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Eine Nacht in der Scheune

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Da lag sie also nun vor ihm. Eolarios öffnete die Augen ein Stück und sah zu der hellhäutigen jungen Frau hinunter, wie sie unter der Decke auf dem Stroh schlief. Er selbst lehnte immer noch an der Holzwand der alten Scheune. Sie hatte Besseres verdient. Kein Stroh, keine alten Decken. Sein Blick wanderte über ihr Haar, ihre Konturen unter der Decke verfolgend. Wann hatte er begonnen, sie so anzusehen? Sie gefiel ihm und doch war sie viel zu jung. Er wußte das und wollte es nicht wahrhaben.

Diese Dunkelhäutige, Laonora, was hatte sie mit ihm angestellt? War sie es, die ihn dazu gebracht hatte? Er verstand es nicht. Halte dich von mir fern, hatte sie gesagt. Du darfst nichts erwarten. War Madeleine nun nur ein Ersatz für ihn? Nein. Still schüttelte er den Kopf und griff nach der Flasche Rum, die noch neben ihm im Stroh stand. Er hatte das schon früher in ihr gesehen. Einen großen Schluck nehmend wandte er den Blick von ihr ab und schloß die Augen. Er lehnte den Kopf wieder zurück, verschloß die Flasche nur halbherzig mit einer Hand und stellte sie wieder neben sich ab.

Leise konnte er sie atmen hören. Ihr Geruch stieg ihm in die Nase. Madeleine. Ledoux. Leise brummend sah er wieder zu ihr hinab. Ledoux. Er verstand, warum sie nicht so genannt werden wollte. Wenn Leutnant Ledoux zuhause genauso gewesen war wie im Dienst, hatte sie wohl kein sehr angenehmes Leben gehabt. Blanche. So würde er sie dann wohl nennen. Sein Blick wanderte wieder über ihren Körper, blieb auf ihrem Gesicht hängen. So sanft und friedlich schlief sie. So zerbrechlich und schwach wirkte sie. Doch er wußte es besser. Alles verbarg sie hinter der Fassade aus Gleichgültigkeit und Zynismus. Kurz hatte sie ihn dahinter sehen lassen. Er wollte mehr über sie erfahren, doch er wußte, dass er nichts erfahren würde, wenn er nicht abwartete.

Sei für sie da, wenn sie dich braucht, hatte sie gesagt und damit Lanka gemeint. Aber dräng sie nicht. Eolarios beschloß, das auf Blanche zu übertragen. Er würde da sein, wenn sie ihn braucht. Bei ihr bleiben, solange sie ihn nicht fortschickt. Lanka. Sowas wie meine Schwester, hatte Blanche sie genannt. Er wußte von einem Kind von Ledoux, doch sie müßte viel jünger sein. Sie schienen auf eine Weise verbunden, die er nicht verstehen konnte. Wenn es Lanka schlechtging, litt auch Blanche. Er verstand es nicht, doch er konnte darauf reagieren. Blanche zu vertrauen, hatte er gelernt, nun könnte er es auf Lanka erweitern. Wieder schüttelte er den Kopf, während er sich in der Scheune umsah. Mit Ketten verschlossene Kisten fielen ihm in dem schwachen Mondlicht auf, das durch die Fenster hineinfiel. Aus einer solchen Kiste hatte sie all die Waffen geholt. Waffen, die Lanka sicher zu so mancher Zeit hätte gebrauchen können. Viel hatte er nicht erfahren. Nicht von ihr und nicht von Lanka. Dennoch konnte er die junge Frau nicht bei diesem Kerl lassen. Er ist zu weit gegangen. Willst du seine Sklavin sein? Er hält sich Andere neben dir. Blanches Sätze schwirrten noch immer durch seinen Kopf. Eolarios ballte eine Hand zur Faust. Auch wenn er nicht wußte, was dieser Mistkerl Lanka angetan hatte, konnte und wollte er sich das nicht fortsetzen lassen.

Wie in einem Traum war es ihm vorgekommen, als er mit ihr aus dem Haus gestürzt war. Dumpf hatte es noch lange in seinem Schädel gepocht, nachdem ihm der schwere Holzbalken dagegen gekracht war. Wie durch einen Schleier erinnerte er sich nur noch, dass er über Steine und Wiesen gerannt war, Mia die ganze Zeit fest an sich gedrückt. Nie wieder würde er zulassen, dass ihr etwas angetan würde. Wenn nötig, würde er sein Leben für sie geben. Er hatte sie durch die Gassen Gilneas' getragen, vorbei an seinen Kameraden, die immer noch die Worgen zurückhielten. Schreie waren ihm entgegengehallt. Er rannte nur. Immer weiter, Mias Kopf schützend, sie an sich drückend. Erst als er über den hölzernen Steg hastete, der dumpf unter jedem seiner Schritte geächzt hatte und vor ihm die Kathedrale Sturmwinds in die Höhe ragte, hatte er innegehalten. Plötzlich war alles wieder verschwunden. Die dunklen Gassen, die Schreie, seine Kameraden. Vor ihm hatte eine schimpfende junge Frau gestanden.

Tief atmete Eolarios durch und rieb sich mit den Händen durchs Gesicht. Der Geruch von Rosenblüten stieg ihm plötzlich ohne Vorwarnung in die Nase. Dazu drängte sich die Erinnerung an den Kuss auf dem Friedhof. Den, gegen den er sich so gewehrt und doch so genossen hatte. Warum gerade jetzt?! Er presste die Hände auf die Augen, in der Hoffnung, so die Bilder und Gerüche zu vertreiben. Als das nicht half, ließ er verzweifelt die Hände sinken und riss die Augen auf.

Noch immer saß er da auf dem Stroh, vor ihm die junge, so zierlich wirkende Frau. Ruhig schlief sie und hatte von all dem nichts mitbekommen. Schwaches Mondlicht fiel in die Scheune und vertrieb die Bilder, die ihn bis eben noch heimgesucht hatten. Der Mischgeruch von Stroh, altem Öl, schwerem Metall und Leder, der in der Scheune herrschte, zog seine Sinne wieder in die Gegenwart. Er beugte sich etwas vor, schloß die Augen als ihn ihr sanfter Geruch von Sandelholz und Vanille erreichte und verharrte eine Weile so. Mit einem leisen Seufzer ließ er sich wieder an die Wand sinken und schlief irgendwann ein.

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