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Thairis - Die Eterniumspange Teil 2

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Langsam schwebte der Greifenzerstörer über dem Landeplatz ein, eine schwarze Silhouette gegen die untergehende Sonne auf der Höllenfeuerhalbinsel. Er tauchte ein in die länger werdenden Schatten der Gebäude, die sich wie tastende Finger über den öden Boden streckten, setzte auf und kam nach einigen stolpernden Schritten zum Stehen. Ein Reiter löste sich von dem Tier, während ein Greifenwart auf den späten Gast zugelaufen kam, Konturen, spielend im schwindenden roten Licht. Ein paar Worte wechselnd, ging der Reiter dem Fingerzeig nach, auf die Offiziersmesse zu. Helles Licht drang wie fremd aus der Türöffnung und fiel auf die Gestalt noch bevor sie eintritt, die Umrisse einer hochgewachsenen blonden Frau ausleuchtend. Die Ordonnanz in der Tür schlug übereifrig die Hacken zusammen, als die Frau eintrat und sich schweigend zur Runde am Tisch setzt.

“Melde Hauptmann Thairis Stirlander, 4. Kompanie, 212. Bataillon, 8. Infanterieregiment!” meldete der Junge, der nicht aussah, als hätte er in seiner Militärlaufbahn schon mehr erlebt als das Ansagen von Stabsoffizieren.

“Stirlander, schön daß Sie da sind....nun dann wären wir ja komplett."

"Bitte um Verzeihung, Marschall, ich konnte am Portal keinen Greifen bekommen, offenbar herrscht Mangel an den Tieren hier, oder?"

"Ich wäre verdammt nochmal glücklich, wenn man nur von einem Mangel sprechen könnte. Wir brauchen die meisten der Tiere, um Versorgungsbehälter über dem Kessel abzuwerfen, aber selbst dazu sind es bei weitem nicht genug." Der Marschall lehnte matt in seinem Stuhl am Kopfende des Besprechungstisches, die Anstrengung der letzten Wochen, die er in dieser Einöde verbracht hatte, war ihm deutlich anzusehen.

Stirlander sah sich um, erkannte in dieser abendlichen Runde viele Gesichter, ihre Kameraden aus den anderen Kompanien und Bataillonen, aber auch viele fremde Leute, Offiziere aus Einheiten die von überall zusammengekratzt wurden, um hier zu kämpfen. Sie nutzte die Pause in der Adjutanten servierten, um die Einheitsabzeichen zu lesen. Alle Kommandeure ihres 8. Regiments, der Süderstader Pioniere waren da. Dazu das Sturmwind-Garderegiment, Gebirgsjäger aus Khaz Modan, Greifenreiter der Ehrenfeste, Marineinfanterie aus Menethil ( was für ein Witz in dieser Wüste, dachte sie sich und schmunzelte ) und dazu Draenei-Kommandanten von Einheiten deren Namen sie nie gehört hat. Sie spürte auch mehr als einen Blick auf ihren Abzeichen, und ihr wurde klar, daß jeder dieser Blicke sich auch auf ihrer Eternium-Frontspange verlor, der höchsten Auszeichnung die sich ein Offizier im Feld verdienen kann. Es war nie so daß sie nicht stolz auf diese Spange war, aber sie allein wußte auch um das Blut das ihr um die Füße floß, als sie sich die Spange verdiente. Sie ist "die" Stirlander, der Engel vom Schwarzfels, den jeder zu kennen glaubt. Jeder. Jeder, der...

"Stirlander? Hören sie zu?"

"Oh..äh...ja, selbstverständlich!" Sie setzt sich ruckartig gerade auf, sich selbst für ihre Träumerei verfluchend.

"Also, wie Sie eben alle vernommen haben", ihr schien, als schmunzelte Marschall Kardon in ihre Richtung, "ist die 29. Infanterie-Division komplett eingekesselt. Die Vorratslage, insbesondere die der Medikamente ist knapp und kann momentan nur durch den Abwurf aus der Luft entspannt werden, wobei wir kaum von Entspannung reden können bei der geringen Zahl an Greifen, die uns zur Verfügung steht."

Stirlanders Gedanken rotierten, der General der 29. Inf. saß doch hier am Tisch? Wieso sind seine Leute eingekesselt und er sitzt hier? Diese Frage konnte sie unmöglich hier stellen, aber sie nahm sich vor, sich zu erkundigen.

"Wir gehen nominell von etwa 2000 einsatzfähigen Leuten aus, allerdings ohne Pferde oder Belagerungsmaschinen, dazu kommt ein erheblicher Teil Verwundeter den wir nicht im Kessel zurücklassen können. Somit scheidet also ein klassischer Ausbruchsversuch aus. Bitte sehen Sie sich hierzu die Karte der Gegend an." Der Marschall stand mühsam auf und trat an eine große Wandkarte, die mit Nadeln, Markierungen und Beschriftungen übersät war. Sie sah, daß bereits vor dieser Runde erhebliche Planspiele stattgefunden haben mußten.

"Nach allem, was wir bisher herausfinden konnten, handelt es sich bei dem Feind um ein enormes Kontingent Höllenorcs ( bei dem Wort "Orc" zogen sich Stirlanders Muskeln reflexartig zusammen ), mindestens 5000 Mann stark, wenn auch mehr oder weniger kreisförmig um unsere Truppen verteilt. Viele Kampfworgs, viele Barrikaden und Abwehrmaschinen, mobile Schanzen und ähnliche Dinge."

"Vergessen sie nicht, daß es sich trotz ihrer Zahl um einen Haufen dummer brutaler Monster handelt, es sollte also eigentlich kein Problem für so hochgelobte Einheiten sein, endlich dort aufzuräumen, wie es uns immer zugesichert wird."

Das war der General mit den Abzeichen der 29. Inf., der ihr schon aufgefallen war. Der stichelnde Ton paßte ihr nicht.

"General Wolfsgrund, wir sind uns im Klaren darüber, daß es sich beim Feind nicht um ausgebildete Truppen handelt.", warf ein Leutnant der Greifenreiter ein.

"Sie sollten lieber ihre Bemühungen intensivieren, meine Einheiten aus der Luft zu versorgen, statt mir Ihre Klarheiten zu schildern, Herr Leutnant!"

Das Wort Leutnant war derart überbetont, daß die Verächtlichkeit deutlich zu fühlen war. Der Leutnant ballte die Faust. Stirlander erriet ohne viel Mühe, wie sehr sich diese Einheit wohl bereits bemühte, mit den über dem Kessel abzuwerfen. Sicher würde es bei den Orcs auch einige Flugeinheiten geben, die sich nur zu gern um die Greifenreiter kümmern würden, wenn diese sich nur lange genug über dem Kessel aufhielten, und gewiß konnten auch einige der Verteidigungsanlagen hoch genug feuern, um solche Versorgungseinsätze zu einem gefährlichen Unternehmen zu machen.

"Im Übrigen könnte Ihr fliegendes Personal ja auch einmal von den schweren Area52-Bomben Gebrauch machen, die Ihnen zur Verfügung stehen, anstatt Rundflüge zu machen."

"Sie wissen ganz genau, daß wir gerade mal ein halbes Dutzend schwere Bomben zur Verfügung haben!"

"Das zeigt nur, daß Sie nichts von Munitionslogistik verstehen. Und darüber hinaus wenigstens diese Bomben einsetzen könnten, um eine Bresche für den Entsatz meiner Truppen zu schlagen."

"Ihnen ist klar, daß die wenigen Bomben dazu nicht ausreichen werden, allen Widerstand an einer Stelle niederzukämpfen. Wer auch immer dort angreift, läuft dann in einen bestens vorgewarnten Gegner und wird ein Blutbad erleben!"

"Herr....Leutnant...das waren Sie doch, oder? Sie haben meines Wissens nach nicht über Blutbad oder Kampfesmut zu entscheiden, wenn Sie für ein Kommando nicht kompetent genug sind, so müssen andere es übernehmen. Nun denn, ich sehe ja schon länger, wie es um den Beitrag der Ehrenfeste steht, wer also sollte Sie schon ersetzen?" Der General seufzte mit gespieltem Langmut.

"Meine Herrschaften, bitte bleiben Sie sachlich. Wie Sie unschwer erkennen können, gibt es eine interessante Stelle im Belagerungsring, nämlich gegenüber der Höhe 122 genau im Osten. Hier zieht sich das Rund ein wenig ein, um unterhalb des Hügels zu verlaufen. Dort ließen sich also durchaus größere Truppenteile ansammeln, ohne daß es der Feind sehen könnte."

"Na also, diese Bastarde haben seit Lordaeron nichts dazugelernt, ein Verteidigungswall unterhalb einer Höhenlinie, typisch Horde!"

Stirlander begann sich über die maßlose Selbstsicherheit Wolfsgrunds aufzuregen. Es juckte sie, den General zu fragen, wo er denn in Lordaeron gedient hatte. Der ganze Lordaeron-Feldzug ging ihr wie ein schneller Film durch den Kopf, die Schlachtfelder, auf denen sie sich als junge, unbedarfte Soldatin ihre ersten Auszeichnungen verdient hatte. Sie konnte sich nicht erinnern den Namen dort gehört zu haben, aber das mußte nichts heißen, und selbst wenn war es gefährlich, ihm öffentlich zu unterstellen, er wisse gar nicht wovon er rede. Voller Zorn biß sie sich auf die Unterlippe, aber schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten.

"Herr General, ich mache sie darauf aufmerksam, daß es sich hierbei nicht um Hordentruppen handelt. Außerdem darauf, daß der Feind immerhin schlau genug ist, unterhalb dieser Höhe seine Verteidigungslinien mindestens doppelt so stark zu bemannen wie andernorts. Ist Ihnen das entgangen?"

"Frau...nun...wie war gleich nochmal der Name?" General Wolfsgrund grinste so süffisant, daß sie mit Vergnügen quer über den Tisch gesprungen wäre. "Die wenigsten Hauptleute haben mich bisher auf etwas aufmerksam machen können, das ich nicht selber schon wußte, eine Frau wie sie wird da keine große Ausnahme machen, da seien Sie sich sicher. Nun, auch wenn sie -offenbar in ihrer jugendlichen Unwissenheit- die Ehre der Horde gern verteidigen, erstaunt mich schon, daß sie ihren Truppen offenbar ein Gefecht gegen doppelt besetzte Posten ersparen wollen, ich dachte, bei den Pionieren handelte es sich um Elitetruppen? Oder bezieht sich der mangelnde Kampfgeist mehr auf Sie persönlich?"

Sie kochte vor Wut und grub ihre Fingernägel in die Tischdecke. Sie bot ihre ganze Selbstbeherrschung auf, um nicht loszuschreien oder ausfallend zu werden. Ihre Nackenmuskeln begannen vor Anspannung zu schmerzen. Sie atmete einige Male unhörbar durch, bevor sie antwortete.

"Herr General, ich danke für Ihre freundlichen Hinweise, was Ihre Mutmaßungen anbelangt, so muß ich sie bis auf weiteres vertrösten. Am meisten bedaure ich jedoch, daß Ihre eingeschlossenen Truppen nicht von Ihrem Erfahrungsschatz profitieren können, gerade jetzt, wo sie ihn so dringend benötigen würden." Sie musterte ihn mit herausfordernden Blicken.

"Leider, Frau Hauptmann, befand ich mich im Troß, als meine vorderen Linien abgeschnitten und eingeschlossen wurden, so sehr ich mir auch gewünscht hätte, mich mit ihnen zu vereinigen."

Das war es also! Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie der General sich voller Panik auf das nächstbeste Pferd setzte, um sich zu seiner Nachhut, Versorungs- und Diensttruppen zurückzuziehen, während seine Frontsoldaten eingeschlossen wurden. Kein Anführer ist im Moment der Gefahr in den Troßkompanien hinten zu finden, wenn doch, dann entweder weil er die Gefahr nicht erkennt oder weil er sie erkennt und sein eigenes Wohl ganz obenan stellt. Aber beides auch nur anzudeuten würde für einen einfachen Hauptmann wie sie sicherlich ein Kriegsgerichtsverfahren bedeuten. Sie schwieg und dachte nach. Der Marschall hatte seine Augen auf ihr, das spürte sie genau. Was hatte er im Sinn? Kardon war der Inbegriff eines Soldatenführers, kein Adliger und kein Verwaltungsbeamter, ihm mußte der Hintergrund genauso klar geworden sein wie ihr, wenn er ihn nicht schon lange vorher wußte. Warum rief er nicht einfach zur Mäßigung auf wie vorhin? Ihr kam ein Gedanke und sie setzte alles auf eine Karte.

"Herr General, ich habe einen Vorschlag. Auch wenn die Orcs dumme brutale Schläger sind, so werden sie doch sicher erwarten, daß unsere Truppen angreifen, um die 29. Inf. zu retten. Mit einem kleinen Kommando von 2-3 Leuten jedoch würden sie nicht rechnen, erst recht nicht, wenn diese sich in den Kessel hineinschleichen, und nicht hinaus. 2 oder 3 Mann sollte es ein leichtes sein, diese einfältigen Kreaturen zu täuschen. Einer davon könnten Sie sein und so wieder zu Ihren Truppen stoßen um Ihre Erfahrung voll ins Spiel zu bringen, und einer der anderen werde ich sein!"

"Hauptmann, Sie sind ja vollkommen durchgedreht!" Wolfsgrunds Gesicht lief dunkelrot an.

"Aber nein, Herr General," rief Marschall Kardon dazwischen, "ich finde Hauptmann Stirlander hat da gerade eine vortreffliche Idee gehabt. Bevor wir angreifen vereinigen Sie sich mit ihren Truppen, die Sie sicher schon sehr schmerzlich missen werden. Und Stirlander wird Sie begleiten und Ihren Durchbruch decken! Der erste gute Beschluß des Abends, ich bin sehr zufrieden!" Kardon lächelte erstmals, während Wolfsgrunds Gesichtsfarbe von dunkelrot nach aschfahl wechselte.




Der Abend in der Offiziersmesse ging vorbei. Es wurden einige Details der Lage besprochen, aber kein weiterer Beschluß gefaßt. Man ging auseinander, um sich am nächsten Tag weiter zu beraten. Kühle Nachtluft drang durch die geöffnete Tür in die Messe ein, während der Raum zusehends einsamer wurde, ein Spiegelbild der Naturen die hier aufeinander trafen. Sie wandte sich zum Gehen, in Gedanken über ihr Kräftemessen mit dem General.

"Stirlander, bleiben Sie bitte einen Moment!" Die Stimme des Marschalls riß sie aus den verlorenen Ebenen ihrer Gedanken. Wortlos blieb sie stehen, als er sich ihr näherte.

"Sie beeindrucken mich, mehr als die Geschichten, die man sich über Sie erzählt. Ich habe darauf gewartet, daß Sie Wolfsgrund Kontra geben und ich wurde nicht enttäuscht."

"Danke, Marschall....ich konnte nicht anders, es war nicht richtig, was er erzählte und es war auch nicht richtig, Kameraden zu beschuldigen die ihr Bestes tun, oder tun würden, nur um sich selber aufzuwerten."

"Sie haben Mumm, nicht nur auf dem Schlachtfeld, das gefällt mir."

"Es ist manchmal nicht leicht, vor allem außerhalb des Schlachtfeldes."

"Es ist nie leicht, eine lebende Legende zu sein, Stirlander. Aber Sie haben noch mehr als nur Mumm, Sie haben auch Ideen. Setzen Sie sie um, und zeigen Sie mir, daß sie das Zeug zum....Major haben. Wie würde Ihnen dieser Gedanke gefallen?" Er sah sie an, lächelnd, aber auch den Hauch einer Provokation in seiner Miene. Er sah auf eine Stelle an ihrer Schulter, dort, wo sich die Abzeichen eines Majors der Infanterie befinden würden. Sie wollte es nicht, sie haßte sich dafür, aber sie konnte nicht verhindern daß ihre Gedanken zu wirbeln begannen. Er lächelte immer noch wie ein gütiger Vater und sie wußte nicht was sie sagen sollte. Unsicher fuhr sie sich durch ihr Haar. Lebende Legende hatte er sie genannt, und sie wußte daß es stimmte, ob sie es nun wollte oder nicht. Sie war die Soldatin, die die einzigen 24 Überlebenden der Bataillone 210 und 212 aus dem Schwarzfels geführt hatte. Sie war es, die die Bataillonsfahne gerettet hatte. Sie war es, die den Kriegshäuptling der Orcs getötet hatte. Einige Überlebende, die den Ausbruch verwundet und unter Schock mitgemacht hatten, behaupteten auch heute noch steif und fest, sie hätten in dieser Nacht einen Engel gesehen, der sie herausgeführt hatte. Wie sieht ein Engel aus?, fragte sie sich und wurde durch die Stimme des Marschalls abermals aus ihren Gedanken gerissen.

"Stirlander? So antworten sie doch. Wie würde Ihnen der Gedanke gefallen?"

Sie faßte sich schnell wieder und blickte ihn an. Er grinste zu ihr hinauf, sie überragte ihn um einen Kopf.

"Ein reizvoller Gedanke, aber lieber wäre mir, einfach nur die Kameraden herauszuholen."

"Sie sind eine Soldatin, Stirlander, das merke ich. Sie sind etwas, das man heute mit der Lupe suchen muß. Eine Haltung, die heute eher hinderlich als förderlich ist das weiß ich. Ich bin kein Narr und ich weiß was sie denken. Ich schlage Ihnen etwas vor, etwas unerhörtes und ich wünsche daß davon kein Sterbenswörtchen nach außen dringt, ist das klar?"

Der Engel nickte.

"Schön. Also: Sie planen die Aktion und ich führe sie durch, so wird es keine Kompetenzprobleme mit den Dummschwätzern geben. Ich werde sie zu Ruhm und Ehre führen, Stirlander, sind sie einverstanden?"

"In den Tod werden Sie mich schicken."

"Natürlich, aber auch zu Ruhm und Ehre führen. Es ist nicht leicht, eine lebende Legende zu sein, sagte ich das schon?" Er schien immer noch verschmitzt zu grinsen wie ein listiger Lausbube.

"Eine tote zu sein, ist wohl einfacher." Sie rang sich ein Lächeln ab. Was geschah hier nur?

"In der Tat, also sehen Sie sich vor. Ich brauche Sie noch. Verstehen wir uns?"

"Ja, Marschall!" Sie nahm Haltung an.

Der Marschall trat aus der Tür und ließ sie mit ihren Gedanken allein.




Die Messe war schon lange verwaist, nur Stirlanders hochaufragende Silhouette stand noch lange unbewegt vor dem niederbrennenden Feuer, dem zweiten Sonnenuntergang. Kaum schien sie sich zu bewegen, eins mit den Schatten, nur ab und an trat sie von einem Bein aufs andere. Die kleinen Flammen spiegelten sich in ihren bernsteinfarbenen Augen, die sie so sehr von den Schwestern unterschieden. So weit weg schien alles, so unwirklich. Ihre Gedanken drehten sich, aber sie fanden nicht mehr zusammen. Der Kessel, die viel zu wenigen Greifen und Bomben, die Frage wie sie Wolfsgrund hinter die Linien bringen wollte und viele Details mehr. Schließlich gab sie das Nachdenken auf und begab sich zur Offiziersbaracke. Eine drückende Stille lastete felsengleich auf dem Heerlager. Mißmutig schweifte ihr Blick über die vielen jungen Gesichter. Zu lange war sie schon im Krieg, um sich Illusionen zu machen. Der Wunsch, hinauszutreten, Illusionen zu zerstören, Legenden zu begraben, und......Ängste? Zu schüren...nein, es gab Dinge, die sie nicht beeinflussen konnte, Dinge die so kommen mußten, das wußte sie. Das trug nicht zu ihrer Gemütslage bei. Still ging sie die Treppen hinauf in den ersten Stock, wo ihre Quartiere lagen. Da hörte sie ein Geräusch. Noch auf der Treppe blieb sie stehen und zog unendlich langsam und leise ihr Schwert. Sollten die Orcs tatsächlich gewagt haben, Auftragsmörder mitten in ihre Quartiere zu schicken? Es wäre unerhört und dreist, aber durchaus vorstellbar. Die Höllenorcs waren bei weitem nicht so dumpf und hirnlos wie Wolfsgrunds lächerliche Ansichten sie machten. Und dennoch....es wäre ein Husarenstreich. Vorsichtig schob sie sich zur Ecke, der letzten Ecke hinter der sie sich verstecken konnte. Ein Atmen war es, ein schweres Atmen. Auch wenn sie nie gegen Höllenorcs gekämpft hatte, so wußte sie um ihre enorme Größe, und das Atmen war schwer, kehlig, fast ein Röcheln. Und es kam aus dem Korridor vor ihr. Kein Zweifel, wer oder was auch immer dort atmete, es wartete auf sie. Sie dachte an damals, den furchtbaren Schlag des Orcs, der ihren Kopf nur knapp verfehlte und ein Loch in den Steinboden schlug. An den anderen Treffer, der ihren Schildarm brach, so kräftig daß der Knochen weit aus ihrer Haut hervortrat. Diesmal würde sie sich nicht überraschen lassen. Sie sprang mit gezogener Waffe blitzartig um die Ecke in den Korridor hinein, genau auf den dort hockenden Soldaten zu, der vor Schreck aus seinem Schlaf hochfuhr und sich mit geweiteten Augen rücklings an die Wand preßte. "Bitte nicht töten, ich bin unbewaffnet und habe auch nicht, und kann auch gar nicht, und nein, wartet einen Mom..." Sie streckte ihr Schwert vor und die Klinge endete genau vor seiner Brust. Es war ein junger Soldat, der sichtlich vor Angst stammelte, keine Gefahr. "Jetzt reißen Sie sich zusammen, verdammt! Wer sind Sie und was wollen Sie hier?" "Ich bins doch nur, nein, bitte nicht, ich, Shmalk, bitte tut mir nichts ich habe doch nur..." "SCHNAUZE!", bellte sie ihn an, während sie ihre Waffe sinken ließ, "ich verlange eine befehlsgemäße Meldung von Ihnen, sonst landen Sie schneller im Bunker als sie glauben!" Der junge Soldat faßte sich ein wenig und nahm so etwas ähnliches wie Haltung an. "Soldat Shmalk, 2. Zug, 1. Kompanie, 48. Bataillon Sturmwind-Garderegiment!" Er schlug die Hacken zusammen, aber so ungeschickt, daß die Füße schräg standen wie zwei krumme Bretter. "Und was haben Sie hier zu suchen?" Sie bemühte sich, ein Schmunzeln ob der ungeschickten Haltung des eingeschüchterten Soldaten zu unterdrücken. "Ich, ich bin Euer Adjutant!", fügte er hastig hinzu. "Mein...was?", sie fing an zu lachen. "Wie komme ich denn zu dieser Ehre?" Sie konnte sich kaum halten vor Lachen. "Ich habe mich freiwillig gemeldet, weil ich hörte daß die berühmte Stirlander hierher kommen würde. Ihr seid doch Hauptmann Stirlander, oder?" Etwas in seinem Gesichtsausdruck verriet ihr, daß ihr Lachen ihn verletzte. Sie zwang sich zum Ernst. "Das nenne ich mal eine Überraschung. Aber was will ich denn nur mit einem männlichen Adjutanten? Sie können....ach...bitte lassen sie doch das ´Ihr´, wir sind eine moderne Armee und dort siezt man sich, ja? Den Rest vom höfischen Getue können wir getrost den Adligen und Zivilisten überlassen. Was wollte ich sagen...Sie können mir ja nichtmal die Rüstung abnehmen." "Natürlich kann ich das, das ist nicht meine erste Anstellung als Adjutant!", protestierte er. Er schien beinahe beleidigt zu sein, der Junge. "Ach, und meinen Sie, ich habe als Frau Lust in Unterwäsche vor meinem Adjutanten herumzuhüpfen?" Er lief knallrot an. "Das....ehm...das habe ich gar nicht bedacht...ehm...ich fürchte in dem Chaos hier hat eh niemand daran gedacht." Sie seufzte. "Na gut, sehen wir mal, wie wir miteinander klarkommen. Aber lassen Sie sich eines sagen. Wenn Sie hier länger leben wollen, dann warten Sie besser in ihrer Kammer auf meine Rückkehr und schlafen nicht vor fremden Türen, ja?" Sie lächelte ihn an und legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. "Jawohl, Hauptmann". Sein zweites Hacken Zusammenschlagen sah schon weit besser aus, auch wenn er ihrem Blick auswich.

Sie ließ Shmalk stehen und schloß die Tür ihres Zimmers hinter sich ab. Unweigerlich schob sich ein Schmunzeln über ihr Gesicht als sie die Rüstung ablegte. Gerade schaffte sie es noch, sich ins Bett zu schleppen, als ein tiefer Schlaf sie überkam. Sie träumte immer wieder, wie sie aus großer Höhe fiel.

Am späten Morgen wurde sie durch lautes Klopfen geweckt, Shmalk stand in der Tür, mit dem Hinweis, dass sie ihm ja keine Uhrzeit fürs Wecken gegeben hatte und er nun nach eigenem Ermessen wecken mußte. Sie zog sich hastig an und rauschte in die Offiziersmesse, wo um diese Zeit nur mäßiger Betrieb herrschte, alles schien anderweitig beschäftigt zu sein. Während sie frühstückte trat Marschall Kardon hinter sie. “Stirlander?” Sie erhob sich. “Marschall?” “Die Zeit drängt, ich habe beschlossen, dass wir ihren Vorschlag, General Wolfsgrund zurück zu seiner Einheit bringen, heute Nacht umsetzen werden.” Er schien wieder dieses spöttische Lächeln aufzusetzen und sie verwandte Mühe darauf, sich nicht davon anstecken zu lassen. Der Gedanke, dass dieser kleine Sieg mit ihrem persönlichen Risiko erkauft war, half durchaus dabei. “Ich hörte, Sie haben sich für die Zeit hier bereits einen Adjutanten ausgewählt, das ist sehr gut!” “Ich...ehm...ausgewählt? Nun..ja, es ergab sich gerade so günstig. Man sollte junge Soldaten immer etwas ermuntern, sich auszuzeichnen.” Stirlander fragte sich, wo überall Shmalk Türen eingerannt haben mochte, um ihr zugewiesen zu werden. So wie er sich benahm mußten es einige Korridore voll gewesen sein. “Sie sollten ihn mitnehmen auf die Unternehmung, schließlich wären Sie sonst auf dem Rückweg allein.” “Mit....nehmen?” Sie überlegte sich, wie viel Sinn es haben würde, mit dem Marschall zu argumentieren. “Ja, zeigen Sie ihm, woraus echte Helden sind, das inspiriert solche jungen Leute sicherlich ungemein, auch wenn er bestimmt ein wenig der Aufsicht bedürfte.” “In der Tat, ich werde mehr auf ihn aufpassen müssen als auf den Feind.” “Stirlander, seien Sie nicht ungerecht mit ihm.” Er langte an ihrer Schulter vorbei und schnappte sich ein Stück Speck von ihrem Frühstücksteller. “Jeder hat einmal angefangen mit seinen Heldentaten, ich bin mir sicher, dass sie die erforderliche Kapazität besitzen, ihn mitzunehmen. Und vergessen Sie nicht: Es ist nicht leicht, eine lebende Legende zu sein.” “Wo habe ich diesen Satz nur schon einmal gehört?”

Nacht über der Höllenfeuerhalbinsel. Das Heerlager lag abgeblendet in scheinbarer Ruhe. Kein Lagerfeuer bot ein Ziel, nur wenige Greifenflüge fanden statt, es sollte den feindlichen Spähern möglichst schwer gemacht werden, irgendeine Aktivität der vereinigten Truppen zu erkennen. Ein einsamer Greif erhob sich und schwang sich gegen den Nachthimmel auf, er sollte eine verschlüsselte Botschaft an die eingeschlossenen Truppen abwerfen, daß ein Kommando in dieser Nacht zu ihnen stoßen würde. Mißmutig trat Hauptmann Stirlander vor die Tür und streifte ihre getönte Nachtbrille ab, die sie drinnen trug um ihre Augen besser an die Dunkelheit zu gewöhnen. Heute schien kein Mondlicht, lediglich die Sterne glitzerten kalt vom Himmel herab. Sie trug keine Rüstung, sondern enge schwarze Tuchkleidung, sie kam sich ein wenig schutzlos vor darin, fast wie eine Schurkin. Ihr weizenblondes langes Haar hatte sie unter einer schwarzen Kapuze verborgen. Düsternis umfing sie, und sofort verschmolz sie mit der nachtschwarzen Umgebung. Sie würden nicht einmal verzauberte Waffen tragen, um kein noch so kleines Leuchten abzugeben, so waren ihre Anweisungen. Die ungewohnten Schwerter in ihrer Hand lagen nicht besonders gut, zumindest für ihre Gewohnheiten. Shmalk und Wolfsgrund trugen Dolche und schwere Armbrüste und waren genauso als Schatten verkleidet wie sie. Wie wachsam würden die Höllenorcs sein? Wie gut waren die Nasen der Kampfworgs? Gegenüber Hordenorcs auf Azeroth sollte der Schutz der Nacht vollauf ausreichen, aber wer kannte diese Gegner schon gut? Sie hat lange überlebt in diesem Krieg, nicht zuletzt deswegen, weil sie Gegner nie sträflich unterschätzte. Warum zünden die Orcs keine Lagerfeuer an? Das war total untypisch, beinah so als ob sie unsere Taktik nachahmen. Oder konnten sie im Dunkel sehen? Besorgt kniff sie die Augen zusammen und starrte hinaus in die Nacht. Sie hatte außergewöhnlich gute Augen, und doch hoben sich im spärlichen Sternenlicht nur die abweisenden Staketen der Abwehrbefestigungen schwach hervor, düster drohend allen , die sich in ihre Richtung aufmachen würden. Die anderen traten zu ihr. “Alle bereit?” Ihre Stimme klang zuversichtlicher als sie wirklich war, Zweifel gruben ihre Tunnel durch ihr Gemüt. War es richtig gewesen, hier Leben aufs Spiel zu setzen, nur um Wolfsgrund und seine unerträglichen Ansichten von hier fortzuschaffen? Sicher, sie war eine Kriegsheldin. Aber es würden sich genug Leute finden, die sie mit Häme überschütten würden, wenn diese Aktion schiefging, vor allem, wenn Wolfsgrund dabei getötet würde. Erfolg hat viele Väter, Mißerfolg immer nur einen, so hatte der große Mok´A´Tal einmal geschrieben. Sie schaute verstohlen zu Shmalk. Wie enthusiastisch mußte man sein, um sich zu so etwas hinreißen zu lassen? Er hätte durchaus ablehnen können, Adjutant hin oder her. Was mochten seine Beweggründe sein, wenn nicht...sie schob den Gedanken beiseite, weil sie sich im Moment keinen Reim darauf machen konnte. Sie bückte sich und schlich kauernd vorwärts, den Barrikaden entgegen. Sie deutete den anderen, ihr zu folgen. Es gab keinen Weg zurück.

Meter für Meter schwammen sie durch Finsternis. Sie war nicht ängstlich, aber sie wußte wohl, dass hinter jedem Schatten eine Patrouille stecken konnte und dieser Gedanke beruhigte sie nicht. Die vordersten Reihen ihrer Jagdspäher mußten sie jetzt hinter sich gelassen haben, aber selbst wenn sie noch in Reichweite wären, so könnten sie ihnen nicht helfen, wenn es Ärger gab, denn sie hatten Befehl, aus Sicherheitsgründen auf nichts zu schießen und erst recht nicht ihre eigenen Positionen preiszugeben. Wenn jetzt etwas kam, so mußten sie allein damit fertigwerden. Wie gut mochte der General kämpfen? Ihre unausgesprochene Angst war, dass er beim kleinsten Anzeichen von Gefahr Ärger machen würde, vielleicht aufspringen und schreiend herumlaufen. Vor allem würde er sich bestimmt nicht ihrem Befehl unterordnen, wenn er anderes vorhatte, auch wenn sie offiziell das Kommando führte. Und Shmalk? Er war sicher jung und kräftig, aber wie gut mochte er hier kämpfen, fernab jeglicher normaler Gefechtsbedingungen? Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass er immerhin von einem Garderegiment stammte. Er dürfte also wenigstens seine Waffe am richtigen Ende anfassen. Sie biß sich mißmutig auf die Unterlippe, während sie sich weiter durch die Dunkelheit schob.

Die Wehre waren wirklich beeindruckend, die Ingenieure aus ihrem Pionierregiment hätten wahrhaft leuchtende Augen bekommen. Natürlich nicht, wenn sie gegen so was ankämpfen müßten. Sie dachte an Wolfsgrunds Worte und hier, in der Nähe der Befestigungen kamen sie ihr noch lächerlicher vor als neulich. Hier mit Gewalt Truppen durchzuschleusen mußte in einem Blutbad enden. War es gerecht, die Begeisterung der jungen unerfahrenen Truppen auszunutzen, um sie hier drinnen verbluten zu lassen? Wissend dass die ersten 2000 Mann gar keine Chance hatten, lebend durchzukommen? Daß die nächsten 2000 Mann sich über die Leichenberge ihrer eigenen Kameraden quälen mußten, um weiterzukommen? Ihr ist es nie leicht gefallen, Krieg zu führen, aber jetzt fiel ihr der Gedanke schwerer denn je. Wenn überhaupt, dann mußte man irgendwo gerecht bleiben, Chancen geben wo sie bestanden. Und nicht viele Leben verheizen, nur um ein paar zu retten, eine Fahne zu sichern oder gar der eigenen Beförderung wegen. Ihr fiel Mok´A´Tals Satz ein: ´Der Soldat, der nachdenkt, fällt als nächster!´, er bereitete ihr kein angenehmes Gefühl. Sie bemühte sich, ihre Gedanken auf andere Bahnen zu lenken, herauszufinden, wie sie sich einen sinnlosen blutigen Frontalangriff sparen könnte. Wenn das Schicksal sie wirklich für solche Gedanken fallen lassen würde, nun bitte, dann soll es das eben tun. Sie wußte wie es ist, Kameraden zu verlieren. Und ihr würde etwas einfallen. “Posten voraus” zischte Shmalk hinter ihr. Tatsächlich. Verdammter Mist. Offenbar waren die Truppen an den Befestigungswerken nicht nur in den großen Baracken dazwischen untergebracht, um die sie sorgsam Bögen schlichen, sondern es gab auch noch kleine Postenhäuser. Wie ein kurzer Finger erhob es sich gegen das matte Sternenlicht und man konnte deutlich einen großen Orcumriß daneben sehen. Er schien nichts zu bemerken. “Stop und abwarten” flüsterte sie ihren Begleitern zu. Diese kleinen Postenhäuser schienen zwischen den größeren Baracken eingestreut zu sein, sie waren zu klein, um mehr als einen Mann unterzubringen, aber sicher gingen zwischen diesen Häuschen Patrouillen hin und her, um Meldungen zu sammeln oder neue Befehle zu verteilen. Dieser Posten durfte auf keinen Fall Alarm schlagen, auf dem Rückweg konnte man ihn sicher auf geradem Weg erledigen, aber jetzt mußten sie einen Bogen um ihn schleichen. Wenn diese Orcs bei Nacht sehen könnten, so hätte er uns sicher schon entdeckt, sagte sie sich. Sie drehte sich gerade etwas seitlich, um einen Bogen zu gehen, als kurz hinter ihr eine Armbrust schoß. Das Geräusch des losmachenden Bolzens jagte ihr einen Schauer über den Rücken, sie war für einen winzigen Moment unfähig irgendwas zu sagen oder zu tun. Der Bolzen traf sein Ziel, der Orc beim Wachhaus grunzte leise auf und fiel um. Er lag regungslos da. “Treffer!”, flüsterte der General, sein unterdrückter Jubel war kaum zu überhören. “Sie Narr! Sie lichtverlassener Narr! Wie konnten sie nur? Ich habe kein Feuer befohlen!” “Was sie befehlen ist einem guten Soldaten egal, wenn er Gelegenheit bekommt, einen Feind zu erledigen. Einer weniger. Nur weil Sie sich keinen sicheren Schuß zutrauen, muß ich ja nicht...” “Das einzig sichere an ihrem Schuß ist die Tatsache, dass die Patrouille früher oder später ihren toten Kameraden finden wird und dann wissen sie dass wir hier sind! Sie hirnloser Narr! Aber das interessiert Sie ja sicher nicht, denn wenn sie sich schon von ihren Leuten feiern lassen, müssen wir uns durch die alarmierten Wachen kämpfen!” “Wenn sie Kommando führen wollen, dann wäre es jetzt an der Zeit, weiterzugehen, Hauptmann, oder nicht?” Die Ironie in seiner Stimme reizte sie bis aufs Blut. Sie hatte gute Lust, das Unternehmen abzublasen und unverrichteter dinge zurückzukehren, aber sie wußte sehr wohl, daß Wolfsgrund dann Märchen über ihr peinliches Kneifen vor dem Feind erzählen würde. "Wir könnten ihn hier töten, wer wüßte schon, was passiert ist? Und das wäre besser als zu sterben oder mit ihm zurückzukommen." Etwas an Shmalks Logik reizte sie. "Wie können sie nur? Sind sie Soldat oder ein Meuchelmörder, Shmalk? Behalten Sie Ihre Ideen für sich, solange ich Befehl führe, verstanden?" Am meisten reizte sie, daß er im Grunde Recht hatte. "Weiter jetzt", gab sie vor. Sie schoben sich geradewegs an dem toten Posten vorbei. In Stirlander kochte die Wut wie ein Eintopf. Es brauchte eine ganze Weile, bis ihre Gedanken wieder klar waren. Sie passierten breite Straßen, die vermutlich für das Verfahren von Geschützen, Schanzkörben und Baumaterial geebnet waren. Während sie über diese freien Flächen krochen, kam sie sich unendlich allein und verletzlich vor. Sie mußten schon weit vorgedrungen sein, denn seit einer ganzen Weile zeigten die Festungswerke nicht mehr nach außen, zu den möglichen Rettungstruppen hin, sondern nach innen, gegen die eingeschlossene 29. Infanteriedivision. Schließlich erreichten sie den Rand der Festungswerke. Ein breiter Streifen lag zwischen ihnen und den Barrikaden der Verteidiger. Er war nicht ausgeleuchtet, aber das Sternenlicht schimmerte schon unangenehm stark auf dem hellen Basaltboden. offenbar war einiges an Schiefer darin, denn ein unnatürlicher Glanz lag darauf, der wie ein bizarres Spiegelbild der Sterne schien. "Wir müssen jetzt vorsichtig sein!" zischte sie hinter sich. "Der Streifen ist sicher gut von Scharfschützen bewacht." "Haben Sie schon vergessen, daß ein Greifenreiter meinen Durchbruch schon angekündigt hat? Oder hat die Angst Ihnen das Gehirn vernebelt? Und wieviel Späher der verdammten Orcs liegen hier neben uns? Rühmen Sie Sich nicht immer ihrer guten Augen? Na also." "Darüber hinaus machen Sie uns den Abzug nicht gerade leichter, wenn Sie hier Aufsehen erregen." "Ahhh das ist es also, sie haben Angst um ihr kleines Hauptmannsleben oder ihre Orden, statt ein Gefühl dafür zu besitzen, wie es wirkt, wenn ein General vor den Augen seiner Truppen zeigt, wozu er in der Lage ist." "Sie werden uns die halbe Feindarmee auf den Hals hetzen wenn sie sich hier offen sehen lassen." "Ich werde mich nicht wie ein Dieb zu eigenen Truppen schleichen. Damit haben sie doch sicher Erfahrung, oder täusche ich mich da über den Beruf ihrer Schwester?" Er grinste und seine Augen funkelten so bösartig wie unerbittliche kleine Sterne. Stirlander grub die Fingernägel in ihre Handflächen, und sie wußte daß Shmalk auch kurz vor dem Platzen war. Bevor einer von ihnen zu einer Antwort kam, rannte Wolfsgrund vorwärts, aufrecht und jubelnd. "29. Infanterieeeeeee Achtuuuuuung! Euer General ist zurück!" Er kam bis zur Hälfte des freien Streifens, dann schlugen ihm von vorn Armbrustbolzen in die Rüstung, einige drangen durch ihn hindurch, das konnte Stirlander deutlich erkennen. Er lief noch einige Schritte, dann fiel er vornüber und blieb reglos liegen. Die Schützen in der Barrikaden der Verteidiger hatten das Feuer eingestellt und waren nicht zu erkennen. Sicher hatten sie Anweisung, Munition zu sparen und keine Risiken einzugehen. Sie kauerte fassungslos im Dunkel am Rand des Streifens, der Kiefer hing ihr herunter und sie wagte nicht zu atmen. Ihr Herz raste und sie hatte das Gefühl, Shmalk und alle Orcs um sie herum würden es schlagen hören. Es kam ihr vor wie Stunden, bis sie einen Muskel in ihrem verspannten Körper regen konnte. Shmalk schien es ähnlich zu gehen, er hockte an sie gelehnt neben ihr, seine Armbrust krampfhaft festhaltend. "Gehen wir, Shmalk, hier gibt es nichts mehr zu tun." "Was....warum....das war einfach nur dumm!" Sie nickte langsam. "Manchmal fällt eben nicht der Soldat zuerst, der nachdenkt. Sondern der, der nicht nachdenkt." Er schaute sie verwirrt an, fand aber keine Antwort in ihrem Gesicht. "Das erkläre ich Ihnen irgendwann einmal, falls wir hier noch rauskommen. Also, nichts wie weg hier." Er hielt sie am Arm fest. "Warten Sie, ich...wollte Ihnen etwas sagen." "Zum Licht, was denn?", schnappte sie gereizt zurück. "Ich....ich...." "Los jetzt, bevor wir uns gleich dazulegen können!" "Ich bin nicht nur wegen Ihres Ruhmes freiwillig hier. Ich...ich...habe Sie schon früher getroffen, in der Ehrenfeste, als Sie kurz in unserem Regiment waren, Sie trugen ihren gebrochenen Arm noch in einer Schiene. Ich habe Sie nur von weitem gesehen, und Ihren Schild, da waren ihre Initialen drauf, TFS..." Er begann den Faden vor Aufregung zu verlieren. "Mag sein, und?" "Ich bin gekommen, weil ich Sie nicht vergessen habe. Weil sie schön wie ein Engel sind.." Sie spürte, daß ihm die Worte schwerfielen und war froh, daß er im Dunkel das Lächeln in ihrem angestrengten Gesicht nicht erkennen konnte. "Da sehen Sie mal, wohin Sie das geführt hat. Und nun auf, Marsch!" Sie schlichen wortlos hintereinander und leicht versetzt den Weg zurück, er kam ihr noch länger vor als der Hinweg. Die ganze Zeit ließ ein Gedanke sie nicht los: Hat sie überhaupt einen Greifenreiter bemerkt? War die Nachricht vielleicht gar nicht bei der 29. Inf. angekommen? Sicher hätte sie ihn in dieser mondlosen Nacht nicht gesehen, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit gehört. Was hatte das zu bedeuten? Der Tod des Generals tat ihr nicht leid. Er hatte ihr Leben unverantwortlich gefährdet. dennoch ärgerte sie sich über eine fehlgeschlagene Operation, auch wenn es wohl nicht ihr Fehler war. Soldaten mußten sterben, das war immer so, das schien ein ehernes Gesetz zu sein, vom kleinen Infanteristen bis zum Marschall, aber die Art und Weise war unwürdig. "Achtung, Waffe bereit halten, jetzt wird es interessant!" Sie näherten sich der Zone in der der General unvernünftigerweise den Posten erschossen hatte. Jetzt mußten sie besonders aufpassen; wenn eine Patrouille den Toten entdeckt hatte würden sie mit Sicherheit noch aufmerksamer sein, vielleicht sogar nach ihnen suchen. Vielleicht hatte sie aber auch Glück und die Orcs vermuteten, der General sei allein durchgebrochen. So richtig selbst überzeugen konnte sie sich allerdings damit nicht. Sie wollte sich gerade bei Shmalk beschweren, daß er sehr laut und zu dicht neben ihr schleichen würde, da traf ein sehr schmerzhafter Schlag ihre linke Flanke und warf sie ein Stück durch die Luft. Das war nicht Shmalk! Das war ein Höllenorc! Ein riesiger Schatten warf sich auf sie, während sie sich stöhnend vor Schmerz die Rippen hielt. der Tritt hatte eine ungeheure Wucht, blitzartig versuchte sie einzuschätzen wie stark ihr Gegner war. Und er war sehr stark! Und wo war Shmalk? Ihre Waffen hatte sie durch die Wucht des Trittes aus der Hand verloren und der Orc landete krachend auf ihr, ihr blieb die Atemluft weg. Sie registrierte daß er keine Waffe trug, zumindest keine offensichtliche. Während sie sich unter ihm wand, spürte sie mit Entsetzen, wie sich seine riesigen Hände um ihre Kehle schlossen und zudrückten. Sie war gefangen, er würde sie erwürgen! Sie packte seine Handgelenke, aber sie waren wie kleine Baumstämme, sie konnte kaum ihre Hände darum schließen, geschweige denn etwas gegen diesen mörderischen Griff ausrichten. Panik stieg in ihr auf. Fieberhaft überlegte sie, was sie gegen diesen Giganten ausrichten konnte. Sicher, sie war selbst groß und stark, mit knapp 2 Metern größer als fast alle Männer in der Truppe und durchaus athletisch. Sie hatte als junge Frau in Süderstade einmal ein Pony mit den Armen aufgehoben und getragen, was ihr nicht wenig Respekt verschaffte. Aber der Orc hatte deutlich kräftigere Hände als sie, war schwerer und auf ihr. Und ihr würde in kurzer Zeit die Luft ausgehen, das Leben aus den Körper weichen. Wenn ihr nicht jetzt, sofort etwas einfiele. Er hielt seine Beine geschlossen, keine Chance, ein Knie in seine Genitalien zu rammen. Sie schlug mit den Fäusten gegen seine Flanken, aber das schien ihn überhaupt nicht zu stören. Sie kniff die Augen zusammen und legte die Arme um ihn. Vielleicht..... Sie schloß die Hände zusammen und begann ihn verzweifelt einzuquetschen. Eine normal gebaute Frau hätte keine Aussicht gehabt, ihn damit zu beeindrucken, aber sie war nicht normal gebaut, sie war Thairis, die ein kleines Pferd heben konnte und sie war verzweifelt. Mit der Macht der Verzweiflung drückte sie den Brustkorb des Orcs zusammen, während er sie langsam erwürgte. Er grunzte, es zeigte durchaus Wirkung, aber würde das reichen? Ihre Sicht begann leicht neblig zu werden. Tränen der Anstrengung und der Verzweiflung rannen ihr über die Wangen. Nein, so leicht würde sie es ihm nicht machen. Sie erhöhte den Druck, bis ihre Muskeln vor Schmerz schrieen. Es war egal, ob sie zerrten oder rissen, in ein paar Momenten würde sie tot sein, dann wäre das egal. Sie schloß die Augen krampfhaft und dachte an den Sommerabend in Süderstade, das Pony, wie ihre Arme schmerzten, und sie wollte nicht zurückstecken, alle hätten sie ausgelacht. Sie zog noch mehr an, spürte ihre Fingerknöchel knacken, die sich mit aller Kraft ineinander verknotet hatten. Er schafft es......ich schaffe es nicht....nein.....nein.....noch mehr.... Diesen letzen Ruck wollte sie geben, er sollte spüren, wen er da unter sich hatte. Einen Hauptmann der königlichen Armee, keine schwache Frau! Ihr Mund öffnete sich, ohne einen Laut zu geben, sie zog die Arme noch einmal stärker an, und plötzlich krachte es, ihre Rippen brachen..nein...das waren seine Rippen! Seine Rippen brachen wirklich, oh Licht! Durch das Gefühl angefeuert, ruckte sie mehrfach in ihrer Umklammerung. Zweimal, Dreimal, viermal krachte es, seine Rippen brachen wirklich. Er schrie kehlig auf, es schien ihm sehr wehzutun. Deutlich spürte sie wie die Kraft seiner tödlichen Hände zurückging. Unablässig ruckte sie weiter, die gebrochenen Rippen schienen sich in seine Lunge zu bohren, er hustete gurgelnd und schließlich ließen seine Hände ihre Kehle los. Sie schnappte nach Luft und setzte ihm aufs neue zu, bis sie ihn von sich stoßen konnte. Sie kniete, noch schwindelig, neben ihm, nahm sich aber schnell zusammen, ballte ihre beiden Fäuste ineinander und schlug sie mit aller Macht gegen seinen Brustkorb. Der Orc stöhnte auf und krümmte sich zusammen. Er wehrte sich nicht mehr. So lag er noch einige Moment, bis Blut aus seinem Mund lief. Er zuckte noch einige Male, von blutigem Husten begleitet und lag dann still. Er war tot.

Das Leben kehrte in ihren geschundenen Körper zurück, sie bekam wieder Luft. Es tat zwar alles weh, aber am Leben zu sein tut manchmal weh, sagte sie sich. Irgendwo in irgendeinem Büchlein Mok´A´Tals stand sicher auch das. Dann rauschten schnelle Schritte durch die Nacht, direkt auf sie zu. Der zweite! Klar, eine Patrouille ist nie nur einer! Stirlander kam blitzschnell auf die Beine und warf sich auf den herangeschlichenen Schatten, diesmal durfte sie sich nicht überraschen lassen. Sie landete auf ihm und war froh zu spüren, daß sein Genosse deutlich kleiner und zierlicher war, gegen ihn würde sie auch in ihrem Zustand eine Chance haben, vor allem mit einer Waffe in der Hand. "Shmalk?" "Uff, au, ja", jammerte dieser. "Was schleichen Sie denn hier herum?" fauchte sie ihn an, noch auf ihm liegend. "Hätte ich eine Fackel anzünden und einen Schellenbaum tragen sollen?" Stimmt, die Frage war dumm gewesen. "Sie haben Recht, entschuldigen sie. Ich habe Sie für einen Gegner gehalten ( sie wollte das Wort Orc vermeiden ), wir müssen aufpassen, denn mein erster war sicher nicht allein." "Nein, war er nicht." Der junge Soldat deutete in eine Richtung, in der Stirlander die dunklen Umrisse eines Körpers im Sternenlicht erahnen konnte. "Da haben Sie also gesteckt. Sie Teufelskerl! Ist er....?" "Ja ist er!" Shmalk grinste sie an und genoß es, seine Vorgesetzte so auf sich zu spüren, was sie offenbar gar nicht registrierte. Er versuchte, sie etwas abzulenken, um den Moment auszukosten. "Was ich Sie immer fragen wollte....das F in Ihren Initialen...Fala, das ist doch kein normaler Name, oder? Welche Sprache ist das?" "Das ist Altdarnassisch. Meine Eltern gaben ihn mir, weil ich...als Kind schon....naja...Fala heißt eben Engel" "Wahrhaftig!" Er lächelte und nahm ihr Gesicht in seine Hände. Er zog es langsam zu sich und sie ließ sich sanft führen. Ihr Herzschlag war durch den dünnen nachtschwarzen Stoff gut zu fühlen. Plötzlich zögerte sie und riß sich ruckartig hoch. "Ich wollte noch nie zwischen Leichen und Feinden knutschen, wohin kämen wir da? Auf Soldat! Auf, sonst mache ich Ihnen Beine!" "Ja, Herrin!" feixte Shmalk, einen buckligen Nachahmend. Sie unterdrückte mühsam ein Kichern.

Das kleine Kommando schlich sich durch die Sperrwerke der vorderen Front des Belagerungsringes. Hier war alles ruhig, wie auf dem Hinweg. Dennoch konnte man nicht vorsichtig genug sein, Freund wie Feind waren in diesem Gebiet eine Gefahr. Die Darnassischen Jagdspäher mit ihren scharfen Augen und den Präzisionsbögen konnten sie aus noch größerer Entfernung abschießen, als es dem unglücklichen Wolfsgrund passierte. Aber je weiter sie sich den eigenen Linien näherten, desto weniger grimmig erschienen Stirlander die Befestigungen. Und bald erreichte sie eine Stelle, an der sie ihr vereinbartes Zeichen, drei Eulenrufe, abgeben konnte. Auf das Zeichen hin würden die Vorposten nicht feuern. "Wer schreit denn da dreimal wie eine Eule?" Kam es zurück. "Sehr witzig, ich glaube an Euch ist ein Komiker verlorengegangen!" Stirlander und Shmalk hatten es geschafft.

Sie schlief bis in den Mittag hinein. Immer wenn sie aufwachte, spürte sie, wie ihre Knochen wehtaten, dort wo der Tritt sie getroffen hatte, und auch ihr Hals dürfte grün und blau sein. Also ließ sie sich wieder in die Kissen sinken und träumte weiter. Sie träumte vom Schwarzfels, das war nichts ungewöhnliches; seit jener furchtbaren Nacht träumte sie immer wieder davon. Aber sie träumte auch wieder von Fallen, vom tiefen Sturz. Und von Shmalk, der sie beinahe geküßt hätte. Schließlich wachte sie auf und konnte nicht mehr einschlafen und in ihre Träume zurück, so wie ein Treibholz irgendwann unwiderruflich am Strand festliegt und von keiner Welle mehr ins Wasser zurückgerissen wird.. Und sie war nicht unglücklich darüber. Sie zog sich an und läutete nach Shmalk, der pflichtbewußt und korrekt gekleidet eintrat. "Guten Morgen, Hauptmann!" Das Salutieren sah ordentlich aus, kein Zweifel, auf diesen Moment hatte er schon gewartet. Sie lächelte ihn an und salutierte zurück. Er zog die Gardinen auf und sie blickte durch das kleine Fenster hinaus. Ein rötlicher Morgennebel hielt sich über der Höhe 122 und es war ihr ganz recht so. Sie wollte eigentlich gar nichts sehen. Der Gedanke an die Lagebesprechung vor dem Frühstück lag ihr quer wie eine Dachlatte. Von unten drang Kaffeeduft durch die Offiziersbaracke. "Nachdenklich, Hauptmann?" "Ja, Shmalk. Was haben wir erreicht? Das ganze war doch nur eine kleine persönliche Episode, seien wir doch mal ehrlich. Damit ist die 29. Inf. noch lange nicht aus dem Schneider. Ich wünschte, ich wüßte einen Ausweg." Sie sah ihn an, sah seine leuchtenden blauen Augen. Er war so voller Begeisterung. Aber es machte einfach nur traurig. "Shmalk, was soll ich nur tun?" "Wie meinen?" "Wie soll ich nur ein Blutbad verhindern? Da draußen warten so viele unerfahrene junge Leute auf meinen Befehl. Glauben Sie denn, mir fiele das leicht, sie so loszuschicken? Sie haben die Sperren gesehen, sie haben gesehen, was wir für Gegner haben. Soll ich rausgehen und sagen: Toll Leute, geht schonmal vor und zählt ab, heute kommt nur jeder zweite nach Hause? Soll ich zur Feldküche gehen und den Köchen sagen: Hallo Jungs, Angriff ist heute vor dem Mittagessen, kocht nur für die halbe Mannschaft, wir wollen keine Reste haben?" Ihr Zynismus schien ihn zu treffen. "Ich weiß, daß es nicht leicht ist, das zu sagen...und noch weniger, es zu verstehen. Aber...schauen Sie sich diese Soldaten doch an. Sie glauben an Sie. Anders kann der Krieg nicht funktionieren. Sie müssen jemanden haben, an den sie glauben können, auch wenn der Glaube gar nicht gerechtfertigt ist. wenn Sie das sagen, was Sie da gerade vorschlugen, dann würden noch mehr sterben. Und ohne Glauben. Würden Sie das wollen?" Er setzte sich auf die Bettkante, und er wirkte in diesem Moment unendlich alt, älter noch als Stirlander sich selber fühlte. "Wenn sie nicht an Sie glauben würden, wäre trotzdem Krieg. Und es wäre alles noch viel schlimmer. Sicher...eine Zeit, in der wir keine Helden bräuchten wäre schön..aber diese zeit ist noch nicht da. Und wenn wir.. so tun würden als sei sie da, dann täten wir das falsche, ihnen den Glauben zu nehmen. Wir können nur hoffen, mehr ist uns nicht gegeben." Sie sah ihn mit großen Augen an. "Shmalk, an Ihnen ist ein schräger Philosoph verlorengegangen. Wie kommen Sie nur auf sowas, als ... ( sie machte einen Bogen um das Wort ´einfacher´ ) Soldat?" "Vielleicht weil ich gebildete Eltern habe. Und ich habe Andiliens Schule der modernen Gesellschaften besucht." Er lächelte sie an. Sie konnte nicht umhin, zurückzulächeln. "Ich bin nur eine einfache Soldatin, mehr als die Militärakademie habe ich nicht gesehen. Wenn dies alles vorüber ist und wir es überleben....sollten wir mal einen Abend in der Kneipe verbringen und über Ihre modernen Gesellschaften sprechen." Sie meinte es ehrlich und er schien es zu spüren. "Herzlich gern, aber ich fürchte, jetzt muß ich Sie auf die Uhrzeit hinweisen, die Lagebesprechung findet gleich ohne Sie statt." "Sch....schon wieder zu spät. Shmalk, wenn sie mich nochmal in Ihre Konversation verstricken, lasse ich Sie hängen!" Sie rauschte die Treppen hinunter, ihre Plattenschultern festschnallend. "Zu Befehl, Herrin!" rief er hinterher.

Als sie die Treppen zum Besprechungsraum hinunterstürzte, merkte sie daß sie wieder die letzte war. Stumm setzte sie sich auf den leeren Stuhl, der sie erwartete. Und noch ein Stuhl war leer. "Sehr gut, es sind alle da." Kardon warf einen nicht zu deutenden Seitenblick zu ihr. "Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, daß General Wolfsgrund beim Versuch, die eigenen Linien zu erreichen gefallen ist." Betretenes Schweigen lag schwer über der Runde. Für eine Weile war das Knacken des Kaminfeuers das einzige Geräusch unter ihnen. Nicht nur Wolfsgrund war tot, alles andere schien einen Moment lang auch nicht zu leben, wie um Respekt zu zollen. "Ich habe bereits Rapport von Hauptmann Stirlander bekommen und betone, daß sie ihre Mission mustergültig und vorbildlich erfüllt hat. Leider jedoch kam der Greif mit der Botschaft, daß ein Kommando sich zu den Eingeschlossenen durchschlagen würde, nicht durch; er mußte wegen starken Abwehrfeuers kehrtmachen. Wolfsgrund wurde tragischerweise von Scharfschützen des 29. Inf. erschossen." Wie? In Stirlander rasten die Gedanken im Kreis, sie wollte schier übersprudeln vor Fragen. Wie konnte der Marschall behaupten, er hätte ihren Rapport bekommen? Das stimmte doch gar nicht! Sicher, sie hatte kurz Meldung gemacht bei den Vorposten, als Shmalk und sie von ihrem unglückseligen Ausflug zurückkamen bevor sie wie tot ins Bett fiel. Und sicher, das hat sich bereits herumgesprochen, aber von einem Rapport beim Oberkommandierenden konnte keine Rede sein. Und der Greif. Sie hatte ihn abheben sehen, aber wie in aller Welt sollte ihm mitten in der mondlosen Nacht Abwehrfeuer das Einfliegen unmöglich machen? Wo man nur ein paar Meter klar sehen konnte, das war absurd. Sie klammerte sich an die Sitzfläche ihres Stuhls vor Ungeduld, aber weil kein anderer auf das Thema kam, unterdrückte sie mühselig ihre Verwirrung. "Zum Tagesgeschäft. Wir stehen nach wie vor vor der Aufgabe, durch den Belagerungsring zu brechen, und dies mit begrenzten Ressourcen. Auch ohne General Wolfsgrunds...hum..Vorschläge bleibt die Sachlage kompliziert. Leutnant Kayfal, wieviel Greifenreiter und wieviel Bomben haben wir?" Der schlacksige Nachtelf erhob sich. "4 Reitgreifen, 6 gepanzerte Greifenzerstörer und 5 Area 52 Bomben." Er wurde bei dieser Nullmeldung sichtlich rot. "Damit werden wir nichtmal den Schrankenwärter der U-Bahn von Eisenschmiede aus seinem Häuschen bomben!", brummelte ein Major der Khaz Modan-Gebirgsjäger. Er hatte Recht, das war keine beeindruckende Streitmacht. Sie erhob sich. "Wir sollten versuchen, sie zu überraschen und zu demotivieren, damit ihre Reihen in Unordnung geraten." "Klasse Idee, Hauptmann Stirlander, und wie?" "Ehm...ich...weiß noch nicht." "Dann sollten Sie nochmal darüber nachdenken, aber am besten recht zügig, bevor denen da drin die Vorräte ausgehen." Sie lief ebenfalls rot an. "Mir wird etwas einfallen, geben Sie mir Zeit bis heute Abend!" Kardon schaute sie nachdenklich und mit dem Hauch eines zufriedenen Lächelns an. "Überspringen wir die Frage nach dem Überraschungsangriff fürs Erste, bis Hauptmann Stirlander uns eine Idee liefert. General Rumkiesel, das Überwinden der Wehre und Schanzen wird eine Aufgabe für Ihre Süderstader Pioniere sein. Wie steht es mit ihren Ressourcen?" Stirlanders Regimentskommandant, ein stattlicher Zwerg mit einem nicht minder stattlichen roten Bart erhob sich, das heißt, er stieg auf seinen Stuhl, was einige verschämt grinsen ließ. "Nun, wir haben nicht genug Sprengstoff und Bomben, um eine ausreichende Bresche in den Belagerungsring zu sprengen, so daß viele Soldaten gleichzeitig angreifen könnten. Diese breite Bresche brauchen wir aber, sonst können die Soldaten keine Angriffsformation bilden und müßten wie die Kaninchen im Frühling zwischen den Barrikaden hindurchhüpfen. Somit bleibt uns nur die Möglichkeit, die Hindernisse mittels Tauen und Ketten auseinanderzuziehen. Dazu verfügen wir über 6 einsatzfähige Turbinenwinden der Klasse 2, 4 Rüstpanzerwagen für das Material sowie einige Elekks aus den Reihen unserer Draenischen Verbündeten samt ihren Tierführern." Sie hörte nur halb hin, den Materialpark ihres Regimentes kannte sie sowieso auswendig. Die Turbinenwinden waren Umbauten des zwergischen Dampfpanzerwagens "Rota", ohne Bewaffnung, dafür aber mit Bodenankern und einer überaus kräftigen Winde ausgestattet. Damit konnte man ganze Felsblöcke verschieben und die Kameraden des 154. Bataillons haben damit einmal einen Dampfpanzer über die Außenmauer des Steinwerkdamms gezogen. Nachteil daran war, daß eine solche Aktion eine feste Verankerung der Zugseile an den Barrikaden erforderte, und..... ".....damit die Pioniersoldaten, die diese Ankerseile befestigen müssen, einem enormen Risiko ausgesetzt sind. Kein vernünftiger Mann wird es gern riskieren, hier ausgebildete Spezialisten zu verlieren.", schloß Rumkiesel seine kurze Rede.

Man diskutierte noch bis in den frühen Abend hinein über Aufstellungen, Angriffsformationen und Zeitpläne, aber alles hing immer am Moment des ersten Angriffs. Im Gegensatz zu Wolfsgrund neigte keiner der Veteranen dazu, seine Leute unnötig zu opfern, nur fiel auch niemandem etwas Überzeugendes ein, wie man diesen ersten Schlag sinnvoll ausführen sollte. Schließlich vertagte man sich resigniert auf den nächsten Mittag. THAIRIS erhob sich grübelnd von ihrem Stuhl und schob sich Richtung Tür, welche offenstand und einen intensiven roten Sonnenuntergang zu Besuch in die Baracke einließ. "Stirlander, bleiben Sie." Fast hatte sie es erwartet. "Marschall?" Sie versuchte so förmlich wie möglich aufzutreten. "Sie wollen mich nichts fragen?" Er legte den Kopf schief und sah sie mit durchdringenden Blicken an. "Nichts, was Sie mir nicht erzählen würden, Marschall." Er pausierte kurz. "Nun, Sie fragen Sich sicher, warum ich den Kameraden etwas vorgemacht habe." "Ja, Marschall." "Stirlander...wir beide wissen, daß Wolfsgrund hier keine Hilfe war, im Gegenteil. Es wäre nicht im Sinne der Sache gewesen, wenn er noch im Nachhinein Schaden angerichtet hätte, indem Sie als Schuldige der mißlungenen Aktion dastehen. Also habe ich mir die Meldungen der Vorposten zusammengereimt und das als Rapport ein wenig....aufgebläht." Er grinste leicht. Er schien mehr zu wissen, als er sich aus ihren spärlichen Meldungen hätte zusammenreimen können. "Aber.......das mit dem Greifen? Ich kann nicht glauben, daß er nicht landen konnte, wer sollte ihm denn vom Boden aus gefährlich werden bei der Dunkelheit? Warum ist er wieder umgedreht?" "Weil er von mir Order dazu hatte." Sie sah ihn mit großen Augen an und merkte nicht, daß ihr Mund offen stand, zu schrecklich breitete sich die Gewißheit in ihr aus. Sie hatte es geahnt. Kardon wußte nicht von Wolfsgrunds Tod durch die Vorposten, sondern weil das Umdrehen des Greifen ihn unweigerlich hinaufbeschworen hatte. "Warum?" Sie begann zu zittern und war froh, daß dies unter der schweren Plattenrüstung nicht zu sehen war. "Stirlander...Thairis.....darf ich Sie Thairis nennen? ( Er wartete nicht auf eine Antwort )...überlegen Sie doch einmal...was, wenn er durchgekommen wäre? Sie haben erlebt, wie seine Denkweise war. Überlegen Sie, wieviele Menschen er in seiner Hitzköpfigkeit geopfert hätte. Uberlegen Sie, wie leicht er die gesamte Offensive zum Scheitern hätte bringen können. Ihre Kameraden. Sie selbst. Verstehen Sie denn nicht, Thairis?" "Sie...haben ihn in den Tod laufen lassen!" Sie kämpfte mit sich, um ihre Stimme zur Ruhe zu zwingen, aber es gelang ihr nicht. "Ich...habe ihn seinem Heldentod näher gebracht, nennen wir es so. Sie müssen lernen, das große Ganze zu sehen und danach zu handeln, Major. Auch wenn einzelne Sie dafür hassen werden." "Dann will ich kein Major sein, wenn das der Preis ist. Lieber will ich als einfache Soldatin auf dem Feld fallen, als heimtückisch Leute zu ermorden. Ja, das haben sie. Sie MÖRDER!" Tränen rannen ihr über die Wangen, Enttäuschung, Wut, Desillusionierung, all das brach aus ihr heraus und entlud sich langsam, aber sicher. "Stirlander, passen Sie auf was Sie sagen, ich warne Sie!" Ihr ganzer Körper zitterte und ihre Kehle schnürte sich vor Wut zusammen. Dann holte sie zu einer Ohrfeige aus, und sie traf den Marschall mit aller Kraft, so daß er überrascht zurücktaumelte. Sie drehte sich um und rannte die Treppe hinauf, so schnell es ihre Rüstung zuließ, vorbei an der überraschten Korridorwache, vorbei an Shmalks geöffneter Kammertür, direkt in ihre Stube. Sie warf die Tür krachend zu und schloß ab. Ungeduldig zerrte und riß sie an den Riemen ihrer Rüstung, schleuderte Waffen und freie Rüstungsteile in den Raum und warf sich auf das Bett. Dann ließ sie ihren Tränen freien Lauf und gönnte sich die Weichheit, ungehemmt zu schluchzen. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt geweint hatte, aber es war ihr auch egal, alles war egal in diesem Moment.

Shmalk legte vorsichtig ein Ohr an ihre Zimmertür und hörte das jammervolle Schluchzen. und hockte sich mit gezogener Waffe davor. Er hockte auch noch dort, als ihn die Abendliche Dunkelheit tröstend umfing.

Viel später, unerträglich spät, hörte das Schluchzen aus der Stube auf. Als er Schritte im Zimmer hörte, sprang Shmalk schnell auf und zog sich in seine Kammer zurück, ließ aber die Tür offen stehen. Eine halbe Stunde später drehte sich der Schlüssel in der Tür und sie trat hinaus und begab sich zur Treppe, die nach unten führte. Sie musterte ihn einen Augenblick, während sie langsam an seiner offenen Tür vorbeiging und ihre Blicke trafen sich. Ein kurzer Stich fuhr im durch den Brustkorb, als er die verweinten Augen sah. Etwas flehendes lag in ihnen, aber er kannte sie mittlerweile zu gut, um zu hoffen, sie würde zu ihm kommen und sich in seine Arme werfen. Es schien, als sei alle Kraft aus ihrem großen Körper geflossen, so gebeugt schlich sie vorbei und aus seinem Gesichtsfeld. Er sah ihr nicht nach.

Die Heerlager aller Armeen dieser Welt sehen auf ihre Art gleich aus. Auch hier, im roten Staub der Höllenfeuerwüste, gab es dieselben Bilder: Soldaten saßen um Lagerfeuer, redeten, sangen und spielten Karten. Ein greifbares Gefühl der Anspannung flog durch die Abendluft, in jedem der Schemen, die durch die Feuer gezeichnet wurden, steckte ein Wesen, das gleichzeitig auf den Kampf brannte und ihn fürchtete. Jeder machte seiner Anspannung Luft, so gut es ging. Stirlander beobachtete, in den Schatten auf einem Stein hockend, wie einige zum wiederholten Male ihre Waffen prüften und polierten. Das waren die neuen, sie taten das was man ihnen beigebracht hatte und pflegten noch keine Marotten. Ältere Soldaten erzählten sich Geschichten oder sangen, um sich abzulenken. Und die echten Veteranen spielten mit Karten oder Würfeln, sie beneidete sie heimlich um deren Fähigkeit, das Denken total abzuschalten. Einige ritzten Kerben in ihre Waffen, sie hielt nichts von diesen Dingen. Wenn etwas sie überhaupt beruhigen konnte, dann war es das Sitzen und beobachten. Wenn sie den anderen zusah, mußte sie nicht über sich und ihr Leben nachdenken, was ihr oft sehr recht war. Heute umso mehr. Die Abendluft kühlte ihre gereizten Augen und das Dämmerlicht maskierte sie auf so wohltuende Art.

Er konnte einfach nicht widerstehen. So sehr er sie mochte und respektierte, so sehr rang er auch mit seiner eigenen Neugier. Und schließlich gewann diese die Oberhand. Schließlich würde sie es ja auch nicht bemerken, also schlich er sich in ihre Stube. Immerhin hatte sie sie ja offen stehen lassen, sagte er sich, also muß ich wohl ein Auge darauf haben. Er trat ein. Die Stube war ordentlich, hier hatte das Dienstpersonal nicht allzuviel Arbeit. Aber der aufgeräumte Eindruck war ihm als Adjutanten nicht neu, was ihn interessierte war sie, ihre Welt, die Spuren die sie von dort in dieses Loch mitgeschleppt hatte. Wolfsgrund hatte etwas von einer Schwester erwähnt, die wohl auf der schiefen Bahn war. Ein undeutliches Gefühl des Ärgers durchzog ihn, als er an den Namen dachte. In dem Raum gab es nicht viele Orte, an denen man etwas aufbewahren konnte, aber das gab es in Offiziersbaracken nie, kein Soldat schleppte allzuviel persönliches mit sich herum. Er trat an den Garderobenschrank, das einzig große Möbelstück hier. Abgeschlossen war er nicht, irgendwie erleichterte ihn das ein wenig. Im Schrank hingen ein paar alltägliche Kleidungsstücke, nichts besonderes, eine Ersatzrüstung. Die Waffen dazu fehlten, sie waren auf dem Rüsthalter in der Zimmerecke verstaut. Er war nicht enttäuscht, weil er nichts besonderes an Kleidung erwartet hatte. Sie schien sich nicht viel aus ihrer Erscheinung zu machen, die ihn doch so faszinierte. Er schmunzelte bei dem Gedanken, hier ein Engelskostüm auf der Kleiderstange zu finden. In den kleineren Fächern fand er Unterwäsche, und so sehr in auch sein Gewissen zwickte, kam er nicht umhin, mit einem genießerischen Lächeln einen BH in seinen Händen zu wiegen. Aber das war nicht das was er wirklich suchte. Er wühlte weiter und fand interessanteres, Bilder. Eines zeigte eine schwarzhaarige Frau in schwarzen Priestergewändern. Es war farbig und offenbar von diesem genialen gnomischen Bilderapparat gemacht. Nicht billig sowas, dachte er sich, die Gnome lassen sich gut dafür bezahlen. Er selbst hatte für eine Geburtstagsfeier einen Bilderografen heuern wollen, aber es hätte sein Soldbuch gesprengt. Die schwarzhaarige Frau hatte stechende blaue Augen, die irgendwie in eine Ferne zu blicken schienen. Das war Nicatera Danae Stirlander, der Nachtvogel, die berühmte Sängerin. Er erinnerte sich an Plakate die er in Sturmwind und Darnassus gesehen hatte. Nicht unterschrieben, kein Grußwort, einfach nur ein Bild. Der Rahmen war abgegriffen, sie muß es oft in den Händen gehalten haben. Ein anderes Bild. Eine Frau mit grauen, hochgesteckten Haaren. Die gleichen stechend blauen Augen, aber irgendwie kälter, strenger, wie eisige Sterne. Der Fotograf mußte wahrhaft ein Meister seines Faches sein, um diese Eindrücke einzufangen. Auch keine Unterschrift, das war ungewohnt für ihn. Ein Bild aus früheren Tagen, vielleicht die ganze Familie, die Eltern und 5 junge Mädchen, vor einem großen Haus. Und fast alle diese blauen Augen. Ihn überkam immer ein wehmütiges Gefühl, wenn er alte Fotos in den Händen hielt, Zeugen einer Zeit, die nie stehenblieb, eines Flußes, der immer weiterfloß, eines Windes, den nichts hält. Er legte die Bilder behutsam zurück. Zwei Bücher des großen Heerführers Mok´A´Tal. Er hielt nicht viel von solchen Schriften, aber es schienen die einzigen Bücher zu sein, die sie.....nein, hoppla, da war noch etwas, er zog es heraus. Er stutzte und hielt einen kitschigen Dreikupferroman in den Händen. Nun, sie liest doch etwas. Er schmunzelte bei dem Gedanken, sie in diese Schundlektüre vertieft zu sehen. Ein Brief. Er kannte das Papier des Umschlages und die Siegel, ein Brief der Armee. Er überflog die Zeilen, es war ein Begleitschreiben zur Überreichung ihrer Eternium-Frontspange. Er las, was sich zugetragen hatte, zumindest die offizielle Armeeversion. Seit er ihre Spur verfolgte, hatte er sich gefragt, was diese Kriegerin schon erlebt haben mochte. Das war zumindest ein Hinweis, wenn auch kein erfreulicher, eher ein Beleg für den Preis den sie für diese Auszeichnung bezahlt hatte. Ihn schauderte. Noch mehr Briefe. Eine alte Einladung zu einer Feier eines Abschlußjahrgangs der Militärakademie, eine Rechnung eines Schmiedes und....ein Brief von Nicatera und einer von einer Ohka. Er las die Anrede "Schwester", aber das war auch schon das einzig familiäre, die restlichen Zeilen waren höfliche Grußworte und Glückwünsche, sehr förmlich gehalten. Und diese Briefe hielt sie für so kostbar daß sie sie überallhin mitschleppte? Sollte das schon das herzlichste sein, was sie ihr zu geben hatten? Während er noch grübelte, tastete er etwas Weiches. Er zog einen kleinen flauschigen Schneemann heraus, ein weiches kleines Püppchen, wahrscheinlich nicht das neueste. Das war weniger eine Kuschelpuppe, dafür war sie zu klein, mehr eine Art Glücksbringer oder sowas. Sein Herz klopfte heftig, als er es in seiner Hand hielt. Er spürte, daß er gerade einem Menschen sehr nah kam. So sehr er es sich erhofft hatte, so sehr begann er die Nähe, die er ungefragt gesucht hatte zu fürchten, wie etwas, das ihm nicht gehörte, ihm aber zugefallen war. Er steckte alles schleunigst wieder weg und verließ unauffällig die Stube.

Das traurige Lied einer Mundharmonika schlich in Stirlanders Ohren, eine sanfte, bittersüße Melodie. Sie dachte an ihre Schwester Nicatera mit ihrem lupenreinen Opernsopran. Vorgesungen hatte sie ihr nie, allerdings hatte sie sich auch nur selten getraut zu fragen. Oft saß sie in früheren Jahren heimlich an Stellen, wo man sie übern hören konnte und nahm sie in sich auf, wie ein Dieb der Melodien stahl. In den sanften Wind aus Noten schlich sich plötzlich ein fremdartiger Ton. Ein dunkles Heulen, das ihre Sinne alarmierte. Nein, hier im Heerlager konnte sich nichts feindliches aufhalten...und doch mußte sie instinktiv diesem fremdartigen Ton nachgehen. Er kam unregelmäßig, mal mehr ein Rauschen oder Pfeifen und dann wieder dieses klagende Heulen. Jedesmal, wenn es voll ertönte, klang es ein wenig tiefer. Als sie ihm folgte, wurde sie vom hellen Lichtschein einer Versorungsbaracke empfangen, aus ihren Türen quoll überreichlich das Licht und hinter dem Gebäude war das Geräusch. Sie wunderte sich, daß die Soldaten, die, mit Essen und Getränken versorgt, rund um die Baracke herumstanden, keinen Anstoß an dem Ton nahmen. Vorsichtig, aber doch bemüht sich nicht lächerlich zu machen, schlich sie um das niedrige Holzgebäude. Auf der Rückseite saß eine Soldatin, eine Rekrutin von den 64. Säbelfechtern, Sturmwind-Garderegiment. Sie saß am Boden, mit dem Rücken gegen die Holzwand der Baracke gelehnt und ruhte sich aus wie jeder andere, dem die Schlacht bevorstand. Sie blickte kurz zu Stirlander auf und grüßte halbwegs korrekt, wandte sich dann aber wieder desinteressiert ab und ihrer fast leeren Limonadenflasche zu. Einem Hauptmann der Infanterie steht es nicht gut zu Gesicht, in der Gegend herumzustehen und Rekruten anzuglotzen und so wandte sich die ranghöhere wieder ab, aber ohne sich allzuweit zu entfernen. Plötzlich hob die Rekrutin ihre leere Flasche an die Lippen und blies über die Öffnung, was einen tiefen heulenden Ton hervorbrachte. Wie von Donner gerührt drehte Stirlander sich zu ihr um. "Was tun Sie da, Soldatin?" Ihre Stimme verriet Neugier und Hast, was sie aber in diesem Moment wenig störte. "Ehm, ich hab da reingeblasen, is was?" Zwei erstaunte Blicke trafen sich. "Nein...nein. Ich habe mich nur gefragt, was......machen Sie das Geräusch nochmal bitte." Die Soldatin blies wieder hinein, diesmal so lang wie ihr Atem hielt. Ein tiefer Heulton erklang. "Was sind das für Flaschen?" "Kein Alkohol, Hauptmann, das kann ich Ihnen versichern, wir alle hier..." "Nein, das meinte ich nicht!", unterbrach Stirlander sie. "Wo kommen die her?" "Och, das sind ganz normale Limonadenflaschen von Skippys und Gunnis, die werden hier von der Kantine ausgegeben." Sie wies lässig mit einen Daumen über ihren Rücken auf die Versorgungsbaracke. Neben ihr stand ein ganzer Kasten dieser Getränke. Sie deutete auf ihn. "Möchten Sie einen Schluck? Es gibt alle möglichen Sorten: Spritz, Fantu, Hoka-Lola und Sieben Hoch." "Ähm, nein, ich nehm aber gern ein paar leere Flaschen mit, wenns recht ist." "Hm, mir recht, der Kasten ist eh fast durch, nehmen Sie nur." Sie raffte ein paar leere Flaschen aus dem Kasten, bedankte sich hastig und lief schnell zurück in Richtung ihrer Einheit. Die Soldatin lehnte sich wieder zurück und wedelte, die Augen rollend mit der Hand vor ihrem Gesicht.

Hauptmann Stirlander rannte was die Beine hergaben, bis sie das Lager des 8. Bataillons wieder erreichte. Im Laufen sah sie einen Unterleutnant aus ihrem Regiment. "Loslos, holen Sie mir Leutnant Kayfal von den Greifenreitern ran. Und seine Leute. Und er soll seine besten Leute samt Greifenzerstörern herbeischaffen. Und alle Bomben! Ich wiederhole: Alle Bomben! Haben Sie mich verstanden? Sie sollen auf mich warten, ich komme bald zurück! Greifenmeister! Greifenmeister, wo stecken sie? Ich brauche sofort ein einsatzbereites Tier, aber Dalli" Die letzten Worte rief sich noch, während sie sich schon im Laufschritt zum Greifenlandeplatz begab, den Arm voller Skippys und Gunnis-Flaschen. Noch eher der erschütterte Unterleutnant alle Befehle in sich sortiert hatte, schwang sich ein Greifenzerstörer auf seinen mächtigen Schwingen in den dunklen Himmel, seine Reiterin wie eine Kriegsgöttin hinauftragend.

Man konnte Leutnant Kayfal einiges nachsagen, von seiner mageren, krummbeinigen Figur bis hin zu seinem Tick, beständig unter seine Fußsohlen zu sehen. Aber der Nachtelf war weder dumm noch unwillig. Als der aufgeregte Unterleutnant ihn in der Offiziersmesse aufsuchte und mit den wirren Befehlsbrocken, die Stirlander ihm ins Gesicht geworfen hatte konfrontierte, schloß er daß sich gerade etwas zusammenbraute, auf das sie alle warteten. Er ließ also sein Abendessen stehen ( die Küche der Menschen faszinierte ihn eh so sehr wie eine umgedrehte Gehwegplatte, aber auch Elfen sind als Soldaten einiges an Entbehrung gewohnt ) und begab sich zu seinen Leuten. Die Luftkavallerie der Ehrenfeste stand ein wenig in dem Ruf, elitär und exzentrisch zu sein, aber daß sie erfahrene und hoch motivierte Soldaten waren, das mochte keiner bestreiten, der je mit ihnen zu tun hatte. Die kleine eingeschworene Truppe machte sich sofort auf zu ihren Tieren, als sie von Kayfal an ihrem Lagerfeuer aufgeschreckt wurden. Er selbst holte nachdenklich die 5 schweren Bomben in ihren Lederfutteralen aus dem Magazin. 5 Bomben, was kann man damit nur ausrichten? Und was nur führte die blonde Frau von den Pionieren im Schilde? Ob es stimmte, daß sie einen nächtlichen Rundflug unternahm, bepackt mit leeren Limonadenflaschen, wie es der Unterleutnant berichtet hatte? Ein sonderbares Verhalten. Unbewußt hob er einen Fuß und schaute auf dessen Sohle.

General Rumkiesel richtete seinen Blick nach oben, mittlerweile war es tiefe Nacht geworden. Zwerge sind schon aus Gründen ihres immensen Stolzes nur selten zu bewegen, ihren Blick permanent nach oben zu richten, egal wer mit ihnen spricht, aber das ergebnislose Absuchen des Nachthimmels nach seinem ausgeflogenen Hauptmann machte ihn nur noch ungehaltener. Mißmutig verpaßte er dem einen oder anderen größeren Kieselstein einen Tritt, so daß dieser klickernd in der Dunkelheit verschwand. Er hatte den Unterleutnant, der wie ein kopfloses Huhn in die Messe gestürmt war ausgequetscht wie einen säumigen Rekruten, aber mehr als das was Kayfal ihm erzählen konnte, war nicht aus ihm herauszuholen. Sein Instinkt als Kommandeur riet ihm, die wichtigsten Generäle aufzuscheuchen, den Marschall aber noch nicht zu informieren. Wenn Ereignisse anstanden, dann hatte Rumkiesel meist das richtige Gespür, welcher Rahmen ihnen zu geben war, wenn sie dann eintraten. Er erinnerte sich sehr gut an die Diskussion vom Nachmittag, an Stirlander und ihren Vorschlag einer Überraschung, den sie nicht näher durchdacht hatte. Er schmunzelte in seinen Wasserfall von einem Bart, als er daran dachte. Es war deutlich zu spüren, diese Überraschung würde bald klar vor ihnen liegen, so gut kannte er seinen Hauptmann. Er sah hinüber zu Kayfal und seinen Reitern, die ebenfalls angestrengt ihre Augen in den Himmel bohrten, als könnten sie die Reiterin aus dem Nether der sie scheinbar verschluckt hatte herausschälen, wenn sie nur lang genug blickten. Das Halbgeschwader war komplett gerüstet, ihre legendären rosa Halstücher ( eine weitere Exzentrizität ) flatterten seidig im Nachtwind. Ohne Kayfal mit überflüssigen Rapportfragen zu behelligen, wußte er, daß ihre eleganten Tiere bereits fertig gerüstet in den Ställen scharrten. Die Stille drückte über ihnen. Hier, auf dem großen Platz vor dem Hauptquartier und fernab der Lagerfeuer, schnitt kaum ein Geräusch durch die dunkle Stille. Vor einer Weile hatte er im Abstand von einigen Minuten immer wieder ein tiefes Heulen gehört, das allerdings nicht aus der Richtung des Feindes kam. Es klang so ähnlich wie die guten alten Meldepfeile, das waren Geschosse, die an ihrem Ende eine Pfeife trugen. Mittels verschiedener Pfeifen konnte ein Bogenschütze so Botschaften über Kurzdistanzen übermitteln, die kein Feind abfangen konnte. Allerdings kamen die Geräusche weder aus einer logischen Richtung, noch waren sie so gleichförmig und vor allem schienen sie senkrecht von oben zu kommen. Ein unheimliches Geräusch. Während er an die Meldepfeile dachte, verloren sich seine Gedanken in früheren Zeiten, vergangene Schlachten. Wie jeder Veteran, so schleppte auch Rumkiesel so manche Erinnerung durch die Welt, gute wie schlechte. Ein aufgeregter Ruf eines Melders riß ihn abrupt aus seinen Gedanken. "Achtung! Greifenzerstörer anfliegend aus Ost-Nord-Ost! Wiederhole: Achtung! Greifenzerstörer anfliegend aus...." "Jaja, ist ja gut, wir sehen sie ja!", unterbrach Rumkiesel ihn unwirsch. Was auch immer sie dort oben getrieben hatte, sie kehrte zurück. Langsam schälte sich der Schatten des Flugtieres aus dem Dunkel, eine Silhouette, die sich immer deutlicher abhob und dem Greifenplatz entgegenschwebte wie eine schwarze Feder. "Kayfal, rufen sie Hauptmann Stirlander zum Rapport.....bevor sie es tut." Rumkiesel hob sich sein Grinsen auf, bis er sich von den anderen weggedreht hatte und der Offiziersmesse zustrebte.

Als sie eintrat, war ihr, als beträte sie einen Ballsaal. Der vertraute Raum schien größer, heller und voller gespannter Atmosphäre zu sein. Die Runde war sogar noch kleiner als die der offiziellen Besprechungen am Morgen, aber die bizarre Feierlichkeit, die ihr entgegenschlug wie ein Hammer, ließ das zum bloßen Zahlenspiel schrumpfen. Alle sahen sie an. Ihr Herz klopfte. Sie wußte nicht, was Rumkiesel den Kommandierenden erzählt hatte, aber ihnen war von den Augen abzulesen, daß ihnen eine erleichternde Lösung in Aussicht gestellt wurde. Hatte sie diesmal an alles gedacht? Ihr drohten die Gedanken in einem Chaos unterzugehen, wie treibende Blätter in einem Strudel. Sie war keine große Rednerin, das wußte sie, aber irgendwas mußte sie sagen. Rumkiesel deutete ihr an, Platz am vorderen Ende der Tafel zu nehmen, dem Platz der normalerweise dem Oberkommandierenden, also Marschall Kardon zugedacht war. Er fehlte, schoß es ihr durch den Kopf. Warum? Wollte er nicht kommen? Hat man ihn nicht gerufen? Es war ihr unmöglich, aus jeder dieser Möglichkeiten eine Schlußfolgerung zu ziehen, zu angespannt rotierten ihre Gedanken jetzt. Stattdessen setzte sie sich wortlos, von den gespannten Blicken verfolgt. Es war fraglos eine ungewöhnliche Runde. „Hauptmann, wir sind sehr gespannt, was Sie herausgefunden haben, wollen Sie es uns nicht verraten?“ Rumkiesel versuchte, ihr den Einstieg leicht zu machen und lächelte sie gütig an, um ihr Ruhe zu vermitteln. „Kameraden! Ich…also…es geht um die Frage nach der Überraschung, die wir dem Feind bereiten wollten. Mir ist etwas eingefallen, eigentlich mehr ein…Zufall. Wenn….“ Sie stockte etwas und faßte sich dann. „Entscheidend ist, daß der Feind glaubt, einem schweren Angriff ausgesetzt zu sein. Nur dann können wir darauf hoffen seine Stellung zu schwächen. Wir müssen Ablenkung erzeugen, besser noch wäre, wenn wir einzelne zur Flucht bewegen könnten. In dem entstehenden Durcheinander...."

"Guten Abend, die Herrschaften! Ich hoffe ich störe nicht bei diesem kleinen Plausch?" Der Marschall! Er stand wie ein Monolith auf dem Treppenabsatz. Ihr wurde schlagartig klar, daß man ihn nicht gerufen hatte, aus welchem Grund auch immer. Sie brachte kein Wort mehr heraus, dort stand der Mann den sie nur wenige Stunden zuvor geohrfeigt hatte. Und sie wußte genau, was das bedeuten konnte; nach Militärrecht konnte er sie dafür degradieren und, wenn es ihm gefiel, auch exekutieren lassen. Gewalt gegenüber Vorgesetzten, schoß ihr durch den Kopf, was sie stundenlang verdrängt hatte. Sie hatte sich in ihre Gedankenspiele gestürzt und war froh über die Ablenkung. Sicher, sie hatte kein schlechtes Gewissen. Nachdem er ihr seine unerhörten Machenschaften verraten und auch noch vorausgesetzt hatte, sie würde ihm dafür begeistert Respekt zollen, war alles moralisch klar vertretbar. Aber Moral und Recht in der Armee, das waren zwei verschiedene Dinge und sie war nicht naiv. Ihre Knie wurden weich, während Kardon die letzten Stufen herunterschritt und zu den sprachlosen Anwesenden trat. "Marschall, wir hätten Sie noch informiert, wenn wir erstmal erfahren hätten was für Informationen und Vorschläge Hauptmann Stirlander vorzutragen gedachte." Rumkiesel versuchte die Spannung zu lösen, aber von dem Vorfall konnte er ja nichts wissen. "Ein..Vorschlag?" Kardon lächelte, aber es sah reichlich gespielt aus. "Nun, dann bin ich umso gespannter, was unsere Soldaten so alles ausknobeln. Hm, bevor wir allerdings über unaugegorene Dinge reden, möchte ich mir persönlich ein Bild davon machen." Er sah Stirlander direkt ins Gesicht, ein Meer aus undurchschaulicher Strenge. "Hauptmann, wollen Sie es mir nicht erstmal unter vier Augen erzählen? Meine Herrschaften, Sie entschuldigen uns doch sicher für einen kleinen Augenblick?" Er deutete auf eine Seitentür, die zu einer kleinen Kammer führte, in der normalerweise das Essen angerichtet wurde. Ihr schoß ein eiskaltes Gefühl durch den Bauch, als würde alles in ihr gefrieren. Wie in Trance folgte sie ihm, so gerade wie sie sich machen konnte. Er ging voran, aber ihr war klar daß er sie nicht zu beobachten brauchte. Er mußte spüren wie es in ihr aussah. Er schloß die schmale Tür hinter ihr und setzte sich in einen verhangenen Sessel, ohne den Überwurf zu entfernen. Sie blieb unschlüssig stehen. "Setzen Sie sich, Hauptmann" Er deutete auf einen zweiten Sessel und sie ließ sich kraftlos hineinsinken. "Nach unserer kleinen.....mißlungenen....Unterhaltung scheinen Sie sich ein wenig herumgetrieben zu haben. Nun, dann lassen Sie mich doch mal an ihren Gedanken teilhaben, meine Liebe." Seine Worte flogen ihr entgegen und wollten sie schier umwerfen. Sie war froh, bereits zu sitzen. Was sollte sie berichten? Sie war nie der Typ, der Dinge einfach auf sich beruhen lassen wollte. Und diese Unterhaltung vorhin war der Wendepunkt, auch wenn sie nicht genau wußte, ob er es nur in diesem Krieg, ihrer Karriere oder gar ihres Lebens war. Sie hatte aber auch nicht die Kraft, bei den Ereignissen von vorhin wieder anzuknüpfen und blieb hoffnungslos in ihren Empfindungen verstrickt. Wieviel lieber wäre es ihr gewesen, er hätte einfach die Initiative ergriffen und ihr gesagt, was jetzt mit ihr geschehen würde. Sie haßte das. Sie empfand es unbewußt als ungerecht. Ahnend, daß eine Fortsetzung der früheren Diskussion nichts mehr ändern würde, beschloß sie, ganz einfach bei den Fakten zu bleiben und ihren Plan zu erklären. Dort fühlte sie sich gerade noch sicher genug, frei zu sprechen. Sollte er sie doch verhaften oder hinrichten lassen, ihren Plan würde sie noch loswerden. Und vielleicht, vielleicht...würde er ja umgesetzt, egal was aus ihr würde.. Kardon saß vornübergebeugt in seinem schweren Sessel und schaute sie mit undurchdringlicher Miene an. Sie wich seinem Blick aus und fixierte ein Bild gegenüber, was eine Landschaft in Mulgore zeigte. "Zu Befehl, Marschall! Also, wenn wir berücksichtigen, daß wir zuwenig schwere Bomben haben, um ernsthaft aus der Luft anzugreifen....." Sie wurde nur einmal unterbrochen, und das vom Schlag einer mechanischen Uhr in diesem Raum, die jemand vergessen hatte abzustellen.

Draußen wurden eifrige, aber leise Diskussionen über das merkwürdige Verhalten geführt. Man trank Wein und beriet sich. Man war der Ansicht, daß Rumkiesels Entschluß, den Marschall vorerst nicht zu informieren, durchaus angemessen war und daß dies nicht der alleinige Grund für dessen sonderbares Verhalten sein konnte. Aber durch Diskutieren allein wollte sich so recht keine Lösung finden und man überbrückte eigentlich nur die Zeit, bis die beiden wieder erschienen und sich die Lage klärte. Kayfal war etwas besorgt, weil seine Greifen sich immer noch voll gerüstet in den Bereitschaftsställen drängten, die schweren Bomben neben sich, nur vom Rüstmeister der Pioniere bewacht. Inmitten der tiefen Nacht draußen wurde es zwar stiller mit der Zeit, aber ganz abebben wollte das Lebensgeräusch dieses Heerlagers doch nicht. Man hatte im Angesicht der kommenden Schlacht auf den Zapfenstreich verzichtet. Die Soldaten würden eh kaum Schlaf finden vor Anspannung, und den Kommandanten waren übernächtigte Soldaten lieber als unnötig angespannte. Dann öffnete sich kleine Tür und beide traten wieder in den großen Ballsaal. Kayfal bemerkte Stirlanders müdes Gesicht. Was auch immer hier passierte, es gab irgendeine Spannung zwischen diesen beiden und er war neugierig herauszufinden, welche. Unbewußt beobachtete er seine Schuhsohle. "Meine Herrschaften. Als Oberkommandierendem dieser Armee obliegt es mir, in besonderen Fällen besondere Entscheidungen zu treffen, dazu bin ich vom König ermächtigt. Im Interesse dieser Armee komme ich nicht umhin, eine personelle und taktische Entscheidung zu treffen. Hiermit..." Das wars, aus! Schoß es Stirlander durch den Kopf. Er wird Dich erschießen lassen und Du bist selber schuld daran. Ihre Gedanken rotierten immer schneller. Hätte sie doch auf den Vorfall eingehen sollen? Hätte sie ihn um Verzeihung bitten sollen? Sie ärgerte sich über sich selbst, ihre Unbeherrschtheit und ihre gleichzeitige Angst. Mit einem Mal wurde es ihr egal, was aus ihrem Plan wurde, sie stellte sich vor wie ein Dutzend Armbrustbolzen in sie dringen würde, ein unehrenvolles Begräbnis, der lapidare Brief an die Familie. Das war nicht gerecht. "....ordne ich an, daß Hauptmann Stirlanders Plan aufgrund seiner simplen Genialität direkt und unter ihrem Kommando umgesetzt wird. Während dieser Operation unterstelle ich ihr also ranghöhere Offiziere. Das mag ungewöhnlich sein, aber so ist meine Entscheidung." Eine Pause entstand. Es war zwar ungewöhnlich, aber durchaus akzeptabel und nicht wenige hatten mit einer Entscheidung in dieser Richtung gerechnet. Die einzige, die von diesen Worten total erschüttert war, war die große blonde Soldatin, die das alles erst ausgelöst hatte. Sie schien wie vom Donner gerührt und starrte hilflos in die Runde, als wüßte sie nicht, was sie hier tat. "Kameraden..." ihre Stimme war wacklig wie ihre Knie. "....ich werde erklären, was wir zu tun haben. Allerdings....ich weiß daß es schon spät ist, aber ich bitte zuvor um eine Pause um mich vorzubereiten." "Gut, meine Herrschaften, treffen wir uns in einer halben Stunde wieder, ich lasse solang frischen Kaffee bereiten, den werden wir brauchen. Weggetreten!" Bei dem Gedanken an diesen widerlichen Kaffee zog sich Kayfal der Magen zusammen wie gegerbtes Leder. Sie ging auf die Treppe zu, um in ihr Zimmer zu gehen, sie brauchte Abstand um alles zu verarbeiten. Würde er sie kurz vor dem befreienden Schritt noch einmal aufhalten, so wie er es schon öfter getan hate? Noch einmal persönliches bereden wollen? Zögernd lenkte sie ihre Schritte auf die ersten Stufen hinauf. Er rief ihr nicht nach.

Sie betrat ihre Stube, es war nicht abgeschlossen. Sie ärgerte sich über ihre Nachlässigkeit, aber sie wurde schnell von etwas auf ihrem Tisch abgelenkt. Sie rieb sich über die Augen, aber es war keine Sinnestäuschung. Dort stand ein Blumenstrauß. Blumen in dieser höllischen Wüstenei wirkten so vollkommen fremd, sie wüßte gar nicht zu sagen, wo dieser Strauß hergekommen waren. Sie näherte sich ihm so vorsichtig, als könnte er sie beißen. Daran hing ein Kärtchen, mit wenigen Worten beschriftet. Verwirrt las sie. "Tatsachen muß man kennen, bevor man sie verdrehen kann. Gruß Marschall Isildis Kardon." Dieser Schuft! Er hat gewußt, wie es mich quälte. Diese Blumen waren schon den ganzen Abend hier und er hat mich zappeln lassen wie eine grüne Rekrutin! Sie fluchte laut vor sich hin. Sie hatte das dringende Bedürfnis, dem Tisch einen gehörigen Tritt zu verpassen, aber sie erinnerte sich rechtzeitig daran, daß sie sich gerade über ihre mangelnde Disziplin geärgert hatte und schlug stattdessen so heftig mit der Faust auf die Tischplatte, daß die Hand schmerzte. Voller Wut hielt sie die schmerzende Hand zwischen ihren Beinen als Shmalk eintrat, durch die Flüche und den Schlag alarmiert. Wortlos sah sie ihn an. Ihre Blicke trafen sich und Shmalk war bei ihrem Blick nicht wohl. Sie schien wütend, aber auch verletzt und hilflos. Er registrierte die Blumen, und er fragte sich, wann nach seinem Eindringen in ihre Stube die Blumen hier reingekommen waren und warum er es nicht bemerkt hatte. Er hütete sich, weiter darüber nachzudenken, so als ob er fürchten mußte, seine Gedanken könnten erraten werden. Sie sah ihn noch immer an. Er wußte nichts anderes zu tun als seine Arme zu öffnen und sie warf sich wortlos hinein, ihr Gesicht an seinem Hals vergrabend. So hielt er sie, sein Gesicht unter einer Flut weizenblonden Haars vergraben, bis die Pause vorüber war.

Die Besprechung war ungewöhnlich kurz. Sie erklärte ihren Plan kaum anders, als ihn dem Marschall erklärt hatte. Details zur Schlacht selber wollte man am nächsten Tag besprechen, wenn alle ausreichend geruht hatten. Einzig der entscheidende, vorbereitende Schlag, der noch in dieser Nacht durchgeführt werden mußte, wurde im Detail besprochen. Nach kaum 20 Minuten trennte man sich und Kayfal gab seinen Greifenreitern endlich den erlösenden Startbefehl. 6 Greifenzerstörer schwangen sich auf ihren mächtigen Flügeln in den Nachthimmel, Kayfal selbst dem Halbgeschwader voranfliegend. Jeder weitere Greif war neben seinem Reiter mit einer schweren Area52-Bombe und einigen leeren Skippys und Gunnis-Limonadenflaschen beladen. Sie flogen unbemerkt von allen Spähern in großer Höhe Richtung Westen, dorthin, wo die starken Befestigungen lagen, dorthin wo Stirlander, Shmalk und Wolfsgrund durchgeschlichen waren. Die Tiere trugen trotz ihrer Stärke schwer an der Last, sie waren durch die letzten Tage ohnehin genug beansprucht. Sie folgten ihrem Geschwaderführer durch den schwarzen, abweisenden Himmel, bis dieser im Flug anhielt. Seine scharfen Elfenaugen hatten den inneren Wehrgürtel im schwachen Licht ausgemacht, schüchtern glommen schwache Keile aus Licht über den Boden, dort wo sie aus einer Wachstube durch die geöffneten Türen ins Freie gelangen konnten. Ein Wink und die Reiter schwärmten aus, das war das Signal zum Abwurf nach eigenem Ermessen. Aus dieser Höhe würde es schwierig sein, einzelne Ziele zu treffen, aber darauf kam es heute nicht an. Erste Flaschen flogen in die Tiefe, sich drehend wie harmlose Nachtvögel. Der Luftstrom des Falls zog an den leeren Flaschenhälsen vorbei und erzeugte einen wirbelnden, heulenden Klang, der unirdisch klang. Weitere Flaschen folgten, und dazwischen die düster-schwarzen Bomben, die inmitten der Kakophonie der heulenden Flaschen nach unten fielen, ihren Zielen entgegen. Gespannt sahen die 6 Reiter nach unten, in die Befestigungen. Und dann blendete sie der erste Aufschlag einer Bombe, gleißend wie Tageslicht, eine unglaublich helle Flammenwelle drückte kreisförmig auseinander, einen großen Bereich des Bodens beleckend. Schanzkörbe, Belagerungsmaschinen, Wehre und kleine Punkte, die wohl Höllenorcs waren, flogen von der enormen Druckwelle erfaßt durch die Gegend. Ein furchtbares Krachen drang von unten herauf, wie eine moderne Hölle, die ihren Schlund geöffnet hatte. Weitere Bomben detonierten im Umkreis, Flammen breiteten sich aus, während den Reitern die Ohren schmerzten, gewöhnten sich ihre Augen langsam wieder an die Dunkelheit. Unten brannte es. Der Geruch von brennendem Holz stieg zu ihnen hinauf, auch der sengende, widerliche Geruch verbrannten Fleisches. Die Befestigungen dort unten waren in groteskem Durcheinander aufgelockert, als ob ein riesiges Kind die Lust verloren und seine Spielzeugsoldaten mit den Füßen bearbeitet hatte. Auf freien Flächen liefen die kleinen Punkte ziellos hin und her, und wer diesen Angriff überlebte, würde sich sicher an das unheilverkündende Heulen erinnern. Mehr wollten die Greifenreiter nicht. Kayfal gab das Zeichen zum Sammeln und seine Reiter flogen Richtung Osten ab, ihrem Stützpunkt entgegen.


Der Morgen wälzte sich mühselig über den flachen Hügel, der von fremder Hand den Namen Höhe 122 bekommen hatte. Hinter seiner sanft auslaufenden Kante wehte der Sand träge um die Füße der größten Heeresansammlung, die dieser Landstrich je gesehen hatte. Über 4000 Mann der Allianz waren hier versammelt und starrten in Richtung der Kliffkante, die den Kessel des 29. Inf. vor ihnen verbarg. Dort hinunter ging es dem Feind entgegen, dort hinunter würden sie in Kürze stürmen. In Kürze, wenn die Frau vor ihnen das alles entscheidende Kommando geben würde. Sie war groß, sehr groß und ihr blondes Haar wehte wie eine Fahne im leichten Wind. In einer Hand trug sie die Standarte mit dem Wappen Süderstades, der Meerjungfrau, dem Banner der 8. Infanterieregimentes. Mit der anderen Hand hielt sie die Gefechtszügel eines Greifenzerstörers, der mit Lanze und Schild behangen war. Aus der Ferne sah sie wie eine Kriegerstatue aus, die grau-goldene Schlachtrüstung der Armeen des Königs schmolz auf Entferung zu einem Granitton zusammen, nur das Haar und das Banner regten sich in diesem Bild. Und niemand konnte erkennen, wie die Anspannung unter dem Stahlblech hochkochte. Sie war Stirlander, der Engel vom Schwarzfels. Das war die einfache Wahrheit, der auch sie sich fügte. Sie stand vor dieser Armee, und all diese Individuen, all diese Soldaten, deren Lieder sie noch gestern an den Feuern gehört hatte, verschmolzen zu einem Etwas, zu einer einzigen großen Faust, die nur auf ihren Wink wartete. Der Wind stand günstig, er trug ihre Worte weit, mitten unter die tausenden von Ohren. "Soldaten! Ich mache keine großen Worte. Dort unten warten Kameraden darauf, daß sie nach Hause kommen, genau wie ihr. Wir werden jetzt da runtergehen und sie rausholen, wir gehen alle zusammen nach Hause oder keiner. Und ich gehe mit Euch. Aber....ich will nicht, daß ihr tut was ich will, ich will daß ihr es selber wollt. Mit euren Herzen. Der Anführer eines großen Heeres kann besiegt werden, aber den festen Entschluß eines einzelnen kann nichts und niemand wankend machen. Ihr seid Helden, geht da runter und zeigt es ihnen! Für die Allianz, für das Licht, Attacke!" Sie übergab Shmalk die Standarte und schwang sich auf den Greifenzerstörer, das Tier war mit wenigen mächtigen Flügelschlägen in seinem Element. Unter ihr hindurch strömten die Soldaten vorwärts, Hurrahrufe schreiend, der Kliffkante entgegen, wie eine große, klirrende und stampfende Woge. Stirlander spähte nach oben. Während ihr Greif in der Luft über den sich ordnenden Soldaten schwebte, erspähte sie vor sich und weit oben die dunklen Punkte von Greifenreitern. Sie kreisten genau über der Stelle, an der die Woge sich in den Befestigungen der Höllenorcs brechen würde. Sie blickte gebannt auf diese kleinen Punkte am roten Himmel und dann hörte sie das markante Heulen der stürzenden Flaschen, diesmal nur vielfach verstärkt, Dutzende und Aberdutzende Flaschen gingen jaulend in die Tiefe, dazwischen detonierten simple Übungssprengsätze, die keine Sprengwirkung hatten, aber enormen Radau verursachten. Sie beobachtete mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, daß Orcs Haken schlagend wie Hasen aus ihren Schutzwällen aufsprangen und wild gestikulierend die Flucht ergriffen. Der Schlag der vergangenen Nacht saß ihnen in den Knochen, ganz wie sie es gehofft hatte. Und jeder dieser panischen Hasen riß im Vorbeilaufen weitere mit sich, bis die ganze Front unterhalb der Höhe 122 in wildem Durcheinander versank. "Hooooo!" rief sie dem Greifen zu und preschte nach vorne, es war Zeit, ihren Teil zu leisten, bevor die Soldaten die Frontlinie erreichten. Hinter ihr flogen weitere Greifen auf und alle passierten in niedriger Höhe das Gestell, in dem die Wurfanker der Turbinenwinden steckten. Jeder Reiter nahm einen Anker auf und zog im Flug die schwere Trosse der Winde hinter sich her. Das war eine große Last für die Tiere, aber sie mußten nur die Höhe hinab bis zu den Befestigungen zurücklegen. Stirlander drehte sich zur Seite und konnte deutlich Kayfals offenen darnassischen Reiterhelm erkennen, er blickte lächelnd zu ihr hinüber. Im Gleitflug ging es die steile Kante hinunter, nur knapp über den Köpfen der Soldaten. Schon tauchte an Fuß des Hügels der finster aussehende Wald aus Befestigungen auf, jeder Reiter steuerte nach eigenem Ermessen einen Punkt dort an. Vor ihr war ein Schanzkorb in den Palisaden eingebaut, mehrere Meter breit und sicher ein wenig im Boden vergraben. Hinter seinen Schießscharten sah sie deutlich Orcs mit ihren Armbrüsten, ein gefährliche Hindernis, das erst von Fußsoldaten umrundet werden müßte. Dazu müßten sie noch in den Graben springen, der sich sicher dahinter befand, es wäre ein Todeskommando für die ersten Soldaten. Genau der richtige Punkt für ihren Anker. Sie flog von schräg oben an, gerade so, daß die Schützen weder durch die Schanze noch darüber hinweg schießen konnten. Wie ein mächtiges Untier hing der Greif nun in Armesreichweite über der Schanze. Bevor sie ihren Anker einhaken konnte, kletterten zwei Orcs mit Äxten auf den oberen Rand, um den Angreifer abzuwehren. Der erste endete schreiend in den vorderen Fängen des Greifen, mühelos seine unterarmlangen Krallen durch die Rüstung des Orcs drückend. Dem zweiten verpaßte seine Reiterin einen Schlag mit dem Reiterhammer, der krachend seine Schulter traf. Stöhnend torkelte der Orc von der Kante und fiel zurück in den dahinter liegenden Graben. Schnell hakte sie den Anker ein und löste den Greifen aus der verwundbaren Position, zurück zur Höhe. Unbelastet von der schweren Trosse gewann er mühelos an Höhe und oben auf der Kliffkante warf sie ihr farbiges Rauchsignal. Die dazugehörige Turbinenwinde antwortete mit einem Tuten und mit heiseren Fauchen begann die Turbine die Trosse anzuziehen. Kein einzelnes Bauwerk konnte der geballten Kraft dieser zwergischen Pioniermaschine widerstehen, und so ruckte die Schanze kurz, dann hob sie sich aus der Erde und wurde, sich überschlagend und ihre Insassen zermalmend, soweit herausgerissen, bis sie nur noch ein Haufen Trümmerholz war. Stirlander blickte sich um. Überall an dieser Stelle erhoben sich farbige Rauchsignale. Das gewaltige Dampfkonzert aller Winden im Rücken, beobachete sie, wie einzelne Punkte dieser einst so furchterregenden Wallanlagen auseinanderfielen und zersplitterten. Die Greifenreiter, die ihren Haken wiederfanden, nahmen ihn erneut vom Boden auf und flogen neue Ziele an. Ohne Probleme fand sie ihren Anker wieder, wog das Mithril in der Hand. Einen Angriff würde sie noch fliegen können, bevor die Sturmspitze der angreifenden Armee die Befestigungen erreichte und es zu gefährlich wurde, Objekte dazwischen einzureißen. Sie warf ihren Anker aus einigen Metern Höhe zielsicher auf ein Katapult und traf die Spannwelle. Der Anker wickelte sich pflichtschuldig darum und sie flog die Anhöhe hinauf, um der Winde ihr Signal zu setzen. die Bestätigung gar nicht erst abwartend, rauschte sie wieder hinab, gerade rechtzeitig, um der verdutzten Besatzung des Katapultes zuzusehen, wie sie versuchte möglichst schnell von ihrer Kriegsmaschine loszukommen. Das Katapult wackelte, taumelte und kippte schließlich um, der gespannte Wurfarm löste sich und das riesige Gerät hüpfte wie ein irrer Frosch nach oben, nur um anschließend splitternd auf dem Boden zu zerschellen. Wie bei der Fuchsjagd setzte sie der panischen Besatzung nach und erwischte vom tieffliegenden Greifen aus 3 von ihnen mit dem Greifenhammer, einer speziellen langstieligen Ausführung des normalen Streitkolbens. Die ersten Soldaten erreichten jetzt die Barrikaden. Sie flossen um sie herum, über sie hinweg, durch sie hindurch. Kampflärm drang an ihr Ohr. So sehr sie auch in alter Gewohnheit um jeden einzelnen bangte wie ein kleiner Leutnant, si befriedigt war sie doch, den Feind in Scharen flüchten und herumlaufen zu sehen und viele seiner Abwehranlagen an dieser entscheidenden Stelle vernichtet zu wissen. Sie sah die Turbinenwinden und Rüstpanzer langsam den Hang herunterfahren und sich zu postieren, jetzt als ein Schutzschild für die Verwundeten fungierend, bevor man diese abtransportieren konnte. Und dann sah sie einen Punkt aufsteigen. Von weit hinten im Belagerungsring schälte sich ein fliegender Punkt heraus, der schnell an Höhe gewann und auf das Schlachtfeld zusteuerte. Na also, der Feind wacht auf. Es war nur ein einzelner Punkt, keine echte Gefahr, und doch lag etwas Beunruhigendes darin, wie er sich rasend schnell bewegte. Der Reiter war kein Mensch, das war sicher. Der Figur nach ein Höllenorc, aber weit besser ausgestattet. Er trug eine schwarze Rüstung, der dunkle Stahl glänzte im Licht der Morgensonne. Schon auf Entfernung war seine monströse verzauberte Axt zu sehen, die leuchtende Streifen am Himmel hinterließ. Ein Kriegshäuptling!, dachte sie sich...oder etwas in der Art. Sein Windreiter muß eine besondere Züchtung sein, sie hatte nur wenige Flugtiere sich so schnell bewegen sehen. Dann war es doch eine Gefahr, eine Demoralisierung, ein zeichen für den Feind, zu kämpfen. Und ein Gegner der sich gnadenlos die Schwachstellen ihrer Soldaten herauspicken und töten würde. Das konnte einen ebenso furchtbaren Effekt auf die Moral haben wie ihr Trick mit den heulenden Flaschen. Der Windreiter verharrte kurz in der Luft, dann schwang er sich zu einem der hochfliegenden Greifenreiter auf. In Stirlander bebte es, sie wünschte, sie hätte die Chance gehabt, dem Reiter eine Warnung zuzurufen, aber von hier konnte sie nur hilflos zusehen, hilflos wie ein Hirte der einen Adler in seine Schafherde stoßen sieht. Gebannt sah sie zu, die Zähne fest aufeinandergebissen. Der Orc erreichte den Greifenreiter mühelos, konnte sogar noch etwas Höhe gewinnen und von oben und aus der Sonne heraus mit furchtbarer Präzision zuschlagen. Die riesige Axt flog dem Greifen in die Flanke und er taumelte. Der Orc machte überhaupt keine Anstalten, sich außer Reichweite der gegnerischen Waffe zu bringen und schlug nocheinmal im Schwebeflug zu. Tödlich getroffen taumelte der Greif nach unten, dem Schlachtfeld entgegen und riß seinen Reiter mit sich. Stirlander hielt die Luft an. Wie trunken taumelnd raste die Beute dem Erdboden entgegen. Auf der Hälfte des Sturzes löste sich die zerbrechlich kleine Gestalt des Reiters von seinem sterbenden Flugtier und begann sachte zu schweben. Er hat seinen Fallschirmumhang aktiviert! Die Erleichterung währte nur kurz, denn sie sah daß der Windreiter seinen Schwebeflug verließ und langsam dem Reiter nachsetzte. "Ay! Ay, Ho!" Sie gab ihrem Greifenzerstörer ohne zu überlegen die Sporen und jagte dem Windreiter entgegen. Sie mußte, mußte ihn erreichen, bevor er den hilflosen schwebenden Reiter erledigen konnte. Sie kauerte sich in ihren Sattel und rauschte heran und sie ahnte daß sie ihn überraschen mußte, wenn sie siegen wollte. Ihr Flugtier war schwer gepanzert und nicht für einen Luftkampf mit einem so hochbeweglichen und Gegner gedacht. Grimmig löste sie die Lanze aus ihrer Halterung am Sattel und spannte ihre Armmuskeln an. Der Fahrtwind rauschte in ihren Ohren als sie auf ihr Ziel zuschoß. Er war ganz auf sein Opfer konzentriert und verlor an Höhe, ihr die Seite zukehrend. Sie verriegelte mit einer Hackenbewegung ihre Stiefel in den Steigbügeln. Noch 200 Meter etwa, die Schemenhafte Figur bekam Züge. Ein mächtiger Orc mit Stammeszeichen, mit Sicherheit ein Häuptling nach alter Tradition. Häuptlinge haben imemr die erste Wahl, was Waffen, Rüstung und Flugtiere betraf. Und seine Wahl schien gut, sehr gut. Noch 100 Meter. Die Axt. Sie glitzerte unheilig an seiner Hüfte, eine Bastardaxt, Anderthalbhänder auch genannt. 50 Meter, ihr donnernder Herzschlag wie in Zeitlupe verlangsamt, 20 Meter und dann....er wich aus! Verdammt! Alle sieben Plagen der Dunkelheit! Er ist einfach so im letzten Moment ausgewichen! Wie kann er das so schnell gemacht haben? Laut fluchte sie vor sich hin, als sie ohne Berührung an ihm vorbeischoß. Heiß prickelte es in ihrem Gehirn, als ihr klar wurde, daß sie nun die Gejagte war. Sie versuchte, den Schwung auszunutzen und zu wenden, aber der Windreiter schnitt mühelos in ihre Kurve hinein, sie mußte den Bogen öffnen um ihm kein Ziel zu geben. Sie flog jetzt geradeaus, aber als sie sich umsah wurde klar, daß ihr Gegner weit schneller war, er holte auf, beunruhigend schnell. Sie flog eine S-Kurve, aber er schien das Manöver zu kennen und blieb an ihr dran. Immer wieder mußte sie über die Schulter sehen und immer wieder sah sie, daß er sich nicht nur nicht abschütteln ließ, sondern weiter aufholte. Er zog eine große Armbrust. In ihrer Truppe wäre das ein Belagerungsgerät der Sappeure, aber in seiner Hand lag sie wie eine geschmeidige Duellierwaffe. Wenn sie jetzt auch nur noch einen Moment geradeaus flog, würde er schießen, daran zweifelte sie nicht. In ihr regte sich wieder das furchtbare Gefühl, das sie hatte als sie sich die Bolzen vorzustellen versuchte, mit denen man sie hinrichten würde. Dies hier würde nur einer sein, aber so eine Waffe verschoß auch ein übles Geschoß, ein Treffer würde sicher reichen. Sie schreckte aus ihren Gedanken auf und bemerkte noch zeitig, daß sie wieder ein Stück geradeaus geflogen war. Sie fluchte über sich selber, so leicht wollte sie es ihm nicht machen. Den herabschwebenden Greifenreiter an seinem Fallschirmumhang hatte sie nicht mehr gesehen, aber er war wohl sicher zur Erde gekommen. Sie flog eine Faßrolle, einfach nur weil ihr nichts besseres einfiel, um ihm das Zielen zu erschweren. Ein schneller Skip, Echelon rechts..kein Erfolg, er hing wie eine Klette an ihr. Krächzend protestierte das Tier gegen den stetig wechselnden Ruck an den Gefechtszügeln, die ihm unbequem waren. Ein schneller rechter Turn, aber auch hier schnitt er wieder hinein, zwecklos. Einen kurzen Steigflug mit anschließender Schmierkurve versuchte sie erst gar nicht, zu viel Tempo hätte ihr Greif dabei verloren, das ließ sich nie mehr gutmachen, selbst wenn das Manöver gelungen wäre. Bittere Verzweiflung machte sich in ihr breit. Jedes Manöver schien zwecklos, aber etwas mußte es doch geben! Sie sah nach unten. Unter ihr war das Schlachtfeld. Da kam ihr ein Gedanke. "Whuuuuyah, ab!" Sie drückte den schweren Greifen an, in den Sturzflug. Hier mußte sie einen Vorteil haben, denn das schwer gepanzerte Tier nahm schneller Fahrt auf als der vergleichsweise leichte Windreiter. Sicher, am Ende mußte sie abfangen und verlangsamen und dann wäre er wieder dran, aber bis dahin konnte sie...... Sie ließ das Tier stürzen, quäkend legte es die Flügel fast an und rauschte in die Tiefe. Der Orchäuptling setzte ihr nach, aber ein wenig Boden machte sie auf diese Art gut. Sie wußte, was in der morgendlichen Besprechung vereinbart wurde. Vom ersten Einsatz der Greifen für die Turbinenwinden abgesehen, hatten alle Einheiten Befehl, das Feuer auf tieffliegende Reiter zu schießen. Das galt auch für leichten Mehrfachbolzenschleudern auf Lafetten. Es war riskant, das wußte sie, aber es war ihre einzige Chance. Wenn sie schnell genug und tief genug war, dann würde sie schnell außerhalb der Schußreichweite sein, aber ihr Verfolger eventuell ins Visier der Bodeneinheiten geraten. Der Boden näherte sich mit rasender Geschwindigkeit und warf ihr unangenehm schnell immer kleinere Details entgegen. Der Orc hatte Abstand, das war beruhigend. Sie zog ein wenig an den Zügeln und der Sturzwinkel flachte ein wenig ab. Das hohe Gewicht des gepanzerten Tieres half ein wenig, den Schwung zu retten. Sie rauschte in wenigen Metern Höhe über die kämpfenden Einheiten, es war unmöglich zu unterscheiden, ob das Schußgeräusch dem Feind, ihr oder ihrem Verfolger galt. Die Augen fast geschlossen klammerte sie sich in das Gefieder des Greifen, die Luft schmerzhaft in ihren Lungen zusammenpressend. Langsam zog sie wieder an und gewann etwas an Höhe. Sie flog Parabelbahn und schaute sich um. Dieser Bastard war immer noch da! Vor Wut und Enttäuschung bebend biß sie sich auf die Unterlippe. Das war ihr letzte Idee gewesen. Sollte das das Ende sein? Ihre einzige....nein....nicht die einzige...! Ihre Gedanken bewegten sich zurück in die Zeit. Lordaeron. Ihre ersten Flugstunden. Ihre ersten Einsätze auf Greifen. Für Pioniere war es zwar selten, aber es kam vor, daß geflogen wurde und so bekam der junge Leutnant Stirlander Flugunterricht und mußte sich nur zu bald im Luftkampf bewähren. Ein Soldat...wie hieß er nur? Der Name ist vergessen, so wie die Zeit ihn vergessen hat. Er war bei den Bomberpiloten, kein angenehmer Job. Eines Abends wettete er, daß man mit einem gepanzerten Greifen einen Looping fliegen könnte. Alle Kameraden lachten, nichtmal mit den leichten Reitgreifen hatte jemand soetwas schonmal versucht. die Angelegenheit ging schnell vergessen. Wie sovieles in diesem lichtverdammten Krieg. Eines Abends flogen sie von einem Einsatz zurück. Sie holten einen langsam fliegenden Greifen der Bombereinheiten ein. Und sie erkannte den jungen Piloten. Das war er wieder, und sein Tier war schwer verwundet. Damals flog man noch nicht selbstverständlich mit Fallschirmumhang und Stirlanders Staffel war noch weit über Territorium der Geißel. Alle beteten, daß sein todwundes Tier es noch bis nach Hause schaffen würde. Aber eigentlich glaubte es wohl keiner mehr, zumindest sie selber nicht. Und dann....plötzlich, es schien als würde der Pilot lachen, zog er die Zügel an un ddas Tier bäumte sich auf. Schräg, dann senkrecht, dann in den Rückenflug...dieser Verrückte versuchte es tatsächlich, ganz so wie er es in besseren Tagen mit uns wetten wollte. Das Tier war fast herum um den Loop, da kreischte es jämmerlich auf und taumelte tot zu Boden. Es riß seinen Reiter mit sich und er zerschmetterte tief unten auf den Feldern. Alle Piloten waren tagelang betroffen udn diskutierten über diesen Vorfall. Aber dann zog der Krieg weiter und ließ Tote hinter sich. Sie schreckte auf. Sie hätte geschrien für wen sie es tat, aber sein name war vergessen. Nur den Anblick, den würde sie nie vergessen. Sie zog wie eine Besessene am Zügel, der Greif bockte, aber er richtete sich zu einem Looping auf! Sie überlegte nicht, ob der Abstand zum schwarzen Reiter reichen würde, sie überlegte nicht, ob das Tier überhaupt den Looping schaffen könnte und sie überlegte auch nicht, ob sie nicht schon vorher mit einem Bolzen im Rücken sterben würde. Sie wollte nur noch die Wette einlösen. Das Tier war halb herum, er schaffte es! Sie wollte fast quietschen vor Erregung, aber dann konzentrierte sie sich und machte eine halbe Rolle in den Looping hinein und griff wie blind nach ihrer Lanze. Im Moment eines Lidschlages tauchte die schwarze Gestalt nur wenige Meter vor ihr auf, ihre Lanzenspitze direkt auf ihn gerichtet. Diesmal hatte er keine Chance, auszuweichen, zu nah waren sie einander, zu groß die Fahrt mit der sie aufeinander zuschossen. Krachend schlug die Lanze in seine Brust, ein heftiger Ruck ging durch sie, aber sie hielt mit ihren enormen Kräften die Lanze fest und stieß den Reiter aus seinem Sattel. Ein heißes stechender Schmerz schoß durch ihren Bauch, den sie aber in diesem Moment nicht vom Schmerz in ihrem Lanzenarm trennen konnte 1In diesem Sekundenbruchteil nahm sie seine erschrockenen Augen wahr, verständnislos und überrascht. Dann ließ sie die Lanze sinken und ließ ihn herunterrutschen. Sein Körper trudelte dem Boden entgegen, sich überschlagend wie ein dickes schweres Blatt, das von einem Baum fällt. Kurz sah sie noch dem Windreiter nach, der ohne seinen Reiter weiterflog, unbeeindruckt, frei. Dann erst sah sie, daß sie selbst getroffen war. Ein starker Armbrustbolzen steckte in ihrem Unterbauch. Getroffen! Dieser Bastard hat mich getroffen! Fluchte sie. Jetzt fühlte sie den Schmerz deutlicher, unangenehm drückend. Sie wußte, was ein Treffer in den Bauch bedeutete, zu lang war sie Soldatin. Zu dem Schmerz kam ein dumpfes Drücken und ihr wurde trotz der Erregung des Gefechtes kalt. Sie wußte jetzt, daß sie innerlich blutete. Verbluten würde, wenn nicht schnell etwas passierte. Und sie wußte, daß hier oben, hoch in der Luft und wer weiß wie weit vom Schlachtfeld entfernt, nicht so schnell etwas passieren würde. Ihre Sicht verschwamm. Wo war das Schlachtfeld? Wie hoch war sie? Es fiel ihr zunehmend schwerer, zu denken. Kalt wurde ihr, immer kälter, schon begann sie, in ihrem Sattel zu taumeln. Die Sturzträume! Sie dachte an ihre jüngsten Träume....sollte es wirklich so enden? Sie blickte verwaschen auf den dicken Bolzen, der sich durch ihre Rüstung gebohrt hatte. Zwecklos ihn entfernen zu wollen, das würde die Blutung nur verstärken. Und sie spürte, daß ihre Kraft von Sekunde zu Sekunde abnahm. Und dann rutschte sie. Sie hielt sich mit einer Hand fest, aber ihr Griff war schwach, verhaßt schwach. Langsam nahm die Schräglage zu, während er Greif langsam und unbeeindruckt weiterflog. Dann fiel sie. Sie drehte sich, als sie aus dem Sattel rutschte, dann biß ein heißer Schmerz in ihren rechten Knöchel, der sie aufschreien ließ. Ihr Stiefel war immer noch im Steigbügel eingehakt! Kopfüber hing sie nun. Sie spürte, daß sie im Sterben lag, der Bauch drückte unangenehm hart, während das Blut in ihre Eingeweide sickerte. Außer dem unteren Bauch war alles an ihr eiskalt und schwammig. Sie wußte selbst nicht, was sie tat, aber sie krümmte sich mit letzter Kraft zusammen und es gelang ihr, den Gefechtszügel des Greifen in eine Hand zu bekommen. Sie wickelte die Lederleine im ihr Handgelenk und ließ den Arm hängen. Auf diesen leichten Zug hin begab sich der Greifenzerstörer in einen leichten Sinkflug. Als das Tier mit seiner kopfüber hängenden Reiterin sich dem Boden näherte, hatte diese schon längst das Bewußtsein verloren.

"Schneller, schneller, verdammt! Da hinter den Hügeln muß sie sein!" Der Luftkampf war nicht unbeobachtet geblieben. Shmalk hetzte sein Pferd bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Zusammen mit einem Fähnrich hatte er sich Pferde aus der Bereitschaft geholt, als er sah, in welchen Schwierigkeiten seine... .....er mühte sich, nicht an seine Gefühle zu denken, aber er konnte nicht umhin, ihr in größter Erregung nachzueilen. Ihr Greif war langsam einschwebend hinter einem Hügelkamm, einige Kilometer abseits des Schlachtfeldes verschwunden. Zwar konnten sie ausmachen, daß sie den Gegner besiegt hatte, aber irgendwas stimmte nicht. Stimmte gewaltig nicht. Sie umrundeten den Fels. "Da, Shmalk! er ist kurz vor dem Boden..und..oh Licht, seht nur, sie hängt nur noch mit einem Bein im Sattelzeug!" "Thairis! Nein!" er sprengte durch den roten Sand, dem Greifen entgegen. Als er landete, sank sie in schützende Arme. "Geh schnell einen Priester holen! Und wenn er sich weigert, dann sag ihm, wer hier liegt und auch wer ihm die Eier abreißt, wenn er nicht sofort antanzt!" "Ja, sofort, haltet durch!" Der Fähnrich preschte in Richtung des Lagers davon. "Engel....was hat man Dir nur getan? Hätte ich nur auf Dich aufpassen können.." Shmalk fiel es schwer, die Haltung zu bewahren, die eigentlich gerade niemanden interessieren würde. Aber er riß sich zusammen. Er öffnete ihre Rüstung und sah den verheerenden Treffer. Mit keiner Silbe dachte er an das Gespräch, das ihn noch vor kurzem zum Schmunzeln brachte, das Ausziehen von Rüstung. Er widmete sich dem Notdürftigen Verbinden der Wunde. Dann kramte er aus seiner Tasche einen Ring hervor. er beugte sich zu ihrem Ohr und flüsterte mit stockender Stimme: "Hier, Engel...dieser Ring stellt Gesundheit her. Ich habe ihn immer aufbewahrt für so einen Fall, auch wenn ich nicht im Traum daran dachte, mal jemand anders damit zu verarzten, jemand den ich so......liebe.." Er kämpfte gegen die Tränen an, die seine Kehle eng machten und steckte ihr den Ring auf. Er hoffte inständig, bei allem was ihm heilig war, daß der gebundene Ring ausreichen würde, sie am Leben zu halten, bis der Priester eintraf. Sie lebte, ihr Puls war aber schwach, kaum zu fühlen. Und sie war blaß. Immer noch schön in seinen Augen, aber blaß und erschreckend schwach. Eigentümlich, dachte er sich, je weiter sich ein Herz von einem entfernt, desto stärker fühlt man sich daran gebunden. Stirb nicht, Engel...ich glaube an Dich... Er seufzte und blickte ungeduldig in die Wüste, ihren kraftlosen Körper in seinen Armen geborgen.


Eine Krankenstation an der Front ist normalerweise nüchtern, um nicht zu sagen roh und bedrückend. Man konnte das durchaus auch von diesem groben Holzgebäude im vereinigten Heerlager sagen, wäre da nciht das Blumenmeer um das Bett einer Patientin. Das Schild am Fußende wies sie aus: Thairis Fala Stirlander, 4/212.8.Inf. , aber eigentlich war es komplett sinnlos, jeder im Umkreis hunderter Kilometer kannte die große blonde Kriegerin, die die Armee anführte, die die 29. Inf. aus ihrem Kessel befreit hatte. Und die einen Kriegshäuptling allein besiegt hat. Um ihr Bett flossen alle möglichen Blumen, die die Soldaten finden konnten, vor allem Kornblumen, die sie so liebte. Inmitten dieses Meeres lag die weiße Insel aus sauberer Bettwäsche und ihrer Bewohnerin im weißen Krankenhemd. Sie lag matt ausgestreckt, aber während sie den jungen Adjutanten auf dem niedrigen Hocker neben sich ansah, spielte ein permanentes Lächeln um ihren Mund. "Die Heiler sagen, daß ich nicht überlebt hätte ohne Deinen Ring. Warum nur hast Du das Ding immer mit Dir herumgeschleppt?" Er lächelte sie an. "Nicht durch unser Wissen, sondern durch unsere Ahnungen bewegen wir uns sicher durch unser Leben." "Das ist von Mok´A´Tal, Du Komiker!" kicherte sie ihn an. "Stimmt, ich wollte ihn auch mal zitieren." "Gut gebrüllt, Löwe. Nun, der Rest wird dann auch ohne Ahnungen verheilen, und der Fuß ist nur gedehnt, nicht gebrochen, wenn das kein Glücksfall ist." "Glücksfall? Ich kenne hier nur einen Glücksfall. Und der bist....Du!" Sie strahlte ihn an, in ihren Bernsteinaugen war der alte Glanz schon wieder zu erkennen, wenn man nur tief genug hineinsah. Und er sah tief hinein. Eine Krankenschwester betrat das Zimmer, selbst ihr berufsmäßig sorgenvoller Blick hellte sich auf, als sie ihre fröhliche Patientin erblickte. "Hauptmann Stirlander, draußen ist Besuch für sie, Marschall Kardon. Er sagte, wenn Sie nicht päßlich seien, würde er später wiederkommen, aber er hätte ein Päckchen für sie, das er nur ihnen und unbedingt sofort übergeben müßte." "Hmmm.." sie überlegte einen Moment, als Shmalk ihre Gedanken erriet. Er beugte sich über sie und flüsterte ihr ins Ohr. "Ich würde ja sagen, daß der gute Marschall Deine Majors-Schulterstücke dabeihat." Sie drehte den Kopf zu ihm und beide grinsten sich an. Dann wandte sie sich wieder an die Schwester. "Schwester, ich fühle mich blendend, aber bitten Sie den Marschall doch, noch 5 Minuten zu warten. Ich...habe hier noch etwas..zu tun."

In der Militärgeschichte kam es nur sehr selten vor, daß ein ranghoher Vorgesetzter 5 Minuten vertröstet wurde, bevor er einem Soldaten eine Beförderung mitteilen konnte. Und noch seltener kam es vor, daß er dies für einen 5 Minuten langen Kuß tun mußte.....


ENDE

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