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Die Wand

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An dem Tag, an dem sie einen weiteren Teil ihrer Menschlichkeit verlor, regnete es. Die dicken Tropfen fielen unablässig aus den grauen Wolken auf die Erde nieder und verwandelten den Boden unter ihren Füßen langsam aber sicher in eine zähe Masse aus Schlamm und Schmutz. Vereinzelt erklang aus der Ferne das Grollen des Donners und kündete von einem schlimmen Unwetter, das schon bald über das Land fegen sollte. Längst konnte man am Horizont bereits die schwärzlichen Wolken sehen, die ihr wie die Finsternis selbst erschienen. Jeder Mensch mit klarem Verstand hätte sogleich nach einem sicheren und vor allem trockenen Unterschlupf gesucht, um der Gewitterfront zu entgehen. „Aber wozu? Wozu noch verstecken?“, rätselte die bleiche Frau halblaut vor sich hin. Nein, sie würde nicht vor der Finsternis fortlaufen. Nicht mehr länger würde sie sich verstecken. Die Frau, welche auf den Namen Vitari West hörte, starrte mit leerem Blick den schwarzen Wolken entgegen und wartete.

Sie hatte die Finsternis kommen sehen, lange bevor diese überhaupt da war. Es begann schleichend, fast unmerklich. Leichte Graue Wolken, die unverwechselbare Brise, die ein Gewitter ankündigte, das Zittern, welches kurz darauf in der Luft lag und schließlich jenes Phänomen, welches sie stets „Die Wand“ genannt hatte. Eine massive, schier undurchdringliche Wand aus schwarzen Wolken, die alles verschlang, was auf ihrem Weg lag. Sie sah, wie die Finsternis ihre Umgebung, Stück für Stück verschluckte. Nur sie nicht. Sie blieb. Sie wartete. In mehr, als nur einer Hinsicht.

„Versagt…“

Wie so oft rann der Regen tränengleich an ihren Wangen herab und wusch den Schmutz und Gestank der letzten Tage fort, an den sie sich schon längst gewöhnt hatte. Ebenso hatte sie sich an das stetige Scheuern ihres Kettenhemdes gewöhnt, welches sie wieder und wieder selbst hatte flicken müssen. Das Ergebnis war eine bizarre Mischung aus Kettengliedern, Lederpolstern und Stofffetzen, die ihr trotzdem nie genug Schutz, nie genug Wärme bot. Selbst ihr geliebtes Wams hatte sie stellenweise einreißen müssen, wenn sie dringend einen Verband brauchte und sich keine Alternative bot. Ihre Haare wirkten ungepflegt und ohne jeglichen Schnitt. Schon oft hatte sie ihr eigenes Messer nehmen müssen, um sie auf eine erträgliche Länge zu kürzen. Die Läuse plagten sie jedoch immer noch und sorgten langsam dafür, dass ihr schwarzes Haar verfilzte.

Abwesend kratzte sie sich vergebens den Kopf, versuchte das störende Jucken zu ignorieren und konzentrierte sich stattdessen wieder auf die Wand, welche ihr wie das Ende aller Dinge vorkam. Eine Weile war sie davongelaufen und hatte gehofft, dass die Finsternis sie nicht finden würde. Das es ausreichen würde, sich zu verstecken, ihr auszuweichen und ihr kleine Schläge zu verpassen. Aber nach und nach war alles was sie mal gekannt hatte verschlungen worden, bis schließlich nur noch sie selbst und Dunkelforst übrig waren. Dann war auch Dunkelforst verschluckt worden. Die Finsternis hatte sie geholt.

„Verloren…“

Warum sie immer noch davon rannte? In ihrem Kopf versuchte sie sich einzureden, dass Dunkelforst noch am Leben sein könnte. Das es ihre Pflicht wäre, sie und ganz Gilneas zu retten. Letztendlich jedoch, war es ein nur allzu menschliches Gefühl, dass sie immer wieder dazu brachte, fortzulaufen. Sie hatte Angst…

Stumpf senkte sie den Blick zu Boden, wobei sie den Regen kaum noch wahrnahm. Ihre Stimme klang rau und brüchig, als sie sich selbst sagen hörte: “Vorbei…“

Sie erinnerte sich nur zu gut an diese Worte. Es waren die letzten Worte des Legionärs Fargon Stahlbolzen gewesen, bevor er bei der Explosion im Hügelland umgekommen war. Er war schon lange an einem besseren Ort. Auf der anderen Seite. Vielleicht sah er ihr ja zu. Ob er traurig über das war, was er da sah? Wäre er noch am Leben, er würde ihr auf die Schulter klopfen und ihr Mut zusprechen. Das hatte sie immer am meisten an ihm bewundert. Seinen unerschütterlicher Optimismus, den er selbst kurz vor seinem Tode nicht aufgegeben hatte. Als die Verlassenen das Lager des SI:7 gesprengt hatten, oder die Trinkwasservorräte vergifteten, selbst zu diesen dunklen Zeiten war er derjenige gewesen, der noch lächeln konnte und ihr die Kraft gegeben hatte weiterzukämpfen.

„Verzeih mir, alter Freund. Ich kann nicht mehr…ich bin am Ende. Halte einen Platz für mich bereit…es dauert nicht mehr lange…“

Sie spürte bereits wie sie schwächer wurde, wie ihre Arme und Beine langsam den Dienst aufgaben. Wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte, wusste sie schon längst nicht mehr. Nur dem andauerndem Regen war es zu verdanken, dass sie noch nicht verdurstet war. Aber sie hatte genug vom Regenwasser, genug von Schlamm und Schmutz und genug von der finsteren Wolkenwand. Sie war bis hier hingekommen, aber jetzt konnte sie nicht mehr weiter gehen. Ihr fehlte einfach die Kraft dazu.

„Versagt…verloren…vorbei…“

Die schwarzen Wolken hatten sie fast erreicht, als sie langsam in die Hocke ging und auf das Ende wartete. Ihr Blick wurde glasig und schien in weite Ferne zu gleiten, als sie in Gedanken ein letztes Mal in dem Gilneas lebte, in dem sie glücklich gewesen war. Sie musste nicht spüren, was als nächstes geschehen würde. Sie wusste es auch so. Letztendlich würde die Finsternis sie ebenso verschlucken und das Unwetter würde ihrem geschwächten Körper den Rest geben. So war es eben. Selbst wenn sie jetzt noch aufstehen und fliehen würde, so würde sie doch keinen Tag länger ohne Nahrung überstehen. Warum also die Sache nicht so schnell beenden wie möglich? Es gab kein Zurück mehr, keine Rettung. Nur das Warten auf die letzte Finsternis.

„V-verzeiht…Miss?“

Die Stimme lies sie jäh aus ihren Gedanken aufschrecken. Durch ihre Lethargie hatte sie die beiden Gestalten, die sich ihr mit schnellen Schritten genähert hatten nicht wahrgenommen, doch jetzt bot sich ihr das Bild zweier zerlumpter Menschen, die sie als Mann und Frau identifizieren konnte. Beide trugen abgetragene, zerlumpte Kleidung und wirkten ebenso erschöpft und abgekämpft, wie sie selbst. Flüchtlinge vor dem Unwetter. Der Wand. Der Finsternis. Den Verlassenen. Gab es da eigentlich einen Unterschied? Vitari starrte die beiden Gestalten stumpf an, während ihre Lippen leise Worte sprachen, die sie nicht einmal selbst vernahm.

„Miss…wir…wir brauchen Hilfe…wir sind allein und benötigen Schutz…bitte…“

Ihr war nicht ganz klar, wer gesprochen hatte. Vielleicht die Frau. Hatten ihre Lippen sich bewegt? Es spielte eigentlich auch keine Rolle. Sie hatte ohnehin nicht zugehört. Sie versuchte sich auf ihre eigenen Worte zu konzentrieren, während sie unverwandt die beiden Menschen anstarrte. Langsam begannen sich etwas in ihrem Kopf zu tun. Ein Gedanke. Eine Idee. Der Plan zu überleben.

„Seht…“, sprach dann erneut die Frau mit zittriger Stimme. „D-der Sturm naht…bitte…“

Um ihre Worte zu unterstreichen, deutete die Frau hektisch in Richtung der aufziehenden schwarzen Wolken, welche sie fast erreicht hatten. Vitari West aber folgte dem Deut nicht. Nicht gänzlich. Sie starrte die Hand der Frau an. Dann den Arm. Das Gesicht, den Hals, den Körper. Das Fleisch…

„Nicht alles ist verloren...“, hörte sie sich dann schließlich selbst leise flüstern und wusste, dass dies die Worte waren, welche sie schon zuvor leise geflüstert hatte. Die beiden Gestalten schienen nicht zu verstehen und sahen sie mit fragenden Gesichtern an, ehe sie ein wenig zurückwichen, als Vitari sich erhob. Unbemerkt tastete sie nach ihrem Dolch und starrte das Pärchen durchdringend an, während etwas lauthals in ihr schrie: “Fleisch…Fleisch…Fleisch!“

„Nicht alles ist verloren…“, knurrte sie dann laut und leckte sich gierig über die Lippen.

„Folgt mir…“

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