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Es war ein Abend wie jeder andere, in Darnassus. Vindariel wanderte ziellos durch die Stadt, die ihre neue Heimat geworden war. Sie kam nur selten aus dem Tempel. Täglich kamen Verletzte, die um Hilfe baten. Die Schildwachen im Eschental schlugen sich unermüdlich mit den Orcs, die scheinbar nicht davon ablassen wollten, den Wald zu roden bis kein Baum mehr dort stehen würde. Sie alle mussten versorgt werden. Aber nun war es etwas ruhiger, und sie nutze die Zeit um etwas auf andere Gedanken zu kommen.

Es war kein Abend wie jeder andere, in Darnassus. Auf der Brücke wurde sie von einem Bären begrüsst. Nunja, kein Bär. Das Zeichen in seinem Fell unterschied ihn doch deutlich von den wilden Bären im Wald. Was ihn aber nicht daran hinderte, ihr freudig das Gesicht abzuschlecken. Sie wusste zwar, dass Druiden zuweilen etwas eigen waren, konnte sich ein Lachen aber nicht verkneifen. Der Druide machte allerdings keine Anstalten, aus seiner Gestalt herauszukommen, so dass sie vorerst gegen eine Wand redete. Eine weitere Kaldorei kam hinzu, und murmelte etwas von einem dicken Bären. Als hätte man ein Zauberwort gesprochen, verzerrte sich die Gestalt des Bären, seine Augen schlossen sich, und er nahm schliesslich seine Kaldoreigestalt an und knurrte nur etwas von „Ich bin nicht dick !“. Vindariel musste lachen.

„Ihr werdet den Schildwachen in Auberdine zur Hand gehen“. Vindariel blickte sich noch einmal in Darnassus um, und begab sich dann aufs Schiff. Es gab soviel zu tun, sie wusste nicht recht, wo sie anfangen sollte. Die Bären waren krank. Murlocs schienen den Strand einnehmen zu wollen. Und die Furbolgs schienen von irgendeiner Verderbtheit befallen zu sein, die sie veranlasste, jeden Kaldorei anzugreifen, der sich in ihre Nähe wagte. Und soviele Seelen. Von früher. Aus längst vergangenen Zeiten. Es gab so unendlich viel zu tun.

Seufzend liess sie sich am Mondbrunnen nieder und betete leise. Völlig in Gedanken bemerkte sie den Bären gar nicht, der sich neben sie setzte. Ein leises Brummen liess sie aufschrecken und sie musterte das Tier genauer. Warum auch immer, begrüsste sie ihn mit „Hallo Dicker“. Es war der Kaldorei von neulich, etwas ungehalten über die Bemerkung, der jedoch rasch wieder lächelte. „Braucht ihr Hilfe ?“ fragte er. „Ich bin ein starker Bär.“ Vindariel musste schmunzeln. Aber eine helfende Hand schlug sie sicher nicht aus.

***

Es war kein Abend wie jeder andere, in Darnassus. Vindariel war auf dem Weg zum Tempel, als ein blutüberströmter Bär sich vor ihren Füssen röchelnd fallen liess. Geistesgegenwärtig versorgte sie die Wunden rasch und sichtlich besorgt. Es war der Kaldorei. Rillandriel hiess er. Er kam von einer langen Reise zurück, der Zirkel hätte ihn bis nach Westfall geschickt, meinte er.

„Durch das Gebiet der Zwerge musste ich“ erzählte er ihr, als er sich langsam erholte. „Sie wollten mich häuten.“ Vindariel zuckte leicht zusammen, und versorgte weiterhin die Wunden. Es schien ihm besser zu gehen, und er wollte ihr voller Tatendrang zeigen, was er gelernt hatte, und darum sich die Reise gelohnt hatte.

Sie begleitete ihn zu dem kleinen See in Darnassus, und sie redeten die ganze Nacht hindurch. Immerhin musste ihre Robe wieder trocken werden, die Demonstration der Wassergestalt war sehr ausführlich ausgefallen.

Es war kein Abend wie jeder andere, in Darnassus. Sie sollte meditieren, konnte sich aber nicht dazu durchringen. Ihre Konzentration liess sehr zu wünschen übrig, den Grund dafür konnte sie aber nur erahnen, jedoch nicht in Worte fassen. Alt war sie, gewiss. Aber irgendwie war doch alles neu.

Seit Tagen hatte sie nichts von dem Kaldorei gehört und machte sich Sorgen. „Er ist ein Druide, natürlich kommt er dadraussen zurecht, ausserdem sollte ich mich auf meine Pflichten konzentrieren.“ Sie wiederholte diesen Satz unendlich oft, kümmerte sich um die Verletzten im Tempel und reiste ins Eschental so oft sie konnte. Sie war in diesen Wäldern aufgewachsen und fühlte sich nirgendwo wohler als hier. Die Tage vergingen, ohne ein Lebenszeichen von Rillandriel.

Sie hörte Gerüchte, es habe ihn in Menschengebiete verschlagen, hoch in den Norden. Sie wusste nicht viel über den Konflikt dort, die Belange der Menschen waren immer schon irgendwie nichtig in ihren Augen gewesen. Ein junges stürmisches Volk das seinen Weg erst noch finden musste. Aber eine Bezeichnung, die hatte sie gehört. „Die Roten“. Über „die Roten“ sprachen die Leute oft nur mit vorgehaltener Hand. Bei gelegentlichen Aufenthalten in Sturmwind hatte sie Bürger gehört, die ihre Taten rühmten, und Gelehrte welche die Stirn runzelten und über „seltsame Methoden“ flüsterten. Was auch immer es mit diesen „Roten“ auf sich hatte, sie waren wohl gefährlich. Und zu diesen sollte ausgerechnet er gegangen sein ?

Das Bild des blutüberströmten röchelnden Bären hatte sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie würde nicht zur Ruhe kommen heute Abend. Ganz sicher nicht. Tage vergingen, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen. Sie war schon tausende von Jahren durch die Wälder gestreift, man sollte meinen ein paar Tage wären nichts. Aber diese Tage schienen ihr unerträglich. „Er ist ein Druide, er kommt dadraussen zurecht, kümmere dich um deine Pflichten“. Immer und immer wieder sagte sie sich diesen Satz.

Sie war auf dem Weg ins Teehaus, etwas Entspannung würde ihr gut tun, als sie beinahe über ihn gestolpert wäre. Es ging ihm gut. Sie wirkte erleichtert. Aber er würde wieder fortgehen, meinte er. In den Wald.

***

Nachdem Vindariel kurz eine Einheit bei der Verteidigung der nachtelfischen Gebiete unterstützt hatte, zog sie sich wieder in den Tempel zurück. Sie war verletzt worden und musste sich schonen. Das war allerdings weniger glücklich. Da sie vorerst von ihren Pflichten freigestellt worden war, hatte sie Zeit zum Nachdenken. Zuviel Zeit. Und wieder kam es ihr vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, als sie zum letzten Mal den Kaldorei gesehen hatte. Er wollte nicht aus ihren Gedanken verschwinden, so sehr sie sich auch bemühte. Sie wusste nicht, was sie mit diesen Gedanken anfangen sollte. Sie war so alt, und doch war alles so neu. Ihr war nicht wohl. Sie mochte Neuerungen nicht besonders, und tat sich nur sehr schwer damit, sie anzunehmen.

Während sie so in Gedanken versunken im Tempel sass, trottete eine Katze an. Er war aus dem Wald zurückgekehrt. Aber er war anders. Er wirkte sehr wild. Er meinte er würde nicht gerne in die Stadt kommen. Die Kaldorei seien seltsam und ausserdem hätte er sich um seine Gefährtin und die Kinder zu kümmern. Vindariel blickte auf und ihr Herz schien zu rasen. Er stockte und murmelte etwas von „Ich bin ein Kaldorei, sie sind nicht real.“ Und dann fingen sie an, die guten und die weniger guten Tage. An den guten Tagen durchstreiften sie gemeinsam die Wälder. Und an jenem schlechten Tag hatte er sie gebissen. Nein, nicht nur sie. Er hatte Aven ebenfalls gebissen. Sie wollte ihm helfen, aber spürte wie es an ihren Kräften zehrte.

Sie hatte von Druiden wie ihm gehört, jedoch nie einen gesehen. Sie hatten sich im Traum verloren und hatten erhebliche Schwierigkeiten damit, wieder zurückzufinden. Wenn sich jemand damit auskennen würde, dann wohl die Druiden. Doch der Rat den Faelran ihr gab, den wollte sie nicht befolgen. „Druiden können sehr gefährlich werden. Wenn er sich vergisst, kann er euch ernsthaft verletzten, Schwester. Ihr solltet euch von ihm fernhalten.“ Nein, sie würde den Rat nicht befolgen. So schnell konnte sie nicht aufgeben. Sie wollte es nicht.

Er schien ähnliche Gedanken zu haben. Er suchte sie im Tempel auf und meinte er würde in den Wald verschwinden, er wolle sich nicht mehr in „diesen Körper zwingen“. Er wolle ihr nicht wehtun. Obschon Vindariel eher zurückhaltend war, dachte sie in diesem Augenblick nicht mehr darüber nach wo sie war oder wer sie war. Die Tränen schossen nur noch aus ihren Augen. „Du wirst einen anderen Kaldorei finden, du wirst mich vergessen.“ Nein. Das würde sie nicht. Wenn er jetzt gehen würde, würde sie ihn nicht vergessen. Wenn er gehen würde, er würde ihr Herz unwiderruflich mitnehmen, wo auch immer es ihn hinziehen würde. Sie hatte ihre Wahl getroffen. Er sah sie an und lächelte. „Du gehörst wirklich in diesen Tempel“ meinte er und brachte sie ins Bett. Er blieb bei ihr. Und sie fand den Schlaf, der ihr monatelang verwehrt gewesen war.

***

Es war ein lauwarmer Abend, dieser Abend an der Dunkelküste. Nachdem Vindariel ihren Dienst im Tempel beendet hatte, war ihr nach einem Spaziergang, und so gingen beide den Strand entlang. Als er auf eine Krabbe blickte, konnte sie schon ahnen was bevorstand. An seine Essgewohnheiten hatte sie sich bereits gewohnt. Wenn er Hunger hatte, war er ein Raubtier. Und er verspeiste seine Beute gern roh... und warm. Das traf nicht unbedingt Vindariels Geschmack, doch sie lernte damit zu leben. Sie packte sich "ihren Teil der Beute" meist ein, um in später in Ruhe zuzubereiten.

Die Krabbe sollte also das Abendessen sein. Sie musste schmunzeln, nachdem sie die Schale mit ihrem Dolch aufgebrochen hatte, und er das Gesicht verzog. In Kaldoreigestalt schien rohes Krabbenfleisch dann doch nicht so gut zu schmecken, wie als Katze. Er spuckte das Fleisch aus und murmelte wie ungeniessbar das sei. Vindariel lachte. Sie hatte halbwegs gelernt, mit seinen Eigenarten umzugehen, auch wenn es ihr nicht immer leicht fiel. Und dann fing er auch schon wieder an. Aven, diese Konkurrenz, dieser Frostsäbler, und was er nicht alles mit ihm anstellen würde. Sie hatte ihm mehrmals versucht zu erklären, dass es ein Reittier war, ein gutes Tier, ein treues Tier... aber sicher keine Konkurrenz. Sie lebte damit, dass er sie jedesmal anknurrte, sobald er bemerkt hatte, dass sie mit Aven unterwegs war. Ja er konnte es riechen.

Als er wieder einmal seine üblichen Hasstiraden losgelassen hatte, fasste sie all ihren Mut zusammen, und küsste ihn. Er sah sie an, murmelte etwas von "Nein... er ist keine Konkurrenz". Dass er das wieder schnell vergessen würde, wurde ihr spätestens beim nächsten Aufeinandertreffen klar. Aber in diesem Moment dachte sie nicht daran. Er knurrte leicht und biss sie plötzlich leicht schmerzhaft in den Hals. Vindariel erschrak furchtbar und zuckte zusammen. Sie verstand vieles, aber nicht alles. Im Inneren wusste sie, dass es eine weitere Eigenart war, mit der sie leben würde. Sie konnte es nicht ändern. Und sie wollte es nicht. Und der Biss war erst der Anfang.

***

Nach jener Nacht versteckte sie die Bisswunde so gut es ging. Sie wusste, die Leute würden reden. Und sie wusste, dass sie sich nicht in einer Position befand, in der dies annehmbar war. Er wusste es ebenso. Aber er vergass sich öfters. Und das war leider nicht nur ihr aufgefallen. "Er ist ein gefährliches Tier, er muss verbannt werden". Vindariel konnte eine solche Entscheidung nicht hinnehmen. Sie wusste dass er sie brauchte. Und sie wusste dass eine Verbannung das Gegenteil von dem wäre, was ihm helfen würde. Sie hatte Angst. An einem ruhigeren Abend verschwand sie mit Morrowen in einem Raum oberhalb, der nur Priesterinnen zugänglich ist. Sie wusste dass er nicht wirklich gefährlich war. Aber sie wusste, dass sie ein massgeblicher Punkt war, warum die Aussbrüche sich in Grenzen hielten. So wurde er ihrer Verantwortung unterstellt, und es wurde ihm verboten, sich ohne sie in Darnassus zu bewegen, bis es ihm besser gehen würde. Doch sie bemerkte, wie wenig sie ihn unter Kontrolle hatte. Wenn er bei ihr auf dem Schoss lag, schien alles so einfach. Sobald sie den Kopf wegdrehte, schien er nichts Gutes im Schilde zu führen. Früher oder später würden ihn die Schildwachen aufgreifen. Sie hatte Angst. Sie schlief nicht. "Wenn der Regen unsere einzige Sorge ist, werden wir keine Sorgen haben".

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