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Der Tag, an dem ein Stück des Todes getötet wurde

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»Reichst du mir bitte die Schale mit den Kartoffeln, Vincent?« fragte Vater.

Vincent reagierte nicht.

»Vincent«, sprachen Vater und Mutter, im Chor.

Erst jetzt hob er den Kopf und zog die Augenbrauen überrascht hoch.

»Habt Ihr was gesagt?«

Ein allgemeines Seufzen ging um.

»Hast du den Kopf wieder nur bei Brüsten?«, fragte David ihn, seine Stimme klang deutlich genervt.

»Du sollst deinem Vater die Kartoffeln reichen.«, wiederholte Mutter.

Vincent aber grinste seinen Bruder David an, nahm die Schüssel mit den dampfenden Kartoffeln zur Hand und reichte sie ein Mal quer über den Tisch in die Hände seines Vaters.

»Ich war mit den Gedanken woanders.«, verteidigte er sich schmunzelnd.

»Das haben wir gemerkt, du Schürzenjäger.«

Obwohl Vater es nicht als Kompliment meinte, verbreiterte sich Vincents Grinsen nur.

»Vater, was ist ein Schürzenjäger?«, fragte ich.

Vincent beugte sich in meine Richtung und begann mit einer Erklärung. Ich lauschte ihm aufmerksam. »Das ist, wenn-...«

»Eines Tages wirst du das wissen, Scarlet.«, unterbrach mein Vater seinen drittältesten Sohn und warf ihm noch einen mahnenden Blick zu.

»Oh, komm' schon.«, Vincent seufzte. »Sie ist zehn, langsam kann ich ihr das doch mal erklären.«

»Vater wird schon wissen, wann es an der Zeit dafür ist.«, sagte David trocken. »Also, wenn du schon da hinten am Tisch sitzt, kannst du mir auch die Möhren rübergeben.«

»Ich kann sie dir ins Gesicht werfen.«

Mutter seufzte laut auf und rieb sich die Schläfen.

»Jungs, bitte!«

Vater unterbrach den Streit und lenkte das Thema sehr geschickt in eine gänzlich andere Richtung. »Eure Mutter hat Kopfschmerzen, ihr solltet ihr nicht so viele Sorgen bereiten. Morgen früh werde ich mich auf den Weg machen und die Märkte der Umgebung abklappern. David, Vincent: Ich möchte, dass Ihr in meiner Abwesenheit das Kürbisfeld umgrabt und es auf den Winter vorbereitet.«

Allgemeiner Unmut machte sich breit. Man hörte es am synchronen und gedehnten Ausatmen der beiden Brüder, und an ihren Gesichtern, in denen die Mundwinkel sich ein ganzes Stück dem Erdboden näherten.

»Ihr braucht gar nicht so zu stöhnen. Das muss gemacht werden.«

»Wissen wir doch.« David wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Lippen. Eigentlich war er derjenige, dem die bäuerliche Arbeit am Besten lag. Er hatte weder Probleme mit Dreck, noch mit harter Arbeit. Im krassen Gegensatz dazu stand Vincent, der glaubte, das Schicksal habe etwas besseres vor ihn vorgesehen, als das Hochziehen von Kürbissen, Karotten, Kartoffeln, Kohl, Salat und diversen Sorten Getreide. Allerdings saß er auf dem Hof fest, bis er eine andere Arbeit gefunden hatte und sich einen Umzug finanziell leisten konnte. Unser Vater wusste das ganz genau und so lange er noch zugegen war, wurde Vincent auf dem Feld eingespannt. Egal, wie wenig diesem das behagte.


Am nächsten Tag mussten sich die beiden regelrecht zwingen, die Spaten herauszuholen. Ich beobachtete sie von meinem Lieblingsplatz aus – einer alten Buche nahe des Kürbisfelds. Hier hatte ich mich mit meinem aktuellen Buch im Schatten niedergelassen und konnte den beiden seelenruhig zusehen. Sie stritten sich pausenlos. Entweder grub David viel zu tief oder Vincent hielt den Spaten falsch. Irgendetwas hatte der eine immer am anderen auszusetzen. Man konnte beinahe die Uhr danach stellen: Spätestens nach zehn Minuten brach der erste Streit aus. Und da sie jetzt schon seit geschlagenen fünf Stunden dabei waren und ich mein Buch beinahe ausgelesen hatte, hatten die beiden Streithähne auch schon sämtliche Themen durchgekaut.

»Weißt du was!«, rief David jetzt und ich blickte von meinem Buch auf. »Sogar Scarlet könnte das besser als du!«

Wütend deutete David in meine Richtung und Vincent folgte diesem Deut mit einem skeptischen Blick.

»Glaub' ich nicht. Ihre Ärmchen sind viel zu dünn.«

Ich wusste nicht, worum es ging, aber eigentlich endete es immer damit, dass David Vincent in irgendeiner Weise mit einem Mädchen verglich oder ihn noch schwächer hinstellte, als ein Mädchen es war. Doch diesen schien das ziemlich kalt zu lassen, was David nur noch mehr ärgerte.

Jetzt rammte er seinen Spaten in die Erde, seufzte genervt und rang die Hände zum Himmel.

»Wirf' Hirn vom Himmel!«, rief er, und Vincent und ich mussten lachen, als er mit aggressiven Schritten in Richtung Scheune stapfte. Vincent drehte den Kopf zu mir und ich konnte sein fröhliches, zufriedenes Grinsen erkennen, als er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte.

Ich warf einen Blick die Straße hinab. Eigentlich war es Zeit für Dolorions Ankunft. Dolorion, unser ältester Bruder, war bereits vor zwei Jahren ausgezogen und hatte bereits eine verlobte. Er arbeitete in einem Gasthaus in Brill, kam aber jedes Wochenende mindestens einen Tag zu Besuch. Und dies war in der Regel freitags. Und heute war Freitag. Wenn man mich fragen würde, welchen meiner Brüder ich am Liebsten hatte, würde ich ohne zu zögern auf Dolorion zeigen. Er war einfach der Beste: Gutaussehend, alt und er stand auf eigenen Beinen. Ich konnte verstehen, warum so viele Mädchen ihn mochten. Aber ich wusste, dass Ich immer seine Nummer eins sein würde. Das hatte er mir vor seinem Auszug versprochen. Momentan war allerdings weit und breit noch nichts von ihm zu sehen.

Vincent hingegen drehte sich zum Haus um. Ich wusste genau, dass er zu der Gusseisernen Glocke blickte, die draußen neben der Tür an der Wand befestigt war. Mutter schlug sie immer dann, wenn es Abendessen gab. Und es war schon längst Zeit fürs Abendessen, das verriet mir mein eigener Magen. Aber die Glocke blieb stumm und auch die Tür geschlossen.

Die abendliche Sonne warf Vincents langen Schatten beinahe bis zur Tür hinüber. Er zog seinen Spaten aus der Erde und machte langsame Schritte über das gründlich umgegrabene Feld. Vorsichtig trat er vor, wollte natürlich nicht die ganze Arbeit wieder zunichte machen.

»Mutter?«, rief er, als er näher kam.

Auch ich packte nun mein Buch ein und machte mich langsam auf den Weg zum Haus. Mutter hatte mir versprochen, dass sie heute Abend einen Kartoffelauflauf machen würde, das aß ich am Liebsten. Und es war auch Dolorions Leibgericht.

Als keine Antwort auf Vincents Ruf ertönte, ging dieser noch etwas näher ans Haus heran.

»Mutter! Ist das Essen bald fertig? Wir verhungern hier draußen!«

spätestens jetzt hätte sie mit einer Bratpfanne oder einem Kochlöffel bewaffnet nach draußen stürmen müssen. Doch noch immer blieb es stumm und die Tür verschlossen. Das kam nun sogar mir merkwürdig vor. Mutter war das, was man im Dorf eine Emanze nannte und Vincent hatte mir erklärt, dass das bedeutete, dass man sich als Frau von Männern nichts sagen ließe. Das wiederum bedeutete eigentlich, dass Mutter nun wirklich wütend sein müsste. Das wusste auch Vincent. Er drehte sich kurz zu mir um und zuckte die Schultern. Als er die Türklinke hinab drückte, wurde die Tür jedoch von innen aufgerissen. Meinem Bruder entfuhr ein Schrei von solcher Schrecklichkeit, das ich selbst wie erstarrt stehen blieb. Etwas stolperte aus dem Haus heraus. Es sah menschlich aus, aber gleichzeitig auch nicht. Die Gestalt war blass und dürr, und hatte seltsame Flecken auf der Haut. Die Gliedmaßen wirkten merkwürdig lang, und die Wangen waren eingefallen. Das Haar sah aus, wie verschimmelt. Sie trug das Kleid, das Mutter heute morgen getragen hatte. Doch die Laute, das seltsame Schreien und Gurgeln, das sie von sich gab, zeugte nicht von einem Hauch Leben. Ihre Armen waren nach Vincent ausgestreckt, als sie sich nun wie mordlüstern auf ihn stürzte.

Sein Gesicht erblasste dabei und in einem Impuls, in einem Reflex, dafür gemacht, Leben zu retten, hob Vincent den Spaten wie eine Waffe und stieß ihn dem Wesen, das einmal unsere Mutter gewesen sein musste, direkt durch den Hals.

Gerade, als sie zurück ins Haus kippte, stürzte David aus der Scheune – angelockt von Vincents Schrei und meinem hellen, durchdringenden Kreischen, das ich gar nicht mehr kontrollieren konnte. Alles drehte sich um mich herum, ich sah, wie David auf Vincent zustürmte und ihn am Kragen packte, schüttelte, auf ihn einschrie. Ich vernahm die Worte selbst jedoch nicht. Alles, was ich vernahm, wie die Stimme hinter mir, die sanft, wenngleich doch aufgeregt in mein Ohr flüsterte.

»Hab' keine Angst, ich bin da.« Dolorion hob mich auf die Arme. Er drehte sich mit mir um und eilte hastig davon, weg von unserem Hof, weg von unseren Brüdern, weg von dem, was einmal unsere Mutter gewesen war.

Ich hatte schon von der Krankheit gehört, die zur Zeit in Lordaeron herumging. Sie raffte die Menschen dahin und machte sie angeblich zu Sklaven des Todes. Heute hatte ich es mit eigenen Augen gesehen.

Als Dolorion mit mir davon lief, sah noch, wie David ausholte und Vincent mit der Faust traf. Dieser ging sofort zu Boden, doch David holte noch mit dem Bein aus, um ihm einen Tritt zu versetzen, dann noch einen.

Auch, wenn sie sich immer wieder stritten – Dieses Mal war es etwas Ernstes.

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