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Kapitel 10: Hängt sie hoch!Bearbeiten

Katori lag rücklings ausgebreitet auf dem himmlisch weichen Bett. Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, die aber formlos und ungreifbar wie Morgennebel waren. Ihr war noch nicht ganz klar, was sie da eigentlich getan hatte, insofern machte sie sich noch keine großen Gedanken darüber, ob es falsch war oder nicht. Sie wollte es auch gar nicht. Marjahn lag seitlich an sie geschmiegt, den Kopf auf ihrem Brustkorb ruhend. Die langen schwarzen Haare breiteten sich wie eine dunkle seidige Decke darum herum aus. Katori lauschte dem Schlag einer Uhr. Mitternacht. Das Schlagen kam wie von fern, aber sie war sich nicht sicher, ob es wirklich von so fern kam oder ob ihre Sinne noch so berauscht waren. "Joslyn?", flüsterte sie leise.

"Mmmmh?"

"Ich muß gehen, man wird mich sonst vermissen."

"Ja, tu das. Laß mich vorher in den Korridor sehen, ob die Luft rein ist."

"Ja gut. Ach.... Joslyn... was ich fragen wollte...." Katori sprach leise, fast beklommen.

"Du wolltest fragen, ob ich das mit dem Töten ernst gemeint habe, nicht wahr?"

Marjahn hob den Kopf und sah Katori aus nächster Nähe in die Augen.

"Ja."

"Katy, ich mache mit sowas keine Scherze, es war und ist bitterer Ernst. Nun gut, ich würde es nicht mit Freuden tun, wie ich sagte. Es täte mir aufrichtig leid, diesen hübschen Körper..." sie strich mit der flachen Hand über Katoris nackten Bauch "... mit meinem Schwert zu durchbohren, aber ich täte es ohne zu zögern. Wir ändern diese Welt nicht, ich nicht und auch Du nicht, Katy. Verstehst Du das?"

Katori nahm Marjahns Gesicht in beide Hände, zog sie zu sich heran und küßte sie innig. Sie hatte gelernt, Antworten zu geben ohne Worte zu gebrauchen.


Als ihr Schlüssel sich schwerfällig, aber leise im Schloß der Zimmertür drehte, blickte sie sich ein letztes Mal um. Marjahn sah ihr nicht nach. Schnell schob sie sich in das dunkle Zimmer. Seltsam schien es ihr, hatte sie nicht Licht brennen lassen? Sie wußte es aber nicht mehr genau. Ihr Finger tasteten nach dem Dochtschieber der Hängelampe, was ihr bei ihrer geringen Körpergröße nur gelang, indem sie sich auf die äußersten Zehenspitzen stellte. Endlich flammte das Licht auf und erhellte den Raum. und beleuchtete die schwarz gekleidete Figur in dem Lehnstuhl vor sich. Katori hätte um ein Haar vor Schreck gequietscht.

"Nica! Ich.... was machst Du denn schon hier? Ich war... "

"Nicht da warst Du, stimmt. Hast Du Dir eigentlich keine Vorstellung gemacht, daß ich unterdessen am liebsten den ganzen Palast zusammengetrommelt hätte, während Fräulein Schwester lustwandeln geht?" Nicas Stimme klang so vorwurfsvoll, wie sie nur sein konnte. Und das war ziemlich vorwurfsvoll.

"Ich.. ich... wir hatten nichts ausgemacht, erinnerst Du Dich?", stotterte Katori sie an.

"Und dann meinst Du, jeder Blödsinn ist recht? Ich habe auch nicht gesagt Du sollst nicht aus dem Fenster springen und doch muß ich offenbar auch dafür Vorkehrungen treffen, oder?"

"Ach Nica, laß doch bitte gut sein, es tut mir wirklich leid. Kommt auch nicht wieder vor, versprochen. Ja?" Schüchtern trat sie zu ihr und streckte ihre Hand aus. Nicatera hob eine Augenbraue, stand dann aber auf und wollte ihr die Hand reichen. Plötzlich jedoch zuckte sie zurück, näherte sich wieder und schnupperte demonstrativ. Katori wurde bange, sie wußte um den überaus feinen Geruchssinn ihrer Schwester.

"Du... Du... Du.... riechst nach Frau! Was zum Licht hast Du getrieben? Oder... " Nicatera griff zur stocksteif stehenden Katori und zog ein langes schwarzes Haar aus deren fuchsroten Haaren ".... sollte ich lieber fragen, MIT WEM Du es getrieben hast? Ich glaube, ich fasse es nicht. Ich treffe mich unter Lebensgefahr mit Kontaktleuten ( leise gesprochen ) und mein Fräulein Schwester vögelt indessen munter herum? Sag mir daß ich träume! Sag mir daß das nicht wahr ist!"

Katoris Gesichtsfarbe änderte sich ein wenig von Bleich zu Rot, was ihr durchaus gut stand. Es war ein feuriges, ein zorniges Rot. Sie reckte sich so gut es ging und trat wieder nah an ihre Schwester heran, vor Erregung am ganzen Körper zitternd.

"Ach so? Woher will meine Frau Schwester eigentlich wissen, daß ich nichts wichtiges dabei erledigt habe? Klar hätte ich Bescheid sagen können, aber verheiratet sind wir noch lange nicht. Wenn ich Lust habe, kann ich hier vögeln - wie Du es nennst, sobald andere außer Dir es machen - wen ich will, verstanden? Und ausgerechnet Du willst hier die Moralistin spielen? Du, die es mit allem gemacht hat, was bei Drei nicht auf den Bäumen war? Du hast es mit mehr Frauen getrieben als ich Haare auf dem Kopf habe, sagt man sich. und MIR willst Du eine Predigt halten? Klar, jetzt nicht mehr, jetzt bin ich aber so alt und so attraktiv wie Du es damals warst und deswegen meinst Du, Du kannst jetzt Heilige spielen oder was?"

Den letzten Satz schrie sie schon heraus. Einerseits war sie von ihrer sicheren Wortwahl überrascht, denn das war noch nie ihre Stärke gewesen, andererseits wurde ihr auch schlagartig klar, daß sie zu weit gegangen war. Zu spät allerdings, Nicateras Ohrfeige traf sie mit voller Wucht auf die linke Wange, ihr Kopf flog herum, die Wirbelsäule schmerzte in der unerwarteten Verdrehung. Sie stellte sich wieder gerade auf und blickte, vor Wut zitternd, in das ebenso zornerfüllte Gesicht ihrer Schwester. Sie überlegte nicht lange und ihre energiegeladene Ohrfeige fand Nicateras Gesicht. Diese stürzte rückwärts und fiel zu Boden. Ein kalter Schreck fuhr durch Katoris Körper, sie hatte ungehemmt und mit der vollen Kraft einer Nahkämpferin zugeschlagen, wenn auch mit der flachen Hand. Sie hatte die Beherrschung verloren.

"NICA!" Sie stürzte auf ihre Schwester zu, die am Boden lag und stöhnte. Sie kam über sie und hielt deren Kopf in ihren Armen. Die Schwester stöhnte, Wange und Auge waren geschwollen. Fassungslos über das wozu sie sich hatte hinreißen lassen, begannen Tränen über ihre Wangen zu laufen. Sie legte die rechte Hand auf Nicateras glühendes Gesicht und murmelte schniefend und tränenerstickt einige heilige Worte, bis ihre Hand von einem leichten schimmernden Licht umgeben war. Das Licht legte sich auf das Gesicht der Priesterin und zeigte sogleich Wirkung: Die Rötung verschwand, die Schwellung ging zurück. Katori wußte aber , daß der Schock und die Kopfschmerzen bleiben würden. Zerknirscht hielt sie sie in ihren Armen. "Nica.... Nic... sag doch bitte etwas. Sag daß Du mich haßt, aber sag etwas, ja?" Katori flennte hemmungslos, ihre Worte waren kaum durch den Vorhang des Schluchzens zu verstehen. Nica öffnete die Augen und sprach leise.

"Kannst Du.... mir verzeihen... Schwester?"

"Kannst Du denn mir verzeihen... Schwester?"

Nicatera nickte sanft und meinte durch den Regen hindurch ein schwaches Lächeln zu sehen.

"Es gibt viel zu besprechen. Bleib ruhig liegen, ich trage Dich zum Sofa und wir reden darüber."

"Schaffst Du das denn? Ich bin doch viel größer und schwerer als Du."

"Na, wenn ich Dich umhauen kann, dann kann ich Dich auch ein paar Meter tragen, oder?" in Katoris Stimme klang wieder etwas vorsichtige Ausgelassenheit mit.

"Tu was Du nicht lassen kannst. aber nächstes Mal laufe ich lieber selbst, die Bewegungsart ist mir zu anstrengend. Eine letzte Frage noch...."

"Ja?"

"War sie wenigstens gut?"

Katori hielt kurz inne, dann wanderte ein listiges Lächeln über ihr Gesicht. "Hab keinen Vergleich. Ich würde aber sagen ja."


Der Morgen hatte sich wenig von seinem Vorgänger abgeschaut, er war so trist und trübe wie die anderen Tage, die Theramore in diesem Herbst aufsuchten. Das Licht kroch widerwillig über die Wasserflächen des Schlickermoores, bis es auf die Stadt traf und dort seine Pflicht tat. Der kleine Ben kickte mißmutig einen Stein aus dem Weg, der einfach den Fehler hatte, dort zu liegen wo er lag. Ben gefiel diese Jahreszeit nicht besonders. Das Spielen im Freien wurde zusehends ungemütlicher und er mußte immer häufiger seiner Großmutter helfen, die mit dem Einkochen von Gemüse und Marmelade, dem Einsalzen von Fleisch und Fisch und dem Herstellen warmer Kleidung beschäftigt war.

Wie alle Elfjähigen haßte er intensives Vorbereiten auf Dinge, die noch gar nicht da waren, zum Beispiel auf den Winter. Aber es half alles nichts, er mußte helfen, wenn er keine Tracht Prügel von seinem Vater kassieren wollte. Außerdem mußte er in diesem Jahr den alten Wintermantel seines großen Bruders auftragen, in dem er sich mehr als lächerlich vorkam. Und seine Klassenkameraden würden das ebenso empfinden und natürlich auch kundtun. Ach ja, die Schule. Das war der einzige Lichtblick heute, sie fiel aus.

Alle Schüler waren aus Erziehungsgründen aufgefordert, der öffentlichen Hinrichtung beizuwohnen, die heute vor der Stadtmauer stattfinden sollte. Er hatte noch keine erlebt und fand den Gedanken irgendwie gruselig, aber erstmal gab es keine Ausreden dabei, dazu wollte er auch nicht als Mädchen dastehen. So wartete er also vor dem Haus seines besten Freundes Oska und wartete auf ihn, damit sie gemeinsam gehen konnten. Gestern noch hatte Ben sogar getönt, daß sie sich einen Platz ganz vorne ergattern wollten, weil er vor den Mädchen als Draufgänger gelten wollte, dem das Ganze natürlich ´überhaupt nichts´ ausmachte. Heute war ihm schon ein wenig bang zumute, aber Kneifen galt nicht unter echten Theramore-Jungs. Die Tür öffnete sich und Oskas Mutter schob ihren Sohn förmlich zur Tür hinaus. "Viel Spaß Euch beiden, und lernt etwas daraus, Verbrechen lohnt sich nicht! Bis später!"

Ben fragte sich, warum eigentlich Erwachsene nicht aus Erziehungsgründen zur Hinrichtung mußten, immerhin waren doch fast alle Verbrecher auch Erwachsene. Oska sah nicht minder kleinlaut aus, aber Ben hatte keine Lust, ihn zu kitzeln, wer jetzt mehr Unbehagen hätte, denn das hätte auch durchaus ins Auge gehen können.

"Gehen wir?"

"Klaro."

"Schiss?"

"Ich? Ach was, wird bestimmt lustig."

Unentschlossen traten die beiden Knaben den Weg durch das große Stadttor an. Auf dem Richtplatz vor der Stadtmauer standen schon sehr viele Leute. Der eigentliche Galgen war auf einer großen hölzernen Podiumsfläche aufgestellt, von der aus Bens Onkel Fische hätte versteigern können, denn das war dessen beruf. Dieses Ding war offenbar auch deswegen so gebaut, damit man alles ganz genau verfolgen konnte. Und anscheinend hatten doch auch Erwachsene Lust, hinzugehen, was Ben und Oska wieder ein wenig Mut machte. Sie konnten kaum etwas sehen, vor ihnen stand eine Mauer aus Schaulustigen und die beiden sahen nur Beine, Rücken und weit vorn die Spitze eines Galgens.

"Wir gehn weiter nach vorn, ja?"

"Ja, klar." Oskas Bestätigung kam mehr als halbherzig.

Die beiden schoben sich durch den Wald aus Beinen. Es wurde eifrig diskutiert, einige johlten und waren ganz offensichtlich betrunken. Das Johlen kannte Ben von Zuhause und auch von seinen Freunden, wenn es ihnen mal gelungen war, eine fast leere Schnapsflasche aus irgendeinem Keller zu stehlen. Ben erschrak bei dem Gedanken an das Stehlen, er sah sich kurz am Ende dieses Galgens baumeln und nahm sich vor, das besser nicht mehr zu tun.

Sie erreichten mehr oder weniger unbehelligt die vordere Absperrung, die den Richtplatz von der Menge trennte. Hier vorne wurde schon spürbar geschoben und gedrängelt und Ben bekam Angst, an den Absperrungen zerdrückt zu werden. Aber kneifen galt nicht, jetzt hatte man sich schon die besten Plätze erkämpft, jetzt wollte man es auch schon aushalten. Sie stiegen auf die erste Querlatte der Absperrung und sahen sich um. Auf dem Richtplatz stand ein einzelner Galgen, ein kleiner Tisch mit irgendwelchen Utensilien, und da, dahinten, stand der Henker, ein kleiner, drahtiger Mann mit einer Kapuze. Wie gruselig der aussah!

"Oska, Oska, siehst Du den Henker? Der sieht ja finster aus, was?"

"Ich hab mir den massiger vorgestellt, der könnte ja fast ein Mädchen sein!"

Ben war eingeschnappt wegen des überheblichen Spruches. Und vor allem, weil der Henker ihn beeindruckt hatte, Oska aber nicht. Ben sah sich um. Am linken Rand des Platzes war eine Tribüne aufgebaut, dort saßen wohl die hohen Gäste der Hinrichtung. Prinz Frosand erkannte er wohl, auch den alten Ritter, Lord Protean. Aber die anderen sagten ihm gar nichts, ein älterer Mann, eine ungeheuer elegante Frau und ein kleiner, breiter Mann der fast eine Glatze hatte.

"Oska, guck doch, da ist der alte Protean, der auf den Thronschatz aufpaßt", wollte Ben mit seinen höfischen Kenntnissen beeindrucken.

"Der alte Knacker? Da hätten sie auch meinen Opa nehmen können!"

Ben schaubte ärgerlich. Oska würde schon noch blaß werden, wenn die schreckliche Verbrecherin erstmal vor ihm am Galgen baumelte. Hoffentlich würden sie ihre Leiche direkt an Oska vorbeitragen! Die Turmglocke schlug Elf. Die Stimmen wurden lauter und erregter. Da! Schließlich betraten weitere Leute den Richtplatz. Ben hzuckte zusammen. Es waren zwei Stadtwachen, man erkannte sie gut an ihrer Rüstung und ihren Waffen.

"Oska guck mal, was die für dicke Hellebarden haben. Die können einen Oger bestimmt mit einem Hieb in zwei Stücke schneiden."

"Wenn nicht gar in Vier! Wahnsinnsdinger. Warum schneiden die die Verbrecherin nicht eigentlich damit gleich durch?"

Ben grübelte, aber er wußte keine Antwort darauf und sah lieber wieder nach vorn. Zwischen sich führten die Wachen eine Person an den Armen. Das war eindeutig die finstere Verbecherin. Sie war nicht zu erkennen, sie trug eine Kapuze ohne Augenschlitze, was ihr ein noch gruseligeres Aussehen gab. ben schauderte. wsas, wenn sie sich jetzt befreien und direkt auf ihn losstürmen würde, vielleicht als Geisel? Na, vielleicht würde sie ja auch Oska nehmen, der war dicker als er und damit auffälliger. Er beruhige sich mit diesem Gedanken.

"Ben! Guck, das ist die Delinquet.... Denquili.... Deniqui.. die, die sie aufhängen wollen!"

"De-lin-quen-tin meinst Du?" Ben grinste, Punkt für ihn.

Ben hielt den Atem an, als der Henker nah an die Delinqeuentin herantrat und sich offenbar anschickte, das Seil irgendwie festzumachen.


Ohka taumelte wie blind vorwärts. Jeder andere hätte die vergangene Nacht als furchtbar bezeichnet, aber sie war einiges an schlechter Unterbringung gewohnt, auch hier in Theramore. Sie war bereits einmal dem Strick hier entronnen ( siehe "Ohka-Die Stunde der Wölfin" ). Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Sie hatte Frosand und Carson gegenüber ihr Pseudonym erwähnt, solange niemand sonst es mithören konnte, insofern war sie sich sicher, daß man wußte wer sie war. Aber sie war sich nicht sicher, welche Schlüsse der Prinz daraus ziehen würde und wenn ja, welchen Spielraum er hatte. Selbst wenn klar war, daß man sie aufs Kreuz gelegt hatte, selbst wenn man den Tod der Wache durch ihre Hände als "Schwund" in Kauf nahm ( Zynismus schreckte niemanden weniger als Ohka ), selbst dann durfte der Prinz nicht einfach Fünfe gerade sein lassen. Auf dieses Verbrechen stand der Tod und wenn Frosand etwas anderes tat, dann machte er sich verdächtig, mit geheimen Kräften in Verbindung zu stehen. das war etwas das er sich keinesfalls leisten konnte. Die Gedanken rasten in Ohkas Kopf herum. Was, wenn er dieses Bauernopfer einging? Wenn er es vielleicht bedauerte, Ohka zu opfern, aber seine Glaubwürdigkeit höher einschätzte? Dann war sie geliefert. Dann war dies das Ende der Straße für sie.

Der Kerkermeister hatte sie die ganze Nacht gefesselt untergebracht, ihre Ausrüstung komplett weggeschlossen, kein Kontakt zu irgendwem, und um Kontakt bitten konnte sie natürlich erst recht nicht. Ohka dämmerte, daß Nica und Katori in nicht weniger großer Gefahr schwebten, sie vertraute auf Nicas scharfen Verstand, daß diese die gleichen Schlüsse zog wie sie. Aber immerhin waren sie alle noch in Freiheit, das war ein Trost.

Sie dachte nach, während sie nach der mühsamen Karrenfahrt durch die Stadt von Wächtern vorwärts geschubst wurde. Hatte sie Angst? War sie verbittert? Nein, so konnte man es nicht sagen. Sie hatte eh den Tod im Nacken, so oder so. Sie ärgerte sich sehr, daß man sie zuletzt noch so aufs Kreuz legen konnte, aber es würde eh nicht in den Annalen der Geschichte Azeroths landen. Über Schurken schrieb man keine Geschichten. Ihr Stolz war angekratzt, aber andererseits, was machte das schon? Ihre Familie tat ihr leid, sie wußte, daß alle an ihr hingen, auch wenn das niemals ausgesprochen wurde. Irgendwie fühlte sie das in diesen Minuten ganz genau. Sie seufzte unter dem schweren Stoff. Man hätte sich aussprechen sollen, solange Zeit war. Aber hätte, wäre, wenn.

Egal, Zeit ist um. Kein Winter für die Wölfin. Sie bemerkte, wie sie einige Stufen hinaufbugsiert wurde, welche mehr hinaufstolperte als lief. Seltsam, wer ist nur auf die blöde Idee mit der Kapuze gekommen? Als ob man sie unkenntlich machen wollte, dabei steht das Publikum doch so auf verdrehte Augen, violette Lippen und Schaum vor dem Mund. Sie mußte schief grinsen. naja, ihr Wunsch war es jedenfalls nicht, selbst schuld, wenn die sich um die gute Schau bringen wollten. Die starken Hände ließen sie los und andere, wesentlich schlankere Hände machten sich an ihrem Nacken zu schaffen. Trotz der frischen herbstlichen Brise, die vom Hafen hereinwehte, stach Ohka ein schwerer Duft von Patchouli in die Nase wie ein Faustschlag.

"Du hier, Braunauge?"

"Leise, Schätzchen.", flüsterte Viana durch den Stoff zweier Kapuzen. "Ich wünschte, ich hätte Dir eher Bescheid geben können, aber ich mußte erst sichergehen, daß auch wirklich alles klappt."

Vor Ohka stand irgendwo, Richtung Menschenmenge, Jemand, der mit fester Stimme Ohkas Missetat und ihre gerechte Strafe verkündete, als sei es bis zuletzt unklar gewesen, wofür man den Galgenbaum dort aufgestellt hatte. Immerhin half das Geblöke, die Worte der beiden zu verbergen.

"Was geschieht jetzt?"

"Keine Zeit für Erklärungen." Viana griff von hinten unter Ohkas gelöste Kapuzenschnürung und schob ihr ein getriebenes Stück Metall unter den Kehlkopf. Wenn Viana das Blech aus dem Gedächtnis nach Ohkas Unterkiefer und Kehle hat anfertigen lassen, dann war sie eine beängstigend gute Beobachterin. Es legte sich vollkommen um den Halsbereich und bildete einen festen Panzer darum. Ohka verstand sofort.

"Mach eine gute Schau, Wölfin und mach Dir keine Sorgen, wenn man Dich begräbt. Du hast die Nerven dazu, das weiß ich. Vergiß meine Worte nicht." Dann legte die das Seil um. Ohka spürte deutlich, daß es naß war, es sollte schlecht rutschen und sich möglichst widerspenstig zuziehen, sie konnte fühlen, wie Viana sich abmühte, es überhaupt vorzuspannen, nachdem sie es um Ohkas Kopf gebracht hatte. Den Knoten beließ sie am rückwärtigen Ende, damit das Genick nicht brechen würde.

Viana entfernte sich in dem Moment, in dem der Redner mit seiner Verlesung stoppte. Ohka versuchte, sich zu entspannen, die größte Gefahr war, daß trotz aller Tricks immer noch das Genick brach. Sie war nicht sehr schwer, aber die Kapuze verhinderte, daß sie viel mitbekam und ihre Muskeln im falschen Moment anzuspannen konnte fatal sein. Dennoch begann das Spiel, ihr eine gewisse morbide Freude zu machen. Sie war schon ein halbes Dutzend Mal gehängt worden und immer wieder durch einen Trick davongekommen, ohne daß es jemand bemerkte. Theramore schon wieder. Sie grinste schief unter dem schwarzen Stoff, als der Ruck kam und der Boden unter ihren Füßen verschwand.

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