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Ein guter Tag

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„Ein gutes hat die Einsamkeit…“, dachte Vitari West, als sie den letzten Leichnam auf den Scheiterhaufen warf und dabei zusah, wie die Flammen den nun endgültig toten Verlassenen fraßen. „Man ist nur noch sich selbst Rechenschaft schuldig.“ Die Flammen warfen flackernde Schatten auf ihr entstelltes Gesicht, auf dem sich dieser Tage kein Lächeln mehr gezeigt hatte. Sie hatte gehofft bei der Rückkehr in ihre Heimat so etwas wie „Zufriedenheit“, oder „Glück“ zu empfinden, etwas, dass ihr das Gefühl gab, das richtige getan zu haben. Doch als sie den Graumähnenwall passiert hatte, war ihr schnell klar geworden, dass sie gar nicht mehr wusste, wie es sich anfühlte, glücklich zu sein. Was ihr blieb war nur die Leere, die sich seit dem letzten Tag der Legion in ihr breit gemacht hatte. Da war nichts mehr übrig von ihr, nichts mehr in ihr, außer Verbitterung und den ewig quälenden Gedanken an das, was hätte sein können. Valdemers Worte gingen ihr durch den Kopf.“Die Verlassenen haben euch zerrissen, West. Übrig blieb nur der Wams Gilneas’…“

Es gab Tage, an denen Vitari diesen Worten glauben schenkte, Tage an denen sie den Glauben an sich selbst verlor. Dies waren die schlechten Tage in ihrem einsamen Leben. An anderen Tagen hingegen war sie voller Tatendrang, gute Tage, an denen sie Schlachtpläne entwickelte, die nie ausgeführt werden, Aufstellungen von Truppen plante, die es nie geben und Siege feierte, die nie Realität sein würden.

Heute hatte sie einen wirklich guten Tag, doch Vitari schüttelte den Kopf und ging vor dem Feuer in die Hocke, wobei sie das Gesicht abwandte. Die Hitze brannte auf dem Narbengewebe, was sich über ihre ganze linke Gesichtshälfte zog und sie zischte unwillkürlich auf, ehe sie ein Stück von den Flammen abrückte.

„Feuer…“

Seit dem Tag des Infernos hasste Vitari Feuer. Sie konnte sich selbst jetzt noch daran erinnern, wie sich die Flammen in ihren Körper eingebrannt hatten, jene Flammen, denen Fargon Stahlbolzen, Timothy Smith, Lucy Morthon und vermutlich auch der Todesritter zum Opfer gefallen waren. Sie versuchte die Erinnerung abzuschütteln, doch mit einem Schlag war alles wieder da. Der Verlassene, der sein Schwert in ihrem Körper gerammt hatte, Stahlbolzen, der ihren Namen schrie, die krächzende Stimme des Exekutors, der ihre Gefangennahme forderte, dass Schwarzpulver und dann…

Sie erhob sich mit einem Ruck, als die Knochen im Feuer sich aufgrund der Hitze ausdehnten und ein lautes Knacken von sich gaben. Es wurde Zeit diesen Ort zu verlassen. Sie gab sich nicht der Illusion hin, dass man sie nicht finden würde, ebenso wie sie sich nicht der Illusion hingab, dass ihr Wirken auf Dauer ohne Folgen bleiben würde. „Feuern und bewegen…“, murmelte sie leise, als sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setze und sich von den Flammen entfernte. „So geht das Spiel…feuern und bewegen.“

Diese Nacht war es mal wieder kühl und nebelig, genauso wie Vitari es mochte. Die Nacht macht dich unsichtbar vor den meisten Beobachtern und der Nebel verschleiert deine Anwesenheit vor jenen, die selbst die finsterste Schwärze zu durchschauen vermochten. Nicht einmal das Licht des Mondes erhellte die Gegend um Lohenscheit, als sie das zerstörte Dorf betrat, denn dichte Wolken hatten den Himmel bereits am frühen Abend bedeckt und bis jetzt hatte kein Wind der Welt etwas daran geändert. Es würde regnen heute. Ein guter Tag.

Beinahe lautlos schlich sich die junge Frau zwischen den verkohlten Ruinen einstiger Häuser umher, immer auf der Hut vor eventuellen Spähposten. Lohenscheit hatte seit der Schlacht vor so vielen Monaten für die Verlassenen kaum eine strategische Bedeutung. Höchstens für die gepflasterte Straße, die vom Dorf aus nach Gilneas führte hätte es sich gelohnt dort dauerhaft Truppen zu stationieren. Doch seit der Schlacht um das Dorf vor so vielen Monaten, die Schlacht, bei der sie Seite an Seite mit dem Eisenwolf und der 7ten Legion gefochten hatte, hatten die Verlassenen keinen weiteren Vorstoß mehr gewagt und sich stattdessen auf das Hügelland und Arathor konzentriert. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. So hatte alles angefangen. Damals hatte sie zum ersten Mal Soldaten angeführt und ebenso zum ersten Mal Soldaten in den Tod geschickt. Das war nun vorbei.

„Das ist eben das Gute an der Einsamkeit…“, flüsterte sie erneut zu sich selbst, als sie ihren Schritt verlangsamte und sich sogar ein leichtes Humpeln erlaubte, um ihr angeschlagenes Bein zu entlasten. Anfangs war ihre Bestürzung über ihre Behinderung wahrhaft überwältigend gewesen. Sie würde nie mehr so schnell und stark sein, wie zuvor, nie wieder so kämpfen können wie früher. Mittlerweile hatte sie jedoch gelernt damit umzugehen, hatte alternative Kampftechniken und Laufarten geübt und schließlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass es hätte schlimmer sein können. Viel schlimmer. Beiläufig tätschelte sie den Parierdolch, den sie nun zusätzlich zu ihrem Rapier mit sich führte. Früher hätte sie derlei Hilfsmittel verpönt. Sie war stets stolz darauf gewesen, das schwere Eisen mit einer Hand führen zu können. Jetzt aber, wo sie sich nicht mehr so sehr auf schnelle Ausweichmanöver verlassen konnte, hatte sie eingesehen, dass der Dolch notwendig war, wenn sie ihren Kampfstil weiter fortführen wollte. Sie strich über die klauenförmigen Narben in ihrem Gesicht, die sich mit den Brandnarben vermischt hatten. Ob Valdemer es zu schätzen wüsste, wenn sie sich bei ihr dafür bedanken würde? Schließlich hatte sie erst nach dem Duell mit der verfluchten Frau eingesehen, dass sie etwas ändern musste. „Nein…“, dachte Vitari. „Vermutlich nicht…“

Ächzend ließ sie sich vor ihrem alten Zelt im Lager der Befreiungsfront nieder. Sie hatte noch keinen ihrer ehemaligen Kampfgefährten gefunden und das beunruhigte sie zusehens. Dafür hatte sie ein paar Verrückte entdeckt, die sich in den Ruinen von Mühlenbern aufhielten. Eigentlich hätte Vitari diesen Ort gemieden, da sie um das Schicksal der Magier dort wusste. Allerdings war die Aussicht auf zusätzliche Vorräte und Hilfsmittel, die sie in den Ruinen vielleicht finden konnte zu verlockend gewesen und so hatte sie sich mit der gebotenen Vorsicht auf den Weg gemacht. Eine Stunde lang hatte sie das ehemalige Dorf der Kirin’Tor observiert. Beim letzten Mal hatten sie und Agent Siuann hier einige Dunkelläufer gestellt und waren nur knapp davon gekommen. Vitari konnte es sich nicht leisten, dass sich das wiederholte. Nachdem sie sich sicher gewesen war, dass das Dorf verlassen war, hatte sie es gewagt, die Ruinen zu untersuchen. Dabei war sie den offensichtlich Verrückten begegnet, die ihr weißmachen wollten, dass Mühlenbern keine Ruine, sondern nur eingestaubt sei, dass sie kein Recht hätte es zu durchwühlen und man sie vor den Richter und Bürgermeister des Dorfes bringen würde, wenn sie es täte.

Vitari schnaubte. Natürlich war nichts dergleichen geschehen, sodass Vitari in aller Ruhe das Wenige mitnehmen konnte, was sie gefunden hatte. Sie hatte die Leute dort vor den Verlassenen gewarnt, doch sie wollten nicht hören. Vitari wusste in ihrem Inneren, dass diese Leute schon bald tot sein würden. Die Untoten nutzen die Versorgungswege dort noch immer und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sie über die Menschen stolpern würden. Dann würde es ein kurzes Massaker geben und die Verrückten würde das gleiche Schicksal ereilen, wie schon die Magier, die diesen Ort bewohnt hatten. Als sie wieder gegangen war, wurde Vitari erst nach vielen Metern bewusst, dass sie es nicht einmal eine Sekunde lang erwogen hatte dort zu bleiben, in menschlicher Gesellschaft. Sogleich hatte sie jedoch auch gewusst warum. Sie zog die Einsamkeit vor, zog das Überleben vor. Alleine hatte sie größere Chancen unbemerkt zu bleiben, als in einer Gruppe. Trotz allem, ein guter Tag.

Ein dumpfes Grollen schreckte sie aus ihren Gedanken auf und sie blickte gen Himmel. Sie seufzte auf, legte den Kopf in den Nacken und genoss die dicken Regentropfen, die vom Himmel in ihre Gesicht tropften. Der Regen, der sich den ganzen Tag über angekündigt hatte, war endlich da. Das Wasser ran tränengleich ihre Wangen hinab und wusch den Schmutz der letzten Tage fort. Nur das Blut, das an ihren Händen klebte, würde der Regen nie abwaschen können, dass wusste sie. Vitari blieb trotzdem lange dort draußen sitzen, bis das Wasser in ihre Kleider sickerte und sie allmählich von Oben bis Unten durchnässte, ehe sie sich in ihr Zelt verkroch. „Ein guter Tag…“, dachte sie noch, ehe sie die Augen schloss.

„Ein wirklich guter Tag…“

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