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Die Aldor Wiki

Von Fallen und Fellen

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Hannelis GeschichteBearbeiten

In den Wäldern


Im Haus rufen sie sicherlich gerade wieder nach mir: Zunächst fragend, später in anschwellender Lautstärke und zunehmender Dringlichkeit. "Hanneli, die Ziegen müssen gemolken werden! Hanneli, deine Tante braucht dich in der Küche beim Brotbacken! Hanneli, hilf Carla im Garten!". Hanneli tu dies, Hanneli hilf jenem, Hanneli hier, Hanneli da - man hätte meinen können, ich sei Hausmädchen, Kinderfrau und Knecht in einer Person. Seit zwei Jahren lebe ich nun im Haus meines Onkels, seit zwei Jahren ertrage ich geduldig die Ratschläge, folge dem nicht endenden Strom der Bitten (manchmal klingen sie mir wie Anweisungen in den Ohren) und bemühe mich, die Hanneli zu sein, die sich geduldig in ein Leben in jenem kleinen Haus am Rande von Seenhain fügt, das ich nach Aufforderung meiner Tante Zuhause nennen solle.

Ihr wartet jetzt sicher auf Geschichten aus dem Leben einer jungen Frau, in denen ich euch erzähle, wie niederträchtig, boshaft und kalt meine neue Familie mich behandelt. In denen ich in der Küche neben der verglimmenden Glut des Herdes nachts wachliege und davon träume, dass meine Eltern oder ein zukünftiger Ehemann mich aus den Klauen der Familie des Bruders meines Vaters erlösen: Tut mir leid, da muss ich euch enttäuschen. Onkel Lukas, Tante Lorin und ihre Kinder bemühen sich nach Kräften, mich nicht spüren zu lassen das ihr Häuschen für einen weiteren Bewohner zu klein, ihr kleiner Garten nicht genug Früchte für einen weiteren Esser und ihr weniges Einkommenzu gering sind und waren, um mich aufzunehmen. Damals, als mein Vater mich im Herbst wie ein Päckchen in ihrer Küche ablud und nach einem kurzen Gespräch mit seinem Bruder ohne Verabschiedung dort sitzenliess. Aha, werdet ihr vielleicht sagen, Hanneli ist die Tochter eines kühnen Kriegers, eines wandernden Arztes oder zumindest eines fähigen Feldkoches, der seine Tochter im Angesicht des nahenden Feindes zurückliess, um seine Pflicht zu tun und für die Allianz zu kämpfen? Ich weiss wenig über meinen Vater und seine Gründe für diese Entscheidung, aber das Wenige das ich weiss lässt mich mit Bestimmtheit sagen, dass er die Schlachtfelder mied und vielmehr das tat, was er auch vor meiner Geburt tat. Sicher liegt er in diesem Moment entweder betrunken in einer Scheune oder in den Armen einer der unzähligen Frauen, die er nach Mutters Tod in rascher Folge kennenlernte. Wahrscheinlich auch, dass er sein gesamtes Hab und Gut immer noch in einem schweren Rucksack mit sich trägt, unter Bäumen oder Brücken schläft, sich hier und da als Tagelöhner verdingt - kurz: dass er sein Leben weiterhin verträumt und vertrödelt.

Meine neue Familie versucht währenddessen, aus dem Kind eines Streuners eine anständige junge Frau zu machen, mich mit den Freuden seßhaften Lebens zu locken und mir ein Leben im Rotkammgebirge schmackhaft zu machen. Jetzt aber!, werdet ihr denken, jetzt erzählt sie uns endlich, wie sie sich heimlich zu einem weisen Magier schleicht um die Ausbildung zu genießen, die ihrer Begabung entspricht. Vielleicht wartet ihr auf meine Schilderungen, wie ich in der Abtei von Nordhain Novizen und künftige Paladine bei ihrer Ausbildung beobachte und ein Entschluss in mir reifte. Zumindest ein Schmied, in seinem früheren Leben tapferer Streiter der Allianz, müsste doch nun endlich auftauchen und mich unter seine Fittiche nehmen.

Nichts von alledem ist geschehen, denn meine Leidenschaft, ist die Jagd: Das Fallenstellen und Verfolgen, das Ausspähen der Beute und das Spannen des Bogens. Zu den wenigen Dingen, die mein Vater mich lehrte, zählt der Bau und der Einsatz des Bogens, der ihm in Zeiten des Hungers hier und da ein Kaninchen oder Rebhuhn beschert hatte. Für ihn waren Bogen und Jagd notwendige Verhinderer des Verhungerns in der Wildnis - für mich sind sie Fluchthelfer aus der Enge des Häuschens meines Onkels. Mein kümmerlicher kleiner Bogen mag im Augenblick nicht für mehr als das Erlegen eines Singvogels oder eines Waschbären nützlich sein - aber während sie mich im Haus rufen, liege ich mit klopfenden Herzen hinter einer bemoosten Böschung, beobachte meine Beute und spanne langsam die dürftige Sehne. Ich bin Hanneli, Schrecken der Wildschweine im Rotkammgebirge, tödliche Schützin und erbarmungslos Jägerin - auch wenn ich jetzt Tante Lorin beim Kochen des Stachelbeerkompotts helfen muss.

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