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Vertrauen

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Früher als sonst stand Eolarios an diesem Morgen auf. Es war noch dunkel, die Sonne würde noch sicher eine halbe Stunde brauchen, bis sie sich über die Spitzen der dunklen Tannen wagte und ihr Licht in dieses von Bergen eingeschlossene Tal schickte. Der Mantel würde ihn wärmen. Es war kalt in diesen Tagen geworden, doch Eolarios war es heute egal. Er mußte raus. Drinnen hielt er es nicht mehr aus. So sehr er Scarlet liebte, an diesem Morgen zog es ihn fort. In die Ruhe, die Einsamkeit des Waldes. Vielleicht war es das, was er brauchte. Eine Weile allein sein. Zeit zum Nachdenken. Es gab genug, worüber er nachdenken mußte. Nicht zuletzt Darenthin.

Allein der Gedanke an den Magier ließ den Fürsten tief durchatmen, während seine Füße in schnellen Schritten ihren Weg aus dem Tal fanden. Der Wald war groß. Dunkel, kalt und ruhig. Warum konnte Scarlet ihn akzeptieren, ihm vertrauen, wenn Eolarios es nicht konnte? Nach allem was sie erlebt hatte. Mehr, als er sich vermutlich vorstellen konnte. Wieder sah er das Bild des Bettes vor Augen, als sie Stehmer gejagt hatten. Die alte Matratze mit den großen, eingetrockneten Blutflecken. Eolarios hatte damals schon gehofft und tat es noch, dass es nicht Scarlets Blut war. Gefragt hatte er sie nie. Er wagte es nicht. Sie sollte vergessen. Es war vorbei und es würde nie wieder geschehen. Kein Grund, alte Wunden aufzureißen.

Magie. Leise knurrte Eolarios auf, verscheuchte einen erwachenden Vogel damit, der sich gerade auf dem Zweig eines Baumes in seiner Nähe niedergelassen hatte. Es kümmerte ihn nicht. Mit gleichmäßigen Schritten lief er weiter, ließ sich von dem Pfad durch den Wald führen. Magie hatte soviel zerstört. Sie war ihm nie geheuer gewesen. Vielleicht hatte er das von seinem Vater. Er war auch immer sehr mißtrauisch gewesen. Aber doch hatte er es geschafft, sein Haus aufzubauen, zu vergrößern und oben zu halten. Sein Vater hatte geschafft, was Eolarios mißlang. Diese Brücke zwischen Mißtrauen und funktionierendem Haus hatte Lucin Simon Urmarek schlagen können. Nach langer Zeit wünschte Eolarios sich wieder, er könnte ihn um Rat fragen. Doch das war vorbei. Sein Vater war tot und er war erwachsen. Er mußte es allein schaffen. Irgendwie.


"Du kannst nicht anderen vertrauen, bevor du nicht dir selbst vertraust. Du triffst die richtigen Entscheidungen. Die, die nötig sind. Vertrau darauf und hinterfrag dich nicht selbst ständig. Glaubst du, ich habe mich hocharbeiten können, weil ich mich ständig hinterfragt habe? Triff eine Entscheidung und leb damit. Sonst zerstörst du dich selbst. Es gibt kein 'Was wäre, wenn'. Es gibt nur die Realität. Das, was du entschieden hast."


Vertrauen. Ein großes Wort. Eines, dessen Bedeutung ihm Varwin erst wieder hatte klarmachen müssen. Eine der wenigen Personen, der Eolarios blind vertraute. Nicht einmal Scarlet genoss dieses Vertrauen. Ein Fürst, der sich Rat von einem alten Soldaten holte. Eigentlich spottete es jeder Beschreibung. Wäre nicht Varwin all die Jahre sein direkter Vorgesetzter gewesen. Hätten sie nicht gelernt, einander zu vertrauen und zu gehorchen. Sie hatten einander so oft das Leben gerettet, Eolarios konnte es nicht mehr zählen.

Vertrauen. Wo er Varwin soviel davon schenkte, mangelte es bei anderen und nicht zuletzt bei ihm selbst. Nein, er vertraute sich nicht. Schon lange nicht mehr. Alles machte Eolarios an dieser letzten Entscheidung fest, aus dem Lazarett in Gilneas nach Hause zu gehen. Die Bisswunde des Worgen dort auszukurieren. Er hatte sich falsch entschieden und diese Entscheidung verfolgte ihn seither. Es wurde weniger, aber dennoch sah er fast jede Nacht diese Bilder vor sich. Wie konnte er sicher sein, richtige Entscheidungen zu treffen, wenn diese so fatal gewesen war? Noch einmal würde er es nicht durchstehen.

Mia hatte ihm nie verziehen. Sie hatte es akzeptiert, doch Eolarios sah diese abweisende Kälte in ihrem Blick, wenn er in ihrer Nähe war. Es war nicht mehr das Kind, das er aufgezogen hatte. Die Tochter, der er Liebe und Zuneigung entgegengebracht hatte. Diese junge Frau hatte sich verändert und war kalt geworden. Vielleicht war nicht nur allein er daran schuld. Sicher trugen auch die Geschehnisse dazu bei, die in den fast zwei Jahren stattgefunden hatten, bis er sie wiedergefunden hatte. Dennoch war es diese eine Entscheidung gewesen, die alles ins Rollen gebracht hatte.

Es gibt kein 'Was wäre, wenn'.

Das war es, was Varwin gemeint hatte. All diese Gedanken brachten ihn nicht weiter. Ließen ihn zweifeln. Eolarios schüttelte den Kopf und hielt inne. Schwer atmend hob er den Kopf zum Himmel, der langsam in ein helles Rot getaucht wurde. Kleine Schweißtropfen fanden in schmalen Bahnen den Weg von seiner Stirn über die Schläfen bis hinunter zum Hals.

Akzeptieren. Er hatte doch nur bei seiner Familie sein wollen. Den Blick noch immer zum Himmel gerichtet, sank Eolarios langsam auf die Knie. Dass er dabei von einem Reh beobachtet wurde, interessierte ihn nicht. Das Tier stand nur wenige Schritte entfernt von ihm und beobachtete den Fürsten, halb hinter einem Baum verborgen. Erst als dem Mann ein Schrei entfuhr, der einige Vögel in der Nähe aufschreckte, lief das Reh davon. All die Trauer, all der Schmerz über diesen Verlust lagen in diesem tiefen, verzweifelten Schrei, der durch den morgentlichen Wald hallte. Die Bäume verschluckten den Ton und nahmen ihn stumm hin.

Eolarios sank nach vorn, stützte sich auf den Händen ab und starrte auf den schmutzigen Waldboden vor sich. Dass seine Knie und Hände in einem besonders erdigen Stück gelandet waren, war ihm in diesem Moment völlig egal. Hatte er je wirklich getrauert? Der Alkohol war sein bester Freund gewesen. Natürlich, er hatte Tage und Nächte an ihrem Grab zugebracht, sich volllaufen lassen bis alles nur noch zu einer stumpfen, grauen Masse verschwommen war. Aber hatte er je getrauert?

Die verschwitzten Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht. Kleine Tropfen sammelten sich an seiner Nase, seinem Kinn und den Spitzen der Haarsträhnen, wurden größer und fielen schließlich zu Boden. Schweiß. Tränen. Eolarios konnte es nicht mehr auseinanderhalten. Er saß nur so auf allen Vieren da, ließ den Kopf hängen und schloss irgendwann die Augen. Immer wieder schüttelte es ihn. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. Erinnerungen. Immer hatte er daran gedacht, was geschehen war. Diese unbändige Wut gespürt. Diesen Blutdurst, der ihn dazu getrieben hatte. Doch nie hatte er wieder darüber nachgedacht, was kurz vorher geschehen war. Wie Mia in ihrem Zimmer gewesen war und packte. Wie Alicia und er im Schlafzimmer darüber geredet hatten, wohin sie wollten.

Sie hatte versucht, ihn zu beruhigen. Hatte davon erzählt, dass sie an den Strand fahren könnten, wenn alles vorbei war. Nur sie drei, die Sonne und Ruhe. Eolarios hatte den Kopf geschüttelt und über seine Wunde geflucht, die mit jeder Minute mehr geschmerzt hatte. Sein Blick war aus dem Fenster gegangen, durch einen Spalt in den Brettern, mit denen sie sie vernagelt hatten. Geantwortet hatte er ihr nicht mehr. Die Soldaten in den Gassen hatte er noch erkennen können, wie sie eine weitere Bestie zur Strecke brachten. Dann war alles verschwommen. Eine Berührung hatte er gespürt, war herumgefahren und hatte nur noch daran denken können, alles zu zerstören, das ihm in den Weg kam.


"Ein wenig Ruhe am Meer wird uns allen guttun. Und du hast dir Entspannung verdient, mein Herz."


Das waren ihre letzten Worte gewesen. Sie versetzten Eolarios in diesem Moment einen Stich ins Herz. Immer nur hatte er ihr erschrockenes Gesicht gesehen, blutüberströmt, zu keiner Regung mehr fähig. Zum ersten Mal in sehr langer Zeit hörte er nun ihre letzten Worte klar in seinem Kopf. Ein weiterer Schrei entfuhr ihm. Tief, langgezogen und voll mit Schmerz, aber auch Wut. Wut über sich selbst. Warum hatte er sich immer nur daran erinnert, was er getan hatte, jedoch nie an die Frau, die er so liebte? Sie war es doch, an die er sich erinnern sollte. Sie war es, die er seitdem in seinem Herzen trug. Deren Ring jahrelang um seinen Hals gehangen hatte. Ein weiteres Mal stieg ihr Gesicht vor ihm auf. Doch nun so sanft, so liebevoll und zart wie sie ihn immer angesehen hatte. Ein Traum. Ein Traum, wie er ihn schon einmal geträumt hatte.

Du wirst sie finden. hatte sie damals gesagt. Damals war es um Mia gegangen. Damals hätte er fast aufgegeben. Doch sie hatte noch mehr gesagt. Einen Satz, den Eolarios ihr nie hatte glauben können.

"Du hast keine Schuld."

Immer hatte er Gründe gefunden, ihr zu widersprechen. Doch nun fielen ihm plötzlich keine mehr ein. Er wollte ihr nicht mehr widersprechen. Sie hatte Recht gehabt. Mit allem hatte sie Recht gehabt. Langsam öffnete er wieder die Augen, hob die rechte Hand vom feuchten Erdboden und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Blinzelnd hob er den Kopf. Er hatte keine Schuld daran gehabt. Klar lag es plötzlich vor ihm. Der Biss. Die Übelkeit. Diese rasende Wut. Das Elixier, das ihm eingeflößt worden war und ihm wenigstens wieder ein wenig Klarheit verschafft hatte. Und zuletzt die Nachtelfen. Ihr Ritual in dieser Singsang-ähnlichen Sprache, die er nicht verstanden hatte. Damals hatte er nicht trauern können. Es hatte noch mehr Feinde gegeben, es war keine Zeit für Gefühle gewesen. Und später, in Sturmwind, hatte er es verlernt.

Langsam richtete sich der Fürst wieder auf, wischte sich die Hände am Mantel ab und hob den Kopf erneut zum Himmel. Die Sonne tauchte die Tannenspitzen inzwischen in ein leuchtendes rötliches Licht, ließ ihre Strahlen durch die dichten Wipfel fallen. Nur wenige davon erreichten den Waldboden. Als Eolarios den Kopf wieder sinken ließ und sich die feuchten Haare zurückstrich, sah er aus dem Augenwinkel ein Glitzern. Irritiert wandte er den Blick dorthin und sah auf den Ehering an seiner rechten Hand. Doch er dachte nicht an Scarlet. Sein erster Gedanke galt Darenthin und dessen Ehering. Langsam ließ der Fürst seine Hand sinken, sah noch einmal zum Himmel hinauf und atmete tief durch. Er würde eine Entscheidung treffen. Und er betete zum Licht, dass sie richtig war. Aber er würde sie nicht bereuen. Nicht noch einmal.

Langsam setzte sich der Mann wieder in Bewegung. Mit geübten, schnellen Schritten führte ihn sein Weg weiter durch den Wald. Doch nun war er ruhiger.

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