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Mit der Flut kommt das Grauen

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Die Bettdecke lastete schwer auf ihrer Brust. Deutlich konnte sie die vielen Bahnen aus Leinen darunter spüren, die ihren Brustkorb umwickelten. Sie atmete langsam und tief und lauschte auf das Geräusch ihrer eigenen Atemzüge – lauschte, wie die Luftmassen ihre Luftröhre hinab strömten. Die Lungen füllten sich. Sie spürte den brennenden Schmerz, als sich der Torax beim Ausdehnen der Lungenflügel gegen den Verband drückte.

Als sie die Augen öffnete, sah sie fahles Mondlicht, das ein paar schmale Streifen des Raumes entblößte, in dem sie lag. Sie vermochte zwar nicht den Kopf zu drehen, doch ihren Blick konnte sie schweifen lassen. Er saß auf dem Stuhl, direkt neben dem Bett. Sein Kinn war auf die Brust gesunken und seine Augen hatten sich geschlossen. Eolarios. Er war weg genickt. Krampfhaft versuchte Scarlet, sich zu erinnern, was geschehen war. Ausatmend schloss sie die Augen.


Er stand am Abgrund. In seinem Rücken der stolze Goldkönig, der starke Löwe, das Wahrzeichen der Stadt. Eine so passende Statue wäre das, würde sie dort zu seinen Ehren stehen und nicht diese Stadt voller Verbrecher und Halunken repräsentieren. Stirnrunzelnd stoppte sie 3 bis 4 Meter hinter ihm. Zu seinen Ehren? Sie schüttelte heftig den Kopf. Jetzt war es aber zu viel! Ihre Schritte waren nicht lautlos, aber er bemerkte sie dennoch nicht. Vielleicht ignorierte er sie auch. Es war ihr egal. Sie wollte es sogar so. War es ihr egal? Wollte sie es so? Sie ließ sich auf dem kleinen Vorsprung vor dem Löwen nieder und fuhr sich wie so oft mit den Händen durchs Gesicht. Die untergehende Sonne ließ seine Silhouette schattig und dunkel erscheinen. Er stand ganz gerade. Angespannt.

Wie immer.

»Guten Abend« Sie hatte sich doch dazu entschlossen, ihn anzusprechen. Als ihre Stimme erklang, zeigte er erste Reaktion. Ein Nicken war es, als Antwort auf ihren Gruß. Nur sehr langsam drehte er sich um. Sie wusste, dass er sie ansah, auch wenn ihr eigener Blick irgendwo in den Dreck ging. Seine Stiefelspitzen schoben sich in ihr Blickfeld.

»Komm«, sagte er. »Wir gehen in den Hafen. Das wird dir guttun.« 

Sie war mitgegangen. Er voraus, und sie hinterher.

Wie immer.

»Eo!« - Die Stimme eines Mannes, erklang hinter ihnen, als sie den ersten Pier schon fast erreicht hatten. Beide blieben stehen. Er vor ihr, sie ein paar Meter weiter hinten. Der Fremde lief an ihr vorbei und stellte sich vor ihn. Er wirkte erfreut, überschwänglich, aber Eolarios blieb distanziert und sachlich. Sie kannten sich scheinbar - und sie wollte das Gespräch nicht stören.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte sie sich in Bewegung und passierte die beiden. Eolarios würde schon folgen, wenn er sein Gespräch beendet hatte, und ein wenig persönliche Ruhe am Pier würde auch ihr guttun. Sie begrüßte diesen Umstand also sogar. Als sie über den Stegrand auf den Anlieger geklettert war, blickte sie von hier über das Hafengelände. Wäre der Gestank nicht, dachte sie, könnte das wirklich ein schöner Ort sein. Und der Gestank war heute wirklich übel. Doch etwas war ungewöhnlich. Auch, wenn sie nicht oft im Hafen war, das Geräusch, das das Wasser machte, wie es an den Pier schwappte, klang seltsam. Sie ließ den Blick schweifen, und als sie links die Rampe hinab blickte, schnürten sich ihr Magen und ihre Brust gleichzeitig zusammen.

Datei:The water corpse by DaraPolar.jpg
Sie war kalkweiß. Die Haut war aufgequollen, wie ein Wattebausch. Die Fingerkuppen seltsam eingedellt. Das nasse Haar klebte ihr wirr am Kopf und sie konnte sehen, dass sich in ihrem Mund irgendetwas bewegte, was noch lebendig war. Ein Schauer nach dem nächsten lief ihr durch den Körper und Wellen der Übelkeit wallten hoch, doch sie konnte den Blick nicht von dem Körper der Toten dort im Wasser nehmen. Sie trug diese Kette. Sie trug dieses Kleid. Es war eine von acht anderen. Sie erinnerte sich.

Scarlet schlug die Hände vor den Mund und taumelte zurück, bis sie gegen den Holzpoller stieß. Ihr wurde schwindelig. Als sie sich auf den Vorsprung des Piers sinken ließ, hörte sie schon Schritte, und seine Stimme.

»Was ist los?« Er war gerannt, war außer Atem.

»Im Wasser«, lautete ihre kraftlose Antwort.

Er hatte hingesehen, der andere war weggelaufen. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Ihr war so übel. Diese war eine von acht anderen. Diese war eine von acht anderen. Diese war...

Er griff ihre Arme, zog sie hoch. Sie schwankte, ihr Schwindel wurde schlimmer. Auch als er sie an sich drückte, ihren Kopf wegdrehte und so verhinderte, dass sie wieder hinsah, machte es nicht besser. Seine Hand hielt ihren Kopf fest, aber die Wellen von Übelkeit ließen sich nur schwer bekämpfen, auch wenn er sein Bestes tat, sie zu beruhigen. Er schaffte es nicht.

Sie stieß ihn impulsiv von sich. Es musste ja nicht noch schlimmer werden. Sofort wandte sie sich ab, kletterte auf den Pier und lief auf die andere Seite, wo sie auf die Knie sank, sich über das Wasser beugte. Als sich ihre Übelkeit in einem heißen, widerlichen Schwall ins Wasser ergoss, spürte sie eine Hand, die fest ihren Gürtel packte, und eine andere, die ihr das Haar zurück strich. Er war schon wieder da. Warum hatte er nicht einfach auf der anderen Seite warten können? Warum musste er ihr nun auch noch dabei zusehen, wie es ihr besonders schlecht erging? Wäre sie nicht so blass gewesen, wäre ihr sicher die Schamesröte ins Gesicht gestiegen. Zum Glück dauerte es nicht sehr lang.

Sie wischte sich zitternd die Lippen mit dem Handrücken ab und sank wieder ein Stück zurück. Als er sie los ließ, atmete sie erleichtert durch, schloss die Augen. Bei allen Göttern, er sollte gehen, bitte.

»Entschuldige, dass du das sehen musstest.«, sagte er.

»Entschuldige, dass DU das sehen musstest.«, erwiderte sie matt.

Seine Arme legten sich um ihre Schultern, und er zog sie an sich. Sie wehrte sich nicht.

Wie immer.

Warum war er noch da, verdammt?

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