. Selbst den Herzschlag der Zwillinge, die in ihrem Bauch heranwuchsen. Vielen Kindern hatte er seit der Flucht aus Gilneas in seinem Haus ein Heim gewährt. Leryla und Daraline waren die ersten. Wie durch ein Wunder hatte er Mia zurückbekommen und nun lebten Scarlets vier Kinder unter seinem Dach. Doch die Zwillinge würden seine ersten eigenen Nachkommen sein. Die wahren Erben seines Hauses, das er mit Scarlet wieder aufgebaut hatte. Sie war seine Fürstin, den Kindern, die sie Eolarios schenkte, sollte das Haus einmal gehören. Tief in sich hoffte Eolarios auf wenigstens einen Jungen, doch er wagte nicht, das auszusprechen. Auch Mädchen würde er akzeptieren und lieben. Hatte er doch in den letzten Jahren genug Zeit damit verbracht, für Töchter zu sorgen. Auch Mädchen würden den Platz als Oberhaupt einnehmen können. Er würde ihnen alles beibringen, was sie wissen mußten.

Dass ausgerechnet Madeleine ihm einen Sohn geschenkt hatte, hatte ihm einen tiefen Stich ins Herz versetzt. Nicht die Tatsache, dass es ein Junge war. Vielmehr, dass sie zuvor abgelehnt hatte, seine Frau zu werden. Schon damals war Eolarios sich völlig bewußt, dass er mit ihr nicht glücklich werden würde. Aber dennoch hatte er ihr die Schmach ersparen wollen, einen Bastard zur Welt zu bringen. Doch sie hatte abgelehnt. Eolarios konnte bis heute nicht verstehen, warum. Sie hatte ihn geliebt, dessen war er sich immer sicher gewesen. Auch wenn sie es nie ausgesprochen hatte. Erst vor Kurzem hatte er sogar erfahren, dass sie den Ring tatsächlich getragen hatte. Und dennoch hatte sie abgelehnt. Eolarios war ihr nicht böse. Er konnte es lediglich nicht verstehen. Immer hatte er für Elias da sein wollen, doch irgendwann war sie verschwunden. Mal wieder. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Eolarios nicht gewußt hatte, wo sie ist. Doch dass sie ihm seinen Sohn vorenthalten hatte, hatte ihm nicht gefallen. Doch wirklich wütend hatte ihn erst gemacht, als er in Sturmwind von einem ihrer Bekannten beschimpft worden war. Nicht so sehr, dass dieser Typ dachte, Eolarios hätte Madeleine mit dem Kind sitzenlassen. Es war ihm egal. Doch wütend hatte ihn gemacht, dass Madeleine es offenbar gar nicht für nötig gehalten hatte, da irgendetwas zu erklären. Wieder einmal hatte er sich dort bestätigt gefühlt, dass es eine seiner besten Entscheidungen gewesen war, Madeleine zu verlassen. Jederzeit hätte er Elias bei sich aufgenommen, doch mit seiner Mutter würde er nie lange gut auskommen. Noch heute erfüllten ihn Erinnerungen an Madeleine mit einem tiefen Gefühl der Verzweiflung. Immer hatte er bei ihr das Gefühl gehabt, alles falsch zu machen.

Scarlet hatte es geschafft, ihm die Ruhe zu geben, die er so dringend gebraucht hatte. Noch heute schaffte sie das. Dafür würde er ihr ewig dankbar sein. Jeden Tag wollte er ihr zeigen, wie dankbar er ihr war und Eolarios glaubte, dass ihm das bisher, bis auf wenige Ausnahmen, recht gut gelang. Vielleicht hatte er ihre Liebe nicht verdient, aber er wollte sie genießen, solange er durfte. Niemals sollte ihm diese Frau selbstverständlich werden. Zu wertvoll war sie.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki