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Einleitende Worte  Kapitel 1:Von vergangenen Schatten
und flüsternden Stimmen
 Kapitel 2: -

Von vergangenen Schatten und flüsternden StimmenBearbeiten

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"Eileen und Jack"

Grau. Eingehüllt in dichtem Nebel, verzerrte der strömende Regen die Landschaft und schien allem, was sich darunter befand, die Farbe zu nehmen. "Regen ist herrlich. Die Tropfen hören sich so an wie die Musik des Himmels, dass ich am liebsten draussen tanzen würde!"
So jedenfalls hatte es Tante Deborah ausgedrückt. Allerdings sagte Tante Deborah viel, wenn der Tag lang war, und vieles davon konnte man getrost wieder vergessen. Mit einem Seufzen löste sich Eileen MacKenzie vom Fenster und liess den Blick durch den grossen, warmen Raum schweifen. Sie verstand nicht, wie die Menschen Gefallen an Regen fanden. Er durchnässte Haut und Haar, liess die Kleidung unangenehm am Körper kleben und machte höchstens verstimmt und deprimiert. Zudem hatte Eileen selbst im grössten Suff noch nie irgendwelche Lieder heraushören können.

Vorsichtig stieg sie über Jack, der sich vor dem prasselnden Kaminfeuer am Boden fläzte, und nicht im Geringsten Anstalten machte sich zu bewegen. Mit leisem Fluch, den der Mastiff lediglich mit Gähnen erwiderte, balancierte die junge Frau zwischen den Möbeln hindurch und blieb vor einer massiven Holzkommode stehen. Eine vergilbte Zeichnung, sorgfältig eingerahmt, stand auf der polierten Oberfläche. Sanft strich sie über das Glas davor und betrachtete die Linien und Striche, welche sich zu einem festgehaltenen Moment zusammenfügte. "Eileen und Jack", stand mit krakeliger Schrift an der unteren Ecke geschrieben. Eileen lächelte.
Ihr Vater war nie ein grosser Künstler gewesen, und doch hatte er es in seiner Eitelkeit abgelehnt, professionelle Photografien anfertigen zu lassen. Egal wie gross der Anlass, ungeachtet der Besucherzahl würde er stets die Anwesenden mit Papier und Kohlestift in der Hand auf die Stühle zwingen und hingebungsvoll jeden einzeln skizzieren.
Sie erinnerte sich gut an jenen Tag. Es war der Tag, an dem sie endlich das zwanzigste Lebensjahr erreichen würde, und sie hatte sich mit aller Kraft gegen die geplante Feier gesträubt, welche ihre Eltern so voller Freude angekündigt hatten. "Nein, nein, tausendmal nein! Ich will keine Feier, ich will nicht mit alten, verkrusteten Leuten die ich nicht einmal ausstehen kann am Tisch sitzen und so tun, als würde ich mich freuen!" Und doch, weder John noch Elizabeth hatten sich von ihrem glorreichen Plan abbringen lassen.

Nachdenklich fuhr sie mit einem behandschuhten Finger die Linien nach. Wie lange war dies nun her? Fünf Jahre? Fünf Tage? Fünf Monate? Hatte sie überhaupt jemals in Gilneas gelebt, dieser versteckten Stadt, welche nun in blutigen Trümmern lag? Ein heisses Pochen hinter der Stirn, und sie ballte die Hand zur Faust, kehrte der vergilbten Zeichnung aus vergangenen Tagen den Rücken zu und stellte sich erneut ans Fenster. Die dicke Scheibe knackte bedrohlich, als Eileen ihre Faust dagegen schlug und die glühende Stirn an das kühle Glas presste. Zornig erinnerte sie sich des Gesprächs mit Deborah, welche heute Morgen so überraschend vor iher Tür gestanden und Einlass begehrt hatte.

"Mein liebes Mädchen, trägst du noch immer ihren Tod auf deinen Schultern? Du weisst, nichts hätte getan werden können, weder von dir noch von jemand anderem, und alle haben sie gesagt, es gäbe nichts zu verzeihen. Du brauchst Hilfe, Kind, siehst du das nicht? Wir erkennen dich ja kaum wieder, wo ist bloss dein Lächeln geblieben..."

Ein scharfer Schmerz riss sie aus ihren Gedanken. Sanft tröpfelte ein tiefrotes Rinnsal von ihren Knöcheln und bildete zersprungene Blüten auf dem hölzernen Boden. Mit gerunzelter Stirn betrachtete Eileen die Splitter, welche nun, da sie in ihren Gedanken versunken unbemerkt mehrmals gegen die Scheibe geschlagen hatte, aus ihrem Handrücken ragten. Zähneknirschend zupfte sie die Scherben heraus, und liess sie auf die Fensterbank fallen.
Nachdem sie ihre Hand in weisse Bandagen gehüllt hatte, stöberte sie in einem der vielen antiken Holzschränke, welche sich an den Wänden aufreihten. Triumphierend zog sie aus einer hartnäckig klemmenden Schublade ein sauberes Blatt Pergament und klatschte es auf den Sekretär. Vorsichtig schraubte sie den Deckel eines Tintenfässchen ab, klemmte sich ihre Brille auf die Nase und tauchte die Feder ein. Mit sorgfältiger Schrift hinterliess Eileen eine kurze Nachricht an ihre Tante.

Deborah,
Ich werde für eine Weile nach Darnassus zurückkehren, feier deinen kleinen Sieg so lange du kannst. Erwarte meine Rückkehr spätestens in einer Woche, und vergiss nicht ab und an nach Jack zu sehen.

Eileen

Zufrieden las sie ihre Worte ein letztes Mal durch, bevor sie den Brief zweimal faltete und auf der Schreibmatte liegen liess. Den Umhang um die Schultern gelegt, kraulte Eileen zum Abschied den Kopf des Mastiffs, trat in den strömenden Regen hinaus und verschloss die Tür fest hinter sich.

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