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Hochtüftler Gelbin Mekkadrill Kurzer Prozess


Kurzer Prozess
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Autor(en): Cameron Dayton
WoWPedia: Cut Short
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Kurzer Prozess ist eine Kurzgeschichte von Cameron Dayton, welche auf der offiziellen Seite veröffentlicht wurde.

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Kurzer Prozess

Wir haben die oberen Etagen in Sektor 17 überprüft, Herr. Es wirkt alles ziemlich unberührt seit unserem, ähm, Abzug. Zugegeben, es stinkt überall nach Troggs ...

Mmmm, ja – diese wunderbare Mischung aus Schimmel, Krätze und altem Affen. Das kann einem schon den Appetit verderben, ich weiß.

Der Hauptmann der Wache, Herk Winkelfeder, verzog sein Gesicht, das nach der Beschreibung seines Kommandanten etwas an Farbe verloren hatte. Es war offensichtlich, dass der Geruch langsam an Moral und Stimmung zu zehren begann.

Aber Eure Mannschaft ist mit dem neusten Modell meiner Hochgeschwindigkeitsnasenwischer ausgerüstet, oder?

"Ja, Herr. Allerdings ... der Geruch ... nun, man kann ihn schmecken, Herr. Egal, wie gut die Nase ausgewischt ist.Winkelfeder legte den Kopf zurück und präsentierte ein großes, schmuckes Paar von Gnomennasenlöchern, die in der Tat gut ausgewischt waren. „Ich musste zwei Mitglieder meines Trupps zur Trollpatrouille in Ambossar versetzen und mein Sanitäter möchte wissen, ob es für den Gestank Extraurlaub gibt.

Hochtüftler Gelbin Mekkadrill seufzte. Er schob sich die Brille auf die Stirn und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen über die eigene markante Nase. Die neue Brille war unbequem und sie anzupassen stand ganz oben auf der Liste der Dinge, die er sich vorgenommen hatte, wenn dieser Einsatz vorbei war. In der vergangenen Nacht hatte er nicht geschlafen und der Bereich, wo die Gläser auf der Haut auflagen, fühlte sich wund und empfindlich an. Die Rückeroberung Gnomeregans entwickelte sich langsam zu etwas, das weit über einen einfachen Militärschlag hinausging.

Man musste nur den Gestank als Beispiel nehmen. Eins der Probleme mit einer weitläufigen unterirdischen und mechanischen Stadt – eins von hunderten, wenn man ehrlich sein wollte – war die Lüftung. Zu Hauptauslastungszeiten hatte das System aus Lüftern, Ventilatoren und Filtern ein Team von fünfzehn Technikern benötigt, die in Schichten rund um die Uhr arbeiteten, um die Luft in Gnomeregan frisch und sauber zu halten. Jahre der ungefilterten Ausdünstungen der Troggs waren zu Schichten von moschusartigem, undurchdringlichem Dreck geronnen, der sich als schwieriger zu entfernen herausstellte als die Eindringlinge selbst.

Macht Euch keine Sorgen, Hauptmann. Die Genies vom Alchemistencorps werden noch diese Woche den Prototypen meiner entätzenden Mief-Weg-Kanone fertigstellen. Das sollte uns helfen, diesen fiesen Geruch aus unseren Hallen zu vertreiben. Warum nehmt Ihr und Euer Trupp Euch nicht den Rest des Tages frei und genehmigt Euch ein paar Halbe unten bei Donnerbräus?"

Der andere Gnom lächelte, salutierte und nickte kurz.

Mekkadrill wandte sich wieder den Blaupausen zu, die auf dem Tisch vor ihm ausgebreitet waren und chob sich mit einem Zucken die Brille zurück auf die Nase. Während um einige Bereiche von Gnomeregan noch immer verbissen gekämpft wurde, waren andere ihm überraschend leicht zugefallen. Natürlich hatte die Unterstützung durch die Allianz viel dazu beigetragen, aber Gelbin war sich nicht sicher, dass nicht mehr dahinter steckte. Die Halle der Zahnräder war fast vollkommen verlassen gewesen. Es sah seinem alten Feind so gar nicht ähnlich, sein Territorium einfach so aufzugeben.

Gelbins Gedankengang wurde von einem Räuspern unterbrochen und er drehte sich erneut um. Der Hauptmann stand noch immer da und rang mit den Händen.

Entschuldigung, war noch etwas, Hauptmann?

Nun, ja, Hochtüftler, Herr. Wenn ich eine Frage stellen dürfte ...

Natürlich. Sprecht.

In Ordnung, Herr. Es ist nur so, dass einige der Jungs sich fragen, und ich frage mich das ehrlich gesagt auch, warum wir ausgeschickt wurden, um diesen Sektor zu erkunden. Ich meine, er ist nicht mal in der Nähe der Front und er scheint über keinerlei Ressourcen zu verfügen. Er scheint überhaupt keinen strategischen Wert zu haben. Sieht eher aus wie die Bibliothek eines verrückten alten Kauzes. Herr.

Die ‚Bibliothek eines verrückten alten Kauzes‘, sagt Ihr?

Hauptman Winkelfeder grinste verschwörerisch. „Ha, das war jedenfalls mein Eindruck, Herr. Stapel alter Bücher, zerknülltes Papier und irgendwas, das aussah wie ein aus Pastetenformen gebastelter Kaninchenbau ...

Na ja, ich schätze, dass das maßstabsgetreue Modell der Tiefenbahn schon irgendwie so aussieht ...

Das ... Herr?

Das waren meine Gemächer, Hauptmann.

Eure … Eure Gemächer, Herr? Oh. Oh. Ich bitte um Entschuldigung, Hochtüftler. Ich wollte nicht ...

Nicht ganz das, was Ihr von jemandem in meiner gehobenen Position erwartet habt, was?Gelbin schmunzelte und lehnte sich vor, um dem verlegenen Hauptmann auf die Schulter zu klopfen. „Macht Euch keine Sorgen deswegen, Winkelfeder. Es mag sein, dass ich einen vornehmen Sitz im Tüftlerhof innehatte, aber die echte Arbeit, das wahre Denken und Erfinden fand in der Bibliothek des verrückten alten Kauzes statt. So, wäret Ihr so gut und würdet auf Eurem Weg nach draußen Unteroffizier Kupferschraube wissen lassen, dass ich bereit bin, mir einen Überblick über die Gegend zu verschaffen? Danke für Eure gute Arbeit, Hauptmann.

* * * * *



Gelbin wartete, bis seine Sicherheitsmannschaft um die Ecke verschwunden war, bevor das Lächeln sein Gesicht verließ. Schwer ausatmend ließ er die Schultern sinken – ein Ausatmen, das sowohl ein Seufzer als auch ein Fluch war.

Das hier war schwer. Es war schwer, in sein Arbeitszimmer zurückzukehren. Seinen Schlupfwinkel. Dies war der Ort, den er vor Augen hatte, wann immer er das Wort Heimat hörte, auch nach so vielen Jahren, in denen er nicht mehr hier gewesen war. Jahre der Barmherzigkeit und des Langmuts von Verbündeten, die ihn, all ihren noblen Beweggründen zum Trotz, noch immer mit Mitleid ansahen.

Das Mitleid – ah, das war der schwierigste Teil. Für ein Volk, das aus ehrgeizigen Leuten bestand, die im Leben Bestätigung durch die meisterhafte Beherrschung der wissenschaftlichen Gesetze des Universums fanden, war es unerträglich, bemitleidet zu werden. Mitleid kam einer Beleidigung gleich. Gelbin ärgerte sich über die Anteilnahme und er wusste, dass es seinem Volk genauso ging. Als Anführer hatte er gelernt, dass es weise war, auf seine eigenen Gefühle zu achten, da sie zu einem bestimmten Grad das reflektierten, was der Rest der Gnome empfand.

Aber es war nicht nur das Mitleid, jedenfalls nicht für den Hochtüftler. Er war gezwungen, seinen Leuten gegenüber weiter zu lächeln, sie weiter anzufeuern und weiter gnomischen Witz zu zeigen. Gezwungen, beständige und unverbrüchliche Zuversicht im engen Viertel, das die alte Tüftlerstadt war, zu verbreiten, wenn er eigentlich nichts anderes wollte, als zusammenzubrechen und zu Boden zu sinken und ... und ...

Gelbin atmete zitternd ein und taumelte zur Seite. Mit einem dumpfen Schlag prallte er mit der Schulter gegen die Metallwand. So viel Tote. So viele!

Er riss sich zusammen, ballte die Hände zu Fäusten und atmete aus. Er schloss die Augen und zählte Primzahlen, bis die Gefühle sich, wieder einmal, in eine entfernte Ecke seines Verstandes zurückzogen. Sichere, zuverlässige Primzahlen. Auf sie konnte man sich immer verlassen, ihnen vertrauen. Gelbin wusste, dass er sich eines Tages erneut diesen Gefühlen würde stellen müssen, aber im Moment war dafür keine Zeit. Überhaupt keine Zeit. Die Gnome brauchten ihren Hochtüftler im Bestzustand, um ihre Heimat zurückzuerobern, und die Zurschaustellung solch alberner Regungen wie Scham und Bedauern würde nur als Schwäche verstanden werden. Ein wanderndes Volk, das am Rand der Auslöschung navigierte, konnte sich keinen Anführer leisten, der Schwäche zeigte.

Zumindest kein zweites Mal.

Während er diesen Gedanken abschüttelte, schritt Gelbin voran und begann damit, den Zustand seiner einstigen Heimat zu analysieren. Anders als seine Kollegen in der Allianz mied der Hochtüftler extravagante Wohnverhältnisse im Austausch gegen eine praktische Bleibe. Was nützte ein Thron, wenn man stehend besser denken konnte? Das ausgetretene Gängenetzwerk von Sektor 17 war das physische Abbild von Gelbins kreativem Prozess: Bibliothek verbunden mit Entwurfsraum verbunden mit einfacher Gießerei verbunden mit Montageraum. Forschung, Vorstellungskraft, Herstellung, Ingenieurskunst. Hier wurden die Zahlen gesammelt, mit Eisen zusammengeworfen und dann wurden sie in die Welt hinausgeschickt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

In diesen Räumen hatte sich Gelbin den ersten Roboschreiter ausgedacht, der es seinem zwergenhaften Volk erlaubt hatte, mit den mächtigen Rössern der Menschen Schritt zu halten. Diese Erfindung hatte den Ruhm des jungen Gnoms begründet und ihm den Weg zur Führerschaft eröffnet. Der gyromatische Mikroregler, der Reparaturbot, die Tiefenbahn, selbst der Prototyp der zwergischen Belagerungsmaschine – alles hatte seinen Anfang als Entwurf und Träumerei in seinem Arbeitszimmer gehabt. Alles war in der Ursuppe von Gelbins Fantasie entstanden, zur Verbesserung des Lebens der Gnome.

Was uns zu einer Frage führt“, murmelte er. „Wiegen hundert brillante Erfindungen einen schrecklichen Fehler auf?

Die Finsternis umfing seine Worte und fügte ihnen Schmerz hinzu. Während er auf die Antwort wartete, die er schon längst kannte, bemerkte der Hochtüftler etwas, das ihn zum ersten Mal seit seiner Ankunft hier unten lächeln ließ. Er redete mit sich selbst. Das war etwas, was er nicht getan hatte, seit ... Nun ja, seitdem er das letzte Mal in diesen Tunneln gelebt hatte. Vielleicht war die wiederkehrende Neurose also ein gutes Zeichen? Gelbin kratzte sich am sauber gestutzten Bart.

Wenn ich tatsächlich Hoffnung in einem psychotischen Rückfall finde, dann ist wirklich was im Argen.

Während er durch die Versammlungskammer ging, fuhr er mit einem Finger über eine staubbedeckte Bank und schnalzte mit der Zunge. Die Jahre waren nicht unbemerkt an diesem Ort vorbeigegangen. Selbst in dem flackernden Licht – die noch immer funktionierende Beleuchtung war ein weiterer Beleg für gnomische Ingenieurskunst – konnte Gelbin erkennen, dass sein einst makelloses Arbeitszimmer einmal gründlich durchgewischt werden musste.

Er erblickte die Vitrine mit seinen Trophäen an der gegenüberliegenden Wand. Er hatte sie auf Drängen seiner Lehrlinge hin aufgestellt und auch nur, weil er einen Ort gebraucht hatte, wo er all diese nutzlosen Auszeichnungen hinstellen konnte. Wie alles andere auch, war es mit einer Staubschicht bedeckt.

Das Prunkstück in dem großen Schaukasten war sein erster funktionierender Prototyp eines Roboschreiters, der stolz und schlaksig zwischen diversen Medaillen und Schleifen stand. Gelbin lächelte bei dem Gedanken daran, dass sich auch in den aktuellsten und fortgeschrittensten Hochgeschwindigkeitsmodellen aus Eisenschmiede noch immer der vogelartige Gang und der kesselartige Bauch seines Originalwerks erkennen ließen. Mehr noch: Seine Agenten in Nordend hatten ihm berichtet, dass die rätselhaften Mechagnome seine Erfindung für ihre eigenen mysteriösen Zwecke übernommen und modifiziert hätten. Was könnte schmeichelhafter sein als dass ein Volk, das aus Maschinen bestand, seine Maschine zur Fortbewegung nutzte?

Und obwohl der Roboschreiter die erste (und wohl auch die beliebteste) seiner Erfindungen gewesen war, hatte der stetige Fluss einzigartiger, mächtiger und immens praktischer Kreationen, der seinen Weg aus diesen Hallen gefunden hatte, sich als entscheidender Gewinn für die Allianz aus Zwergen, Menschen und Elfen herausgestellt. An dieser Stelle hatte Gelbin Mekkadrill die Schwelle von einem einfachen Erfinder hin zum Hochtüftler der Gnome überschritten. Hier hatte er seine größten Einsichten erreicht, seine brillantesten Erfindungen zustande gebracht und die größte Anerkennung durch sein Volk erfahren, das Kreativität und handwerkliches Geschick über alles andere stellte und zu würdigen wusste.

Und hier war es auch gewesen, wo Gelbin Mekkadrill törichterweise auf den Rat von jemandem gehört hatte, den er für einen Freund hielt. Hier was es gewesen, wo Gelbin Mekkadrill den Befehl erteilte, der einen Großteil seines Volkes das Leben kosten, die Überlebenden um ihre Heimat bringen und sie in Bettelei und Schande treiben sollte.

Er schlug mit der Faust gegen eine Wand, wobei eine Staubwolke aufgewirbelt wurde, und die Lichter über ihm flackerten als visuelles Echo seiner Frustration. Der Hochtüftler beschloss, diese dunklen Gefühle durch einen Spaziergang abzuschütteln. Er wanderte von der Versammlungskammer zur Gießerei und von dort zum Entwurfsraum. Dann hielt er inne.

Gelbin erkannte plötzlich, dass er gerade das erste Anzeichen von echtem Zorn gezeigt hatte, Jahre nach dem Verrat. Und er hatte sich gut angefühlt, dieser vollkommen uncharakteristische Wutausbruch.

Vielleicht zeigte die Gesellschaft der Zwerge langsam Wirkung. Oder vielleicht war es auch der Umstand, dass er wieder Zuhause war, endlich fort von den Blicken mitleidvoller Wohltäter und sich sorgender Bürger, dass er sich fühlte, als ob die Vorhänge aufgezogen worden waren und er nicht mehr der Hochtüftler sein musste. Hier, endlich, konnte er Gelbin sein. Und Gelbin durfte trauern; Gelbin durfte sich verraten fühlen; und Gelbin durfte wütend und untröstlich sein über die verdammungswürdige Ungerechtigkeit der ganzen Sache.

Er knurrte und schlug erneut nach der Wand. Er begrüßte den stumpfen Schmerz in seinen Knöcheln und das befriedigende Klingen, das von den eisernen Gängen um ihn herum widerhallte. Das Mindeste, was das Leben bei den Zwergen mit sich gebracht hatte, war, dass sein Volk stärker geworden war und sich wohler im Umgang mit den eigenen körperlichen Fähigkeiten fühlte, als das jemals zuvor in der akademischen Geschichte der Gnome der Fall gewesen war. Die Zwerge hatten die unfeine Kunst des Nahkampfes gemeistert, in einer Welt voller Wesen, die häufig mehr als doppelt so groß waren wie sie, während die Gnome sich im Allgemeinen darauf konzentriert hatten, zu entkommen und solchen Konflikten einfach aus dem Weg zu gehen. Doch die Jahre voller Not und der Kampf ums Überleben unter ihren stämmigeren Verbündeten hatten den Gnomen, im Guten wie im Schlechten, eine kämpferische Seite gegeben. Gelbin sah mehr Gnome, die Schwerter schwangen, Rüstung anlegten und Großen Leuten Widerworte gaben, als jemals zuvor.

Na ja“, murmelte er, „die Widerworte waren unserer vorher schon abnehmenden Anzahl nicht gerade zuträglich.

Das klingende Geräusch seines ungestümen Angriffs auf die Wand hallte noch immer als Echo durch den Raum und der Hochtüftler unterbrach sich mitten im Gedanken. Das hörte sich nicht richtig an.

Gelbin neigte den Kopf und machte einen Schritt zurück. Sektor 17 war in die robusten nordwestlichen Bereiche von Dun Morogh gehauen worden – ein Teil der schneebedeckten Weite, die vor allem aus Granit und Schiefer bestand. Die eisernen Gänge in diesem Flügel von Gnomeregan hätten eigentlich nicht mit derartiger Resonanz auf eine Erschütterung reagieren sollen. Oder trog ihn seine Erinnerung?

Gelbin klopfte mit geschlossenen Augen erneut mit den Knöcheln gegen die Wand. Wieder war ein Klingen zu hören, mit fast glockengleichem Klang.

Ohne seine Augen von der Wand zu nehmen, begab sich Gelbin in die Mitte des Raums. Sein alter, von Trollen hergestellter Stuhl, eine entzückend primitive Konstruktion aus Knochen und Raptorbälgen, stand noch immer am gewohnten Ort. Der Stuhl war ein Andenken des ersten von Gnomen unterstützten Schlags der Allianz gegen ein Hordelager während des Zweiten Kriegs und Gelbin hatte das wild aussehende Ding behalten, um ihn an zwei wichtige Dinge zu erinnern. Erstens, dass seine Feinde in einer Welt lebten, die aus dem Fleisch und den Knochen von Monstern geformt war. Und zweitens, dass selbst moosbewachsene Wilde mit Fangzähnen ab und zu einen gemütlichen Ort zum Hinsetzen brauchten. Obwohl der Hochtüftler nur selten still dasaß, wenn er mit seinen Erfindungen beschäftigt war, hatte er in unzähligen Nächten den Stuhl als behelfsmäßige Liege benutzt, nachdem er wieder bis spät in die Nacht Ideen gewälzt hatte. Dessen niedrige Form und seine weite Sitzfläche mit gepolstertem Leder, die für das relativ umfangreiche trollische Hinterteil gedacht gewesen war, waren perfekt für ein kleines gnomisches Nickerchen geeignet. Mit einem besorgten Seufzen ließ er sich in die angenehme Weichheit seines Stuhls fallen.

Hatte es seit dem Exodus neue Konstruktionsarbeiten in diesem Bereich gegeben? Gelbins Argwohn war nun geweckt. Er blickte durch den Entwurfsraum, auf der Suche nach Zeichen für Sabotage: lose Drähte, falsch gesetzte Blenden oder unbekannte Fußabdrücke im Staub. Der gesamte Sektor war von seiner fähigsten Mannschaft eingehend untersucht worden, aber Mekkadrill hatte gelernt, nichts und niemandem blind zu vertrauen. Ganz besonders, wenn es um Thermadraht ging.

Sicco Thermadraht. Bei dem Namen zog sich sein Magen noch immer zusammen, eine Anspannung, die auch logisches Denken nicht vertrieb. Gelbin hatte endlich einen Begriff gefunden, der dieses seltsame Gefühl umschrieb. Es war ein Gefühl, das ihm gänzlich und erschreckend unbekannt war. Es war Verwirrung. In diesem einen ungewöhnlichen Fall war der Hochtüftler Gelbin Mekkadrill noch immer sehr, sehr verwirrt.

Wie hatte es passieren können?

* * * * *



Ein Gnom aus Gnomeregan, der gegen die Seinen handelte, war eine Unmöglichkeit, ein Zufall, eine unausdenkbare Anomalie. Im Gegensatz zu den Zwergen gab es in der Geschichte der Gnome keine Fälle von inneren Gewaltakten. Ihre Vergangenheit war frei von Kriegsherren und gewalttätigen Fraktionen. Gnome bekämpften einfach keine Gnome. In einer Welt voller Löwen, Tiger, Furbolgs und Großer Leute musste sein Volk sich aufeinander verlassen können. Das verstand sich von selbst. Darum bedurften die Gnome auch nicht des primitiven Erstgeburtsrechts, das unter den anderen Völkern Azeroths zu so viel Blutvergießen geführt hatte. Außerdem hatten sie sich schon vor Jahrhunderten gegen eine Monarchie entschieden. Die Gnome wählten ihre Anführer durch ein Konsensverfahren, das auf Arbeitsverdiensten basierte. Verdienste, die ganz und gar quantifizierbar waren in ihrem Nutzen für die Gemeinschaft der Gnome. Auf eine Art und Weise zu handeln, dass die eigenen Leute Schaden nahmen, die Gier nach Macht ungeachtet dessen, was es das eigene Volk kosten würde – das waren Dinge, die ein Zwerg tun würde oder ein Orc. Es war zweifellos menschlich. Aber wie konnte ein Gnom die fast vollständige Vernichtung der Gnome herbeiführen?

Sicco hatte behauptet, dass er die Strahlungsbelastung des Gases getestet hätte. Er hatte behauptet, Beweise für dessen tödlichen Effekt auf die Troggs zu haben und er hatte Gelbin gefälschte Zahlen über die Dichte und das Raumgewicht des Gases vorgelegt. Es hätte in den unter Quarantäne gestellten Durchgängen und tieferen Sektionen von Gnomeregan verbleiben und die aus den Tiefen kommenden Eindringlinge vergiften sollen, während die Gnome sicher und wohlbehalten in den oberen Tunneln der Stadt abwarteten. Zu der Zeit hatte es so ausgesehen, als sei dies die einzige Rettung vor der unvorhergesehenen Invasion, und der Plan bedurfte auch keiner Hilfe von der anderweitig beschäftigten Allianz. Die Gnome würden sich selbst um die Probleme der Gnome kümmern. Thermadraht hatte so sicher gewirkt, dass dieses Zeug funktionieren würde.

Aber der Großteil der Troggs war einfach durch das Gas getrottet. Wenn es überhaupt eine Wirkung hatte, dann die, dass die Troggs durch die Bestrahlung nur noch wilder wurden. Und das Gas war durch Gnomeregan aufgestiegen. Es war durch Thermadrahts vielgepriesene innerhäusige „Glasklar!“-Luftfilter gedrungen. Und es hatte die Gnome getötet, die in ihren Häusern gewartet hatten. Sie waren an widerwärtigen grünen Wolken erstickt, hinter Türen, von denen der Hochtüftler ihnen versprochen hatte, dass sie sie schützen würden. Gnomeregan war an diesem Tag gestorben. Es war gestorben, weil Gelbin Mekkadrill darauf vertraut hatte, dass ein Freund sich wie ein Freund verhalten würde. Oder zumindest wie ein Gnom.

Gelbin lehnte sich zurück und schloss die Augen. Der Druck auf seinen Brustkorb tat schon fast weh und zum millionsten Mal überlegte er, ob er seinen Titel zurückgeben und jemand anderes Hochtüftler werden lassen sollte. Jemanden, der weniger verwirrt war. Jemanden, der nicht einen närrischen Fehler machen würde, der letztendlich so viele das Leben kostete ...

Dieses Mal ließ sich die Verzweiflung nicht zurückhalten, die trübe Welle des Schmerzes, die hochstieg aus dem Ort tief in ihm, an dem sie viel zu lange eingesperrt gewesen war.

Gelbin holte ein paar Mal schnell Luft, zählte Primzahlen und hielt sich an den Lehnen seines Stuhls fest, aber dieses Mal ließ es sich nicht aufhalten. Die Trauer überspülte seine inneren Schutzvorrichtungen und brach mit einem abgerissenen, heiseren Schluchzer aus ihm hervor.

Und endlich, alleine in der dunklen, steinernen Stille seines verlassenen Arbeitszimmers, weinte Hochtüftler Gelbin Mekkadrill.

* * * * *



Nachdem die Tränen getrocknet waren, das Zittern aufgehört hatte und die kühle Ruhe in den Raum zurückgekehrt war, atmete Gelbin bebend aus und richtete sich auf. Er fühlte sich ... leer ... auf eine gereinigte, ausgehöhlte Art und Weise. Es war nicht wirklich ein gutes Gefühl. Aber ein dringend benötigtes.

Es war Zeit, an die Oberfläche und zu seinem Volk zurückzukehren. Er fing bereits an, sich egoistisch zu fühlen, dafür, dass er sich so viel Zeit für seine eigenen Probleme genommen hatte. Er stemmte sich auf die Stuhllehnen und begann, sich zu erheben.

Und hielt inne.

Unter seiner Hand befand sich etwas Kaltes. Gelbin öffnete die Augen und blickte hinab. Ordentlich gefaltet lag seine Lieblingsbrille auf der Armlehne seines Stuhls, die einfachen, mit einem Rand aus Mithril versehenen Linsen, die er als Geschenk erhalten hatte, als er seinen Abschluss an der Getriebewelleuniversität machte. Solide, verlässlich, beruhigend. Sie hatten seitdem Dekaden in einer konstanten Position in seinem Gesicht verbracht – eine Position, die nur unterbrochen worden war durch die Invasion der Troggs und den anschließenden hastigen Abzug der Gnome. In der Zwischenzeit hatte Gelbin mit einer neuen Brille vorliebgenommen, einem Gestell, das er in Eisenschmiede zusammengebastelt hatte, auf seinen Wegen zwischen Tüftlerstadt und dem Thron von Bronzebart. Es handelte sich dabei um ein Meisterstück, über das seine arme Nase sich von Anfang an beklagt hatte. Lächelnd griff der Hochtüftler nach unten, um seine lange verschollene Sehhilfe wieder an sich zu nehmen.

Jetzt werde ich endlich wieder ich selbst ...

Eine seltsame Spannung begleitete das Anheben der Brille und Gelbin erstarrte. Eine kalte Erinnerung schob sich von hinten durch seine Gedanken: Die Brille war ein Geschenk zum Abschluss des Studiums gewesen. Ein Geschenk von seinem Freund und Mitabsolventen Sicco Thermadraht.

Und Gelbin hätte seine Brille niemals auf dem Stuhl liegen gelassen.

Zu spät bemerkte er einen dünnen Draht, der um den Steg der Brille gewickelt war. Er verlief entlang der Seite des Stuhls und in ein winziges Loch in einer Fliese darunter, ein fast unsichtbarer Metallfaden. Echtsilber, unglaublich leicht, aber fester als Stahl. Gelbin fühlte ein leichtes Ziehen auf der anderen Seite des Drahts, den mechanischen Ruck einer gelösten Feder, und blickte genau im rechten Augenblick auf, um zu sehen, wie eine schwere Tür zuschlug und den Eingang versperrte. Ein ähnliches metallisches Geräusch erklang von dem Ausgang hinter ihm.

Neue Konstruktionsarbeiten in Sektor 17? Anscheinend hatten welche stattgefunden. Jemand hatte eine Falle für den Hochtüftler gebaut und Gelbin war mit beiden Füßen voran hineingetappt. Wer sonst würde sich auf diesen Stuhl setzen? Wer würde die Brille des Hochtüftlers anfassen? Während versteckte Zahnräder in den hohlen Wänden rumpelten, ertappte sich Gelbin dabei, wie er darüber nachdachte, ob Hauptmann Winkelfeder bestochen wurden war oder ob er und seine Mannschaft wirklich diese Art von Sabotage übersehen hatten.

Ein knisterndes Statikgeräusch erklang und ein elektrischer Lautsprecher erwachte zum Leben, gefolgt von einer Stimme, die den Hochtüftler seit Jahren in seinen Träumen heimgesucht hatte.

Wisst Ihr, werter Gelbin, ich hatte mich gefragt, ob dieser Köder zu offensichtlich für Euch sein würde – ich habe es ja fast nicht glauben wollen, als mein Alarm hier losging. Es scheint, als könnte ich mich immer darauf verlassen, dass Eure entzückende Naivität Euren Intellekt übertreffen wird.

Gelbin sprang auf die Füße, während er sich über die Augen wischte. Für einen Moment erlag er der kindischen Sorge, dass Sicco ihn vielleicht beim Weinen beobachtet hatte.

Das Gefühl der Leere, das er noch Augenblicke zuvor gespürt hatte, war nun ersetzt durch etwas Kälteres. Angst. Scham. Sie erklangen zusammen mit seiner Verwirrung in schmerzlicher Harmonie. Zähneknirschend griff Gelbin hinunter an seinen Gürtel, wo er normalerweise seinen getreuen Excalischlüssel trug. Nichts. In seiner Eile, sein altes Arbeitszimmer wiederzusehen, war er vollkommen unbewaffnet gekommen.

Das war eine weitere Sache, die er niemals tat, noch nicht mal, wenn er sich durch Eisenschmiede bewegte. Verlor er langsam den Verstand? Verwirrung, Vergesslichkeit und jetzt dies. Auf eine merkwürdige Art und Weise hatte Thermadraht Recht. Der Hochtüftler hatte eine Falle hier unten vermutet, hatte gespürt, dass der Bereich zu leicht aufgegeben worden war. Aber ... wie hatte Sicco willentlich solch eine unglaubliche Menge an Zeit und Ressourcen verschwenden können, um einen einzelnen Gnom zu töten, wenn die gesamte Allianz vor seiner Tür stand? Erneut: verwirrend.

Konzentrier dich, verdammt!“, flüsterte Gelbin sich selbst zu. Er würde hier unten sterben, wenn er sich nicht zusammenriss. Niemals zuvor hatte der Hochtüftler sich so wenig bereit gefühlt wie in diesem Moment, aber das durfte er seinen alten Freund nicht wissen lassen, wenn er überleben wollte. Vielleicht würde ein verbaler Schlagabtausch Siccos berühmte eingleisige Art zu denken beschäftigt halten, während Gelbin einen Weg hier raus fand. Er räusperte sich.

Offensichtlich habe ich Euch als Stratege zu viel zugetraut, Sicco. Kein Wunder, dass es meinen Streitkräften so leicht gefallen ist, gegenüber Eurer verschanzten Armee so gut voranzukommen, obwohl sie uns drei zu eins überlegen ist: Ihr habt Eure Zeit damit verschwendet, dumme Rachespielchen zu spielen.

Während er schnell die Kammer analysierte, kämpfte Gelbin darum, den Fokus nicht zu verlieren. Wenn Thermadraht sich dafür entschied, die Räumlichkeiten mit demselben toxischen Gas zu fluten, das er gegen seine eigenen Leute eingesetzt hatte, dann würde es kein Entkommen geben. Gelbin kannte den Raum gut genug, um das einzusehen. Nur zwei Türen, beide versiegelt. Er hielt sich sein Hemd vors Gesicht und blickte sich nach verräterischen Zeichen des tödlichen grünen Nebels um. Möglicherweise konnte er die Luft lange genug anhalten, um durch den Luftschacht zu fliehen, den sein Feind konstruiert haben musste, um das widerliche Zeug einzuleiten.

Sicco Thermadraht lachte.

* * * * *



‘Dumme Rachespielchen‘? Gelbin, habt Ihr irgendeine Vorstellung davon, was Euer Tod für die Gnome bedeuten wird? Sie haben zu ihrem Anführer gehalten, trotz allem, was ich getan habe, um Euch in Misskredit zu bringen. Die kleinen Narren lieben ihren Hochtüftler. Euer Tod wird ihnen ihre Herzen rausreißen!

Gelbins Antwort wurde von dem Klicken eines umgelegten Schalters unterbrochen. Totenstille und dann ein mechanisches Stöhnen, das Geräusch von gespannten, schweren Eisenkabeln, die über federgetriebene Räder liefen. Die Wand vor ihm – genau die Wand, auf die er eingeschlagen hatte – begann, sich zur Decke zu heben. Ein Schwall warme, feuchte Luft wehte ihm entgegen und Gelbin erkannte, welche Form seine Ermordung haben würde. Es roch nach Schimmel, Krätze und altem Affen.

Der Trogg trat mit einem geifernden Knurren aus den Schatten. Kräftig gebaut, mit muskulösen Armen, die fast bis auf den Boden hingen, bewegte er sich mit dem selbstsicheren, wiegenden Gang eines Raubtiers, das weiß, dass sein Opfer festsitzt.

Der Hochtüftler hatte bei Gefechten gegen diese Bestien den Oberbefehl gehabt, aber er war noch nie so nah an einer von ihnen drangewesen; sein Sicherheitsteam hatte es niemals erlaubt (ein Team, dem er dummerweise befohlen hatte, außerhalb des Sektors auf ihn zu warten). Der Trogg war ohne weiteres doppelt so groß wie Gelbin und ein Netzwerk aus Narben verlief über die gegerbte Haut seines Brustkorbs. Schroffe, knochige Ausbuchtungen ragten aus den Schultern und Ellenbogen der Kreatur, deformierte Auswüchse, die Zeugnis ihrer steinigen Herkunft ablegten. Gelbin hatte Gerüchte gehört, dass die Troggs gemeinsame Wurzeln mit den Zwergen besaßen und es sich bei ihnen um einen pervertierten Zweig derselben Art handelte, und er konnte die Ähnlichkeit erkennen im struppigen Bart, der gedrungenen Statur und den dicken, kabelartigen Muskeln, die wirkten, als seien sie aus Granit gemeißelt worden – obwohl er das seinen freundlichen Gastgebern gegenüber niemals zugeben würde. Aber da hörten die Übereinstimmungen dann auch auf. Der Trogg hatte eine geneigte, affenartige Körperhaltung, mit schweren Augenbrauen und den ausgeprägten Fangzähnen eines Raubtiers.

Gelbin dachte zurück an seine Kampfausbildung. Normalerweise nahmen vier oder fünf Gnome es mit einem Trogg auf, vorausgesetzt, sie waren bewaffnet und erfahren in unterirdischer Kriegsführung. Als erfahrener Taktiker wusste Mekkadrill, dass er auch ohne dampfdruckgetriebene Rüstung und Excalischlüssel an seiner Seite einen guten Kampf abliefern würde. Der Gnom machte einen Schritt nach vorne und warf einen Blick durch den Raum. Wenn er schnell genug auf die andere Seite käme, könnte er dort vielleicht einen Hocker als Waffe zweckentfremden. Wenn er sich den Trogg irgendwie vom Leib hielt, würde es ihm womöglich gelingen, durch die Öffnung zu entkommen, durch die das Monster gerade hereingekommen war. Es wäre riskant, aber es war die beste...

Zwei weitere Troggs schlurften ins Licht. Der erste grunzte den beiden Neuankömmlingen kehlige Befehle zu und sie bewegten sich mit animalischer Geschwindigkeit, die ihre Untersetztheit Lügen strafte, auf jeweils eine Seite ihres Opfers.

Die Wand senkte sich hinter ihnen mit einem drohenden Dröhnen und Gelbin gelangte zu einer traurigen Erkenntnis: er würde hier sterben. Aus Thermadrahts Falle würde es kein Entrinnen geben. Sicco brachte zu Ende, was er Jahre zuvor in den Hallen von Gnomeregan begonnen hatte. Die Stadt würde endgültig und unbestreitbar dem Monster gehören, das vorgab, ein Gnom zu sein. Gelbin fiel auf die Knie und schloss die Augen.

Aus.

Vorbei.

Er war des Mitleids müde und der täglichen Erinnerungen, dass er sein Königreich verloren hatte, einfach nur, weil er ein Gnom war. Er war der verdammten Verwirrung müde. Das schlurfende Geräusch der Troggs kam näher und Gelbin Mekkadrill flüsterte einen Abschiedsgruß an sein geliebtes Gnomeregan. An sein Volk.

Die kleinen Narren lieben ihren Hochtüftler.

Nach allem, was passiert ist, lieben sie ihren Hochtüftler.

Gelbin öffnete die Augen und blickte hinab. Er sah, dass er noch immer seine Brille in der Hand hielt. Er sah den hauchdünnen Echtsilberdraht, der sich zum Boden erstreckte. Fast instinktiv übernahm der Ingenieur in ihm das Denken und breitete vor seinem inneren Auge technische Zeichnungen aus.

Der Stolperdraht führte zu etwas, was offensichtlich eine beschwerte Abzugsfeder war. Diese war verbunden mit einer schweren Radachse, die ihr Gegengewicht in den Kabeln hatte, die die Wand mit Hilfe von etwas hochgehoben hatten, was sich anhörte wie rostige Scharniere – Sicco war schon immer nachlässig bei seinen Konstruktionen vorgegangen. Der Rest war eigentlich recht simple Ingenieurskunst und Gelbin fand es ironisch, dass sogar Sicco, der Un-Gnom, sich gnomischer Technologie bediente, um seine finsteren Ziele zu erreichen. Eine Technologie, die Gelbin angepasst, mit Neuerungen versehen und für den Schutz und die Rettung seines Volkes gemeistert hatte.

Gelbin Mekkadrill war ein Gnom mit Schwächen und Stärken. Das war der Grund, warum sein Volk ihn liebte. Das war der Grund, warum er noch immer Hochtüftler war. Und das war der Grund, warum er noch immer für die Gnome kämpfte, selbst nach so viel Schande, Finsternis und Chaos.

Und plötzlich war er nicht mehr verwirrt.

Gelbin rollte sich auf die Seite und wich der Faust des ersten Troggs aus, als diese auf ihn zuraste. Die steinernen Fingerknöchel der Kreatur krachten in den gefliesten Boden und ließen Scherben an seinem Ohr vorbeifliegen. Eine Sekunde später war Gelbin auf den Füßen und sprintete in Richtung des hinteren Teils des Arbeitszimmers. Ein Plan formte sich in seinem Kopf.

Verratet es mir, Sicco: Wenn mein Tod so einen offensichtlichen Vorteil für Euch darstellt, warum habt Ihr dann bis jetzt gewartet? Wäre es nicht viel einfacher gewesen, mich damals zu töten, als Ihr noch mein Vertrauen hattet?

Es war schwierig, gleichzeitig zu reden und zu laufen, aber Gelbin wusste, dass er Thermadraht abgelenkt halten musste, wenn sein Plan Erfolg haben sollte.

In dem Glauben, dass ihr Opfer sich in Richtung eines versteckten Fluchtwegs bewegte, stürmten die zwei Troggs an seinen Flanken an ihm vorbei, um ihn zu blockieren. Das hatte Gelbin vorausgesehen und er nutzte die wenigen Sekunden, die ihm dies gewährte, um den verbleibenden Echtsilberdraht um seine Brille zu wickeln.

Der erste Trogg hatte ihn schon fast wieder erreicht und Gelbin drehte sich um und rannte auf die heulende Bestie direkt zu. Damit hatte die Kreatur nicht gerechnet. Sie stürzte sich auf leere Luft, als Gelbin sich duckte, zwischen ihren Beinen durchrutschte, sich abrollend wieder auf die Füße kam und weiterrannte.

Brüllend drehte sich der Trogg um und wankte hinter ihm her. Die anderen beiden, erregt von den Geräuschen ihres Bruders, heulten auf und umkreisten ihn. Sie waren keine dummen Tiere, das wusste Gelbin. Sie waren damit zufrieden, es dem ersten Trogg zu überlassen, ihn an den Rand der Erschöpfung zu treiben, und ihn sich dann als schnelle Mahlzeit zu schnappen. Siccos Stimme durchdrang die Luft:

Was? Ihr seid noch nicht tot?

Gelbin lächelte, während er lief. Sein Gegner hatte ihm gerade offenbart, dass er zwar hören konnte, was in der Kammer geschah, aber nicht sehen. Er könnte wirklich Erfolg haben.

Der wütende Trogg war schnell – schneller als Gelbin erwartet hatte – und der Gnom konnte seinen fürchterlichen Atem im Nacken spüren. Sein eigener Atem ging stoßweise und Gelbin fokussierte seine Konzentration auf den Zeichentisch, der sich nur wenige Meter vor ihm befand.

Nur noch ein bisschen näher! Nur noch ein bisschen näher!

* * * * *



Mit einem plötzlichen Jaulen wurde der Trogg zurückgerissen und von einer unsichtbaren Kraft zu Boden geschmettert. Der Echtsilberdraht, den Gelbin um das Fußgelenk der Kreatur geschlungen hatte, war an seinem Ende angekommen und hatte, nachdem er in einer Kombination aus Gewicht und Geschwindigkeit auf die robuste Mithrilbrille getroffen war, der Bestie den Fuß vom Bein abgetrennt. Ein schmerzerfülltes Brüllen, zum Teil Stöhnen, zum Teil Schreien, durchschnitt die Luft. Der Trogg hob einen bluttriefenden, abgerissenen Stumpf hoch und heulte erneut auf, während er mit einer Faust auf den Boden schlug. Mekkadrill zwinkerte ihm entschuldigend zu und hastete zum Zeichentisch direkt vor ihm. Einer der Troggs bewegte sich zu seinem gefallenen Kollegen, eher neugierig als besorgt, während der andere weiterhin Gelbin umkreiste.

Erzürntes Gemurmel erklang aus dem im oberen Bereich versteckten Lautsprecher.

Ihr habt Recht, Gelbin. Ich hätte Euch damals töten sollen, aber ich brauchte einen Sündenbock. Ich brauchte jemanden, gegen den ich die Gnome versammeln konnte, damit sie mich zum neuen Hochtüftler wählen würden. Habt Ihr eigentlich eine Vorstellung davon, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, einen Plan zu ersinnen, der Euren Namen beschmutzen würde? Euch zu töten wäre so viel einfacher gewesen!

Gelbin hatte den Tisch erreicht und begann, in verzweifelter Suche die Schubladen aufzuziehen. Er überdeckte seine Handlungen mit einem fast plauderhaften Tonfall.

Also, wann soll der Teil mit dem Versammeln der Gnome und dem Aufstieg zum Hochtüftler denn anfangen? War das ursprünglich geplant für vor oder nach dem Völkermord?

Sicco knurrte und fluchte, außerdem war das deutliche Geräusch eines Schraubenschlüssels, der von einer Wand abprallte, zu hören. Gelbin hatte einen wunden Punkt getroffen.

Im Nachhinein kann jeder Idiot weise klingen! Das Gas war ... wirksamer, als ich gedacht hatte. Meine Berechnungen hatten eine Sterblichkeitsrate von dreißig Prozent ausgegeben, eine statistisch bedeutsame Anzahl an Toten – die alle Euch zu Lasten gelegt worden wären. Das, zusammen mit meinem beeindruckenden Zurückdrängen der Troggs, hätte mir einen schnellen Coup ermöglicht.

Gelbin sah den Einstieg. „Bleiben wir mal bei dem Wörtchen ‚hätte‘ ...

Ein weiteres krachendes Geräusch – dieses Mal hervorgerufen durch etwas, was nur eine Faust sein konnte, die gegen ein Mikrofon geschlagen wurde.

Wer konnte denn voraussehen, dass die Gnome Euch noch immer folgen würden, nachdem ich Eure Hände praktisch in Blut getaucht hatte? Dass sie Logik vollkommen beiseitelassen und sich wie ein Haufen weinerlicher, emotionaler Nachtelfen verhalten würden? Ich bin froh, dass das Gas so gewirkt hat, wie es das letztendlich tat! Die Gnome brauchten diese Reinigung!“

Das nächste Geräusch war dem davor ähnlich, nur lauter und gefolgt von tosendem statischen Rauschen. Dann Stille. Anscheinend hatte Sicco Thermadraht Nahkampfschaden nicht in die Lebensdaueranalyse seines Mikrofons miteinbezogen. Gelbin blickte von seiner Sucherei auf und nickte.

Beherrschung, Beherrschung. Ihr habt gerade die Möglichkeit verloren, Euch aus der Entfernung an meinem Unglück zu weiden, mein Freund.

Er bückte sich und machte sich wieder an die Arbeit. Zum Glück war Thermadraht vorsichtig genug gewesen, das Misstrauen der Spezialisten des Hochtüftlers nicht zu erregen, und hatte deshalb das Arbeitszimmer fast unberührt gelassen. Tatsächlich vermutete Gelbin, dass der Großteil der Falle irgendwo anders zusammengebaut und sie dann hinter den Wänden und unter dem Boden installiert worden war. Das einzige Zeugnis eines Eingriffs war der verdammte Draht gewesen.

Und dieser verdammte Draht hatte gerade seine Probleme um 33,3 Prozent reduziert (Periode 3, natürlich). Gelbin fand, was er suchte, auf dem Boden der letzten Schublade. Es war ein kleiner Lederranzen, den seine Assistenten benutzt hatten, um die im Arbeitszimmer verteilten Uhren zu warten. Pünktlichkeit hatte nie zu seinen Stärken gehört, aber er schätzte es, zu wissen, um exakt wie viel er sich verspäten würde.

Der Gnom drehte sich um, um zu sehen, wo sich seine Angreifer befanden und wich einem weiteren fürchterlichen Hieb aus. Einer der Troggs hatte versucht, sich an ihn heranzuschleichen und seine Faust brach durch den Tisch hinter Gelbin, als ob er aus Streichhölzern bestanden hätte. Er hatte immer geargwöhnt, dass diese Kreaturen über Schwermetalle in ihrer Physiologie verfügten, und der Schaden, den sie in den letzten Minuten am Boden und der Einrichtung angerichtet hatten, hatte ihn in seiner Vermutung bestätigt.

Erneut gereichte dem Gnom seine Geschwindigkeit zum Vorteil und er bewegte sich mit dem Ranzen in der Hand eilig von der Bestie fort. Der Trogg brüllte wütend auf und knurrte dann Kommandos in Richtung seiner Brüder. Ein Monster verlor mit dem auf die Fliesen fließenden Blut langsam seine Lebenskraft, aber das andere signalisierte grunzend Zustimmung und bewegte sich bedächtig durch den Raum. Sie hatten vor, Gelbin zwischen sich festzusetzen und ihm dann den Todesstoß zu versetzen. Der Hochtüftler würde nicht für immer fortlaufen können. Es war nur eine Frage der Zeit und das wussten sie.

Der Gnom war in die Mitte des Raums zurückgekehrt, wo noch immer sein Stuhl lag, auf eine Seite gefallen. Der sterbende Trogg hatte mit der ganzen Kraft seines schweren, rennenden Körpers an dem Draht gezerrt und dabei das Auslösergehäuse herausgerissen, das unter den Fliesen unter dem Stuhl verborgen gewesen war. Es bestand aus einer quadratischen Metallbox, ungefähr der Größe eines flachen Tellers entsprechend. Und wenn Sicco Thermadraht hierbei genauso schlampig und goblin-esque vorgegangen war, wie Gelbin es schon zuvor bei ihm beobachtet hatte, dann würden sich die Hauptachsfeder und die Gegengewichte direkt darunter befinden.

Gelbin stieß den Stuhl beiseite und öffnete seinen Ranzen. Ein Schraubenschlüssel, ein eiserner Hammer, eine Feile und eine weiße Phiole Schwarzmaulöl, um Federn zu ölen – alles in Miniaturausgabe, genau groß genug, um damit an Uhren zu arbeiten. Oder um Sabotage zu sabotieren. Er blickte auf, um die Zeit abzuschätzen, die er hatte, bevor die Troggs ihn erreichten. Vielleicht zwanzig Sekunden. Er brauchte dreißig.

Er entkorkte die Phiole, verteilte deren Inhalt und ließ sie dann in einer glitzernden Geraden über die Fliesen in Richtung des nächsten Troggs rollen. Die Kreatur blickte auf die kleine Flasche nieder und kicherte in affenartiger Erheiterung. Als sie wieder aufsah, konnte sie den Gnom dabei beobachten, wie er einen winzigen Schraubenschlüssel in der einen und eine Feile in der anderen Hand hielt. Mit einer schnellen Bewegung ließ Gelbin das Ende des Schraubenschlüssels über die Feile schaben. Eine Reihe gleißender Funken fiel in breitem Bogen zu Boden und traf dort auf die Ölspur, die sich wie eine glühend heiße Schlange in Richtung der Phiole zu Füßen des Troggs schlängelte. Alles geschah so schnell, dass die Kreatur kaum Zeit hatte, sich abzuwenden, als der Feuerball unter ihr Form annahm. Das struppige Haar ihres Bartes fing Feuer und der Trogg begann hektisch mit seinen knorrigen Fingerknöcheln nach sich selbst zu schlagen, womit er den Flammen nur noch mehr Luft zufächelte.

Zufrieden drehte sich Gelbin zurück zu Draht, zerbrochener Fliese und herausgerissenem Auslösergehäuse zu seinen Füßen. Der andere Trogg befand sich noch immer auf der anderen Seite des Raums und bewegte sich nun sehr viel vorsichtiger, nachdem er gesehen hatte, wie sein Kumpan von einem unbewaffneten Gnom in Brand gesteckt worden war.

Dreißig Sekunden”, murmelte der Hochtüftler. „Vielleicht vierzig.

Er nutzte den Schraubenschlüssel, um das Auslösergehäuse zu öffnen, und identifizierte dann den Auslösemechanismus am Boden der Echtsilberspule. Wie erwartet hatte Sicco schlampig gearbeitet. Ein guter Saboteur hätte sichergestellt, dass der Auslöser nur einmal funktionierte, entweder durch Einwegmaterialien oder Federn mit geringer Spannkraft. Die Feder bei dieser Spule war noch immer aufgerollt genug, um sie ein paar weitere Male einzusetzen, und Gelbin fügte den Auslöser schnell dem Gegengewichtsschalter hinzu. Dabei handelte es sich um eine rechteckige Kombination aus Zahnrädern, die es möglich machte, die Trickwand auf und ab zu bewegen, indem sie die Kabel lenkte, die mit einer separaten, gewaltigen und über eine Achse direkt unter seinen Füßen gespannten Triebfeder verbunden waren. Nachdem der Auslösemechanismus angebracht war, legte er den Schalter zur Seite und griff nach unten in den Zwischenraum, wo sich das Auslösergehäuse befunden hatte. Der Schraubenschlüssel leuchtete auf, als Gelbin flink die Rückhaltebolzen entfernte, die die Achse sicher in Position gehalten hatten.

Insgesamt fand er vier rostige Bolzen vor und es kostete Gelbin die restliche Zeit, um drei von ihnen zu lösen. Metall ächzte, als sich das gewaltige Gewicht, das bisher von der gesamten Vorrichtung getragen worden war, nun auf einen einzelnen, zerfressenen Bolzen verlagerte.

Gelbin war gerade dabei, sich von seiner Arbeit aufzurichten, als der Trogg ihn ergriff und in die Luft riss. Er zog Mekkadrill zu sich heran und zeigte ein zerklüftetes Grinsen: seine Geduld war belohnt worden. Der Hochtüftler befand sich nur Zentimeter entfernt von gesprungenen Felszähnen, Zähnen, die noch immer bedeckt waren mit den Überresten von welcher armen Kreatur auch immer, die ihm zuletzt so nah gewesen war. Gelbin wich angewidert zurück, das Gesicht verzogen.

Winkelfeder hatte Recht – ich kann diesen Gestank schmecken.

* * * * *



Der Trogg brüllte und der Hochtüftler wurde mit Spucke überzogen.

Gelbin schlug mit der Faust in den Mund des Troggs, wobei er ihm die Frontzähne zertrümmerte und ihm Knochenstücke in die Kehle trieb. Der Trogg ließ ihn fallen und wankte mit einem glucksenden Schrei rückwärts. Gelbin schüttelte das Blut von seiner Hand und öffnete sie dann, um den Eisenhammer darin zu offenbaren.

Ein kleiner Tipp, mein Freund: Lass niemals einen Gnom in die Nähe deiner Zähne.

Der Trogg wischte sich das Blut vom Mund und drehte sich um, als der andere Trogg, dessen versengte Haut mit Brandblasen überzogen war, hinzukam. Die beiden Wesen waren aufgebracht und Gelbin wusste, dass er nur wenige Sekunden davon entfernt war, in Stücke gerissen zu werden. Er machte einen Schritt zurück und drückte auf den hastig konstruierten Auslöser.

Im Untergrund wurden Gewichte verschoben, Kabel spannten sich und ein einzelner, rostiger Bolzen gab unter dem Druck nach. Die Fliesen zu Füßen der Troggs zersprangen, als ein Kabel nach oben durch den Boden gerissen wurde und dabei die Achse hinter sich herzog, in einer Eruption aus Gestein und Metall. Die Bestien wurden nach hinten geschleudert und krachten in den geschundenen Tisch, während sich gleichzeitig hinter dem Hochtüftler die Trickwand hob.

Seine Gegner waren ausgeschaltet und der Ausgang frei. Es war Zeit, diesen Ort zu verlassen. Gelbin wandte sich zum Gehen, während er seine Werkzeuge in seinen Gürtel schob.

Eine Sekunde lang hielt er inne und rang tatsächlich mit sich, ob er zurückgehen sollte, um seine alte Brille zu holen. Er konnte sie auf der anderen Seite des Raums sehen, durch ein Stück Draht noch immer verbunden mit den grotesken Überresten eines Troggfußes. Noch immer intakt. Noch immer funktionsfähig. Seine Hand ging automatisch zu seiner Nase und rieb sich die empfindliche Stelle, wo die neue Brille die Haut wundscheuerte.

Nein, nein”, sagte Gelbin zu sich selbst, den Kopf schüttelnd. „Sie hat ihren Zweck erfüllt. Und ich muss hier raus.

Allerdings hatte er zu lange gewartet. Mehr Troggs kamen jetzt durch den Ausgang. Dutzende von ihnen. Sie drängten sich durch die Öffnung und umkreisten Gelbin, knurrend und fauchend und ihre felsigen Zähne bleckend. Er war mit seiner Weisheit am Ende und zweifelte daran, dass diese Troggs so freundlich sein würden, ihn und seinen blutigen Hammer in der Faust in die Nähe ihrer Gesichter zu heben.

Aber die Troggs näherten sich nicht. Sie warteten ab.

Ich schätze, ich schulde Euch eine Entschuldigung, Gelbin. Ich habe Eure Unerschrockenheit unterschätzt – ich hätte Euch vier Troggs schicken sollen.

Das nachfolgende schrille Lachen war nervenaufreibend. Es klang, als hätte sich Sicco Thermadraht hier unten in Gesellschaft dieser Monster nur noch weiter dem Wahnsinn ergeben. Ein klirrendes Geräusch erklang, das Zischen einer Dampfmaschine, und Sicco erschien.

Der Robogenieur hatte einen neuen Kampfanzug für sich selbst erschaffen. Gelbin hatte Berichte gehört, die davon sprachen, dass Sicco in den vergangenen Jahren mit einem gewaltigen, kesselförmigen Etwas in den Eingeweiden Gnomeregans unterwegs gewesen sei, aber das hier war etwas komplett anderes. Eine wendige Vorrichtung in Menschengröße schritt an den wartenden Troggs vorbei, begleitet von dem Zischen heißen Dampfes. Zusammengeschweißt aus formbaren, dekorativen Metallen, ähnelte es einem dieser raffinierten Rüstanzüge der Menschen, die für Paraden oder die Zurschaustellung vor dem gewöhnlichen Volk gedacht waren – nur dass in diesem Falle Siccos runzliger kleiner Kopf aus dem Kragen ragte. Dem wahnsinnigen Gnom hatten die letzten Jahre nicht gut mitgespielt und Gelbin erkannte seinen alten Freund kaum wieder. Er sah eingefallene Wangen, dünne Strähnen weißen, spinnennetzartigen Haars und eine ungesunde grünliche Hautfarbe, die von Verstrahlung und Irrsinn zeugten.

Sicco bemerkte Gelbins mitleiderfüllten Blick und missverstand ihn als Anerkennung. Grinsend wirbelte er in einem engen Kreis herum und verbeugte sich dann mit einer schwungvollen Geste.

Beeindruckendes Stück Ingenieurskunst, was? Wisst Ihr, ich habe diverse Testläufe mit einem eher praktisch ausgerichteten Schlachtfeldprototypen durchgeführt, aber er hat sich als viel zu sperrig erwiesen ... und als zu anfällig für Explosionen. Dieser Anzug hier ist in der Hinsicht um einiges stabiler und viel angemessener für meinen gesellschaftlichen Rang.

Euren gesellschaftlichen Rang?

Natürlich. Es ist nur angemessen, dass der König der Gnome sich auf Augenhöhe mit den anderen Herrschern der Welt befindet. Ein Konzept, das für einen kümmerlichen Versager wie Ihr es seid schwer zu begreifen ist, ich weiß.

Gelbin runzelte die Stirn. „Der König der Gnome, hm? Ihr habt also aufgegeben, darauf zu hoffen, eine Wahl zu gewinnen, nehme ich an. Das ist wahrscheinlich am Besten so, immerhin würde es den Wahlberechtigten wohl schwer fallen, für einen Kandidaten zu stimmen, der kein Gnom ist.

Für eine Sekunde sah Sicco überrascht aus und ein Zischen war zu hören. Der Hochtüftler war nicht sicher, ob das Geräusch der kochenden Dampfmaschine im Bauch von Siccos Anzug entstammte oder ob es nicht viel mehr eine reptilische Antwort des Möchtegernthronräubers war. Ungeachtet dessen passte das Geräusch zu Thermadrahts finsterem Gesichtsausdruck.

Mir scheint, dass das Betteln um Abfälle an den zwergischen Tafeln Euch ein wenig durcheinander gebracht hat, Gelbin. Kein Gnom? Ich bin zehnmal der Gnom, der Ihr jemals sein werdet! Während Ihr Euch zurückgelehnt und auf Eurem erfundenen, unberechenbaren ‚Genie‘ ausgeruht habt, war ich derjenige, der tatsächlich arbeiten musste für die Anerkennung. Wer hat denn Wochen damit verbracht, ballistische Mechanismen für Eure Belagerungsmaschinen zu entwickeln? Ich war derjenige, der Euren schwerfälligen Metallrübenwagen in eine mobile Kanone verwandelt hat! Diese Arbeit hat unsere Allianz mit den Zwergen gefestigt. Und habe ich dafür auch nur den Hauch eines Dankes bekommen?

Gelbin seufzte. „Sicco, Ihr wart einer der intelligentesten Gnome in Dun Morogh und Ihr scheint vergessen zu haben, dass ich meine Dankbarkeit für Eure Arbeit immer sehr lautstark zum Ausdruck gebracht habe. Ihr hattet kreative, sogar brillante Ideen. Aber Ihr habt nachlässig gearbeitet. Zu ungenau in Euren Schätzungen und zu vorschnell in Euren Verfeinerungen. Ich habe Euch die Entwicklung von Geschützen zugewiesen, in der Hoffnung, dass Ihr daran wachsen würdet. Aber Eure ballistischen Berechnungen hätten meine Belagerungsmaschinen beim Nachladen explodieren lassen. Ich habe lange Stunden damit zugebracht, Eure Zahlen zu überarbeiten, bevor ich sie nach Eisenschmiede schickte.

Was? Lügen! Wenn meine Arbeit so lausig war, warum habt Ihr dann zugelassen, dass ich die Lorbeeren für die Waffen ernte?

Weil“, sagte Gelbin, „Ihr mein Freund wart.

Sicco Thermadraht trat einen Schritt zurück, die Augen geweitet. Für einen Augenblick wurde sein Gesicht weicher und ähnelte dem gewitzten jungen Gnom, mit dem sich Gelbin vor vielen Jahren angefreundet hatte. Dem Gnom, dem er dabei geholfen hatte, seinen Schulabschluss zu machen, den er in seiner Gießerei beschäftigt und dem er zu einer prominenten Rolle im Tüftlerhof verholfen hatte, trotz seiner besorgniserregenden und zunehmend fehlerhaften Leistungen. Sicco blinzelte mehrmals und hob eine metallene Hand, um sich die Stirn zu reiben.

Gelbin, ich … ich …

Und dann bemerkte er die Hand, die mächtigen vergoldeten Finger, die er allein erschaffen hatte. Er ballte die Hand zu einer Faust und Siccos Gesicht verzog sich zu einem irren Grinsen. Gelbins Freund war verschwunden.

Nun, diese durchweichte Schwäche ist genau der Grund, warum ich beschloss, Euch die Zügel aus der Hand zu nehmen. Wir Gnome sollten dieses Land dominieren, mit unseren unaufhaltsamen Waffen, und sie nicht an unsere idiotischen Verbündeten verkaufen. Dafür gibt es die Goblins!

Der Hochtüftler schüttelte den Kopf.

* * * * *



Ihr habt es niemals wirklich verstanden, oder? Es ist unsere Loyalität gegenüber unseren Freunden, die uns unsere wahrhaftigste, größte Stärke gewährt. Das ist es, was uns von den Ogern und Troggs unterscheidet – und sogar von den Goblins. Darum haben uns die Zwerge geholfen, als wir am Rande der Auslöschung standen, und darum haben sie uns sogar einen Teil ihrer geheiligten Hallen überlassen, damit wir ihn eine Heimat nennen können. Und darum sterben Zwerge, Menschen, Draenei und Nachtelfen an unserer Seite in den uns umgebenden Tunneln, um eine Stadt zurückzuerobern, die niemals die ihre war. Sie sind hier, weil sie unsere Freunde sind, Sicco. Meine Freunde. Das ist eine Macht, der Zahlen niemals ebenbürtig sein können.

Der Robogenieur zischte – diesmal war sich Gelbin sicher, dass das Geräusch von den geschürzten Lippen des Gnoms gekommen war – und marschierte vorwärts. „Warum schließt Ihr nicht einfach die Augen und lasst mich diesem Trauerspiel ein Ende machen?"

Er hielt direkt vor dem Hochtüftler. Sicco schüttelte den Kopf und hob seine Hand zum Abschiedsgruß. Die Hand machte ein knarrendes Geräusch, vollführte einen geschlossenen Kreis und verschwand dann im Stahlhandgelenk der Rüstung des Kampfanzugs. Thermadraht kicherte und bewegte den Arm nach vorne. Mit einem weiteren Dampfstoß wurde eine bösartige Klinge aus dem Ärmel ausgefahren – eine Klinge, die rot zu gleißen begann vor mechanischer Hitze. Gelbin stolperte rückwärts in die Achse und fühlte die gespannte Feder in seinem Rücken. Er hatte noch immer seinen Schraubenschlüssel in seinem Gürtel und er hob ihn, um damit Siccos Klinge zu parieren. Dies rief ein weiteres Kichern hervor.

Ach herrje. Ihr seht da unten so zerbrechlich aus. Haben die Zwerge Euch beigebracht, so zu kämpfen?

Nein“, erwiderte Gelbin, während er den Schraubenschlüssel in seinen Fingern drehte. „So kämpft ein Gnom. Passt auf Euren Kopf auf.

Er drehte sich um und tippte mit dem Schraubenschlüssel gegen den Haken, der die Feder in Position hielt – ein Haken, der von der darunterliegenden Vorrichtung gestützt worden war.

Nun schwang er mit einem klickenden Geräusch zurück, wobei er der Feder die Möglichkeit gab, von der Achse fortgeschleudert zu werden. Ein scharfer Stahlwirbel pfiff durch den Raum, als sich ein gewaltiger Speicher von aufgestauter Energie innerhalb weniger Sekunden entlud. Gelbin fühlte ein ungeheures Rauschen, hervorgerufen von einer peitschenden Bewegung über seinem Kopf, und dann ... Stille.

Er drehte sich und sah zurück. Die Troggs standen noch immer dort und geiferten. Sicco kicherte erneut.

Drei einsame Haare, die zuvor auf Gelbins Kopf gewachsen waren, fielen langsam vor seinen Augen zu Boden.

Gefolgt von den Köpfen jedes einzelnen Troggs im Raum.

Und letztendlich vom halbierten Rumpf von Sicco Thermadrahts Kampfanzug. Begleitet von einem heißen Dampfstrahl glitt die obere Hälfte ohne Widerstand zur Seite und knallte auf den Boden vor Gelbin, wo sie mit dem Gesicht nach oben an seinem Bein zum Halt kam. Der Träger des Kampfanzugs schluckte einmal und blinzelte mehrmals.

Sicco war überrascht.

Sicco war ... verwirrt.

M-meine Beine sind in der Hälfte“, sagte Sicco und zeigte auf den noch immer stehenden Teil des Anzugs.

Hochtüftler Gelbin Mekkadrill nickte und beugte sich vor, um ihm auf die mechanisierte Schulter zu klopfen.

Da habt Ihr vollkommen Recht, mein Freund. Und dank des rasierklingenschnellen Federschnitts und der Kauterisation durch den Dampf aus Eurer zerborstenen Maschine ist die Blutung vermutlich minimal. Ich würde ja bleiben, um zu sehen, ob die Ratten Euch vor Euren Troggdienern finden, aber von Letzteren habe ich genug gehabt für einen Tag.

Ihr wollt mich hier einfach … einfach zurücklassen?

„Ihr verdient keinen schnellen Tod, Sicco. Ihr verdient eine lange, elende Existenz in einem dunklen Loch, umgeben von dreckigen Monstern.

Gelbin trat mit einem traurigen Lächeln einen Schritt zurück. Er hob die Arme, um mit dieser Geste ganz Gnomeregan einzuschließen. „Eigentlich habt Ihr Euer ganz privates Gefängnis schon hier errichtet. Besser als alles, was ich für Euch hätte bauen können. Hier habt Ihr mich definitiv ausgestochen. Glückwunsch.

Sicco Thermadraht blinzelte. Er stammelte. Gelbin genoss die seltene Gelegenheit, auf seinen Feind herabschauen zu können. Er konnte hören, dass sich weitere Troggs durch die Öffnung näherten und wusste, dass es Zeit war, zu gehen.

Überdies, wenn Ihr doch überleben solltet, so fällt mir niemand ein, den ich lieber als Anführer dieser Bestien sehen würde als einen der Ihren.“ Er beugte sich vor und roch an Siccos Kopf. Angewidert rümpfte er die Nase.

Genießt Eure weitere Zeit im Kerker, mein Freund. Ihr habt Eure Zeit fast schon abgesessen.

Und damit verließ Gelbin sein Arbeitszimmer, um nach Neu-Tüftlerstadt zurückzukehren. Sicco blieb allein in der Dunkelheit zurück, hilflos und sorgfältig in zwei Hälften geteilt.

Die Verseuchung durch die Troggs würde noch immer Zeit und Anstrengung in Anspruch nehmen, um ihrer Herr zu werden. Ein umfassender Wischauftrag für diese stinkenden Gänge war gerade auf seiner Prioritätenliste aufgestiegen und der Hochtüftler malte sich bereits Pläne aus für eine offenere und luftigere Anordnung. Diesem „dunklen Loch“ standen Umbauarbeiten bevor, die sich selbst die Titanen nicht hätten vorstellen können, nicht nur, um seine frühere Pracht wiederherzustellen, sondern um etwas weit besseres zu erschaffen. Weit heller. Weit passender für die Gnome von Azeroth. Gelbin nahm seine neue Brille ab und seufzte, während er sich über den Nasenrücken rieb. Ein paar Nachrüstungen hier, ein paar Verbesserungen da – vielleicht würde er sich ja doch noch an diese Brille gewöhnen.

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