FANDOM


Geasina Geschichten Fernweh Charakterbogen Draenor Plot 2015

Waldhörner Bearbeiten

Der Klang von Waldhörnern aus der Ferne kam durch das einen Spalt weit geöffnete Fenster und mischte sich kurz in Geasinas Träume, bevor er sie aus diesen herauslöste und der Schlaf von ihr wich. Kurz horchte sie dem näherkommenden Klang, dann sprang sie barfuß aus dem Bett, aus der Tür und die Treppe hinab, auf der sie ihrer Mutter in die Arme lief. "Guten Morgen, Sina mein Schäfchen." Geasina schmiegte sich in die Arme ihrer Mutter, die sie die Treppe heruntertrug. Im Arm und umgeben von den goldenen Locken ihrer Mutter fühlte sie sich herrlich geborgen. Am Fuß der Treppe setzte ihre Mutter sie ab und sagte angestrengt und leicht bedauernd: "Du bist inzwischen zu schwer für sowas, mein Spatz." Hand in Hand traten sie vor das Haus in den kalten, klaren Herbstmorgen und schauten erwartungsvoll in Richtung des Torbogens, dem näherkommenden Waldhörnerklang entgegen.

Kurz darauf erschienen die Reiter unter dem Tor und zwei von ihnen ließen noch einmal die Hörner erschallen. Einige erhoben grüßend die Hände. Nachdem sie mit dem wachhabenden Offizier der Burg gesprochen hatten, löste sich die Gruppe der Reiter auf. Ein Mann in glänzender Rüstung und mit einem großen Breitschwert auf dem Rücken, dessen verzierter und edelsteinbesetzter Griff über seiner Schulter hervorguckte, steuerte auf Geasina und ihre Mutter zu. Er stieg ab und schloss beide in die Arme, küsste seine Frau und hielt dann seine Tochter auf Armeslänge von sich ab. "Was bist du groß geworden, meine Gea!" sagte er. Zu dritt gingen sie zurück in das Haus und weiter in die Küche und Geasina war froh, dort in ihre Filzpantoffeln schlüpfen und sich auf die warme Ofenbank setzen zu können. Von da aus sah sie zu, wie ihre Mutter ein üppiges Frühstück auftischte und lauschte dazu den Geschichten ihres Vaters, der von Kämpfen, Orks und vielen aufregenden Dingen erzählte.



Nächtliche Ruhestörung Bearbeiten

Leise knarrend öffnete sich die Haustür, dem Mädchen kam es vor, als würde ein riesen Lärm entstehen. Dunkel war es im Flur dahinter. Sie schlüpfte aus den dreckigen Schuhen und schlich auf Zehenspitzen zur Waschschüssel, eine Hand an ihren linken Unterleib gepresst. Das Kind wusch sich eine Weile, die Lippen fest aufeinander gepresst, da näherte sich Lichtschein. Eine hochgewachsene Frau in weißem Gewand kam durch den Flur auf sie zu und stellte die Öllampe auf dem Waschtisch ab. Das Kind hielt im Waschen inne und zog abwehrend die Schultern hoch. Der Frau stockte kurz der Atem, dann ging es auch schon los: "Meine Güte, Sina, was ist denn mit dir passiert?" rief sie erschrocken aus. Geasinas Arm blutete und ihr linkes Auge war zugeschwollen, außerdem war ihre Hose zerrissen, man sah Kratzer auf ihrer Haut darunter.

Ihre Mutter zog Geasinas Holzschwert aus dem alten Gürtel von Sinas Vater, der um die Taille des Kindes gebunden war, dann zog sie ihre dünne Tochter aus, wusch sie gründlich und ließ dann ihre Hände auf Arm, Auge und den Kratzern ruhen. Die Wunden schlossen sich prickelnd und Geasina schaute ihre Mutter kurz dankbar an - nun wieder aus zwei Augen. Als die Fragerei losging, blickte sie allerdings wieder trotzig und verschlossen drein. Irgendwann, als auch ihr Vater, vom ungewöhnlichen nächtlichen Lärm geweckt, dazugekommen war, rückte das Mädchen doch mit der Sprache heraus: "Tseron hat gesagt, dass Mädchen niemals so gut mit Schwertern umgehen könnten wie Jungs!" platze es aus ihr hervor. "Dabei hatte ich ihm dreimal nacheinander das Schwert aus der Hand geschlagen!" sie blickte rechtschaffend entrüstet drein. Ihr Vater lächelte, was ihm nach einem eisigen Blick seiner Frau sehr schnell verging. Schließlich hatte er seiner Tochter den Kampf mit Waffen beigebracht. Nur seinetwegen war seine kleine Gea hart wie ein Junge, sehr zum Ärger seiner Frau.

"Und warum die Verletzungen?" fragte er dann. "Habt ihr euch geprügelt?" fragte die Mutter. Geasina nickte. "Klar, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen." Die Mutter schüttelte resigniert den Kopf und stemmte die Hände resolut in die Seiten. "Na, er hat dich ganz schön zugerichtet. Adam, du wirst heute Abend noch mit Tserons Eltern sprechen!" Geasinas Vater war bei diesen Worten seiner Gemahlin sichtlich unwohl und Geasina protestierte heftig: "Meine Angelegenheiten regel' ich selbst! Und du hättest ihn mal sehen sollen!" Ihr Vater lachte, was ihm noch einen bösen Blick seiner Frau einbrachte.



Winterhauch Bearbeiten

Es war der Vortag vor dem Winterhauchfest und noch einmal, wie schon die ganze letzte Zeit, war es selbst schon früh am Morgen ein eifriges Treiben auf den Gassen und Straßen von Sturmwind, und jetzt war sicher schon später Vormittag. Durch das leicht aufgestellte Fenster kamen schon seit einiger Zeit die nur wenig gedämpften Geräusche von draußen herein: Hufschlag auf den harten Pflastersteinen, schimpfende Kutscher, eilige Schritte, Gesprächsfetzen und vieles mehr. Geasina löste sich sanft aus der über Nacht locker gewordenen Umarmung und setzte sich im Bett auf. Kalt kam der Lufthauch vom Fenster und strich unangenehm über die Stellen, die es eben noch Haut an Haut warm gehabt hatten.

Ihre Beine schwangen sich unter der dicken Daunendecke hervor, die Füße schlüpften schnell in die vor dem Bett stehenden Pantoffeln, denn der Steinboden strahlte ebenfalls große Kälte aus. Sie rieb sich die Augen und schaute dann auf das noch schlafende, von einem schwarzen Bart gerahmte Gesicht in den Kissen. Liebevoll steckte Sina die Decken um den nun einsam zurückbleibenden, schlafenden Körper fest. Sie trat um das Bett herum und deckte die Decke über einen herausschauenden Fuß, drückte einen Kuss auf das strubbelige schwarze Kurzhaar, das zwischen Decke und Kopfkissen hervorschaute und gähnte verhalten, als sie sich zur Waschschüssel wendete.


Langsam kleidete sich an, bemüht, keinen Lärm zu machen. Statt der üblichen ketten- oder gar plattenbewehrten Rüstungsteile, die sie meistens trug, war es heute ein samtenes, dunkelgrünes Kleid, dazu Handschuhe, ein schönes Tuch und ein schwerer, wollener Umhang. Sina schrieb ein paar Zeilen auf einen Bogen Papier, küsste diesen und legte ihn auf das freie Kopfkissen.

Leise knarrend öffnete sie das Fenster ganz und blickte hinaus. Auf den Dächern war eine kleine Schicht Rauhreif - oder war es sogar feiner Schnee? - zu sehen und die Luft war klirrend kalt. Es sah aus, als wolle es jeden Moment schneien. Leise zog Geasina das Fenster zu, nachdem sie ein paar tiefe Züge der kalten, aber trotz des Rauchs in der Luft im Vergleich zum stickigen Zimmer herrlich klaren Winterluft genommen hatte. Sie schlüpfte in hohe, fellbesetzte Stiefel und verließ das Zimmer und nach einem Gang hinab über die knarrenden Stufen des Treppenhauses auch das Haus.


Langsam schritt sie durch die Gassen und die Straßen des Handelsbezirks, in dem ihr Zimmerchen lag. Auf einer Brücke blieb sie stehen und sah auf den Kanal hinunter. Ein paar Enten watschelten schon auf der zugefrorenen Eisschicht und die ersten Flocken tanzten herunter. Sie schienen es nicht eilig zu haben und wirbelten mal hierhin und mal dorthin. Mit einem Lächeln zog Geasina ihr Schultertuch enger um sich und sah dem Treiben fasziniert zu.

Erst der Glockenschlag von der nahen Kathedrale ließ sie weitergehen. An dieser führte ihr Weg vorbei, zu einem Haus in einer der umliegenden Gassen. Ein Hausdiener ließ sie nach einem Schlag mit dem schweren Messingklopfer fast augenblicklich herein. Geasina begrüßte ihn freundlich vertraut und gab ihm Umhang, Tuch und Handschuhe. Aus dem Salon trat ihre Mutter ihr entgegen, das Gesicht leuchtete auf, als sie ihr einziges Kind sah und sie schloss Geasina fest in ihre Arme. Trotz ihres Alters schimmerte immer noch Gold durch das Grau ihrer Haare. Sie führte Geasina Arm in Arm in den Salon, der Tisch war festlich gedeckt und unzählige Kerzen gaben dem Raum Glanz und Wärme.

Ihr Vater erhob sich etwas steif aus einem Sessel am Kamin, eine alte Kriegsverletzung, die ihm des Winters zu schaffen machte, und umarmte seine Tochter ebenfalls kurz.


"Sina, Schatz, gut siehst du aus, geradezu blendend!" Die Augen ihrer Mutter blieben nur kurz an den beiden Ringen hängen, die Sinas Nase und Augenbraue ihrer Meinung nach alles andere als zierten. Nachgerade entsetzt war sie damals gewesen, als Sina diese neu gehabt hatte.

Prüfend sah sie ihre Tochter an, deren Augen ungewöhnlich glänzten. "Bist du verliebt, mein Engel?" "Du siehst aber auch gut aus, Mama!" erwiderte Geasina und drückte ihre Mutter nochmal an sich. "Ich komme viel zu selten zu Euch!" sagte sie, der Frage ausweichend. Schon bald setzten sie sich an die festliche Tafel.


"Ach Sina, es gibt in der Kathedrale wieder einige junge, strahlende Paladine, ich sollte dich unbedingt mal bekannt machen..." fing ihre Mutter an. "Ach Mama, nein. Du weißt doch, ich regel meine Angelegenheiten selbst." erwiderte Geasina und dachte bei sich, wie jung denn fertig ausgebildete Paladine schon sein mochten. "Aber Kind, du brauchst doch bald einen Mann. Du weißt bestimmt nichts über die Freuden, die es zwischen Mann und Frau geben kann. Und über Enkel würde ich mich sehr freuen!" Geasina verdrehte lachend die Augen, gab ihrer Mama einen Kuss und zwinkerte ihrem Vater zu.


Der nächste Besuch würde schwer werden. Wie sollte sie ihrer Mutter nur erklären, was geschehen war? Sie wusste es ja selbst nicht, wie es passieren konnte. Aber sie kannte inzwischen die "Freuden", die es da geben könnte, ganz ohne Mann und Frau zu sein. Ihre Mutter würde es akzeptieren müssen, dass sie nicht vorhatte, in Bälde zu heiraten. Wie schon so vieles an ihrer wilden Tochter. Und trotz allem fühlte Geasina sich geliebt von ihrer Mutter.


Ihre Gedanken schweiften am Mittagstisch zurück in die Vergangenheit. Teils wegen der Geschichten, die ihre Eltern erzählten, teils unabhängig davon. In diesem Haus hatte sie immerhin lange gewohnt, seit damals, als sie aus Burg Stromgarde nach Sturmwind gezogen waren, bis zu dem Tag, an dem sie während ihrer Ausbildung irgendwann in ihr Zimmerchen im Handelsdistrikt umgezogen war.



Morgens am Strand Bearbeiten

Mit tiefen Atemzügen sog sie die kalte Morgenluft in ihre Lungen, während ihre muskulösen Beine sie in schnellem Lauf über den feuchten Sand nahe der Wasserlinie trugen. Salz lag hier würzig in der Luft, Möwengeschrei war zu hören, und ab und an huschte eine Krabbe oder anderes kleines Krabbelgetier vor dem Störenfried in der morgentlichen Strandlandschaft davon.

Schon bevor hinter der nächsten Biegung die seltsam fragilen, kleinen Hütten der Murlocs, die hart an der Wasserkante zu bauen pflegten und deren Bauten wohl nach jeder hohen Flut erneut aufgebaut werden mussten, zu sehen wären, kehrte Geasina um. Langsam wurde ihr Geist klarer, während das Blut durch ihre Adern pumpte und der Körper etwas zu tun hatte.

Auch sie durchlebte Nachts immer wieder die Stunden im Sturm und die bedrohliche, todesnahe Reise auf "ihrer" Kiste zum Strand. Zum Glück schüttelten sie im Gegensatz zum armen Fabian keine Fieberträume dabei, die das schon so ausreichend bedrohliche Erlebnis sicher in noch düsteren Farben malen würden.

Sie dachte an Fabian und was er wohl träumen mochte. Ihre Gedanken kreisten, bis sie sich schließlich am Riemen riss. Die Gedanken sollten aufhören, in der immer gleichen, sich wiederholenden Spirale aus nachträglicher Angst zu kreisen. Während des Sturms selbst war gar keine Zeit für viel Angst gewesen, vielleicht kurzzeitige Panik, aber keine echte Angst. Wie auch, wenn einem der Wind die Atemluft vom Gesicht fortzureißen drohte, der peitschende Regen einen fast ebenso zu ertränken drohte, wie die nachtschwarze, gischpeitschende See?

Zurück in Lor'danel kehrte sie um und schickte sich an, die gleiche Strecke nochmal zu laufen. An den Tagen, wo sie gereist waren, und ebenso natürlich an Bord der Dorek, hatte sie darauf verzichtet, und sie merkte, wie einige Muskeln in ihren Beinen sich schon an dieses faule Leben gewöhnt hatten. Sicher, sie hatte sich viel bewegt, meist auf Fleckchens Rücken, später auch zu Fuß, aber die Bewegungen waren andere.

Es war ein angenehmes Gefühl, den Körper auf diese Weise zu spüren, wenn auch natürlich leicht schmerzhaft, war es doch ein Zeichen dafür, das richtige zu tun. Am Leben zu sein. Wieder zog das Bild vor ihrem inneren Auge auf, wie diese Kiste auf sie zugerast war, kaum dass sie es mit ihrem Rucksack auf Deck geschafft hatte. Was für ein Wahnsinn das gewesen war, nur um das vom geliebten Vater geschmiedete Schwert nicht zu verlieren, sich mit dem kompletten Rucksack abzuschleppen, der vor allem durch ihre mit Ketten behangene Rüstung arg schwer war.

Wie würde er es ihr gedankt haben, wenn sie zwar mit seinem Schwert, auf dem Meeresgrund ein Mal der Fische geworden wäre? Die Kiste, sie spürte noch ihren Luftzug, wie sie ihr gerade noch ausweichend kurz vor dem Leib vorbeirauschte. Trotz des Sturmes hatte sie es gefühlt. Ihre Hände hatten das wild tanzende Netz gegriffen, noch ehe ihr Verstand darüber eine richtige Entscheidung getroffen hatte.


Ihr wurde erst klar, dass sie angehalten haben musste, als etwas über ihren bloßen Fuß krabbelte. Geasina schaute herunter. Was für ein frecher, kleiner Krebs. Sie atmete tief durch und blieb ruhig stehen, bis das Tierchen den seltsamen "Stein" oder wofür es ihren Fuß halten mochte, untersucht und wieder verlassen hatte. Die vergangenen Augenblicke waren grauenhaft gewesen.

Wieder und wieder hatte sie durchlebt, wie sie, ans Netz gekrallt, hinter der die Brüstung zersplitternden Kiste her in die Tiefe gestürtzt, eine Weile ohne Orientierung oder Luft unter Wasser herumgewirbelt worden war, bis die zwischen den turmhohen Wellen tanzende Fracht an die Wasseroberfläche geschnellt war.

Immer wieder hatte sie nur kurz Luft holen können, bevor sich die schwarzen Fluten erneut über ihr schlossen. Irgendwann war es ihr gelungen, trotz des an ihr wie Blei hängenden Rucksacks am Netz auf die Kiste zu klettern. Ohne das Netz, dass wohl an der Kiste gut befestigt gewesen sein musste, hätte sie sich aber auf diesem bockigen Reittier, das wie ein Korken von den Wellen hin und hergeschleudert wurde, kaum halten können.

Sie schüttelte die Gedanken abermals ab und lief weiter. Schneller, schneller laufen würden die Gedanken besänftigen. Sie wunderte sich über sich selbst, in der ersten Nacht hatte sie geschlafen wie ein Stein. Erst allmählich kam das ganze wieder hoch. Dabei war die Situation zwischen den Untoten ebenfalls lebensbedrohlich gewesen, hatte ihr hinterher aber nicht in diesem Maße zu schaffen gemacht. Doch dieses so lebensgefühlfremde andere Element, der Sturm, das Wasser... ihr wurde schlecht, als ihr klar wurde, dass sie noch einmal auf einem Schiff würde reisen müssen, wenn sie Eltern, Heimat und Fleckchen wiedersehen wollte.

Die stetig und recht ruhig heranbrandende Gischt wusch schnell den kleinen Makel hinfort, der aus wenigen Resten des Abendessens und Galle bestanden hatte. Geasina spuckte aus, aufs Meer hinaus, und lief weiter. Ihre Gedanken wechselten langsam gnädig das Themengebiet. Die Gesichter der Soldaten von der Fegefeuerinsel, die Gesichter der Matrosen, des ersten Maats und des Kapitäns tauchten vor ihr auf. Sie wusste nicht, wer es geschafft hatte. Und wer nicht.

Aber sie hatte am Strand viele Leichen gesehen. Es schüttelte sie. Wieder hielt sie an. Krabbelte auf einen größeren, dunklen Felsen am Strand und kauerte sich dort zusammen, die Hände vor'm Gesicht. So viele Matrosen hatten ihr Scherzworte zugeworfen, der eine oder andere ihr als eine der wenigen Frauen an Bord recht eindeutige Blicke, manche sogar Worte zugeworfen.

Zuletzt, noch im Sturm hatte einer mit ihr gescherzt und eindeutige Hüftbewegungen gemacht, begleitet von einem über den Sturm zu ihr hinweg gebrülltem "Wenn wir das hier überleben!!". Sie schluchzte. Froh allein zu sein, weinte sie hinter vorgehaltenen Händen, bis die Tränen irgendwann versiegten. Weinte um die Gestorbenen, weinte um die durchlittene Angst, weinte um ihre Unbefangenheit.

Als keine weiteren Tränen mehr hervorquellen wollten, rieb sie sich, immer noch - wenn auch ohne Tränen - ein wenig schniefend, das Gesicht ab, schon eher unwirsch über sich selbst. Sie, die starke, die zuversichtliche, die überlegene. Weinen passte nicht zu ihr. Geasina glitt von ihrem Felsen und trat an die Wasserkante. Eine Weile lang ließ sie ihre Füße vom kalten, frischen Nass in den weichen Sand eingraben und vorgebeugt ihre Hände und Handgelenke überspülen, dann fuhr sie sich mit den nassen Händen durch das Gesicht.

Niemand musste Spuren ihrer Tränen sehen. Bevor die Füße zu kalt wurden, lief sie weiter. Weiter auf das Territorium der Murlocs zu, vor dessen Grenzen sie wie beim ersten Mal rechtzeitig kehrt machte. Der Rückweg geriet ihr besser. Wieder konnte sie die klare Luft genießen, die sie tief einsog. Fast zurück beim Dorf der Elfen, das hinter der nächsten Landzunge liegen musste, machte sie Halt bei ein paar passenden, mittelgroßen Steinen, die perfekt verschiedene Gewichte bildete, mit denen sie die Übungen nachahmte, die in Sturmwind mit Eisengewichten mit praktischen Griffen durchgeführt worden waren.

Als sie schließlich ziemlich schwer atmend und schweißüberströmt den letzten Stein in den Sand fallen ließ, schaute sie sich nach allen Seiten um, zog sich aus und lief über den Strand ins Wasser. Willkommen war dessen Kühle jetzt. Erfrischend. Mit einem Schwung tauchte sie, nachdem das erste flache, in kieseligen Streifen wellig abfallende Stück des Strandes unter Wasser absolviert war, unter eine Welle und tauchte hinter ihr wieder auf.

Sie schüttelte die nun nasse, schwarze Pracht ihrer glatten Haare und machte sich daran, ein ordentliches Stück zu schwimmen. Zu Hause hatte sie zwar früh schwimmen gelernt, es musste sogar noch zu den Zeiten gewesen sein, als sie noch im Arathihochland, auf Burg Stromgarde gelebt hatte, dass ihr Vater mit ihr an dem Strand, an dem sie schon öfter gespielt hatte, ins Wasser ging und sie auf seinen ausgestreckten Armen das Schwimmen lehrte, doch in letzter Zeit war sie eher selten dazu gekommen.


Als Geasina zurück ins Dorf schlenderte, wirkte sie belebt, fröhlich, unbeschwert und Augen und Haare glänzten, letztere vom salzigen Meerwasser. Nur ungern war sie wieder in die verschwitzten Sachen gestiegen, aber außer ihrer Rüstung und dem dazugehörigen, wattierten und nun schon mehrfach geflickten Untergewand, hatte sie sonst keine. Sie hoffte, die gastfreundlichen Elfen würden auch heute morgen ein großes Frühstück mit diesem wundervollen Saft, Broten, exotischen Eiern und fremdartigem Käse auftischen. Denn ihr Magen knurrte vernehmlich.



Morgens am Strand 2 Bearbeiten

Wieder liefen bloße Füße über feuchten Sand. Langsamer diesmal, denn Geasina spürte jeden Schritt in ihrem angeschlagenen, linken Arm. Zain Treuhands komische, kühlende Salbe half, auch wenn es jedes mal ziemlich unangenehm war, sie aufzutragen. Trotzdem konnte auch diese nicht augenblicklich alle Folgen des kraftvollen Bärenbisses mildern. Zum Glück hatte das Tier sie am Unterarm gepackt, dort wo unter den langen, kettenbewährten Stulpen der Handschuhe auch noch feste Handgelenk- und Unterarmschützer diese in Schwertkämpfen besonders gefährdeten Körperstellen schützten. Trotzdem hätte der Bär vermutlich ihre Knochen zermalmt, wäre er nicht von seiner Seuche geschwächt gewesen. So waren faulige Bärenzähne zu Boden gepurzelt, anstatt das Knochenknacken durch den Wald gehallt war.

Kleine, in Scharen den Strand absuchende Laufvögelchen trippelten vor ihr her, flogen auf, und ließen sich hinter ihr wieder auf den Sand nieder. Vermutlich suchten sie nach angespülten Vogelleckereien. Sie hinterließen feinste, niedliche Vogelspuren im Sand.

Die Albträume vom sie verschlingenden Meer, die sie manchmal überfallende Angst, beides hatte dem Licht sei Dank nachgelassen. Von verseuchten, ekelerregenden Bären, die sich an ihrem Arm festbeißen, träumte sie seltsamer Weise nicht. Zum Glück ließ er sich inzwischen wieder ganz normal bewegen, auf das Dreieckstuch verzichtete sie mittlerweile. Auch die blauen Flecken waren nun blasser geworden, die Farben immer weiter wechselnd. Trotzdem verzichtete sie im Moment auf eine Reihe von Übungen, aber das Laufen wollte sie sich nicht nehmen lassen, auch wenn es etwas weh tat. Mit den Steinen hatte sie nicht mehr hantiert, seit dem Kampf mit dem Bären, und auch ihr Schwert hatte sie seitdem nicht wieder geschwungen. Dafür hatte sie es gründlich gereinigt und geschärft.

Die Wellen waren heute höher. Wolken ballten sich am Himmel, dennoch war es trocken und der Wind wehte vom Meer her. Noch nicht unangenehm, aber deutlich stärker. Nachts war sie inzwischen froh um ihre zweite Decke, war das Gasthaus doch zum Meer hin völlig offen - eine total sinnfreie, bescheuert elfische Bauweise. Die Elfen waren eh so ein Völkchen für sich. Von allen Verbündeten, die sie bisher kennen gelernt hatte, fand sie die Elfen am sonderbarsten und problematischsten. Klar, es gab auch da nette und weniger nette, aber dieser Zirkus um jedes einzelne Grashalmleben und diese manchmal bei einigen durchschimmernde, arrogante Art waren einfach nicht ihr Fall.

Nein, nicht alle konnten so freundliche Wesen wie die Draenei sein, die sie hatte kennenlernen dürfen. Geasina wechselte etwas weiter strandaufwärts, als sich an der Wasserkante langsam ein schmales Kies- und Steinband ausbildete und umlief es über pulverigen, unter den Schritten leise quietschenden Sand. Es war anstrengender, im nachgiebigen Sand zu laufen. Dafür war es eine Wohltat, sich hinterher die sandigen, laufenden Füße von den anbrandenden Wellen sauberlecken zu lassen.

Zwerge hatten keine hohe Meinung von ihr als Frau gehabt. Selbst nachdem sie ihnen gegen die Dunkeleisenzwerge oder diesen Knochenraptor geholfen hatte. Vermutlich waren sie nicht alle so. Vielleicht verstellten sie sich auch, denn tief innen in der Feste am Nistgipfel im Hinterland hatte sie interessanter Weise ein überraschendes Bild gesehen: Eine nackte, liegende Frau, verführerisch den Betrachter anlächelnd. Und nein, das war keine Zwergin gewesen, eine Menschenfrau hing da an der Wand. Bei genauerem Nachsinnen war das wirklich seltsam.

Dem würde sie nachgehen, wenn sie jemals zurück wäre und die Arme um Fleckchens Hals geschlossen hätte. Ihre gescheckte Stute stand immer noch im Stall des Nistgipfels und ließ es sich hoffentlich gut gehen. Sie fehlte der jungen Frau. Vielleicht hatte sie sich deshalb so gedankenlos an Rüstung und Schwert geklammert und diese beim Schiffsunglück gerettet, obwohl es sie fast das Leben gekostet hätte. Fleckchen war ein Geschenk ihres Vaters gewesen, ebenso wie die Rüstung aus festen, aber nicht so schweren Ketten und das leichte, scharfe Zweihandschwert, dass sie, anders als das Familienerbstück, das Schwert ihres Vaters, hatte sicher führen können.

"Rrllllrrrr Grrrwwöörll Rlllll!" schallte es ihr entgegen. Geasina hielt abrupt inne. Etwa vierzig Meter vor ihr stand ein Murlocspäher auf einer Dünenkuppe, schwang drohend sein kleines Speerchen nach der Menschenfrau und rief ihr irgendwas zu. Schwer atmend stand sie da und schaute das fremdartige Wesen an. "Verzeihung, bin schon weg!" rief sie ihm zu und machte entsprechend friedliche Gesten mit offenen Händen. Das Gestikulieren des Murlocs ließ nicht erkennen, ob er sie verstanden hatte. Aber als sie sich langsam rückwärts gehend, um den Murloc im Auge zu behalten, entfernte, schwang dieser zwar noch seinen Speer, setzte ihr aber nicht nach. Schließlich wagte sie sich umzudrehen und wieder in Richtung Lor'danel zu laufen.

Der stete Blick über ihre Schulter zeigte ihr, dass sie nicht verfolgt wurde. Was auch immer der Grund dafür sein mochte, sie war froh darum. Ohne ihr Schwert, das sie beim Laufen ja nur behindert hätte, und mit nur einem tüchtigen Arm, wäre eine Auseinandersetzung mit einem wütenden Murloc vermutlich nicht lustig gewesen, geschweige denn, wenn mehrere seinem Gerrllwwlllren gefolgt wären.

So konnte sie es wagen, ihren vom Laufen erhitzten und verschwitzten Leib vor der letzten, baumbestandenen Landzunge vor Lor'danel im Meer zu kühlen. Schwimmen mochte sie mit ihrem angeschlagenen Arm nicht. Das Wasser war trotzdem wie immer herrlich und kurz schien sogar die Sonne durch ein über den Himmel eilendes Wolkenloch und tauchte die Badende in helles Licht.



Ein greller Albtraum Bearbeiten

Geasina ließ ihr Schwert im weiten Kreis herumwirbeln. Die kleinen, ihr etwa bis zum Knie reichenden, grellbunten Wesen sprangen zurück, sich gegenseitig auf die Füße. Manche wurden aufgeschlitzt, aber andere drängten nach, stachen nach ihr, nach ihren Waden, Kniekehlen, der Hinterseite ihrer Oberschenkel und manche reichten sogar mit längeren Waffen zum Po herauf.

Die Höhle war gefüllt vom Kreischen der Grells, ein selbst für menschliche Ohren beinahe betäubendes Kreischen. Manche - die, die Geasina getroffen hatte - schrien ihren Schmerz heraus, andere ihre Wut, die meisten schrien einfach nur aufgeregt.

Sie keuchte, immer wieder schwang sie ihr Schwert, drehte sich den Grells zu, die sie von hinten angriffen, drehte ihre ungeschützte Rückseite damit aber anderen Grells zu, was es nicht besser machte. Immer wieder spürte sie kleine Speere, schartige Klingen oder auf einfach nur Steine, die sie stachen, nach ihr schlugen oder geworfen wurden.

Mit einem gewaltigen Ausfallschritt wagte sie einen Angriff nach vorn, gen Felswand, um endlich den Rücken frei zu bekommen, da sprangen mit einem Schrei drei große Grells von einer Plattform weiter oben direkt vor ihr in die Lücke, die die auseinandergestobenen, niederen Schergen freigemacht hatte.

"Das sind... zu viele!" keuchte sie, hektisch sah sie sich um. Wo waren ihre Gefährten geblieben? Riven, Tamora, Khyra? Nirgends waren sie zu sehen. "Zu Hilfe!" schrie sie laut, aber die einzige nennenswerte Reaktion war ein noch wütenderes Angreifen der Grells.

Allmählich gesellten sich ihre eigenen Schreie zu denen der Grells, weniger grell in der Stimmfärbung, doch kündeten sie von Wut und Schmerz, wie bei ihren Feinden. Sie stöhnte auf, als der Speer des Grellkönigs sich in ihren Oberschenkel bohrte. Stahlringe sprangen leise klingelnd zu Boden, warum auch immer sie dieses Geräusch in dem infernalischen Lärm hören konnte.

Etwas riss an ihrem Schwert - ein hektischer Blick - ein vorwitziger Grell hatte einen langen Haken hinter dem Kreuz verhakt und riss nun an dem Schwert, während die drei großen Grells von vorne und die vielen kleineren Grells von hinten nach ihr schlugen und stachen. Plötzlich knickte ihr linkes Bein ein, im Fallen sah sie eine Art kleinen Rammbock, mit dem die winzigen Wesen ihre linke Kniekehle getroffen hatten.

Das Schwert wurde ihr entrissen und sie stürzte schmerzhaft auf den Rücken. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, doch lange währte diese Gnade nicht, bald schon holten die Schmerzen sie in die Wirklichkeit zurück. Die Grells zerrten und rissen an ihr herum, bis sie auch die letzten Fetzen ihrer mitgenommenen Kettenrüstung in Händen hielten.

Ihr Untergewand war in fast ähnlich schlechtem Zustand, zu viele Treffer hatte es einstecken müssen. Von allen Seiten zerrte und riss man an ihr, Klingen schnitten an gespanntem Stoff herum, sie wurde von der Wucht des Reißens der drei größeren Grells auf den Bauch gedreht und krümmte sich zusammen, die Arme vor dem Gesicht.

Irgendwann ließ das Pieksen nach, die Gegnerin war ja auch hinreichend besiegt. Geasina blutete aus vielen kleinen Wunden, nur noch der ein oder andere Fetzen Stoff wärmte sie. Der Höhlenboden war kalt, die Luft dazu. Die junge Frau zitterte, fast zu einer Kugel zusammen gedreht, wie sie war, vor sich hin.

Wieder schwanden ihr die Sinne. Als sie zu sich kam, wurde sie von vielen kleinen Händen getragen. Sie stöhnte und sackte wieder weg. Beim nächsten Aufwachen schien es ihr etwas wärmer zu sein, und heller. Sie blinzelte, ihre Augen gehorchten ihr nicht richtig, erst nach und nach wurde ihr bewusst, was um sie herum vor sich ging. Sie lag aus gestreckt auf dem Rücken, Arme und Beine zu den Seiten weggestreckt. Als sie sich wieder einrollen wollte, merkte sie, dass das nicht ging. Sie hob etwas den Kopf, um schmerzlich an den Haaren gezogen zu werden. Vorsichtig äugte sie herum, so gut das ging.

Die kleinen Biester hatten sie gefesselt, aber nicht nur an Handgelenken und Füßen, sondern an allem, was irgendwie erreichbar war, inklusive einiger Haarsträhnen, was das Reißen an diesen zur Folge gehabt hatte. Über Arme und Beine liefen eine Unzahl kleiner Riemchen und Seilchen, jedes für sich hätte sie zerreißen können, doch alle zusammen machten ihr fast jede Bewegung unmöglich.

Sie schielte nach rechts und links. Offenbar lag sie auf einer Art flachem Stein, auf dem jede Menge Kerzen standen, Licht und auch etwas Wärme abgaben. Irgendwann fiel ihr auf, dass die vielen kreischenden Stimmchen verschwunden waren. Trotzdem klang es nicht so, als sei sie alleine in dieser Höhle. Hier schabte ein kleines Füßchen, da scharrte der Schaft eines Speeres über den Boden, dort räusperte man sich. So weit sie sehen und erspüren konnte, hatte sie keinen Fetzen Stoff mehr am Leib, der dafür umso mehr schmerzte. Einige kleinere Schrammen hatten aufgehört zu bluten und schmerzten dafür um so mehr, aber viele tiefere Wunden bluteten noch vor sich hin. Sie spürte ihren Lebenssaft auf den Stein unter ihr rinnen. Offenbar hatten sie wie durch ein Wunder kein größeres Blutgefäß verletzt, sonst wäre sie wohl kaum wieder zu sich gekommen.

Da sprang mit einem Mal ein Grell neben Geasina auf den Stein, auf dem sie lag. Er trug einen seltsamen Kopfschmuck und ein weites Gewand. Sie brauchte eine Weile, um dahinter zu kommen, dass es wohl der Grell-König war, dessen Speer sie am Oberschenkel getroffen hatte. Nun schwang er statt des Speeres ein dunkel glänzendes Messer, das durch und durch aus einem Stück schwarzen Steins gefertigt schien.

Der Grell tanzte um die Gefangene herum und immer wenn er sein Messerchen in die Höhe hielt, füllten unzählige Grellstimmchen die Felsenhalle mit Jubelschreien. Geasina folgte dem Grell besorgt mit den Augen, immer wieder versuchte sie, den einen oder anderen Arm loszureißen, oder auch ein Bein frei zu bekommen, doch die gesammelten Bemühungen der Grells, sie zu fesseln, waren von zermürbendem Erfolg gekrönt.

Immer näher kam der Tänzer nun und - ja er sang! Ein scheußlich kreischiger Singsang entrang sich dem Grellkehlchen, er kam immer näher, das Messer schabte über ihre Haut, schnitt dann hier und da, nicht tief, wohl mehr rituell, in Geasinas Haut. Sie stöhnte, kleine Bluttropfen begannen hier und dort an ihr herabzurinnen. Plötzlich sprang der große Grell mit einem lauten Schrei auf Geasinas Bauch zu. Sie riss die Arme zur Hilfe, doch die Fesseln hielten. Der Grell landete aber nicht auf den angespannten Bauchmuskeln, sondern breitbeinig links und rechts neben diesem. Er sah der Gefangenen in die Augen, dann glitt sein Blick tiefer.

Die Augen des Grells wirkten wahnsinnig, aber auch irgendwie analytisch, wie er nun Geasinas Oberkörper anstarrte. Die freie Hand näherte sich diesem nun, befühlte aber nicht, wie sie befürchtet hatte, ihre Brüste, sondern tastete dazwischen nach ihren Rippen. Ein hässliches Lächeln breitete sich auf dem Grellgesicht aus, ein stimmgewaltiger, das Trommelfell schmerzender Schrei löste sich von seinen Lippen, der von den Grells ringsum erwidert wurde, dann sauste das Messer auf Geasina hinab.

Als sich das Messer in ihre Brust bohrte, zwischen den befühlten Rippen hindurch bis in ihr Herz, schreckte sie mit einem Schrei auf. Sie saß völlig außer sich orientierungslos und kerzengrade in ihrem Bett im Obergeschoss des Gasthauses von Dolanaar. Schweißüberströmt, Haarsträhnen klebten an ihr ebenso wie das Hemd, dass sie trug, ihr Herz raste, ihre Kehle war staubtrocken.

Das Pochen in ihrem Oberschenkel war es, das sie langsam zurück an den Ort brachte, an dem sie war. Sie schob die Decke zurück. Der Verband um die Wunde hatte sich dunkel verfärbt. Offenbar hatte die Verletzung wieder angefangen zu bluten und ihr diesen furchtbaren Traum beschert. "Es ist nichts, alles in Ordnung - nur ein Traum!" beruhigte sie eine besorgte Elfe, die auf der Treppe stand und zu Geasina herüber schaute.

Schlafen mochte sie erstmal nicht mehr, wer weiß, welche Traumbilder ihr die Ereignisse am Tag zuvor noch bescheren würden. So schlüpfte sie in die Hose, die Khyra ihr geliehen hatte, trank viele durstige Schlucke aus dem bereitstehenden Wasserkrug und tappte dann mit bloßen Füßen hinunter in das Gasthaus. Was herrschte hier für ein Leben? Sie wusste ja, dass die Elfen nachtaktiv waren, aber damit hatte sie nun nicht so recht gerechnet. Mindestens doppelt so viele wie tagsüber waren zu sehen, handelten, werkelten und redeten miteinander.

Dankbar für die Ablenkung setzte sie sich an den Fuß der Treppe, die sie heruntergekommen war und folgte dem bunten Treiben mit den Augen. Elfenstimmen waren sehr viel angenehmer als dieses hohe Gekreische der Grells.



Die erste Nacht auf Draenor Bearbeiten

Gerade hatte Geasina sich noch gefragt, wie sie bei all dem Krach und Gestank, den Lauten der vielen Anderen in den Betten um sie herum und der unbequemen Matratze wohl einschlafen sollte, als auch schon eine laute, militärische Stimme sie aus dem viel zu kurzen Schlaf hochriss. Sie rieb sich verschlafen die Augen, aber nach ihrer Ausbildung zur Wache wusste sie, dass dies kein Moment war, um sich viel Zeit zu lassen. Noch im zum Schlafen auserkorenen langen Hemd erkämpfte sie sich eine der Waschschüsseln, wusch sich, so gut das eben ging, mitten unter lauter anderen Menschen, und legte dann, zurück bei ihrem Bett, erst den wattierten Unterrock und dann Rüstungsteil um Rüstungsteil an.

Die Entscheidung für das obere Bett begann sie langsam zu bereuen, das Hoch und Herunter - meist in Rüstung, da es diese hier ja fast permanent zu tragen galt - wurde langsam anstrengend. Andererseits war sie jung und kräftig, wenn nicht ihr, wem sollte man das wohl sonst zumuten? So begann sie es als zusätzliches Training zu sehen, auch wenn es gleich nach einem kurzen Frühstück bestimmt beim eigentlichen Training wieder gut zur Sache gehen würde. Sie war froh, dass sie auch in der Zeit, in der niemand über ihr Leben, ihren Tagesablauf und die Dinge, die sie tat oder nicht tat bestimmte, jeden Morgen ihre Trainingseinheiten durchgeführt hatte. Selbst auf der Reise im letzten Jahr war sie, wo es nur ging, gelaufen, geschwommen und hatte mit Steinen oder der Ladung auf dem Schiff Gewichte gestemmt. Auf dem Schiff war Laufen und Schwimmen ausgefallen. Dafür hatte sie mit ihrem Zweihänder so manche Stunde geübt, selbst bei der Flaute, als die Sonne vom Himmel brannte und der Schweiß ihr nur so in Strömen herablief.

Vor körperlicher Anstrengung scheute sie sich nicht, auch wenn die einen oder anderen Muskeln vom gestrigen Training noch brannten. Die zum Teil neuen Übungen hatten wohl Teile ihres Körpers angesprochen, die sie normalerweise nicht trainiert hatte. Aber das konnte nur gut sein. Auch die Oberschenkel brannten, hatte sie doch gestern noch rittlings auf einem Zaun sitzend Schenkeldruck für das freihändige Reiten geübt. Die ersten verließen die Baracken schon, als Geasina noch dabei war, ihre letzten Rüstungsteile mit diversen Schnallen sicher zu befestigen. Sie runzelte die Stirn und sah sich schnell im wuseligen Halbdunkel um. Erleichtert stellte sie fest, dass sie vermutlich nicht zu den letzten gehören würde. Aber um zu den ersten zu gehören, hätte sie auf die eh schon spärliche Körperpflege verzichten müssen. Dazu war sie noch nicht bereit, es sei denn natürlich, es gäbe einen Alarm.

Eilig, aber ohne schluderig zu werden, zurrte Geasina die letzten Schnallen zu und stieg dann vorsichtig in voller Rüstung von ihrem Bett. Sie hangelte nach ihren zwischen Bett und Schrank an dort angebrachten Haken hängenden Waffen und dem Schild und machte sich so ausgerüstet auf den Weg zu dem großen Feuer, wo die Streiter versorgt wurden. Das permanente Dämmerlicht konnte ihren Enthusiasmus in einen neuen Tag zu starten nur kurz trüben, Stockbrot und eine Schale mit einem recht schwer einzuordnenden Brei weckten ihre Lebensgeister zusammen mit einem Krug kalten Brunnenwassers aber wieder ausreichend. So ging sie kurze Zeit später zum Übungsgelände herüber. Dort hatte sich seit dem Vortage einiges getan!



Verletzt Bearbeiten

Als Geasina aufwachte, wusste sie zunächst weder, wo sie war, noch welche Tages- oder Nachtzeit herrschen mochte. Eines war sicher, sie lag nicht oben auf ihrem Bett in der Kaserne. Dafür tat ihr der Kopf weh. Langsam sickerte nach und nach die Erinnerung zurück in ihr Bewusstsein. Sie sah sich um in dem kleinen Raum über dem Gemeinschaftszimmer, in dem neulich noch eine nette Kennenlernrunde muntere Diskussionen geführt hatte. Hierher hatte Kjel sie gestern halb die Treppe hinaufgetragen. Und einen Vorteil gab es hier gegenüber dem großen Schlafsaal: Sie war allein. In weiser Voraussicht hatte sie Kjel um einen Nachttopf gebeten. Der Blick zum Nachttisch zeigte ihr, dass der Wasserschlauch, um den sie ihn ebenfalls gebeten hatte, fast leer war. Kein Wunder, dass sie austreten musste.


So kletterte sie barfuß aus dem Bett, hangelte nach dem Topf unter demselben und nestelte nach einem Blick zur geschlossenen Tür am wattierten Rüstwams, in dem sie sich schlafen gelegt hatte. Schließlich zog sie die Hose samt Höschen ein Stück herunter und hockte sich auf den metallischen Nachttopf. Sie seufzte wohlig, als sich ihre Blase entleerte und der Druck in ihrem Unterleib nachließ. Eine Weile saß sie einfach zufrieden da, doch dann machte sich wieder der pochende Kopf bemerkbar. Sie befühlte die Beule, die von dem in ihren Helm eingedrungenem Splitter übrig geblieben war. Schmerzhaft verzog sich ihre Miene, was musste sie auch an der Beule herumdrücken?

Immerhin schmerzte der Arm nicht mehr. Während von Grainsberg ihren Arm geheilt hatte, war es anders als bei den Heilungen, die sie früher schon von Paladinen erhalten hatte, etwa von Loreen beim Warten auf die Suche nach den Raptoreiern, oder auch von deren Vater später einmal, nicht angenehm und erlösend gewesen, sondern es hatte sich angefühlt, als brenne ihr Arm, als drücke sich etwas von innen heraus, um sich dann zu einem unerträglichen Schmerz zu steigern, bis sie es nicht mehr ausgehalten und die Heilung abgebrochen hatte. In dem Moment, wo von Grainsberg den Kontakt zu ihr verloren hatte, war der Schmerz augenblicklich verflogen. Nun massierte sie sanft ihren linken Unterarm, der sich aber nach wie vor völlig normal anfühlte. Kaum zu glauben, nachdem so viel Blut dort herausgerieselt war.

Als es ihr plötzlich ein wenig kühl wurde, untenherum, schrak Geasina aus ihren Gedanken auf. Wäre sie da gerade fast eingeschlummert? So lupfte sie sich an und zog die wattierte Hose wieder hoch. Den Nachttopf schob sie mit den Zehen langsam wieder tief unter das Bett und kletterte in dasselbe, sich in die Decke einmummelnd. Die Blätter unter ihrer Zunge hatte sie irgendwann auf den Nachttisch gelegt. Nun hätte sie wohl gern neue gehabt. Aber solange sie nicht wusste, ob sie inzwischen wieder die Treppen aus eigener Kraft bewältigen könne, wollte sie keine Experimente wagen. So rollte sie sich unter der Decke zusammen, ein Arm unter dem Kissen, den anderen in die halb über den Kopf gezogene Decke gewickelt und versuchte trotz des schmerzenden Kopfes wieder einzunicken. Wieviel Zeit ihr noch bis zu nicht vorhandenen Morgendämmerung bleiben würde, war völlig ungewiss, da hier keine der praktischen Stundenkerzen brannte. Aber so oder so, sie brauchte Schlaf.

Fast eingenickt, meldete sich erneut ihr Durst. Wo sollte das nur hinführen? Sie tastete nach dem Wasserschlauch und leerte die kümmerlichen Reste. Da hätte sie Kjel wohl um zwei Schläuche bitten sollen. Aber hatte er nicht nochmal nach ihr schauen wollen? Vielleicht war es früher, als sie dachte. Ihre Gedanken glitten zurück in jene Höhle, es mischten sich die Bilder der Goren mit denen früherer Erlebnisse: Raptoren, kleine, um sie herumspringende Grells mit schwingenden Speeren, ein Raptor aus Knochen, der in der Ferne vorbeikam. Was sie danach sah, entzog sich ihrer Erinnerung, bildete Traumfetzen und die junge Frau entglitt in einen unruhigen Schlaf.



Im Pferdestall Bearbeiten

Es war noch früh am Morgen, doch hatte die junge Frau, die gerade über den Hof zu den in verwinkelt verbauten Anbauten der Burg untergebrachten Stallungen des Gestüts unterwegs war, sich schon zweimal gewaschen. Und nach dem Besuch des Stalls käme die dritte, ausführlichste Wäsche an die Reihe. Aber sie mochte auch nicht von ihren morgendlichen Übungen verschwitzt in die stets frischen Leinensachen schlüpfen, die Eodaine ihr jeden Tag für diese Pflicht in ihre Kammer legte. Schon vor dem große Tor waren die Laute eifriger Arbeit und dabei ausgetauschter Bemerkungen zu hören. Sina legte einen Schritt zu, schnappte sich einen der Reisigbesen aus der kleinen Kammer neben dem Eingang und suchte die nächste, noch nicht gemachte Box.

Die ihr begegnenden Stallburschen nahmen sich Zeit, die interessante junge Frau, die einerseits einen höher gestellten Posten inne hatte - soviel hatte man gehört - andererseits aber fast gleichaltrig war und jeden Morgen den Stall mit ausmistete, zu begrüßen und das eine oder andere Scherzwort zu wechseln, ohne die eigene Arbeit dabei sträflich zu vernachlässigen. Die Atmosphäre hier war arbeitsam, aber niemand leistete mehr, als er auf Dauer ohne Schaden geben konnte und für ein kurzes Gespräch fand sich immer ein Moment.

Der jungen Frau machte die Arbeit mit den Pferden Spaß, dazu war sie auch noch nützlich. Selbst das Reinigen der Boxen war ihr nicht so schrecklich unangenehm. Dass dieser oder jener Blick an den Rundungen ihres Leibes hängen blieb, ließ sich schwerlich verhindern und störte Sina auch nicht weiter. Die zweckmäßige Kleidung war nicht gerade ein Aushängeschild und machte sie keinesfalls zum Ausstellungsstück männlicher Begierde. Wenn dennoch dieser oder jener Blick an ihrem nun eben mal nicht strichgeraden Leib hängen blieb, so war dem eben so. Das lag in der Natur der Dinge.

Auch Kjel begegnete sie natürlich immer wieder. Meist hatten sie sich vorher schon irgendwo auf dem Gelände gesehen, wenn nicht, so wünschten sie sich hier einen guten Morgen, etwas intimer mit einem Kuss, falls gerade sonst niemand zugegen war, anderenfalls mit herzlichen Worten. Die großen, prachtvollen Tiere waren an die Menschen gewöhnt, die sich um sie kümmerten, auch Sina war ihnen inzwischen schon vertraut. Besonders gern kümmerte sie sich natürlich um Kassandra und Fleckchen, auch wenn das nicht immer hinkam.

Von Zeit zu Zeit sah man die Beraterin mit einer vollen Schubkarre zum Misthaufen hinaus fahren. Die junge Frau zeigte sich ohne Dünkel oder Berührungsscheu mit den Stallburschen und anderen Bediensteten des Hauses und packte tatkräftig mit an. Denn kräftig war sie, das hatte schon der keckste von ihnen erfahren müssen, als die junge Frau sich auf ein scherzhaft vorgeschlagenes Armdrücken eingelassen und den noch heranwachsenden trotz deutlich vorhandener Muskulatur auf den Tisch herabgezwungen hatte. Gegen ebenso geübte Gleichaltrige hatte sie da in der Regel keine Chance, dafür war der Muskelaufbau von Frau und Mann einfach zu verschieden, aber um vorwitzigen Leutchen das Gemüt zu kühlen, reichte es ab und zu durchaus.

Auch mit dem Sattler, den Pferdetrainern und allen anderen, die gelegentlich dort arbeiteten, verkehrte sie freundlich.



Nächtliche Fütterung Bearbeiten

Mitten in der Nacht poltert es an die Tür der Schlafkammer. Es braucht eine Weile, bis Geasina sich schlaftrunken aus den Decken schält und aufsteht. "Habt vielen Dank!" ertönt dann ihre noch nicht ganz wache Stimme, laut genug, um auch draußen gehört zu werden. Von dort ertönt ein zustimmendes Geräusch, dann erklingen sich entfernende Schritte von metallenen Stiefeln auf Stein.

Hinter der jungen Frau piepst es schon aufgeregt von ihrem Schreibtisch her. Geasina lächelt, entzündet eine Öllampe auf ihrem Nachttisch und nimmt diese mit zum Tisch, wo sie sie ein gutes Stück entfernt vom Korb abstellt, aus dem die ungewöhnlichen Laute dringen.

"Hallo, Torus." begrüßt sie das winzige, gefiederte Wesen, das auf dem Boden des Korbes sitzt, piepst und den Schnabel aufsperrt. Die Frau setzt sich im Nachthemd auf den Schemel vor ihrem Tisch und zieht eine abgedeckte Schale heran. "Du kriegst sofort etwas, Torus." Mit einer winzigen Art von Schaufelchen entnimmt sie eine kleine Portion des blutigen Breis und füttert damit den Jungvogel, dem kaum anzusehen ist, dass er eines Tages ein stolzer Gerfalke werden wird.

Trotz der Augenränder, die sich inzwischen nach den häufigen Unterbrechungen des Schlafes in dieser Nacht auf ihrem Gesicht abzeichnen, ist ihr Gesichtsausdruck voller Wärme und Zuneigung dem kleinen Geschöpf gegenüber, das gierig die dargebotenen Breihäppchen verspeist. "Es wird langsam schon hell. Deine nächste Mahlzeit hole ich frisch von Falkner Jacob, Torus."

Als das Tier nach einer Weile satter und zufriedener wirkt, reinigt Geasina den kleinen Spatel. Anschließend umgreift sie behutsam das Jungtier am Rumpf und hebt es aus seinem Korb heraus. Sehr sehr sachte streichelt sie mit einem Finger der anderen Hand über das zarte Gefieder und murmelt freundliche Worte. Sie zieht einen kleinen Lederbeutel heran, dessen Inneres aussieht, wie ein kleines, ausgepolstertes Nest. Dorthinein setzt sie ihren kleinen Liebling und wechselt das oberste Tuch des Korbs aus. "Ich will mir nicht vorwerfen müssen, dich nicht sauber zu halten, Torus." erklärt sie dem etwa drei Wochen alten Jungvogel dabei.

Als alles hergerichtet ist, wie es sich gehört, setzt sie den Jungvogel behutsam in seinen Korb zurück, nicht ohne ihn noch ein wenig zu streicheln. Mit freundlichen Worten verabschiedet sie sich von dem nun seltener piepsenden Mitbewohner, deckt den Brei ab, auch wenn er später nur noch für die Schweine taugen mag, und richtet auf dem Tisch wieder alles sauber und ordentlich her. Nach einem letzten, kontrollierenden Blick geht sie mit der Öllampe zurück zu ihrem Bett. Müde kriecht sie unter ihre Decke, dreht das Licht ab und wickelt sich ein. Nur zu bald schon wird erneut an ihre Tür gepoltert werden.



Im Lazarett Bearbeiten

Geasina lag auf dem Bett des kleinen Raums im Lazarett, in dem sie auf einer Pritsche auch behandelt worden war. Sie lag auf der Seite, denn auf dem Rücken zu liegen tat weh, das Hämatom am unteren Rücken und dem Hinterteil war vermutlich weniger schlimm als das auf ihrer Brust, aber beim Liegen machte es sich dann doch bemerkbar.

Ihre Gedanken kreisten um den Zweikampf mit der Knappin Daeris Sirasind am gestrigen Abend und um ihren Falken Tarus. Lady von Vollstedt hatte gestern nicht gestattet, dass Sina Tarus fütterte. Dabei hätte man sie nur dorthin begleiten müssen. Gehen konnte sie doch! Dafür war der alte Falkner Jacob verständigt worden.

Das war sicher die beste Lösung, und doch hatte Tarus auch diesen lange nicht mehr gesehen. Sie konnte nur hoffen, dass das Tier nicht verschreckt war und etwaige Rückschläge in der entstandenen, engen Bindung zwischen Beraterin und Knappin einerseits und dem heranwachsenden Jungfalken andererseits zu befürchten waren.

Der Zweikampf gestern war lange Zeit recht ausgeglichen gewesen. Obwohl sie dicht an ihre gut fünfzehn Zentimeter größere Widersacherin herangekommen war, hatte diese doch mit ihren schnellen Reaktionen die gezielten Stiche und Streiche zunichte gemacht.

Außerdem hatte sie bewiesen, dass sie ebenfalls nicht nur herumstand und abwartete. Nachdem sich beide wieder ein wenig trennen mussten, hatte Sirasind zweimal Sina angestürmt. Das erste Mal seitlich, dem war sie ausgewichen, das zweite Mal frontal. Dieses Mal hatte Geasina alles auf eine Karte gesetzt, den Treffer riskiert und den Schwung der großen Frau genutzt, um einen Nadelstich zwischen Brustharnisch und Beinrüstung zu setzen.

Tatsächlich hatte sie getroffen und es war Blut geflossen. Lange hatte sie sich daran nicht erfreuen können, denn der kleine Stich hatte den Schwung der großen und gut trainierten Frau natürlich nicht aufgehalten. So war sie schmerzhaft mit dem Schild voraus gegen Sinas Brustkorb geprallt, der zum Glück von Rüstung und Gambeson geschützt gewesen war, und die kleinere Frau war ein Stück nach hinten geflogen und unsanft auf Po und Rücken gelandet. Zunächst hatte ihr der Aufprall den Atem geraubt, aber dieser hatte sich zum Glück schnell wieder eingefunden.

Knappin Lichtenthal hatte sich dann um sie gekümmert und Lady von Vollstedt dann dazugeholt. So waren Sirasind und sie selbst ins Lazarett verfrachtet worden, in zwei getrennte Kammern, wo sich die Draenei Lea um Knappe Sirasind und Lady von Vollstedt um Sina kümmerte. Vor wenigen Tagen war sie noch ein wenig verbal mit Lady von Vollstedt zusammengerasselt, als diese sie missverstanden und gedacht hatte, Sina würde ihr Wissen um Heilung anzweifeln. Das war gewesen, als sich der Knappe von Silberbrunn beim Gewichtestemmen fürs Tjosten einen Muskelfaserriss im Oberarm zugezogen hatte und Sina sich aufgeregt hatte, dass dieser in den Hofgarten statt ins Lazarett gebracht worden war.

Doch die adelige Dame hatte sich als gute Heilerin erwiesen. Sie hatte Sinas Brust mit einer kühlenden Salbe bestrichen und mit einem straffen Verband versehen, obwohl sie ihren einen Arm wegen einer Verletzung - ebenfalls bei einem Übungskampf - nicht benutzen konnte. Anschließend hatte sie Sina Hemd und Stoffhose aus ihrem Zimmer gebracht und den Falkner Jacob informiert. Vielleicht hatte letzteres auch der Großkomtor getan, genau wusste sie es nicht.

Nachdem sie versorgt gewesen war, war sie zu Sirasind herüber gegangen. Zum Glück sprach diese von einer kleinen Verletzung, Sina hatte zwar natürlich den Stich abgebremst, Sirasind selbst hatte jedoch nicht einfach anhalten können. Aber sie hatten sich die Hände gereicht und die andere Knappin schien nicht sauer zu sein.

Der Schlaf wollte so recht nicht kommen, und so wanderten ihre Gedanken weiter, zu dem Punkt, den sie meistens auszublenden versuchte, weil es so aussichtslos schien, darüber nachzudenken: Zum ehemaligen Knappen Kjel Falconer, ihrem Liebsten, der seine Stellung im Haus und irgendwie auch alles Ansehen verspielt hatte, während sie selbst mit einem Fieber im Bett lag.

Er hauste zur Zeit im Magierviertel, als habe er sich den am weitesten vom Anwesen entfernten Ort der Stadt bewusst ausgesucht. Am Wochenende hatten sie sich gesehen. Sogar mal etwas länger, als das kurze Gespräch vorher in Begleitung des Taktikers Vessel Belmont. Und dennoch, er wirkte auf der einen Seite verzweifelt, auf der anderen Seite ratlos. Und vor allem schien er nicht wirklich etwas gegen seinen Ausschluss zu unternehmen. Sina hatte ihm nahe gelegt, sich wenigstens zu entschuldigen und den fehlenden Dank für all das Gute, was ihm im Hause widerfahren war, anzubringen.

Sina konnte nur hoffen, das der Brief, den er offenbar der Matriarchin geschrieben hatte, gut formuliert war. Vielleicht wäre er wenigstens irgendwann wieder als Gast im Anwesen zugelassen. Und ganz vielleicht könnte er irgendwann eine Anstellung hier erhoffen. Vielleicht als Wache, Streiter, oder zur Not als Stallbursche? Falls sein Stolz das hergab, dort wo er vorher als vielversprechender Knappe gehandelt worden war, niedere Dienste zu tun.

Vorzuschlagen wagte sie ihm dies nicht. Sie wusste nicht, wie tief die Enttäuschung der Lehnsherrin über ihren Knappen reichte und sie wusste ebenfalls nicht, wie Kjel auf einen solchen Vorschlag reagieren würde. Würde er dauerhaft glücklich leben können, ohne stets die Schmach zu verspüren, seine Ausbildung verloren zu haben? Immerhin hatte er ein Ritter werden wollen!

Sie drehte sich leise ächzend auf die andere Seite. Bewegungen taten ihr weh. Sie wünschte sich in ihre Kammer zurück. Die nächtlichen Laute von Tarus und der vertraute Anblick des nächtlichen Fensters fehlten ihr, ganz zu schweigen von dem wundervollen Bett, das dort stand. Sie verdrängte den Gedanken und blieb bei Kjel. Sie liebte ihn. Doch hatten sie überhaupt noch eine Zukunft? Was war mit Kjel und Tamieh? Offenbar hatte er sie fortgesetzt getroffen und war nicht zuletzt deshalb in Ungnade gefallen, nach allem, was Geasina inzwischen über ihn gehört hatte.

Ihr selbst hatte er versichert, dass er völlig entschieden mit ihr zusammen sei, dass er wissen würde, wohin sein Herz gehörte. Schöne Worte, die sie zu glauben versuchte. Und doch waren da leise Zweifel. Sie seufzte erneut. Das war alles so verquer und kompliziert. Hätte sie sich gleich entsetzt von ihm lösen sollen, als er aus dem Anwesen verbannt wurde? Aber wie hätte sie ihm das antun können? Wie hätte sie sich das selbst antun können? Nur... was sollte nun bloß werden?

Erneut dachte sie daran, dass Kjel der erste und einzige gewesen war, der sich mehr für sie interessiert hatte, als für ein erotisches Abenteuer. Auch wenn es genau so angefangen hatte und die Zeit danach hinreichend schwer gewesen war. Offenbar war eine Frau mit Muskeln für die meisten Männer nur zu einem exotischen Stelldichein gut, nicht aber für eine tiefere Beziehung. Müsste sie alleine bleiben, falls Kjel da draußen seine Meinung ändern würde? Oder die Umstände sie auseinander trieben? Oder sich wieder ab und an mit eine Mann zum kurzen, körperlichen Vergnügen begnügen, wie sie es in der Zeit nach Tom getan hatte?

Sie seufzte. Früher hatte sie sich darum nie wirklich geschert. Es war eben so gewesen, dass nach den Monaten mit ihrem ersten Freund Tom, den eigentlich rückblickend auch nur die körperliche Aufgeschlossenheit der damals Sechzehnjährigen gereizt zu haben schien, lange Zeit niemand etwas ernstes von ihr gewollt hatte. Immerhin hatte er sie prompt fallen lassen, als seine Ausbildung beendet hatte und er eine reguläre Stadtwache geworden war. Offenbar konnte er in Rüstung genügend Damen bezirzen, da war die komische Freundin wohl nur im Wege. Zumal Sinas Ausbildung damals eben noch weit weniger fortgeschritten war, als die seine. Immerhin war er ja auch zwei Jahre älter gewesen.

Der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Sina stand auf und schlich auf bloßen Sohlen über die abgetretenen Bodenplatten zur Tür des kleinen Kabuffs, in dem die Knappin Daeris Sirasind untergebracht war. Sie legte ein Ohr an die Tür. Als sie nach einer Weile regelmäßige Atemgeräusche, die auf festen Schlaf schließen ließen, vernahm, wandte sie sich wieder ab und ging zurück zu ihrem eigenen, abgetrennten, kleinen Raum. Das Lazarett verlassen wollte sie nicht.

So setzte sie sich eine Weile auf die Behandlungspritsche. Sitzen ging immerhin, die blauen Flecken begannen weiter oben. Doch bald wurde ihr kühl, trotz des Teppichs, der hier die kalten Bodenplatten bedeckte. So ging sie zu ihrem Bett herüber und schlüpfte unter die Bettdecke.



Nächtliche Gedanken Bearbeiten

Geasina streichelte tief in Gedanken über Tarus Gefieder. Ihr kleiner Freund war gesättigt, die Schweinerei, die bei der Zubereitung der Nahrung ihres heranwachsenden Tieres entstand, gesäubert. Der Tisch glänzte und alle noch bereitliegenden Tücher waren frisch und sauber. Auch der Ast, auf dem Tarus meist saß, wie auch jetzt, war noch leicht feucht und schön sauber. Das Tier wirkte satt, zufrieden und anschmiegsam.

Doch ihre Gedanken streiften frei herum. Im Moment verharrten sie beim hohen Besuch, an diesem Abend. Sie hatte die hohe Ehre genossen, als stille Zuhörerin an diesem Treffen teilzunehmen, nachdem sie einige Tage zuvor bereits beim Besuch des Herolds hatte anwesend sein dürfen.

Gräfin Mantieca Elisabeth von Zar war eine beachtliche Frau. Hatte Sina sie vorher schon geachtet und ihr großen Respekt entgegen gebracht, fühlte sie, dass dieser Abend sie verändert hatte. Der Respekt war noch gestiegen, ja, es kam eine Art von aufrichtiger Bewunderung hinzu. Sie begann langsam zu verstehen, warum das Adelshaus als einziges von sechs verbündeten Häusern noch bestand.

Hieß es nicht, der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken? Sicher, dass es dem Haus so gut ging, war natürlich allen im Haus mit zu verdanken, insbesondere natürlich der Familie und der ganzen Obrigkeit. Aber dass das Haus nicht "stank", war vor allem einer Person zu verdanken, der Gräfin. Sina wusste, sie wäre nicht in der Lage, so zu handeln, wie ihre Lehnsherrin. Sie wusste auch nicht, ob sie dafür so werden wollte, wie Mantieca von Zar. Doch eines war ihr klar geworden: Ein so komplexes und dennoch fragiles Etwas wie ein Adelshaus brauchte eine solche Führung. Zum Glück war sie selbst aber auch keine Erbin eines solchen. Wäre sie das, wäre ihre Erziehung sicher komplett anders ausgefallen und sie wäre besser dafür geeignet.

Dennoch, vieles lernte sich sicher erst im Laufe der Zeit und das Haus Steinhof von Zar konnte sich glücklich schätzen, eine solche Person an seiner Spitze zu haben. Sina wurde ein wenig rot, denn eines war ihr völlig klar: Ihre Empfindungen könnte sie der Matriarchin niemals mitteilen. Diese mochte keine Stiefellecker und niemanden, der ihre Zeit nutzlos verschwendete.

Hier galt es, durch Taten zu sprechen. Durch die beste Mühe, die sie sich bei ihrer Ausbildung geben konnte, durch die größtmögliche Loyalität dem Haus gegenüber. Dadurch, das richtige zu tun. Mochten der älteren, vom Leben gezeichneten Dame noch viele Jahre in bester körperlicher Gesundheit und geistiger Verfassung beschert sein, zum Wohle ihrer selbst und dem des Hauses.

Sie hatte ein wenig mit Herrn Blake, dem erst seit kurzem als Gast im Hause aufgenommenen, angehenden Arzt, gelitten, als Lady von Vollstedt und er die Lehnsherrin ein wenig ungeschickt angesprochen hatten. Andererseits konnte sie auch die Reaktion derselben verstehen.

Wenn sie allein daran dachte, was sie selbst das Haus kosten mochte! Sie wohnte, aß, trank auf Kosten des Hauses. Ihre Kammer war mit einem wunderschönen Bett eingerichtet und bot einen schönen Blick auf den See. Tarus war eine sehr wertvolle Gabe. Der Unterricht, die Zeit von erfahrenen Recken und Familienangehörigen, die sie mit allen anderen Knappen, Novizen und Adepten erfuhr, war vermutlich kaum in Gold aufzuwiegen. Und dazu kamen ihre zwei Rüstungen samt Waffen und Schwertern, dazu weitere Bekleidung, etwa für schmutzige Arbeiten. Und nicht zuletzt Kassandra. Sicher, das Tier gehörte ihr nicht, und doch stand das exzellent ausgebildete Schlachtross samt seiner bestimmt wertvollen Rüstung ihr und nur ihr zur Verfügung.

Der Wert Kassandras allein überstieg vermutlich das gesamte Vermögen ihrer eigenen Familie, für die ihr Vater sein ganzes Leben gedient und im Schweiße seines Angesichts in der Schmiede geschuftet hatte. Und die beiden sorgten sich allen Ernstes um den Wert des Sets mit Skalpell und den anderen Instrumenten, die ein angehender Arzt benötigen würde? Es war ja ehrenwert, wertzuschätzen, was einem hier im Hause Gutes widerfuhr, aber die Zeit der Lehnsherrin auf so lässliche Weise ohne richtiges Anliegen zu verschwenden, war nicht wirklich ratsam.

Herr Blake kannte die Lehnsherrin nicht, aber müsste nicht Lady von Vollstedt es besser wissen? Sie war schon länger im Haus und als adlige Dame müsste sie doch ein viel besseres Gespür dafür haben, als sie selbst. Sina war immerhin nur die Tochter eines Schmiedes und Händlers.

Sie lächelte vor sich hin. Tarus strich mit seinem Schnabel über ihre Finger. Inzwischen konnte er damit schon ganz gut zuhacken. Neulich hatte ein Page sich neugierig dem Tier genähert und bevor Sina einschreiten konnte, hatte er ein Andenken in Form eines blutenden Fingers erhalten. Doch zu Geasina hatte der Jungfalke offenbar eine ebenso innige Beziehung aufgebaut, wie sie zu ihm. Die Ratschläge des Falkners Jacob waren Gold wert gewesen. Ihm sollte sie zumindest bei Gelegenheit danken. Inzwischen stand sie zwar nicht mehr jeden Morgen mit Fragen in den Räumen der Falknerei, doch immer noch oft genug.

Der alte Herr schien es aber auch zu schätzen, wie sehr sie sich bemühte, mit Tarus alles ganz richtig zu machen und wurde nie müde und selten ungeduldig, ihr zu erklären, was sie zu tun hatte.



Lernen, lernen, lernen Bearbeiten

Die Knappin saß im Hofgarten auf einer der zahlreichen Bänke und ging - wieder einmal - ihre Notizen und Aufzeichnungen durch, die sie in langen Stunden in der Bibliothek angefertigt hatte.

Ob das gesammelte Wissen heute Abend ausreichen würde? Sie war unsicher. Anders als sonst konnte sie kaum einschätzen, ob sie die wichtigen Stellen exzerpiert, vielleicht entscheidende Kapitel falsch eingeschätzt oder ganze Werke nicht gefunden hatte.

Die Sonne fiel in hellen Sprenkeln durch die Kronen der Bäume. Langsam neigte sich der Sommer seinem Ende zu, was Sina sehr bedauerte. Auch wenn der Herbst mit seinen leuchtenden Farben wunderschön werden konnte, bedeutete es auch, dass es nun zunehmend kälter werden würde, bis wieder Eis und Schnee die Stadt im Griff haben würde.

Spätestens dann wurde es nichts mehr mit dem morgendlichen Laufen, Schwimmen und ihren Kraftübungen. Vermutlich würde sie zumindest das Schwimmen schon vorher irgendwann unterlassen. Obwohl es noch recht lange gehen würde, gerade erhitzt vom Laufen. Dennoch war er keine Freude, in eisiges Wasser zu steigen.

Auch das bunte Leben im Hofgarten würde sich sicher verändern. Ob es andere Räume gab, die im späten Herbst und Winter den Zweck des Hofgartens erfüllten? Oder ob man Kohlebecken aufstellen würde? Vielleicht ein temporäres Holzdach einziehen? Dem Haus war viel zuzutrauen. Sie schmunzelte. Immerhin hatte sie hier nun nur die Sommermonate verbracht.

Sina seufzte. Wo waren ihre Gedanken hingeraten? Zurück zur Abtei von Nordhain, aber hurtig!



Unruhiger Schlaf Bearbeiten

Sina schlief unruhig. Zum einen ließ sich Tarus zuweilen vernehmen, der heranwachsende Falke schien ihr ihre lange Abwesenheit immer noch nicht vollständig verziehen zu haben, und die nächste stand schon in Aussicht, so man ihr die vergessene Order verzeihen und sie wieder mitnehmen würde. Auch wenn es natürlich wichtiger war, die Dämonen von ihrer Welt zu verbannen, tat ihr Tarus und die gemeinsame Beziehung zueinander Leid. Falkner Jacob hatte ihr zwar versichert, dass das wieder werden würde, aber wer wusste schon, wie das Tier auf eine neuerliche Trennung reagieren würde?

Und dann war da noch diese andere Sache, die sie sich immer wieder von einer Seite auf die andere wälzen und die verschwitzte Decke dabei umdrehen ließ: Bei der Untersuchung durch den Magus Faldur Steinhof von Zar am gestrigen Abend hatte dieser etwas gefunden. Dabei war Sina schon so erleichtert gewesen, dass die Priesterin Grauschein-Moldan nichts böses in ihr hatte entdecken könne. Diese hatte dann aber den Magus hinzugezogen und dieser hatte einen "Stecknadelkopf" gefunden, wie er sich ausdrückte. Unscheinbar, wie die Aufgabe einen bestimmten Stein in Kalimdor zu finden, der sich von den anderen Steinen in seiner Umgebung nicht unterscheidet.

Doch auf den Einsatz arkaner magischer Energien reagierte dieser Stecknadelkopf. Zwar nur um eine Winzigkeit, doch genügte dies dem Magus, um ihn zu erkennen und zu entfernen, was gewesen war. Es folgte ein ernstes Gespräch zwischen der Priesterin und dem Magus, dem die erschrockene Sina nur stumm zugehört hatte. Am Ende war der Magus jedenfalls sehr geknickt, meinte, er wäre unaufmerksam gewesen und hätte in seinem Amt versagt. Er ging dann noch niedergeschlagen zur Matriarchin, um ihr zu beichten.

Aber auch Sorgen um den seinem Amt enthobenen Großkomtur plagten sie. Zum einen bekam er nun wegen diesem "Gegenmittel" vielleicht noch zusätzliche Probleme, zum anderen fragte sie sich ernsthaft, ob es an ihr liegen könnte, dass sich zunächst der Knappe Falconer sehr seltsam verhalten habe und nun der gestandene und erfahrene Großkomtur seltsame Dinge tat, wie Dämonenhörner zu verschenken oder den Kopf eines Dämons am Gürtel zu tragen.

Außerdem wusste sie immer noch nicht abschließend genau, was passiert war, als sie gelähmt im Sumpf lag. Der Magus hatte erzählt, die Behauptung, der Taktiker hätte das Gegengift gebraut, sei falsch, dieser habe es vom Großkomtur erhalten, der wiederum nicht sagte, woher er es habe. Es wurde die Vermutung geäußert, er habe es von dieser Succubus erhalten und habe dafür deren Leben geschont, um das von Violet und ihr selbst zu retten.

Außerdem war da noch das Gespräch mit Kjel Falconer, dass sie nun zurück in Sturmwind unbedingt führen wollte. Und doch stand es ihr bevor. Sie wusste nicht einmal, wo er zu finden wäre. Erst in den frühen Morgenstunden, zu einer Zeit, wo es im Sommer sicher schon hell geworden wäre, fand sie in den Schlaf, der dann viel zu früh von der Betriebsamkeit im Haus beendet wurde.



Unberechenbares Meer - oder wie sich fast alles wiederholt Bearbeiten

Am Anfang hatte Geasina den zunehmenden Wellengang der Überfahrt nach Nordend noch genossen. Anders als andere wurde ihr nicht so schnell übel und die Alpträume, die sie auf Kalimdor im vergangenen Jahr heimgesucht hatten, gehörten schon lange wieder der Vergangenheit an.

Damals hatte sie in zwielichtiger Finsternis stundenlang immer wieder meeerüberspült auf Deck ausgehalten und Seil um Seil geschlungen, Ladung um Ladung gesichert, das Luftholen nicht jederzeit möglich und stets der Gefahr ausgesetzt, samt Netz oder Kiste an oder auf der sie sich gerade befand, über Bord zu gehen.

Während des Sturms selbst war gar keine Zeit für viel Angst gewesen, vielleicht kurzzeitige Panik, aber keine echte Angst. Wie auch, wenn einem der Wind die Atemluft vom Gesicht fortzureißen drohte, der peitschende Regen einen fast ebenso zu ertränken drohte, wie die nachtschwarze, gischtpeitschende See?

Dabei hatte sie der Sturm zunächst gerettet, das Schiff schon in den äußeren Spiralarmen des gewaltigen Mahlstroms gefangen, hatte das Unwetter sie den Klauen des sicheren Untergangs entrissen. Wie lange er angedauert hatte, konnte sie hinterher nichts sagen. Falls irgendwann ein Tag angebrochen hatte, so ließ er sich nicht von der Nacht unterscheiden, so dunkel wie es war. Vielleicht war es aber auch nur eine Nacht gewesen, wer wusste das schon. Aber wäre das möglich? In einer Nacht vom Mahlstrom vor die Küste Kalimdors? Sie hatte manch einmal über einer Karte gebrütet, doch ließ es sich wohl nicht mehr ergründen, wie lange sie damals hatten aushalten müssen.

In ihren Alpträumen, sicher in einem elfischen Bett in Lor'Danel liegend, hatte sie wieder und wieder durchlebt, wie sie, ans Netz einer größeren Ladung gekrallt, hinter der die Brüstung zersplitternd durchbrechenden Kiste her in die Tiefe gestürzt, eine Weile ohne Orientierung oder Luft unter Wasser herumgewirbelt worden war, bis die zwischen den turmhohen Wellen tanzende Fracht an die Wasseroberfläche geschnellt war.

Immer wieder hatte sie nur kurz Luft holen können, bevor sich die schwarzen Fluten erneut über ihr schlossen. Irgendwann war es ihr gelungen, trotz des an ihr wie Blei hängenden Rucksacks, den sie sich dummer weise im Andenken an ihren Vater noch geschnappt hatte, am Netz auf die Kiste zu klettern. Ohne das Netz, das wohl an der Kiste gut befestigt gewesen sein musste, hätte sie sich aber auf diesem bockigen Reittier, das wie ein Korken von den Wellen hin- und hergeschleudert wurde, kaum halten können.


Dieses Mal war die Angst plötzlich gekommen. Der Wellengang hatte immer weiter zugenommen, Ertüchtigung an Deck, später sogar der pure Aufenthalt, war verboten worden. Mit einem Mal hatte es sie wie mit einer eisernen Faust getroffen, mitten auf einer der Stiegen zwischen den Decks.

Damals war es doch ihr großes Glück gewesen, an Deck gewesen zu sein. Von Bord gespült zu werden, bevor sie im Strudel des untergehenden Schiffes versinken oder auf einen der schroffen Felsen der Untiefe, auf die der Sturm das Schiff geworfen hatte, geknallt wäre. Die Bilge der Todesend kam ihr vor wie ein Sarg. Und doch... nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Tarus so sicher war, wie es eben in dieser Situation ging, stieg sie hinab, sie konnte die Angst der Tiere bis zu ihrem Lager hören. Und Kassandra brauchte sicher die beruhigende Anwesenheit eines Menschen. Als ob sie die nicht selbst brauchen würde. Der Magen verkrampft, die Muskeln angespannt, ging sie hinab, stetig anatmend gegen die Wellen der Angst und die Panik herunterschluckend, die sie zu überwältigen drohte.

Doch dann war es - wie wohl auch das letzte Mal - all das, was zu tun war, was sie vom schlimmsten ablenkte. So zurrte sie mit Sturmböe zusammen - welch passender Name - Ladung fest, beruhigte Tiere, kleine wie große und stand den anderen bei, die sich ebenfalls unter Deck begeben hatten. Welch unterschied, damals hatte man die Reisegruppe um Hilfe gebeten - allerdings hatte die Dorek - das Schiff, dass sie letztes Jahr vor dem Land der Untoten betreten hatte - viel Ladung auf dem Deck geladen gehabt. Bei der Todesend war dies anders, und auch schien ihre Mannschaft eingespielter zu sein, auch wenn sie keine so schnuckeligen Matrosen hatte ausmachen können wie auf der letzten Überfahrt - nicht, dass sie danach nun aktiv gesucht hätte. Vor einem Jahr war sie noch eine unvergebene Frau gewesen.

Und dieses Mal war ihnen das Licht gewogen oder die Magier, die an Deck das ihre dazu taten, nicht in den Mahlstrom zu geraten, oder die hart arbeitende Mannschaft - oder pures Glück - hatte sie gerettet. Inzwischen war die See zwar nicht völlig glatt, aber das Zentrum des Sturms war weit entfernt. Und ebenso der Mahlstrom, dieses niemals ruhende Wasserauge. Auch wenn vieles durchnässt war und die Temperaturen immer kälter wurden, nicht nur das bloße Leben war gerettet, das Schiff war wieder auf Kurs und war weder gesunken noch zerbrochen.

Manches Mal ging Geasina herum, betrachtete alles ganz genau, wie um sich zu vergewissern, dass sie noch lebte, dass das Schiff noch schwamm, dass alles so war, wie es sein sollte. Doch die Alpträume, sie waren wiedergekehrt und machten manche Nacht zur Mühsal. So war ihr vermutlich auch anzusehen, dass ihr Schlaf nicht so erholsam war, wie er sein sollte.



Angekommen in Nordend in Cyras Atem Bearbeiten

Das nordische Land zeigte sich auf dem Ritt von einer sehr spannenden und teilweise einfach wunderschönen Seite. Die klare Luft tat gut, half den Kopf freizubekommen. Und trotzdem erwachte Sina erneut schweißgebadet in den frühen Morgenstunden, kleidete sich leise warm an und schlich sich nach draußen. Es lag frisch gefallener Schnee auf dem gefrorenen, der ihnen schon am Vorabend zu schaffen gemacht hatte. 'Cyras Atem', der kleine Posten, in dem sie wohl die nächsten Monate verbringen würden, lag still und friedlich da wie in einem Winterhauchmärchen. Bis auf einzelne Spuren der Wachen lag die weiße Schneedecke unberührt auf Wiese und Stein, Fels und Flur.

Gegen die Alpträume, die Panik vor dem Ertrinken, dem untergehenden Schiff, half laufen und den Körper beanspruchen. Mit Glück wäre nach der anschließenden Wäsche ihres Körpers noch ein Mützchen erholsamerer Schlaf drin. Und sonst würde sie eben direkt zum Frühstück übergehen, wie schon am Tag zuvor. Der Schnee knirschte unter ihren Schritte, die weniger raumgreifend als am heimischen See bei sommerlichen Temperaturen ausfielen, immerhin wollte sie sich nicht irgendwo einen Knöchel verstauchen oder schlimmeres und vielleicht nicht gefunden werden.

So blieb sie in der Nähe des Postens und meist in Sichtweite der Wachen, bevor sie sich dampfend und völlig verschwitzt - den Schnee ordentlich von den Füßen geklopft und die Schuhe auf dem Handtuch am Eingang getrocknet - auf den Weg zu den noch vermutlich verwaisten Waschschüsseln machte.



Morgens im Pferdestall Bearbeiten

Es war schon drückend schwül, obwohl es noch früh am Morgen und die Temperaturen gar nicht so hoch waren. Im Stall stand die Luft, schwer vom Duft der Tiere und ihrer Exkremente, die von eifrigen Stallburschen und dafür eingeteilten Knappen hinaus auf den Mist gekarrt wurden. Wie jeden Morgen war Sina vor Ort. Niemand hatte ihr gesagt, was sie mit ihrer Zeit, während ihre Ausbildung ausgesetzt war, anzufangen hatte. So verteilte sie diese Zeit zum einen auf sinnvolle Arbeit in Haus, Hof und Stall über das sonst schon verrichtete Maß hinaus, auf das Durchgehen ihrer Unterrichtsmaterialien und Auseinandersetzung mit den Tugenden zum anderen. Bisher hatte es ihr kein Mitknappe schwer gemacht, zumindest niemand außer ihr selbst. Jeden Morgen kam die Erinnerung nach dem Aufwachen, die sie ein Stück weit niederdrückte und ihr Kraft abverlangte, dennoch das Tagwerk zu beginnen. Die dunkle Rüstung der Beraterin hatte sie sorgfältig gereinigt und eingeölt in einer Kiste verpackt, um sie nicht jeden Tag sehen zu müssen, auch alle anderen Erinnerungen an ihre Zeit als Beraterin des Hauses, wie Schriftstücke, hatte sie sorgfältig sortiert im Schreibtisch eingeschlossen.

Die Arbeit mit den Tieren tat ihr gut. Diese wussten nichts von dem, was vorgefallen war, wussten nicht, wie sehr die junge Frau der Leitung des Hauses vor den Kopf gestoßen hatte, wussten nichts von dem Zwiespalt in ihrer Brust. Sorgfältig und achtsam ging sie der einfachen aber notwendigen Arbeit im Stall nach. So fegte sie, kehrte sie, striegelte und tat, was immer nötig war. Die Handgriffe waren ihr inzwischen seit langem vertraut. So tat sich die Arbeit tat fast von alleine, was Segen und Fluch zugleich war, denn die Gedanken schweiften frei umher, doch dabei berührten sie auch immer wieder die wunden Punkte, wie die Zunge einen schmerzenden Zahn, wider des besseren Wissens, dass es dadurch keinesfalls angenehmer werden würde.

Offenbar funktionierte der Buschfunk wunderbar. Niemand hatte sie mehr unbedarft als Beraterin angesprochen, seit dem Abend ihrer Geständnisse, obwohl sie bislang nur die Gelegenheit gehabt hatte, einigen wenigen zu berichten, dass es mit dem Beraten vorbei sei und dass sie froh sein könne, wenn irgendwann ihre Ausbildung wieder aufgenommen werden könnte. Sie versuchte ihre Gedanken auf die Tiere zu lenken, die ihr Kraft gaben. Tarus, Fleckchen und Kassandra. Tarus hatte ihr die Matriarchin gelassen. Obwohl Sina vom Gegenteil ausgegangen war. Aber es war nicht ihretwegen geschehen, sondern um Tarus Willen, der eben an Sina gewöhnt war. So war es nicht mehr eine Ehre, mit ihm zu trainieren, mit ihm durch das Anwesen zu gehen. Dies hatte sich ins Gegenteil verkehrt und so sah man die Knappin selten mit ihrem gefiederten Begleiter, da sie sich nun ruhige Zeiten und abgelegene Orte suchte, um mit ihrem Falken zu üben.

Aber nicht nur die Tiere gaben ihr Kraft. Auch Paladin Theodrius Galdifai tat dies. Er hatte sie überrascht, maßlos überrascht. Sie hatte Ohrfeigen erwartet. Vorwürfe, vielleicht Schläge gar. Sie hätte alles stumm ertragen. Sie wäre nicht zu unrecht gezüchtigt worden, nach dem, was sie ihm angetan hatte. Sie wusste nicht einmal, ob sie im umgekehrten Fall Theodrius hätte verzeihen können. Sie hatte erwartet, dass ihn als Adligen diese Ehrkränkung tief verletzt hätte. Sie hatte nicht mal genau abschätzen können, welch große Probleme dadurch für sie und ihn entstanden sein mochten. Sie hatte nicht eine Sekunde damit gerechnet, dass er etwas anderes tun würde, als sie fallen zu lassen. Fleckchen stupste Sina an der Schulter an und die Schwarzhaarige blickte auf. Irgendwie hatte sie vor lauter Grübeln in ihrer Arbeit innegehalten. Sie lächelte ihre treue Stute an und kraulte ihr Fell. Inzwischen war aus ihrem einstmals einzigen Pferd ihr Reitpferd geworden, im Gegensatz zu Kassandra. Und kurz hatte sie befürchtet, samt Fleckchen und dem wenigen, was ihr von all "ihren" Dingen wirklich selbst gehörte, das Anwesen verlassen zu müssen, als Schwester Jassi ihr gesagt hatte, sie würde ihr die Wahl leicht machen. Die Wahl, um die auch Theodrius sie gebeten hatte, ohne sie zu drängen. Theodrius, der sichtlich litt während ihrer Beichte. Theodrius, dessen Herz und Liebe zu ihr größer war, als Sina es sich hatte vorstellen können. Der sie immer noch wollte, trotz allem! Der ihr ihre Zweifel an der Befähigung zum Rittertum auszureden versuchte. Der für sie da war, wo er nur konnte.

Sie hatte sich für ihn entschieden. Sie hatte sich für das Haus und Galdifai entschieden. Mit den Worten, dass sie selbst als Stallburs.... gab es dafür überhaupt ein weibliches Wort? Stallmagd? Was hatte sie da im Eifer des Gefechts wohl gesagt? Sie zuckte leicht mit den Schultern und löste sich von Fleckchen, um ihre Arbeit fortzusetzen. Der Brief, den sie hatte lesen und nach dem sie Rede und Antwort hatte stehen müssen... Sie knirschte mit den Zähnen, als sie daran dachte. Sie gab Fleckchen einen Klaps auf die Kruppe ging hinaus, um sich der nächsten Box zuzuwenden. Die Pferde waren die morgendlichen Rituale gewohnt und ließen anstandslos das Auskehren und neu Herrichten ihrer Boxen über sich ergehen. Auf dem Gang nickte ihr einer der regulären Stallburschen zu und Sina erwiderte das Nicken ernsthaft. Den Stallburschen war natürlich aufgefallen, dass die junge Frau neuerdings deutlich mehr Zeit hier verbrachte als früher.

Geasina hätte am liebsten den ganzen Tag solch schlichte, dunkelgraue Kleidung, wie die, die sie für die Arbeit im Stall bekommen hatte, getragen. Sie kam ihr als Büßergewand viel passender vor, als in der glänzenden Rüstung der Knappen herumzulaufen. Aber die Anweisung war eindeutig gewesen, sie hatte gerüstet zu sein. Also war sie selbstverständlich gerüstet. Wann immer ihre Gedanken sich um Kjel drehten, und das taten sie oft, zwang sie sie dazu, sich einem anderen Ziele zuzuwenden. Am erträglichsten war es noch, wenn sie sich verausgabte. So wurden nicht nur ihre frühmorgendlichen Übungen länger und härter, sondern auch das Waffentraining. Zumindest dieses hatte ihr niemand verboten und es war wohl auch im Angesicht der sicherlich bald über alle hereinbrechenden Auseinandersetzungen mit der dunkel über ihnen schwebenden Gefahr sinnvoll, wenn sich alle Recken ihre Kampffähigkeiten erhielten oder steigerten. Dem Unterricht würde sie natürlich fernbleiben, so schwer dies auf fallen würde. Noch war die Zeit der Erholung nach der Rückkehr aus den Pestländern, aber sicher würde bald wieder das geregelte Sturmwinder Leben im Anwesen Einzug halten.

Leid, Kummer, Enttäuschung und Zorn hatte sie leichtfertig verursacht. Es würde vermutlich lange dauern, bis sie auch nur so neutral angesehen würde, wie bei ihrem ersten Besuch im Haus, das sie an Kjels Seite betr... sie schüttelte den Kopf und blickte konzentriert den dunkelbraunen Rappen vor sich an. Wem dieser wohl zugeteilt sein mochte? Sie wusste es nicht. Vermutlich würde sie das einstige Wohlwollen der so von ihr bewunderten Lehnsherrin nie wieder erlangen können. Hatte in Aussicht gestanden, an ihrer Seite an verschiedensten hochrangigen Besprechungen teilnehmen zu können, würde sie sich nun freuen können, wenn sie überhaupt ab und an ihre Mentorin zu Gesicht bekommen würde. Sie zuckte mit den Schultern. Das hatte sie einzig und allein sich selbst zuzuschreiben. Immerhin konnte sie sich darauf verlassen, ausdauernd zu sein. Hartnäckig. Nicht gleich beim ersten Hindernis die Flinte ins Korn zu werfen. Es würde ein schwerer Weg werden, die nächste Zeit im Haus. Vielleicht würde es immer hart bleiben, aber sie war fest entschlossen, diese Herausforderung anzunehmen.

Gefühle waren eine trügerische Angelegenheit. Vermutlich würde sie lernen müssen, mehr auf ihren Verstand zu hören als auf ihr Herz. Sina verstand nicht einmal, wie es dazu hatte kommen können. Sowas hatte sie nie zuvor getan. Nicht einmal, als sie niemandem, außer sich selbst, Rechenschaft über ihr Tun ablegen musste. Nicht einmal in der zügellosen Zeit, nachdem Tom sie verlassen hatte. Allerdings hatte es da auch niemanden gegeben, den sie hätte betrügen können. Sie seufzte. Aber Selbstmitleid war das letzte, was sie wollte. Auch alle Gedanken in diese Richtung bog sie schnell ab. Sie hatte es sich selbst eingebrockt, also hatte sie es auch auszulöffeln, wie bitter auch immer das Gericht gerade schien.

Nach dem gemeinsamen Morgenmal mit den anderen Streitern zog es sie - inzwischen natürlich gerüstet - an einen selten freiwillig betretenen Ort: Die Bibliothek! Dort suchte sie nach Werken über die Demut. Denn das unterschwellig irgendwie auch genossene Gefühl von Traurigkeit und davon, verletzt worden zu sein, das Zerrissene in ihr, all das war sicher keine Demut. Auch wenn es vielleicht irgendwie damit zu tun hatte. Aber wann, wenn nicht jetzt, konnte sie besser etwas über Demut lernen? Auch wenn ihre Ausbildung ja ruhen sollte, die Beschäftigung mit den Tugenden hatte ihr niemand verboten. Oder brach sie damit erneut ein Gebot? Sie hielt erschrocken inne und legte einen Finger zwischen die Buchseiten, in denen sie sich gerade vertieft hatte. So lange war sie schon hier. Und manchmal hatte sie das Gefühl, dennoch so schrecklich wenig von dem zu wissen, was zum Beispiel dem Knappen von Silberbrunn von Kindesbeinen an mit ins Blut gelegt worden war.

Wen könnte sie fragen, ohne erneut Unmut zu erregen? Sie notierte sich Buchtitel und Seite, stellte das Werk an seinen Platz zurück und verließ die Bibliothek wieder. Wessen Ausbildung hatte man denn vorher schon einmal unterbrochen? Kjel als ... sie schüttelte den Kopf. DEN würde sie gewiss nicht danach fragen. Sie durfte nicht mit ihm in Kontakt kommen und musste ihn meiden, würde er den ihren suchen. Eine verständliche Anordnung. Fennar war öfter angeeckt, aber so sehr wie sie selbst? Sie bezweifelte es. Sollte sie die Novizin fragen? Oder einen der vielen Mentoren? Unentschlossen ging sie in Richtung des Hofgartens. Vielleicht hatte sie ja Glück und konnte jemanden finden, der ihr genau erklären konnte, was eine ausgesetzte Ausbildung bedeuten mochte. Vielleicht ja nur, dass sie nicht unterrichtet würde. Aber wer konnte das schon wissen?



Die Speerjungfer übt Bearbeiten

Dampfend stand die schwitzende Speerjungfer auf der kleinen, schneebedeckten Lichtung, in der Hand den angespitzten, glatten Stamm eines jungen Baumes. Kalt brach sich das schräg stehende Licht des Morgens auf den unzähligen kleinen Eiskristallen der hell glänzenden Schneeschicht, die plötzlich zu Hunderten aufstoben, als die junge Frau sich wieder in Bewegung setzte und mit dem improvisierten Speer übte, zustach, parierte und umher wirbelte.

Trotz der Eiseskälte war die muskulöse Frau weder gerüstet noch besonders warm gekleidet. Praktische, dunkle Stoffe, die genügend Bewegungsfreiheit zuließen, umhüllten die eher kleine Gestalt. Die langen, schwarzen Haare waren bei den heftigen Bewegungen teilweise aus dem Haarband entbückst und bildeten Schlaufen, die nach und nach ganz heraus rutschten. Sie klebten der Maid in der erhitzen Stirn und wurden manches Mal kurz unwirsch fortgewischt, von nicht gerade andauerndem Erfolg gekrönt.

Ihre gewohnten morgendlichen Übungen, zu denen auch das Laufen gehörte, hatten sie zu dieser dabei frisch entdeckten Lichtung im Wald geführt. Sina hatte nach dem Laufen Gewichte gestemmt, runde Steine, die sie an einer freigewehten Stelle, an der die Schneeschicht weniger dick gewesen war, entdeckt hatte. Das Schwimmen allerdings fiel, wie zuletzt bei dem Kälteeinbruch in Sturmwind, aus. Dafür hatte sie dann mit einem ebenfalls mitgebrachten kleinen Beil, das sie wohl in der Schmiede von Bundror Hammerschlag geliehen hatte, einen passenden Baum ausgemacht und sich den provisorischen Speer gefertigt, den sie nun gerade schwang.

Anders als in Sturmwind hatte sie hier im Norden ihr Schwert zu ihren Übungen mitgenommen, das nun ein Stück neben ihr, gut geschützt von seiner ledernen Scheide, in einem Schneehaufen steckte. Sie hatte noch Marliens Worte im Ohr, welche Gefahren hier alle drohen würden: Die Legion, die Verlassenen und der Bastard von Schwanenfurt. Es klang fast so bedrohlich wie vor zwei Jahren auf Draenor.

Die Speerjungfer knirschte mit den Zähnen und stieß den improvisierten Speer besonders wütend vor, als sie daran dachte, was dieser Bastard, ein gewisser Sir Delaney mitsamt seinen Rittern den Menschen hier in der Mark angetan hatte. Er hatte Tod und Leid über die Grenzdörfer gebracht, der Clansherr mac Aodh hatte darüber berichtet: Dieser Delaney hatte seinen Clan wie Vieh abgeschlachtet, sein Dorf niedergebrannt und seine Tochter gehenkt. Kein Wunder, dass der Clansherr auf der Versammlung etwas lauter geworden war.

Sie konzentrierte sich, Wut war nicht alles im Kampf, und wirbelte den Speer herum, und drehte sich gleich fast ebenso schnell mit. Die Grundlagen im Umgang mit dieser Waffe hatte sie zwar einmal erlernt, aber wie bei allen Waffen kam es auf die Übung an, um besser darin zu werden. Erst als sie völlig ausgepumpt war, die Kleidung förmlich an ihr klebte und sich ihr Brustkorb in schneller Folge wild hob und senkte vom Atem schöpfen, wischte sie sich den Schweiß aus der Stirn, rammte den 'Speer' in eine Schneewehe - mit dem würde sie sicher morgen weiter üben - packte sich Schwert und Beil und lief schnellen Fußes zurück zur Schmiede. Denn auszukühlen würde sie sicher krank aufs Bett werfen, wenn es ihr nicht gleich den Tod brächte.

Dicker eingepackt, aber nicht gerüstet, wohl aber ob der mannigfaltigen Gefahren hier im Norden gegürtet mit ihrem Schwert, sauber duftend dem Badezuber entstiegen und mit wohlgebürstetem Haar fand sie sich später auf Burg Hohenfels ein und fragte die Wachen höflich nach dem Weg zur Bibliothek. Dort konnte man sie lange Stunden über Büchern sitzen und sich Notizen machen sehen. Auf dem Rückweg schließlich, freute sie sich schon auf die Arbeit in der Schmiede des gastfreundlichen Zwergen, dem sie zur Hand gehen wollte. Hoffentlich war er da und konnte ihre Hilfe gebrauchen!



Die Speerjungfer übt 2 Bearbeiten

Die Bibliothek bekam zur Zeit des öfteren Besuch von der frisch gebackenen Speerjungfer. Neben ihren Übungen mit dem provisorischen Speer und der Aushilfe in Bundror Hammerschlags Schmiede verbrachte sie hier viel Zeit. Sie las, machte sich Notizen, las mehr, schrieb Fakten zusammen, manches Mal summte sie auch leise vor sich hin und schrieb irgendetwas in Versform nieder.

Verbesserte, strich aus, feilte an den Versen, an denen sie sich versuchte, dann immer wieder, wenn sie ihr plötzlich einfielen, schrieb sie Volkslieder nieder, die ihre Mutter mit ihr gesungen und Balladen, die sie ihr erzählt hatte, verglich deren Versmaß, die Reime, mit ihren eigenen. Es war nicht einfach, eine Geschichte packend in so wohlgesetzte Verse zu fassen, wie es die ihr unbekannten Autoren mit denen der Überlieferung vermocht hatten, aber immerhin hatte sie ein Vorbild.

Auch bei den Bewohnern des Weilers sah man sie öfter stehen, manch einer lud das junge Ding auch schonmal herein, damit man nicht im Kalten stehen müsse. Zunächst als Gast des Schmiedes und nun zur Burg Hohenwacht gehörig, hatte sie es im Weiler nicht sonderlich schwer. Und wenn die Menschen hörten, dass sie ein aus dem Süden heimgekehrtes Kind Arathors war, erst recht nicht.

Da Geasina nicht auf den Mund gefallen und außerdem von freundlicher, lebensfroher Wesensart war, fiel es ihr leicht, mancherlei Geschichten und Erzählungen zu hören. Nur zu dem Thema, dessen sie sich - vermutlich ungeschickter Weise - als erstes Angenommen hatte, nämlich dem "Bastard von Schwanenfurt", wie sie die Geschichte um den "sauberen" Sir Leofwine Delaney nennen wollte, schlug ihr größtenteils Schweigen und mancher Hinweis entgegen, dass das ein heißes Eisen und mit Vorsicht zu behandeln sei.

Auf jeden Fall würde sie ihre Entwürfe, ihre Verse, mit ihrer Schildherrin besprechen. Auf keinen Fall durfte sie etwas vortragen, was Hohenwacht ins schlechte Licht rücken würde! Natürlich sprach sie auch mit den Leuten auf der Burg, aber ganz bewusst versuchte sie schon jetzt besondere Bande zu den Leuten "draußen" zu knüpfen, auch wenn sie bislang noch nicht zu weiter entfernt liegenden Dörfern aufgebrochen war.

Das Dasein als Speerjungfer, Leibesübungen bis zur Erschöpfung, langsame Gewöhnung an den Stoßspeer (noch in Ermangelung eines solchen ohne zugehöriges Schild), Übungskämpfe mit Kjel, manchmal sogar schon Waffengänge mit dem hölzernen Speer, lesen, dichten, reimen, singen, Land und Leute kennen lernen. Lieben, sich frei fühlen, nachts Seite an Seite mit dem Mann ihres Herzens das Schauspiel der grünlichen Lichter am Himmelsrand vom gemeinsamen Zimmer im Turm zu bewundern und von Zeit zu Zeit den Burschen im Stall zur Hand zu gehen aus Zuneigung zu den Pferden dort. Konnte das Leben gerade schöner sein?

Ja es mochte sein, dass Krieg und Bedrohungen sich von allen Seiten um Hohenwacht zusammen zogen. Aber hatten sie das nicht irgendwie schon immer, selbst in Sturmwind? Erhöhte das nicht noch das gerade so schöne, winterlich aller schweißtreibenden Übungen zum Trotz geruhsame Leben? Sina war glücklich. Hier ließ es sich frei atmen, im übertragenden, wie im wörtlichen Sinne.

Nur in die Falknerei hatte sie sich noch nicht getraut, so es auf Hohenwacht überhaupt eine gab, nicht einmal das hatte sie bisher in Erkundung bringen mögen. Sie wusste nicht genau, was sie fern hielt, vielleicht war es die Sorge, dass der Schmerz zu groß wäre. Immer wenn sie an Tarus dachte, den Falken, den sie unter der Anleitung des erfahrenen Falkners Jakob vom Nestling bis zum Jagdgefährten aufgezogen hatte, blutetet ihr das Herz.



Der erste Kampf als Speerjungfer Bearbeiten

Das Blut strömte wild durch ihre Adern, es pochte in ihren Schläfen, in ihren Handgelenken und pumpte durch ihren Hals. Ein richtiger Kampf auf Leben und Tod lag schon wieder einige Monate zurück. Sina blickte sich um. Die neun Skelette, mit denen ihr abgedrängter Teil der Truppe es zu tun gehabt hatte, waren vernichtet. Dabei hatte es anfangs so ausgesehen, als könne man diesen erschreckend schnellen und magisch verstärkt- wie geschützten Skeletten weder mit Magie, noch mit elementaren Angriffen und schon gar nicht mit simpler Waffengewalt etwas anhaben. Zauber waren harmlos abgeprallt und es war immer nur roter Rauch aufgestiegen. Selbst Knochenbrüche waren sofort wieder verheilt.

Aber offenbar waren diese schützenden Ressourcen begrenzt. Wie dieses Skelett vor ihren Augen zerborsten war, als ihr Schwert, das immer noch keinen Namen hatte, erneut auf die Verletzung geschlagen hatte, die jemand anderes der dadurch rot rauchenden Schulter des Skeletts verpasst gehabt hatte. Vielleicht sollte sie ihr Schwert jetzt "Schulterspalter" nennen? Oder "Skeletttöter"? Oder "Knochensplitter"? Oder vielleicht doch in Bezug auf ihre Lieder "Zerschmetternde Strophe", "Tödlicher Klang" oder dergleichen? In sowas war sie nicht gut. Und schließlich würde sie später wohl mit dem Speer anstelle des Schwertes kämpfen.

"Schöne Grüße von Bundror!" hatte sie dem zerberstenden Skelett zugeknurrt, das sie höchstwahrscheinlich nicht mehr hören konnte. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte der zwergische Schmiedemeister mit seinen beiden Helfergesellen Kjel und Sina für die angehende Schildmaid ein Schwert und ein Holzschild hergestellt. Zuvor hatte er ihr diese wundervolle Rüstung geschenkt, die er eigentlich für die größere Regentin angefertigt hatte. Zum Glück war diese Art Rüstung sehr gut an unterschiedliche Körpergrößen und -formen anpassbar. Nun war alles im Kampf eingeweiht worden, und das mit Erfolg!

Besorgt blickte sie zu der Magierin neben ihr, die sie den ganzen Kampf über und insbesondere in der letzten Phase dicht neben der Frau kämpfend zu schützen getrachtet hatte. Diese versicherte ihr, es sei alles in Ordnung. Auch Sina war unverletzt. Dachte sie zumindest, bis sie dem besorgten Blick der Lady Gwynna Zornbrecht-van Haven folgte. Sinas Gambeson war am rechten Arm auf der Innenseite des rechten Ellenbogens aufgerissen rot von Blut, kurz oberhalb der Beuge, auf der nach außen gewandten Seite.

Außerdem schien sie im Gesicht verletzt zu sein, den Blicken der Magierin zufolge, die am Ende ihr Schutzschild auf die sie schützende Speerjungfer hatte ausdehnen wollen, aber leider nicht geschwind genug gewesen war. Diese Knochensplitter waren aber auch verflixt rasant herumgespritzt. Auch Sina hatte wohl ihren hölzernen Schild nicht schnell genug vors Gesicht gehoben bekommen, wovon sie bislang ausgegangen war.

Auf dem Weg hinauf, zurück in die stickige Höhle, jubelte es mit einem Mal in ihr: Sie hatte gesungen. Sie hatte tatsächlich gesungen! Mitten im Kampfgetümmel, laut und deutlich hatte sie das Lied "An der Küste hellem Strande" angestimmt! Stolz mischte sich in das immer noch wilde, aufgeputschte Gefühl. Wie lebendig sie sich fühlte! Obwohl sie inzwischen die Schrammen und kleinen Verletzungen im Gesicht wie auch die der kleinen Fleischwunde am Arm spürte. Der Blutfleck dort vergrößerte sich, aber noch waren die Heiler mit viel schwereren Fällen beschäftigt.

Sina legte den rot-weißen Wappenrock ab und ebenso die Kettenhaube. Aus dieser rieselten diverse Knochenstückchen heraus. Sina stutzte und steckte ein paar davon ein, zur Erinnerung. Dann öffnete sie die ledernen Schnallen ihrer kettenbesetzten Brustrüstung, die Bundror ihr geschenkt hatte. Als nächstes zog sie sich das Oberteil ihres Gambesons aus. Normalerweise wäre sie nun barbusig gewesen, nicht, dass es ihr in einer solchen Situation viel ausgemacht hätte, da war sie spätestens seit ihrem Einsatz auf Draenor abgehärtet.

Doch heute verbarg der Brustwickel, den ihr der freundliche Zwerg und Schmiedemeister von einer seiner Reisen mitgebracht hatte, ihre Oberweite. Geasina wusch sich die Hände und nahm sich mit Marliens zustimmenden Kopfnicken einen Verband. Eines dieser herumfliegenden Knochenstücke musste sie dort erwischt haben, die linke Körperseite hatte sie mit ihrem Schild schützen können. Mit einem feuchten Tuch reinigte sie grob den Bereich der Wunde an ihrem rechten Arm und wickelte mit links, so gut das halt ging, den Verband darum. Sehr gut beugen ließ sich der Arm nun nicht mehr, hoffentlich war das bis zum nächsten Aufeinandertreffen mit diesen Skelettkriegern nicht mehr nötig.

Sie spürte immer noch die Nachwirkungen der Kampfeshitze, die Unruhe, das nur sehr langsam abklingende, berauschende Gefühl. Am liebsten hätte sie sich nun mit Kjel zurückgezogen, um das rauschende Blut in einem wilden, kämpferischen Liebesakt ausklingen zu lassen, doch ihr Liebster war verletzt, ihm hatten, ohne Schild, die herumfliegenden Knochensplitter schwerer zugesetzt. So musste sie auf dieses schöne Ventil für ihre innere Aufgewühltheit verzichten und setzte sich zu ihrem Liebsten, der nach der Erstversorgung durch einen Draenei darauf wartet, seine Wunden richtig behandeln zu lassen.

Nur mühsam konnte sie ruhig dasitzen. Sie kannte das schon, es war schließlich nicht ihr erster Kampf gewesen. An Schlaf war erstmal nicht zu denken. Doch in ein paar Stunden würde die Müdigkeit vermutlich bleiern und schwer über sie kommen. Hoffentlich war dann Zeit zu schlafen. Die Aussicht, sich müde und mit nicht gut zu beugendem rechten Arm erneut den Skeletten und Ogern entgegen zu stellen, war wenig verlockend. Doch mochten wohl auch diese ersteinmal ihre Wunden lecken.

Die andere Kampfgruppe hatte es schwerer getroffen. Sie hatten nicht nur gegen Skelette, sondern auch gegen Oger kämpfen müssen. So hatten die Heilkundigen wohl noch eine lange Nacht vor sich. Sina beobachtete Marlien, die sachkundig und trotz aller drängenden Eile ruhig, aber nicht zögerlich, die Verletzten versorgte. Sina hatte sich inzwischen den blutigen Gambeson wieder übergezogen und drückte sanft Kjels unverletzte Hand. Mehr an inniger Vereinigung war gerade nicht zu haben.

Der große, blonde Mann sah kurz zu Sina herunter und lächelte. Sie küssten sich sanft, wobei Sina die kleine Verletzung an ihrer rechten Oberlippe spürte. Dort hatte einer der winzigen, aber schnellen Splitter ein kurzes Stück am oberen Rand ihrer Lippe aufgerissen. Aber das waren alles nur Kratzer. Andere hatte es hier deutlich schlimmer erwischt. Selbst die Wunde am Arm war nicht kritisch, so sie sich nicht entzünden würde. Und dagegen würden die Heiler ihr sicher - vermutlich in den Morgenstunden, wenn alle schwer Verletzten versorgt waren - helfen können.

Sina lehnte den Hinterkopf gegen die Felswand und strich sich die wirren Haare aus der Stirn. Unwirsch griff sie sich in den Nacken, löste das Haarband und ordnete den wilden, dicken, dichten tiefschwarzen Haarschopf. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die kürzeren Strähnen am Rande wieder daraus ausbüchsen würden.

Sie schloss kurz die Augen und das Kampfgetümmel, der Lärm, die Schnelligkeit der Gegner, all das lief vor ihren Augen noch einmal ab. Geasina atmete tief durch, versuchte sich auf ihren Atem zu konzentrieren, auf das Gefühl ihres Körpers, wie sie dasaß, wie sich ihre Muskeln anfühlten, nach dem Aufeinandertreffen mit dem Feind. Langsam wurde sie ruhiger und schenkte Kjel noch einen liebevollen Blick.



Untersuchung von Beutestücken magischer Skelettkrieger Bearbeiten

Der Abend in der Höhle begann damit, dass Sina darum gebeten wurde, zusammen mit der Magierin Silianea Stillwasser die interessanteren Beutestücke, die bisher von den Skelettfeinden gemacht wurden, zu untersuchen. Sina trug die jeweiligen Waffen oder Rüstungsteile auf einen Tisch, auf dem sie diese dann gemeinsame untersuchten.

Sina steuerte ihre Einschätzung zu der physischen Beschaffenheit bei, die Magierin untersuchte die Objekte auf magische Eigenschaften. So untersuchten sie mehrere Waffen, darunter einen verflixt schweren Morgenstern, der - vermutlich - beim Zuschlagen auch noch Flammen auf sein Opfer werfen würde. Die Spitzen des Morgensterns waren auch dementsprechend verrußt.

Bei der Untersuchung zweier sehr fein gearbeiteter, goldener Schuppen-Kilts ließ die Magierin eines der weniger prachtvollen Schwerter, die nur durch pure Länge punkteten, mit Hilfe von Magie von oben auf den Kilt stürzen. Der Tisch zerbrach, neues Feuerholz ward geboren, aber auf dem Kilt selbst blieb nur ein kleiner Kratzer zurück!

Am Ende wurde noch ein Brustgurt mit einem seltsamen Anhänger untersucht. Die Magierin stellte fest, dass dieser immun gegen Angst und Furcht machen würde. Sina lernte, dass das Fach Verzauberung als ethisch fragwürdig gilt, da hier durch Magie direkt Eingriff auf den Geist einer Person genommen wird. Hier zum Wohl oder Wehe des Trägers dieses Brustgurts, denn immerhin war das nehmen des Angstgefühls nicht immer nur gut, wie Sina passend feststellte: "Es ist auch die Frage, ob das gut ist. Normalerweise ist Angst ein Schutzmechanismus. Und Tapferkeit entsteht, wenn man dieser zum Trotz heroisch bleibt. Aber wenn man die Angst nicht spürt, übersieht man vielleicht auch eine Gefahr."

Um zu testen, ob dieses Objekt wirklich tat, was die Analysen ergeben hatten, legte sich Sina den Gurt mit dem abscheulichen Schädelemblem um und Magierin Stillwasser bereitete einen Zauber vor. Sie versprach: "Ich werde nichts wirken, was euch physisch verletzen kann und es reduzieren, so dass es euch auch nicht tötet. Wenn es schief geht, werdet ihr höchstens ein paar Tage unter Albträumen und Schockzuständen leiden." Sina war nicht wirklich völlig beruhigt, sie ließ dennoch zu, den Gurt am eigenen Leib zu ertesten.

So fokussierte die Magierin Geasina mit den Augen, sprach fast lautlos eine Formel, die geflüstert wurde. Kurz fokussierte sich etwas in der Spitze ihres Stabes. Das war es dann auch schon, zumindest für die umstehenden. Ein "Illusorischer Killer" sollte es werden, was immer man sich darunter vorzustellen hatte.

Wie Sina später erfuhr, ist ein "Illusorischer Killer" tatsächlich dazu da, eine Person durch einen Angstzustand zu töten. Dieser war nun aber reduziert, wie die Magierin es gesagt hatte, um nur Angst zu bewirken. Sina sah nun neben Silianea Stillwasser ihre größte Angst auftauchen. Dank des Gurtes wirkte die verängstigende Komponente des Zaubers nicht.

Geasina starrte fasziniert neben Magus Stillwasser. Ängstlich wirkte ihr Ausdruck nicht, nur verblüfft bis fasziniert. Sie starrte auf ein wirklich nicht für andere Augen geeignete Weise nacktes Abbild ihrer selbst, dass sich einem fremden Manne hingab, dessen Züge verschleiert und unklar waren.

Silianea wendete den Blick ebenso neben sich. Sie mhmmte ein wenig und blickte dann wieder auf Geasina. "Nun?" fragte sie. Die rot gewordene Sina meinte "Also Angst hab ich nicht. Hätte ich aber normalerweise bestimmt." Die Magierin fragte nach: "Ihr seht es also, empfindet aber keinen Fluchtreflex und auch keine Angst?"

Geasina sagte "Nein. Wobei ich stark hoffe, dass es sonst niemand sieht." Sie wurde noch röter und ging um das seltsame Bild herum und betrachtete es von allen Seiten. "Interessant." murmelte sie. Wann konnte man sich selbst schon einmal so von außen betrachten?

Magus Stillwasser musterte auch noch einmal die Luft neben sich. "Nein, keine Angst, selbst ich kann es nicht klar erkennen. Da habt ihr Glück." Sie wischte neben sich durch die Luft und mit dem Wischen verschwand auch der Illusionäre Killer. Sina meinte "Nun, dann haben wir dieses... Ding wohl katalogisiert?" und legte den Gurt wieder ab. Der würde im Kampf sicher hilfreich werden.

Damit war die Arbeit an den Beutestücken beendet, es war noch ein komischer Splitter in der Kiste, doch den wollte sich die Magierin später anschauen. Zu seinen physischen Eigenschaften konnte Sina eh nichts brauchbares sagen.



Eine überraschende Verlobung Bearbeiten

Nachdem die Beutestücke untersucht waren, wendete sich Sina einer kleinen Gruppe um Lady Wynters, Magus Silianea Stillwasser und Sir Lucius zu Richtherz von Weissgarten zu. Dort gaben sie auch kurz Auskunft über die Untersuchung der Beutestücke und es wurde beschlossen, die Beute gleich morgen zu verteilen.

Es gab einiges über die Gegner zu hören, wie etwa, dass einige Skelette auf Greifen fliegen und mit Dingen werfen würden. Auch von einer siebenköpfigen Bestie war die Rede. Weiter hinten sprach Kjel mit Tanvala, der knapp bekleideten, kleinen Kriegerin, deren Schwert eine so große Rolle in ihrem Unterfangen zuzukommen schien, und mit dem Draenei Narazeth, dem Kjel und Sina am Abend zuvor die komplizierte Geschichte ihrer Beziehung erzählt hatten.

Als Tanvala ging, kam Kjel zu Sina herüber und stellte sich zu ihr. Sir Lucius fragte, ob es sonst noch etwas gäbe, das ihrer Aufmerksamkeit benötigen würde. Dies war wohl nicht der Fall, so wurde die Unterhaltung rasch weniger offizieller Natur.

Sina berichtete Lady Wynters, wie der Tisch zu Bruch gegangen war und Kjel meinte "Geasina, ich will dich gleich noch was fragen." Sina fragte scherzhaft "Soll ich auch deine physischen Eigenschaften schätzen?" Kjel lachte und meinte, es ginge eigentlich um etwas anderes. Sir Lucius bat darum, diese Einschätzung nicht auf einem Tisch vorzunehmen. Sina blickte ihm überrascht nach.

Kjels Hand war inzwischen fast vollkommen verheilt, dank der Pflege und Behandlung durch Narazeth. Sina war überrascht und erfreut, das hatte wirklich nicht gut ausgesehen. Er musste sie noch schonen, wie Sina ihren Arm.

Kjel meinte: Aber ich wollte mit dir noch über etwas anderes reden. Allerdings weiß ich nicht, ob wir nicht besser auf Hohenwacht warten." Sina schmunzelte und meinte "Nun, das kann ich dir schlecht sagen, ohne zu wissen, worum es geht." Kjel brummte und Sina grinste ihn an. Dann schlug sie vor eine Münze zu werfen. Kjel fand das eine nette Idee und so fragte Sina: "Kopf oder Zahl?" Sie hatte schon eine Münze zur Hand genommen.

Kjel sagte "Hm, Zahl." und nickte. Sina warf die Münze. Sie fing sie auf und tatsächlich zeigte die Münze eine Zahl! "Ha!" meinte Sina. "Ähm und nun?" fragte Kjel und grinste. "Hab ich gewonnen?" Geasina sagte: "Ja nun redest du mit mir." Kjel lachte auf. "Öhm?" fragte Sina. "Ich dachte du wolltest es mir bei Zahl sagen. Was auch immer. Nicht?" Aber da begann Kjel auch schon: "Ich wollte dich wegen gestern was fragen: Machst du dir etwas Sorgen, weil so oft wieder eine Hochzeit angeschnitten wurde und ich nichts dazu sage?"

Lady Wynters trat dazu und sagte: "Ich hoffe, ich störe nicht, Sir Falconer, Miss Bosko... meine Güte, Hochzeit? Ich störe wohl doch." Sir Lucius blickte dabei auch zu den beiden. Geasina sagte beruhigend zu Kjel: "Ne das kenne ich ja schon. Du lässt dich ungern drängen und außerdem hast du gerade mit einer halbnackten, kriegerischen, kleinen Frau geschäkert?" sie grinste frech. Kjel schaute zu Lady Wynters und brummte ein wenig. Geasina schaute um Kjel herum zu Lady Wynters. "Nein, ich glaub nicht. Oder?"

Kjel brummte. "Das war Tanvala, die ich schon etwas kenne. Und das was ich sagen wollte, ist nicht so wie im Hause." Geasina meinte: "Ja, ich weiß, dass sie Tanvala heißt, hab sie vorhin kennen gelernt." Lady Wynters fragte: "Ich hörte etwas von einer Hochzeit?" Geasina erklärte: "Ja, gestern fragte uns Narazeth danach, wir erzählten von unserem verschlungenen schwierigen Lebensweg miteinander. Und gegeneinander. Und nun war Kjel besorgt."

Kjel seufzte. "Na klasse, es ist eigentlich der falsche Ort. Aber ich weiß ja auch nicht, wie lange Bundror noch brauchen wird, aber ich denk es wird noch dauern." Sina runzelte die Stirn. Arkanis meinte: "Wir verstehen nicht. Wir erbitten höflichst, uns das Konzept von Subjekt: Hochzeit zu erläutern." Geasina blickte zu Arkanis und schmunzelte.

Lady Wynters sagte: "Meine Güte, ich fürchte, nun werdet ihr etwas zu erklären haben." Sie lächelte. Geasina meinte: "Erst höre ich mir an, was Kjel dazu sagen will, dann erläutere ich." Sir Lucius fragte: "Euer Familiar weiß nicht, was eine Hochzeit ist?" Geasina meinte: "Ganz offenbar."

Kjel sagte brummend: "Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich mit Bundror gesprochen habe und dabei mit ihm in den Keller ging?" Geasina sagte "Ja." und schaute zu Kjel. "Ich entsinne mich." Arkanis erklärte: "Uns ist die lexikale Bedeutung des Wortes bekannt. Wir verstehen die tiefergründigen Zusammenhänge nicht. Ursache. Soziale Kausalitäten. Wir möchten lernen. Wir wollen nützlicher werden." Geasina linste zu Kjel. Lady Wynters sagte: "Arkanis lernt selbstständig neues. Er ist... nun, neugierig."

Kjel erklärte Sina: "Ich habe Ihn Skizzen zu der Rüstung gegeben, die ich trage. Ich habe ja schon oft gesagt, dass es die Familienrüstung gewesen ist. Und ich habe ihm auch deine Maße gegeben. Ich wollte es damit irgendwie deutlich machen..." Erklärte er brummend "... dass ich dich eben bei mir haben will." Kjel rieb sich den Hinterkopf.

Marlien trat aus ihrem Zelt und grüßte leise die Runde. Geasina sagt: "Oh. Als... eine Art... Ausgehrüstung?" Kjel brummt. Geasina mmmhte und blickte ein wenig verwirrt zu Kjel. Dieser erklärte: "Nein. Familienrüstung. Und als eine Art Hochzeits... ähh....." Er brummte noch viel mehr und meinte: "Das hört sich komisch an so... und das hier..."

Geasina blinzelte und fragte: "Machst du mir gerade einen Heiratsantrag? Oder stellst du in Aussicht, einen gemacht bekommen zu haben könne ge... ach du weißt schon." Kjel seufzte und schaute auf den Boden. "Na klasse... In so einer Höhle umgeben von Feinden..."

Sir Lucius blickte zu Kjel. Kjel sagte: "Ich wollte warten, bis zumindest die Rüstung fertig ist." Er nickte. "Und ich wollte eben nicht, dass du dir Gedanken machst. Deshalb habe ich auch so schnell versucht, mit Bundror zu sprechen." Geasina sagte: "Also willst du mir sagen, dass du vorhast, mir einen Antrag zu machen?"

Marlien ruft auf Grund der Szene: "Eh Kjel.. wir wollen 'nen Kniefall sehen!" Kjel schnaufte und sagte: "Das wäre schon längt geschehen normalerweise." Er brummte. Geasina nickte Marlien zu. Lady Wynters, die zwischenzeitlich in ein anderes Gespräch vertieft gewesen war, fragte "Mh? Wie, was? Kniefall? Was denn für ein Kniefall?" Marlien erklärte: "Na Antrag und so, Wynters.. wenn er da schon so rumnuschelt."

Sir Lucius fragte gen Kjel: "Habt Ihr einen Ring dabei?" Geasina meinte: "Gute Frage." und schmunzelte. Kjel sagte: "Doch nicht in so einer Gegend..." er brummte. "Ich hätte auf Hohenwacht warten sollen." Er schaut zu Richtherz. "Es gab welche..." Brummend fügte er hinzu: "Verdammt."

Geasina sagt: "Ich glaube es war aber nur die Ankündigung einer vielleicht vorhandenen Absicht, eventuell..." Zu Kjel meinte sie dann ein wenig aufgebracht: "Weißt du eigentlich, wie egal mir die GEGEND ist?" Lucius lächelte schmal und griff hinter sich in den Mantel. "Hier. Fangt." Sprach er gen Kjel und warf diesem etwas zu. Kjel schaute aber gerade Geasina an und nickte auf deren Worte. "Ich glaub dir ist es auch egal, dass das nicht das ist, was ich vorhatte. Hauptsache ich sag es endlich?"

Da Kjel in den Moment zu Geasina blickte, bekam er den Ring gegen den Kopf. Er fing ihn dann geistesgegenwärtig noch auf, um sich mit der anderen Hand am Hinterkopf zu reiben. Sir Lucius sagte: "Ups....Verzeihung." Lady Wynters sagte: "Und... meine Güte, einen Antrag? Hier? Jetzt? In einer stinkenden Höhle?" Marlien erzählte: "Leorick hat mir einen gemacht und im gleichen Satz verglich er mich mit einer Kanonenkugel.. also nichts ist unmöglich, Männer halt."

Geasina schaute zu dem Ring. Ein erwartungsvoller, gespannter Ausdruck trat auf ihr von kleinen Verletzungen verunziertes Gesicht. Lady Wynters meinte: "Nun... wir haben derzeit das Fest der Liebe, oder nicht? Oder ist es schon vorbei? Ist es schon vorbei?"

Sir Lucius erzählte Lady von Vollstedt: "Ich habe meiner Gemahlin einen Antrag bei Mondlicht gemacht." Marlien schaute gespannt auf Kjel und Sina. Kjel lachte ein wenig, als er sich den Ring anschaute. "Ich wollte dir eigentlich einfach nur die Sorge nehmen und irgendwie sagen, dass ich daran schon arbeite." Er brummelt: "Schade, dass so ein Ring als Ersatz herhalten muss." und schaute zu Geasina.

Geasina verschränkte die Arme unter der Brust und trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf dem linken Oberarm. Arkanis sagte: "Wir analysieren: Die Lokalität, der Zeitpunkt, die Spontanität und die Art des Subjekts: Antrag widersprechen gesellschaftlichen Konventionen. Wir registrierten Verhaltensmuster der Kategorie: Unangenehm." Marlien sagte: "So ein Ring würde euch auch gut stehen Kanzlerin." Sie hob die Mundwinkel und blickt Lady Wynters an.

Kjel sagte: "Ich ich.." er kniete vor Geasina nieder. Marlien linste zu dem Familiar und meinte "Halt die Schnauze." Sina schaute zu Arkanis, dann wieder zum stammelnden Kjel. Arkanis erklärte: "Wir lernen. Wir werden nützlicher. Wir hören, verehrte Lady von Vollstedt." Geasina wurde tatsächlich rot und blickte verlegen drein, als Kjel sich nun wirklich vor ihr auf den Höhlenboden kniete.

Kjel schaute noch kurz auf den Boden und brummte. Arkanis vermeldete: "Wir weisen höflichst darauf hin, das eure Wortwahl unhöflich ist." Lady Wynters tuschelte: "Du meine Güte..." als der Ritter auf die Knie geht. Marlien legte die Hände hinter den Rücken und zeigte Arkanis einen Moment den Mittelfinger. Lady Wynters vollführte wedelnde Handbewegungen in Richtung Arkanis, begleitet von einem leisen "Pscht."

Kjel sagte: "Wir..." Er atmete laut ein und aus. "Wir kennen uns so lange schon und haben schon einige Pfade miteinander beschritten. Und wir haben uns verziehen. Du hast mir schon so viel verziehen. Und lange hast du darauf gewartet." Er musterte den Ring und fragte sich kurz, ob der auch etwas wäre, dann hob er ihn hoch. "Willst du, dass ich der deine werde und du die meine?"

Marlien schaute auf das Geschehen und ihre Augen wurden sogar feucht, sie schniefte kurz ganz leise. Geasina schluckte. Dann sagte sie "Ich... ja das will ich." Sie schluckte nochmal und nickte eifrig. Kaldaros lächelte dabei. Lady Wynters beobachtete ihrerseits das ganze Prozerede weniger emotional und mehr in einer Mischung aus Neugierde und Überraschung. Und vermutlich auch einer Portion "Wie-verhalte-ich-mich-denn-jetzt?"

Kaldaros applaudierte. Fout schüttelt den Kopf. Kjel schluckte auch und schaute dann mit einem Lächeln zu Sina auf. Geasina sagte: "Ich..." Lady Wynters tuschelte leise: "Du meine Güte. Wie unerwartet." Geasina hatte gerade nur Augen und Ohren für Kjel. Ihre von kleinen verschorften Schrammen gesprenkelten Wangen glühten und die Augen leuchteten. Ob es nun in der Höhle muffte, sie kein schönes Kleid trug, es war ihr alles völlig egal, gerade schient die Zeit einfach still zu stehen für die Speerjungfer.

Marlien sagte leise: "Damit hab ich nun auch nicht gerechnet." Kjel schaute auf und erhob sich wieder. Sina kam auf Kjel zu, reckte sich auf die Zehenspitzen, schlang ihre Arme um den großen Mann, auch den, den sie doch schonen sollte, und zog ihn ganz fest an sich.

Arkanis meinte: "Wir freuen uns für die verehrten Anwesenden. Wir sind herzlich." Kjel sagte: "Ich wollte nur...... Ich will einfach, dass du weißt, dass ich dich will." Er legte die Arme um Geasina. Und beugte sich zu ihr. Geasina sagte leise: "Das weiß ich jetzt, Kjel." Da flossen doch tatsächlich Tränen über die Wangen der kriegerischen jungen Frau.

Silianea hob die linke Augenbraue, verkniff sich aber das Augenrollen und trabte ruhig um die Turteltauben herum. Lady Wynters tuschelte leise zur Seite: "Sollten wir... applaudieren?" Kjel hielt Sina einfach fest in den Armen.

Lucius sagte ruhig gen Silianea: "Ihr habt einen Antrag verpasst." Diese erwiderte leise: "Nein, ich denke nicht. Er scheint ja angekommen zu sein." Geasina murmelte: "Willst du... mir den Ring anstecken? Wenigstens trag ich keine Handschuhe gerade..."

Narazeth betrat langsam den Raum und musterte die Anwesenden. Lady Wynters kratzte sich etwas unschlüssig an der Wange. Kjel nahm die Hand von Geasina und schaute nochmal auf den Ring und auf welchen Finger der wohl passen könnte. Dann schaute er sie an und schob den silbernen Ring auf Geasinas linken Ringfinger, auf den er tatsächlich recht gut passte.

Marlien nickte Lady Wynters zu und klatschte dann leise. Silianea sagte leise zu Lucius: "Aber vielleicht kann der Koch ja noch für das Pärchen etwas besonders locker machen. Ist vielleicht gut für die Moral." Lady Wynters sagte: "Nun... wenn das so ist." Da leistete auch die Magus leise ihren Beifall und bedeutete Arkanis mit einem Handwink, sich ebenfalls zu beteiligen.

Kaldaros kehrte mit zwei Bechern und einem Flachmann zurück. Narazeth sagte: "Da hätte ich es ja beinahe verpasst. Gut gemacht..." meinte er fröhlich und grinste genüsslich. Marlien sagte: "Herzlichen Glückwunsch." Sie lächelte und klatschte. "Da hat der Baron wohl bald wieder Arbeit."

Silianea begutachtete das Treiben nun einmal nicht ganz so ernst wie sonst und verschränkte die Arme mal nicht vor, sonder freundlicher hinter dem Rücken. Arkanis sagte: "Wir analysieren. Querverweise zu gesellschaftlichen Konventionen. Kulturelle Bedeutung." Das kleine Arkanwesen kanalisierte arkane Energien zwischen seinen kleinen Krallenhändchen und schleuderte sie in die Luft. Glitzernde Arkanpartikel schwebten langsam um das Paar herum zu Boden. "Wir sind festlich."

Geasina blinzelte, als da etwas glitzernd um sie herum schwebte. Lucius sagte: "Der Familiar hätte etwas... romantischeres wählen können, als Feuerwerk." Kjel sagte: "Hrm... Wahrlich... so..." Er schaute um sich herum. Geasina blickte auf ihre Hand. Sie strahlte und küsste Kjel einfach mal vor allen Leuten, natürlich auf anständige Weise.

Silianea sagte ruhig und trocken: "Unter den momentanen Bedingungen ist es wohl mehr, als die beiden erwarten können." Kjel erwiderte den Kuss und hielt sie einfach fest bei sich. Lady Wynters meinte: "Also... es glitzert immerhin schön. Danke, Arkanis." Lucius sagte: "Auch wieder wahr." Marlien sagte: "Ich find's schön." Sie rieb sich kurz über die Augen. "Wir sind nützlich." verkündet das Arkanwesen stolz und höflich zugleich.

Geasina löste sich dann aber von Kjel und schaute strahlend in die Runde. Kjel schaute ein wenig verlegen drein. Seine Verlobte sagte: "Ich... wir..." Sie hüstelte. Lucius vollendete den Satz: "... sind nun verlobt." Kaldaros ging zu den beiden und reichte ihnen je einen Becher. Geasina sagte: "Wir sind verlobt.... Ja genau." Kjel nickte langsam.

Silianea stimmte in den kleinen Applaus dann doch etwas verhalten und auch nur ganz kurz mit ein. Soweit es die vom Elementar so schön bezeichneten Konventionen verlangten. Dann kehrten die Arme wieder hinter den Rücken zurück und Miene und Haltung wurden wieder militärisch gerade." Lady Wynters sagte: "Nun, meinen Glückwunsch, Sir Falconer. Miss Boskop." Geasina sagte: "Danke!"

Kaldaros hielt den beiden immer noch die Becher entgegen. Kjel nickte Kaldaros zu und nahm einen Becher entgegen. "Danke." Marlien sagte: "Herzlichen Glückwunsch!" und lächelte. Kaldaros sagte: "Meinen Glückwunsch. Ich habe hier Süderstader Apfelwein." Geasina ergriff einen Becher und sagte: "Oh vielen Dank!" und Kaldaros füllte den beiden ihre Becher. "Hätte ich geahnt, dass mir soetwas bevorsteht, hätte ich thalassischen Wein eingepackt." Er grinste.

Kjel sagte: "Ich hätt' nicht gedacht nochmal was aus Süderstade zu trinken." Er lächelte dabei und schaute zu Sina. Geasina sagte: "Ich hätte dann auch etwas anderes angezogen. Und... sähe besser aus, aber ganz egal!" Sir Lucius sagte: "Der Gedanke ist wichtiger als das Aussehen." wobei Sina ihm zustimmte. Narazeth rief: "Meinen Glückwunsch!"

Lady Wynters sagte: "Ich schätze, wir haben Sir Falconer ganz schon in etwas hereingeredet, heute Abend. Irgendwie, zumindest." Kaldaros sagte: "Möge das Licht Eure gemeinsame Zukunft erhellen und diese schützen." Er verbeugte sich huldvoll. Geasina sagte: "Vielen Dank. Und danke... für den Ring, Sir Lucius. Ähm. falls er nicht nur ein Symbol ist." merkte sie unsicher an.

Kjel sagte: "Ich wollte einfach nicht, dass" Er schaute mit einem Lächeln zu Geasina. "Dass du weiter enttäuscht bist wegen etwas, das schon lange überfällig ist. Aber... naja... ich hätte wissen sollen, dass das Drumherum egal sein wird." Geasina strahlte vor sich hin und nickte Kjel zu.

Lucius erklärte: "Er ist etwa drei Goldmünzen wert." Er nickte langsam. "Behaltet ihn. Wenn Ihr schönere wollt, könnt Ihr in Weissgarten welche bestellen. Schmuck aus Silber ist unser Handwerk." Geasina sagte: "Ich kann mir gerade keinen schöneren vorstellen." Sie atmete tief durch.

Arkanis meinte: "Wir analysieren. Wir schlussfolgern: Die Situation macht eine Nachfrage bezüglich des Subjekts "Hochzeit" unangemessen. Wir merken höflichst an, das wir unsere Frage zurückziehen." Kjel lächelte dabei etwas. "Ich wollte dich nicht mehr enttäuscht sehen." Geasina stellte fest: "Das hast du geschafft." Sie lachte leise. "Wenn auch die halbe Höhle dich gedrängt hat." fügte sie grinsend hinzu.

Sir Lucius sagte: "Schuldig." Geasina grinste breit. Narazeth sagte: "Ich habe nur...gefragt... immer wieder. Und auch nur zwei Tage lang." Geasina lachte und sagte: "Da muss ich euch wohl Danke sagen, Herr Narazeth." Narazeth sagte: "Dieser Moment ist Dank genug, meine Lieben. Genießt ihn."

Lady Wynters sagte: "Nun dürft ihr euch aber nicht töten lassen. Und auch nicht verstümmeln. Das wäre nämlich ziemlich schade. Also... das wäre es natürlich immer. Ach, ihr wisst schon." Geasina nickte. "Da ist schon was dran." Kjel sagte brummend: "Ich hätte eigentlich wissen sollen... dass der Antrag alleine zählt. Wie oft hat sie..." Er schaut mit einem Lächeln zu ihr. "Hast du darauf gewartet. Schon im Anwesen."

Da es schon spät war, zog man sich dennoch bald zurück.



Fünfte Wollmesse - Turnier der Bogenschützen Bearbeiten

Angemeldet hatte die Speerjungfer sich eigentlich nur, weil Lady Wynters sie danach gefragt und es ihr ans Herz gelegt hatte. Mit Bögen hatte die junge Frau bislang nur immer mal wieder im Rahmen ihrer Ausbildung, bei der ihr der Umgang mit allen möglichen Waffen nahegebracht worden war, zu tun gehabt, aber nicht in einem Ausmaß, um sich bei einem Turnier der Bogenschützen anzumelden!

Letztlich, so dachte sie sich, zählte ja nur das Mitmachen und dabei sein. Und es galt jede Gelegenheit zu nutzen, die sie bei den Freisassen bekannter machen würde, denn diese waren es, von denen später ihr Lebensunterhalt, ihr Ausrüstung, Kleidung, ihr Ansehen und zu einem guten Stück auch ihre Zufriedenheit abhängen würde. Sie waren es, denen sie als Schildmaid Nachrichten aus aller Welt bringen würde, die sie mit Gesang, Märchen und Balladen unterhalten würde. Sie waren es, die sie nähren und beherbergen würden. Kurz: Sie waren wichtig, sehr wichtig. Nicht zuletzt war sie selbst auch eine von ihnen, eine Freisassin, auch wenn Sina mit ihrem Verlobten zusammen ein Zimmer im Burgturm bewohnte.

Am Morgen des Tages des Turniers entlieh sie sich einen Bogen aus der Waffenkammer der Burg, natürlich wurde ihr ein solcher zu diesem Zweck gern ausgeliehen. Tagsüber verschoss sie ein paar Pfeile um sich überhaupt ersteinmal wieder an das Gefühl des Bogenschießens zu gewöhnen und an den Bogen selbst ebenfalls.

Ihren ersten - und einzigen eigenen - Bogen hatte ihr, als sie noch klein war, ihr Vater aus dem Stamm eines jungen, sehr biegsamen Bäumchens aus einem Knick nahe Stromgarde gefertigt. Später hatte sie es auch mit "richtigen" Bögen zu tun gehabt. So oder so, eine Lektion hatte sie gelernt: Losgelassene Sehnen können ganz schön wehtun. Daher trug sie Armschienen.

So fand sie sich, als am Abend zum Turnier ausgerufen wurde, mit den anderen Schützen, insgesamt war es vielleicht ein Dutzend gewesen, am Turnierplatz ein. Das Ziel stand für ihren Geschmack ganz schön weit weg, und es würde sicher etwas anderes sein, im Hexenkessel der Messebesucher, Freisassen und Adligen auf diese Strohscheibe zu schießen, als allein für sich zu üben. Dazu lag alles im Feuerschein, es war laut und schwierig sich zu konzentrieren. Als es daran ging, sich vorzustellen, machte sie es anders als ein eingebildeter Kerl, der bei der Vorstellung lauthals verkündet hatte, dass er das Turnier "mal eben" gewinnen würde und allen dafür dankte, dass sie dabei sein würden. Man glaubte es kaum! Als es an ihr war, vorzutreten, sagte sie:

"Guten Abend. Ich bin Geasina Boskop, seit Anfang des Jahres Teil von Hohenwacht und als Speerjungfer in Ausbildung. Bogenschießen gehört nicht zu meinen Stärken, auch wenn ich in meiner Ausbildung durchaus öfter damit zu tun hatte. Normalerweise sind Speere, Schwerter und Schilde mein Metier. Aber ich will trotzdem mein Glück versuchen!" Sie winkte mit der rechten Hand in die Runde.

Als es etwas später an das Schießen ging, war sie die Vorletzte, die an der Reihe war. Es galt drei Runden zu bestreiten und in jeder Runde drei Pfeile abzuschießen. Nach jeder Runde würde die Zielscheibe, die ein wenig dämlich Richtung Messetrubel aufgestellt war, noch fünf weitere Meter nach hinten gerückt werden.

Sina sah ihre nie vorhanden gewesenen Chancen schwinden, und so war sie dann auch ganz ruhig, als sie in die Mitte trat, um den ersten Schuss abzugeben. Dabei rief Pippilotta, eine Gnomin, die Sina von gemeinsamen Abenteuern kannte, laut quer über den Turnierplatz, das "Boskop" gewinnen würde. Sina lächelte. Das tat gut!

Die Schildmaid legte den Pfeil in den Bogen. Ruhig atmend konzentrierte sie sich auf das Ziel. Nach einem langsamen Ausatmen ließ sie den Pfeil der Zielscheibe entgegen schnellen. Kurz war ihr, als flöge sie mit dem Pfeil mit. Doch dann starrte sie ungläubig auf die Zielscheibe. Der Pfeil steckte exakt in der Mitte in dem kleinen schwarzen Ding! Fünf ganze Punkte war dieser Treffer wert, mancher hatte nicht einmal aus allen drei Schüssen so viele Punkte mitnehmen können.

Bei jedem Schuss wurde sie nun etwas aufgeregter, der zweite traf noch dicht neben den ersten in die Mitte, wenn auch nicht in das kleine, von ihrem ersten Pfeil besetzte "Bullenauge". Aber immerhin erwarb sie so drei weitere Punkte.

Beim dritten Schuss machte sich nun Nervosität bereit und der Treffer geriet noch etwas weiter nach außen. Immerhin konnte noch ein weiter Punkt erworben werden, und - oh Wunder - nach der ersten Runde lag Geasina völlig überraschend mit neun Punkten auf dem ersten Platz vor all diesen erfahrenen Jägern, Schützen und wer weiß noch was.

Ihr war schon klar, dass es dabei nicht bleiben würde. Der erste Treffer war Glück gewesen, nicht profundes, sicher abrufbaren Können. Und so wurden ihre Leistungen bei der immer weiter wegrückenden Zielscheibe auch immer schlechter. Beim zweiten Durchgang schoss sie nach zwei Schüssen in die äußeren Bereiche der Scheibe auch noch daneben, so dass dieser Durchgang null Punkte einbrachte, die Strafpunkte für den letzten Schuss fraßen die beiden Punkte der Treffer davor gleich wieder auf. Nach der zweiten Runde war sie mit immer noch 9 Punkten auf den geteilten zweiten und dritten Platz abgerutscht und nach der letzten Runde - in der sie zweimal punktlos in den Rand der Scheibe traf und einmal darüber hinweg schoss und somit zwei Punkte verloren hatte - lag sie mit nunmehr nur noch 7 Punkten ganz auf dem dritten Platz. Aber auch das war ein Ergebnis, mit dem sie nie gerechnet hätte! Alles nur aufgrund der hervorragenden Ergebnissen der ersten Runde.

In einer der späteren Runden schaffte jemand sogar elf Punkte in einem Durchgang zu erringen, mit zwei Treffern ins Bullenauge. Bewundernswert. Am Ende hatte der freche Kerl, Eoron sein Name, der zu Beginn seinen Mund so unfassbar voll genommen hatte, doch tatsächlich gewonnen. So ein Schlingel! Sina musste über die Mischung aus Frechheit und gutem Schützen lachen und gratulierte ihm herzlich. Der zweite Platz war an Nilir gegangen.

Eine Siegerehrung gab es auch noch, der Lord Tellos van Haven ließ alle Schützen in der Mitte des Turnierplatzes antreten und zeichnete die drei besten aus. Sina kam zuerst an die Reihe. Sie wurde mit einer Flasche Hohenwachter Rotspon (gut und teuer) sowie herzlichen Worten belohnt. Der Lord hatte so etwas gesagt wie, dass es ihn ganz besonders freue, dass er Sina einen Preis überreichen könne oder so, ganz genau hatte sie sich das in der Aufregung nicht gemerkt. An Nilir ging ein Fass Met aus der Morgentau Kelterei und der erste Platz bestand in einem meisterlicher Langbogen. Den hätte Sina wirklich gern gehabt.

Besonders freute sich die angehende Schildmaid aber darüber, dass die Freisassen ihr zugejubelt hatten, obwohl sie erst seit so wenigen Monaten zu ihnen gehörte.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki