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Im Schatten der Sonne

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Lor'themar Theron Im Schatten der Sonne


Im Schatten der Sonne
Im Schatten der Sonne.jpg
Autor(en): Sarah Pine
WoWPedia: In the Shadow of the Sun
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Im Schatten der Sonne ist eine Kurzgeschichte von Sarah Pine, welche auf der offiziellen Seite veröffentlicht wurde.

Charaktere

Hauptcharaktere Unterstützend Erwähnt

Im Schatten der Sonne

Lor’themars Schreibtisch war unter gewaltigen Papierstapeln begraben. Berichte, Sendschreiben, Befehle und Bestandslisten schwankten unsicher auf Türmen, die zu ordnen er schon vor langer Zeit aufgegeben hatte. Alle betrafen den kurzen, aber umso härter geführten Krieg um Quel'Danas und den Sonnenbrunnen. Doch für den Moment hatte er all das vergessen.

In seiner Hand hielt er einen einzigen, ungeöffneten Brief. Auf dem violetten Siegelwachs prangte ein großes Auge, das Zeichen Dalarans. Es schien ihn anklagend anzustarren und erinnerte ihn an all die anderen Briefe dieser Art, die er erhalten und sofort beiseitegelegt hatte. Er brach das Siegel und nahm das sorgfältig gefaltete Pergament heraus. Lor’themar erkannte sofort die ebenmäßige, akkurate Handschrift, welche die Seite zierte.

Mehrfach hatte Erzmagier Aethas Sonnenhäscher in letzter Zeit um eine Audienz beim Lordregenten ersucht, war von Lor’themar jedoch stets geflissentlich ignoriert worden. Seit den Ereignissen auf Quel’Danas hatte er verzweifelt versucht, den Rest der Welt zu vergessen, aber ihm wurde klar, dass sie sich ihm eines Tages von ganz allein wieder aufzwingen würde.

Lor’themar seufzte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Dieser Brief war wesentlich kürzer als seine Vorgänger. Dieses Mal hatte Aethas keine Bitte geschickt, sondern einfach nur eine Nachricht mit dem Tag und der Zeit seiner Ankunft. Lor’themar strich mit dem Daumen die raue Kante des Pergaments entlang. Er hatte eine recht genaue Vorstellung davon, was Aethas ihm vorschlagen würde, und er war sich seiner Antwort darauf noch nicht sicher.

***

Am Tag der geplanten Ankunft Aethas' indes war Lor’themar sich seiner Antwort keinen Deut klarer. Als er vom Sonnenzornturm in Richtung der Eingangshalle schritt, wo der Erzmagier erscheinen würde, wurde er von Halduron angehalten, der ihm ein kleines Bündel weicher, purpurner Wolle entgegenhielt. Lor’themar nahm es an sich und hielt es hoch, um es zu entfalten. Zum Vorschein kam ein majestätischer goldener Phoenix: das Stadtwappen Silbermonds.

Mit einem schroffen „Nein“ reichte er das Gewand seinem Freund zurück.

„Du solltest es anziehen“, drängte Halduron.

„Wozu?“, antwortete er, während er seinen Weg fortsetzte. „Jeder im Dienste Silbermonds darf es tragen.“

„Es ist sein Staatswappen“, rief Halduron ihm hinterher. „Du bist das Staatsoberhaupt. Du solltest auch entsprechend aussehen.“

„Ich bin der Lordregent“, sprach Lor’themar, ohne anzuhalten. „Nicht der König.“

„Darum geht es nicht, Lor’themar. Du siehst aus wie ein Weltenwanderer.“

Lor’themar blieb wie angewurzelt stehen.

„Ich bin ein Weltenwanderer“, entgegnete er schärfer als eigentlich beabsichtigt.

„Du warst einer“, seufzte Halduron. „Du kannst nie wieder ein Weltenwanderer sein, Lor’themar. Darin sind wir uns nun sicher.“

Lor’themar senkte sein Haupt und nahm einen tiefen Atemzug.

„Wir kommen zu spät, Halduron.“

Er ging weiter und nach einem kurzen Moment der Stille hörte er, wie Haldurons Fußschritte ihm folgten.

Rommath erwartete sie bereits in der Halle. Schwer stützte er sich auf seinen Stab und starrte geistesabwesend auf die gegenüberliegende Wand. Als sie eintraten, warf er Lor’themar und Halduron einen flüchtigen Blick zu, ein Ausdruck des Missfallens durchzuckte sein Gesicht, doch dann wandte er sich wortlos wieder ab. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er Lor’themars Entschluss, sich im Aufzug eines Waldläufers zu präsentieren, weitaus heftiger widersprochen hätte als Halduron, aber das war vorbei. Trotz all der Dispute und des ständigen Streits mit Rommath empfand Lor’themar inzwischen nur noch Mitleid mit dem Magier. Kael’thas’ letzter Verrat hatte dessen treuesten Fürsprecher im Mark erschüttert.

Die Luft vor ihnen erglomm in violettem Glanz – das unmissverständliche Zeichen arkaner Magie. Nur einen Augenblick später wurde die Halle von einem bläulich-weißen Licht erfüllt und Aethas materialisierte sich vor ihnen. Er richtete sich auf, staubte seine Robe ab, und Lor’themar konnte nicht anders, als zu bemerken, wie lächerlich er aussah. Der elegante, tiefpurpurne Magiestoff der Kirin Tor biss sich schrecklich mit seinem kupferroten Haar und weigerte sich hartnäckig, seine schlanke Statur gefällig zu umhüllen. Aus seinen Briefen – und von den Gerüchten aus dritter Hand – hatte Lor’themar erfahren, dass Aethas ebenso idealistisch wie gerissen war und bei Weitem zu jung für die Position, die er in Dalaran erlangt hatte. Andererseits waren die meisten älteren Magi der Sin’dorei inzwischen tot. Letztendlich fand Lor’themar, dass Aethas’ Ehrgeiz etwas Gutes hatte. Immerhin einer hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

„Willkommen zu Hause, Erzmagier Sonnenhäscher“, begrüßte er ihn.

Aethas ließ ein kurzes Lächeln aufblitzen. „Habt Dank, Lord Theron“, antwortete er mit einer anmutigen Verbeugung. „Ich wünschte nur, meine Rückkehr wäre diesmal von Dauer.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Lor’themar diplomatisch. „Eure Korrespondenz hat mich mit dem Anliegen Eures Besuches vertraut gemacht. Bitte hier entlang; meine Berater und ich werden Eurem Ersuchen Gehör schenken.“

Normalerweise hätte Lor’themar sie alle in die offizielle Versammlungshalle im Norden des Palastes geleitet. Sie war besonders beeindruckend gestaltet und speziell zu diesem Zweck entworfen worden. Doch es war ein klarer Tag und der Horizont so ungetrübt wie eine frische Gebirgsquelle. Man würde die Insel deutlich am anderen Ufer der Meerenge sehen können. Lor’themar wünschte fast, Quel’Danas niemals wiedersehen zu müssen, und so führte er sie in einen Nebenraum östlich des Haupthofes, von dem aus man die schattigen Kuppeldächer Silbermonds überblicken konnte. Sie setzten sich und Aethas ergriff das Wort. „Angelegenheiten von größter Tragweite haben mein Kommen erforderlich gemacht – Angelegenheiten, die uns alle betreffen. Euch ist der Grund für die Umsiedlung der Kirin Tor nach Nordend sicher bereits bekannt.“

„Ja, Malygos“, antwortete Lor’themar. „Was wollt Ihr?“

Aethas schüttelte den Kopf. „Der blaue Drachenschwarm ist weitaus mächtiger und bedrohlicher als wir zuerst angenommen hatten. Ich möchte unsere Beziehungen zu den Kirin Tor auf offizieller Ebene forcieren. Es ist zwingend erforderlich, dass die Magi von Quel'Thalas und Dalaran wieder Seite an Seite streiten, wie dies schon in der Vergangenheit so lange Jahre der Fall war.“

„Nein.“

Aethas begann, wütend zu werden, und Zornesfalten verfestigten sich um seine Mundwinkel und zwischen seinen Brauen. Doch die Ablehnung war nicht von Lor’themar ausgesprochen worden. Zum Redner gewandt sprach er: „Ich habe den Lordregenten gefragt. Nicht den Großmagister.“

Rommath stieß ein Lachen aus, dessen Bitterkeit es mehr wie ein Husten klingen ließ. „Wohlan, dann lasst den Lordregenten mir gnädigerweise das Wort erteilen.“

„Ich denke, wir werden nicht umhinkommen, Eurer Meinung Gehör zu schenken“, sprach Lor’themar, wobei er den ironischen Unterton in seiner Stimme so gut wie möglich zu beherrschen suchte. „Sagt, was Ihr zu sagen habt.“

Obgleich der Raum gut beleuchtet war, war das Funkeln in Rommaths Augen nicht zu übersehen. „Wie großzügig von Euch, Lor’themar“, erwiderte er, ohne dabei auch nur eine Sekunde den Blick von Aerthas’ Gesicht zu nehmen. Seine Stimme klang wie das Zischen einer zusammengerollten Schlange: tief, böse und gefährlich.

„Hat Modera Euch vor Eurer Abreise instruiert, Aethas? Ihr klingt nicht ganz wie Ihr selbst. Eure Worte triefen von ihrer intriganten Diplomatie. Aber zumindest wagt sie es nicht, selbst einen Fuß hierher zu setzen. So viel Verstand besitzt sie gerade noch. Ich schätze, ich sollte auch für die kleinste Gnade dankbar sein.“

„Was diese Angelegenheit betrifft, ist Modera einer Meinung mit mir“, antwortete Aethas steif, ohne auf Rommaths Köder anzuspringen.

„Sie ist also einer Meinung mit Euch“, erwiderte Rommath nachdenklich, „oder seid nicht viel eher Ihr einer Meinung mit ihr? Denn ich glaube kaum, dass sie Euch hierher schicken würden, wenn Ihr auch nur den Hauch einer eigenen Meinung besäßet!“

„Verdammt noch mal, Rommath!“ Aethas riss der Geduldsfaden. „Habt Ihr auch irgendetwas von Belang beizusteuern, abgesehen von Euren persönlichen Beleidigungen?“

„Ihr seid blind“, entgegnete Rommath unbeeindruckt und mit fester Stimme. „Ihre Augen waren größer als ihr Magen und nun stehen sie Malygos und Arthas gleichzeitig gegenüber. Sie haben Angst. Und das sollten sie auch. Sie brauchen Hilfe, die ihre Macht bei Weitem übersteigt – und an wen haben sie sich in Fragen des Arkanen bisher immer gewandt? Oh ja, an uns. Die Mitglieder der Kirin Tor werden Stein und Bein schwören, dass Ihr unentbehrlich seid, dass Eure Fähigkeiten von unschätzbarem Wert seien. Und wenn sie Eurer dann überdrüssig sind, werdet Ihr beseitigt.“ Er drehte seinen Kopf zur Seite und ließ seinen Blick zuerst zu Halduron und dann zu Lor’themar schweifen, während eines seiner langen Ohren nahezu unmerklich zuckte. „Fragt sie. Sie wissen es. Aber bei Weitem nicht so gut wie ich.“

Aethas starrte mit leerem Blick auf Rommath zurück. „Quel’Thalas und die Kirin Tor waren mehr als zweitausend Jahre lang Verbündete. Seit unserem offiziellen Beitritt zur Horde gab es zwar einige Irritationen, aber ...“

Erneut lachte Rommath auf, dieses Mal sogar lauthals.

„Seit unserem offiziellen Beitritt zur Horde“, wiederholte er. „Ja. Ich verstehe, dass Euch dieses Thema unangenehm ist. Und könnt Ihr, Erzmagier Sonnenhäscher, Euch noch daran erinnern, weshalb genau wir uns der Horde angeschlossen haben?“

Aethas antwortete nicht, aber er sah Rommath fest in die Augen.

„Ein monumentaler Verrat“, fuhr Rommath fort, seine Stimme beinahe zu einem Flüstern gesenkt. In seinen Augen loderte ein Hass, den er nun seit fast zehn Jahren tief in sich trug. „In Dalaran“, fuhr er fort, „unter dem stets wachsamen Auge der Kirin Tor.“

„Sie hatten wirklich nichts zu tun mit ...“

„Ich nehme an, Ihr wolltet sagen“, fuhr Rommath dazwischen, „dass die Kirin Tor nichts taten. Nichts taten, um es zu verhindern und nichts, um ihm Einhalt zu gebieten. Und stattdessen“, seine Stimme wurde lauter, „habt Ihr uns in den Kerkern unter einer Stadt verrotten lassen, die viele von uns ebenso als Heimat bezeichneten wie Silbermond. Einer Stadt, der unser eigener Kronprinz mehr als ein Menschenleben lang so treu gedient hatte wie seinem Heimatland. Einer Stadt, für die wir gekämpft haben und gestorben sind, und zwar auf Bitten der Kirin Tor. Einer Stadt, innerhalb deren Mauern sie tatenlos mit angesehen hätten, wie wir alle am Galgen baumeln. Ihrer Stadt.“

„Die Kirin Tor haben ein neues Oberhaupt“, entgegnete Aethas, und Lor’themar fand, dass sein beherrschter Tonfall für den jungen Erzmagier sprach.

„Das ist eine Lüge, und das wisst Ihr auch“, hielt Rommath dagegen. „Rhonin mag ihr Repräsentant sein, aber Modera und Ansirem sind noch immer Teil des Rates. Dieselben, die so bereitwillig wegsahen, als Garithos uns zum Tode verurteilte. In der Hölle verrotten sollen sie oder noch besser, als Geißel in Arthas’ Armee“, fügte er verächtlich hinzu.

„Lasst uns hoffen, dass keiner des Rates der Sechs jemals unter Arthas’ Einfluss gerät, Rommath“, bemerkte Halduron leise.

„Trotz Eurer offensichtlichen Verachtung für die Kirin Tor, scheint Ihr äußerst gut informiert zu sein, Großmagister“, führte Aethas an.

„Was einer der Gründe dafür sein dürfte, weshalb ich der Großmagister von Quel’Thalas bin und nicht Ihr, möchte ich meinen“, erwiderte Rommath scharfzüngig. „Und als Großmagister werde ich meinen Magi niemals befehlen, im Namen der Kirin Tor zu dienen. Niemals.“

Lor’themars Finger zuckten gegen die glatte Tischplatte und sein Mund verhärtete sich. Rommath hatte sich auf einem schmalen Grat bewegt, den er nun überschritten hatte.

„Genug“, sprach Lor’themar mit kalter Stimme. „Ein derartiges Ultimatum auszusprechen überschreitet Eure Befugnisse. Ob unsere Truppen nach Nordend entsandt werden, obliegt allein meiner Entscheidung – und sollte ich mich dazu entschließen, habt Ihr und Eure Magi meinem Befehl Folge zu leisten.“

„Davon abgesehen“, fuhr er sich erhebend fort, „ist offensichtlich, dass all dies in nichts als kleinlichem Gezänk enden wird. Aber wenn Ihr zwei unbedingt so weitermachen wollt, wohlan, ich werde Euch nicht im Wege stehen. Ich allerdings habe nicht vor, noch mehr meiner kostbaren Zeit zu verschwenden. Und ich wage zu behaupten, dem Waldläufergeneral geht es ähnlich.“

„Ich muss mich um Angelegenheiten im Süden kümmern“, fügte er hinzu, „und ich hatte geplant, morgen aufzubrechen. Ich denke nicht, dass ich diesen Plan verwerfen sollte. Ihr dürft gerne hierbleiben, Erzmagier, aber meine Rückkehr könnte einige Tage dauern.“

Aethas gab zwar keine Antwort, vermochte aber trotzdem nicht, seinen Ärger zu verbergen. Und Lor’themar hatte nicht das Geringste dagegen, ihn noch ein wenig in seinem Zorn schmoren zu lassen. Er wandte sich um und wollte gehen.

„Wir werden nach Dalaran ziehen, ob Ihr nun mitkommt oder nicht, Lordregent“, schallte Aethas’ Stimme durch den Raum. Lor’themar hielt inne und wendete ihm seinen Blick zu, während Aethas weitersprach. „Gestattet mir zumindest, im Namen der Regentschaft von Silbermond sprechen zu dürfen, dann werde ich dafür sorgen, dass die Interessen der Sin’dorei gewahrt werden.“

Rommath schnaubte verächtlich, blieb aber stumm. Für einen Moment bedachte Lor’themar Aethas’ Ersuchen, aber der jüngere Elf befand sich in keiner guten Verhandlungsposition. Ihnen allen war klar, dass Aethas’ staatsmännische Fähigkeiten denen der anderen Männer im Raum bei Weitem unterlegen waren.

„Ich werde einen Diener anweisen, Euch zu Euren Gemächern zu führen“, erwiderte Lor’themar.

***

Aethas hatte sich hinlänglich höflich verabschiedet, nicht jedoch, ohne ein, zwei finstere Blicke in Rommaths Richtung zu werfen. Der Großmagister war energisch aufgetreten, aber Lor’themar entgingen keineswegs das leichte Schwanken in seinem Gang und die Zeichen der Erschöpfung, die von seinem Gesicht wieder Besitz ergriffen, nachdem Aethas außer Sichtweite war. Lor’themar hatte Rommaths Schwäche genau erkannt. Sein Wille konnte gebeugt werden.

Einst, vor langer Zeit, hätte Lor’themar es als unehrenhaft angesehen, eine solche Schwäche auszunutzen auch nur in Betracht zu ziehen. Jetzt sah er darin pure Notwendigkeit.

Er saß allein am Fenster seines Gemachs und ließ sich die nachmittägliche Debatte noch einmal durch den Kopf gehen. Gedankenverloren ließ er den langen Vorhang durch seine Hände gleiten, während sein Blick über den Turmgarten schweifte. In seinem Kopf hallte die entschlossene Stimme Aethas’ wider. Wir werden nach Dalaran ziehen, ob Ihr nun mitkommt oder nicht. Lor’themar konnte diese Wahrheit nicht bestreiten, doch persönlich war ihm Rommaths Verachtung näher. Wie konnte er Aethas vertrauen, die Regentschaft loyal zu vertreten, wenn dieser sich bereits jetzt schon in die Gewänder der Kirin Tor kleidete und seinen Briefen ihr Siegel aufdrückte. Aethas hatte sich dem Nexuskrieg verschrieben, so viel stand fest. Wie viele andere würde er überzeugen können, ihm zu folgen? Und inwieweit war er als Lordregent verpflichtet, sein Volk zu schützen, wenn es in umstrittenes Gebiet eindrang?

Der Stoff dehnte sich und begann unter Lor’themars unsanften, unbewussten Liebkosungen zu reißen. Er bemerkte es nicht.

***

„Ich bin mir unsicher“, gestand Halduron ihm später am Abend. Er hatte den Lordregenten am Fenster sitzend vorgefunden, wie er mürrisch in den Sonnenuntergang starrte. Ein kurzer Blick hatte genügt, um ihn wortlos zum Branntweinregal zu schicken und ein großzügiges Glas für seinen alten Freund einzuschenken. Nun saß der Waldläufergeneral ihm gegenüber.

„Ich halte seine Absichten für ehrlich“, fuhr Halduron fort. „Aber ich habe keine Ahnung, wie weit wir ehrlichen Absichten trauen können, selbst unter Angehörigen unseres eigenen Volkes.“

Lor’themar stand auf und schlenderte zum Regal, um sich nachzuschenken. „Ich befürchte, dass er mit der Befugnis, in unserem Namen zu handeln, für uns eine Verpflichtung eingehen könnte – absichtlich oder unabsichtlich – die ich nicht bereit wäre zu erfüllen.“ Lor’themar hielt inne und blickte zur stuckverzierten Decke empor. „Sollten ihm andererseits ausreichend Sin’dorei nach Dalaran folgen, würde er ohnehin de facto zu deren Anführer, und ich würde ihn nur ungern ohne Verpflichtung der Kro... Silbermond gegenüber agieren lassen.“

„Es wäre besser, wenn Rommath nicht so starrköpfig gewesen wäre“, sann Halduron nach. „Er hat lange in Dalaran gelebt. Er besitzt ebenfalls den Titel eines Erzmagiers. Er hat genug Erfahrung mit den Kirin Tor, um zu wissen, wie mit ihnen umzugehen ist, und ist seiner Nation treu genug ergeben, um unser Vertrauen zu rechtfertigen. Er wäre der ideale Mitstreiter für Aethas.“

Haldurons Worte ließen ein leichtes Lächeln über Lor’themars Gesicht huschen. „Ist es nicht überaus merkwürdig, Euch gut von Rommath sprechen zu hören?“

„Ich war stets gegen die Angelegenheit mit M'uru oder die Gründung der Blutritter, ja“, gab Halduron unumwunden zu. „Aber diese Dinge liegen hinter uns und wir haben keinen Grund mehr, an ihm zu zweifeln. Wenn er uns hätte hintergehen wollen, hätte er das längst getan, als Kael’thas ...“ Haldurons Worte stockten und blieben ihm im Hals stecken. Für einen langen Augenblick sprach keiner der beiden.

„Ich meine nur“, fügte er schließlich hinzu, „er hätte es damals getan.“

„Was denkst du?“, wechselte Lor’themar das Thema und kehrte auf seinen Platz am Fenster zurück. „Was sollten wir wegen Aethas und Dalaran unternehmen?“

„Aethas betrachtet sich als Mitglied der Kirin Tor“, erwiderte Halduron. „Und mir fallen eine ganze Reihe anderer Personen ein, die sich diesen Mantel nur allzu gerne wieder überwerfen würden. Wenn die Kirin Tor Blutelfen in ihren Reihen zulassen wollen, dann können wir nichts dagegen tun.“

„Nein, können wir nicht", antwortete Lor’themar knapp. Dann schwieg er einen Moment lang. „Aber mein Bauch sagt mir, wir sollten jegliches offizielle Engagement im Nexuskrieg um jeden Preis vermeiden. Aethas sollte uns regelmäßig Bericht erstatten und wir sollten ihm eindeutige Grenzen setzen. Wer seine Dienste anbieten möchte, mag dies unter dem Banner der Kirin Tor tun – aber nicht unter dem von Quel’Thalas.“

Halduron hob einen Mundwinkel zu einem bitteren Grinsen. Lor’themar tat so, als bemerke er die Traurigkeit in den Augen seines Freundes nicht. „Was hast du heute Morgen noch mal über den Weltenwanderer gesagt? Du klingst jeden Tag mehr wie ein König, Lor’themar“, konstatierte Halduron.

Von seinem Platz aus konnte Halduron nicht sehen, wie Lor’themars Finger sich fest um sein Glas klammerten.

***

Einige Tage später suchte Lor’themar sich auf dem Rücken seines Falkenschreiters einen Weg durch die Östlichen Pestländer. Der Blick auf die Landschaft jagte ihm kalte Schauer über den Rücken. Er war ein Elf und zudem Waldläufer – ein Kind der offenen Wälder, des klaren Wassers und goldener Blätter. Der Anblick des zerfurchten, kalkigen Bodens und der verkrüppelten Bäume Ostlordaerons schnürte ihm das Herz zusammen und ließ ihn fast würgen. Dieses Schicksal wäre auch Quel’Thalas widerfahren, wäre da nicht die unablässige Wachsamkeit seines Volkes gewesen.

Lor’themar warf einen Blick über die Schulter. Drei Ehrengardisten der Weltenwanderer folgten ihm – Halduron und Rommath hatten darauf bestanden.

„Eigentlich“, hatte Halduron gesagt, „solltest du überhaupt nicht losziehen – ich war sicher, du würdest dieses alberne Vorhaben aufgeben, als Aethas seinen Besuch ankündigte. Aber da mir klar ist, dass keines meiner Worte dich davon abhalten kann, wirst du zumindest eine Eskorte mitnehmen. Keine Widerrede.“ Rommath wollte ihm sogar einige seiner Blutritter mitschicken, aber das stand völlig außer Frage. „Sie wären nicht willkommen“, hatte Lor’themar deutlich gemacht. „Und ich werde das auch nicht sein“, fügte er leise hinzu. Glücklicherweise hatte Rommath nicht darauf beharrt.

Endlich kam der Felsgrat in Sicht, den er gesucht hatte. Auf den ersten Blick schien es sich nur um eine weitere spitze Erhebung auf einer flachen Felsoberfläche zu handeln, aber er wusste es besser. Er zwang sein Reittier zu einer scharfen Wende und preschte die Anhöhe empor. Es gab keinen Grund zur Vorsicht, die Späher hatten sie wahrscheinlich bereits vor geraumer Zeit entdeckt.

Wie erwartet, traten auf halber Strecke des sich windenden Pfades plötzlich zwei Gestalten hinter den Felsen hervor. Ihre Klingen kreuzten sich, als sie den Weg versperrten, und das metallische Klirren hallte schallend in der gespenstischen Stille der Pestländer wider.

„Wer macht der Jagdhütte Quel'Lithien seine Aufwartung?“, ergriff einer der beiden das Wort.

Lor’themar schaute unbeeindruckt auf ihn herab.

„Seid kein Narr. Ihr wisst, wer ich bin.“

Der andere sah ihm direkt in die Augen.

„Das heißt jedoch nicht, dass Ihr willkommen seid, Lord Theron.“

Lor’themar zog die beiden Schwerter, die er auf dem Rücken trug, aus der Scheide. Aus den Knöcheln der quel’lithischen Wachen wich das Blut, als sich ihr Griff um die Hefte ihrer Waffen noch fester schloss, und er beobachtete, wie einer der beiden unmerklich mit den Fingern zuckte – bereit, jeden Moment den unzähligen anderen das Zeichen zum Angriff zu geben, die sich zweifellos in der Umgebung versteckt hielten. Schweigend warf der Lordregent seine Schwerter zu Boden, löste Bogen und Köcher und ließ diese ebenfalls auf die Erde fallen. Mit einer Handbewegung bedeutete er seiner Eskorte, es ihm gleichzutun, und als dies geschehen war, hob er eine Augenbraue.

„Reicht das, um Euch von meinen ehrlichen Absichten zu überzeugen?“

Der erste lithische Späher ergriff erneut das Wort.

„Sagt uns, was Euch hierher führt.“

„Ich habe Neuigkeiten für Waldläuferlord Falkenspeer und Hohepriesterin Himmelsrufer“, antwortete er. „Hinsichtlich ...“, er räusperte sich. „Hinsichtlich Prinz Kael’thas’.“

Die Wachen überlegten kurz, wobei sie sich einen flüchtigen Blick zuwarfen, doch die meiste Zeit waren ihre Augen streng auf Lor’themar gerichtet – Augen, die noch blau und unverdorben waren, wie Lor’themar nicht umhinkam zu bemerken. Dann endlich deutete eine der Wachen mit dem Kopf in Richtung des Grates.

„Also gut“, sagte der Soldat, „soll der Waldläuferlord entscheiden, was mit Euch zu tun ist. Folgt mir.“

Der andere schnippte mit den Fingern und, wie Lor’themar geahnt hatte, sprang ein halbes Dutzend weiterer lithischer Späher aus Mulden und Felsspalten hervor, um die Waffen aufzusammeln, die er und seine Wachen in den Staub hatten fallen lassen. Schweigend folgte Lor’themar ihnen.

Am Ende des Pfades erhob sich vor ihnen, zwischen Felsbrocken und vertrockneten Sträuchern, die Jagdhütte Quel’Lithien. Ihre edle Holzfassade war ausgeblichen und zerfressen – zweifellos Spuren der verheerenden Pest – und die Weltenwanderer hatten ihre Streben mit altem Laub getarnt. Lor’themars Magen zog sich seltsam zusammen, als die Hütte in Blickweite kam, und er versuchte, nicht an die Tage zu denken, in denen ihre Umgebung grün und seine Besuche mit Freudenrufen anstelle von gezückten Klingen begrüßt worden waren. Diese Tage waren ein für alle Mal verloren.

Er übergab seinen Falkenschreiter einer Späherin. Sie nahm die Zügel und entfernte sich mit argwöhnischem Blick. Einer der Waldläufer, die sich ihm auf dem Pfad in den Weg gestellt hatten, war bereits in die Hütte vorgelaufen. Nun sah ihn Lor’themar in Begleitung zweier Elfen zurückkehren, die er viele Jahre nicht gesehen hatte.

„Lor’themar Theron.“ Die Stimme Hohepriesterin Aurora Himmelsrufers klang gemäßigt und keinen Deut abweisend. „Ich muss gestehen, es überrascht mich, Euch hier vorzufinden.“

„Ihr habt Nerven“, bemerkte Renthar Falkenspeer in bitterem Ton, „hier aufzutauchen. Ich hätte Euch von einem Dutzend Bogenschützen mit Pfeilen spicken lassen sollen.“

Die Worte trafen ihn, wenngleich er sie erwartet hatte. Er schloss sein gesundes Auge, um es langsam wieder zu öffnen.

„Ich habe Neuigkeiten“, sprach er einfach, „die Ihr erfahren solltet.“

„Hättet Ihr nicht einen Brief schreiben können?“, lautete Renthars höhnische Antwort.

„Hättet Ihr ihn gelesen?“, entgegnete Lor’themar, und das leichte Zucken um Auroras Lippen und die zunehmende Finsternis, die Renthars Miene umfing, verrieten ihm, was er bereits wusste: Sie hätten es nicht getan. „Ich habe den weiten Weg nicht wegen Belanglosigkeiten auf mich genommen“, sagte er schließlich. „Werdet Ihr zumindest anhören, was ich zu sagen habe?“

Renthar und Aurora betrachteten ihn wortlos, machten kehrt und gingen zurück in die Hütte. Lor’themar folgte ihnen, wobei er sich der hochelfischen Augen, die jeden seiner Schritte beobachteten, schmerzhaft bewusst war.

Die Außenposten der Weltenwanderer in den östlichen Königreichen waren nie besonders prächtig gewesen, doch Quel’Lithiens Schlichtheit war ernüchternd. Etliche Wände waren mit tiefen Kerben irgendeiner Klingenwaffe versehen und die dunklen, in die Bodenbretter eingetretenen Flecken waren mit Sicherheit Blut. Dessen ungeachtet war den Elfen der Zustand der Hütte keinesfalls gleichgültig: Die Vorhänge waren zwar abgenutzt, aber sorgsam mit gleichmäßigen Stichen genäht worden. Die alte, an die Wand genagelte Karte Lordaerons war übersät mit unzähligen Notizen, alle jedoch in eleganter Handschrift und ohne auch nur einen einzigen Tintenfleck auf dem vergilbten Pergament hinterlassen zu haben. Ein eigenartiger Schmerz stieg in Lor’themar herauf, als er seinen Blick über all diese Dinge schweifen ließ, als hätte er gerade den Brief einer vergessenen Geliebten wiederentdeckt. Einst hatte er das Leben eines Weltenwanderers geführt, in Tagen, die ihm nun so fern schienen, dass sie ihm wie ein Traum vorkamen.

„Hier“, sagte Renthar, während er mit dem Daumen in Richtung eines kleinen Zimmers zeigte und die Tür energisch aufstieß. „Schließt sie hinter Euch“, befahl er Lor’themar, ohne zurückzusehen.

Lor’themar nahm Aurora gegenüber Platz. Renthar wischte diverse Fetzen blutverkrusteter Lederrüstung von dem schmalen Tisch in der Mitte des Raumes, bevor er sich neben ihr niederließ, und Lor’themar musste sich ein leichtes Grinsen verkneifen, so wie die beiden ihn, wie Richter eines Tribunals, mit ihren Blicken durchbohrten.

„Ihr meintet, Ihr hättet etwas zu sagen“, durchschnitt Renthars Stimme die Stille. „Also sprecht.“

„Vor mehreren Wochen kehrten Truppen des Sonnenzorns zu uns zurück.“

Renthars und Auroras Augen weiteten sich in ungläubigem Staunen, was in Lor’themar ein selbstzufriedenes, aber leeres Gefühl der Befriedigung aufsteigen ließ.

„Beim Sonnenbrunnen“, sprach Aurora leise. „Ich kann nicht behaupten, dass ich das jemals für möglich gehalten hätte.“

„Und?“ In Renthars Augen bemerkte Lor’themar ein merkwürdiges Funkeln – er erinnerte ihn beinahe an Rommath. „Seid Ihr auf Befehl des Prinzen hier, um uns eine offizielle Entschuldigung anzubieten?“

„Vielleicht“, entgegnete Lor’themar, „wenn er noch am Leben wäre.“

Hatte einer der beiden Hochelfen vor ihm bisher schockiert ausgesehen, dann war dies nichts im Vergleich zu dem Ausdruck, der sich jetzt auf ihren Gesichtern niederschlug. Sie wurden blass.

„Erklärt Euch, verdammt“, verlangte Renthar.

Lor’themar nahm einen tiefen Atemzug und begann die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zu umreißen. Er hatte nicht vorhergesehen, wie schmerzhaft es sein würde, die Geschichte darzulegen, besonders gegenüber zwei Personen, die ihn so abgrundtief verachteten. Er zwang die Worte aus seiner Kehle, eins nach dem anderen, manche sogar mit Gewalt. Er musste sie förmlich ausspucken, um sie überhaupt herauszubekommen. Als er endlich fertig war, blinzelte er einmal, als würde er gerade aus einem tiefen Schlaf erwachen.

„Der Sonnenbrunnen ist also zu uns zurückgekehrt“, sagte Aurora. Sie wandte ihr Gesicht zum Fenster.

„Ja“, antwortete Lor’themar.

Die vollkommene, tödliche Stille der Pestländer umfing sie. Lor’themar senkte den Kopf, als er noch einmal seinen persönlichen Moment der Erkenntnis durchlebte, der in dem Augenblick kam, als der letzte Staub der Schlacht über Quel’Danas sich gelegt hatte und der Sonnenbrunnen wieder in majestätischem und stolzen Glanz erstrahlte. Er hatte ihn mit demselben bewegungslosen Gesichtsausdruck betrachtet, der sich nun in Renthars und Auroras Mine gefressen hatte, und war nicht in der Lage gewesen, sich an seinem Schein zu erfreuen. Nie hätte er sich träumen lassen, dass der Preis seiner Rückkehr so hoch sein würde.

Auroras Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Ich hatte mich schon gefragt, warum die Schmerzen der Sucht in letzter Zeit so gelindert wirkten. Ich bedurfte keiner ... Hilfe, ... um mit ihnen fertigzuwerden.“

„Die Magie im Sonnenbrunnen hat sich verändert“, gab Lor’themar zurück. „Manche brauchen etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen.“

„Ja, manche“, Aurora hob ihren Arm und schien nach etwas zu greifen, das Lor’themar nicht sehen konnte, um es zwischen ihren Fingern zu drehen wie eine lange Kordel. „Ich bin eine Priesterin des Lichts. Ich kenne diese Magie.“

„Sie war ein großes Geschenk“, hörte Lor’themar sich selbst sagen. Aurora blickte ihn von der Seite an und er wusste, dass sein Mangel an Überzeugung nicht unbemerkt geblieben war.

„Wenn der Prinz tot ist“, sprach Renthar, „was wird dann aus der Krone von Quel’Thalas?“

„Kael’thas selbst hat verfügt, dass Anasterian für alle Zeit der letzte König Quel’Thalas’ sein wird. Es gibt niemanden, der Anspruch auf die Krone erhebt.“

Renthars Augen verengten sich zu Schlitzen. „Und was, wenn doch jemand Anspruch auf sie erheben würde?“

„Kein Lebender hat ein Anrecht auf sie.“

Renthar sah ihm direkt in die Augen. Lor’themar erwiderte seinen Blick mit derselben Entschlossenheit. Renthar Falkenspeer mochte alles, was er sagte, in Zweifel ziehen, aber dies nicht.

Aurora ergriff das Wort. „Ich vermute, das ist, was Ihr uns berichten wolltet.“

„Ja“, antwortete Lor’themar.

„Dann fühlt Euch frei zu gehen“, sagte Renthar.

Lor’themar schloss die Augen. „Da gibt es noch etwas.“ Das Schwerste lag noch vor ihm.

„Ist das so?“ Renthars Stimme klang schal. „Und?“

„Da der Sonnenzorn zu uns zurückgekehrt ist“, setzte Lor’themar an, „und unsere Position in den Geisterlanden inzwischen ... gefestigter ist ... werden die Weltenwanderer nicht mehr so in Anspruch genommen werden müssen wie bisher. Sie ... ich ... würde Euch gerne geregelten Nachschub zukommen lassen.“

Lor’themar war zwar inzwischen den Spott derer, die er nicht zufriedenstellen konnte, gewohnt, aber den stechenden Schmerz, den Renthars schallendes Gelächter nun in ihm hervorrief, hatte er nicht kommen sehen. Selbst Auroras Miene, sonst stets beherrscht und ruhig, errötete vor unumwundener Verachtung.

„Seit fünf Jahren verrotten wir hier, auf Euer Geheiß aus unseren Heimen vertrieben, weil wir uns weigerten, Lebewesen Magie auszusaugen wie Vampire!“ Renthar erhob sich von seinem Stuhl und beugte sich, buchstäblich zitternd vor Wut, über den Tisch. „Und jetzt wollt Ihr uns Hilfe anbieten? Nach allem, was wir durchgemacht haben, kommt Ihr jetzt? Nach dem, was die Horde uns im Namen dieses menschlichen Bastards angetan hat, der sich einen Waldläufer nannte? Für wie blind haltet Ihr mich, Lor’themar? Ich sollte Euch töten. Ich sollte Euch töten und Sylvanas Euren Kopf schicken!“

Durch Renthars ganze hassvolle Tirade hindurch hielt Lor’themar sich an einem einzigen Wort fest. Waldläufer, hatte er gesagt, und zwar nicht irgendeiner, sondern menschlicher. Soweit Lor’themar wusste, hatte es davon bisher nur einen gegeben.

„Ich dachte“, begann er bedächtig, „Nathanos Marris wäre durch die Geißel ums Leben gekommen.“

Sowohl Aurora als auch Renthar wandten sich langsam um, um ihn anzusehen. Ihre Mienen kalt wie Masken aus Elfenbein. Zum ersten Mal, seit er zu dieser Konfrontation angetreten war, hörte Lor’themar sein Herz in den Ohren hämmern und der Knoten in seiner Kehle ließ ihn kaum schlucken.

Aurora war die Erste, die wieder sprach.

„Das ist er auch“, sagte sie.

Lor’themar fixierte Auroras Gesicht. Da war noch irgendetwas anderes, das wie ein Schatten in den Winkeln des Raumes lauerte, und er würde herausfinden, was es war, bevor er sie verließ.

„Er wurde nicht selbst zur Geißel“, fuhr sie fort.

„Sylvanas hatte schon immer einen seltsamen Narren an ihm gefressen“, murmelte Renthar, den Blick abgewandt. „Es dürfte keine große Überraschung sein, dass sie ihn in ihren Dienst band, bevor Arthas Gelegenheit hatte, ihn umzustimmen.“

„‚Wir kommen im Namen der Bansheekönigin’“, zitierte er. „Das sagten sie bei ihrer Ankunft. ‚Ihr habt etwas, das ihm gehört.’“ Renthar wandte sich wieder Lor’themar zu. „Wir bewahrten eine Kopie der Akte auf, die Einzelheiten zu Marris’ Aufnahme bei den Weltenwanderern enthielt. Sie nahmen sie mit Gewalt an sich und erschlugen jeden meiner Waldläufer, den sie finden konnten. Die Horde, Lor’themar. Und Verlassene. Sylvanas’ Volk. Eure Verbündeten.“

Lor’themar war nicht in der Lage zu sprechen. Er hatte Angst, seine Stimme würde zittern.

„Einst hätte ich auf Befehl des Waldläufergenerals, ohne zu zögern, mein Leben gegeben.“ Renthars Stimme war von unerträglicher Bitterkeit erfüllt. „Wir sind nicht mehr ihr Volk. Genauso wenig wie das Eure.“

„Renthar“, hob Lor’themar an, „trotz all unserer Differenzen wisst Ihr, dass ich niemals ...“

Er wurde von Renthars Lachen unterbrochen.

„Ihr habt uns hierher geschickt, um uns loszuwerden, und habt dann die Stirn, schockiert zu tun, wenn wir leiden? Es gibt keine Flüche, die übel genug wären, um Euch zu beschreiben, Lor’themar. Ich weiß, wessen Soldaten in Tristessa stehen, Lordregent. Ich frage mich, wie viele Eurer eigenen Sin’dorei-Waldläufer sie direkt unter Eurer Nase ermordet haben. Paktiert mit dem Teufel, wie es Euch beliebt. Ich hoffe nur, Ihr bekommt, was Ihr verdient.“

„Geht jetzt“, fügte er leise hinzu. „Schickt Nachschub, wenn Ihr wollt. Ich werde Euch die Herzen seiner Träger zurückschicken, gewickelt in ihre eigenen Wappenröcke.“

Lor’themar stand auf und machte sich daran, zu gehen. Sie hatten ihn unvorbereitet erwischt und die Wände um ihn versprachen keinen festen Schutz mehr. Er sah Aurora aufstehen und mit herausfordernd hochgestrecktem Kinn auf ihn herabblicken. Weder sie noch Renthar sprachen auch nur ein einziges weiteres Wort, und es wirkte fast, als würde er von der schieren Kraft ihres Hasses aus dem Raum gestoßen.

Er hatte keinen Grund, sie zu bekämpfen. Allenfalls könnte er ihnen seine Hände in Buße entgegenstrecken, doch sie würden nur darauf spucken und, wenn er ehrlich war, könnte er es ihnen nicht einmal verdenken. Wenn er jemals auch nur einen Funken Hoffnung auf Vergebung besessen hatte – und das mochte durchaus der Fall gewesen sein – so hatte die Trostlosigkeit der Pestländer diesen ebenso erstickt, wie sie dies mit allem tat, was lebte und träumte. Diese Brücken waren schon vor langer Zeit in den Flammen aufgegangen, die er mit eigener Hand gelegt hatte.

Seine drei Leibwächter saßen wartend im Empfangszimmer, umringt von Quel’dorei-Waldläufern mit aufgelegten Pfeilen. Er ging forschen Schrittes hinaus, seine Waldläufer folgten ihm schweigend.

Auf dem Hof hielt ein quel’lithischer Späher die Zügel ihrer Falkenschreiter und ein weiterer ihre Waffen. Lor’themar nahm seine Ausrüstung an sich, schwang sich in den Sattel und blickte noch einmal dorthin zurück, wo Renthar und Aurora standen und sie beobachteten. Eine innere Regung drängte ihn, etwas zu sagen, irgendetwas, das die tiefe Kluft zwischen ihnen überwinden würde, aber jedes Wort, das ihm in den Sinn kam, verdorrte und zerfiel in seinem Mund zu Staub. Er ließ seinen Falkenschreiter kehrtmachen und blickte nicht mehr zurück.

***

Als sie Stunden später zum Thalassischen Pass heraufritten, begann es zu schneien. Sie passierten die Tore, die Quel’Thalas’ Südgrenze markierten, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Einst hatten sich ihre Bögen golden und weiß in den Himmel erhoben, als würden sie aus dem Fels selbst entspringen und sich zu Boden ergießen wie ein Wasserfall aus Marmor und Bernstein. Arthas hatte sie, wie alles andere, in Schutt und Asche verwandelt. Die düsteren Banner der Geißel hingen noch hoch von den Wällen und flatterten knatternd über ihren Köpfen im Bergwind.

„Lord Theron“, rief einer seiner Leibwächter, „Ihr solltet bei diesem Wetter Euren Mantel tragen.“

Lor’themar blieb stumm. Nichts könnte die innere Kälte lindern, die seinen Körper in eisigem Bann hielt. Die Schneeflocken schlugen ihm ins Gesicht und scheuerten seine Haut wund.

***

Halduron und Rommath erwarteten Lor’themar nach seiner Rückkehr in Silbermond. Auch Aethas war dabei, sehr zu Lor’themars Leidwesen. Halduron blickte ihn an. „Und?“ Lor’themar schüttelte nur den Kopf. Halduron zog die Augenbrauen hoch, als würde er fragen, „Was hast du erwartet?“ Rommath wich seinen Blicken aus.

„Wie haben sie auf Euch reagiert?“, wollte Aethas wissen. Lor’themar drehte sich um und sah ihn geradewegs an.

„Vor fünf Jahren habe ich sie aus ihren Heimen vertrieben, für die sie ebenso erbittert gekämpft hatten, wie dies jeder in Quel’Thalas heute tut“, antwortete er. „Was glaubt Ihr wohl, wie sie reagiert haben?“

Aethas fuhr zusammen.

Vereesa Windläufer ist mit dem neuen Anführer der Kirin Tor verheiratet. Sie mag weder mich noch jene, die ich vertrete. Ich hatte gehofft ... weil Ihr doch selbst ein Waldläufer seid ...“, Aethas zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, Ihr könntet uns vielleicht helfen, diese Kluft zu überwinden. Ich nehme an, es hat nicht funktioniert?“

Lor’themars Blick verfinsterte sich, als Vereesas Name fiel. „Ihr nehmt richtig an“, gab er zurück.

***

Am Nachmittag berichtete Lor’themar Halduron zwischen tiefen Zügen Immersangweins die Einzelheiten seiner Reise nach Quel’Lithien.

„Es war doch klar, dass sie dich mit Verachtung strafen würden. Das wusstest du von Anfang an“, ermahnte sein Waldläufergeneral ihn. „Ehrlich gesagt, begreife ich nicht, warum du die Reise überhaupt angetreten hast.“

„Du hättest dasselbe getan“, entgegnete Lor’themar, was Halduron ein Stirnrunzeln abrang.

„Du kennst mich einfach zu gut“, sagte er schließlich. Er rekelte sich auf seinem Stuhl und starrte aus dem Fenster.

„Sie wussten noch nichts vom Sonnenbrunnen“, fuhr Lor’themar fort. „Es war richtig zu gehen.“

„Wen versuchst du hier eigentlich zu überzeugen?“, erwiderte Halduron irritiert.

„Halduron“, fügte Lor’themar rasch an „erinnerst du dich an Nathanos Marris?“

„Natürlich.“ Halduron zog die Stirn in Falten. „Und?“

„Aurora hat mir erzählt, dass er als Untoter wiedererweckt wurde“, erwiderte Lor’themar. „Sylvanas hat ihn in ihren Dienst gestellt. Man nennt ihn den Champion der Bansheekönigin.“

Halduron lehnte sich in seinem Stuhl zurück, bis dieser nur noch auf den Hinterbeinen stand, und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Amüsant“, sagte er. „Sylvanas hatte doch immer für ihn gestritten. Kae... äh ... einige ... waren nicht gerade erpicht darauf, einen Menschen bei den Weltenwanderern ausbilden zu lassen. Mich eingeschlossen.“

„Die Waldläufer in Quel’Lithien wurden von einem Trupp der Horde im Namen des Champions der Bansheekönigin angegriffen“, rückte Lor’themar endlich heraus. Er leerte sein Glas und stellte es auf den Tisch. „Viele von ihnen wurden getötet.“

Die Vorderbeine von Haldurons Stuhl schlugen mit einem Krachen auf den Boden.

„Weshalb sollte er Quel’Lithien angreifen?“

Lor’themar zuckte mit den Schultern. „Quel’Lithien besaß eine Kopie der thalassischen Akte, in der Sylvanas seine Zulassung zu den Weltenwanderern absegnete. Anscheinend wollte er sie haben.“

„Und deshalb hat er seine Schergen ausgesandt, um sie anzugreifen? Wegen eines Buches?“ In Haldurons Stimme schwang wachsende Ungläubigkeit.

„Das haben sie mir jedenfalls gesagt.“

„Bist du sicher, dass sie dich nicht angelogen haben?“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, gab Lor’themar zu, „aber wenn Renthar Falkenspeer jemals etwas war, dann prinzipientreu.“

„Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Aurora ihren Lebtag auch nur ein einziges Mal unaufrichtig war“, ergänzte Halduron. Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Glaubst du, Sylvanas weiß davon?“

Lor’themar schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Glaubst du, es würde sie kümmern, wenn sie davon wüsste?“

Das war die Frage, die Lor’themar die ganze Zeit gefürchtet hatte. „Das weiß ich genauso wenig. Was, wenn nicht?“ Er vergrub sein Gesicht in den Händen. „Das waren ihre Waldläufer.“

„Als du sie verstießt, waren sie deine“, sagte Halduron leise.

„Eigentlich waren sie deine“, warf Lor’themar zurück. Einen Moment lang drohte er vor Zorn zu explodieren, aber dann sanken seine Schultern wieder herab. Renthars Worte hallten gespenstisch in seinem Kopf wider. Ihr habt uns hierher geschickt, um uns loszuwerden, und habt dann die Stirn, schockiert zu tun, wenn wir leiden?

„Ich hatte nie vor, sie umzubringen“, sagte Lor’themar schließlich und das Flehen in seiner Stimme ließ ihn erschaudern, „aber ich konnte nicht zulassen, eine geteilte Nation zu führen ...“

Eine schwere Hand auf seiner Schulter ließ ihn den Kopf heben.

„Ich weiß“, sagte Halduron und stellte ein neu gefülltes Glas vor ihn. „Beruhige dich wieder“, seine Stimme war schroff, aber nicht unfreundlich. „Wir wussten von Anfang an, dass es riskant war, den Verlassenen zu vertrauen. Aber wer sonst hatte jemals zuvor angeboten, für Quel’Thalas in den Kampf zu ziehen?“

Lor’themar hob sein Glas. Die Nachmittagssonne schien hindurch und färbte den Inhalt rostrot wie der Boden der Pestländer.

***

Lor’themars Finger hämmerten unermüdlich auf die Schreibtischplatte ein, während er teilnahmslos seine Notizen aus den diversen Unterredungen mit Aethas durchging. Er würde dem Erzmagier heute oder morgen eine verbindliche Antwort geben müssen. Während Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel massierten, wanderte sein Blick zu dem Wein, der im Regal stand. Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ja?“, antwortete er.

Der Bote verbeugte sich hastig und begann zu sprechen.

„Lord Theron, in der Halle wird nach Eurer Anwesenheit verlangt.“

Lor’themar zog die Stirn in Falten. Halduron und Rommath wären persönlich erschienen und Aethas inzwischen wahrscheinlich auch.

„Ich bin beschäftigt“, erwiderte er entschieden.

„Mein Lord“, bestand der Bote, „die Bansheekönigin duldet keine Verzögerung.“

Lor’themar spürte deutlich, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Er erhob sich.

„Nein“, erwiderte er leise, „selbstverständlich tut sie das nicht. Führt mich zu ihr.“

Der Bote machte auf dem Absatz kehrt, jedoch nicht, ohne seinem Lordregenten einen besorgten Blick zuzuwerfen. Lor’themar wappnete sich geistig für die bevorstehende Begegnung, während er ihm folgte.

Er nutzte die Zeit, die sie bis zur Empfangshalle benötigten, um seine Gedanken zu ordnen. In all den Jahren, die er Quel’Thalas nun bereits regierte, hatte er es immer fast als körperlichen Akt empfunden, sich den Mantel der Autorität überzustreifen. Er konnte die Veränderung bis in seine Fingerspitzen fühlen. Wenn er Sylvanas gegenübertrat, würde er alle Entschlossenheit benötigen, die er aufbringen konnte.

Halduron und Rommath schlossen sich ihm schweigend an. Das Gesicht des Waldläufergenerals war hart. Rommath war etwas gelöster. Ihm war bewusst, was sie erwartete, aber seine Furcht war von distanzierter und unpersönlicher Natur, im Gegensatz zu Lor’themars und Haldurons. Für sie war Sylvanas’ Schicksal eine Wunde, die bei jeder Begegnung erneut aufgerissen wurde, und ihr Schmerz war noch nicht abgeklungen.

In der Halle, in der Sylvanas sie erwartete, schien das Licht verblasst zu sein. Es wurde weder gedämpft noch getrübt, vielmehr fiel es in sich zusammen und versank an der Stelle, an der sie stand. Selbst das Sonnenlicht geriet in ihrer Nähe ins Stocken. Das wilde, weiße Glühen ihrer Augen hob die bleiche Haut ihres verhärmten Antlitzes sogar noch mehr hervor. Ihre königlichen Schreckenswachen flankierten sie, geschwärzte Klingen in den skelettierten Händen.

Das Einzige, was Lor’themar vernahm, als er die Halle betrat, war der Widerhall seiner eigenen Schritte, und selbst dieser schien in Gegenwart der Bansheekönigin unnatürlich rasch zu verstummen.

„Was führt Euch nach Silbermond, Sylvanas?“, fragte er.

„Ich komme gerade aus Orgrimmar“, erwiderte sie. Ihre Stimme schabte die Wände entlang. Als ihr Mund sich bewegte, konnte Lor’themar das Fleisch darum reißen und abplatzen sehen wie eine lang abgelegte Schlangenhaut. „Arthas hat es gewagt, einen Streich gegen das Herz der Horde zu führen.“

Lor’themars Mund wurde trocken und eine Welle des Unbehagens stieg in seiner Brust empor. Sylvanas hielt einen Moment lang inne, um in seinem Gesicht nach einer Reaktion zu suchen. Er biss die Zähne zusammen, blieb aber stumm.

„Der Angriff wurde zurückgeschlagen“, fuhr sie fort. „Aber Arthas spielt nur mit uns – wir müssen den Krieg zu ihm tragen. Kriegshäuptling Thrall hat endlich erkannt, was wir schon lange wussten.“ Ihre Augen sprühten vor gefährlichem Verlangen. „Die Horde bereitet sich auf den Krieg vor. Und die Sin’dorei, Lor’themar, sind ein Teil der Horde.“

Ihre Worte trafen ihn wie ein Felsschlag. Er wusste, wonach sie ersuchte, und es war ihm immer klar gewesen, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Und dennoch war er in diesem Moment, da er inmitten der Halle stand und plötzlich gewahr wurde, wie deren schiere Größe ihn verschlang, nicht in der Lage, eine Antwort zu geben.

„Lor’themar.“ Sylvanas’ Worte prasselten ungeduldig auf ihn ein. „Wir werden Arthas vernichten – ein für alle Mal.“

Bedächtig schüttelte Lor’themar den Kopf.

„Ich weiß es zu würdigen, dass Ihr und Kriegshäuptling Thrall uns einladet, gemeinsam mit Euch an vorderster Front in Nordend zu stehen. Aber auf unseren Schultern lastet bereits zu viel. Gerade erst erhielt ich eine ähnliche Bitte der Kirin Tor, doch ich kann unsere Truppen nicht guten Gewissens nordwärts schicken. Seit den Geschehnissen auf Quel’Danas ...“

„Dies ist keine Bitte, Lor’themar“, fuhr sie dazwischen. Ihre Augen funkelten rot vor Zorn. „Ihr werdet Truppen aussenden. Sie werden die Verlassenen begleiten.“

„Sylvanas“, entgegnete Lor’themar mit ruhiger Stimme, „wir haben gerade erst einen Bürgerkrieg hinter uns. Was sollten wir Euch geben können?“

„Habt Ihr etwa schon vergessen, wer der Hauptverantwortliche für den Zustand von Quel’Thalas ist? Wem letztlich die Schuld zufällt?“ Sie durchforschte sein Gesicht nach einer Antwort, fuhr aber fort, als sie ausblieb. „Nun, ich immerhin nicht! Niemand wird mir meine Rache vorenthalten und Ihr werdet geben, was ich von Euch verlange: die Sin'dorei-Waldläufer und auch die Blutritter.“

„Wir können sie nicht entbehren, Sylvanas.“

Ihre schartigen Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Grinsen.

„Dann versteckt Euch hier wie ein geprügelter Hund, wenn dies tatsächlich Euer Begehr ist, Lor’themar. Doch wenn Ihr glaubt, dadurch etwas zu gewinnen, seid Ihr ein Narr. Denkt Ihr, Arthas wird Euch einfach ignorieren, während Ihr hier wartet und Eure Wunden leckt? Denkt Ihr, ich werde solche Feigheit tolerieren? Ich warne Euch: Wer nicht für die Verlassenen ist, ist gegen sie. Und wer gegen die Verlassenen ist, wird sich dieser zweifelhaften Ehre nicht lange erfreuen können.“

„Mein Volk steht nun schon geraume Zeit Wache in diesen Landen und Euer Platz in der Horde steht und fällt mit meinem Wort. Ihr werdet uns in Nordend unterstützen oder ich werde Euch meine Unterstützung in Quel’Thalas entziehen.“

Im Süden, nahe der Pestländer, wo die Geißel sich trotz aller Bemühungen immer noch ungezügelt über die Todesschneise verbreitete, konnten sie sich den Verlust von Sylvanas Truppen auf keinen Fall leisten. Er hatte Aurora und Renthar nicht angelogen, als er ihnen berichtet hatte, ihre Position in den Geisterlanden sei inzwischen gefestigter, aber er war keineswegs so naiv zu glauben, sie könne allein durch thalassische Truppen gehalten werden. Ohne die Verlassenen würde Tristessa fallen. Und was käme dann?

Zum zweiten Mal seit seiner Rückkehr aus Quel’Lithien hörte er in Gedanken Falkenspeers Worte.

Wir sind nicht mehr ihr Volk.

Wenn Lor’themar sich gegenüber ehrlich war, konnte er nicht abstreiten, dass er dies schon die ganze Zeit gewusst hatte.

„Schickt mein erschöpftes Volk in den sicheren Tod nach Nordend oder riskiert, Quel’Thalas erneut an die Geißel zu verlieren.“ Von fern drang sein Gelächter an seine Ohren, und es klang mehr wie das Rommaths. „Hier gibt es keine Wahl, Sylvanas.“

Die Bansheekönigin beäugte ihn emotionslos.

„Ich erwarte Eure Truppen in zwei Wochen in Unterstadt, Lor’themar“, entgegnete sie. „Ich dulde in dieser Angelegenheit keine Enttäuschung.“

„Gewiss, meine Fürstin.“

Sie wandte sich zum Gehen.

„Wie könnt Ihr das nur tun?“ Lor’themar registrierte die verzweifelte Wut in Rommaths Stimme mit einer Art dumpfer Überraschung. Irgendwie schien der Großmagister immer noch zu glauben, man könne Sylvanas zum Verhandeln zwingen.

„Das ist Erpressung!“, fuhr Rommath fort, die Knöchel seine Fäuste wurden weiß, als er sie um seinen Stab ballte. „Ihr wart es doch, die darum gefleht hat, uns helfen zu dürfen! Wir haben niemals um Eure Hilfe gebeten. Ihr habt sie aus freien Stücken gewährt! Wie könnt Ihr Euch in einem Atemzug als unsere Verbündete bezeichnen und im nächsten in Geiselhaft nehmen?“

Sylvanas betrachtete ihn einen Moment lang schweigend, wobei sie es irgendwie schaffte, auf ihn herabzublicken, obwohl er eigentlich größer war als sie.

„Niemand hat Euch gezwungen, mein Angebot anzunehmen“, entgegnete sie. „Es war allein Eure Wahl. Alles, was ich verlange, sind der Wille und die Stärke, unseren größten Feind zu besiegen.“

In Rommaths Augen stand der blanke Hass, doch Lor’themar ergriff das Wort, bevor er etwas erwidern konnte.

„Gibt es sonst noch etwas, worüber Ihr gerne diskutieren würdet, Sylvanas?“ Seine Stimme klang in seinen Ohren unterwürfig, jeden Willens und jeglicher Leidenschaft beraubt. Diskutieren, verhöhnte ihn eine leise Stimme. Als wenn man mit der Bansheekönigin diskutieren könnte.

„Nein. Ich bin hier fertig, Lor’themar.“

„Shorel’aran, Sylvanas“, sagte er. Ihre Augen blitzten auf, als sie den thalassischen Abschiedsgruß vernahm, aber sie verlor keine weiteren Worte. Lor’themar sah ihr teilnahmslos nach. Er tat es nur, weil es sonst nichts zu sehen gab. Er fühlte sich so zerbrechlich, wie ein gefrorener Grashalm.

Als Lor’themar sich umwandte, bemerkte er zu seinem Missfallen, dass Aethas irgendwann im Laufe der Unterredung erschienen war. Es ärgerte ihn, dass der Erzmagier Zeuge seiner Demütigung geworden war, er besaß aber kaum noch die Kraft, um sich mit Fragen des Stolzes zu befassen. Trotz seiner Benommenheit war sein Verstand bereits mit Listen beschäftigt. Er kannte den Krieg. Halduron würde Hauptmann Sonnenmal und Leutnant Dämmerflucht herbeizitieren. Rommath würde die Magi in Kenntnis setzen. Außerdem könnte er die Blutritter vertreten, wenn sie Liadrin verständigten. Aethas würde tatsächlich Gelegenheit erhalten, sich zu beweisen. Auf dem Rückweg wandelte Lor’themar den Korridor entlang, als würde er träumen.

„Lor’themar!“

Er hielt an und wandte sich dem Redner zu, wobei er versuchte, seine Züge aufmerksam oder interessiert erscheinen zu lassen. In Wahrheit aber war er erschöpft. Er wollte nur noch zurück an seinen Schreibtisch, um sich in Ruhe notwendigen, anspruchslosen Aufgaben widmen und dabei eine Weile vergessen zu können, was sich soeben ereignet hatte.

Doch wie gewöhnlich ließ Rommath ihn nicht gewähren.

„Lor’themar“, rief er erneut, als er zum Lordregenten aufschloss. „Ihr könnt doch nicht ernsthaft ... wir haben nicht ...“

„Ihr habt sie gehört, Rommath“, unterbrach Lor’themar ihn. „Wenn wir nicht nach Nordend gehen, verlieren wir die Unterstützung der Verlassenen – und den Rest der Horde wahrscheinlich gleich mit. Also gehen wir.“ Er wandte sich wieder zum Gehen.

„In den Spitälern von Quel’Danas liegen immer noch verwundete Soldaten!“, fuhr Rommath fort. „Wir haben noch nicht einmal eine anständige Gedenkfeier für die Toten abgehalten – beim Sonnenbrunnen, Lor’themar!“

„Wir haben keine Wahl, Rommath. Begreift Ihr das nicht? Entweder, wir folgen Sylvanas’ Geheiß oder verlieren wahrscheinlich das gesamte Quel’Thalas südlich des Elrendars!“

„Dann gebt es auf!“, schrie Rommath und Lor’themar erstarrte vor Schreck. Langsam drehte er sich noch einmal um und blickte in Haldurons gleichermaßen entsetztes Gesicht.

„Es aufgeben?“, seine Stimme begann, sich zu erheben. „Wisst Ihr, wie viele Elfen – Sin’dorei wie Quel’dorei – bei der Verteidigung dieses Landes den Tod gefunden haben? Wie viele dies noch jetzt tun? Und Ihr sagt, ich soll es einfach aufgeben? Was in aller Welt ist in Euch gefahren?“

„Sie wären lieber umsonst gestorben, statt ihr Leben zu geben, damit Ihr Euch im Namen ihres Opfers in die Marionette eines – eines Monsters verwandelt!“

Lor’themar traute seinen Ohren nicht. Rommaths Augen funkelten ihn an, nicht aus Zorn oder Verachtung, sondern in wilder und erschütternd untypischer Verzweiflung. Während Lor’themars gesamter Amtszeit als Regent, und obwohl er und Rommath bereits über zahllose Fragen gestritten hatten, hatte Rommath in seinem Beisein noch nie die Beherrschung oder Haltung verloren. Doch nun zitterte er nahezu am ganzen Körper. Aus den Augenwinkeln wurde Lor’themar gewahr, dass sich eine kleine Schar Zuschauer um sie versammelt hatte. Er wollte keinen Aufruhr provozieren.

„Fallt nicht auf ihre Drohungen herein“, sagte Rommath still, und Lor’themar wurde in entsetztem Staunen bewusst, dass er ihn anflehte. „Sie wird Euch nur benutzen.“

Lor’themar ballte zornig die Fäuste. „Ich werde tun, was auch immer zum Schutze Quel’Thalas’ und seiner Bewohner erforderlich ist“, erklärte er. „Selbst wenn das heißt, benutzt zu werden. Und Ihr werdet meinen Befehlen Folge leisten. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Und wie lange, denkt Ihr, werdet Ihr dieses Spiel spielen können?“

„Solange es sein muss“, erwiderte Lor’themar unbeirrt. Rommath hatte seinen Starrsinn geweckt und der Lordregent würde nun nur noch schwerer eines Besseren zu belehren sein. Er richtete sich zu voller Größe auf und starrte Rommath nieder. Rommath hielt seinem Blick einen kurzen Moment lang stand, doch dann schien sein Körper einfach unter ihm wegzusacken. Er schloss die Augen.

„Ein anderer Anführer der Sin’dorei hat mir einst etwas sehr Ähnliches gesagt, Lor’themar“, sprach er sanft, den Blick abgewandt.“ „Ich habe ihm damals nicht widersprochen. Ehrlich gesagt, dachte ich sogar, er hätte recht.“

Lor’themars Blut gefror.

„Wir begruben ihn auf Quel’Danas“, fügte Rommath hinzu. Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich werde Lady Liadrin und Magister Blutschwur von Eurem Entschluss unterrichten, Lordregent. Ich erstatte Euch dann Bericht über den Stand ihrer Vorbereitungen.“ Dann ging er mit gebeugten Schultern und ohne ein weiteres Wort von dannen.

Kaum eines Gedankens fähig, folgte Lor’themar der schwindenden Gestalt des Großmagisters mit leerem Blick, bis dieser hinter einer Ecke verschwand.

„Lor’themar.“ Haldurons sanfte Stimme erweckte ihn aus seinem Dämmerzustand. Er wandte sich zu seinem Freund um, doch der Waldläufergeneral betrachtete ihn befremdend, gerade so, als würde er ihn zum ersten Mal sehen. Lor’themar wollte ihn schütteln, ihn anschreien, ihn nicht länger so anzustarren.

„Wie lauten die Befehle des Lordregenten?“, fragte Halduron. Seine Förmlichkeit war niederschmetternd.

„Verständige die Zuflucht der Weltenwanderer und die Enklave“, antwortete er. „Teile ihnen unseren Entschluss mit.“

Halduron nickte und ließ ihn mit einem letzten unergründlichen Blick zurück.

Lor’themar sah sich um. Ein einziges böses Funkeln der Augen ließ die Diener und Palastwachen zu ihren Pflichten zurückeilen. Die einzige Person, die im Korridor zurückblieb, war Aethas Sonnenhäscher, der sich schlicht weigerte, ignoriert zu werden.

„Wenn Ihr nach Nordend geht, werdet Ihr dann auch die Kirin ...“

„Die Kirin Tor können tun und lassen, was sie wollen – es interessiert mich nicht!“, fuhr ihn Lor’themar an. „Aber da schon bald eine beträchtliche Anzahl an Sin’dorei-Truppen gen Norden aufbrechen wird, dürften viele von ihnen in absehbarer Zeit auf Eurer Türschwelle stehen. Ihr werdet sie nach besten Kräften unterstützen, Aethas. Nun geht und sucht Rommath. Ich bin sicher, dass er gute Verwendung für Euch haben wird.“ Lor’themars Verachtung brach endlich offen hervor. „Ich denke, Ihr solltet Euch freuen, Erzmagier.“

Aethas schüttelte den Kopf. „Ihr habt recht, es war mein Wunsch, Eure Unterstützung in Nordend zu gewinnen, Lordregent. Aber nicht zu diesem Preis. Bitte glaubt mir, wenn ich sage, dass ich sie Euch lieber hätte aus freiem Willen gewähren sehen, als wegen ...“

„Mein freier Wille ist unversehrt“, unterbrach ihn Lor’themar erneut, Aethas’ spitze Worte hatten ihn zutiefst getroffen. „Und es ist nach wie vor mein Wille, der Quel’Thalas regiert.“

„Gewiss, mein Lord“, erwiderte Aethas mit einer leichten, beschwichtigenden Verbeugung. Doch als er seinen Kopf wieder hob, konnte Lor’themar sehen, dass die Entschuldigung nicht bis zu seinen Augen gelangt war. Kochend vor Wut machte Lor’themar auf dem Absatz kehrt und ließ ihn allein zwischen den bleiernen rot-goldenen Bannern stehen.

***

Tagebuch des Lordregenten, 83. Eintrag

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt jemandem eine solch offene Lüge ins Gesicht gesagt habe, nicht einmal seitdem ich in die Politik gezwungen wurde. Aber ich habe Aethas angelogen, und er weiß es, und ich weiß es, und jeder, der sie mich hat aussprechen hören, weiß es auch. Mein Wille ist in Wahrheit von äußerst geringer Bedeutung. Ich kann so tun, als verfügte ich über tatsächliche Macht, aber letztendlich ist alles nur Schauspielerei und nichts davon hat mit Ehrlichkeit zu tun. Ich kann meine Hände in Unschuld waschen, den Märtyrer spielen, zum Opfer gemacht werden und damit nichts erreichen, oder ich kann kämpfen und selbst andere zu Opfern machen und so zum Wesen all dessen werden, wogegen ich gestritten habe. Würde ich meine Entscheidungen jemals anhand einer anderen Logik zu begründen suchen, würde ich mich nur selbst belügen. Falkenspeer hatte recht: Ich paktiere in der Tat mit dem Teufel, aber der Sonnenbrunnen wäre nie neu errichtet worden, wenn wir uns nicht auf diese Ebene herabbegeben hätten. Er und Aurora können ruhig schlafen, in der Gewissheit, dass sie ihre Moralvorstellungen niemals verletzt haben. Aber wenn sie bestreiten, im Schatten derer, die dies getan haben, zu gedeihen, dann betrügen sie sich in gleichem Maße wie ich.

Und hier finde ich mich nun also wieder, nur noch einen kleinen Schritt davon entfernt zu glauben, dass jeder Zweck die Mittel heiligt. Doch die Ruinen der Terrasse der Magister werden mich für alle Zeiten verfolgen und mich an das Schicksal erinnern, dass ich mit dieser Haltung herausfordere. Dies ist der schmale Grat, auf dem ich wandere, wissend, dass die Taten, die ich aus der Not heraus begehe, gleichwohl unentschuldbar sind. Diese Tatsachen sind zwar niemals miteinander in Einklang zu bringen, aber von Zeit zu Zeit kann ich sie nebeneinanderstellen und beinahe verstehen. Gut möglich, dass ich diese Offenbarung als tiefgründig betrachten würde, wenn ich ignorant genug wäre, nicht zu begreifen, dass ich gerade erst am Anfang der Lektionen stehe, die Kael’thas und vor ihm Anasterian auch gelernt haben. Uns bleibt nichts, als den Weg, der uns bestimmt ist, so würdevoll wie möglich zu beschreiten, jeder zu seinem eigenen Ruhm oder Untergang, und zu beten, dass wir uns letzten Endes noch ein Stück unserer Seele bewahren. Beim Sonnenbrunnen, ich hoffe, dass ich ein Stück meiner Seele bewahren kann.

IconSmall BloodElf Male.png Themenportal Sin'dorei

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