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Die Schmerzen ließen an diesem Abend nicht mehr nach.

Das Gesicht vor Qual verzogen und ohne jegliche Orientierung, torkelte Kadriye Hayden durch die dunkle Nacht, während sie sich krampfhaft bemühte, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Einen eigenen Gedanken. Ein Ereignis. Ein Wort. Ein Bild. Egal ob es wirklich existiert hatte, oder nicht.

„Einbildung…“,fragte sie sich wie so oft. „Wunschdenken? Ein Schutz…oder der Anfang des Wahnsinns?“ Die Halbelfe schüttelte benommen den Kopf, als sie durch die gepressten Worte langsam wieder in die Realität zurückfand. „Vielleicht…“ Sie traute sich nicht, die ganze Wahrheit auszusprechen.

Die Eindrücke des Tages kehrten allmählich wieder zu ihr zurück und wie immer fiel es ihr schwer, das Geschehene als ihre eigenen Taten zu erfassen, während der Rausch verging und den pochenden Schmerz und Lärm in ihrem Schädel zurückließ. Krankheit. Wahnsinn. Es war die beste Droge. „Es wird dich irgendwann umbringen…“, hörte sie sich noch selber murmeln, ehe sie sich der Flut von Erinnerungen auslieferte.

Mit der Erinnerung kehrte auch die Wut zurück. Das Gefühl der Minderwertigkeit. War das wirklich geschehen? Hatte diese Frau, ihre Schutzbefohlene, sie wie eine Dienerin angesprochen? Sie schloss die Augen um sich zu konzentrieren. Ja, da waren sie. Die Worte, die Zorn und Lärm in ihr entfacht hatten. Ein Mahl sollte sie herbeibringen lassen und den stillen Beobachter an den Tisch bitten. Wie eine Dienerin hatte sie mit ihr gesprochen.

Der Chor in ihrem Kopf hatte aufgestöhnt und es war ihr mehr als schwer gefallen, der Frau nicht einfach das Genick zu brechen. Sie war sich sicher, dass sie das in diesem Moment gefühlt hatte. Ihre Wut. Verbitterung. Enttäuschung? Ja, das hatte sie gefühlt.

Oder?

Erschöpft lehnte sie sich gegen eine Steinsäule und versuchte vergeblich ihren Orientierungssinn wiederzuerlangen. Dumm nur, dass sie immer noch nicht wusste, wo sie war. Wie war sie überhaupt hier hergekommen? Ach ja, die Taverne. Das Essen. Blauer Eremit. Tellos van Haven.

„Bring ihn um!“,drängte sich der bohrende Gedanken sogleich bei diesem Gedanken in den Kopf, aber sie wusste, dass sie das kein Stück weiterbringen würde. Mit nichts. Außerdem wollte sie ihn bei diesem Tunier versagen sehen. Ja, das wäre ihr ein wahres Vergnügen. Der edle Ritter van Haven. Nur noch ein armer Verlierer. Vielleicht verlor er ja aber seinen Ring ja auch schon vorher? Oder er verletzte sich gar bei seinem Kampf gegen den Wachoffizier. Möglicherweise starb er sogar dabei. Ein Unfall. Eine Tragödie.

„Nein, du willst ihm nichts Böses. Du weißt sehr wohl, dass es so nicht laufen wird…“

Sie wusste es.

Das Tunier zumindest handelte nicht von Tod und Blut, sondern von Ehre und Mut. Zunächst war es ihr herzlich egal gewesen. „Ein Tunier? Wen kümmert das schon. Ich verdiene Geld. Geld rechtfertig alles.“ So hatte sie gedacht, als sie ihre neue Aufgabe angenommen hatte. Leibwächterin von Lady Weißwacht. Oder hieß es Lady von Weißwacht? Oder Fürstin von…?

Sie schnaubte leise. Ja, sie war wütend auf diese Frau. Vermutlich nicht mehr für lange. Wenn der nächste Rausch käme, wenn die Schmerzen wieder weichen würden und sie wieder besserer Laune sein würde, dann würde auch die Wut schwinden. Zumindest für einen Tag. Sie musste sich nur zusammenreißen, dann würde sie auch weiterhin ihre Aufgabe gewissenhaft erfüllen können. Dann wäre es bald vorbei, sie würde bezahlt werden und könnte endlich…endlich…

…aber wollte sie das überhaupt? Im Grunde mochte sie ihre Aufgabe. Sie war ehrlich und lenkte sie von ihren eigenen Sorgen ab. Mittlerweile genoss sie den Trubel, der um das Tunier gemacht wurde. Ja, sie mochte sogar den Organisator ein bisschen. Zaid hieß er....oder?

Sie war sich sicher, dass er so hieß. Sie hatte ihn oft genug so angesprochen, also war das vermutlich auch sein Name. Warum sollte sie ihn sonst so ansprechen? Er war es gewesen, der sie für diese Aufgabe angeheuer t hatte. Wenn sie genau darüber nachdachte, verdankte sie ihm eigentlich eine Menge. Sogar den Ansatz einer Versöhnung, die noch ausstand. Vielleicht sollte sie sich bedanken? Er vertraue ihr immerhin ein Leben an. Ein Leben, das sie noch versuchte zu verstehen.

„Beschützerinstinkt? Vielleicht. Weil sie noch einsamer sein mag, als du es je sein könntest.“

Jourone von Weißwacht. Jetzt fiel ihr auch der ganze Name wieder ein. Es war schon seltsam. Wenn sie ihren Dienst antrat, dann sah sie diese Frau ständig ganz allein irgendwo herumstehen. Wie sie den Kanal betrachtete. Oder die Menschen. Das Meer. Wie ein Vogel im goldenen Käfig. „Ich glaube ich habe noch nie einen Leuchtturm aus der Nähe gesehen.“, kamen ihr die Worte ihrer Schutzbefohlenen in den Sinn und sie musste die Stirn runzeln. Warum, bei den verfluchten göttlichen Mächten, erinnerte sie sich ausgerechnet an diese unwichtigen Worte, aber nicht daran, was sie gestern gegessen hatte?

„Weil du nichts gegessen hast…“

„Oh…schätze, das macht Sinn…“

Einen Leuchtturm also. Und was noch? Ein Gespräch über die Zukunft der Lady, dass sie Angst vor der Zeit nach dem Tunier hatte. Versprochen war sie. Einem Mann, doppelt so alt wie die Lady. Es würde nicht reichen ihn, oder sie alle umzubringen. Sie konnte nicht ewig auf sie aufpassen. Sie lachte bitter. Fast hätte sie es ihrer Schutzbefohlenen angeboten. Warum? Existenzberechtigung. Erneute Flucht vor ihrem eigentlichen Dasein. Das Gefühl angenommen zu werden?

„Eure privaten Angelegenheiten gehen mich nichts an.“, hatte die Lady gesagt, nachdem Tellos sie angeschrien hatte.

So einfach war das gewesen. Keine bohrenden Fragen nach dem Warum. Kein strenger Blick. Keine Standpauke. Keine enttäuschten Worte. Nur dieser eine Satz und die Forderung, sie möge es doch klären. Komisch. Sie konnte sich daran erinnern. Keine Schmerzen in diesem Moment. Sie schloss erneut die Augen…

…und fühlte, wie allmählich auch der Rest zurückkehrte. Das Gespräch vor dem Tunier. Das langsam kennenlernen. Die simplen Gespräche über eigentlich belanglose Dinge. Die kleine Wette während des Tuniers. Sie brummte leise. Eigentlich, so wusste sie, wäre das überhaupt nicht ihre Art gewesen, aber in diesem Momentan hatte sie nicht das Gefühl gehabt, etwas unsinniges, oder unlogisches zu tun. Im Gegenteil. Ganz langsam kam die Erkenntnis. Die Aufgabe, die Gespräche, das Tunier. Es tat ihr gut.

Sie seufzte überfordert.

…oder...?

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