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Der Weiße Tag

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Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie sah nach links, hinauf in das lächelnde Gesicht. Ihr Bruder versuchte, ihr Mut zu machen.

»Wenn du fällst, versuche ich, dich in den Matsch zu werfen, versprochen.«, grinste er. Dolorions Grinsen ähnelte dem Vincents in diesem Moment ein wenig. Auch wenn das ein Witz gewesen war, konnte sie nicht darüber lachen. Sie malte es sich sogar – ziemlich detailgetreu – aus. Sie sah sich selbst, wie sie in ihrem weißen Hochzeitskleid den Weg hinab schritt, ins Straucheln geriet, und dann von ihm in eine schlammige Pfütze gestoßen wurde. Überall Dreck auf dem blütenweißen Kleid. Dolorion musste ihren Blick richtig gedeutet haben.

»Du wirst nicht fallen.«, sagte er nun etwas sanfter. Noch immer lächelte er sie an, aber jetzt wirkte es versichernd und nicht mehr witzelnd.

Sie glaubte ihm, aber nichtsdestotrotz verspürte sie bei der Vorstellung, dass sie in wenigen Minuten gemeinsam den Weg zum Altar hinab schreiten würden, ein nervöses Flattern in der Magengegend. Sie heiratete nicht zum ersten Mal. Aber vielleicht war es gerade diese Tatsache, die sie noch nervöser machte, als sie es das erste Mal gewesen war. Als sie vor zehn Jahren Ian geheiratet hatte.

Ian. Lang hatte sie nicht mehr an ihn denken müssen. Das Leben im Herrenhaus hatte ihre Gedanken stets auf Trab gehalten und sie hatte ihr ganzes Herz in die Beziehung zu Eolarios hineingesteckt. Wirklich ihr ganzes Herz? Nicht zum ersten Mal stellte sie sich die Frage, ob sie einen von beiden mehr liebte. Keine Frage – Sie hatte Ian mit all ihrem Herzen geliebt, mit der ganzen Seele. Sie war sich immer sicher gewesen: Ian Jonathan MacPharlain war ihr Leben gewesen. Vom Tag der Hochzeit bis zu seinem Tod. Erwartungsgemäß hätte das Ihre mit seinem Tod enden müssen. Aber es war weitergegangen. Nicht zuletzt wohl wegen der vier gemeinsamen Kinder, die sie hatten. Wären Jamie, Selen und Lexi nicht gewesen, und wäre sie nicht mit Maybell schwanger gewesen, als Ian im Kampf um das Arathihochland nahe der Grenze zum Hügelland gefallen war, hätte ihr Leben vielleicht tatsächlich ein Ende gefunden. Ihre Kinder hatten sie gerettet und sie wusste bis heute noch nicht, wie sie ihnen dafür jemals danken konnte. Sie verspürte einen schmerzhaften Stich, als sie daran dachte, dass sie ihre Kinder aufgrund der aktuellen Situation mit Stehmer nicht bei sich haben und sich nicht selbst tagtäglich um sie kümmern konnte. Ohne sie wäre sie nie nach Sturmwind gekommen und hätte wahrscheinlich niemals Eolarios kennenlernen können.

Dass sie sich in ihn verliebt hatte, betrachtete sie jetzt als das größte Wunder innerhalb des vergangenen Jahres. Sie hatte, auch nachdem sie nach Sturmwind gezogen war, niemals geglaubt, dass sie ihr Herz eines Tages einem anderen Mann als Ian öffnen können würde. Oft hatte sie sich gefragt, was Ian von all dem wohl halten mochte. Sie war überzeugt, dass er über sie wachte – jedenfalls in gewissem Sinne, denn offensichtlich war er nicht in der Lage, gewisse Geschehnisse zu verhindern. In den ersten Wochen mit Eolarios hatte sie Abend für Abend um Verzeihung gebeten. Kniend vor ihrem Bett, mit gefalteten Händen. Lang hatte das dunkle Gefühl, sie würde Ian betrügen indem sie Eolarios liebte, ihre Eingeweide zerfressen. Aber es hatte einen Punkt gegeben, an dem sie sicher war, dass es nicht so war. Wann genau das war, vermochte sie heute nicht mehr zu sagen, aber sie wusste, er würde es für sie und ihre Kinder wollen. Glück. Eine Familie.

Eine Familie. Sie wollte auch Kinder mit Eolarios. Es war schwierig, aber sie wollte ihm dieses Geschenk machen, unbedingt. Irgendwann.

»Milady« Emiress hatte das Schlafzimmer betreten, in dem sie mit Dolorion, der sie zum Altar führen sollte, wartete. »Es ist soweit.«

Emiress lächelte, aber Scarlet war übel. Sie rang sich ein mühsames Lächeln ab und nickte. Fest klammerte sie sich an den Arm ihres Bruders, der sie langsam nach draußen und hinter das Haus führte. Der Priester sollte sie in einem kleinen Hain aus Obstbäumen trauen. Sie hatten dort einige Stühle aufgestellt, auf dem die überschaubare Anzahl an Gästen platzgenommen hatte. Den ganzen Tag hatte sie verhindert, dass Eolarios sie sah. Soetwas brachte Unglück. Es war ein Aberglaube, aber Scarlet glaubte fest daran. Nun schritt sie ganz langsam mit Dolorion auf ihn zu, fast im Gleichschritt.

Ihr Bräutigam wartete schon auf sie. Er stand dort vor dem Podest, auf dem der aus Sturmwind bestellte Priester stand, und ihr zulächelte. Auch Eolarios lächelte. Er hatte sich sehr herausgeputzt - feinste Kleidung hatte er angezogen. Eine dunkle, bestickte Hose und dazu ein passendes Sakko. Ein helles Hemd und eine rote Schärpe um die Taille. Sein Haar war perfekt frisiert und glänzte leicht in der untergehenden Sonne. Er war perfekt.

Sie konnte sehen, wie er lächelte, aber sie wusste, wie nervös er war. Sie sah es in seinen Augen, genau wie die Begeisterung. Kein Zweifel, dieser Mann liebte sie wirklich über alles. Er nahm sie an, mit allem was sie war und nicht war und mit allem was sie hatte und nicht hatte. Und so war es bei ihr. Sie liebte ihn, mit allem was er war und nicht war. Und mit allem was er hatte und nicht hatte.

Es war perfekt. Und es würde perfekt sein.

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