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Projekt Archäologische Akademie/Chroniken

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Machen Kleider Leute? - von Fentar, 22.7.12

Sorgsam schloss der Skriptor das Obergewand seiner Robe, ordnete die Schnüre korrekt an und strich über den matten weichen Stoff. Er presste seine Lippen schmal zusammen, und als er den Blick hob, sah ihm aus dem Spiegel das verhärmte Gesicht entgegen, an das er sich gewöhnt hatte. Doch etwas Fremdes lauerte in den Augenwinkeln, etwas, das er würde unterdrücken müssen.

War es denn so wörtlich zu nehmen, dass Kleider Leute machten? Konnte alleine der Umstand, dass er feinste Wolle und gute Seide spürte, ihn über das hinwegtäuschen, was er in Wirklichkeit war? Würde die Hybris wieder ihren Kopf heben?

Er musste es unterbinden. Musste sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren.

Ein Vortrag ... es würde einen Vortrag geben, den er ankündigen musste. Nachdem er die Gäste willkommen geheißen hatte. Und die Anordnung in der Halle koordiniert hatte ... er hatte nicht nachgefragt, wer für diesen Teil zuständig war. Die Versorgung durch das Teehaus - das Café fiel dieses Mal ja aus. Und es waren auch Absprachen mit der Stadtwache getroffen worden ... er musste zeitig vor Ort sein, um sicher zu sein, dass nichts schief ging.

Er hätte sich der Konsequenzen der Expedition klarer sein müssen ... Mit einem Seufzen richtete er den Kragen gerade und drehte sich noch einmal etwa vor dem Spiegel, um sicher zu gehen, dass nirgends ein Kniff oder eine Falte den Stoff verunzierte.

Als er schließlich gemessenen Schrittes den Raum verließ, war ihm nicht bewusst, dass ein feines Lächeln in seinen Mundwinkeln lauerte.


Noch einmal strich der Skriptor über den Stoff, musterte ihn, damit auch nicht das kleinste Stäubchen zurückblieb, ehe er den Schutzstoff darüber legte. Der Abend war vergangen, der Duft nach Tee und Kuchen aus dem Gewebe gewichen. Nun würde das Kleidungsstück erneut zwei Wochen darauf harren müssen, seinen nächsten Einsatz zu erleben.

Er konnte das Zögern nicht leugnen, das ihn befiel. Zumindest aber gelang es ihm, das Seufzen zu unterdrücken, das sich den Weg bahnen wollte, als die Robe ganz am Ende des schmalen und nur dürftig belegten Schrankes verschwand.

Kleidung. Was bedeutete das schon? Er wusste, wer und was er war. Was scherte ihn, was andere dachten?

Kurz zuckte sein rechter Mundwinkel, ehe er die Schranktür sorgfältig schloss.

Respekt und wie man ihn verliert - von Bellok Leuchtklinge, 19.7.12

"Nicht ohne meinen Stab und meine Robe!"

Diese Worte hallten immer noch in Belloks Kopf nach, drehten sich, verfingen sich im Mahlstrom seiner Wut und wurden beinahe unwiderstehlich in ihn hinein gesogen, in das lächelnde Gesicht des Magiers, in die Geste, mit der er sie gesprochen hatte; diesem wackelnden, mahnenden Finger, wie ihn vielleicht ein Lehrer seinem vorlauten Schüler zeigen mochte. In den Tonfall, in dieses scheinbar unbekümmerte, naive Verkennen der Tatsachen, der Gefahr.

Er biss sich auf die Oberlippe, während die kleine Gruppe sich mit ihren Reittieren leise, langsam und vorsichtig den Weg durch das Unterholz bahnte, um nicht auf dem Rückweg doch noch das Lager der Oger oder gar den Außenposten der Kaldorei zu alarmieren, die sie auf der Hinreise so problemlos umgangen hatten.

„Nicht ohne meinen Stab und meine Robe!“ - Für ein paar Minuten hatte er so etwas wie Respekt empfunden, Respekt vor dem Mut des Elfen, sich der geisterhaften Gestalt so unbewegt zu nähern, sich auf deren Verlangen hin ohne Weiteres in das trübe, kalte Wasser zu stürzen, um die darin verborgenen Gegenstände an die Oberfläche zu holen. Er hatte sich beinahe gewundert, sich gefragt, ob er diesen Herrn Rabenwacht vielleicht unterschätzt hatte – ob doch mehr in ihm steckte, als man anhand seines manchmal geckenhaften Getues zunächst vermuten konnte. Er hätte sicherlich ein paar lobende Worte speziell für ihn gefunden, später, wenn sie wieder in der Feste der Steinbrecher eingetroffen wären.

Nicht mehr. Bellok lächelte schmal und bitter, als er sich der Erkenntnis stellte, dass gerade das sein größter Irrtum gewesen war. Er hatte es nicht aus Mut, nicht aus Tapferkeit oder pflichtbewusstem Gehorsam getan, sondern aus Torheit; hatte die Gefahr nicht als solche erkannt, sondern es für eine Belustigung gehalten. Etwas Aufregendes, mit dem man sich die Zeit vertreiben konnte. Für ein Spiel.

Darin war sich der Archäologe jetzt sicher. Wie sonst war es zu erklären, dass Rabenwacht zuerst an seine verfluchte Robe und den Stab dachte, als die Geister der Ruinen sich nach der Vernichtung ihres Anführers unweit von ihnen gesammelt hatten, als sie ihre kalten, toten, rachsüchtigen Augen auf die Elfen gerichtet, eine wahnsinnige Kakophonie angestimmt hatten und drohten, sich jeden Moment auf sie zu stürzen? Wie sonst war es zu erklären, dass er einen – seinen! – Befehl missachtet hatte, entweder zu gehen oder sich auf den weißen Falkenschreiter zu schwingen?

Mit einem leisen Knirschen der Zähne fixierte Bellok den Blick auf die vor ihm reitende Bibliothekarin, aus den Augenwinkel die Büsche jederzeit nach der kleinsten verdächtigen Bewegung absuchend. Der Strudel in seinem Kopf wurde größer, mächtiger, drohte noch andere Dinge zu verschlingen. Nein, nicht jetzt. Das konnte er sich nicht erlauben, solange sie sich noch in Gefahr befanden. ER würde ganz sicherlich nicht seine Eitelkeiten, sein intuitives Verlangen über das Wohlergehen der Expedition stellen. So viel war sicher.

Stattdessen schloss er die Augen, nur für eine Sekunde. Tief unter der Oberfläche, tief unterhalb dieser störenden, rotierenden Strömung fand Bellok das, was er suchte. Etwas, das ihm in diesen Fahrwassern stets ein sicherer Hafen war; etwas, in dem er Ruhe, Balance, eine tiefe, innere Befriedigung fand. Er konzentrierte sich darauf, ließ zu, dass dieses Etwas sich entfaltete, aus der Tiefe emporstieg und sich wie ein seidenes, glättendes Tuch über die aufgewirbelten Wasser legte.

Die Augen öffneten sich wieder und blickten in eine unveränderte Umwelt. Immer noch ritten die vier Elfen hintereinander her, immer noch umschloss sie der Wald mit seinen zwar unsichtbaren, aber ohne Zweifel vorhandenen Gefahren von alles Seiten. Jetzt allerdings hob er einen Mundwinkel in einem halb spöttischen, halb nichtssagend-freundlichen, schmalen Lächeln – ein Gesichtsausdruck, der den meisten, die mit ihm Umgang pflegten, nur allzu vertraut war.

In Silbermond war es leichter. Den egomanischen Magistern gegenüber, für die auf der Welt wenig mehr existierte als das, was -sie- gerade für wichtig hielten. Den Adligen gegenüber, die sich oft genug aufführten wie Viehhirten und ihre Titel, ihren Stand so heftig mit Füßen traten, dass es ihn schmerzte, dabei zuzusehen. Den 'Investoren' gegenüber, Lackaffen, die sich einbildeten, mit ihren kümmerlichen Goldhäufchen auch ein Stück von -ihm- kaufen zu können. Dort trug seine gute Erziehung, die harte, manchmal gnadenlose Schule, die er durchlaufen hatte, ihren Teil dazu bei, dass er die Fassade so makellos aufrecht erhalten konnte. Der wichtigere Beitrag, der Mörtel, der diese Mauersteine zusammenhielt, war allerdings etwas anderes.

Bellok lächelte wieder – jetzt breiter, gefestigter, aber keinesfalls freundlicher. Sie alle, Magister, 'Adlige', Geldgeber und auch die Elfen, die er mehr oder weniger gezwungenermaßen auf die Expedition hatte mitnehmen müssen: Sie alle hatten keine Ahnung. Sie wussten nicht, was er wusste. Sie besaßen nicht, was er besaß. Keiner von ihnen, da war sich Bellok sicher, verfügte über einen so perfekten, kleinen Rückzugsraum, über so einen Fokus, der es ihm auch und gerade jetzt gestattete, seinen angespannten Körper etwas zu lockern, beim Gedanken an den lebensmüden Magier nur noch schmal zu grinsen. Keiner von ihnen.

Zugleich mit diesem beruhigenden Effekt sonnte, wärmte sich Bellok an seinem Schatz, an diesem kleinen Lichtpunkt seiner Gedanken, legte im Geist die Hände darum und schloss ihn darin ein. Keiner besaß ihn, niemand wusste davon. Ein kleiner Lichtstrahl drang zwischen seinen imaginären Fingern hervor und ließ ihn mit dieser Erinnerung, dass er in manchen Augenblicken auch eine aufmüpfige, süße Last zu sein vermochte, sachte schmunzeln.

Sie wandelten alle in der Dunkelheit. Was kümmerten ihn da ihre Ränkespiele, ihre Petitessen, ihre Attitüden? Sie meinten, auf ihn herabzusehen, meinten, dass ihr Gold, ihr politischer Einfluss oder ihr Amt sie ihm gegenüber heraushob. Arme, irregeleitete Trottel – allesamt.

Bellok verschloss den Gedanken, der ihn innerhalb weniger Minuten von der Schwelle der Tobsucht wieder hin zu einer gleichmütigen Balance gezogen hatte, wieder in dem besonderen Winkel seines Geistes, in dem in nie jemand würde finden können. Die Expedition war überflüssig, eine lästige Zeitverschwendung; seine Begleiter samt und sonders Wahnsinnige; das Wetter hier zum Davonlaufen.

Aber was kümmerte es ihn?

Eine kurze Rast - von Kannae Windsang, 19.7.12

Kannae tat einen leise hörbaren, tiefen Atemzug, der die unangenehm schwüle Luft der Urwälder von Feralas tief in ihre Lungen sog - vermischt mit dem Gestank feuchten Leders, feuchter Tierfelle und feuchter Holzscheite, die lautstark knisterten und ziemlich stark qualmten, während die lodernden Flammen des nahen Lagerfeuers sich langsam, mühselig hindurch fraßen.

Objektiv betrachtet war das Klima hier nicht halb so heiß wie in der Wüste Uldums, doch dadurch, dass es nahezu täglich regnete und das Wasser im Schatten der ausladenden Baumkronen nie vollständig verdunstete, fühlte die Wärme sich subjektiv deutlich drückender an. Tatsächlich schien es in diesem ganzen verdammten Land nicht ein einziges trockenes Fleckchen zu geben.

Windsangs Haare waren von ihrem Gang durch Unterholz und Gestrüpp durchnässt, tropften unablässig in ihren Nacken. Die leichte Lederrüstung, die nur im Brustbereich gesondert verstärkt war, klebte unangenehm klamm und teilweise mit Schlamm beschmiert an ihrer verschwitzten Haut. Sie hätte viel für eine kleine Erfrischung gegeben . . .

Doch Zeit und Ruhe, sich zumindest oberflächlich mit dem herrlich kühlen Wasser des nahen Sees zu waschen, fand sie nicht, obwohl das kleine Lager der einheimischen Tauren, in dem die Gruppe gerade eine kurze Rast einlegte, ein gewisses Maß an Sicherheit versprach.

Hinter ihr hockten der Magister Morgentau und die Reliquarin Silverspring auf einer der Holzpritschen vor dem großen Feuer, an dem auch der alte Taure saß, der den elfischen Reisenden gestattet hatte, eine Weile zu bleiben. Wie quengelige kleine Kinder kabbelten die beiden Magiekundigen sich zumindest dem Eindruck der Inspektorin nach um das nur ein paar Zentimeter messende Ding, das ihnen nicht weit von ihrem aktuellen Standort in die Hände gefallen war.

Worum es sich dabei genau handelte, wusste Kannae nicht. Das gesuchte Artefakt allerdings konnte es nicht sein, denn eine Phiole hätte definitiv anders aussehen müssen. Form und Textur des golden schimmernden, mit zahlreichen kleinen Edelsteinen geschmückten Zierelements erinnerten eher an den Flügel eines Vogels. Die unregelmäßig gezackte Bruchkante, die eine Seite des Dingelchens verunstaltete, wies darauf hin, dass es einmal Teil von etwas Größerem gewesen war.

Da der Magister es geschafft hatte, den Gegenstand auf magischem Wege zu orten, musste er immerhin irgendetwas mit dem verzauberten Objekt zu tun haben, das sie inmitten dieses verfluchten Dschungels zu finden hofften. Wahrscheinlich war es ein Stück des Flitterkrams, der die Phiole der vorliegenden Beschreibung nach umgab. Hieß das also, dass das Artefakt zerbrochen oder zumindest schwerstbeschädigt und damit möglicherweise wertlos geworden war...?

Windsang presste die ungeschminkten, in diesem Zustand so erstaunlich blassen Lippen zu einem kritischen, blutleeren Strich zusammen. Wenn sie mit dieser Vermutung richtig lag, dann würde dieses kleine Flügelchen im ärgsten Fall das Einzige sein, was sie nach Silbermond zurückbringen und Arilas übergeben konnte. Ihr gesamter schöner Plan, die komplette Finanzierung dieser unsäglichen Mission lag gerade in den Händen der beiden ahnungslosen, weltfremden und egozentrischen Lackaffen hinter ihr...!

Die linke Hand, die halb vom matschgrünen Leder ihres Handschuhs bedeckt wurde, schloss sich enger um des Holz des teilweise mit Metallbeschlägen versehenen, meisterhaft gearbeiteten thalassischen Kriegsbogens, den sie mit sich führte. Die Rechte ruhte unterdessen an dem Köcher, der um ihre Hüfte geschnallt lag und aus dem die nicht nur schwarz befiederten, sondern in Gänze matt schwarz-grün schimmernden Saronitpfeile herausragten. Mehrfach tippten ihre Fingerspitzen flüchtig gegen die dunklen Federn.

Was, wenn Morgentau und die Reliquarin versuchen würden, das Fundstück zu stehlen, ihr stattdessen eine Illusion unterzujubeln...? Sie würde es niemals merken und das wussten die beiden wohl auch. Das Holz des Bogens knirschte leise, als ihr Griff darum sich weiter verfestigte. Vielleicht hatte der Magister das Ding ja sogar schon gestohlen, es durch eine herbeigezauberte Fälschung ersetzt, als sie mit dem Auftrag an ihn herangetreten war, die arkanen Energien zu verschleiern, die es offenkundig ausstrahlte?

Die Inspektorin wünschte sich im Nachhinein, es nie auf der Hand gegeben zu haben. Doch für derlei Gedanken war es nun zu spät. Was sie tun würde, sobald die beiden sie zu bestehlen versuchten und sie es bemerkte, hatte sie ebenso klar vor Augen, wie sie auch Arilas' Warnung noch im Ohr hatte.

Kannae straffte die Schultern und tat den ersten Schritt weg von den beiden Gestalten, die hinter ihr am Lagerfeuer mittlerweile dazu übergegangen waren, rege zu diskutieren. Sie musste die Magiewirker - denen sie nicht weiter über den Weg traute, als sie spucken konnte - wohl oder übel allein lassen, um nach der Blutritterin Morgentau zu sehen, die dem gleichnamigen Magister als Leibwache mitgegeben worden war.

In der Nähe der Mondfederfeste hatte der Pfeil eines nachtelfischen Spähers sie getroffen - nur ein Streifschuss zwar, doch Windsang befürchtete, dass die Wunde sich im hiesigen Klima rasch entzünden würde, wenn sie unbehandelt blieb. Sie hoffte, dass die Soldatin, die ihr von allen Anwesenden aktuell noch am sympathischsten und vor allem am nützlichsten war, sich rasch wieder erholen würde.

Die Zeit drängte, falls tatsächlich noch andere Kräfte nach dem sagenumwobenen Artefakt suchten, wie sowohl Arilas als auch Bellok und sie selbst bereits vermutet hatten. Sie mussten in Bälde wieder aufbrechen, um Nachforschungen bezüglich der Federn anzustellen, die in der Nähe des ersten Fundstücks herumgelegen hatten. Vielleicht hatte einer der Vögel, die den Urwald von Feralas bewohnten, das Artefakt ja vor ihnen gefunden und weitere Teile davon verschleppt.

Sie würde die Tauren im Lager fragen, ob sie die Federzeichnung einer bestimmten Vogelart zuordnen und sagen konnten, in welchem Teil des Gebiets diese Tiere sich bevorzugt aufhielten - aber vorher musste sie das flügelförmige Fragment um jeden Preis wieder an sich nehmen... um jeden.

Der beste Bote der Stadt! - von Tarian, 19.7.12

„Bring dies zur Archäologischen Akademie. Und nicht trödeln, hrm?“

Der Botenjunge nickte eifrig, und lächelte ein Lächeln voller jugendlicher Zahnlücken. „Verstanden, Herr. Soll ich auch ausrichten, von wem der Brief kommt?“

Derithos überlegte kurz, ehe er mit dem Kopf schüttelte. „Ah, nein“, wiegelte er ab, „Es ist selbsterklärend, wenn man ihn liest.“ Einen letzten Blick auf den elfenbeinfarbenen Umschlag werfend, der mit dem Schriftzug 'Bellok Leuchtklinge' versehen war, überreichte er dem Boten den Brief in nahezu feierlicher Geste. Ihm huschte ein kleines Grinsen über die Lippen, als der Bursche das Couvert in nahezu ebenso feierlicher Geste entgegennahm, und sich anschließend mit aller Würde, die ein Dreizehnjähriger in zu großer Kleidung aufbringen konnte, vor dem gealterten Rotschopf verneigte. „Ist mir eine Ehre, Herr. Ich werde Eure Nachricht mit meinem Leben beschützen, komme, was da wolle.“

„Mir würde es schon reichen, wenn du ihn einfach bei der netten Empfangsdame der Akademie abgibst“, entgegnete der Mann mit der Augenklappe heiter, und wurde mit einem schiefen, jungenhaften Grinsen belohnt. „Naja, schätze, das kriege ich auch noch hin.“

Er gluckste rau auf. „Bist'n vorbildlicher Bote, wirklich.“

Das Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Aber klar bin ich das. Bin ja auch der beste Bote der Stadt.“

„Sagt wer?“ Derithos hob die Augenbrauen belustigt an, und faltete die Hände locker hinter dem Rücken. Während der Botenjunge den Umschlag sorgfältig in seiner Kuriertasche verstaute, lächelte er frech zu seinem Auftraggeber hervor. „Na, ich!“, platzte es selbstzufrieden aus ihm heraus, ehe er sich mit einem verschmitzten Lachen umdrehte, und los rannte.

Kopfschüttelnd, aber nicht in der Lage, ein Schmunzeln zu unterdrücken, sah er dem Burschen einen Moment lang nach, ehe er sich abwandte. Vielleicht mochte Leuchtklinge momentan außer Landes sein, aber das hieß schließlich nicht, dass man ihn über seine eigene Abwesenheit uninformiert lassen sollte – sicher war bekanntlich sicher. Und wenn diese verdammte Erkältung schon dafür gesorgt hatte, dass er nicht an der Expedition teilnehmen konnte, konnte er sie genauso gut als Erklärung für seine Reise vorschieben. So hatte diese Erkältung wenigstens etwas Gutes.

Ein imaginäres Reisetagebuch - von Nyari, 18.7.12

~Erster Tag

Ich war zu früh am Treffpunk, das war eigenartig. Nachdem ich eine ganze Stunde mit meinem Gepäck und Magma am Treffpunkt gewartet hatte, bekam ich das Gefühl, ich wäre am falschen Ort. Allerdings trudelten dann auch die anderen Leute ein, zuerst die Blutritterin, deren Namen ich mir nicht merken kann, aber sie heißt so wie der Magier. Mit Nachnamen. Frau Lehrerin war auch dabei und ritt ein Skelettross, das war echt seltsam, aber was will man von ihr auch erwarten? Besonders froh war ich, als ich das Tier der Chefin gesehen hab: Einen Worg. Er ist ein hübsches Tier. Hoffentlich versteht er sich mit Magma. Nach und nach kamen dann auch die Magister aus ihrem Turm und sammelten sich an einer Seite der Rampe, um ihren magischen Firlefanz zu starten. Streuten mit Staub rum, malten auf dem Boden herum und fuchtelten schließlich mit Zauberstäben in der Luft. Ganz egal, am Ende war das Portal offen und spuckte uns mitten ins Nirgendwo von Feralas.

Ich wusste sofort, wo genau wir waren, immerhin war ich hier schon früher. Also sagte ich der Windsang, dass direkt voraus eine Straße wäre, was sie natürlich nicht davon abhielt, Leuchtklinge führen zu lassen und... Der nahm natürlich einen anderen Weg. Mal gespannt, wie oft das noch passieren wird. Jedenfalls sind wir dann in die Feste der Steinbrecher geritten, so mit Sack und Pack nah an dem einen Kaldorei-Posten vorbei. Wenn die nicht wussten, dass wir kommen, dann wissen sie es jetzt.

Im Lager angekommen... und von der Platzierung der Zelte abgesehen... (Denkt die wirklich, das wäre nicht auffällig? Ich kann’s kaum fassen.) Egal, jedenfalls baute ich das Zelt von Frau Lehrerin und mir auf, dann das von Cialnir und seiner Zeltpartnerin. Schließlich erfreute ich mich an dem Anblick der Blutritterin, wie sie in voller Rüstung mit den Halteseilen des Zeltes spielte und ging in die Festung hinab, um das Abendessen vorzubereiten. Mit dem Kuchen hatte wohl keiner so wirklich gerechtet... Er war jedenfalls lecker, genau wie die Pilze und Knollen und das Fleisch.

Die Windsang erklärte uns beim Essen, worum es geht und was wir suchen. Eine Phiole. Mit rotem, magischem Inhalt. Ganz toll. Von dem theoretischen Geschwätz, bei dem ich nicht zugehört hab und nicht sagen kann, worum es da überhaupt ging, kriegte ich herrliche Kopfschmerzen. Sogar mein Auge hat angefangen wieder zu pochen. Vielleicht liegt das aber auch an Feralas. Als der Großteil dann im Bett war, musste Leuchtklinge mir natürlich noch erklären, dass er nichts von mir hält. Als hätte ich das nicht eh gewusst. Das kann echt heiter werden, wenn der meine Gruppe anführt. Was würd‘ ich dafür geben, mit der Windsang zu reisen...

~Zweiter Tag

Ich war, wie immer, schon besonders früh wach. Die Geräusche der Nacht hatten mich ohnehin den größten Teil der Nacht wachgehalten. Verdächtige leise Geräusche von oberhalb unseres Zeltes, irgendwer stolpere vor den Zelten herum und die Schweine waren auch nicht gerade leise. Wenigstens waren die Glöckchen von „Bimmel“ still. Als die Schritte vor den Zelten sich entfernten, schlich ich mich hinunter ins Lager um mit der braunen Orkin zu sprechen, die ich dort bei der Ankunft gesehen hatte. Sie war erfreut, als jemand sie mit dem mag’harischen Gruß ansprach und ich erzählte ihr von meiner Zeit in Nagrand und dem, was ich von den Orks dort gelernt hatte. Sie meinte, ihr Name wäre Lucre und als ich ihr vom Grund meiner Reise hierher erzählte, wusste sie von einem Tauren, Druiden, zu berichten. Der hätte am Fluss irgendwelche seltsamen Dinge beobachten können. Pflanzen, die zu doppelter Taurenhöhe heranwuchsen, rotes Wasser, seltsames Verhalten von Tieren und all solche Dinge.

Als der Morgen graute, ging ich zurück zu den Zelten und bereitete das Frühstück zu. Rühreier mit Speck und frisches Maisbrot.

Als dann endlich alle wach und anwesend waren, erzählte ich von den Spuren, von denen die Orkin mir erzählt hatte. Die Chefs schlugen dann vor, sich aufzuteilen und eine Gruppe nach Norden zu schicken, eine zum Fluss, nach Osten. Sonne, war ich begeistert, als ich tatsächlich mit Leuchtklinge, der Lehrerin und Bimmel losreisen musste. Die drei Elfen, die mich in der ganzen Akademie wohl am meisten nervten. Oder eher... Ich sie am wenigsten kannte oder keinen Draht zu ihnen hatte und so weiter.

Bevor wir dann abreisten, musste die Windsang ihre weiß verpackten Hupen noch in den Platzregen halten und mit ihren Rundungen protzen. Meine sind trotzdem größer.

Jedenfalls reisten wir dann zum Fluss und fanden die seltsamen Spuren. Bimmel stellte sich als Magiefuchtler heraus, das hatte ich vorher gar nicht gewusst. Er meinte, wir müssten hoch auf den Berg hinauf, weil da das Ding wäre, was wir suchen und ich meinte, dass an den Seiten jeweils ein Ogerlager und ein Gnolllager wären, der Hang selbst aber zu steil für einen Aufstieg wäre und was dem Chef denn lieber sei. Der Chef schwieg.

Meine Herren! Leuchtklinge hielt die Klappe und ließ die anderen erstmal stundenlang reden und debattieren und die absurdesten Vorschläge hervor bringen, bis er endlich in meine Bitte, dass ich doch mit meinem Worg zum spähen gehen würde, einwilligte und ich mich flugs aus dem Staub machte. Natürlich nur, um wirklich zu spähen. Ich entdeckte auf meinem Streifzug eine schmale Lücke durch das Ogerlager. Der Weg zu dieser Lücke führte allerdings nah an dem Kaldoreiposten vorbei, an dem wir am Vortag auch schon vorbei geritten waren. Zurück bei der Gruppe, machte ich also den Vorschlag, diese Lücke zu nutzen und schwuppdiwupp hatte ich die Führerrolle. Dieser Leuchtklinge ist wirklich... naja. Wenigstens hat er auf mich gehört und nicht Bimmels „vier mal Levitationszauber um die Spitze zu erreichen aber schön nach einander oder vielleicht zaubern wir doch eine Treppe aus Eisblöcken her blabla“-Vorschlag bekräftigt.

Ich war überrascht, dass das Klappergestell von einem Gaul und die beiden Hühnchen so leicht im Unterholz mit meinem Worg Schritt hielten und dass man sie nicht entdeckte. Die Ogerlager bereiteten mir weniger Sorgen, als der Kaldorei-Posten. Oger kann man einfach leichter austricksen.

Jedenfalls machten wir uns an den Aufstieg, die Rampe hinauf, die ich kannte. Früher war ich schon einmal hier gewesen, war aber nie bis ganz oben gegangen. Der Ort war verflucht, so sagt man.

Und das war er dann auch. Je höher wir kamen, desto stiller wurde es. Die Vögel schwiegen, ein leises raunen und rauschen kam auf, der Morast stiel blubbernde und gluckernde Blasen aus und ein dicker Nebel lag über dem ganzen Plateau. Dann sahen wir die weißen Schemen, die sich leuchtend durch den Nebel bewegten. Bimmel verzauberte meinen Säbel, damit ich nicht völlig nutzlos daneben herumstand, während die Anderen kämpfen würden. Frau Lehrerin, ungeduldig wie sie ist, preschte voran und kesselte einen der Geister mit einem golden glühenden Flammenzauber ein und schoss dann einen goldenen Lichtblitz auf ihn ab. Ich konnte nicht verstehen, wieso sie das tat. Der Geist hatte ja nichts getan, er hatte bloß – naja – er war herum geschwebt und hatte sein leises klagendes Lied gesungen.

Als er aber von dem Lichtblitz getroffen wurde, kreischte er urplötzlich laut auf, dass es mir nur so in den Ohren klingelte. Der Ton war schrill und schmerzhaft, so richtig schmerzhaft, als würde er dir mit dem Schrei das Herz durchbohren und als der Schrei verklang, verpuffte der Geist in einem nebligen Schleier, der sich zu rasch in den übrigen Nebel einfügte. Aus genau dem Nebel lösten sich nun circa zehn weitere Geister, die uns einkesselten, mit ihren Schwaden artigen Händen auf und zeigten und leise knirschten und zischten. Die Lehrerin stieß ein irgendwie irre klingendes Lachen aus und wartete ab, bis sich der Großteil der Geister genähert hatte, um dann das Schwert hoch zu reißen und eine Lichtexplosion zu wirken, die zu erneutem Kreischen der Geister führte. Nun ein ganzer Chor dieser schrecklichen Stimmen, die mich dazu brachte unweigerlich die Hände auf die Ohren zu pressen. Der Glöckchenmagier wirkte einen flächigen Feuerzauber, der die restlichen Geister zum verpuffen brachte und auch Leuchtklinge selbst, der ja bisher irgendwie nur schmückendes Beiwerk mit Hut gewesen war, erdolchte zwei der Geister. (Den Hut hatte er eigentlich garnicht an.)

Es blieb dann still, als das Echo der Schreie endlich verklungen war. Das Zischen des Nebels kroch trotzdem tief in meinen Kopf und ließ mich wachsam bleiben. So bemerkte ich auch, wie die Füße des Glöckchenmagiers immer tiefer im Schlamm versanken, als er sich an den Rand des Wassers begab, um sein Zaubergefuchtel erneut auszuführen, um das Ding, was wir da suchten, zu finden. Wir gingen auf eine der Plattformen zu, um nicht wieder im Schlamm zu versinken und Bimmel wurde von mir auf ein Säulenfragment gehoben, damit der Nebel seine magischen Sinne nicht so beeinträchtigte. Seltsamerweise war der Nebel nämlich nur ungefähr zwei Meter hoch und wurde oben dünner, bis er sich irgendwo in fünf Metern oder so verflüchtigte. Das sah ich von unten, im Nebel, allerdings nicht so gut, aber es wird schon so stimmen.

Jedenfalls stellte Bimmel sich auf das Fragment und hob die Hände und beschwor und zauberte und fuchtelte vor sich hin, bis ich ihm hinab half – oder besser gesagt: ihn aufgefangen hab.

Vorn am Ende der Plattform soll sich irgendetwas befinden, sagte er und als er wieder fest am Boden stand, machten wir uns bereit, vorzurücken. Frau Lehrerin kam auf den glorreichen Plan, laut folgende Sätze zu brüllen, ja, zu brüllen, mitten im Feindesland. „Wir kommen im Namen von Dath’Remar, im Namen der Herrn der Sonne, die den Ozean bezwangen und dem Tod entrannen. Wir sind die Erben von Zin-Azshari. Wir verlangen Einlass.“

Einlass... So ein Scheiß. Wo hinein wollten wir denn? In den Nebel? Da waren wir doch längst drin und ein Haus gab es vor uns genauso wenig wie eine Tür. Der Nebel und der Geist, die sich vor uns befinden sollten, schwiegen. Jedenfalls war das, was auch immer es war, jetzt gewarnt, wahrscheinlich genauso, wie der ganze Rest des Waldes. Eine seltsame Unruhe legte sich über mich, als ich mich am Glöckchenmagier vorbei schob, um voraus zu gehen. Dazu war ich schließlich hier.

Von fliegenden Schweinen - von Theleste, 17.7.12

Theleste erwachte lange vor dem Morgengrauen durch einen ihrer üblichen Alpträume. Es brauchte daher eine Weile bis sie sich ihrer Lage wieder bewusst war und in der sie einfach nur still auf ihrem Feldbett lag und den ansonsten üblichen Weinkrampf unterdrückte. Ein Teil von ihr schien offenbar sehr genau zu wissen wo sie war und auch das sie nicht allein war. Ihr Bewusstsein wurde dem Magister, der in dem anderen Feldbett schlief, erst gewahr, als dessen Schnarchen an ihre Ohren drang. Und auch etwas anderes störte sie. Der unangenehme Geruch des Tellers Pilzragout, ihr Abendessen vom vergangenen Tag, das sie kaum angerührt hatte. Theleste hasste Pilze. Unter diesen Umständen war an Schlaf nicht zu denken und daher beschloss sie doch wenigstens den Geruch abzustellen. Das Schnarchen des Magistern konnte sie wohlmöglich später mit einem Kissen beenden. Schlaftrunken schlüpfte sie aus dem Bett und dem Schlafgewand und zog sich ihre Hose, die Weste und Schuhe an. Mehr würde nicht nötig sein, aber niemals würde sie in dem Hordelager nur in ihrem Schlafgewand aus dem Zelt treten. Dann nahm sie den Teller auf und trat aus dem Zelt; zumindest versuchte sie das. Bereits beim ersten Schritt stieß sie mit dem Fuß gegen einen weichen Widerstand und weil sie nicht damit gerechnet hatte, stolperte sie sofort darüber. Was genau geschah konnte Theleste später nicht einmal selbst sagen. Das nächste was ihr in Erinnerung blieb war das Gefühl matschiger Erde in ihrem Gesicht und ein kalter, feuchter Rüssel der sich schnüffelnd an ihre Wange drückte. Normalerweise hätte sie in diesem Moment geschrien, aber als sie eben ihren Mund dazu aufriss war die Schweineschnauze auch schon dort und veranlasste Theleste ihre Lippen lieber fest aufeinander zu pressen. Im Gegenzug handelte sich das Borstentier aber einige feste Schläge ein woraufhin es vor ihr zurück wisch und sie erst einmal in Ruhe lies. So konnte Theleste sich auf den Arm stützen, einige Momente durchatmen und sich beruhigen. Das Schwein musste direkt vor ihrem Zelt gelegen haben als sie darüber gestolpert war. Jetzt war das dicke Tier gerade dabei den Boden um sie herum nach den herunter gefallenen Pilzen abzusuchen und diese zu verspeisen. Auch ihre Weste und ihr Gesicht war mit dem Pilzgericht gesprenkelt, was die Aufmerksamkeit des Schweins auch bald schon wieder auf sie lenkte. Es war gar nicht so groß wie befürchtet, wohl noch ein Jungtier wie sie im matten Mondlicht erkannte. Die Situation war derart absurd das Theleste zu schmunzeln begann. Mit der freien Hand griff sie nach dem Vieh und kraulte es vorsichtig hinter den Ohren. Dies verstand das Tier aber offensichtlich als Einladung denn sogleich torkelte es wieder auf sie zu und sprang sie an um die Pilze von auf Kleidung zu vertilgen zu können. Auch wenn sie dadurch noch dreckiger wurde, das Schwein bestand nämlich allem Anschein nach mindestens bis zur Hälfte aus Schlamm, lies Theleste das Tier wenigstens so lange gewähren bis es diese widerlichen Pilze beseitigt hatte. Sie konnte nur hoffen das niemand sie in dieser Lage zu Gesicht bekommen würde. Sie wäre mit Sicherheit augenblicklich vor Scham gestorben. Als sie diesen Gedankengang ein wenig weiter führte wurde es ihr dann auch zu bunt und als das Schwein sich nicht freiwillig von ihr herunter schieben lies, belegte sie es kurzentschlossen mit einem Schwebezauber. Zu ihrer eigenen Verwunderung wehrte sich das Tier nicht einmal dagegen, als es einen halben Meter über dem Boden in der Luft verharrte und die dicken Beine nach unten baumelten. Es sie schaute sie nur überrascht aus seinen kleinen Augen an, schmatzte und sabberte aber ungerührt weiter. Theleste grinste schief zurück.

Der Oger Wuu erwachte weil ihn irgendetwas Kleines antippte. Als er die Augen öffnete sah er direkt in das Gesicht eines seiner Schweine. Es schwebte direkt über seinem Bauch in der Luft. Das tat es normalerweise nicht. Hinter dem Schwein stand eine schmutzige Elfe und tippte ihn immer noch mit einem Stock an. Sie hatte ein Seil in der Hand dessen anderes Ende einmal um den Bauch des Schweins gewickelt war. Wuu kratzte sich am Bauch und setzte sich dann auf. Die Elfe war eine aus der Gruppe von Spitzohren, die ihr Lager in der Festung aufgestellt hatten. Nicht weit von seinen Schweinen weg. Jetzt zeigte die Elfe auf das Schwein und danach auf die Zelte. Wuu verstand das sofort. Seine Schweine liefen öfter mal weg wenn er schlief. Wenn ein anderer Oger sie dabei erwischte wurden sie sofort verspeist und Wuu ausgelacht. So war das schon immer. Deswegen achtete Wuu normalerweise auch ganz besonders gut auf seine Schweine. Das die Elfe sein Schwein tatsächlich zu ihm zurück gebracht hatte wunderte den Oger noch tagelang. Das es zu ihm zurück geflogen war dagegen nicht – Wuu wusste schon immer das Schweine fliegen können. Auch wenn die Elfe das offenbar nicht wusste, das Schwein gehörte nach den Regeln der Oger nun ihr, da sie es ehrlich von ihm geklaut hatte. Aber Wuu war nicht dumm und wenn die Elfe das nicht verstand konnte er sie vielleicht überlisten. Also nahm er das Schwein aus der Luft unter den Arm und bot der Elfe dafür ein paar Streifen von seinem Trockenfleisch an das er in dem Beutel versteckte, der ihm als Kopfkissen diente. Dazu lächelte er die Elfe so freundlich an wie er konnte. Er rechnete natürlich nicht wirklich damit das sein Schwein auf diese Weise zurück zu bekommen. Daher war er umso erstaunter als die Elfe plötzlich ebenfalls grinste und dann das Trockenfleisch nahm. Wuu hatte tatsächlich ein Spitzohr reingelegt. Dabei sagten alle immer die Spitzohren wären schlau. Wuu war eindeutig noch schlauer. Die Elfe blieb noch bis zum Morgengrauen bei Wuu. Die beiden saßen sich schweigend zwischen seinen Schweinen gegenüber und aßen Trockenfleisch. Besonders gut gefiel Wuu das die Elfe nicht versuchte etwas zu sagen. Wuu war nie ein Freund vieler Worte gewesen und Elfen, das wusste jeder Oger, hatten sowieso nichts Wichtiges zu sagen. Er dagegen würde den Rest seines Lebens jedem Oger von der Geschichte erzählen, wie er einer Elfe ein Schwein für ein Stück Trockenfleisch abgekauft hatte.

Angemessene Garderobe - von Fentar, 13.7.12

Zufrieden betrachtete der Skriptor seine neue Robe. Gedeckte Farben wie er es bevorzugte, doch nicht mehr das schäbige Grau, das er bislang zur Schau getragen hatte. Man hatte beschlossen, ihm in Anbetracht der zunehmenden öffentlichen Auftritte einen Bonus zuzugestehen, auf dass er sich anständig und würdevoll einkleide. Ein schmales Lächeln huschte über Fentars Züge. Würdevoll. Ha. Aber er konnte nicht leugnen, dass es sich gut anfühlte, einmal wieder Seide auf der Haut zu spüren, und der matte Glanz des Stoffes sagte ihm durchaus zu. Kurz regte sich etwas in ihm, eine Erinnerung, ein Lockruf aus alter Zeit. Er unterdrückte ihn, ehe er Bedeutung erlangen konnte. Mit einem Stirnrunzeln beugte der Skriptor sich vor und starrte den Haaransatz seines gespiegelten Bildes an. Mit spitzen Fingern teilte er das Haar an der Schläfe und zog es auseinander. War dort ein Schimmer von Rot zu erkennen? Es würde sicher nicht schaden, einmal wieder die Farbe aufzufrischen. Doch erst einmal gab es andere Dinge zu tun. Leise pfeifend ging er zum Schrank hinüber und verstaute seinen neuesten Schatz sorgfältig hinter seinen beiden anderen, völlig identischen grauen Roben. Beim nächsten Gelehrtentreffen würde er endlich angemessen auftreten können.


Wer suchet, der findet - von Tarian, 6.7.12

Derithos drehte sich im Kreis. Nicht im tatsächlichen Sinne – er hatte weitaus Besseres zu tun, als wie ein aus den Fugen geratener Globus durch die Gegend zu taumeln –, sondern im übertragenen Sinne. Schon seit er den Brief der Inspektorin Windsang erhalten hatte, suchten seine Gedanken nach Etwas, was sie nicht finden konnten, und diese erfolglose Suche machte ihn furchtbar ungehalten. Es war, als würde man aus den Augenwinkeln etwas erspähen, doch sobald man es zu fokussieren versuchte, wich es zur Seite aus und lauerte wieder am Rande der Wahrnehmung, definitiv vorhanden, aber nicht wirklich greifbar.

Grübelnd starrte er an die Zimmerdecke, ehe er mit einem genervten Seufzen die Augen verdrehte und sich aufzusetzen begann. Eher schwerfällig warf er die Beine über den Rand der Ledercouch, auf der er bis gerade gelegen und seinen Gedanken nachgehangen hatte, und blieb noch für ein paar Augenblicke sitzen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein – warum fiel ihm nicht ein, weswegen ihn diese lästige Unruhe gepackt hatte? Bei den königlichen Kronjuwelen, er war vielleicht nicht mehr der Jüngste, aber gewiss noch nicht senil; und diese verdammte Erkältung, die er sich vor ein paar Tagen eingefangen hatte, machte die ganze Sache auch nicht besser. Derithos war sich ziemlich sicher, dass ihm die Urgroßmutter aller Erkältungen einen Besuch abgestattet hatte, so elend, wie er sich gefühlt hatte – seit Montagabend hatte er flach gelegen, und es erst gestern gewagt, wieder einen Fuß vor die Tür zu setzen. Zwar klang seine Stimme noch immer so, als hätte er ein Reibeisen gefrühstückt und anschließend mit Glassplittern gegurgelt, aber immerhin brachte er schon wieder einen Ton hervor, auch, wenn das heisere Flüstern eher an die Stimme aus dem Grabe erinnerte, als an seine Eigene.

Kaum war der Rotschopf aufgestanden, trottete er – allenfalls mäßig begeistert – um die Couch herum und blieb in der Mitte des Raumes stehen. Es waren ziemlich große Räumlichkeiten, bedachte man die Tatsache, dass es sich um ein gemietetes Zimmer des Gasthauses handelte, und von absolut akribischer Ordnung. Kein Fussel lag auf dem bordeauxroten, weichen Teppich, welcher den gesamten Fußboden bedeckte, und die Möbel der kleinen Sitzecke, zu der auch die Ledercouch zählte, standen in perfekten Winkeln zueinander, direkt vor einem derart großen Fenster, dass man beinahe glaubte, die gesamte Wand würde aus dem Glas bestehen. Schwere, ausladende Gardinen säumten das großzügige Fenster, fügten sie sich nahtlos in die vorherrschenden Farbtöne an: Rot und Gold. Von einigen persönlichen Dingen einmal abgesehen, gab es nur noch einen Bereich, der auffällig war – einst ein Balkon, nun Verlängerung des Raumes, musste man drei Stufen nehmen, um in den gesonderten Bereich zu gelangen. Ein massiver, dunkler Mahagonitisch stand dort, bedeckt mit dutzenden Büchern und losen Blättern, jene fanden sich auch auf dem Boden, scheinbar wahllos verteilt oder einfach nur achtlos vom Tisch gewischt. Rechts von dem Tisch, direkt an der Wand, befand sich ein Bücherregal, in dem nur noch vereinzelte Werke standen – der Großteil der Bücher lag aufgeschlagen auf dem Tisch, teilweise stapelten sie sich auch zu kleinen Türmchen, sodass die Person, die an dem Tisch saß, unweigerlich das Gefühl hatte, inmitten einer Festung zu sitzen. Hinter dem Tisch hatte es einst einmal ein Fenster gegeben, doch eine transportable Korkwand versperrte nun jegliche Sicht nach draußen. Auf der Wand selbst setzte sich das Chaos fort, unzählige Zettel waren mit kleinen Nägeln dort festgehalten und scheinbar ohne irgendein erkennbares System einfach davor gerettet worden, in der Papierflut, die den Fußboden bedeckte, unterzugehen.

Lediglich milde konsterniert stellte Derithos fest, dass der Mülleimer sich vor nicht allzu langer Zeit dazu entschlossen haben musste, seinen Inhalt ebenfalls auf den Fußboden zu erbrechen – umgekippt lag er unter dem Mahagonitisch, umgeben von zerknüllten Zetteln, die ihr Dasein einst in dem Eimer gefristet hatten. Vielleicht war der Zeitpunkt langsam erreicht, wo er sich einmal die Zeit nehmen sollte, dieses Chaos zu beseitigen, sein Arbeitsplatz quoll praktisch über vor lauter Material.

Nachdem er den Papiernether noch einmal betrachtet hatte, beschloss er, dass dieser Tag nicht heute war. Dem Tisch, Büchern und Zetteln demonstrativ den Rücken zuwendend, blieb er immer noch an Ort und Stelle stehen. Jetzt, da seine Aufmerksamkeit nicht länger von dieser eklatanten Unordnung gefordert war, sah er sich wieder mit dem Problem der vorigen Stunde konfrontiert, und die Tatsache, dass er noch immer keine Lösung dafür gefunden hatte, fuchste ihn ungemein. Tief atmete der gealterte Elf ein, und wurde direkt mit einem Hustenanfall belohnt – es schüttelte ihn ganz grässlich, bis sich der Husten wieder legte. Ungnädig verzog er das Gesicht, und rieb sich über die Brust. Immerhin war es nicht mehr so schlimm wie vor ein paar Tagen. Immerhin.

Mit einem Male wirbelte der Mann herum, so plötzlich, als hätte ihm jemand eine Ohrfeige verpasst. Nach nur wenigen, langen Schritten stand er in dem Chaos, welches er über die Wochen hinweg angerichtet hatte, stieg über die Zettel und Bücher hinweg, bis er direkt vor der Korkwand stand. Eilig huschte sein Blick über die dort angebrachten Notizen, suchend beugte er sich ein Stück vor – dann riss ein Papierstück von der Wand ab. Selbstzufrieden hielt er es in der Hand, und überflog die Zeilen, die darauf geschrieben standen.

Derithos lächelte triumphierend. Alt, aber nicht senil.

Planung - von Kannae Windsang, 5.7.12

In eisiges Schweigen gehüllt saß die Inspektorin Windsang auf dem mit Samt bezogenen Diwan hinter ihrem Schreibtisch und tauchte die Feder zum wiederholten Male in die Königstinte, mit der sie diverse Pergamentbögen beschrieb.

Bei den meisten der so entstehenden Schriftstücke handelte es sich um schlichte, schmucklose Briefe, die an die Mitglieder der Wachmannschaft adressiert waren und jene dazu auffordern, sich freiwillig für die anstehende Expedition nach Feralas zu melden. Wenn es keine Freiwilligen geben sollte, würde sie in Bälde selbst mindestens drei ihrer Leute dorthin abkommandieren müssen, ob sie nun wollten oder nicht...

Für einen relativ kleinen Teil der Tageskorrespondenz allerdings wählte sie besonders hochwertiges Pergament. Jene Schreiben richtete sie an die Investoren der Abteilung und legte jedem einzelnen davon eine von ihrer Assistentin Kalarena handschriftliche vervielfältigte Liste der voraussichtlich anstehenden materiellen Aufwendungen bei. Natürlich handelte es sich dabei vorerst nur um eine grobe Vorauskalkulation, denn wie hätte sie all diese Besorgungen binnen nur zweier Tage erledigen sollen? In der reichlichen Woche, die ihr noch blieb, kam eine Menge Arbeit auf sie zu: Die gesamte theoretische Planung, die sie zur Vorbereitung der Reise bereits gemacht hatte, wollte in die Tat umgesetzt werden.

Überdies musste sie dringend mit Arilas sprechen. Vielleicht würde sie ihn davon überzeugen können, der Abteilung die Kosten zu erstatten, wenn er die Funde, die sie in Feralas womöglich machen könnten, denn nur sehen und arkanmagisch untersuchen durfte. Möglicherweise fände er ja auch die Zeit, Morgentau bei der Vorbereitung des magischen Rituals zu unterstützen, dessen es augenscheinlich bedurfte, um eine ganze Expedition mit allen Mitreisenden, Lasttieren und Gepäck auf die andere Seite der Welt zu bringen. Apropos Lasttiere... um die musste sie sich auch noch kümmern.

Ihre rot getünchten Lippen formten einen schmalen, blutleeren Strich. Auf wessen Mist diese beschissene Idee, einer fachfremden Abteilung die Suche nach irgendeinem ominösen Hochgeborenen-Artefakt aufzudrücken, auch immer gewachsen war... derjenige sollte ihr besser nicht über den Weg laufen. Es war eine Sache, dass dieser Unfug ihre gesamte ursprüngliche Planung bezüglich der zur Verfügung stehenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen über den Haufen warf. Das belastete zwar ihre Nerven, aber sie würde es überleben.

Eine gänzlich andere Sache jedoch war die Beleidigung, die man Bellok und somit auch ihr damit an den Kopf geworfen hatte. Nie zuvor war er derart aufgebracht gewesen - einen Moment lang hatte sie ernsthaft befürchtet, dass er wahlweise ihr oder irgendjemand anderem das Genick auf links drehen würde, und tatsächliche hätte sie diese Alternative der gegenüber vorgezogen, die letztendlich eingetreten war: Er fraß es in sich hinein.

Für alle anderen mochte das unsichtbar sein unter dem Deckmantel seiner eisernen Selbstkontrolle und Disziplin, die ihrer eigenen um nichts nachstand... doch für sie spiegelte es sich in jeder Bewegung, jedem Blick, jeder noch so kleinen Regung seiner Miene wider. Kannae verengte die Augen, als sie an Morgentau dachte, der sich im Vergleich eher wie ein verzogenes Blag als wie ein Mann benahm und es in der Inbrunst seines eklatanten Mangels an Respekt und Integrität sogar gewagt hatte, sie ungefragt zu betatschen. Leute wie der waren also in den Positionen, Leuten wie Leuchtklinge seinen Lebenstraum in Scherben zu schlagen?

"Armes Quel'thalas...", zischte sie leise, während sie das Tintenfass verschloss. Möglicherweise hatte Bellok in den durch die Fassade brechenden Auswüchsen seiner Frustration recht und sie beide sollten die Konsequenzen eher früher als später ziehen. Ohne jeden Ausdruck auf den schönen, blassen Zügen verfrachtete sie die fertigen Briefe in passende Umschläge, auf denen sie anschließend die Adressaten vermerkte.

Die ernüchternde Realität - von Bellok Leuchtklinge, 4.7.12

Die langen, schlanken Finger seiner rechten Hand trommelten schon seit einer halben Stunde sachte, unwillig, in stets derselben Reihenfolge über das Pergament, das vor Bellok auf dem Schreibtisch lag. Ebenso lange grübelte er schon darüber nach, was er mit diesem Schreiben anfangen sollte, mühte sich bisher vergeblich, dieses – seines bescheidenen Dafürhaltens nach reichlich unverschämte – Ansinnen mit einer guten Begründung, irgendeiner Begründung ablehnen zu können.

Plötzlich erlahmten die Finger, griffen dann zum halbdutzendsten Mal nach dem Brief, um ihn aufzunehmen und zu studieren. Ein schmaler, mürrischer Zug legte sich um seinen Mund. „'Herzlicher Empfang', mein Hut.“. Leise, wie gegen einen hartnäckigen Widerstand presste er diese Worte hervor. Leider nur konnte ihn auch der feindselige, geringschätzige Blick, den er den niedergeschriebenen Worten zuwarf, nicht davon ablenken, dass er sich gedanklich auf einem Rückzugsgefecht befand. Persönlich würde er den Brüdern aus Dalaran liebend gern und in einer nicht an Deutlichkeit zu Wünschen übrig lassenden Sprache mitteilen, wohin sie sich ihr 'Oberthema' stecken könnten, aber als Repräsentant der Archäologischen Akademie kamen solche Ausfälle wohl zumindest im offiziellen Schriftverkehr nicht in Frage. 'Zum Erstarken aller Sin'Dorei', in der Tat.

Bellok griff nach einem unbeschriebenen Blatt, nach Tinte und Feder. Alles Brüten nützte am Ende nichts und so begann er damit, ein Antwortschreiben zu verfassen, dem es an Höflichkeit nicht mangeln sollte.


Verehrter Magister Sonnwind,

lasst mich zunächst meinem tiefen und aufrichtigen Bedauern darüber Ausdruck verleihen, dass es mir auf dem letzten Gelehrtentreffen, das Ihr erstmalig mit Eurer Anwesenheit bereichert habt, leider kaum möglich war, Euch und die Euren persönlich und in angemessener Weise zu begrüßen. Es wäre zwar, wenn mir die Bemerkung gestattet ist, ein wenig vermessen, hinsichtlich der Vorträge bereits von einer Tradition zu sprechen; nichtsdestotrotz trifft es zu, dass jede unserer Versammlungen fortan mit einem kurzen Vortrag eröffnet werden soll.

Euer Beitrag wird sowohl von meiner Person als auch der Akademie mit Spannung erwartet; zu selten haben wir die Gelegenheit, uns in der Brillanz unserer Brüder und Schwestern in Dalaran zu sonnen. Bedenkt bitte lediglich, dass das anwesende Publikum unter Umständen über keine besonders ausgeprägte magische Vorbildung verfügt. Solltet Ihr Euch in dieser Frage unschlüssig sein, steht es Euch selbstverständlich frei, mir vor dem Gelehrtentreffen ein Manuskript Eurer Rede vorzulegen. Bis dahin wünsche ich Euch und den Euren einen sowohl angenehmen als auch produktiven Aufenthalt im Hohen Reich.

Gerechtigkeit für unser Volk,

Bellok Leuchtklinge, Archäologische Akademie Silbermond

Als Bellok den Brief noch einmal überflog, stieg selbst ihm, dem aufgesetzte und steife Höflichkeit durch jahrelange Übung eigentlich leicht von der Hand ging, ein bitterer, fauliger Geschmack in den Mund. Zu gern hätte er etwa '...und verrotte im Nether, Schlangenbrut!' oder etwas vergleichbares ergänzt, aber diese persönliche Befriedigung blieb ihm leider verwehrt.

Mit verkniffener, regloser Miene faltete er das Pergament, ließ es in einem Umschlag verschwinden, den er mit Siegelwachs und dem Zeichen der Akademie verschloss. Wenn er es schon nicht vermeiden oder verhindern konnte, so hatte er es jetzt wenigstens hinter sich. Zeit, sich wieder den angenehmeren Dingen des Lebens zuzuwenden – dieser Gedanke erzeugte beim gleichzeitigen Blick auf den Poststapel, der sich auf seinem Schreibtisch türmte und der während des Grübelns nicht kleiner geworden war, ein schmales Lächeln auf seinen Lippen.

Bellok griff nach dem obersten Brief auf dem unwillkommenen Stapel und runzelte die Stirn, als er den Absender zur Kenntnis nahm: Meister Abendruh, sein unmittelbarer Vorgesetzter. Schon wieder. Was gab es diesmal? Hatte der alte, nach Meinung nicht weniger Leute schon etwas senile Elf wieder eines dieser leidigen Treffen anberaumt, nach denen sich Bellok immer etwas konsterniert fragte, was sie eigentlich -genau- während der letzten Stunde besprochen hatten? Es schien, als bliebe ihm heute wenig erspart. Der Brieföffner glitt mit einem leisen 'Ratsch' durch das Papier.


Werter Meister Leuchtklinge,

wieder einmal habt Ihr der Archäologischen Akademie, unserem so geliebten Institut einen wahrlich vortrefflichen Dienst geleistet. Die Schriftrolle, die Euch zugeleitet wurde, wurde mittlerweile von der hochgeschätzten Bibliothekarin Dämmerstern übersetzt – den Text habe ich im Thalassischen zu Eurer Information beigelegt.

Meiner bescheidenen Meinung nach könnten diese durchaus kryptischen Worte Hinweis auf ein Artefakt sein – den Andeutungen nach vielleicht sogar etwas, das einst von den Hochgeborenen gefertigt wurde. Ohne weitere Recherche allerdings bleibt dies Gegenstand von Spekulationen. Daher möchte ich Euch darum bitten, diesbezüglich Nachforschungen anzustellen. Sollte sich herausstellen, dass ich nicht geirrt habe, wäre das natürlich ein höchst interessanter Fund, einer, den die Akademie unbedingt in ihren Besitz bringen muss!

Wie Ihr sicherlich wisst, sind Meister Sonnenglanz und die Mitarbeiter seiner Abteilung zurzeit mit der Ausgrabung in Winterquell mehr als ausgelastet. Es scheint, dass der ganzjährig gefrorene Boden eine größere Herausforderung darstellt, als zunächst gedacht. Eine mögliche Expedition nach Feralas würde ich daher in Eure fähigen Hände legen. Wie ich hörte, seid Ihr schon länger begierig darauf, Quel'Thalas wieder einmal zu verlassen, um Euch der Feldforschung zu widmen. Es erfüllt mich mit tiefer Freude, Euch zumindest möglicherweise die Gelegenheit dazu geben zu können. Dankt nicht mir, sondern dem günstigen Schicksal, dass Euch dieses Schreiben zugetragen hat, Meister Leuchtklinge! Ich erwarte Euren Bericht, sobald Ihr näheres in Erfahrung gebracht habt, mit vermutlich ebenso großer Vorfreude wie die, die Euch gerade erfüllt.

Möge die ewige Sonne Euch leiten,

Adelmar Abendruh

Nein...

Nein!

NEIN!

In einem für ihn überwältigenden Impuls knüllte er Brief und Umschlag in der Hand zusammen und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Geißel, Nether und Legion: Das KONNTE einfach nicht wahr sein. Alles Warten, alle Vorbereitung, um endlich die langersehnte Expedition nach Uldum angehen zu können. Die Anstrengungen, das Anwerben von allem und jedem, der auch nur eine Silbermünze in der Tasche zu haben schien, die endlosen Gespräche mit den Kandidaten für die Wachmannschaft, der explosive Ärger mit Kannae. Die Treffen, Briefe, Lügen und Halbwahrheiten – und nun wurde er nach Feralas geschickt?

Bellok ließ das Knäuel aus seiner Hand fallen und starrte es an. Sicherlich musste es gleich in Flammen aufgehen, sich als Albtraum entpuppen, sich in Luft auflösen. Sicherlich hatte er sich das nur eingebildet. Sicherlich....war es ein mehr als geschmackloser Scherz von Abendruh gewesen.

Doch spätestens bei diesem Gedanken wurde ihm bewusst, dass er nach Strohhalmen griff, dass es nichts weiter als die trocken und gedankenlos aufgeschriebene Realität war, die ihn aus dem zerknüllten Brief heraus immer noch angrinste. Wenn sich herausstellte, dass es tatsächlich ein Artefakt sein könnte, würden alle seine Bemühungen in eine Expedition nach Feralas münden.

Feralas. So nah an dem, was er eigentlich wollte und gleichzeitig so unendlich weit entfernt. Die sandigen Weiten Uldums, auf der Karte, die er im Geiste vor sich sah, nur einen Steinwurf von diesem netherverfluchten Streifen der Westküste Kalimdors entfernt, in die es ihn mit ein wenig Pech in absehbarer Zukunft verschlagen würde – in Anbetracht der letzten Tage hatte Bellok beinahe schon keine Zweifel mehr, dass ihn dieses Pech ereilen würde.

Beinahe ebenso schwer zu ertragen wie die Vorstellung, dass er in unmittelbarer Nachbarschaft seines Grals sein würde, ohne die Gelegenheit zu haben, ihn zu berühren, waren die Blicke der Magister, die sich der Archäologe bereits jetzt lebhaft vorstellen konnte. Das Leuchten in den Augen der Magister Morgentau und....Weißschlag, die beide entweder nicht Willens oder nicht in der Lage waren, die Komplexität und die Macht der Titanentechnologie zu erkennen, zu wissen, was der wahre Preis war, den es zu gewinnen galt. Für sie würde die Nachricht, so sie sich denn bestätigte, ein Fest sein, ein Freudentag und ein Anlass, sich beim Anblick ihrer Spielereien, ihres magischen Tands gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Bellok wurde schon bei dieser Vorstellung übel.

Lange Minuten saß er weiter so da und betrachtete den Pergamentball. Neben all diesen Gedanken, neben der Frustration, der Enttäuschung, der Wut wusste er doch, was er zu tun hatte; wusste, dass es keinen Ausweg gab. Abendruh konnte sich sicher sein, dass es Belloks Arbeitsethos nicht zulassen würde, die Nachforschungen in Sachen der Rolle absichtlich im Sande verlaufen zu lassen. Keine Abteilung der Akademie konnte es sich erlauben, im Rennen um die über Azeroth verteilten Hinterlassenschaften der Vergangenheit eine Vertretung abzulehnen, wenn es dem großen Ganzen diente. Er saß in der Falle, kein Ausweg in Sicht.

Nether, Nether und noch einmal Nether.

Es gab nur eines, das er tun konnte: Es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, wenn es schon keine Möglichkeit gab, es zu verhindern. Noch während sich in Belloks Hinterkopf eine Liste von Büchern formierte, die er in dieser Sache vielleicht konsultieren konnte, erhob er sich, ging mit langen Schritten zur Tür und verließ sein Büro. Die Tür fiel nicht wie sonst leise, sondern mit einem Knall, der sicherlich bis in die Eingangshalle zu hören war, hinter ihm ins Schloss.

Erzählung – von Ein Reisender, 3.7.12

Ich war schon für Wochen in der grauen Ödnis, Desolace. Ein Ort voller Tristess und Fäulnis. Man könnte sagen, ein Friedhof für alle wilden Tiere Kalimdors.

Man erreicht Desolace, indem man einen brennenden Talkessel durchquert, das verbrannte Tal genannt. Nach all dem Feuer, den ewig brennenden Bäumen, der sengenden Hitze, erschien die klirrende Wüstennacht mir segenvoll.

Es war still. Totenstill. Und von dieser Stille erwachte ich. Seltsam ausgeruht fühlte ich mich, obgleich die Sonne noch nicht aufgegangen zu sein schien. Der Himmel hing voller dicker dunkler Wolken und beinahe sah es nach Regen aus. Beinahe. Es sollte nicht so kommen. Im Gegenteil, denn bald dämmerte mir, dass das Grau nicht von der Nacht herrührte, sondern vielmehr das Land selbst alle Farben verloren zu haben schien und nur das Grau geblieben war und die Wolken keine Wolken waren, sondern aufgewirbelter Staub und Asche, die sich unheilvoll an den Himmel klammerten. Selbst die Kodos waren nur grau und gelbbraun, wie das „Wasser“, diese stinkende Plörre, die noch Ekel erregender war, als fauler, eitriger Kodourin, gelb dampfende Pfützen bildend, die man vereinzelt in dieser stillen Hölle findet. Graue Geier. Graue Basilisken und eines: Dämonen. Dämonen in erschreckender Vielzahl.

Doch irgendwann erreicht man, sofern nicht zuvor um den Verstand gebracht, eine Oase von gewaltigen Ausmaßen. Die Nachtelfen und die Tauren teilen sich diesen Ort, um ihre Naturgötter anzubeten und all diesen druidischen Schnickschnack zu betreiben.

Dort blieb ich eine geraume Weile. Nicht des Schnickschnacks, sondern der Pflanzen wegen, die ich dort erforschen konnte. Das war der Ort, an dem ich von der Geisterseherin erfuhr. Sie folgte weder der Horde, noch Cenarius, also war es wohl riskant, sie zu treffen. Doch mich interessierten ihre Tinkturen und Mischungen. Ich entschied, mich dorthin zu begeben, wo sie angeblich hausen sollte. Das war in den Bergen, die Desolace von Feralas trennen. Ich fand ihr Lager natürlich sehr leicht. Doch das war zunächst auch alles, was ich fand. Die Geisterkuh war nicht dort. Ich wartete, meine Ungeduld verdrängend. Als am Abend der Wind drehte, konnte ich es wieder riechen: Fäulnis von Leichen. In Erwartung einiger Verlassener verharrte ich am Lager der Kuh und sah mich näher um.

Ich folgte nach einer geraumen Weile doch dem Leichengestank und erblickte die erschlagene Taurin. Sie musste kurz vor meinem Eintreffen an ihrem Lager umgekommen sein und als ich mich näherte, fiel mein Auge auf den hässlich gekritzelten, doch grob erkennbaren Phönix unseres Reiches auf einem zusammengerollten Leder, welches sie mit ihren unförmigen Griffeln umklammerte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, steckte ich das Leder ein. Es war ja ohnehin eine Nachricht, die für ein Mitglied meines Volkes gedacht zu sein schien. Mein Taurahe war zu schlecht, es zu entziffern, doch ich bin sicher, die, denen ich ihn habe zukommen lassen, wissen etwas damit anzufangen.

Der Reisende endete seine Geschichte, nippte an seinem Bier und sah sich in der schummrigen Taverne um, die er an diesem Abend aufgesucht hatte. Einer der wenigen Zuhörer fragte ihn: "Ja... Und wem, WEM hast du den ollen Wisch gegeben?" Der Reisende hob einen Mundwinkel und schnaubte. "Den Typen von der Akademie der Dreckwühler, natürlich."

Triviale Aufgaben – von Altharia Dämmerstern, 3.7.12

Gelangweilt kratzte der Federkiel in Altharias rechter Hand über den Pergamentbogen, der neben dem beschmierten Stück Leder auf ihrem Tisch lag. Gerade mal ein halbes Auge huschte über die taurische Schmiererei, während ihre linke Hand in einem anderen Dokument auf Thalassisch nennenswerte Notizen machte. Diese trivialen Aufgaben, die sie von der Akademie zugeteilt bekam, störten sie bisweilen. Seufzend setzte sie den Federkiel ab, um den übersetzten Text zu überfliegen:


Mu’sha möge die Deinen beleuchten. So ähnlich heißt es in deiner Sprache. Als das blaue Nachtauge sich zuletzt gezeigt hat, sprachen die Geister von sich erhebenden Schwingen, Schwingen aus Feuer, aus Asche geboren. Schwingen, die zu deinem Volk gehören. Die Schwingen versprechen große Macht und auch die Weißäugigen haben ihren Ruf vernommen. Mein Volk hat keinen Streit mit ihnen. Mein Volk strebt nicht nach der Macht der Schwingen. Also ist es an dir und den deinen. Taruna Nebelauge

Es war gut genug. Nicht, dass jemand in der Akademie den Unterschied zwischen einer passablen Übersetzung und einer guten Übersetzung merken würde. Vermutlich konnten das nicht einmal die Tauren selbst.

Gestern und Heute - von Kannae Windsang, 2.7.12

Vor über 150 Jahren in einem verfallenen Haus jenseits des Stadtrandes von Silbermond...

Verstohlen huschte sie durch den schmucklosen, braunen Leinenvorhang, der das ärmliche "Schlafzimmer" von der beengten Kochnische daneben abtrennte. In dem knapp zwei mal drei Schrittlängen messenden Bereich dahinter war es dunkel, denn durch das trübe gewordene Fenster fiel um diese Uhrzeit allenfalls noch ein wenig Mondlicht und der Feuerschein des Ofens in der behelfsmäßigen Küche drang nicht durch den recht schweren, dichten Stoff.

Die Stimmen ihrer Eltern taten das aber sehr wohl. Seit Stunden stritten sie schon und warfen einander Vorwürfe an die Köpfe - so wie beinahe jeden Tag, wenn Sherisiel Windsangs Gemahl ein weiteres Mal allenfalls mit ein paar Silberstücken in der Tasche von seiner Arbeit als schlecht bezahlter Tagelöhner zurückkehrte. Sie störte sich schon lange nicht mehr daran, sondern war im Gegenteil dankbar dafür... wenn sie untereinander stritten, stritt zumindest niemand mit ihr.

Auf nackten Sohlen tapste sie zu dem schmalen, hohen Spiegel, der neben dem aus Decken und einem einzelnen, fleckigen Kissen bestehenden Nachtlager ihrer Mutter an der Wand lehnte. An einigen Stellen war das Glas gesprungen und blind geworden, in der oberen rechten Ecke fehlte ein Stück, das sich schon vor langer Zeit aus dem hölzernen Rahmen gelöst hatte.

Aus dem noch intakten Teil des Spiegels blickte ihr ein Mädchen entgegen, das noch nicht einmal die Schwelle von der Kindheit zur frühen Jugend ganz überschritten zu haben schien. Ein in der Dunkelheit gut sichtbarer hellblauer Schimmer überdeckte das intensive Grün der Iriden ihrer Augen, verwandelte es in eine Türkisnuance. Goldblondes Haar fiel ihr - von eigener Hand direkt vor den spitzen Elfenohren schief abgeschnitten - lose in die noch etwas rundlichen, blassen Wangen, von denen eine ebenso mit Schmutz beschmiert war wie das deutlich zu groß geratene Leinenkleid, das um den schmalen, kindlichen Körper schlackerte.

Jenes Kleid war schon an vielen Stellen geflickt worden, teilweise mit Zwirn und Fetzen in unpassender Farbe, denn man musste - so sagte ihre Mutter immer - mit dem wirtschaften, was man eben gerade hatte. Unwillig schürzte das Mädchen seine blassen Lippen, fasste den abgegriffenen Stoff im eigenen Rücken und raffte ihn zusammen, um dem sackartig fallenden Gewand eine zumindest geringfügig hübschere Form zu geben.

Doch in ihren Träumen, jenseits der erbärmlichen Realität in jener Bruchbude am Rande der goldenen Stadt, in der Leute wie sie von der Wache von Parkbänken gescheucht wurden, weil sie den feinen Herrschaften angeblich das Landschaftspanorama durch ihren Anblick verdarben, war sie eine Prinzessin, als sie sich im Tanze - oder eher in der unbeholfenen Bewegung, die sie für tänzerisch hielt - vor dem kaputten Spiegel drehte. Die Tochter eines Fürsten, gekleidet in Samt und Seide, behängt mit Goldketten und Juwelen, die mit einem Prinzen tanzte, der ein großes Anwesen hatte, in dem Marmorstatuen die endlosen Korridore säumten, Teppiche mit vergoldeten Fransen den Boden bedeckten und Gardisten in strahlenden Rüstungen, mit glänzenden Hellebarden sich vor ihr verneigten...

Das tatsächliche Ergebnis blieb natürlich nur mäßig ansehnlich, denn verwaschener, löchriger Stoff verwandelte sich eben nicht allein kraft des bloßen Wunsches in eine prunkvolle Robe. Es war nur ein etwas besserer Flickenteppich, der um die nackten Beine des Mädchens flog, als es im Dunkeln so elegant wie ein betrunkener Storch vor dem Spiegel herumwirbelte.

Als es draußen, jenseits des Vorhangs heftig klirrte und die aufgebrachten Stimmen einen Moment lang noch lauter wurden, hielt sie so abrupt in der Bewegung inne, dass sie beinahe stolperte. Kurz darauf wurde die baufällige Tür, die aus dem Haus führte, schwungvoll zugeknallt. Für die Dauer einiger Augenblicke war es still, ehe jener Vorhang zur Seite gewischt wurde und der Feuerschein aus der Kochnische in den Schlafbereich drang.

Das Mädchen blinzelte ob der plötzlichen Helligkeit mehrfach, ehe es Silhouette und Gesicht seiner Mutter erkannte und auf sie zueilte. "Minn'da! Erzählst du mir die Geschichte von der Prinzessin noch mal, hnn?", rief sie dabei freudig. Sherisiel Windsang schüttelte langsam den Kopf, eine tiefe Müdigkeit auf den Zügen und die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Leise murmelte sie ihre Antwort: "Morgen vielleicht, Kannae. Morgen oder so. Komm... wir haben Abwasch zu erledigen." Mit diesen Worten kehrte sie ihrer Tochter den Rücken zu, noch immer leicht den Kopf schüttelnd. Jene schlenderte ihr mit gesenktem Kinn hinterher. Irgendwann... ja, irgendwann, würde sie eine richtige Prinzessin sein. Vielleicht morgen!


Vor wenigen Tagen in Sarian Goldflamms Hause in der Straße der Urahnen in Silbermond...

Mit einem leise klackenden Geräusch setzten Kannaes halsbrecherisch hohe Absatzschuhe auf den hellen Marmorplatten auf, mit denen der Boden ihres Schlafgemachs gepflastert war. Schritt um Schritt fügten die pedikürten Füße in den mit Goldfäden bestickten Riemchensandalen aneinander, formten einen Gang von tadelloser Eleganz und Leichtigkeit. Sie hatte das Kinn gehoben, einzelne goldblonde Strähnen umspielten ihr makellos schönes, aristokratisch blasses Gesicht mit den kirschrot bemalten Lippen, während der Großteil des seidigen Haares am Hinterkopf kunstvoll aufgesteckt worden war.

So stolzierte sie stumm vor der komplett mit Kristallglas verspiegelten Wand in ihrem Zimmer auf und ab, um ihr Abbild in dem mehr als mannshohen, mehrere Meter breiten Spiegel aus felgrün schimmernden Augen zu betrachten, in denen die grünen Iriden sich intensiv und dunkel abzeichneten. Goldene Perlen zierten die oberen Außenränder ihrer Ohren und filigran verschnörkelte Kreolen baumelten von den Ohrläppchen herab, passend zu dem extravaganten Goldcollier, das über ihrem üppigen Dekolletee ruhte und jenes Bruchstück von Sandstein eingefasst hielt, das ihr von der Reise nach Uldum geblieben war.

Bellok hatte gesagt, dass die Rune der Tol'Vir darauf verschiedene Bedeutungen hatte, abhängig von dem Kontext, in dem man sie verwendete - unter anderem "Sturm" und "Sturheit" oder auch "stur". Stur... ja, das war sie. Stur bis über jede Schmerzgrenze hinweg und nicht nur einmal hatte diese Sturheit ihr schon auf die eine oder andere Weise das Genick zu brechen gedroht. Doch am Ende war sie als Siegerin aus diesem Jahrzehnte andauernden Kampf hervorgegangen. Das, was sie im Spiegel sah, bewies es.

Denn die Frau im Spiegel war nicht nur wie eine Prinzessin, sondern eher wie eine Königin gekleidet. Der Mantel, den sie trug, bestand aus schneeweißem, federweichem Pelz, so makellos schön und rein wie das Äußere - und nur das Äußere - seiner Trägerin. Nicht ein schwarzes oder auch nur graues Härchen stand der Perfektion dieses Kunstwerkes entgegen, das von ihren Schultern ausgehend einerseits fließend in die zu den Handgelenken hin leicht aufweitenden Ärmel überging, sich andererseits nach unten hin passgenau an ihre schlanke, feminine Figur schmiegte und jede einzelne Rundung eng umschmeichelte. Der tiefe, v-förmige Ausschnitt, den ein leicht aufgeplusterter Fellkragen säumte, betonte das entstehende Dekolletee zusätzlich.

Jenseits davon folgte der Pelz der Form ihrer Taille, dem Rund der Hüften, bis jenes in die Oberschenkel überging und sich dort wieder nach innen zu wenden begann, nur um sich dann zu lösen und in einer bodenlangen, weiten Schleppe auszulaufen wie ein Ballkleid. An jenem Punkt ein gutes Stück oberhalb ihrer Knie endete auch die Reihe der kleinen, goldenen Häkchen und Ösen, die den Mantel fest um ihren Körper herum verschlossen hielten, so dass der entstehende Schlitz bei jedem ihrer gestreckten Schritte den Blick auf ihre von trainierter Muskulatur geprägten Beine freigab.

Während der so offenbarten Einblicke blitzten Teile eines blütenweißen, seidig glänzenden Futterstoffes im Schein des arkanen Kronleuchters auf, der von der Zimmerdecke hing. Jener Stoff schillerte bei der kleinsten darüber zuckenden Lichtreflexion in einem so irisierenden, fast gleißendem Weiß, dass sich der Verdacht einer vormaligen magischen Behandlung des Materials aufdrängte. Die hauchfeine Seide, mit der die gesamte Innenseite des Pelzes überzogen war, bot nicht nur einen hinreißenden Anblick, sondern fühlte sich auch auf der Haut unsagbar leicht und angenehm kühl an.

Als sie sich in einigen kunstfertig gesetzten, langsamen Tanzschritten vor ihrem Spiegel drehte, wogte der Mantel mit einem leisen Rauschen um ihre Knöchel und Knie, bis sie schließlich mitten vor der verspiegelten Wand einfach stehen blieb. Kannaes Mundwinkel hoben sich zu einem strahlenden, triumphierenden Lächeln, während sie die Arbeit bewunderte, die der Lederwarenhändler Dämmersang und die Schneidermeisterin Abendrot geschaffen hatten. Perfekt - ja, das war es. Kein anderes Wort wurde dem Anblick ihres Ebenbildes gerecht.

Die Rechnung, die die beiden Handwerksmeister ihr mitgegeben hatten, lag unbeachtet auf ihrem Bett. Von dem Goldbetrag, der darauf notiert war, hätte ihre Mutter einst ein knappes Jahrzehnt leben müssen. - Eine Prinzessin war sie nicht geworden... und doch würde sie nun alles bekommen, was sie wollte. Alles.

Beste Absichten - von Landuron, 28.6.12

Sorgfältig befestigte der Magister mit einem goldenen Faden das versiegelte Briefchen an dem blauen Seidenband, mit dem das Pralinenkästchen verschlossen war. Es waren beste Wünsche zur schnellen Genesung darin enthalten, samt der Hoffnung, dass der Inhalt des Päckchens dazu beitragen würde. Schmunzelnd strich Landuron Sommerlich über das glatte helle Holz des Kästchens, das schon für sich ein kleines Schmuckstück war. Um sicher zu gehen, dass es nicht von unbefugten Händen geöffnet und gar eines Teils seines kostbaren Inhaltes beraubt werden könnte, hatte er sich nicht nur auf das Band verlassen. Sollte irgendjemand versuchen, ohne mit der rechten Stimme das rechte Wort zu sagen den Deckel zu öffnen, würde ein ohrenbetäubendes Gezeter losbrechen, das nur nachließ, wenn das Kästchen wieder verschlossen wurde, mit eben demselben Inhalt darin wie zuvor - nicht mehr und nicht weniger. Auch diese Tatsache hatte er als Warnung im Brief vermerkt, zusammen mit dem Schlüsselwort. Selbst mehr als vertraut mit den Möglichkeiten eines in der Weissagung Kundigen hatte er den Briefumschlag mit einem Schutz gegen solcherartige Durchdringung versehen.

Er hoffte nur, er hatte die Stimme der Dame richtig erfasst und wiedergegeben. Andernfalls würde wohl bald ein weidliches Chaos in den hehren Hallen der Akademie ausbrechen. Der Magister konnte nicht umhin, leise zu kichern, als er sich mit diesem Gedanken auf den Weg machte, das Päckchen abzugeben.

Zorn - von Theleste Silverspring, 27.6.12

Unter einem Schwall weißer Haare die sich wie eine Welle über ihren Schreibtisch ergossen hatten und alles darauf wie eine Schneedecke begruben ruhte ihr Kopf auf dem weichen, abgegriffenen Ledereinband eines Buches. Es kam nicht selten vor das Theleste Silverspring auf diese Art in ihrem Büro schlief und daher störte sich die Dienerin der Akademie auch nicht daran, sondern stellte das Frühstück der Reliquarin, einen Tee, ein Stück frisches Brot und einige Früchte, einfach auf dem Tisch ab und verschwand lautlos wie ein Gespenst wieder aus dem Büro.

Theleste rührte sich erst einige Zeit später. Es war ein angenehmes Erwachen. Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch das Fenster auf ihren Schreibtisch und zauberten einen goldenen Schimmer auf ihr Haar und die Luft war mit dem würzigen Geruch frischen Tees durchsetzt. Gemächlich hob sie ihren Kopf vom Tisch, blinzelte mehrmals und lies sich mit einem wohligen Seufzer in den Sessel sinken. Ihr Blick fiel auf ihren Arbeitsplatz. Dort lag noch der blütenförmige Silberanhänger, das Schmuckstück einer Hochgeborenen, das sie in der vergangen Nacht untersucht hatte und für sie noch voll schöner Erinnerungen war. Sie lächelte.

Die süße Unbeschwertheit des morgendlichen Erwachens währte allerdings nur kurz und verflog in demselben Moment als ihre Gedanken zum vergangenen Abend wanderten und damit auch die Ereignisse der vergangenen Tage vergegenwärtigte. Sie hatte Bellok Leuchtklinge die Schuld an dem Anschlag gegeben und ihm dies sogar direkt ins Gesicht gesagt. Dass sie damit das Opfer gewissermaßen zum Täter erklärt hatte war ihr erst später bewusst geworden. Zwar war er, im Gegensatz zu Kannae, nicht direkt, doch im Ganzen auch ein Opfer des mysteriösen Anschlags. Im Nachhinein bereute sie den Kommentar, doch konnte und würde sie das Gesagte nicht zurück nehmen können. Vielleicht würden ihre Worte Leuchtklinge wenigstens zum Nachdenken bringen. Dann, so dachte sie sich, hätten sie, obwohl im Zorn gesprochen, wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Zorn. Theleste blinzelte kurz. Sie war in der Tat zornig. Die Erkenntnis verblüffte sie. Es war einige Zeit her das sie zuletzt zornig gewesen war. Ab zu an war sie zwar verärgert gewesen, zuletzt mehrmals eben wegen Leuchtklinges unmöglichen, egoistischen Verhaltens, aber zornig eben nicht. Warum war das so? Sie hatte mit der Sache doch eigentlich nichts zu tun und zudem war niemandem etwas Ernsthaftes zugestoßen. Auch die dadurch entstandene Unruhe in der Akademie rührte sie nur wenig. Zwar waren seit der Explosion die magischen Strömungen völlig in Unruhe und erschwerten ihre Arbeit nicht unerheblich, doch war ihr natürlich klar dass dies nur ein vorübergehender Zustand war und zum größeren Teil nur die Unruhe der Kollegen wiederspiegelte. Nein, darüber würde sie nicht zornig werden. Aber Kannae Windsang, die Inspektorin. Sie war verletzt worden, hätte wohlmöglich getötet werden können, hätte getötet werden sollen? Theleste setzte sich ruckartig auf. Konnte es sein das sie sich Sorgen um diese Frau machte? Sie kannte die Assistentin Leuchtklinges gar nicht genau, nur ein wenig und viel zu schlecht um behaupten zu können eine persönliche Bindung zu ihr zu haben. Dennoch war dies zweifellos der Grund ihres inneren Aufruhrs. Doch Theleste musste sich eingestehen, sie wäre nicht minder zornig gewesen wenn es jemand anderen , vielleicht sogar Leuchtklinge selbst getroffen hätte. Sie sorgte sich um Jeden in der Akademie. Theleste schmunzelte freudlos. Offenbar empfand sie ihre Kollegen nun schon als Teil ihrer Interessensphäre. Objektiv betrachtet war das geradezu lächerlich, aber was konnte sie schon gegen ihre Gefühle tun?

Fürs Erste würde sie einfach ihrer Arbeit nachgehen. So wie sie es immer tat.

Ein Brief - von Kerelian Sonnwind, 27.6.12

Folgendes Schreiben geht der Archäologischen Akademie Silbermonds in fein säuberlicher, geschwungener Handschrift zu. Es trägt das Siegel Dalarans und der Sonnenhäscher.


Sehr verehrte Damen und Herren der Archäologischen Akademie Silbermonds,

Werte Lords und Ladies,

Geehrte Kollegen,

Im Namen der Sonnenhäscher entbiete ich Euch, den Leitern der der Archäologischen Akademie Silbermonds, unseren Dank für den herzlichen Empfang unserer Delegation bei Eurem Gelehrtentreffen. Ein Treffen hochqualifizierter Köpfe und Vordenker unseres Volkes, wahrlich, zum Ruhme und Erstarken aller Sin’dorei – geleitet von der Ewigen Sonne.

Wie mir zugetragen wurde, ist es Tradition, dass jeder Abend von einem wissenschaftlichen Vortrag untermalt wird, den abwechselnde Redner und Referenten halten. Als Abgesandter unseres Bundes und als engagierte Magister wäre es mir ein großes Vergnügen und eine außerordentliche Ehre, den Vortrag des kommenden Gelehrtentreffens zu bereiten und zu halten. Als Oberthema schlage ich die außerordentliche Schule der Bannmagie vor, welche in jüngerer Forschung immer mehr in den Hintergrund rückt, obwohl diese einen der elementarsten Eckpfeiler allen arkanen Wirkens repräsentiert.

Eine Antwort kann auf postalischem Wege an das Konsulat der Sonnenhäscher beim Sonnenzornturm gerichtet werden. Ich blicke Eurem Schreiben mit großer Freude entgegen, ebenso wie unserer Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Dialog.

Mit kollegialen Grüßen – Gerechtigkeit für unser Volk!

Kerelian Sonnwind

Magister zu Silbermond und Erzmagier zu Dalaran


Raus! - von Tarian, 26.6.12

Manche Tagen begannen schon schlecht, und wurden leider auch nicht besser.

Bereits seit gut drei Stunden saß der rothaarige Mann in ihrer Taverne, rauchend, trinkend, und rührte sich nicht vom Fleck. Haltharra war sich zwischenzeitlich sogar sicher gewesen, dass er einfach eingeschlafen war, doch kaum war sie zu dieser Überzeugung gelangt, bestellte er wieder etwas, zündete sich erneut seinen selbstgedrehten Tabak an oder gab ein anderes Lebenszeichen von sich. Stillschweigend brütete er vor sich hin, die Arme vor der Brust verschränkt, und hatte jegliche Konversation abgeblockt. Derithos war der einzige Gast, der so lange geblieben war, und die dunkle, ungemütliche Ecke, die er für seine düsteren Grübeleien ausgewählt hatte, war inzwischen derart verraucht, dass man seine Umrisse nicht mehr ganz deutlich erkennen konnte.

Haltharra schüttelte mit dem Kopf, und rieb sich über das Nasenbein. Auch, wenn er vielleicht keine Lust auf Schlaf hatte, sie war seit Stunden in der Taverne und bewirtete die Leute - natürlich war ausgerechnet heute ihre Kellner ausgefallen. Und natürlich hatten auch ausgerechnet heute ein paar Trunkenbolde zu streiten begonnen, sodass sie alle Mühe gehabt hatte, die aufkeimende Keilerei zu verhindern. Nun war der Gedanke an ihr Bett lockender, als es der Gesang einer Sirene jemals hätte sein können, und auch, wenn sie den gealterten Sin'dorei gut leiden konnte, langsam war ihre Geduld erschöpft. Entschlossen ging sie zu Derithos herüber.

"Es ist spät", bemerkte sie, und hob vielsagend die Augenbrauen an. Er brummte. Sie legte die Stirn in ungnädige Falten. "Ich möchte schließen." Er brummte erneut. "Derithos Schimmerwasser, raus aus meiner Taverne." Mit einem tiefen Atemzug erhob sich der Rotschopf , und nickte einmal. "Verzeih. Du hast dir den Feierabend verdient." In seiner Stimme schwang tatsächlich ein entschuldigender Unterton mit, und das genügte, damit sie sich wieder beruhigte. "Schon gut. Geschlafen hast du heute auch nicht, hm?", fragte sie nachsichtig, und lächelte flüchtig, als er ihre Annahme mit einem matten Abwinken bestätigte. "Frag einfach nicht, Haltharra. Frag nicht." Abwehrend hob sie die Hände in die Höhe. "Ich frage nicht." Der Mann lächelte dünn. "Danke." Er trat aus der rauchigen Ecke hervor, und für einen Moment konnte die Tavernenbesitzerin sehen, dass - zumindest sein linkes Auge - dunkel gerädert war. Ebenso wirkten die Falten in seinem Gesicht tiefer, schattiger, als sie es normalerweise waren. "Mach's gut. Wir sehen uns die Tage." "Mit Sicherheit. Shorel'aran, Derithos", erwiderte sie, und machte einen Schritt zur Seite, um ihm den Weg freizugeben.

Stapfend strebte er gen Ausgang, und irgendwie war der Anblick seltsam tröstend. Anscheinend hatte heute nicht nur ihr Tag schlecht begonnen.

Ergebnisse - von Mirean, 26.6.12

"Also . . ." - so begann Celyce ihren Vortrag. Mirean lehnte in lockerer Haltung an der Wand jenes Zimmers im Keller des Hauptquartiers der Schattenläufer, in dem sich ihr alchemistisches Labor befand. Auch als Offizier blieb man von der Erkenntnis, dass alles in ihren Arbeitsräumen das Potenzial hatte, erstens zu stinken, zweitens verdammt hartnäckige Flecken auf jeder Art von Kleidung oder Rüstung zu hinterlassen und drittens in seltenen Ausnahmefällen auch zu verpuffen oder zu explodieren, nicht verschont. Ein gewisser Sicherheitsabstand war entsprechend geboten.

"Ich habe die alchemistischen Untersuchungen jetzt abgeschlossen. Und weil ich so eine nette Person bin, habe ich dir die Ergebnisse unserer Kontaktpersonen am Turm auch schon abgeholt", setzte die hauseigene Giftmischerin der Organisation fort. Ein schmales, unbewegtes Schmunzeln trat auf die Lippen des Schattens, ehe er etwas erwiderte: "Reizend, hu? Und jetzt sag mir, was dabei rausgekommen is'. Hab' nicht den ganzen Tag Zeit."

Mit einem knappen, gleichmütigen Schulterzucken überging sie seine miserable Laune. Dass die miserabel sein würde, hatte sie schließlich schon geahnt - vier Tage liefen die Ermittlungen bereits, aber noch immer gab es keinen Verdächtigen. "Zuerst mal können wir ausschließen, dass der Sprengsatz mechanischer Bauart war. Unter euren Mitbringseln aus der Akademie ist nicht ein metallenes Teilchen, nicht mal ein halbes Zahnrad. Die Bombe war mit absoluter Sicherheit magischer Natur. Dafür spricht auch die Analyse der Kollegen - sieh selbst."

Celyce zupfte zwei der Pergamentblätter aus dem Stapel, den sie die ganze Zeit mit sich herumtrug, und reichte sie an ihn weiter. Mireans hellgrüne Augen überflogen hastig die Notizen darauf. "Auf der Zigarette lag 'n Feuerzauberschutz? Wie zum Nether konnt' man sie dann denn rauch'n, hum?", brummte er und erntete ein belustigtes Schmunzeln seines Gegenübers. "Zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr", antwortete die Alchemistin, fügte dann hinzu: "Ich persönlich würde darauf tippen, dass sie erst angezündet, dann verzaubert und danach dem Brief beigelegt wurde. Durch den Zauberschutz hat das Ding die Explosion im Urzustand - also nur leicht angekokelt - überstanden. Ich habe übrigens auch das Papier vom anderen Ende abgezogen und auf Farbrückstände untersucht, ganz wie du wolltest: Fehlanzeige."

Der Schatten hob einen Mundwinkel leicht. Wenn es stimmte, was Bellok sagte, und die Inspektorin quasi nie ohne roten Lippenstift zur Arbeit ging, konnte sie das Ding nicht mal theoretisch im Mund gehabt haben - ganz unabhängig von der Sache mit der Verzauberung, die den Verdacht, dass der Attentäter selbst dieses präparierte Teil dem Brief beigelegt hatte, noch untermauerte. Aber warum? Um ihr die Schuld für die Explosion in die Schuhe zu schieben? Alle ihre Bekannten waren sich einig darin gewesen, dass sie nicht rauchte - kein Trollkraut, keinen Tabak.

"Was is' mit der zweiten Probe des Zeugs vom Tisch, hum?", erkundigte sich der Schatten dann, während seine Gedanken noch immer um die Frage kreisten, warum zum Nether jemand eine Briefbombe zusammen mit einer verzauberten Zigarette verschickte.

Celyce schüttelte schlicht den Kopf. "Nichts Neues. Ich habe die Splitter des Holzes, in das das Zeug eingezogen ist, noch mal gründlichst unter die Lupe genommen und bleibe dabei: Strohrum, nichts weiter. Ist zwar tatsächlich verdammt leicht entflammbar und könnte als Verstärker für die Initialzündung benutzt werden . . . aber für einen richtigen Knall müsste man Schwarzpulver dazumischen. Davon hat unsere Spurensicherung keine Rückstände gefunden - warum sollte der Alkohol die Explosion überstanden haben, aber kein Krümel des Pulvers? Das ergibt keinen Sinn. Wäre wiederum nur Strohrum ohne Pulverzusatz hochgegangen, hätte das nicht 'Peng!' sondern 'Paff!' gemacht, wenn du verstehst. Alkohol, egal wie flüchtig, explodiert nicht - er verpufft und verbrennt."

Mirean blätterte auf die zweite Seite des Berichts der Mitarbeiter am Turm. "'Arkane Rückstände in den Holzsplittern' . . .?", zitierte er leise, während seine Stirn sich in Falten legte. Die Frau, die ihn in einem fleckigen, teilweise an den Rändern angesengten Kittel gegenüberstand, nickte. "Ja. Das Zeug wurde auch irgendwie magisch behandelt. Dreimal darfst du raten, womit."

Er schloss die Augen. Eine Zigarette und Alkohol - die durch einen Feuerzauberschutz eine durch Magie verursachte Explosion überstanden. Wen wollte man hier eigentlich für dumm verkaufen? Hatte der Täter schlichtweg nicht mit einer so genauen Überprüfung gerechnet? Der Schatten wusste es nicht - und das war ein inakzeptabler Zustand.

Wortlos nahm er Celyce die restlichen schriftlich abgefassten Untersuchungsergebnisse aus der Hand und wandte sich zum Gehen.

Immer im Dienst - von Kerdreth, 25.6.12

Still und gedankenverloren legte Kerdreth seine verhältnismäßig einfache Dienstrüstung an. In langsamen, aber routinierten Bewegungen verschloss er kleine Schnallen und hakte Ösen der Kettenrüstung ineinander. Das Wams streifte er über seinen Kopf und strich den rot-goldenen Stoff glatt. Zu guter Letzt legte er den in Gold und Rot glänzenden Gürtel um und verschloss ihn mit einem leisen Klicken.

Als er nach seinem Schild greifen wollte, um ihn am Rücken zu befestigen, hielt er kurz inne.

Es war nicht nur die Neugier gewesen, die ihn zum Gelehrtentreffen wenige Stunden zuvor gelockt hatte. Die Gerüchte um die Explosion in der Akademie, die innerhalb der Stadtwache kursierten, waren natürlich auch an dem Kommandanten nicht vorbeigegangen. Die Gesprächsfetzen, die er zwischen dem Gastgeber und einer ihm mehr oder weniger unbekannten Dame hatte aufschnappen können, bestätigten die Gerüchte für ihn. Umso verwunderter war er, als er feststellte, dass keine Wachen auf dem Treffen stationiert waren. Natürlich wusste er, dass man sich auch als Stadtwache in derlei Dingen niemandem aufzudrängen hatte; schon gar nicht, wenn auf einem solchen Treffen hohe Magister anwesend waren, die möglicherweise bewusst auf Stadtwachen verzichten wollten. Aus diesem Grund war er schließlich auch mehr oder minder unauffällig und in zivil dort erschienen.

Leise seufzte er und griff nach dem Schild. Sorgfältig befestigte er ihn an seinem Rücken und legte zu guter Letzt auch den arkangeschmiedeten Einhänder an. Er straffte sich und trat aus dem Quartier der Einheit auf den Basar, um seine nächtliche Patrouille aufzunehmen. Sollte die Akademie doch irgendwann die Unterstützung der Wachen wünschen, wäre er bereit, jeden verfügbaren Rekruten seiner Einheit dazu abzustellen.

Eine zweite Haut – von Bellok Leuchtklinge, 25.6.12

Eine zweite Haut...

Bellok saß auf der Kante seines Betts und strich mit dem Daumen gedankenverloren über den weichen, edlen Stoff der Anzugjacke, die ordentlich gefaltet über seinen Knien lag und betrachtete das zweifellos nicht ganz billige Kleidungsstück mit unbewegtem Blick. Darin lag nur ein schwacher Abglanz des Widerwillens, den er bei dem Gedanken verspürte, sie gleich anzuziehen.

Eine zweite Haut; genau das war der strahlend weiße Anzug ihm im Laufe der Jahre geworden. Werkzeug und Symbol für das, was er aufgebaut, für das, was er erreicht hatte. Und ausgerechnet heute wollte sich im Gegensatz zu sonst das Gefühl, dass er ihn auch mit Stolz tragen konnte, partout nicht einstellen.

Und doch half es nichts. Was wäre das Gelehrtentreffen ohne seine Anwesenheit? Er sollte, musste erscheinen – wenn schon nicht, um den reibungslosen Ablauf zu überwachen, dann aus Prinzip. Sicherlich, er war verleitet gewesen, eine Mauer zu errichten, die selbst der raffinierteste Angreifer nicht überwinden konnte, seine Termine der nächsten Wochen abzusagen, die dunkle Lederrüstung anzulegen, die beiden Dolche, die ihn schon durch ganz andere Zeiten begleitet hatten, um...ja, um was genau zu tun?

Der Elf lächelte schmal und schüttelte den Kopf über sich selbst. Beinahe hätte er eine Dummheit begangen. Es war möglich, wahrscheinlich sogar, dass die Unterbrechung der Arbeit in seiner Abteilung genau das war, was der mysteriöse Absender des Brief erreichen wollte und fast - fast! - hätte er ihm diesen Gefallen getan.

Vermutlich war es tatsächlich das Beste, wenn Kannae ihn heute Abend nicht begleitete, obwohl er beinahe geneigt gewesen war, sie entgegen ihrem eigenen Wunsch davon zu überzeugen, das doch zu tun. Eine verkehrte, umgedrehte Welt – noch vor wenigen Tagen hatte er sie zu ihrer eigenen 'Sicherheit' in einen goldenen Käfig sperren wollen, heute wollte er sie auf den Präsentierteller stellen.

Mit einem leisen Seufzen erhob sich Bellok und streifte die Jacke über. Geduld. Geduld war in diesem Fall der Schlüssel zum Erfolg; eine ruhige, raubtierhafte Geduld, die darauf wartete, dass der Gegner einen Fehler machte, um dann – und erst dann, wenn er sich gezeigt, zu weit vorgewagt hatte – mit gnadenloser Effektivität zurückzuschlagen. Das sollte er doch eigentlich am besten Wissen, nicht wahr? Bellok öffnete die Tür, schritt den schmalen Gang entlang und trat in die Gasse hinter dem Haus, in dem sich seine Wohnung befand. Dort blieb er kurz stehen, hob das Kinn und verengte die Augen, ehe er einmal tief durchatmete, seine Schritte dann in Richtung des Königlichen Marktes lenkte.

Er durfte nicht zu spät kommen.

Ein Morgen - von Mirean, 25.6.12

"This is me pretending this is all I need..." Vorsichtig setzte er die frisch geschärfte Klinge des Dolches leicht angeschrägt an seinem Hals an, der - wie beinahe seine gesamte untere Gesichtshälfte - großzügig mit Seifenschaum bedeckt war. Langsam, mit viel Fingerspitzengefühl und wenig Kraft, ließ er die Schneide, die gerade eine schwebende Feder hätte zerteilen können, über seine Haut gleiten, wobei sie sowohl die schneeweiße, feuchte Masse als auch sämtliche Bartstoppeln mit sich nahm. Sobald der für Silbermonder Verhältnisse recht schmucklose, runde Spiegel, der seine unbewegten Züge abbildete, ihm zeigte, dass der Schaum die Breitseite des Messers bald vollständig zu bedecken drohte, senkte er das kühle, matt schimmernde Metall in die Glasschüssel auf dem direkt nebenan stehenden Tisch. Von der Flüssigkeit darin ging ein schwacher Alkoholgeruch aus.

Fyel saß nur wenige Schritt von ihm entfernt auf einem gepolsterten Stuhl, dessen schlichte, schnörkellose Bauart gut zur restlichen, beinahe schon spartanisch anmutenden Einrichtung des Zimmers passte, und beobachtete ihn dabei. Es war ein seltener Anblick, denn für gewöhnlich pflegte der Schatten sich bestenfalls jede dritte Woche zu rasieren.

Sie wusste, dass er an der Akademie gewesen war. Sie konnte sich sehr wohl denken, was das zu bedeuten hatte. Und doch sprachen sie nicht darüber, schwiegen sie beide - er genauso wie sie selbst. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass er ihm seine Hilfe verweigern sollte? Das würde er nie und sie wusste es. Kein Preis war zu hoch...

Im Spiegel beobachtete er auch sie, als sie sich von ihrem Sitzplatz erhob, nackt, wie die Schattenläuferin noch war, und sich daran machte, erst ihre schwarze, aus feinem Leinen gefertigte Unterkleidung und dann die dunkle Rüstung wieder anzulegen, gefolgt von ihren Waffen und Dienstabzeichen. Einen Moment lang ließ er den Dolch sinken, den er gerade als Rasiermesser missbrauchte, während der Blick aus seinen hellgrünen Augen über die flächigen, unnatürlich glatten Brandnarben huschte, die an ihren Schultern, ihrem Rücken, ihren Armen und Beinen zurückgeblieben waren.

Wochenlang hatten Priester des Sanktums und ein Botaniker, der diverse Salben für sie angefertigt hatte, Fyel Sonnentau behandelt. Deshalb war sie am Leben geblieben, deshalb war sie nun nicht vollkommen von verwuchertem Fleisch entstellt, wenngleich die verbrannten Stellen sich als kreideweiße Flecken auf dem ansonsten gebräunten Körper abzeichneten; ...und deshalb hatte sie ihren Posten nicht verloren. Nur von den Dienstplänen für Einsätze außer Landes war ihr Name verschwunden. Er hatte ihn gestrichen und sie hatte nichts dazu gesagt, kein Wort.

Er fokussierte seinen Blick wieder auf die Spiegelung seines eigenen Gesichts, setzte die Klinge erneut an. Sie war ein Opfer gewesen, das er hatte erbringen müssen - zum Wohle der Mission. Wie gerne hätte er das geglaubt. Noch einmal würde er diesen Fehler nicht wiederholen, besonders in dieser Sache nicht.

Bevor sie ging, um ihren täglichen Dienst als Ausbilderin der Rekruten anzutreten, von denen die meisten die Lehrjahre ohnehin nicht durchstehen würden, legte sie Mirean stumm den Kamm auf den Tisch, den sie selbst benutzt hatte, um sich das relativ kurze Haar etwas zu ordnen. Sie war froh darum, nicht mehr allzu viel Kontakt zu den Kameraden zu haben, die sich um die laufenden Ermittlungen kümmerten. Bei der ewigen Sonne - sie wollte es gar nicht wissen...

Gerüchteküche - von verschiedenen Blutelfen, 24.6.12

Anmerkung: Gerüchte können wahr sein, müssen sie aber nicht, bedenkt das bitte im Umgang mit ihnen. Sämtliche Charaktere an der Akademie oder am Sonnenzornturm könnten diese Gerüchte dieser Tage in irgendeiner Form aufschnappen oder aufgeschnappt haben.


Am Sonnenzornturm hört man zwei Wachen nach der Schicht leise tuscheln, während sie in ihren prächtigen, rot-golden gefärbten Paraderüstungen den Gang zum Quartier der Turmwache entlang schritten, vorbei an anderen Wachleuten, vereinzelten Arkanisten und diversen administrativen Angestellten des Regimes:

"Hast du schon von dieser armen Irren gehört, die völlig aufgelöst und atemlos mit hochrotem Kopf beinahe einen Kameraden an den Toren umgerannt haben soll? Kann froh sein, dass sie so ein blutjunges Ding war, sonst hätte das wohl Konsequenzen gehabt...", raunt der eine seinem Nebenmann zu, woraufhin dieser ein verächtliches Schnauben von sich gibt. "Kein Respekt mehr, die Jugend von heute!", brummt er missmutig.

Sein Gegenüber quittiert dies mit einem leichten Schulterzucken und murmelt: "Naja, ich habe gehört, es soll ein Notfall gewesen sein, hm? Sie hat irgendwas von einer Explosion an der Archäologischen Akademie gefaselt und nach der hohen Priesterin Morgenlicht gesucht. Soweit ich weiß, hat die sich zusammen mit ihrem komischen neuen Gehilfen auch gleich auf den Weg gemacht. Der sieht aus wie so ein versoffener Penner (Anm.: Wort aus dem Spamfilter wahllos übersetzt), dieser Dämmersturm, aber angeblich soll auch ihm das Licht untertan sein."


Ein Grollen entwich der Kehle des Kameraden, der zweifellos schon besser gelaunt gewesen war als an diesem Tag. "Pah... und so was müssen wir in den Sonnenzornturm lassen. Ich sage dir, noch vor ein paar Jahren hätte es so was nicht gegeben."

Auch anderswo hatten die Ereignisse der letzten drei Tage für viel Gesprächsstoff gesorgt. Im Hauptgebäude der Archäologischen Akademie am Königlichen Markt stecken in einem der Korridore, die von der Empfangshalle wegführen, zur selben Zeit drei schon seit Jahren miteinander bekannte Sekretärinnen die Köpfe zusammen.

"Das mit der Inspektorin ist wirklich eine schlimme Sache, oder? Ich habe gehört, sie soll furchtbar ausgesehen haben und man musste gleich zwei Heiler aus dem Sanktum hinzuziehen!", weiß die eine zu berichten und erntet dafür ein zustimmendes Nicken ihrer Kollegin. "Ja, allerdings. Angeblich soll ein Brief in die Luft geflogen sein. Einfach so, ein stinknormaler Brief! Wenn ich bedenke, wie viele Briefe ich jeden Tag aufmachen muss, wird mir ganz anders..." Die dritte der Damen hingegen macht eine wegwerfende Handbewegung. "Glaubt ihr dieses Märchen mit dem Brief denn wirklich? Das Fräulein Glutnebel, das nach dem Knall zuallererst vor Ort war, arbeitet in dem Büro gegenüber meinem - und hat mir erzählt, dass eine Zigarette auf dem Teppich der Inspektorin lag und es komisch gerochen hat. Ich wette, die hat irgendwas geraucht und sich dabei selbst angezündet. Sie ist ja sowieso eine aus dieser komischen Wachmannschaft, diese schmutzigen Söldner rauchen und saufen doch alle!", spöttelt sie. Die zwei anderen Frauen blicken einen Moment lang nachdenklich drein. "Also ich musste schon des Öfteren Dokumente bei ihr abgeben", entgegnet eine der beiden leise, "Und ich habe sie noch nie rauchen sehen oder einen entsprechenden Geruch in ihrer Nähe bemerkt.""Aber das muss ja im Grunde nichts heißen. Vielleicht hat sie -bisher- einfach nur keiner dabei gesehen?", warf die neben ihr Stehende ein.

So ging das Gespräch noch eine ganze Weile hin und her, ohne dass die eine Meinung sich gegen die andere durchsetzte, denn letztendlich hatte so gut wie niemand Informationen aus erster Hand.

Unliebsame Folgen - von Kannae Windsang, 23.6.12

Kannae kniete vor ihrem geöffneten Kleiderschrank und spähte mit einem äußerst kritischen, missmutigen Blick ins unterste Ablagefach hinein. Ihre vollen Lippen, auf denen die rote Farbe dank der sich überschlagenden Ereignisse der letzten Stunden ein wenig verwischt war, formten einen dünnen, blutleeren Strich.

Was für ein unglaublicher Scheißtag. Erst ein Brief der Reliquarin, den sie jetzt nicht einmal mehr zeitnah beantworten konnte, dann diese dämliche Explosion, von der ihr jetzt noch die Ohren klingelten und der Kopf schwirrte, dazu eine schwer verbrannte Hand, dutzende Brandblasen und sich schälende Haut den ganzen Arm hinauf... und als wenn das nicht schon weh genug getan hätte, hatte auch noch ausgerechnet Ran anschließend das Vergnügen gehabt, mit einem alkoholgetränkten Wattebausch und einer Pinzette sämtliche Reste von geschmolzenem Siegelwachs und Asche eine gefühlte kleine Ewigkeit lang penibelst aus dem offen gelegten, rohen Fleisch zu friemeln.

Aber damit nicht genug. Anstatt dass sie im Nachgang dieses außerordentlich unerfreulichen Vormittags nun einfach in Ruhe in ihrem Bett liegen durfte, musste sie in aller Eile und Hektik ihre wichtigsten persönlichen Sachen zusammenraffen, um ihr Zimmer anschließend zu räumen. Ihr eigenes Zimmer... räumen? Zum wiederholten Male fragte sie sich, welcher paranoide Wahn Bellok eigentlich geritten hatte, dass er diesen ganzen Aufriss für absolut unabdingbar hielt. Zum Nether damit! Für wen hielt er sie eigentlich? Für ein psychisch labiles, geistesschwaches und hilfloses Adelstöchterlein, das nicht auf sich selbst aufpassen konnte...?

Als hätte sie ahnen können, dass irgendein Spinner es lustig fand, stinknormale Briefe in die Luft gehen zu lassen... zumal sie doch ohnehin überlebt hatte und - obwohl ihr jetzt verbundener rechter Arm immer noch schmerzte und die Bewegungsfreiheit der dazugehörigen Finger zu wünschen übrig ließ - alles andere als handlungsunfähig war.

Mit der linken, nahezu unverletzt geblieben Hand, die sie glücklicherweise ohnehin deutlich häufiger als die rechte benutzte, griff sie nach einem weiteren Kleidungsstück und beförderte es tendenziell unsanft in die Reisetasche, die sie auf die Schnelle hatte organisieren können. Immerhin wurde sie zumindest -noch- nur von Bellok selber beim Einpacken ihrer Klamotten einschließlich Unterwäsche beobachtet und nicht von irgendeinem Schattenläufer. So sehr hatte sie gehofft, es nach dem Mordverfahren gegen ihre Person nie wieder mit diesem Verein zu tun zu bekommen. Und jetzt sollte sie sich von denen auf Schritt und Tritt observieren lassen - angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit. Nether! Für die konnte sie, so war sie zumindest überzeugt, viel besser selbst sorgen.

Die Inspektorin Windsang tat einen leise hörbaren, scharfen Atemzug und erhob sich abrupt, um hinüber zur Kommode zu stapfen. Den goldenen, mit Perlen verzierten Kamm, der dort lag, wollte sie keinesfalls missen - und dennoch überkam sie, als sie jenen ergriff, zumindest kurz der Wunsch, ihn an die nächstgelegene Wand zu schmeißen, um ihrer Wut wenigstens irgendwie Ausdruck zu verleihen. Bedauerlicherweise lag ihr dafür dann doch zuviel an diesem besonders hübschen, dekadenten Teil aus ihrer persönlichen Sammlung unnötig teuren Tands. Außerdem fühlte sie sich zu müde, zu erschöpft sowohl von der Lichtheilung als auch von dem vorangegangenen Zwischenfall. Wie erbärmlich...

Von Belloks Blick verfolgt tigerte sie zu ihrem Nachttisch weiter, riss den oberen Schubkasten auf und zog zwei der insgesamt drei darin befindlichen Bücher heraus, um sie ebenfalls mit wenig Begeisterung, aber dafür umso mehr Schwung in die Tasche zu werfen. Alle drei Exemplare fielen bei Lichte betrachtet wohl in die Kategorie "Kitschiger Drei-Kupfer-Roman" und sie glaubte, die ob dieser Tatsache erhobene Braue ihres Vorgesetzten sogar in ihrem Rücken förmlich sehen zu können. Aber mit irgendwas musste sie sich eben beschäftigen, während sie - zu ihrer eigenen Sicherheit, wie lächerlich! - weggesperrt werden sollte... und andere literarische Werke gab es in ihrer Privatunterkunft nun einmal nicht. Sowieso ging es ihn ja nicht das Geringste an.

Nur zu gerne hätte sie wenigstens eine Rüstung und ihre Waffen mitgenommen. Aber dazu reichte der Platz in der Reisetasche nicht, mehr als ein paar Wurfdolche und zwei Stiefelkampfmesser konnte sie gerade nicht transportieren. Es war auch nicht daran zu denken, mit dem verwundeten Arm selbst ordentlich einen Brustpanzer anzulegen... Bellok um Hilfe bitten wollte sie gerade aber unter gar keinen Umständen. Also begnügte sie sich damit, wenigstens das Kleid, das im Brustbereich mit Asche und kleinen Brandlöchern übersäht war, umständlich gegen ein anderes zu tauschen.

Die ruinierte Garderobe ließ Kannae einfach fallen, wo sie stand. Sarians Personal würde sich schon darum kümmern. Sie hatte mit ihm gesprochen - über alles. Wenigstens auf ihn konnte sie sich verlassen.

Schweigend trat sie vor den Spiegel, der über ihre Kommode hing, und betrachtete ihr unbewegtes, in seiner Mimik angesichts der hilflosen Wut, die in ihr tobte, nahezu gefrorenes Gesicht darin, dessen klassische Schönheit empfindlich von den blau unterlaufenen Stellen am rechten Ohr und Jochbein gestört wurde. Sie vermutete, dass sie sich diese blauen Flecken beim Sturz auf den Steinboden in ihrem Büro zugezogen hatte. Beinahe blindlings griff sie Puderdose und -pinsel aus einem der Kommodenkästen heraus, um die Blutergüsse leidlich zu übertünchen und dann noch ihr - mittlerweile wieder - goldblondes Haar darüber zurechtzuzupfen.

Ein tiefes, bemüht ruhiges Durchatmen gestattete sie sich und ihrem dröhnenden Kopf noch, ehe sie sich wieder vom Spiegel abwandte, zu ihrer Tasche zurückkehrte und sie mit der linken Hand verschloss. Hatte sie irgendetwas Wichtiges vergessen? Wie immer würde ihr das wahrscheinlich erst dann einfallen, wenn es zu spät war, um es zu holen - völlig egal, wie sehr sie sich jetzt das Hirn darüber zermarterte.

"Ich bin fertig, hnn?", bemerkte sie schließlich mit leiser, tonloser Stimme, die nach außen hin mittlerweile genauso ungerührt war wie ihre Miene.

Dafür wird jemand bezahlen! - von Bellok Leuchtklinge, 23.6.12

Dafür würde jemand bezahlen.

Bellok saß auf dem Diwan in Kannaes Zimmer, vermittelte nach außen einen Eindruck sehr kontrollierter Gelassenheit und Ruhe; innerlich war er so aufgebracht wie schon lange nicht mehr. Ein Anschlag? In seiner Akademie? Ausgerechnet auf -sie-? Noch wusste er natürlich nicht, wer dahinter steckte und war sich über die Motive des oder der Attentäter nicht im Klaren. Eines aber wusste der Archäologe genau: Das war mit Abstand die dümmste und gefährlichste Entscheidung gewesen, die der Unbekannte in den letzten Jahren getroffen hatte. Mit großem Abstand.

Er presste die Lippen aufeinander, während Kannae weiter durch ihre Kleiderschränke wühlte, das Nötigste für ein paar Tage der Abwesenheit zusammenraffte. Neben dem Zorn, dem Drang nach unmittelbarer und gnadenloser Vergeltung hatten mit verstreichender Zeit auch wieder andere Gedanken, kühlere, rationalere Überlegungen Platz in Belloks Kopf. Er hatte instinktiv so reagiert, wie er es für richtig hielt, wie er es gelernt hatte. Die bedrohte Person aus der Schusslinie bringen, aus der Gefahr, sie möglichst unsichtbar machen – nichts anderes hatte seine fast schon barsche Anweisung an Kannae zum Zweck gehabt. War das allerdings am Ende gerechtfertigt? War es zielführend?

Ihre Minderbegeisterung angesichts seines Plans war fast mit Händen zu greifen und der Inspektorin sogar von hinten anzusehen, als sie sich nach irgendeinem Artikel aus der – wie Bellok gerade jetzt erst bewusst wurde – nicht mehr übermäßig umfangreichen Sammlung in ihren Schränken bückte. Streng genommen war nicht einmal klar, ob wirklich sie das Ziel der Bombe gewesen war, oder nicht vielmehr die Akademie, seine Abteilung, vielleicht sogar er selbst? Nachdenklich kaute er auf seiner Unterlippe herum, ließ den Blick im 'geschmackvoll' (immerhin ohne Frage teuer) eingerichteten Zimmer umherschweifen, während er das, was er bisher wusste, in dem vergeblichen Versuch hin- und herwälzte, daraus ein stimmiges Gesamtbild zu konstruieren. Die Informationslage war...unbefriedigend.

Tatsache war, dass eine unbekannte Partei einen Umschlag an die Akademie adressiert hatte, der beim Öffnen eine Sprengfalle ausgelöst hatte. Fakt war auch, dass dieser Brief mit dem Siegel des Sonnenzornturms verschlossen gewesen war. Damit erschöpften sich allerdings die Indizien und Beweise, über die Bellok zu diesem Zeitpunkt verfügte. Er schnaubte unwillig und schüttelte leicht den Kopf. Auf diese Weise kam er nicht weiter – und er erkannte durchaus die zusätzliche Gefahr, die von seinem Versuch ausging, Kannae irgendwo wegzuschließen, an einem Ort, an dem ihr mit ziemlicher Sicherheit nichts geschehen konnte – sie hatte über ihre Meinung dazu an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig gelassen. Wer das Spiel auf diese Art und Weise spielte, lief Gefahr, dabei zu einem Getriebenen zu werden. Wer sich die Regeln diktieren ließ und nur reagierte, war allzu leicht auszurechnen und hatte schon verloren, noch bevor er seinen ersten Zug machte. Es zuzulassen, dass ein Keil zwischen sie geschlagen wurde, dem mit dem eigenen Handeln vielleicht noch Vorschub zu leisten, war wenig...zweckmäßig.

Bellok lächelte schmal. Informationen. Er brauchte einfach mehr Informationen. Vielleicht war er doch einfach schon zu lange aus dem Geschäft – etwas, das es schleunigst zu ändern galt. Mirean würde seiner überschäumenden Freude kaum ansprechenden Ausdruck verleihen können, nicht wahr? Jetzt, wo sich ein noch etwas nebulöser Plan in seinem Kopf formte, als sich Bellok zumindest über seine nächsten Schritte klar wurde, wich die Rage, die nur mühsam beherrschte Wut in seinem Inneren tatsächlich einer konstruktiveren, kälteren Logik. Ohne darüber nachzudenken, drehte und lockerte er das rechte Handgelenk, das protestierend leise knackte. Eines hatte sich im Zuge dieses Denkprozesses allerdings nicht geändert; ein Gedanke, ein Satz schwebte immer noch über allem, auch wenn die Wellen darunter sich trügerisch beruhigt und geglättet hatten:

Dafür würde jemand bezahlen.


Alte Zeiten - von Bairan Dämmersturm, 23.6.12

Die Straße der Urahnen war um die Mittagszeit zumindest so belebt, dass Bairan die Richtung des Schreiters, auf dem er der Priesterin Morgenlicht hinterher ritt, mehrfach korrigieren musste, um nicht einen eiligen Händler oder ein achtlos über die Straße laufendes Kind über den Haufen zu reiten. Das tat er mehr oder minder automatisch – es blieben ihm mehr als genug Kapazitäten, um seinen trüben Gedanken nachzuhängen. Kannae, Kannae, immer wieder Kannae. Gab es denn in der ganzen Stadt kein Entrinnen vor ihr? In der heruntergekommenen Kaschemme an der Mördergasse nicht, und auch nicht jetzt, wo er sich eigentlich durch seine Arbeit am Turm von genau -ihr- abzulenken versucht hatte.

Der stämmige Elf in den zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftigen Gewändern knirschte leise mit den Zähnen. Nein, scheinbar war es wirklich sein Schicksal, ihr zu den unpassendsten Gelegenheiten immer wieder über den Weg zu laufen, ob er es nun wollte oder nicht. Fand das irgendeine höhere Macht vielleicht besonders komisch? Amüsierte sich jemand darüber, ihn wie eine Schachfigur immer wieder in Bedrängnis und Verlegenheit zu bringen? Wenn er denjenigen jemals erwischte, dann...mit einem dünnen, freudlosen Lächeln schüttelte Bairan den Kopf. Verrückte Gedanken, aber verrückt waren auch diese Zufälle. Vielleicht hätte er schon etwas ahnen müssen, als die völlig aufgelöste, hysterische Frau am Arm der Wache in die Räumlichkeiten der Priesterin geplatzt war und etwas von 'Explosionen an der Akademie... Verletzte... schnell, schnell' gefaselt hatte. Aber selbst wenn – und das war das eigentlich Verrückte daran – selbst wenn er es gewusst hätte, wäre er nicht trotzdem gegangen? Er verzog das Gesicht. Mit ziemlicher Sicherheit, hm?

Es war ihm zwar immer noch ein Rätsel, wie sich Kannae die doch recht ernsten Verbrennungen an ihrer Hand und dem Arm zugezogen hatte – immerhin hatte er nicht den Eindruck gehabt, dass man in dieser Bücher- und Scherbenstube gewöhnlich mit allzu vielen gefährlichen Substanzen hantierte. Und doch hatte das Verletzungsbild genau das nahegelegt: Irgendetwas Brennbares war zu einem Zeitpunkt verpufft, zu dem es besser nicht hätte verpuffen sollen. Am Ende durfte man eigentlich dankbar dafür sein, dass nichts Schlimmeres passiert war; Die Augen, das Gesicht, die verletzlichsten Partien der 'Inspektorin' (Ha!) waren mehr oder minder unversehrt geblieben. Die hässlichen Brandblasen und offenen Stellen an ihrer Hand waren ohne Zweifel schmerzhaft, aber am Ende nicht lebensbedrohlich.

Ja, am Ende war er dafür wahrscheinlich sogar dankbar. Bairan ließ die Schultern etwas nach vorne fallen und fixierte den Blick auf das Hinterteil des führenden Falkenschreiters. Dankbar auch dafür, dass er sie hatte heilen können, dass das Licht ihn und Kannae für einen kurzen, flüchtigen Moment in eine Zeit zurückversetzt hatte, an die er sich gerne erinnerte – und die ihn manchmal in seinen Träumen verfolgte. Er hatte es nicht gesagt, und doch hatte es ihm in diesem Moment auf der Zunge gelegen: Auf die alten Zeiten, hm?

Feurige Briefe - von Kannae Windsang, 22.6.12

Kannae gähnte verhalten, nachdem sie ihr Büro betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Obwohl sie es mittlerweile schaffte, an den meisten Tagen erstaunlich pünktlich zur zehnten Stunde in der Archäologischen Akademie zu erscheinen, machte ihr das vergleichsweise frühe Aufstehen immer noch Probleme. Die fast fünfzig Jahre, in denen ihr Leben sich mehr in der Nacht als am Tage abgespielt hatte, waren nicht spurlos an ihr vorübergezogen.

Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich auf dem Diwan hinter ihrem Schreibtisch nieder, schlug in gewohnter Manier die Beine übereinander. Bei der Erledigung der reinen Büroarbeiten trug sie selbstverständlich meist keine Rüstung, die beim stundenlangen Herumsitzen mit der Zeit denkbar unbequem wurde, sondern ein Kleid in den Farben des Reiches. Ein weiteres Mal bedauerte sie im Stillen, dass ihre persönlichen Freiheiten bezüglich der Kleidungswahl und des persönlichen Auftretens nun, wo sie für eine dem Regime unterstellte Institution arbeitete, so vielen Restriktionen unterlagen.

Der Blick aus den von felgrünem Schimmer überzogenen, von noch dunkler grün gefärbten Iriden dominierten Augen heftete sich mit latent missmutigem Ausdruck an den Stapel von Briefen und Dokumenten, die ihre Assistentin bereits fein säuberlich auf dem Schreibtisch der Inspektorin aufgetürmt hatte. Mit einem leisen Brummen schob sie jenen Stapel zur Seite, in die äußerste Ecke des Schreibtisches, wo er gefährlich vor sich hin schwankte, und griff nach dem zuoberst liegenden Brief.

"Reliquarin Theleste Silverspring" - wenn dieser Name schon einer subtilen Drohung gleich auf dem Umschlag prangte, konnte das, was sich darin befand, ja nur heiter werden. Windsang langte nach dem Saum ihres Gewandes und hob ihn ungeniert weit genug an, um den Griff des Wurfmessers fassen zu können, der aus dem Schaft des darunter getragenen Stiefels ragte. Routiniert zog sie die Klinge, um deren Spitze dann an einer der beiden oberen Ecken des Umschlags anzusetzen und jenen - auch wenn er keinerlei Schuld an seinem zweifellos unsäglichen Inhalt haben mochte - in einer einzigen, fließenden und schnellen Handbewegung aufzuschlitzen.

Dann förderte sie das Blatt Pergament daraus zu Tage und überflog die Zeilen, die darauf geschrieben standen. Je mehr sie las, desto heftiger musste sie das in ihr aufsteigende Bedürfnis unterdrücken, das Schriftstück einfach zusammenzuknüllen und an die nächstgelegene Wand zu werfen. Zerknüllen und wegschmeißen, das war bei Korrespondenz mit ranghöheren Mitgliedern der Akademie dummerweise absolut keine akzeptable Option. Stattdessen tat Kannae also einen tiefen, leise hörbaren Atemzug, öffnete dann eine der Schubladen an ihrem Schreibtisch und warf Thelestes Brief hinein, ehe sie den Kasten ziemlich unsanft und geräuschvoll wieder schloss. Später würde sie eine Antwort verfassen - später, wenn sie weniger aufgebracht und vor allem tatsächlich wach war.

Den geöffneten Umschlag zerriss sie, wenn sie ihrem Ärger schon anderweitig keinen Ausdruck verleihen durfte, und wischte die verbleibenden Schnipsel unwirsch von der Tischplatte, bevor sie sich des nächsten Briefes annahm. Die Tatsache, dass diesen ein Siegel des Sonnenzornturms zierte, trug nicht gerade dazu bei, die frühmorgendliche Laune der Inspektorin wieder zu heben. Als sie das kleine, scharfe Messer, das ihr als Brieföffner diente, ansetzte, um den Siegellack anzubrechen, rechnete sie mit dem Schlimmsten.

Vielleicht war der Absender ja Magister Morgentau, der auf der abteilungsinternen Beliebtheitsskala nur sehr knapp oberhalb der Reliquarin rangierte? Oder gar Arilas, der zu wissen verlangte, wann endlich die nächste Expedition stattfände und welchen Zielort sie ansteuern würde - wobei er sich, so wie sie ihn kannte, wohl eher erdreistet hätte, ein solches Schreiben an ihre Privatadresse zu richten. Vielleicht auch Magister Sommersang, der seine Einladung zum Tee und bei dieser Gelegenheit gleich noch sein bekundetes Interesse, zukünftig in die Akademie investieren zu wollen, zurückzuziehen gedachte?

Alle diese mehr oder minder gleichermaßen unattraktiven Alternativen erschienen ihr in diesem Moment wahrscheinlich, schließlich hätten sie sich hervorragend in die Tendenz eingefügt, mit der dieser Arbeitstag begonnen hatte. Mit dem allerdings, was tatsächlich passierte, als die Klinge das Siegelwachs brach und ins Papier schnitt, rechnete sie zu keinem Zeitpunkt.

Windsangs Brauen zuckten schlagartig nach oben, als sie das kurze, matte Aufglimmen bemerkte, das aus dem Umschlag sickerte. Gewöhnliche Briefumschläge schimmerten selbst in Quel'thalas eher selten. Blitzartig wallte eine unangenehme, auf eine bizarre Weise irgendwie klamme Hitze in ihrer Brust auf, die jeder langjährige Soldat nur allzu gut kannte. Es war jene unwillkürliche, instinktive Reaktion des Körpers auf etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, jene intuitive Eingabe, das irgendetwas nicht stimmte, die auf den Schlachtfeldern Azeroths schon vielen Veteranen das Leben gerettet hatte. Diesmal allerdings war es längst zu spät.

Kannae schaffte es gerade noch, aus ihrem Sitz aufzuspringen, bevor der Zauber, der auf Siegel und Umschlag gelegen hatte, seine Wirkung abrupt entfaltete. Den Brief hielt sie noch in der Hand. Das erste, was sie wahrnahm, war ein auf diese Entfernung ohrenbetäubend lauter Knall, dicht gefolgt von einem grellen Lichtblitz, der sie dazu veranlasste, die Augen zuzukneifen, den Kopf abzuwenden und den freien Arm in dem Versuch nach oben zu reißen, ihr Gesicht damit zu schützen. Die Druckwelle, die sie keinen ganzen Atemzug später erfasste, brachte sie aus dem Gleichgewicht und ließ die hochgewachsene Frau mit beträchtlicher Wucht nach hinten gegen den Diwan stolpern, vor dem sie stand. Ihr Körpergewicht riss das Möbelstück scheppernd zu Boden, sie selbst folgte kurz darauf, als ihre Füße blindlings dagegen stießen.

Sie schrie auf, ohne es zu merken, als sie stürzte, halb auf den hölzernen Rahmen des umgekippten Diwans und halb auf den hell marmorierten Bodenfliesen aufschlug und ihren Fall im bloßen Reflex noch mit den Armen abzufangen versuchte - erst da spürte sie den Schmerz. Mit einem ausgesprochen unangenehmen Ruck rollte sie sich ganz auf den kalten Steinboden und umklammerte ihre Hand, von der jener stechende, im ersten Moment fast unerträgliche Schmerz ausging, blind mit den Fingern der anderen, die Zähne so fest zusammengebissen, dass es leise knirschte.

Das Fräulein Nyrivel Glutnebel, das gerade nichts Böses ahnend einen Stapel Pergamente den Gang entlang getragen hatte, ließ seine Last bereits zu Tode erschrocken fallen, als es den ersten Knall gab. Der darauf folgende Schrei und das Scheppern ließen die durchaus fleißige, aber nicht sonderlich kluge Hilfsassistentin der Archäologischen Akademie zusammenzucken, einen Moment lang in ihrem Schock erstarrt regungslos verharren, ehe sie sich ganz plötzlich in Bewegung setzte und zum Büro der Inspektorin eilte. Sie klopfte mehrfach fahrig gegen die Tür, ehe sie sie in Ermangelung einer Antwort einfach öffnete - und ihre Augen erst einmal in stummer Fassungslosigkeit unruhig und ziellos durch den Raum huschen ließ.

Die Explosion hatte sämtlichen Papierkram, der sich auf dem Schreibtisch befunden hatte, quer durch den ganzen Raum geschleudert und in teilweise verknittertem und zerknicktem, stellenweise geschwärztem Zustand überall verteilt. Irgendwo knapp vor Nyrivels Füßen lag eine Zigeratte auf dem Boden, die man - dem Zustand ihres verbrannten vorderen Endes nach zu urteilen - wahrscheinlich schon angezündet und teilweise geraucht hatte. Sie stieg darüber hinweg und näherte sich dem Schreibtisch, auf dessen Tischplatte neben einem großen, rußgeschwärzten Brandfleck eine kleine Lache klarer Flüssigkeit stand, deren leicht beißenden, unangenehmen Geruch das junge Mädchen im ersten Moment nicht recht einordnen konnte, so sehr wie es in dem nicht sonderlich großen Zimmer nach Rauch stank.

Dann endlich erspähte sie Kannae Windsang, die jenseits des Schreibtischs neben dem umgefallenen Sitzmöbel zu diesem Zeitpunkt immer noch mehr oder weniger am Boden lag. Zwar hatte sie sich schwer atmend halb aufgesetzt, umklammerte aber nach wie vor ihre rechte Hand, die - genau wie der zugehörige Unterarm - sichtbar verbrannt war. Die stark gerötete Haut, unter der an ein paar Stellen an Fingern und Handgelenk das offene Fleisch durchschimmerte, schälte sich vielfach und wurde von einigen, gerade noch in der Bildung begriffenen Brandblasen entstellt.

Noch ehe die Inspektorin Gelegenheit gehabt hätte, das Fräulein Glutnebel zu bemerken, taumelte es einen Schritt weit zurück und fing hysterisch wie am Spieß zu schreien an...

Die goldene Mitte? - von Fentar, 19.6.12

Der Skriptor zupfte an seiner Robe herum, eine steile Falte auf seiner Stirn. Es war voll dort, hatte der Magister berichtet. Viele würdige Vertreter der verschiedenen Wissenschaften, nicht zuletzt auch eine ganze Menge Arkanisten. Und dieses Mal, so hatte man ihm verstehen gegeben, wäre seine Mithilfe bei der Begrüßung der Gäste willkommen. Das warf Fragen auf, mit denen er sich seit Jahren nicht mehr beschäftigt hatte.

Musste er sein Auftreten an der Bedeutung des Arkaneums, oder nach seinem persönlichen Wert messen? Konnte es ein schlichter Skriptor ohne Familie und ohne Arkantalent wagen, sich in Seide und Brokat zu kleiden, um das Arkaneum zu repräsentieren? Würde es wiederum dem Arkaneum schlecht angerechnet werden, wenn es nur einen Mann in schmucklosem Grau dort hin stellte? Oder musste man einen Mittelweg gehen?

Unwillig stopfte der Skriptor die Einladung in seinen Gürtel und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Noch hatte er fünf Tage, um sich zu entscheiden.

”Es muss ein Fehler vorliegen, hnn!“- von Kannae Windsang, 18.6.12

Es war - zumindest nach Kannaes Dafürhalten - frühster Morgen, als sie noch vor der zehnten Tagesstunde am Schalter der Bank am Königlichen Markt darauf wartete, dass die Angestellte auf der anderen Seite des Tresens aus jenem dicken, schweren Geschäftsbuch, das auf ihren Wink hin elegant herbeigeschwebt war, ihre Finanzbestände fertig abschrieb. Da die Dame das den ganzen Tag machte und die wichtigsten Buchungen entsprechend routiniert mit einem Blick erfassen konnte, dauerte es keine zwei Minuten, bis sie der Inspektorin mit einem höflichen Lächeln diskret den üblichen kleinen Zettel hinüberschob.

Die felgrün schimmernden, von noch dunkler grün gefärbten Iriden dominierten Augen überflogen eilig die Zahlenreihe auf dem Pergamentstückchen - bis sie plötzlich an einer Stelle hängen bleiben. Stillschweigend starrte das Fräulein Windsang auf jenen Wert hinunter, der dort Königsblau auf Cremeweiß notiert stand. Zweihundertfünfzig. - Zweihundertfünzig?! Ihre Brauen schossen in die Höhe.

"Verzeiht, aber . . . Ihr müsst da einen Fehler gemacht haben, hnn?", flüsterte Kannae, während sie sich nach vorn über den Tresen beugte und das Blatt wieder zurückreichte. Für diese Unterstellung erntete sie einen kurzen, ungnädigen Blick von der Mitarbeiterin der Bank, ehe das höfliche, gewinnende Standardlächeln auf deren Lippen zurückkehrte und sie in mehr als nur freundlichem Tonfall eine Antwort säuselte: "Selbstverständlich, sofort."

Eine Anstandsminute später bekam die Inspektorin der Archäologischen Akademie das Schriftstück zurück, zusammen mit einer spitzen Bemerkung der Angestellten. - "Ich kann Euch versichern, dass keine Fehler vorliegt, werte Dame."

"Schon gut", murmelte ihre Kundin daraufhin nur leise, setzte dann ein etwas deutlicheres "Ehre den Sindorei!" hinzu. Als sie langsamen, schlendernden Schrittes die Bank verließ, starrte sie immer noch auf ihren da niedergeschriebenen Kontostand. Erst draußen vor den Pforten des Gebäudes faltete sie das Pergament stumm und hastig zusammen, um es einzustecken.

Ein Münzchen in Ehre... - von Tarian, 17.6.12

"When I was young, I thought that money was the most important thing in life; now that I am old, I know it is." - Oscar Wilde In dem Schankraum summte es wie in einem Bienenstock. Dutzende Sin'dorei unterhielten sich angeregt, manche gar ungebührlich laut, doch wirklich daran stören tat sich Haltharra Immerwind, die Besitzerin der kleinen, rauchigen Kaschemme, nicht – im Gegenteil: Ein gut gefüllter Laden bedeutete Umsatz, und dieses Ziel war heute erreicht. Jeder Platz war besetzt, und einige der Gäste gaben sich sogar mit einem Standplatz direkt an der Theke zufrieden. Natürlich war ihre Taverne nicht jeden Abend derart gut besucht, aber das war nun einmal der Lauf der Dinge.

Sich irgendwo in den Tiefen der Mördergasse befindend, knüpfte der Betrieb der Frau nahtlos an die zwielichtige Atmosphäre der Gasse an. Einige Laternen, deren Glas mit einer undefinierbaren Schmierschicht bedeckt waren, spendeten dementsprechend nur schummeriges Licht, und tauchten die Räumlichkeiten in ein flackerndes Halbdunkel. Allgemein bestach die Taverne nicht gerade durch einladende Offenheit. Sobald man auch nur einen Fuß in das Loch setzte, wusste man, woran man war: Fleckige, zerkratzte Holzdielen, eher windschief zusammengezimmerte Tische, Hocker und Stühle, und nicht zuletzt einige alte Fischernetze, die kunstvoll an den Wänden drapiert waren. Gewiss nicht jedermanns Sache, doch Haltharra hatte sich auch nicht für den rauen Flair ihrer Taverne entschieden, um höhere Gesellschaftsschichten zu bewirten. Sie hatte mit Absicht dafür gesorgt, dass man das Gefühl hatte, in irgendeiner fragwürdigen Hafentaverne zu sitzen, obwohl man sich in Wirklichkeit noch inmitten Silbermonds befand – bei so vielen düsteren Gestalten, die sie in letzter Zeit durch die Stadt hatte geistern sehen, war es ihr als vielversprechendes Geschäft erschienen, ebenjenen eine Plattform anzubieten.

Einmal mehr wanderte ihr Blick über die gesichtslose Masse der Gäste und stockte, als sie ein vertrautes Profil zu sehen glaubte. Verwundert runzelte sie die Stirn, und sah angestrengter in das Halbdunkel. An einem der Tische, die etwas abseits des eigentlichen Trubels standen, saßen zwei Sin'dorei, ein Mann und eine Frau, und waren scheinbar in ein Gespräch vertieft. Die Frau hatte dort schon seit einer ganzen Weile gesessen, dessen war Haltharra sich sicher, doch der rothaarige Mann musste vor nicht allzu langer Zeit dazu gestoßen sein. Soweit sie das in dem spärlichen Licht beurteilen konnte, trug er eine Augenklappe über dem rechten Auge, und lächelte leicht, während er den Worten seiner Gesprächspartnerin lauschte. Als sie verstummte, nickte er einmal, und legte eine Münze auf den Tisch. Fast schon bedächtig schob er sie mit zwei Fingern ein Stück in die Richtung der fülligen Dame, und lehnte sich anschließend zurück, abwartend. Es dauerte nicht lang, und die Frau schien der Versuchung, die von der Münze ausging, nicht länger widerstehen zu können: Mit spitzen Fingern ergriff sie das Rund – was für einen Wert die Münze besaß, konnte die Besitzerin der Taverne unglücklicherweise nicht erkennen – und ließ sie mit fast schon lasziver Geste in ihrem offenherzigen Ausschnitt verschwinden. Kaum befand sich die Münze in ihrem Besitz, fing sie wieder zu reden an, und der gealterte Rotschopf beugte sich ein Stück vor, um nichts von dem zu verpassen, was sie zu erzählen hatte.

Haltharra schmunzelte still, und wandte den Blick ab.

Reiner Zufall - von Bellok Leuchtklinge, 10.6.12

Selbstverständlich war Bellok am frühen Abend rein zufällig am Königlichen Markt vorbei gekommen, an dem Gebäude, das die Archäologische Akademie anlässlich des erstmals stattfindenden Gelehrtentreffens gemietet hatte. Keineswegs hätte er auch nur im Traum daran gedacht, die letzten Arbeiten und Vorbereitungen zu überwachen, die Lieferungen von Speisen und Getränken zu kontrollieren, die scheinbar noch in vollem Gange waren.

Schließlich hatte die Inspektorin ihm versichert - nach seinem Geschmack einmal öfter, als notwendig gewesen war - dass sie alles geplant, organisiert und in Auftrag gegeben hatte, dass alles zu seiner vollsten Zufriedenheit ("...und der der Gäste. Ich versichere es Dir!") verlaufen würde. Das war ein Wort, das man erfahrungsgemäß getrost in Granit meißeln und als eigenes Artefakt zum Erstaunen zukünftiger Generationen von Ausgräbern vor der Tür des Saals vergraben konnte.

Bei diesem Gedanken schmunzelte Bellok flüchtig, blieb etwas unentschlossen neben einer der Bänke stehen. Auf der anderen Seite verbot ihm dieses Wort aber auch, sich persönlich davon zu überzeugen, dass drinnen alles seine Richtigkeit hatte. Vielleicht konnte er sich wenigstens setzen, nur ein paar Minuten den Strom der durch das Portal hinein- und hinausgehenden Boten und Lieferanten folgen...? Aus dem Lächeln wurde ein schmales, selbstironisches Grinsen. Nein. Das würde er weder sich noch ihr antun - nicht den Anschein erwecken, als zweifle er an ihrer Kompetenz, an ihren Fähigkeiten, so etwas doch recht triviales wie das Bereitstellen von Imbiss und Getränken in die Tat umzusetzen.

Er bedachte eine der Elfen, die mit kleinen Tüten und Päckchen beladen geradewegs auf den Eingang der Halle zusteuerte, mit einem knappen, höflichen Gruß. Ein kurzer Griff an die Hutkrempe, ein angedeutetes Nicken, dann drehte er sich um.

Zeit, noch ein paar anderen Dingen als dem Versammlungsraum den letzten Schliff zu geben. Energischen, schnellen Schrittes wandte er sich dann von Gebäude, Bank und Markt ab, lenkte seine Schritte gen Norden, die Straße der Urahnen entlang. Fast hätte man glauben können, dass er dabei einen vergnügten, entspannten Eindruck machte - hätte man es nicht besser gewusst. Das leise Pfeifen einer munteren Melodie kam mit Sicherheit nicht von -seinen- Lippen.

Gedanken eines Magisters - von Landuron, 24.5.12

Mit geschlossenen Augen lehnte der Magister sich zurück und tippte mit den Fingern über die Muster, die er in den Stab gewoben hatte - nicht sichtbar, auch nicht magisch nachvollziehbar, lediglich vor seinem geistigen Auge. Es war seine Art, sich Objekte einzuprägen; gewissermaßen anhand von Landkarten, gezogen auf der Maserung des hölzernen Stockes. Insofern war dieses Werkzeug ihm in mehr als einer Sache eine Stütze. Und ohnehin war es auch mehr als nur ein Werkzeug. Doch er hoffte, die anderen Seiten des Utensils nie mehr anwenden zu müssen.

Vor seinem inneren Augen schwebte die blaue Phiole; die Facetten nicht mehr blind, sondern rein und durchscheinend. Funkelnde Lichtblitze schossen von den Flächen in den Raum. Er hob die Augenlider, doch hätte ihn jemand beobachtet, hätte er festgestellt, dass der Blick weiterhin nach innen oder aber in eine weite Ferne gerichtet war, die nur er erkennen konnte. Vor ihm schwebte, was er gesehen und geschaffen hatte. Jede einzelne Facette glitzerte im Licht des Raumes und leitete das Licht auf das Innere, das reinste Wasser der Magie.

Mit einem Seufzen schloss der Illusionist die Augen wieder. Träume, nichts als Träume ... niemals war der Besitz von solcher Macht ohne Preis gewesen. Und Preise hatte er in seinem Leben schon mehr als genug bezahlt. Es wurde Zeit, dass er losließ und das Leben so genoss, wie es sich ihm nun darbot, als Dozent des Arkaneums, ein Ruheposten nach all den Jahren dort draußen. Nun war er hier und konnte Dinge tun wie den Besuch der gestrigen Ausstellung, auf der er auch die Phiole gesehen hatte.

Es war außerst interessant gewesen, anschließend auf der anderen Seite des Raumes Meister Leuchtklinges Ausführungen über die Tol'vir zu lauschen. Und natürlich hatte der Mann es trefflich verstanden, dabei für die Bedürfnisse der Akademie zu werben. Hätte Landurons Vermögen in mehr als nur einem Schatz an Wissen und Erfahrung bestanden, er hätte freigiebig gespendet. So hatte er nur ein Angebot zur Unterstützung zukünftiger Ausstellungen machen können. Doch dem Mann hatte es offensichtlich gefallen, als die Figuren in seinem Modell zu laufen lernten und die Funktion der Obelisken und des Turmes anschaulich demonstriert wurde. So viele unterschätzten, wie unglaublich viele Möglichkeiten es gab, das Feld der Illusion sinnvoll einzusetzen. Meist dachten sie nur an Unterhaltung, Illusionsspiele. Tand für Bälle und Salonabende. Wie viele von ihnen konnten sich auch nur im Entferntesten vorstellen, dass die richtige Illusion zur rechten Zeit Kriege entscheiden konnte?

Landuron Sommerlicht seufzte und setzte sich auf. Erneut glitten seine Finger über den Stab, als wolle er sich versichern, dass die Linien alle noch da waren und ihre Muster ihm vertraut. Langsam drückte er sich hoch. Er musste bald einmal wieder die Heiler aufsuchen. Das Kreuz begann wieder, Scherereien zu machen. Immer wieder konnten sie seine Schwierigkeiten zumindest zeitweise beheben. Doch es gab Dinge, gegen die war noch immer kein Kraut gewachsen. Gerade beim Beugen über die Vitrinen hatte er mehrfach gespürt, wie der Splitter, der sich nicht aus seinen Knochen lösen ließ, wieder zu arbeiten begann. Vielleicht würde er doch noch einmal schauen, ob unter all den Gelehrten, die sich in Silbermond zunehmend zusammen fanden, nicht auch einer war, dem noch etwas Neues einfiel, wie man des Problemes endgültig Herr werden konnte. Noch hatte er Hoffnung.

Womöglich würde das nächste Treffen es zeigen. Und dort würde er auch mit Magister Morgentau einmal darüber reden, was er von seinem Projekt der Artefakt-Animierung hielt, und wie man wohl gemeinsam den einen oder anderen aufmerksamkeitsheischenden Effekt erzielen konnte. Wäre dieser sich nicht den gerüchten nach so spinnefeind mit der Magistrix Blutdurst gewesen, hätte man ja auch darüber nachdenken können, ihre Fertigkeiten als Verzauberin mit einzubeziehen, um stabile Illusionen in die Wände oder Abdeckungen der Vitrinen zu bannen, mit deren Hilfe gezeigt werden konnte, wie ein Gegenstand einmal ausgesehen hatte, oder wie er zu bedienen war. Sicherlich würden sich aber auch so genug Ideen finden.

Kurz sprangen seine Gedanken zu der Inspektorin. Nachdem er im Teehaus zufällig erhascht hatte, dass die Dame sehr von den Schokoladenkeksen und überhaupt allem Schokoladigen angetan war, war ihm erst bewusst geworden, was er an jenem Abend angestellt hatte, da Meister Bellok ihm im Büro der Dame deren Schale mit Naschwerk angeboten hatte. Die Lösung hatte sich am nächsten Tage im Café Madelaine geboten, als er erfuhr, dass dort Pralinen angeboten wurden. Flugs hatte er sich ein Kästchen zusammen stellen lassen, um es bei der kommenden Gelegenheit der Dame zu überreichen. Er hoffte, damit ihr Herz wieder etwas erweicht zu haben. Man wusste genau, wie wichtig es war, die starken Frauen im Hintergrund auf seiner Seite zu haben. Es mochte der Tag kommen, da er auf dieses Hintertürchen würde zurückgreifen müssen.

Langsam und nicht mit seinen gewohnten lang ausholenden Schritten machte der Magister sich auf den Weg zu seiner Schlafkammer.

Sonnenuntergang - von Tarian, 24.5.12

Verwaschen wirkte das Grau des Himmels, wie ein Kleidungsstück, welches bereits so oft getragen und gereinigt worden war, dass sich seine eigentliche Farbe nicht mehr genau definieren ließ. Dennoch, die ferne Horizontlinie wurde immer deutlicher – es war kurz vor Morgengrauen, und es war nur noch eine Frage von Minuten, bis die ersten Strahlen der Sonne tatsächlich über den Horizont steigen würden. Eine milde Brise strich schier unablässig über den östlichen Strand, und trug den salzigen Geruch des Meeres heran; ließ die Blätter der vereinzelten Bäume leise rauschen. Ruhig lag der dunkle Ozean da, fast erschien es, als würde er noch schlafen – doch dem war nicht so, kleine Wellen rollten stetig an das Ufer. So gewalttätig das Meer auch manchmal sein konnte, diese Wellen waren so sanft wie die Hand einer Person, die einem geliebten Haustier über den Kopf strich. In der Ferne, den Tiefen des Immersangwaldes, konnte man zwar bereits das Gezwitscher hören, mit dem die Vögel den neuen Tag so munter wie eh und je begrüßten, doch am Strand selbst regten sich die kleinen Tierchen nur langsam.

Einen tiefen Atemzug nehmend, öffnete der gealterte Elf die Augen. Entspannt saß er an dem Fuße eines Baums, die Beine von sich gestreckt – das Meer war nur gut zehn, fünfzehn Schritt von ihm entfernt. Nahezu regungslos lehnte er an der knorrigen Rinde des Baums, und ließ den Blick über den Horizont wandern. Immer schneller wich das trübe Zwielicht einer intensiven Rot-Orangefärbung, die von jener reinen Klarheit war, welche für die Sonnenaufgänge in Quel'thalas berühmt war.

Nun wanderte das Augenmerk des Mannes zu dem leeren Glas, welches er in der linken Hand hielt. Es schien ihn an etwas zu erinnern, denn mit einem Male kam Bewegung in seine Gestalt: Mit der rechten Hand tastete er – wenn auch etwas fahrig – nach einer der größeren Taschen, die an seinem Gürtel hingen, und öffnete sie. Hervor zog er einen schlichten, silbergrauen Flachmann, der gewiss schon bessere Tage gesehen hatte. Er war an manchen Stellen etwas eingedellt und zerkratzt, schien aber noch funktionstüchtig zu sein. Bedächtig stellte der Rotschopf das Glas neben sich ab, und schraubte den Verschluss des Flachmanns ab. Dunkles Gold plätscherte in das Glas hinein, bis dessen dicker Boden gerade eben bedeckt war, dann verschloss der rothaarige Elf den Flachmann wieder. Nahezu friedlich war der Ausdruck auf seinem Antlitz, während er das Glas wieder in die Hand nahm, und es an seine Nase hob, um für einen Moment an dem Whiskey zu riechen. Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel, ehe er den Blick zurück zum Horizont lenkte und das rechte Bein locker über das linke schlug. Inzwischen war der gesamte Himmel in den Farben des Sonnenaufgangs eingefärbt – es war, als würde man auf ein weit entferntes Inferno blicken, wie ein glühender Ball stieg die Sonne über den Horizont; prächtig, erhaben.

Er hob das Glas an, und prostete der Sonne zu – vielleicht, um irgendetwas zu feiern.

Ein voller Erfolg - von Kannae Windsang, 24.5.12

Es war weit nach Mitternacht. Nur ein paar einzelne Arkanleuchten in der Nähe der Treppen und Eingänge spendeten noch fahles, bläuliches Licht. Die riesigen Kronleuchter hingegen, die die große Halle während der Ausstellung erleuchtet hatten, waren längst erloschen. Generell deutete jetzt, einige Stunden, nachdem der letzte Besucher gegangen war, nichts mehr auf das hin, was sich hier den Abend über ereignet hatte.

Kannae saß allein, als letzte verbliebene Person in dem ansonsten verlassenen Saal, auf der Treppe an der Stirnseite der Halle, auf der sie während der Einleitungsrede auch mit Meister Leuchtklinge und Windschritt zusammen positioniert gewesen war. Neben ihr standen die Pralinenschachtel aus dem Café La Madelaine, die der Magister Sommerlicht ihr - warum auch immer so plötzlich - in später Reue in die Hand gedrückt hatte, und die letzte, noch etwas mehr als halb volle Flasche Champagner, die vom Getränkebuffet übrig geblieben war.

Alle anderen Mitarbeiter der Akademie waren längst abgezogen - sowohl die Dienstboten, welche die extra für diesen Anlass herangeschafften Gläser wieder eingesammelt, in dick mit Stoff gepolsterte Kisten einsortiert und scheppernd abtransportiert hatten, als auch die wissenschaftlichen Assistenten, die mit der Aufgabe betraut gewesen waren, alle verbliebenen Exponate sorgfältig auf ihre Rückreise zur Archäologischen Akademie vorzubereiten und zu diesem Zweck fachgerecht zu verpacken.

Selbstverständlich hatte Windsang die Transporte sicherheitshalber persönlich begleitet, auch wenn das innerhalb Silbermonds, wo sogar nachts eine hinreichende Menge an Stadtwachen zumindest in den großen Stadtvierteln für Ruhe und Ordnung sorgte, wahrscheinlich nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. Es war ein Glück, dass Altharia Dawnstar ihre tote Spinne mitsamt deren tonnenschwerem, steinernem Aufbewahrungsbehältnis gleich selbst unter Zuhilfenahme von Magie mit sich genommen hatte . . . so blieb es der Inspektorin zumindest erspart, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sie dieses Monstrum von Sarkopharg zurück ins Gewölbe der Akademie befördern sollte.

Die Hochgeborenen-Artefakte waren bei dieser Gelegenheit ohne Umweg gleich am Sonnenzornturm abgeliefert worden, um sie in Magister Morgentaus Obhut zu überstellen. Warum die Reliquarin Silverspring sich dazu entschlossen hatte, jenem exzentrischen Amateurforscher nun plötzlich seinen Willen zu lassen, obwohl sie anfangs doch vollkommen mit Meister Leuchtklinges Meinung übereinzustimmen schien, dass die Schätze der Akademie nicht in die gierigen Krallen irgendwelcher Privatleute gehörten, wusste Windsang nicht. Thelestes Sinneswandel musste irgendetwas mit der Tatsache zu tun haben, dass er sie überraschenderweise bei der Ausstellung vertreten, ihren Part übernommen hatte - immerhin war ihm das zumindest dem äußeren Anschein nach auch vortrefflich gelungen, wenn man als Maßstab dafür die Anzahl der Leute heranzog, die ihn den ganzen Abend über mit neugierigen Fragen belagert hatten.

Und jetzt war der Spuk vorbei. Blieb nur zu hoffen, dass irgendeiner der ganzen Gaffer sich im Nachgang dieser Sache tatsächlich befleißigen würde, den Goldbeutel locker zu machen und der Abteilung die Mittel zuzuschießen, die für die nächste Expedition so dringend benötigt wurden. Mit einem leisen, seufzenden Atemzug, den Kannae sich in der Düsternis der elfenleeren Halle zu tun gestattete, langte sie in die Pralinenschachtel, deren Inhalt sie in den letzten zehn Minuten schon beträchtlich dezimiert hatte, und spülte die zuckersüße, schokoladige Pampe auf ihrer Zunge kurz darauf mit einem tiefen Schluck aus der Champagner-Flasche hinunter.

Sie fühlt sich - ohne Frage - sterbensmüde, spürte das Gewicht der unbequemen, durch die zahllosen goldenen Zierbeschläge elendig schweren Paraderüstung unangenehm auf ihren Gliedern . . . insbesondere die ausladenden, sperrigen Schulterstücke bescherten selbst der extrem gut durchtrainierten Vorsteherin der Wachmannschaft nach stundenlangem Tragen Rückenschmerzen. Im Grunde war es Zeit, nach Hause zu gehen. Aber nach Hause wollte sie nicht. Zu Hause warteten bloß noch mehr ungelöste Probleme, leidige Diskussionen und kritische Augen auf sie, die jeden Schritt, jeden Handgriff verfolgen, bewerten und verurteilen würden, den sie in der Stille des wieder freigeräumten Saals ungeschoren tun konnte.

Nach Hause kam die Inspektorin Kannae Windsang erst um die fünfte Morgenstunde herum, als es schon fast zu dämmern begann und die Vögel im Immersangwald bereits zu zwitschern begannen - leicht wankend und sturzbetrunken . . .

Galauniform - von Aeldros, 23.5.12

Ein unzufriedenes Schnauben begleitet den breit gebauten Sin'dorei, als er aus dem staubigen Lager nach vorne tritt, die repräsentativeren Räumlichkeiten des Lederhandels durchquert. Auf halbem Weg bleibt er stehen, brummelt unverständliches in den sauber gestutzten, sanft glänzenden Bart, dreht auf den Hacken um und stapft zurück in den abgedunkelten Raum. Nur die polierten Ausstellungsstücke sind Zeugen des anschließenden Gerumpels, das durch die Verkaufsräume hallt um schließlich, von einer weiteren Staubwolke begleitet, sein Finale in einem donnernden Schlag zu finden - man könnte meinen, der Elf wolle auch noch die letzte der Kisten zerstören, die das Lager neben ihm bewohnen.

"Schreiterdreck" tönt es hörbar, als Aeldros über einige Holzstücke wieder nach vorne tritt. Ein rascher Blick auf das Bild der Zerstörung, ein knappes Schulterzucken. Für Ordnung würde später genug Zeit sein. Eilig wird der perfekt sitzende Wappenrock vom gröbsten Dreck befreit, die Brille zurecht gerückt und nocheinmal ein kritischer Blick in den Spiegel riskiert. Die in Falten gezogene Stirn macht zusammen mit unzufrieden nach unten verzogenen Mundwinkeln deutlich, wie wenig angetan der Betrachter von dem Bild ist, das sich bietet: Ein sauberer, stattlicher Sin'dorei in tadellos gewaschenen, geglätteten, wenn auch altmodischen Gewändern. Das Leder eingefettet, das Metall poliert und selbst die Brillengläser blank wie die Oberfläche des Stillwispertümpels an einem windstillen Tag. Missmutig brummend wischt sich der Elf eine der glänzenden blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Ich bekomme Geld dafür. Ich muss nicht immer aussehen wie ein Weib. Und ohnehin gebe ich ein viel zu hässliches Weib ab." Als habe er sein Abbild mit diesen Worten überzeugt, atmet er tief durch, strafft die Schultern, presst die Lippen aufeinander und wendet sich der Tür zu. Bleibt zu hoffen, dass mich in dem Aufzug niemand erkennt.

Ironie - von Tarian, 23.5.12

Obwohl der gealterte Elf mit jeder Faser seines Seins davon überzeugt war, dass jeder selbst für sein Schicksal verantwortlich war - und nicht irgendeine mysteriöse, omnipotente Macht - erschien es ihm von Zeit zu Zeit so, als hätte da doch irgendwer seine dreckigen Finger im Spiel und würde sich ins Fäustchen lachen, wenn das Ziel seiner Einmischungen einen Tritt in den Hintern bekam. Zwar nicht unbedingt physisch, aber metaphorisch.

Kopfschüttelnd sah der Rotschopf an sich hinab. Komplett in Rot und Gold gewandet, fühlte er sich unwohler denn je. Mal ganz davon abgesehen, dass ihm die Stiefel eine halbe Nummer zu klein waren und bei jedem Schritt unangenehm scheuerten.

Was für eine Ironie, dass ausgerechnet er wieder in den Farben der Stadt gekleidet war.

Grundgütiger, wie er Ironie hasste.

Die letzten Kleinigkeiten - von Kannae Windsang, 23.5.12

Kannae Windsang wandte sich in einer langsamen, fließenden Bewegung zu der verspiegelten Wand ihres Schlafzimmers um und betrachtet ihr Abbild darin. Der nagelneue Wappenrock, den die Schneiderin Abendrot für sie angefertigt hatte, saß wie angegossen über ihrer schweren, prunkvollen Paraderüstung, deren leuchtende Rottöne perfekt zu dem Lippenstift passten, mit dem sie ihren in ungeschminktem Zustand viel zu blassen Mund überpinselt hatte.

Der äußere Eindruck musste tadellos sein heute Abend - auf nichts anderes kam es an. Was sie bei sich dachte, was sie im Inneren empfand, das spielt keine Rolle. Ihre Mundwinkel hoben sich und formten ein freudloses Lächeln. Im Prinzip lief es doch immer und überall in Silbermond auf dieselben Spielregeln hinaus: Es kam nur in zweiter Linie auf das Sein, in allererster dagegen auf den Schein an.

Nachdem sie den Sitz ihrer beiden Krummsäbel am Waffengürtel noch einmal geprüft hatte, griff die Inspektorin nach den wenigen verbliebenen Flugblättern, die vom Vortag übrig geblieben waren. Bis zum Beginn der Ausstellung war noch genügend Zeit . . . auf dem Weg zur Halle der Ruhe würde sie auch diese Einladungen sicher noch unter die Leute bringen können.


Der Spiegel - von Falanthril, 23.5.12

Irgendwo im Immersang...

Ein sonnendurchfluteter Raum, gemütlich und ohne Prunk. Still ist es, nur das Rauschen des ewigen Immersang treibt mit dem Nachmittagswind bei den geöffneten Fenster herein, bläht die weißen Vorhänge wie gleißende Banner.

Vor einem Spiegel steht der Elf, angetan im prachtvollen Rot und Gold der Hohen Heimat. Das feine Leder der Ausgehuniform noch wie neu, die Stickereien kaum abgewetzt. All die goldgefüllten Punzierungen noch immer so glänzend wie Sonnenstrahlen. Nach all den Jahren. Ich hätte nicht gedacht, sie je wieder zu tragen...

Der Elf betrachtet jenen Anderen, der ihm wie ein Ei gleichend aus der glatten Spiegelfläche heraus ebenso kritisch entgegenstarrt. Ernst sind sie beide, mustern einander mit unverhohlener Genauigkeit. Zupfen dort etwas zurecht, klopfen da etwas glatt. Beide schlüpfen sie in den neuen Wappenrock, vertraut im Gesamtbild der Rüstung und doch so fremd durch das Wappen darauf. Die Elfen streichen den Stoff über dem Zeichen der zwei Hände, die behutsam ein Artefakt umfassen, glatt. Auch über den Oberarm tasten sie, runzeln die Stirn, als dort statt des gewohnten Dienstgrades eine leere Fäche prangt, ein bisschen dunkler, ein bisschen „neuer“ als der Rest des Ärmels. Man strafft die Schulter, ruckt den Wappenrock nach unten.

Als der Elf den Waffengurt umlegt, erklingt von der Tür ein leises Lachen, halb gesungen im liebevollen Spott. Mit gerunzelter Stirn wendet er sich vom Spiegelzwilling ab, schenkt der Frau, die im Türrahmen lehnt, ein schiefes Gesicht. „Was?“ Anstatt einer Antwort wird ihr Lächeln tief und innig, sie tritt auf ihn zu. Und dann zupft und zieht auch sie noch einmal zurecht, was ohnehin schon ordentlich ist und mit jedem ihrer Handgriffe wird der Ernst des Elfen weicher, bis er schließlich in einem zufriedenen Seufzen erlischt. „Du füllst sie immer noch aus. Auch ohne die Abzeichen.“ versichert die Frau sanft, ehe sie sein Haupt zu sich herabzieht, ihm die Stirn küsst. „Du solltest aufbrechen, der Weg in die Stadt ist weit. Geh mit allem Stolz, den du in dir trägst.“ klingen ihre heiteren Abschiedsworte.

Und das tut er dann auch.


Kopfschmerz - von Bellok Leuchtklinge, 23.5.12

Die wenigen Papiere auf der penibel aufgeräumten Oberfläche seines Schreibtisches ordnen, sie in perfekten rechten Winkeln zueinander ausrichten: Das würde sicherlich Ordnung in seine Gedanken und Pläne bringen, würde sie so klar, so folgerichtig erscheinen lassen, wie sie sein sollten. Mit einer behutsamen, fast andächtigen Bewegung seiner Hand verschob der Archäologe das Blatt im Zentrum, jenes, das nicht nur mittig vor ihm lag, sondern momentan auch einen Großteil seiner Aufmerksamkeit in Anspruch nahm - oder das zumindest tun sollte.

Das finale Konzept, der endgültige Plan für die Ausstellung am heutigen Abend, aufgestellt und abgezeichnet von der Inspektorin Windsang. Bellok lächelte schmal, als er das Blatt entgegen seinen guten Vorsätzen doch noch einmal zur Hand nahm und es überflog. Wissenschaftler, Wachen, Exponate – es schien für alles gesorgt, alles bedacht und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Die Akademie und er selbst würden den Deckel ihres Schatzkästleins zumindest so weit öffnen, dass das verlockende Funkeln von Schätzen, von Ruhm und Reichtum gerade deutlich genug hinaus schien, um neue Geldgeber anzulocken, die sich im Glanz der fremdländischen Artefakte – seiner Artefakte!- sonnen konnten.

Als ob sie...mit einem Kopfschütteln verdrängte er diesen Gedanken, schürzte die Lippen halb spöttisch und legte das Blatt wieder zur Seite, exakt an die Stelle, von der er es gerade genommen hatte. Ja. Die Hebel waren betätigt, die Maschinerie in Gang gesetzt. Scheinbar hatte tatsächlich alles seine Ordnung. Wenn nur der bohrende, enervierende Kopfschmerz hinter seiner Stirn endlich verschwinden würde...


Die Vierte Dimension II - von Altharia, 21.5.12

Der Ursprung des Lebens und die Titanen

In der Drachenöde Northrends finden sich die Knochen von Galakrond, der von den Drachen der Schwärme als der Urvater aller Drachen bezeichnet wird. Die Titanen formten die Aspekte nach seinem Abbild.

Dieser Fakt wirft einige interessante Fragen auf: Wenn die Titanen die Aspekte nach dem Abbild Galakronds formten, woher kam dann Galakrond?

Man könnte natürlich annehmen, dass auch Galakrond eine Schöpfung der Titanen war. Dies wäre jedoch untypisch für die Titanen, da, soweit wir dies wissen, all ihre Schöpfungen Spezialanfertigungen waren, und - soweit es ihre designierten Zwecke betraf - perfekt waren. Es gibt einfach keine Vorgängerversion zu anderen Titanenschöpfungen. Es gibt keine Testversion von Uldaman, keine fehlgeschlagene Serie von Irdenen. Warum sollte dieses Verhalten bei den Drachen anders sein?

Nein, ich denke, dass Galakrond keine Schöpfung der Titanen ist, sondern das er bereits auf Azeroth heimisch war, als die Titanen ankamen. Während dieser Gedanke zunächst schwer zu fassen sein mag, so gibt es bei genauerer Prüfung viele Lebewesen, die sich nicht mit den Titanen in Verbindung bringen lassen.

Während die Zwerge und die Vrykul offensichtlich aus Konstrukten der Titanen hervorgingen, die mit dem Fluch des Fleisches belegt wurden, gibt es Verbindungen dieser Art für die meisten anderen Lebewesen nicht. Beispielsweise Teufelssaurier und Kraken, meiner Theorie nach auch Galakrond.

Wenn diese und andere Wesen bereits vor den Titanen existierten, dann führt dies zu der unausweichlichen Einsicht, dass die Titanen überhaupt kein organisches Leben auf Azeroth schufen, sondern aussschließlich Mechanisches.

Der Term "mechanisches Leben" ist jedoch ein Oxymoron. Basierend auf den Fakten komme ich zur Erkenntnis, dass die Titanen nur die Drachen erschufen und alles andere Leben lediglich vorfanden und beobachteten.

Die Idee der Titanen als Schöpfer der Welt ist damit also deutlich in Zweifel zu ziehen. Viel mehr scheinen sie mir eine Rasse von Beobachtern und Forschern gewesen zu sein.

Die Vierte Dimension - von Altharia, 12.5.12

Auszug aus "Die Vierte Dimension" von Altharia Dämmerstern [...] Die Zitadelle von Eiskrone stellt einen monumentalen Bau aus Saronit dar. Basierend auf den Berichten der Truppen von Kael'Thas, welche den die desaströse Schlacht um den Gletscher von Eiskrone überleben konnten, wissen wir, dass die Zitadelle nicht älter als etwa zehn Jahre sein kann. In den Folgen der damaligen Schlacht wurde ein Großteil des Gletschers gesprengt. Aus der Zeit, in welcher der Lichkönig schlief und die Zitadelle gebaut werden musste, liegen keine Berichte aus Northrend vor.

Es stellt sich nun die Frage: Wie konnte eine so beeindruckende Festungsanlage in so kurzer Zeit erbaut werden, wo doch der Gletscher solch enorme Zerstörung erfuhr?

Es gibt hierbei nur zwei Möglichkeiten, die wir untersuchen können: Entweder die Zitadelle wurde von der Geißel erbaut, oder sie wurde nicht von der Geißel erbaut.

Wenn sie von der Geißel erbaut wurde, dann wäre dies durch die üblichen Handwerkern der Geißel geschehen: Untote Schmiede. Jedoch finden sich in Northrend nicht annähernd genug Schmieden und Minen, um eine so enorme Menge von Saronit gefördert zu haben. Zwar sind die Grube von Saron und die Schmieden um die Zitadelle herum von enormer Größe, jedoch bei weitem nicht groß genug, um ganz Eiskrone in dem vorliegenden Maße befestigt zu haben. Will man an der Idee festhalten, dass die Geißel die Zitadelle erbaut hat, so wären diese Anlagen zu suchen.

Wurde die Zitadelle nicht von der Geißel erbaut, so stellt sich die offensichtliche Frage, wer dies sonst getan haben könnte. Das Saronit, welches auch Blut von Saron genannt wird, wird gemeinhin mit Geschichten über die Alten Götter und deren Diener in Verbindung gebracht. In der Tat liegen Berichte aus den Kämpfen am Fundament der Zitadelle vor, die auf Gesichtslose und einen scheinbar bodenlosen Tunnel unter der Zitadelle verweisen. Zu welchem Zweck wurde dieser Tunnel gebaut? Welche Verbindung besteht zwischen den Gesichtslosen und der Geißel?

Ich vertrete die Theorie, dass die Gesichtslosen über eine fortgeschrittene Technik verfügen, um Saronit zu bearbeiten und damit die Zitadelle von Eiskrone erbaut haben. Natürlich ist diese Theorie nicht ohne Probleme. So wirft sie die Frage auf, welchen Vorteil die Gesichtslosen aus diesem Bündnis ziehen konnten. Bedauerlicherweise muss die Aufklärung dieser Frage aufgeschoben werden, bis Kommunikation mit den Gesichtslosen möglich ist. Derzeit erscheint es keinem Elf möglich deren Sprache zu erlernen, da diese auf andere Stimmorgane als die unseren angewiesen ist. Hinzu kommt, dass die meisten Gesichtslosen ausgesprochen feindseelig zu sein scheinen.

Schreibarbeiten - von Kannae Windsang, 12.5.12

Die Inspektorin Kannae Windsang legte ihre Schreibfeder zur Seite und ließ sich mit einem leisen, latent genervten Seufzen auf den samtbezogenen Diwan hinter ihrem Schreibtisch niedersinken. Seit den frühen Mittagsstunden saß sie nun schon an den zahlreichen Schreiben, die es noch zu verfassen galt, um die in Bälde stattfindende Ausstellung auch in hinreichendem Maße in den richtigen Kreisen publik zu machen.

Tief durchatmend schloss sie die Augen. Wie sehr sie diese Büroarbeiten doch hasste! Doch sie wusste ebenso gut wie Meister Leuchtklinge, wie wichtig dieser Abend für die Akademie im Allgemeinen und die Abteilung im Besonderen war. Expeditionsreisen und groß angelegte Ausgrabungen gab es leider nicht umsonst, sondern sie verschlangen - ganz im Gegenteil - eine Menge finanzieller Ressourcen. Natürlich stärkte der Sonnenzornturm der Archäologischen Akademie Silbermond auch in materiellen Belangen den Rücken, aber die staatlichen Zuschüsse reichten bei Weitem nicht aus, um alle anfallenden Unkosten zu decken. Was sie neben zuverlässigen, kompetenten Mitarbeitern brauchten, wenn das nächste Forschungsprojekt ein voller Erfolg werden sollte, waren Sponsoren... wohlhabende und einflussreiche Sponsoren. Wer eignete sich dafür besser als die Kaufleute und der Adel von Quel'thalas...?

Immerhin hatte das Fräulein Sin'Serrar ihr die lästige Vorarbeit abgenommen und bereits pflichtergeben eine Liste von potenziell in Frage kommenden Einzelpersonen, Familien und Organisationen erstellt. An jede einzelne Adresse auf dieser Liste musste ein Brief verschickt werden. Kannae warf einen resignierten Seitenblick auf den Stapel der bereits sendefertigen Schreiben, die sie eigenhändig erstellt und dann in von ihrer Assistentin säuberlich beschriftete Umschläge gesteckt hatte. Noch war sie aber längst nicht fertig und eben dieser Gedanke bereitete der Befehlshaberin der abteilungseigenen Wachmannschaft, die sich selbst lieber bewaffnet im Feld als hinter einem Schreibtisch hockend gesehen hätte, ernsthafte Kopfschmerzen.

Der einzige Trost, der der Inspektorin blieb, war die Tatsache, dass wenigstens die in Auftrag gegebenen Plakate bereits geliefert worden waren und in diesem Moment an mehreren stark frequentierten Plätzen in Silbermond aufgehängt wurden - unter anderem am Stadttor, am Basar und am Königlichen Markt.

Dort kann nun jeder Passant in den wenigen Tagen, die noch bis zum Abend der Ausstellung verbleiben, Folgendes lesen:

Ruhm und Ehre den Sindorei!

Die Archäologische Akademie Silbermond lädt alle interessierten Bürger von Quel'thalas am 23. Tag des aktuellen Monats zu einer Ausstellung in der großen Halle am Königlichen Markt ein!

Präsentiert werden den Besuchern seltene archäologische Fundstücke aus Kalimdor und Nordend. Drei unserer auf die uralten Kulturen der Hochgeborenen, Neruber und Tol'Vir spezialisierten Wissenschaftler führen durch den Abend und beantworten Fragen aus erster Hand.

Einlass von Gästen ab der zwanzigsten Tagesstunde!

Wappenröcke - von Shartha Abendrot, 12.5.12

Mit dem für die Schneiderin so typischen Lächeln betrachtete sie die handgeschriebene Liste, welche die weibliche Wache ihr in die Hände gedrückt hatte. Die übliche kühle, grimmige Art derselben hatte Shartha ein Schmunzeln entlockt. Nun lag die Liste in ihren Händen, die Inspektorin Windsang ihr nicht hatte zukommen lassen wollen, doch Shartha verstand nur zu gut wieso die Inspektorin das abgelehnt hatte. Es hätte zu lang gedauert, die Maße jeder einzelnen Wache zu nehmen, natürlich auch die Maße der Paraderüstungen herauszufinden. Sie hatte also ihre Beziehungen spielen lassen und diese junge Elfe dazu gebracht, ihr die Maße heimlich zukommen zu lassen. Das Gekritzel war zwar kaum zu entziffern, aber doch verständlich. Wie genau die Wache an die Maße gekommen war, fragte Shartha nicht. Solange das Ergebnis perfekt sein würde, war sie zufrieden.

Und so machte sie sich daran, die georderten Wappenröcke für die archäologische Akademie zu fertigen. Auf der Innenseite im Nacken der Wappenröcke nähte sie eine kleine Schlaufe ein, auf die sie die jeweiligen Initialen der Wachen einstickte: "A.W.", "T", "F.S.", "K.S.", "K.W.", "N.S.", "R.T." und "V.A." Angeblich waren nämlich seit dem letzten Besuch der Inspektorin in der Schneiderei noch einige Mitglieder zu der Wachmannschaft gestoßen und sollten von der Schneiderin ebenfalls mit Wappenröcken bedacht werden.

Schließlich lagen sechzehn Wappenröcke von hochwertigster Qualität auf dem Tisch des Ateliers ausgebreitet. Jeweils zwei Wappenröcke pro Wache. Sie zeigten das Wappen des Hohen Reiches, in welches das Symbol der Akademie auf äußerst ansprechende Weise eingearbeitet war. Sie sahen prächtig aus. Die Wachen würden ein ansprechendes Bild abgeben, ganz den hohen Standarts entsprechend, die Sin'dorei gewohnt waren.

Gleich am nächsten Morgen würde sie die Wappenröcke ausliefern, beschloss die Elfe, als sie nach Mitternacht die Schneiderei abschloss und sich zu ihrem Haus begab.

Die Puppe - von Tarian, 12.5.12

Schnell und schwer waren die Atemzüge des rothaarigen Elfs, dessen Fäuste immer abwechselnd gegen die Übungspuppe schlugen. Lederne Schützer bewahrten seine Knöchel zwar vor direkten Zusammenstößen mit dem Holz, aber es lag zu viel Kraft in den Faustschlägen, als dass die Wucht vollständig von dem Leder absorbiert worden wäre. Sonderlich zu stören schien es den Mann jedoch nicht, behielt er den schnellen Rhythmus, mit dem er die Puppe traktierte, doch kontinuierlich bei und ignorierte auch den Schweiß, der ihm in die Augenbrauen lief. Mit fast schon mechanischer Präzision trafen seine Fäuste regelmäßig auf den massiven Balken, der den Körper der Übungspuppe darstellte; seine gesamte Muskulatur sprang dank der Anstrengung deutlich hervor. Die Gesichtszüge verhärtet, die Zähne unter der körperlichen Ertüchtigung zusammengebissen, der unbewegte Blick von in sich gekehrter Ruhe – als wäre der gealterte Elf in seiner eigenen Art der Meditation; als könnte nichts seine tiefe Konzentration zum Wanken bringen.

Es war kein Bild roher, brachialer Gewalt. Zwar erzeugte jeder Treffer gegen das Holz einen dumpfen Laut, doch steigerten sich weder ihre Heftig-, noch ihre Schnelligkeit. Jeder Schlag sprach von einem Maß an Kontrolle, welches lediglich durch langes, intensives Training errungen wurde – und auch nur durch eben jenes gehalten werden konnte.


Das Los einer Assistentin 2 - von Kalarena, 12.5.12

Die Besprechung mit dem Sekretär hatte viel länger gedauert, als sich die Blonde gewünscht hätte. Sie hatte es gerade noch rechtzeitig zur Geländeübung geschafft, um deren Ausgang mit zu erleben. Die Stimmung war auf Verliererseite nicht unbedingt als "begeistert" zu bezeichnen, so war die Sin'dorei froh, als sie sich schnell verabschieden konnte. Sie brauchte aber auch unbedingt ein Bad. Brrrrrrr.... Sie schüttelte sich angewidert. Dieser Sekretär war schrecklich. Sie kam sich von oben bis unten eingeschleimt vor. Hoffentlich ließ das nicht Rückschlüsse auf seinen Arbeitgeber zu....

Feldübung - von Nyari, 10.5.12

„Von links!“, hatte ihre innere Stimme gewarnt. „Duck dich!“, hatte sie ihr geradezu ins Ohr gebrüllt, aber nein: Arieth hatte nicht auf sie geachtet, nicht so schnell reagiert wie sonst. Sie hatte sich umgedreht, anstatt sich zu ducken. Verfluchtes, dämliches M*iststück, schalt sie sich selbst. Aber es half kein hätte, täte, wenn gewesen wäre... Sie war nicht bei der Sache gewesen. Selber Schuld. Auf den Bluterguss zwischen ihrem Brustbein und der Schulter blickend verfluchte sie Velyan, falls es denn sein Pfeil war, in dessen Aufprall sich die Verwundung begründete. Vorsichtig strich sie mit Zeige~ und Mittelfinger über das Violettblaugrün, das sich faustgroß auf ihrer Haut gebildet hatte. Das wäre ein verdammter Durchschuss gewesen... Die Elfe blickte zähneknirschend zu dem Regal und der dunkelgrünen Flasche mit dem lockenden Inhalt. Sie schnaubte, wandte sich ab und starrte grimmig zurück in den Spiegel. Ein Wimpernschlag später, so kam es ihr vor, lag der Spiegel in Scherben vor ihr auf dem Boden. Ihre Knöchel schmerzten. Nur ein wenig. Erleichtert auflachend drehte sie sich von dem entstandenen Chaos weg und zog sich nach und nach ihre goldene Rüstung an. Sie hatte heute Wachdienst in der Akademie und davon erlösten sie auch die leisen Lockrufe der grünen Versuchung im Regal nicht. Den vorläufigen Wappenrock überstreifend blickte sie ein letztes Mal zurück zu der grünen Verführerin, schnaubte und verließ die Wohnung. Die ganze Arbeitszeit über war Arieth außerordentlich schlecht gelaunt. Sie dachte immer wieder zurück an die Übung in der Schlucht, den Pfeil, das leise Summen, mit dem er sich angekündigt hatte, den dumpfen Aufprall und vor allem an ihren überraschten Aufschrei. Nether und Dämonenpisse... Was für ein peinlicher Auftritt.

Das Los einer Assistentin - von Kalarena, 7.5.12

Sorgfältig las Kalarena den Brief in ihren Händen. Ihre smaragdgrünen Augen verengten sich, als ihr Blick auf dem Datum verharrte. Ausgerechnet heute. Ausgerechnet für diesen Tag mußte der Kerl den Termin ansetzen. Ein unwilliges Knurren entschlüpfte ihrer Kehle. Als Sekretär eines Magisters hielt er sich wohl für besonders wichtig. Immerhin wichtig genug, daß er einen Treffen so kurzfristig anberaumen und auch noch davon ausgehen konnte, daß man auch antanzte. Dabei hatte sie sich so auf die Übung heute gefreut. Sie hatte sogar schon einige Naschereien besorgt und sich vorgestellt, wie die Medica und sie gemütlich auf dem Hügel saßen, miteinander plauschten und beobachteten, wie die Anderen Bekanntschaft mit der Flora und Fauna des Immersangwaldes machten. Sie war gespannt darauf gewesen, welche der beiden Gruppen am Ende die Nase vorn hatte. Und wie viele Nasen am Schluß blutig waren. Auch wenn ihr Tätigkeitsfeld dem administrativen Bereich zuzurechnen war, so kam es vielleicht doch eines Tages zu einer Situation, wo man Schulter an Schulter kämpfte. Und dann war es hilfreich, wenn man einschätzen konnte, wem man unbesorgt die Sicherung seines Rückens anvertrauen konnte und wen man zu seinem eigenen Besten vorsichtshalber im Auge behielt. Andererseits war sie davon überzeugt, daß die Inspektorin keine völlige Niete in ihrem Kader dulden würde. Und was sie bisher von einigen der Leute gesehen hatte, ließ darauf schließen, daß die meisten gut waren, wirklich gut. Der Blondschopf seufzte und blickte auf ihre Faust hinab, in dem sich das nunmehr völlig zerknitterte Schriftstück befand. Ups. So gut es ging, glättete sie das mißhandelte Papier und legte es beiseite. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, dann machte sie sich auf den Weg. Es half alles nichts. Die Arbeit ging vor. Das Los einer Assistentin.

Puzzle - von Kalarena, 7.5.12

Die Sin'dorei saß im Schneidersitz auf ihrem Bett im Gasthaus und betrachtete die Papiere, die sie auf ihrem Schoß ausgebreitet hatte. Während sie sich unwirsch eine Strähne der langen blonden Haare zurück strich, die ihr dank der nach vorn gebeugten Haltung immer wieder ins Sichtfeld rutschten, kaute sie nachdenklich an einem Stift herum. Die Spinnwebe, die ihr Haupt „krönte“ beachtete sie vorerst nicht. Immer wieder verglich und rechnete sie, verschob verschieden große Papierschnitzel. „Hm, wenn man das hierhin und die drei dort oben hin... und das dann so dreht.. ja, genau! So geht’s! JA! Jetzt nur noch...“ Wieder herrschte eine Weile konzentrierte Stille, während der Blondschopf sich daran machte, ihre Entwürfe ins Reine zu übertragen. Ein letzter prüfender Blick, dann leuchtete es in den smaragdgrünen Augen zufrieden auf. Sorgsam verstaute sie die Unterlagen, entfaltete ihre langen Beine und rutschte von ihrer Liegestatt. Kalarena stemmte die Hände in ihren Rücken und streckte die verspannte Muskulatur, während sie in Gedanken noch einmal alles durchging, bis sie sicher war, alles bedacht zu haben. Ja, jetzt mußte ihr Plan nur noch Anklang und Zustimmung bei Meister Presslippe bekommen. Gut, daß er nicht wußte, welchen Spitznamen sie ihm verpaßt hatte. Leise lachte die junge Frau auf. Die Arbeit war getan. Zeit für ein Bad und vor allem – sie schielte nach rechts, wo sich eine weitere Locke mit Spinnwebgarnitur in ihr Blickfeld schmuggelte – eine Haarwäsche.

Kater 2 - von Tarian, 5.5.12

Irgendwo in Silbermond …

Laut schnarchend lag der Rotschopf auf dem Rücken. Die Arme ausgebreitet, hatte es sich der gealterte Sin'dorei jedoch nicht auf dem Bett bequem gemacht, sondern davor. Es erweckte beinahe den Anschein, als hätte er es nicht mehr rechtzeitig in die Federn geschafft, bevor ihn der Schlaf endgültig ereilt hatte – zumal sein linkes Bein zur Hälfte auf der Matratze des Bettes lag, während er selig schlummerte.

Mit einem Male riss das Schnarchen ab. Ein Schmatzen folgte, dann ein leises Brummen, welches sich rasch zu einem gequälten Stöhnen steigerte – was sich als folgenschwerer Fehler erwies. Der Druck in seinem Schädel stieg unerträglich an, und für einen Augenblick war er sich ziemlich sicher, dass er wie eine überreife Frucht zerplatzen würde. Als der Druck gnädigerweise nachließ, zwang sich Derithos, die Augen zu öffnen. Langsam, ganz langsam flatterten seine Lider, und es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er sie zur Gänze aufgeschlagen hatte. Er beeilte sich, die Augen wieder zu schließen, als sich die Zimmerdecke hin und her bewegte – der Elf wartete, bis sich der Schwindel gelegt hatte, und wagte dann einen neuen Versuch. Mit dem selben Ergebnis wie zuvor. Ungnädig verzog er das Gesicht, biss die Zähne zusammen, und stützte sich schwerfällig auf die Unterarme auf, während sich noch immer alles drehte. Seit wann lag er eigentlich lieber auf dem Fußboden als im Bett? Sein Rücken würde den Rest des Tages so steif wie ein Türpfosten sein. Und wie war er überhaupt hierher gekommen? Was für ein Tag war heute? Was war geschehen, dass er sich derart erschlagen fühlte?

Derithos ließ sich zurück auf den Fußboden sinken. „Ich werd zu alt für den Scheiß“, teilte er dem Raum mit heiserer Stimme mit, und schloß die Augen wieder.

Kater - von Falanthril, 5.5.12

Irgendwo im Immersangwald...

Was sonst unterbewusst erwartete Weckrufe waren, die sich lieblich in den nächtlichen Schlaf drängen, gestaltete sich heute als Martyrium der hinterhältigsten Sorte. Die Vögel des Waldes sangen nicht, nein, sie schrien und kreischten, alle gemeinsam als Kakophonie mitten in seinem Kopf. Zentnerschwer fühlte sich dieser an, jeder Wimpernschlag ein Kraftakt, als der Elf mühsam die Augen aufschlug. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Zu dem "lieblichen" Gezwille der Immersangvögel gesellte sich ein stetes, dumpfes Hämmern zweier wildgewordener Trolle, welche die Schläfen des Elfs als Ritualgonge benutzten. Ein Öffnen des Mundes zum Protest erwies sich als schwerer Fehler: Irgendetwas war während der Nacht auf seiner Zunge verendet. Vermutlich ein Bachtatzenwelpe, dem pelzigen Gefühl im Mundinneren nach zu urteilen. Und erst der Geschmack...augenblicklich befiel den flach am Rücken Liegenden ein dringliches Bedürfnis nach einem ganzen See voller Trinkwasser.

Lichteraus... tauchte ein dumpfer Gedanke aus der Vorstellung von kristallklaren Wasserflächen, ...wie passend. Sichtlich unter größter Anstrengung suchte der Elf, alle seiner langgezogenen Gliedmaßen unter Kontrolle zu bringen, um aus dem Bett zu klettern. Aus dem Bett...welches Bett? drängte sich der nächste Gedanke auf und unter Schmerzen öffnete er die Lider ein Stück weiter, um den Blick durch das widerwärtig sonnendurchflutete Schlafgemach gleiten zu lassen. Rotunterlaufen und unfähig zu fokussieren wanderte das sonst so wache, aufmerksame Augenpaar umher, unstet auf der Suche nach Wasser, Antworten, Linderung - egal in welcher Reihenfolge.

Ein leises, süßes Lachen schlich sich durch den infernalischen Lärm der Gong-Trolle in sein Bewusstsein. Als er dem Laut mit den Blicken folgte; die Frau im Türrahmen stehen sah, deren graue Augen ihn über den Rand ihrer dampfenden Teetasse mit liebevollem Spott bedachten; da lächelte er und ließ sich zurücksinken. Alles war gut.

Die Verabredung - von Tarian, 28.4.12

Mit einem dumpfen „Tschakk“ bohrte sich das Wurfmesser in den runden Kopf der Übungspuppe, und vervollständigte den Satz Klingen, der bereits im Holz jener Puppe steckte. Der rothaarige Werfer schüttelte den rechten Arm aus, streckte die Schultern durch und betrachtete sein Werk prüfend. Kein Zweifel, wäre das Ziel aus Fleisch und Blut gewesen, es wäre nicht mehr in der Lage gewesen, sich von den Treffern zu erholen.

Grübelnd besah sich der Elf die Puppe noch eine Weile, dann schien er sich an den gedrehten Tabak zu erinnern, den er noch immer im Mundwinkel klemmen hatte. Mit bedächtigen Bewegungen kramte er aus einer seiner Gürteltaschen eine Packung Zündhölzer hervor, nahm eines der Hölzer aus der kleinen Pappschachtel und riss es an. Leise knisternd fing es Feuer, während er die Flamme mit einer Hand vor der lauen Abendbrise abschirmte und an das Ende seines Tabaks hielt – die ersten, dünnen Rauchfäden stiegen in die Höhe, als das getrocknete Kraut zu glimmen begann. Unterschwellige Befriedigung huschte über das wettergegerbte, faltige Antlitz des Mannes, als er den ersten Zug nahm und das brennende Zündholz mit einem kräftigen Schütteln der Hand löschte. Achtlos schnippte er das verkohlte Hölzchen zur Seite, dann setzte er sich gemütlich in Bewegung; ließ dabei die Zündholzpackung wieder in der Gürteltasche verschwinden.

Es war ein angenehm milder Abend. Ab und zu strich ein sanfter Windhauch durch das Weltenwandererviertel, und trug das Geräusch trainierender Bogenschützen heran, die auf ihrem Übungsplatz Zielscheiben mit dem gefährlichen Ende ihrer Pfeile durchbohrten. Auch das metallische Stakkato aufeinanderprallender Klingen konnte er hören, zusammen mit anfeuernden, aber auch kommandierenden Rufen, deren Inhalt er allerdings keine nähere Bedeutung beimaß. Ob es sich hierbei ebenfalls um Waldläufer, oder aber Blutritter handelte, kümmerte ihn ebenso wenig. Der Platz, auf dem sich der rothaarige Elf gerade aufhielt, lag ein wenig abseits, befand sich jedoch noch immer im Viertel der Weltenwanderer.

Mit einer Hand nahm sich der gealterte Rotschopf den Tabak aus dem Mundwinkel, ehe er den grauen Rauch zwischen beinahe geschlossenen Lippen wieder ausatmete. Mittlerweile war er an der Übungspuppe, in der seine Wurfmesser steckten, angelangt, und machte sich daran, die Klingen mit hebelnden Bewegungen aus dem Holz zu befreien. Einige Minuten, unterdrückte Flüche und Holzsplitter später schob er sich gerade das letzte Messer zurück in die dafür vorgesehene Schlaufe an seinem Gürtel, als ihn ein amüsierter Ruf aufhorchen ließ. „Derithos! Du hier?“ Er steckte sich sein qualmendes Tabakröllchen wieder zwischen die Lippen, und drehte sich um. „N’Abend, Haltharra. Tja, dasselbe könnte ich dich fragen, eh?“ Die Tavernenbesitzerin lachte auf, und schüttelte mit dem Kopf. Wie immer hatte sie ihr whiskeygoldenes Haar hochgesteckt, jedoch wehrten sich auch heute einige Strähnen beharrlich gegen die praktische Frisur. „Ich mache nur einen Spaziergang“, entgegnete Haltharra. „Und du?“ „Ich habe eine Verabredung mit dieser reizenden Lady hier.“ Schmunzelnd legte er den Arm um die Puppe, nur, um leise zu brummen – er war mit dem nackten Unterarm an einem abstehenden Holzsplitter hängen geblieben. „Du M.iststück!", rief er gespielt klagend, und nahm rasch einen Schritt Abstand, der Übungspuppe dabei einen zutiefst vorwurfsvollen Blick zuwerfend. Erneut lachte die Frau auf. „Scheint nicht so, als würde es zwischen euch sonderlich gut laufen.“

Derithos grinste schief, und nahm sich den gedrehten Tabak aus dem Mund. Der Rauch stand einen Moment lang in der Luft, ehe er von einer aufkommenden Brise hinfort gerissen wurde. „Wir haben unsere Differenzen“, bestätigte er, und nickte bedauernd. Einen Augenblick lang musterte die Elfe erst ihn, dann die Puppe, und lächelte erheitert. „Nun, dann will ich auch gar nicht weiter stören. Außerdem muss ich mich langsam in die Gasse begeben, die Arbeit ruft.“ „Sicher, sicher. Lass dich von uns nicht aufhalten. Man sieht sich, hrm?“, meinte er schmunzelnd, und nickte ihr verabschiedend zu. „Bestimmt. Ach, und … das Zeug da wird dich noch einmal ins Grab bringen“, bemerkte sie, und deutete flüchtig gen seines Glimmstängels. Der Mann lachte rau auf. „Wär ja mal was ganz Neues, nich‘?“

Heilen - von Kannae Windsang, 26.4.12

Lestharia Morgenlicht beugte sich über das an und für sich sehr schöne Gesicht ihrer aktuellen Patientin und unterzog die es verunzierenden Blessuren darauf einer kritischen, konzentrierten Musterung. Dann breitet sich ein mildes Lächeln auf ihren Lippen aus. "Das, wertes Fräulein Windsang, haben wir gleich", sprach die Priesterin des Sanktums ruhig und mit einem Unterton, den man durchaus als freundlich bezeichnen konnte.

Kannae, die auf einem mit Samt bezogenen Diwan Platz genommen hatte, entgegnete nichts. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass ein blaues Auge und eine Beule an der Stirn für eine so begnadete Heilerin wie die Morgenlicht, die so mancher beinahe schon als Heilige bezeichnet hätte, kein ernsthaftes Problem darstellen würde, war zu erwarten gewesen. Ihr Blick wanderte zu Sarian, der ebenso stumm in einer Ecke von Lestharias Gemächern stand, die Haltung aufrecht und steif. Er hatte sie zum Sonnenzornturm begleitet, obwohl er es hasste, vor der zehnten Tagesstunde aufzustehen, und es noch nicht einmal neun Uhr durch war. Seine tiefen Augenringe zeugten stillschweigend davon, dass er in der vergangenen Nacht noch dazu wenig Schlaf gefunden hatte.

Windsang wusste auch sehr genau, was ihn wach gehalten hatte: Es schlief sich nicht so gut, wenn man neben jemandem lag, der ununterbrochen heulte. Sie hob die Mundwinkel leicht, ohne dass diese Geste Ausdruck von Freude gewesen wäre. Im Stillen fragte sie sich, ob die Priesterin die geröteten, von den salzigen Tränen aufgefressenen Spuren auf ihren blassen Wangen bemerkt hatte. Eine Bemerkung darüber war selbstverständlich nicht gefallen.

Lestharias Stimme riss die Inspektorin der Archäologischen Akademie aus ihren Gedanken. "Bitte schließt die Augen für einen Moment", wies sie die körperlich eigentlich nur unwesentlich verletzte Sindorei vor sich, die streng genommen keiner magischen Heilung bedurfte, mit leiser, sanfter Stimme an. Kannae leistete dieser Aufforderung Folge, sowohl ihr stiller Begleiter als auch die blütenweißen, mit rot-goldenen Ornamenten geschmückten Gewänder der Heilkundigen vor ihr verschwanden aus ihrem Sichtfeld. Alles, was sie fühlte, als die gesegneten Hände sich über ihr Gesicht legten, war die endloser Wärme des Lichts, das sie ausstrahlten, während sich das verletzte Gewebe darunter wieder in seinen Urzustand zurückversetzte, die Schwellung zurückging, bis sie gänzlich abgeklungen war.

Von dem unangenehmen Druck auf ihrem linken Auge, den das Veilchen, für das Windschritt verantwortlich gewesen war, verursacht hatte, spürte Kannae beim Heben der Lider nichts mehr, ebenso wenig wie von den Kopfschmerzen, die ihr kleiner Zusammenstoß mit Andilien am Vortag zur Folge gehabt hatte. Sie hob den Kopf und blickte in Lestharias scheinbar immerzu lächelndes Gesicht. "Damit wären wir fertig. Gibt es noch etwas, das ich mir ansehen soll?" Die Dauer von ein, zwei Atemzügen verstrich, ehe Windsang sich dazu durchringen konnte, etwas zu erwidern: "Ja. Ein paar Kratzer noch, wenn es Euch nichts ausmacht, hnn?" Die Priesterin Morgenlicht schüttelt lächelnd den Kopf. "Macht Euch keine Gedanken. Wenn Ihr schon einmal hier seid, kann ich mir das auch gleich ansehen - es macht nun wirklich keine Umstände." Die Inspektorin nickte leicht, beinahe vorsichtig, ehe sie sich von ihrem Sitzplatz erhob, um ihre hochgeschlossenen, aus feiner Seide gefertigten Roben abzulegen und sich auch noch die Schnittwunde auf dem Oberschenkel, den Bluterguss am Knie und die zahlreichen kleineren und größeren blauen Flecken behandeln zu lassen.

Sobald sie fertig war und Kannae sich daran machte, sich wieder anzukleiden, wandte Lestharia sich zu dem Mann um, der die ganze Prozedur mit gebührendem Abstand kommentarlos mitverfolgt hatte. Der Lord Goldflamm trat einen Schritt vor und sie neigte höflich den Kopf, während er den dezent mit Silberfadenstickereien verzierten Lederbeutel von seinem Gürtel löste und ihn - vom leisen Klimpern der darin befindlichen Münzen begleitet - öffnete...

Die Theke - von Tarian, 19.4.12

„Haltharra?“ Haltharra Immerwind sah von ihren Notizen auf, und hob fragend die Augenbrauen. „Ja?“ „Stühle und Hocker sind hochgestellt, die übrig gebliebenen Gläser allesamt gespült und die Theke ist gewischt. Ich werde mich nun auf den Weg machen, wenn es sonst nichts mehr gibt..?“ Der junge Sin'dorei fuhr sich mit einer Hand durch seine kurzen Haare, und warf ihr einen nahezu bittenden Blick zu. Man sah ihm die Müdigkeit deutlich an: Augenringe bis nach Stranglethorn, blass wie eine Leiche und zu guter Letzt gähnte er beinahe unablässig; ein Wunder, dass er sich noch nicht den Kiefer ausgerenkt hatte. „Nein, da ist nicht mehr viel zu tun, den Rest schaffe ich alleine. Sieh zu, dass du ein wenig Schlaf bekommst, du siehst ja aus wie ein Verlassener, mh?“ bemerkte sie, und lächelte, als er eine Grimasse schnitt. „Bis morgen“, erwiderte er undeutlich, und setzte sich schlurfend in Bewegung. Schmunzelnd sah die Tavernenbesitzerin ihm einen Moment nach, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwand – sie saß in einem kleinen Hinterzimmer, welches von den Haupträumlichkeiten separiert war – und nickte einmal zufrieden, als sie die Tür klicken hörte. Anschließend senkte sie den Blick zurück auf ihre Notizen, griff sich einen Stift und krauste die Stirn konzentriert.

Heute waren schon wieder diverse Gläser zu Bruch gegangen. Einer der Betrunkenen hatte sein Glas quer durch die Taverne geworfen, und – sehr zu ihrem Verdruss – waren andere seinem Beispiel gefolgt, bis das laute Klirren von Glas das Gejohle dieser versoffenen Idioten übertönt hatte. Wutentbrannt hatte Haltharra die Rauswerfer auf sie losgelassen, und nach einigem Hin und Her war wieder Frieden in ihrer Taverne eingekehrt. Dies hatte zwar die zerstörten Gläser nicht zurückgebracht, jedoch weiteren, weitaus schlimmeren Schaden vermieden. Leise seufzend notierte sie die Stückzahl der fehlenden Gläser, und wollte gerade die Einnahmen des heutigen Abends ausrechnen, als ein leises Knarren an ihre Ohren drang. Irritiert hob sie den Kopf an, lauschte einen Augenblick – da, die Tür klickte. War der Junge etwa noch einmal zurückgekommen?

Kurzentschlossen legte sie den Stift zur Seite, und richtete sich auf. Im Geiste legte sie sich bereits einen gewaschenen Tadel zurecht, als sie mit energischen Schritten in die Haupträumlichkeiten trat und die Hände in die Seiten stemmte. „Junger Mann, hatte ich nicht..-“, begann sie, und verlor im selben Atemzug den Faden. Das hier war mit Sicherheit nicht der fleißige, übermüdete Bursche, das war … „Derithos“, sagte sie verblüfft, und ließ die Hände wieder sinken. Der rothaarige Sin'dorei setzte sich auf einem Hocker direkt an der Theke, und legte die Unterarme wortlos auf dem zerkratzten Holz ab. Haltharra musterte ihn einen Moment lang und sprach dann den ersten Gedanken aus, der ihr in den Sinn kam. „Was tust du hier?“ Er sah an sich hinab. „Sieht ganz nach sitzen aus.“ Unwillkürlich schmunzelte sie, und trat hinter die Theke. Mit routinierten Griffen griff sie zwei Gläschen aus dem Regal, stellte sie vor dem unerwarteten Besucher ab und ging anschließend in die Hocke, um eine Flasche Schnaps aus dem Vorratsschrank unter der Theke zu nehmen. Noch während sie sich wieder aufrichtete, entkorkte sie die Flasche bereits, und füllte die Gläschen schwungvoll mit der klaren Flüssigkeit. Ein paar Tropfen gingen daneben, aber das war auch nicht weiter tragisch, schließlich kam die Theke jeden Abend mit Alkohol in Berührung. „Prost“, brummte Derithos, und hob eines der Gläschen an, leerte es in einem Zug. Sie nahm sich das andere, und tat es ihm gleich – sie hatte es sich verdient, befand sie, als der Alkohol ihr angenehm brennend die Kehle hinab rann und ihre strapazierten Nerven ein wenig beruhigte.

„Also“, meinte sie, und stellte ihr leeres Glas auf der Theke ab, „Warum bist du wirklich hier? Und dann auch noch zu solch unelfischen Zeiten. Es ist fünf Uhr in der Frühe.“ „Halb sechs“, korrigierte er automatisch, und grinste flüchtig, als sie die Augen verdrehte. „Gut, dann eben halb sechs in der Frühe. Das ändert aber nichts an meiner Frage.“ Haltharra füllte ihre Gläser nach, und stellte die Schnapsflasche zur Seite. Für einen Augenblick schwieg der Rothaarige, dann tat er einen Atemzug. „Ich kann's echt nicht leiden, wenn man sich nicht an Absprachen hält, egal, ob mit oder ohne Absicht.“ Er griff sich sein Glas, und leerte den Schnaps wieder in einem Zug; kurz zeigte er die Zähne. „Dir hat also wer ans Bein gepinkelt“, schlussfolgerte sie, und fand sich bestätigt, als er den Mund verzog; die Falten in seinem Gesicht traten dabei einen Moment deutlicher hervor. „Er hat zwar gerade noch die Kurve gekriegt, aber war haarscharf.“ „Dann ist doch alles in Butter.“ „Hoffen wir's. Ansonsten werde ich wohl unangenehm werden müssen“, sagte Derithos, und fügte nach einem Moment an: „Was gibt es denn so Neues an Gerüchten, hrm?“ Haltharra lächelte – und sprudelte los.

Das war das Gute an ihrer Freundschaft: Sie war nicht tiefer als das Glas Schnaps, welches sie gelegentlich zusammen leerten.

Graben - von Falanthril, 17.4.12

Zur späten Abendstunde an der Azurblauen Küste.

Bis der Mond drei Finger breit über der See hing war der Elf geschwommen. Weit hinaus in das dunkelblaue Abendmeer, weit weg von aller Theorie, allen Sorgen, die mit jedem kräftigen Kraulzug kleiner wurden. Als er zurück an den Strand kehrt, die ernste Miene in zufriedener Erschöpfung entspannt, fällt sein Blick auf die sorgfältig gepackte Werkzeugkiste. Rechen, Spaten, Pflöcke, Seile, Siebe, Pinsel aller Größen und Formen - ordentlich zusammenhockende Gehilfen der heutigen Lehrstunde.

Während der Elf das lange Haar auswringt und den Sand zu seinen Füßen mit Salzwasser tränkt, gleitet sein Bernsteinblick nachdenklich über das Sortiment an stummen, amüsierten Zeugen der Lehrgrabungen. Seine Gedanken wandern zu den Kameraden, seinen... Freunden.

Velyan, wie er mit dem Sieb durch das Wasser stakte wie ein schöner, konzentrierter Reiher beim Fischfang. Nyari, im Sand kniend, mit dem Pinsel so zartfühlend und geschickt wie ihre Statur - und Natur - es niemals vermuten ließen. Tarian, heiter und gelassen dabei, ein schweres Problem zu lösen. Völlig ruhend in dem Wissen um seine eigenen Fähigkeiten. Und zwischendrin Altharia, der Fremdkörper. Das Sandkorn im Auge, das sich immer wieder über die Iris schob, um zu brennen und zu jucken. Strahlend in ihrer Brillanz, unterträglich durch ihre Art...

Der Elf lächelt in sich hinein, schüttelt den Kopf. Sie hatte gelacht heute, oder? Es muss Einbildung sein. Eine Frau wie sie lacht nicht. Nicht fröhlich. Aus der Kiste wählt er sich Pinsel und Stöcke, Nyaris Werkzeug. Dann kehrt er zur ebenen Grabung zurück, sucht mit Bedacht eines der Stücke im Strand, dass noch unbearbeitet blieb. Und so, auf Knien, mit Pinsel, Stab und Kelle trägt er Rechteck um Rechteck ab während die Sterne über ihm wandern und der Mond seine Bahn vollendet.

Vertrauen - von Kannae Windsang, 9.4.12

"Trust is like a mirror: You can fix it if it is broken - but you will still see the crack in that motherfucking reflection."

Die Nacht hatte den Immersangwald längst in ihre dunkle, kühle Umarmung gezogen. Nur vereinzelt sickerten Mond- und Sternenlicht zusammen mit dem matten, magischen Glimmen, das den Himmel über Quel'thalas zu jeder Zeit erfüllte, durch den finsteren Schatten der Baumkronen auf den grasbewachsenen Boden hinab. Ein lauer Windhauch, der den Geruch des Meeres mit sich trug und wohl von der Ostküste her herüber wehte, jagte ein geisterhaftes Rauschen und Rascheln durch die rot-golden getönten Blätter, wirbelte welkes, trockenes Laub vom Boden auf und ließ es um ihre Füße stieben, die im schnellen, harten Takt trittsicher gesetzter Schritte immer wieder mit einem dumpfen, von der Vegetation gedämpften Geräusch auf die Erde auftrafen.

Obwohl der Luftzug an und für sich nicht besonders kalt war, fühlte er sich auf dem erhitzten, verschwitzten Leib, der unter dem Leder ihrer Rüstung und dem dünnen Leinenstoff der zugehörigen Unterbekleidung begraben lag, geradezu eisig an und jagte eine Gänsehaut über ihren schlanken, gestählten Körper. Sie nahm diese Regung ihres Fleisches zur Kenntnis, ohne sie wirklich zu realisieren. Dasselbe traf auch auf das schmerzliche Brennen in ihren Lungen und das unangenehme Ziehen in ihren Oberschenkeln zu. Sie ignorierte es - es war leicht zu ignorieren - und rannte einfach weiter. Schon ihr Lebtag lang war sie eine ausgezeichnete Läuferin gewesen, hochgewachsen, langbeinig und mit einer athletischen Statur gesegnet, die dazu tendierte, rasch und reichlich kräftige Muskulatur anzusetzen. Das für einen Langstreckenlauf recht hohe Tempo hielt sie schon eine knappe Stunde und weigerte sich auch jetzt, wo der Weg ins Gelände hinein und langsam bergauf ging, es zu drosseln. Knackend brach ein verdorrter Ast unter der Sohle ihres fest geschnürten Stiefels und brachte sie für den Bruchteil eines Augenblicks ins Straucheln, ehe sie ihr Gleichgewicht mit einem entschlossen Satz nach vorn wieder fing.

Einem Teil ihres Bewusstseins, einem, den sie bereits in der hintersten Ecke desselben zusammengestaucht hatte und der dennoch keine Ruhe geben konnte, war durchaus klar, dass sie dem, was sie in dieser Nacht umtrieb, nicht davonlaufen konnte. Wie schnell sie rannte, spielte keine Rolle. Immer wieder versuchte diese bohrende Erkenntnis, sich hinter ihrer schweißnassen Stirn in den Vordergrund zu drängen - und immer wieder kämpfte sie dagegen an, verleugnete vehement, was sie im Grunde ihres Herzens sehr genau wusste.

Aus dem Anlauf heraus, den sie zwangsläufig hatte, sprang sie über eine aus dem Boden hervorgebrochene Baumwurzel hinweg, über die sie einen Atemzug später wohl gestolpert wäre. Fahrig, gehetzt beinahe huschte der Blick aus den felgrün schimmernden Augen erst nach links, dann nach rechts. Tatsächlich hatte sie - von der groben Richtung einmal abgesehen - nicht darauf geachtet, wohin genau sie gelaufen war. Als Kannae begriff, an welchen Ort sie ihre Füße ganz ohne ihr willentliches Zutun zu führen im Begriff gewesen waren, hielt sie mit einem leisen, heiseren Keuchen inne.

Warum? - Warum war sie ausgerechnet hierher gekommen? Hatte sie sich in den wenigen Wochen, vielleicht Monaten des gemeinsamen täglichen Trainings mit ihm so sehr an die immer gleiche Route gewöhnt? Oder vermittelte dieser Platz ihr mittlerweile auf eine perfide, beinahe schon bizarre Weise dasselbe trügerische Gefühl von Sicherheit, das er zu empfinden schien, wenn sie hier waren . . . ?

Nun, wo sie endlich einen Moment lang zum Stehen gekommen war, hörte sie das Blut in ihren Ohren rauschen, spürte das heftig pochende Herz in ihrem Brustkorb hämmern und gab sich dem bisher mühsam unterdrückten Drang hin, unkontrolliert nach Luft zu schnappen. Langsam nur setzte sie sich wieder in Bewegung. Während die linke Hand im Gehen den Bogen aus seiner Halterung an ihrem Rücken nahm, strich die rechte eine verklebte, aus ihrem straffen Zopf gefallene Haarsträhne von der geröteten Wange zurück. Die Sehne zu spannen fiel ihr trotz der Dunkelheit nicht schwer. Blind, rein nach Gefühl hakten ihre Finger sie in die tiefen, dünnen Kerben im geschmeidigen Holz des Bogens ein, das dann leise knirschte, als sie die Faust darum ballte, es fest umklammerte. Blind tasteten ihre Fingerspitzen auch nach einem der Pfeile in dem Köcher, der um ihre Hüfte geschnallt war. Blind zog sie ihn, legte an und spannte, wobei die Muskeln an ihren Armen, ihren Schultern hervortraten und sich von innen gegen den durchgeschwitzten Leinenstoff und das darüber liegende Leder drückten.

So viele Probleme auf der Welt ließen sich unendlich umstandslos lösen. Es war ganz simpel: Man benötigte nichts weiter dazu als ein Stückchen Metall, einen Holzstiel und ein paar Federn.

Kannaes leicht verengte Augen huschten unvermittelt zur Seite, dicht gefolgt von einer geschmeidigen, fließenden Drehung ihres Körpers. Der Pfeil sirrte durch die kühle, stille Nachtluft und schlug mit einem dumpfen, klanglosen und gänzlich unspektakulär anmutenden 'Tock' in einen dicken, von heller Rinde überzogenen Ast ein, der sich etwa auf derselben Höhe wie der Kopf eines Mannes befand. Die Sindorei hatte in ihrem Schritt nicht länger inne gehalten, als es unbedingt nötig gewesen war. Viel anders, sinnierte sie bei sich, klang es auch nicht, wenn die Pfeilspitze tatsächlich eine Schädeldecke durchbohrte.

Sie war eine hervorragende Schützin, geübt im Schwertkampf noch dazu, taktisch erfahren. Dessen war sie sich bewusst. Auf jedem Schlachtfeld der Welt wäre sie, ausgestattet mit umfassendem kämpferischen Können, willkommen gewesen. Doch dies allein genügt nicht - nicht mehr. Das war der Moment, in dem die Erkenntnis sie einholte.

Ein weiterer, an ihrer Misere vollkommen unschuldiger Baum wurde von Kannaes Pfeil getroffen. Warum musste sie nun vor dieser, ausgerechnet dieser Aufgabe stehen? Sie wusste - zumindest in der Theorie - sehr genau, worauf es bei militärischen Kleinstgruppen ankam, wenn sie erfolgreich operieren sollten.

Jeder musste den anderen kennen. Das war ja beinahe schon gewährleistet, immerhin schien es, als wären die Mitglieder der neuen Wachmannschaft durchweg schon miteinander bekannt - und die, die es nicht waren, verstanden sich offenbar ausnehmend gut. Nur sie selbst kannte niemanden. Sie hatte nicht einmal von dem Fakt Kenntnis gehabt, dass die anderen großteils bereits untereinander Kontakt gepflegt hatten. Was für eine unaussprechliche Blamage, gerade in Kombination mit ihrem vorangegangen Versuch, einen möglichst lockeren Eindruck zu machen. Selten war sie sich so bloßgestellt vorgekommen, so nahe daran gewesen, die Fassung zu verlieren . . .

Während sie im Inneren mit der Einsicht in die Notwendigkeit rang, diese Leute, jeden einzelnen von ihnen, schnellstmöglich kennen lernen zu müssen, bohrten sich weitere Pfeilspitzen in das Holz des Baumes, der etwa vier Dutzend Schrittlängen von ihr entfernt in den nächtlichen Himmel ragte. Die feine Maserung und die tatsächliche Farbe der Rinde waren auf diese Entfernung und angesichts der herrschenden Lichtverhältnisse nicht genau zu erkennen, doch die Konturen des Stammes, der Äste vermochte ihr scharfes Auge deutlich von der Umgebung abzugrenzen. Eine klare Silhouette, eine grobe Vorstellung von der Beschaffenheit des Objekts und seine ungefähre Entfernung von ihrem Standpunkt, das war alles, was sie brauchte. Das Schießen ging ihr unbeschreiblich leicht von der Hand. Jeder noch so kleine Bewegungsablauf, der dafür vonnöten war, lag ihr so sicher, so selbstverständlich im Blut wie anderen des Atmen. Es bedurfte keines Gedankens - nur eines Zuges an der Sehne. 'Tock.'

Einander zu kennen würde nicht genügen. Bekanntschaften machten noch keine eingeschworene Truppe. Man musste sich aufeinander verlassen können. Blind. Kannae spürte, wie sich ihre Kehle ein unmerkliches Stückchen weit zuzog. Wie zum Nether sollte sie das bewerkstelligen? Natürlich waren sie an und für sich fähig. Wären sie es nicht gewesen, hätte sie ihre Einstellung an der Akademie nicht befürwortet. Nach allem, was sie gesehen hatte, überstiegen ihre Fertigkeiten in einigen Belangen sogar die anfänglichen Erwartungen - bei weitem sogar: Schimmerwasser zum Beispiel hatte sie ernsthaft überrascht. Die Nummer mit dem harmlosen alten Mann hatte sie jemandem, der seine Stube mit Waffenständern schmückte, zwar von vornherein nicht recht abgekauft, doch er konnte sich nicht nur zuverlässig verteidigen, sondern war überdies erstaunlich angriffsstark.

Doch es ging nicht nur darum, sich von Fähigkeiten zu überzeugen. Es ging um Glauben. Es ging um Kameradschaft. Es ging um - Vertrauen. Der Kloß in ihrem Hals wurde größer. Nun verlagerte sie einen Teil ihrer Konzentration auf die Schüsse, die sie abfeuerte. Die Schussfrequenz stieg weiter, obwohl das schnelle, kraftvolle Durchziehen der Sehne jedes Mal einen schmerzhaften Ruck durch die Muskeln ihres Armes jagte. Das Einzige auf der Welt, worauf sie blind vertraute, waren ihr Bogen und ihr Schwertarm. Und das würde sich verdammt noch mal auch nicht ändern!

Es knirschte wieder - nicht nur das Holz des Bogens. Mahlend biss sie die Zähne zusammen. Sie durfte so nicht denken. Es war ihre Aufgabe, diesem bunt zusammengewürfelten Haufen ein "Wir"-Gefühl einzutrichtern, ihn zu einem eingespielten Team zu machen, das in der Gesamtheit, seiner Einheit mehr leisten konnte als die einzelnen Teile. Nur wie, wie zum Nether sollte sie das anstellen? Wie konnte sie jemals etwas vermitteln, das ihr völlig fern lag, wovon sie selbst nicht die geringste Ahnung hatte - und auch keine Ahnung haben wollte, wie sie sich eingestehen musste, wenn sie tief in sich hineinhörte? Von ihr wurde erwartet, dass sie diese Leute anführte, ihnen ein lebendiges Denkmal an Loyalität und Pflichtbewusstsein setzte. Stattdessen war sie - was ihre innere Einstellung betraf - selbst das schwächste Glied dieser Kette, jenes, an dem sie im Zweifelsfall zerreißen konnte, mit Sicherheit sogar zerreißen würde. Bellok hatte sie auf diesem Posten eingesetzt, damit sie Probleme für ihn löste . . . - stattdessen verursachte sie welche.

Kannaes Finger griffen über der Öffnung des Köchers schwungvoll ins Leere. Sie ballte die Hand zur Faust und betrachtete in stiller, hilfloser Wut, in tiefstem Groll gegen die Umstände im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen die befiederten Enden der Pfeile, die sie allesamt verschossen hatte, ohne es zu realisieren. Von hier aus betrachtet sahen sie aus wie schwarze Punkte, Fäulnisflecken auf dem Stamm des Baumes.

Ein neuerlicher Windstoß, der die Blätter in den Baumkronen bewegte, ließ sie frösteln. Es war Nacht - und sie allein. Mit einem rauen Schnauben, das zwischen Unwillen und Resignation schwankte, ließ sie den Bogen sinken und stapfte gen der durchsiebten Baumrinde, um zu sehen, ob sie zumindest einige ihrer Pfeile unbeschadet wieder herausziehen konnte. Zumindest zu Übungszwecken würden sie vielleicht noch taugen. Ihre ungeschminkten, bleichen Lippen formten einen bitteren, blutleeren Strich, während sie stumm von Pfeil zu Pfeil ging, den Schaft fasste und probehalber daran zog. Ein paar Mal knackte es - leise zwar, doch dadurch nicht schmeichelhafter für ihre Ohren.

Der Köcher blieb fast leer.

Schließlich wendete sie sich langsam, träge, schlichtweg müde wieder gen des Weges um, auf dem sie hergefunden hatte. Es war spät geworden und der nächste Tag würde früh, viel zu früh beginnen. Obwohl sie ihre Füße in einen alles andere als gemächlichen Schritt zwang, spürte sie deutlich einen Widerstand in ihrem Kopf, ihrem Herzen, hinter ihren Knochen, der dem Vorhaben, nach Silbermond zurückzukehren, entschlossen entgegenstand. In einem tiefen Atemzug sog sie die klare, frische Nachtluft, den Geruch des Waldes und des nahen Meeres in ihre Lungen. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Und sie musste, sie würde es tun. Zu scheitern war keine akzeptable Alternative, denn wenn sie scheiterte . . .

Kannae dachte den Gedanken nicht zu Ende. Stattdessen beschäftigten ihre Finger sich damit, die Sehne wieder zu lösen, um das Holz zu wickeln und den Bogen dann auf ihrem Rücken zu befestigen, ehe sie weiterging, ihr Tempo sogar noch beschleunigte und sich selbst zu einem straffen Spurt zurück zur Hauptstadt anpeitschte.

Mehr als eine gute Stunde später, als die Uhren längst zur Mitternacht geläutet hatten, fiel sie - das gelöste Haar noch tropfnass vom obligatorischen Bad nach dem schweißtreibenden Training - sterbensmüde in ihr Bett und schloss die Arme um die Gestalt, die dort bereits seit geraumer Zeit lag. Sie war sich ziemlich sicher, dass ihre Rückkehr ihn zumindest für den Moment aufgeweckt hatte, doch sie sprach kein Wort, sondern ließ sich schweigend gegen den warmen, vertrauten Leib sinken.

Ja. - Scheitern stellte keine Alternative dar, vollkommen egal, was nötig werden würde, um das ihr gesteckte Ziel zu erreichen. Das war das Letzte, was sie dachte, ehe ihr erschöpfter Körper in den Schlaf hinabglitt.

Die Rüstung - von Nyari, 2.4.12

Nachdenklich saß Nyari in ihrem Raum und polierte über den goldenen Zierrat der dunklen Rüststücke. Das Kopfstück und die Armschienen funkelten schon matt im gedämpften Schein der wenigen Lichter. Heute wäre es soweit. Vielleicht würde ihr Dasein als Söldnerin heute enden. Vielleicht wäre sie wieder Teil einer offiziellen Einrichtung von Quel’Thalas. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ob sie ihnen von der verlassenen Bibliothek erzählen sollte, die sie kannte? Oder von dem Buch? Oder dem, was sie damals gesehen hatte, in Kalimdor? Oder lieber nicht? Wahrscheinlich hatten die in der Akademie eh bessere Quellen als sie, kannten mehr Orte, mehr magisches Glitzerzeug, was für sie von Interesse war. „Hauptsache Arbeit“, murmelte die Elfe und legte die auf Hochglanz polierten Rüststücke zur Seite. Die Rüstung schließlich anzulegen war leichter, als das verfilzte Haar zu kämmen und auch der Gang zu dem Haus am königlichen Markt war einfacher, als schließlich die Treppe hinauf zu steigen und an die Tür zu klopfen. Was würde sie wohl erwarten?

Das Expeditionstagebuch - von Falanthril, 1.4.12

Hoch über den Dächern der goldenen Stadt. Eine Terasse ragt aus einem der schlanken, weißen Türme, öffnet sich direkt hinein in die Weite der silbrigen See. Weiße Möwen tanzen ihren Reigen um die rotgoldenen Turmspitzen auf dem kühlen Wind, der vom Meer hereintreibt. Dort oben sitzt ein Elf, gewärmt von der ersten Morgensonne. Ein Bein auf die Bank, das andere zu Boden gestellt, ein Büchlein hält er zwischen den schlanken, langen Fingern. Morgenwind treibt seine goldenen Strähnen aus den klaren Zügen, in ernster Ruhe ist der Blick hineingetaucht in die Zeilen, völlig verloren für all die Schönheit ringsum...


14. Tag des 3. Mondes

Wir haben die zweite Ebene erreicht. Die Gänge sind kaum passierbar, überall hindert uns Schutt und Geröll. Wir müssen über spitzen Obsidian klettern. Er ist glatt und scharf und hinterlässt grausame Spuren an meinen Händen. Ich habe Angst, abzurutschen und zu enden wie einer der Wachen beim Abstieg. Ich höre noch seinen Schrei als endloses Echo. Vielleicht bilde ich es mir auch ein. Alle haben Durst, das ganze Geklettere zehrt mehr an uns als die Rationierungen des Trinkwassers. Die Aufzeichnungen gehen gut voran, die Karten werden immer genauer. Haben fragmentarische Wegweiser entdeckt, Reliefs mit Achter-Geometrien. Überall die Acht – A. erwartet ihre Thesen bestätigt, sobald wir eine Möglichkeit finden, in die nächste Ebene zu gelangen.

16. Tag des 3. Mondes

Noch immer kein Frischwasser, Nahrung wird nun ebenfalls rationiert. Zwei Wachen sind gestern in der Schutzkette entlang der Reliefs verschwunden. Spurlos und tonlos. Ich höre Wasser tropfen und rinnen, überall. Warum sind die vertrottelten Späher nicht in der Lage, die Ader zu finden? Notiz an die Akademie: Fähige Leute einstellen. Wäre die Tinte nicht so kostbar für unser Tun hier, ich würde sie trinken.Aufzeichnungen gehen weiter gut voran. Trotz Klettern bestätigt sich Muster der ersten Ebene: Knotenpunkt, acht Gänge in alle Himmelsrichtungen. Haben heute angehalten, Gang ist Sackgasse. Relief an der Wand auseinandergebrochen und in Tiefe gestürzt. Müssen wieder abseilen. Schrei der Wache fällt mir wieder ein. Dort unten wartet die Wahrheit, sagt A.

19. Tag des 3. Mondes

Finden nicht heraus. Gang, Knoten, Gang, Knoten. Position Aufstiegsschacht verloren. Pergament gegessen, Tinte getrunken. Schaben und Kratzen hinter Wänden kommt näher. Kerzen werden knapp, Magus abgestürzt. Was tun, wenn Licht uns verlässt? A. treibt uns voran. Unerbittliches D.reckstück. Ich hasse sie. Schubse sie in nächsten Schacht. Ein Maul weniger. Müssen hinaus. Muss hinaus. Muss hinauf...


Ein Möwenschrei verliert sich im Wind. Hoch über den Dächern im goldenen Hier und Heute blinzelt der Elf in die Mittagssonne. Seine Schläfen bewegen sich rythmisch, als bisse er die Zähne aufeinander. Bedacht löst er die Finger vom abgerissenen Büchlein, klappt es zu und legt es zur Seite. Unruhig steht er auf, rollt die Schultern und wandert an die Brüstung. Er atmet Wind und Meer und Sonne tief ein. Dann lässt er den Bernsteinblick am Horizont entlang schweifen. Eine lange, schweigende Weile.

Ein Investor - von Valenir, 30.3.12

Der Brief war nun also in kompletten Umfang verfasst und versendet. Verziert mit unnötigen Einzelheiten und geschmückt mit den Worten eines arroganten Edelmannes, jedoch gingen jene verängstigend leicht von meiner Zunge, zumindestens von außen betrachtet. Schüler, Lehrer, Interessierte und Abenteurer zusammengehauft um die Schätze aus alten Zeiten zu jagen. Die Gedanken an jene Personen und all die Möglichkeiten bescheren mir die wonnigste aller Vorfreuden darauf, dennoch klingt auch das Abgreifen von dem einen oder anderen magischen Artefakt und das Lernen mancher Fakten aus der Archäologie vielversprechend. Welch Ironie, dass ich die Tarnung die ich mir auferlege doch eigentlich ganz und gar verkörpere. Jeder Investor dieser Zeit verspricht sich von seinen Ausgaben etwas, was er denen welchen er Möglichkeiten eröffnet nur teils oder garnicht offenbart. Neugierig herumstolzierend, beobachtend, Eindrücke machend, erforschend und vielleicht sogar manches mal einmischend... warum eigentlich habe ich jene Rolle nicht schon früher angenommen? Möglicherweise weil früher mein Bestreben noch ganz anders war...

Nun einmal überlegen wie hoch ich die monatliche Investition am besten ansetzte um zu reich und nur "ein wenig" zwielichtig zu wirken...

Der Bote - von Tarian, 25.3.12

"Bring diesen Brief zur Archäologischen Akademie. Und nicht vergessen - entweder persönlich abliefern oder bei der Empfangsdame abgeben." Mahnend hob der gealterte Sin'dorei die Augenbrauen, und unterdrückte ein Grinsen, als der Botenjunge noch ein wenig mehr in sich zusammensank. Der Bursche hatte bestenfalls fünfzehn Sommer erlebt, und zählte definitiv nicht zu jenen, die in diesem Alter die rebellische Sturheit eines Esels nachahmten - im Gegenteil, etwas gesundes Selbstvertrauen hätte ihm gewiss nicht geschadet.

Geduldig sah er zu, wie der Junge den Brief in seiner ledernen Kurierstasche verstaute, und hielt ihm anschließend ein paar Münzen hin. "Also, an wen sollst du den Brief noch gleich überbringen?", fragte er erneut, und beobachtete belustigt, wie die Hand des Boten, welche gerade nach den Münzen hatte greifen wollen, in der Bewegung erstarrte. Fast schon unglücklich wirkte die Miene des Burschen, als er schließlich mit einem tiefen Atemzug zu dem Rothaarigen aufsah und in einem irrsinnigen Tempo "Meisterleuchtklingeinspektorinwindsangoderdieempfangsdamederarchäologischenakademie" herunterbetete; ganz so, als wäre er auf der Flucht.

Der Sin'dorei mit der Augenklappe gluckste rau auf, ehe er schließlich nickte. "Richtig. Aber tu dir selbst einen Gefallen, und vergiss das Atmen zwischendurch nicht, eh?" Noch immer hielt er dem Boten die Münzen hin, und wedelte leicht mit ihnen, als der Blick des Jungen schon wieder gen Fußboden wandern wollte. Hastig nahm der Bursche seinen Lohn entgegen, verneigte sich ebenso hastig und machte auf dem Absatz kehrt.

"Als ob ich ihn gezwungen hätte, den Brief nackt zu überbringen", murmelte der Rotschopf, schüttelte leicht mit dem Kopf und schmunzelte erheitert, während sich abwandte.

Die Antwort - von Velyan, 20.3.12

Velyan drehte den Umschlag langsam in den Fingern, die Brauen zusammengeschoben. Er leckte sich langsam mit der Zungenspitze über die Lippen und schürzt sie dann. Es hatte keinen Zweck mehr, sich damit abzuplagen, das Couvert niederzustarren. Er riss es auf ... las. Seine Augen huschten über die Zeilen, bis sie die entscheidenden Worte fanden; persönliches Gespräch. Mit einem Mal lachte er auf und stieß die Faust in die Luft, ließ sich zurück ins Gras fallen und grinste in sich hinein, während der Wind über seine Haut strich. Eine Weile genoss er einfach das Gefühl, über den ersten Berg gekommen zu sein. Jetzt musste er es nur noch schaffen, die Inspektorin zu überzeugen. Er öffnete die Augen, begegnete den paar irritierten Blicken um die Zeit mit einem Grinsen, das er einfach nicht wegwischen konnte. Mit einer geschmeidigen Bewegung richtete er sich auf und las auf dem Weg in den Wald den Brief genauer. Er würde die Woche eindeutig härter trainieren müssen.

Gerüchte - von Tarian, 18.3.12

Der rothaarige Sin'dorei lächelte nicht. Genau genommen hatte er nicht einmal gute Laune - seine verdrießliche Miene sprach Bände.

Unwirsch schloss er die Tür des Zimmers ab, welches er im Gasthaus am königlichen Markt bezog, und verstaute den filigranen Silberschlüssel anschließend in einer Gürteltasche. Mit raumgreifenden Schritten lief er den Gang hinab, und fuhr sich gerade mit einem Finger abgelenkt unter die Augenklappe, als vom Erdgeschoss des Gasthauses Stimmen zu ihm herauf drangen. "Habt Ihr es eigentlich schon gehört? Das Fräulein Windsang, ehemalige Lady Sonnenfeuer, ist jetzt Mitglied der Archäologischen Akademie . . ." Mitten in der Bewegung hielt er inne, und hob die Augenbrauen ein Stück an. "Die? Ich bitte Euch. Als ob die was von Wissenschaft verstünde. Sie war schon immer bloß ein dreister Emporkömmling, den das Glück, das ja bekanntlich mit den Dummen ist, mit einem unangemessen hübschen Gesicht gesegnet hat!"

Der Elf zog den Finger unter der Augenklappe hervor, und trat an das Geländer. Eine Hand legte er darauf ab, ehe er sich ein wenig vorbeugte, in der Hoffnung, einen Blick auf die beiden Damen zu erhaschen, die sich gerade unterhielten - erfolglos. Vermutlich saßen sie nahezu exakt unter ihm, sodass er sie lediglich hören, aber nicht sehen konnte. Auch die zweite Hand legte er auf dem Geländer ab, während er sich wieder gerade aufrichtete; dabei den Kopf leicht schrägte. Die Finger seiner rechten Hand tappten der Reihe nach auf das Geländer, und er lauschte dem weiteren Wortwechsel der Frauen, ohne sich auch nur einen Fingerbreit vom Fleck zu rühren.

Lediglich wenige Minuten, nachdem sich die beiden Damen anderen Gesprächsthemen zugewandt hatten, verließ der gealterte Elf in Richtung Markt das Gasthaus. Er lächelte.

Der Briefkasten - von Velyan, 18.3.12

Velyan umstrich den Briefkasten wie ein Tiger verdächtige Beute, die gleich aufspringen könnte um ihn zu erlegen. In den Fingern drehte er die ganze Zeit den Umschlag, den er extra für den Anlass gekauft hatte. Das Seidenpapier fühlte sich so ungewohnt weich auf der Haut an. Er starrt aufs Papier. Einmal abgeschickt, konnte er nichts mehr machen und nur noch warten. Was er eigentlich die ganze Zeit tat, aber sei's drum. Aber mit der Antwort würde er leben müssen, selbst wenn sie ihn ablehnten. Wofür er Verständnis hätte bei seiner Geschichte. Er rieb sich langsam über den Nacken, hob den Blick vom Pergament zum Kasten. Er könnte noch eine Weile überlegen, aber letztlich musste er die Bewerbung auf ihren Weg schicken. Bisher hatte er keinen anderen Platz für sich gefunden. Und er zweifelte, dass er so rasch einen Ersatz finden könnte. Velyan seufzte ergeben, trottete auf den Briefkasten zu. Er öffnete den Schlitz, warf den Umschlag ein. Es war getan. Seine Zähne knirschten. Bitte schickt eine Zusage. Er schnaubte kurz, klopft mit der Rechten auf den hohlen Briefkasten und trottete davon. Er hasste Warten.

Gerüchte - von Kannae Windsang, 17.3.12

In einer feinen Taverne am königlichen Markt in Silbermond können einige Gäste folgendem Gespräch zweier Damen in teuren Gewändern lauschen, deren Aufmachung darauf hinweist, dass die beiden Frauen entweder selbst Gold in der Tasche haben oder zu der Sorte gehören, die sich darauf versteht, sich einen reichen Gönner anzulachen.

"Habt Ihr es eigentlich schon gehört? Das Fräulein Windsang, ehemalige Lady Sonnenfeuer, ist jetzt Mitglied der Archäologischen Akademie . . .", bemerkt die eine, ehe sie einen Schluck aus ihrem Weinglas nimmt. Die andere lacht. "Die? Ich bitte Euch. Als ob die was von Wissenschaft verstünde. Sie war schon immer bloß ein dreister Emporkömmling, den das Glück, das ja bekanntlich mit den Dummen ist, mit einem unangemessen hübschen Gesicht gesegnet hat!" Ihr Gegenüber hebt die Nase leicht, scheinbar pikiert ob der Tatsache, dass man dieser brandaktuellen Neuigkeit nicht recht Glauben schenken will. "Ich versichere Euch aber, dass es wirklich wahr ist. Ich habe es aus absolut zuverlässiger Quelle - von einem anderen Mitglied der Akademie, das sich darüber echauffierte, dass man heutzutage scheinbar jeden aufnimmt", untermauert sie ihre Behauptung, fügt noch hinzu: "Angeblich war es sogar jemand aus den höheren Kreisen, der ihre Aufnahme veranlasst hat . . ." Ein amüsiertes, abfälliges Kichern kommt als Antwort von der zweiten Elfe, bevor auch diese an ihrem Wein nippt - natürlich 'Feinster Sonnentropfen' - und dann abfällig erwidert: "Dadurch wird die Sache nachvollziehbar. Sie hat sich mal wieder hochgeschlafen - was auch sonst? Bei dieser Person erwartet man doch nichts anderes mehr." Nun ist es an der ersten der Damen, mit dem Bekunden ihrer Zustimmung zu zögern. "Meint Ihr wirklich, da steckt gar nichts sonst dahinter? Ich habe einmal vernommen, dass das Fräulein Windsang in der Jugend Teil des Korps gewesen sein soll, meine Liebe", gibt sie zu bedenken. Dem Einwand folgt eine abwinkende Geste, begleitet von den Worten: "Ich bitte Euch! Alle Neureichen kommen doch angeblich aus dem Militär. Ich wette, diese Frau weiß nicht einmal genau, welches Ende vom Pfeil man gen Feind wenden muss." Jetzt stimmen beide ein Lachen an und man wendet sich anderen Gesprächsthemen zu - zu lästern gibt es wahrlich noch genug in der Stadt und die Wahrheit werden sowieso nur die Wenigsten je erfahren . . .

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