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Genn Graumähne Der Herr des Rudels


Der Herr des Rudels
Der Herr des Rudels
Autor(en): James Waugh
WoWPedia: Lord of His Pack
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Der Herr des Rudels ist eine Kurzgeschichte von James Waugh, welche auf der offiziellen Seite veröffentlicht wurde.

Charaktere

Hauptcharaktere Unterstützend Nebenrollen Erwähnt

Der Herr des Rudels

„Akzeptiere niemals, dass dir ein anderer aufhilft“, sagte König Archibald Graumähne, seine kräftige Gestalt nur noch eine verschwommene Silhouette im verblassenden Glanz des Zwielichts. „Es ist immer besser, selbst Rückgrat zu beweisen. Das unterscheidet die Bedeutenden von den Sanftmütigen.“

Sein Sohn Genn, stolze sieben Jahre alt, zog seine ausgestreckte Hand zurück. Er saß mit überkreuzten Beinen auf den kühlen Steinen der vor Kurzem errichteten Befestigungsanlagen. Die Mauern und Wälle waren das beeindruckende Zeugnis für die Macht der Nation, doch auf Genn wirkten sie nicht annährend so beeindruckend wie der Mann, der vor ihm stand.

Archibald verfolgte das Thema weiter, so wie er es immer tat, wenn er einen seiner berühmten Exkurse zum Besten gab. „Glaubst du, all das hier wäre dadurch gebaut worden, dass wir die anderen Königreiche gebeten hätten, uns unter die Arme zu greifen?“

Die industriellen Türme von Gilneas ragten unter ihnen auf. Es war in der Tat ein herrlicher Anblick: riesige Ziegeldächer schwebten über gepflasterten Straßen; Geschäfte, Fabriken und wogender Rauch aus den Türmen; es war wahrlich eine der Zukunft zugewandte Stadt, der Zukunft und der Stärke seines Volkes.

„Als ich ein junger Prinz war, so wie du heute, hätte mein Vater sich so etwas nicht erträumen können! Aber ich hatte diesen Traum und ich habe mich alleine durchgeschlagen. Und sieh uns heute an … Wir haben es geschafft – ohne die Hilfe von denen in Sturmwind und ohne die in Lordaeron um Unterstützung anbetteln zu müssen. Und ganz sicher hatten wir es nicht nötig, vor der langohrigen Arroganz dieser Halbmenschen in Quel'Thalas zu Kreuze zu kriechen.“

Genn hatte die Geschichten von Gilneas aus der Zeit vor der Thronbesteigung Archibalds gehört. Es waren Geschichten einer Nation, die über einen Bruchteil der Macht verfügte, zu der sie aufsteigen würde.

„Und nun steh auf, Junge. Steh auf und bitte mich nie wieder, dir zu helfen. Denn alles dies hier wird eines Tages dir gehören und wenn es so weit ist, musst du bereit sein.“

„Es gehört Euch, Vater. Gilneas wird immer Euch gehören.“

Archibald lächelte und sein Ton wurde milder: „Nein, zukünftiger König. Prinzen werden zu Königen und Tage werden zu Nächten. Das ist der Lauf der Dinge … Nun komm, ich verspüre einen kühlen Luftzug. Wir wollen fürstlich speisen. Ich glaube, heute Abend steht gerösteter Eber auf der Karte.“

Genn stand schnell auf. Saftiger Eber in Flitzdistelsauce, zubereitet von, so befand Genn, dem besten Koch in ganz Azeroth – das war ihm das Liebste unter den zwei Monden.

„Glaubt Ihr, dass es Bratäpfel zum Abendessen geben wird, Vater?“

„Wenn du Bratäpfel möchtest, Sohn, dann wirst du sie bekommen. So gehört sich das für Prinzen und Könige.”

Mit diesen Worten machten sich die beiden auf den Weg die Wälle hinunter, während die letzten Sonnenstrahlen über den blutroten Himmel fielen.

***

Das Transportschiff der Nachtelfen wurde in der zunehmend rauen See hin- und hergeworfen. Mit jedem schwindelerregenden Schaukeln kreischten die uralten hölzernen Planken, welche vor Tausenden von Jahren zum imposanten Rumpf des Schiffs geformt worden waren, schrill auf.

In einer muffigen Kajüte im Bauch des Schiffes schlug Genn Graumähne die Augen auf. Die Kindheitserinnerung wirkte noch immer nach und verfolgte ihn aus Gründen, die er nicht ganz verstand. Und es war noch nicht einmal die Einzige: Eine ganze Flut an Erinnerungen an die Vergangenheit suchte ihn dieser Tage heim und schien seine Gedanken ertränken zu wollen, ganz so, als ob ihm eine Nachricht übermittelt werden sollte, die er nicht verstehen konnte. Erinnerungen waren eine rätselhafte Sache: es war, als besäßen sie ihre eigene Art von Magie, vielleicht noch seltsamer und machtvoller als die mächtigen arkanen Kräfte, in denen die maskierten Magier von Dalaran so bewandert waren.

Er begann, sich aufzusetzen, musste sich dann jedoch wieder auf die Bettstelle zurücksinken lassen. Sein Körper schmerzte von der letzten Schlacht. Die Schlacht um sein Königreich. Die Schlacht, die er verloren hatte.

Er atmete in den Schmerz hinein und schloss die Augen. Bilder, die er zu vergessen wünschte, stürmten auf ihn ein: ein Kelch, der mit einem scheppernden Geräusch über einen Steinboden rollte; die Banner von Gilneas, die stolz von den Mauern hingen; sein verstorbener Sohn Liam, in Genns Armen liegend und aus dem Mund blutend.

Um eine Ruhepause betend öffnete er die Augen. Direkt vor ihm befand sich die nach ihm ausgestreckte violette Hand eines Nachtelfen. Talar Eichenklaues Worte waren sanft, doch Genn wusste es besser, als die Eleganz des Nachtelfen mit Schwäche zu verwechseln.

Talar war hochgewachsen und angetan mit einer kunstvollen Lederrüstung und Roben aus einem seidenen Stoff, dessen Farbe Genn niemals zuvor gesehen hatte. Blau oder vielleicht grün, er konnte nicht recht sagen, was es war. Wunderschöne Federn hingen in Quasten von dem langen Stab in Talars anderer Hand.

Genn starrte die ihm angebotene Hand den Bruchteil einer Sekunde lang an.

„Dieser alte König hier braucht weder Eure Hilfe noch die eines anderen, um sein Bett zu verlassen, Talar Eichenklaue. Dazu bin ich noch immer selbst in der Lage.“ Er zog sich hoch auf die Beine, wobei er den in seinem Rücken aufwallenden Schmerz bereitwillig ertrug.

Talar bemerkte, wie Genn zusammenzuckte und bemühte sich, sich seine Frustration nicht anmerken zu lassen, bevor er erneut sprach: „Ich komme mit schlechten Neuigkeiten, ehrenwerter König. Ihr werdet an Deck gebraucht … Die Gefahr besteht weiter!“

***

Das Licht der Fackeln flackerte und warf Schatten auf die Granitmauern der fürstlichen Gästeunterkünfte Lordaerons. Genn und einige der einflussreichsten gilnearischen Adligen waren angereist, um auf den Notruf von König Terenas zu antworten, mit dem er die Fürsten Azeroths zusammengerufen hatte. Es waren gerade einmal wenige Stunden vergangen, seit sie von der Eroberung Sturmwinds durch die orcische Horde erfahren hatten und von den düsteren Zeiten, die möglicherweise vor ihnen lagen. Nach einem formellen Abendessen mit den verschiedenen Königen hatte sich Genn in seine Gemächer zurückgezogen, um sich mit seinen Landsleuten zu beraten. Es hatte nicht lange gedauert, bis es zum ersten Streit gekommen war.

„Diese verfluchten grünen Bastarde könnten sehr bald schon an unserer Türschwelle stehen, wenn wir nicht handeln, Lord Graumähne. Wir sollten unser dieser Allianz anschließen. Wir müssen tun, was wir können, bevor diese Monster durch die anderen Königreiche preschen und in unseres einfallen.“ Lord Crowley war ein intelligenter Mann, jünger als Genn und etwas weniger versiert, was die Feinheiten der Politik betraf, aber viele glaubten, dass vor dem Adligen eine strahlende Zukunft lag. Er hatte seinen Appell an die Fürsten mit einer Inbrunst hervorgebracht, die nicht oft zu beobachten war.

„In der Tat, Crowley. Ich kann Eure Befürchtungen nachvollziehen, glaubt mir. Doch diese … Orcs, wie sie sich nennen, befinden sich noch nicht einmal in der Nähe unseres Landes. Nicht ein Tropfen gilnearisches Blut wurde vergossen. Mein Herz blutet für Sturmwind, für den jungen Prinzen Varian und seinen Helden Lothar, glaubt mir. Aber sollte ich mein Volk zu dem gleichen Schicksal verdammen? Ist es wert, auch nur ein gilnearisches Leben für einen Zweck zu opfern, der mit ihm nicht das Geringste zu tun hat?“ Genn war leidenschaftlich. Diese drohende Gefahr durch die Orcs war neu und eigentümlich, doch es war keineswegs klar, dass dies eine Bedrohung sein würde, die sein fleißiges Volk nicht allein bewältigen konnte. Diese Orcs waren schließlich nur Grobiane. Halbwesen. Monster.

„Lord, wie Ihr beschrieben habt, scheinen die anderen Nationen nur zu bereit, uns zu unterstützen. Wenn Trollbann, Perenolde und die Übrigen sich beteiligen, ist mir nicht klar, wie wir uns länger Nachbarn und Freunde nennen können, ohne uns ihnen anzuschließen“, fuhr Crowley fort. Genn verstand gut, warum er so beliebt war. Seine Worte waren von eindringlicher Kraft. Hier ging es nicht um politische Winkelzüge — dies war ein Mann, der sich um seine Mitmenschen sorgte. Genn zollte ihm Respekt, so fehlgeleitet er auch sein mochte. Crowley konnte einfach nicht die Torheit seiner Sympathien erkennen und wozu dies letztendlich führen könnte. Er konnte nicht sehen, dass er vor allem anderen zuerst an sein eigenes Volk denken musste. Er war jung und noch neu unter den Adligen.

„Mein Vater hat niemals geglaubt, dass die Zukunft unseres Volkes an die Ausrichtung von Lordaeron, Stromgarde und Alterac gebunden ist. Manche sind stark, Lord Crowley, und andere schwach. So ist es nun einmal. Wir Gilneer sind stark, und Gilneas muss sich zuerst und vor allem anderen um sich selbst kümmern.“ Genn hatte sie nun in der Hand. Er konnte das zustimmende Nicken sehen. Er konnte sehen, wie die Adligen sich die ersten Kampfberichte von der Front ausmalten, die Klagerufe der Mütter, die ihre Söhne verloren hatten. Und er konnte sehen, wie sie tatsächlich die Kosten an Menschenleben erwogen, die die Bitte von Terenas und Lothar kosten würde.

Doch dann erklang eine gemessene Stimme aus dem Hintergrund.

„Doch andererseits, mein Lord … um uns die Gunst unserer benachbarten Königreiche zu bewahren und damit den zukünftigen Handel und die Zolltarife zu sichern, sollten wir womöglich zumindest eine kleine Streitmacht senden. Um ihnen zu zeigen, was selbst die Unterstützung einer kleinen Militärmacht aus Gilneas auszurichten vermag. Unser stehendes Heer ist einsatzbereit, um angreifende Mächte abzuwehren. Dies sollten wir nutzen.“

Sein Name war Godfrey. Genn vertraute auf seinen Rat, war jedoch immer etwas im Zweifel, was seine Motive betraf. Godfreys Äußerung entsprang nicht der Empathie, wie dies bei Crowley der Fall war. Es war ein geschickter politischer Schachzug, der Godfrey als Anführer des stehenden Heeres sicheren Ruhm versprach. Doch sein Argument war stichhaltig: Handel und Zölle bescherten dem Königreich reiche Einnahmen, und diese zu gefährden, wäre kaum weise.

„Diese Vorgehensweise hat ihre Vorzüge, mein Lord.“, fügte Lord Ashbury hinzu. Ashbury war einer von Genns engsten Vertrauten. Genn war mit ihm gemeinsam aufgewachsen, sein Vater, Lord Ashbury I, hatte Archibald darin unterstützt, die Nation aufzubauen, und er hatte Genn immer der Königstreue der Ashburys versichert.

„Ich werde es in Erwägung ziehen, Godfrey.“

***

Genn und Talar eilten über die gewundene Treppe an Deck. In der Luft lag ein Hauch von Dringlichkeit. Dessen ungeachtet war Genn fasziniert von den reichen Verzierungen des Elfenschiffes. Eine solche Kunstfertigkeit, die in jedes nützliche Element einfloss. Die schiere Größe des Schiffes und seine vielen Etagen übertrafen selbst den Einfallsreichtum seines eigenen Volkes.

„Es scheint, die Gilneer sind recht eigensinnig, Lord Graumähne.“ Talars Frustration hatte sich im Verlauf des vergangenen Tages vertieft.

„Dies ist ein Wesenszug, den wir an uns selbst immer zu schätzen wussten, guter Druide.“

„Ja. Das ist offensichtlich.“

„Ihr wart mehr als höflich, Talar, doch ich sähe es lieber, wenn Ihr offen sprächet. Seit wir uns zum ersten Mal begegneten, spüre ich in Euch tiefen Argwohn. Erweist mir die Ehre, Euch offen zu äußern.“

„Ich bitte um Verzeihung, wenn es so erscheint. Ich … Azeroth ist in ernster Gefahr, Eure Majestät. Ich fürchte, wir werden diese Zeiten möglicherweise nicht überstehen, wenn wir nicht fest verbündet bleiben … Ihr seid ein Herrscher, der sich dazu entschlossen hat, sein gesamtes Königreich vom Rest Eures Kontinents abzuschotten. Ihr seid ein König, der sich jahrelang weigerte, Hilfegesuchen nachzukommen. Wie Ihr wisst, bin ich Druide. Ich glaube an die Verbundenheit aller Dinge. Dies ist die Struktur der Natur. Ein Ökosystem. Eure Entscheidungen sind für mich … fremdartig.“

„Ich verdanke Euch und Eurem Volk viel, Talar. Zwischen uns mögen große Unterschiede bestehen. Doch ich hoffe, ihr werdet diese uns nicht entzweien lassen.“

Talar neigte seinen Kopf sacht. „Das werde ich sicherlich nicht. Erzdruide Sturmgrimm glaubt, dass Ihr und Euer Volk für die Allianz einen wertvollen Gewinn bedeuten. Ich werde seine Weisheit nicht in Frage stellen.“

„Ein Gewinn für die Allianz?“ Glenn war bestürzt. „Wir schulden Euch viel, das ist wahr … doch ich kann Euren Anführern nicht garantieren, dass wir für die Unternehmungen der noblen Allianz tatsächlich einen Gewinn von auch nur geringer Bedeutung darstellen werden.“

„Das sind keine guten Nachrichten … Doch dies sind politische Angelegenheiten. Unsere Aufgabe ist es, den heutigen Tag zu überleben.“

Das Tageslicht draußen war spärlich. Schwache Lichtstrahlen drangen durch die Wolkendecke, nur um vom dunklen Horizont verschluckt zu werden. Die frische salzige Luft drang in Genns Nase, und in der Ferne war das schauderhafte Krächzen von Möwen zu hören.

Dutzende violetter menschenartiger Gestalten gingen an Deck ihren Aufgaben nach, wie es schien, bereiteten sie das Schiff auf das vor, was ein gewaltiger Sturm zu werden versprach. Doch zwischen den Gefärbten konnte er seine eigenen Leute ausmachen. Menschen rosiger Hautfarbe und natürlich die Worgen: wolfsartige Tiermenschen, unwillig, sich den Ansprüchen ihrer Retter zu beugen.

„Wie Ihr sehen könnt, König, haben sie vor, an den Vorbereitungen teilzunehmen und die Anweisungen zu missachten, die ihnen erteilt wurden. Sie weigern sich, meine Anordnung zu befolgen, dass alle Personen außer der Besatzung sich unter Deck begeben sollen.“

Im Vorschiff konnte Genn zwei Schildwachen sehen, wunderschöne Kämpferinnen, die sich bemühten, einen Worgen davon abzuhalten, an der Takelage Hand anzulegen. Es lief nicht gut. Der Wolfmann drängte die Nachtelfenseglerin zurück, erbost darüber, weggezerrt worden zu sein.

„Ihr müsst verstehen, dass die Mission, für die wir ausgesendet wurden, nicht vorsah, die Überlebenden einer gesamten Nation nach Darnassus zu transportieren. Es war vorgesehen, dass wir den Worgen helfen sollten. Wir sind bereits unterbesetzt. Seht Euch das an. Das ist keine einfache Windböe. Uns steht womöglich das größte Hindernis bislang bevor“, fuhr Talar fort.

„Ihr habt recht, Talar.“

Mehrere andere Nachtelfenschiffe umringten das Gefährt im Ozean. Genn wusste, dass sich auf einem von ihnen, auf der Glanz der Elune, seine Frau Mia und seine Tochter Tess befanden, seine gesamte Familie. Es war eigenartig für ihn, nun an seine Familie zu denken, ohne seinen Sohn einschließen zu können. Es schmerzte ihn mehr als jeder physische Schmerz, den er in seinem Leben hatte erdulden müssen. Es schmerzte ihn mehr als der Verlust seines Königreichs.

„Die Späher sind zurück!“ schrie ein Beobachtungsposten aus dem Ausguck herab, und deutete in den bleichen Himmel.

Drei schwarze Flecken schälten sich aus der sturmdurchtosten Düsternis. Sie wurden langsam deutlicher, nicht länger nur Flecken, sondern riesige Sturmkrähen, die in halsbrecherischem Tempo auf Talar zuflogen. Ihr durchdringendes Gekrächze ein Missklang aus Dringlichkeit und, wie es Genn erschien, Furcht.

Dann wechselten die Riesenkrähen die Gestalt. Genn gewöhnte sich langsam daran, diese Verwandlung zu sehen. Er hatte gehört, dass das Druidentum mitunter in der Landbevölkerung von Gilneas ausgeübt wurde, doch er selbst war bis vor kurzem nie direkt damit konfrontiert worden. Die Vogelgestalten zuckten und verzerrten sich und bildeten dann eine etwas vertrautere Gestalt aus — die von Druiden der Kaldorei, zwei Männer und eine Frau.

Panik stand in ihren Gesichtern geschrieben.

„Wir müssen die Schiffe sofort in Aktionsbereitschaft versetzen!“ sagte die Druidin.

„Dieser Sturm … Er lässt sich mit nichts vergleichen, was ich je gesehen habe. Riesenwogen, so groß wie drei Riesen aufeinandergetürmt … die See brodelt, überall die Wracks zerborstener Schiffe“, berichtete einer der Männer. Er verwendete seine gesamte Willenskraft darauf, die Fassung zu wahren, doch das Grauen war ihm anzusehen.

„Es ist, wie ich befürchtet hatte“, sagte Talar. „Geht nun, schnell, warnt alle Kapitäne. Ein vereinzeltes Schiff wird es nicht überstehen. Sagt ihnen, dass wir unverzüglich eine Flottille bilden müssen!“

Ohne Zögern verwandelten sich die Druiden zurück in Krähenform, bevor sie sich auf die anderen Schiffe verteilten. Genn beobachtete den aufgewühlten Ozean, schwarze Regenwolken, die den Himmel nicht weit vor ihnen zu ersticken schienen. Er stammte aus keiner seefahrenden Familie, doch auch für ihn mit seinen begrenzten nautischen Kenntnissen sah die Lage äußerst ernst aus.

„Dieser verfluchte schwarze Drache verfolgt uns noch immer“, sagte Talar. So emotional hatte Genn ihn seit dem Tag, an dem sie Gilneas nur knapp entkommen waren, noch nie gesehen. „Dieser Kataklysmus … die Welt bebt noch immer, die Stürme haben selbst die See entzweigerissen …“

„Todesschwinge der Zerstörer ist ein Monster, zweifellos … doch sich vorzustellen, dass er die große Katastrophe verursacht hat … dass es durch ihn noch immer Nachbeben gibt … Ich kann einfach —“

„Glaubt es, Genn Graumähne. Wie ich bereits sagte, wir leben in den düstersten aller Zeiten. Wenn wir dies überleben, ist das für Gilneas erst der Beginn aller Probleme. Nun bringt Eure Leute unter Deck. Meine Besatzung muss sorgfältig und ohne Ablenkung arbeiten können. Sendet den Befehl an alle Schiffe, damit Euer Volk gehorcht.“ Talar hatte bereits begonnen, den Seefahrern auf der Brücke über ihnen zu signalisieren.

„Wir können helfen, Talar. Mein Volk ist fähig … Sie werden mitarbeiten wollen, um ihre eigenen Häute zu retten.“

„Wir haben keine Zeit für Streitgespräche! Mir wäre es lieber, wenn ihre Häute, wie ihr sie nennt, nicht als Futter für die Naga auf dem Meeresgrund landen! In dieser Angelegenheit, auf unseren Schiffen, muss Gilneas sich fügen.“

Regenwände zogen heran. Flüssigkeit prasselte in Strömen auf die hart arbeitende Besatzung herab. Die See hob sich. Genn sah ein, dass dies nicht der rechte Augenblick für sein Volk war, sich aufzulehnen. Dies war eine Situation, in der sie ihr Schicksal in die Hände der Kaldorei legen mussten.

Der Wind heulte, als wie aus dem Nichts eine gewaltige Woge gegen den Rumpf klatschte und das starke Schiff kippte, so dass Menschen, Nachtelfen und Worgen über das Deck schlitterten. Genn rutschte aus und klammerte sich dann fest an einen der Masten, hielt sich mit aller Kraft auf den Beinen. Dieser Sturm, dieser Tsunami, hatte noch schneller zugeschlagen, als es selbst die Späher hatten vorhersehen können. Er konnte kaum noch etwas sehen, nur die Regenwand vor ihm. Er konnte die Schreie seines Volkes hören. Er konnte hören, wie sie mit den Nachtelfen stritten.

Genn warf sich vorwärts und begann, seinen Leuten Befehle zuzuschreien.

***

„Wie war das, Ihr wollt was genau tun?“ Godfrey blitzte ihn durch seine eiswürfeldicken Brillengläser hindurch an. Die Folgen dessen, was er da gerade gehört hatte, waren in der Tat schwerwiegend. Es war nur angemessen, dass sie sich in der Kommandozentrale befanden.

„Ihr habt mich schon verstanden, Godfrey.“

„Ihr wollt die gesamte Nation abriegeln? Unsere Grenzen schließen und den Handel mit der restlichen Allianz abbrechen? Das … ist eine ziemlich weitreichende Entscheidung, findet ihr nicht?“

„Zuvor habe ich auf Euren und Crowleys Rat gehört, und seht, wohin dies uns geführt hat! Tote Gilneer, von diesen grünen Halunken in Fetzen gerissen, und nun die Allianz – oh, die ‚Allianz‘, von der Ihr so sicher wart, dass sie für uns einen großen Vorteil bedeuten würde – mit jedem Tag verlangt sie mehr und mehr. Sie nehmen und nehmen, doch was erhalten wir im Gegenzug dafür? Wo sind die großartigen Vergünstigungen, derer ihr beide euch so sicher wart?! Nun verlangen sie von uns, ihnen Gold zu senden, für diese Festung … Nethergarde … Was hat dieser Außenposten mit Gilneas zu schaffen … mit meinem Volk?“ Genn war nicht in der Stimmung, seine Argumente anfechten zu lassen.

Godfrey blickte auf die abgenutzte Karte des Landes, die vor ihm auf dem Eichentisch ausgebreitet lag. Er hob seinen Weinkelch und wusste, dass es keinen Sinn hatte, die Sache weiterzuverfolgen. Genn war ein sehr bestimmter König, ganz wie sein Vater.

Godfrey nahm einen tiefen Schluck von seinem Wein. Es war roter Kul Tiras. Er erkannte, während er den Alkohol seine Zunge umspülen ließ, dass dies womöglich der letzte Schluck Wein aus jener Inselregion sein mochte, den er jemals kosten würde. Schließlich erhob er die Stimme.

„Ich will damit gar nicht sagen, dass dies ein schlechter Weg wäre. Ich glaube jedoch, dass —“

„Wir haben die Hand der Allianz ergriffen. Wir haben ihnen unsere Unterstützung gewährt, und seht, was wir dafür bekommen haben. Als Volk sind wir ärmer denn je, während sie die Früchte unserer Beiträge ernten … Dann gab es die Orcs … verdammte, wilde Biester. Ihr habt sie gesehen, und wozu sie fähig sind. Und nun will Terenas noch mehr von unserem Gold. Vielleicht auch noch mehr von unserem Blut. Nein, sage ich!“ Genns Worte wurden mit der Klarheit eines Mannes ausgesprochen, dem eine Vision zuteil geworden war.

„Die Mauern werden das Land eines Adligen spalten. Das müsst Ihr doch auch sehen. Unsere natürlichen Grenzen werden nicht genügen. Sie alle sind wenig widerstandsfähig.“

„Selbstverständlich sehe ich das! Wer auch immer es ist, er wird entschädigt werden, so wie die Bauern und Bürger seines Gebiets.“

Godfrey nahm einen weiteren Schluck des Weins, seine Gedanken rasten, er wog seine Möglichkeiten ab uns studierte die Karte. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.

„Auf dieser Karte sieht es so aus, als wolltet Ihr das Reich von Lord Marley als Möglichkeit vorschlagen … aber seht Euch dieses Gelände an, mein Gebieter … Hier haben wir diese Bergregion. Das würde eine prächtige Festung ergeben, mit Bergen zu beiden Seiten, die eine natürliche Grenze darstellen würden.“

„Was Ihr da sagt, stimmt.“

„Selbstverständlich müssten wir, um es zu erhalten, Lord Crowley einige seiner Ländereien nehmen. Lohenscheit und Mühlenbern.“

„Ich hatte bereits darüber nachgedacht. Es ist ein guter Ansatz. Doch … Crowley besitzt viel Macht. Er hat großen Einfluss, ebensoviel wie Ihr, Godfrey. Er wird dies möglicherweise nicht einfach hinnehmen.“

„Nein, das ist wahr … Doch er müsste einsehen, dass dies die richtige Wahl ist. Es ist das Beste für Gilneas. Jeder kann sehen, dass dies eine unüberwindliche Barriere darstellt.“, betonte Godfrey, und schluckte seinen Wein hinunter, während er Genns Reaktion abwartete.

„Das täte es tatsächlich, Godfrey. Und es würde Eurem Reich selbstverständlich einen größeren strategischen Wert verleihen, da es zu einer Zwischenzone zur Außenwelt würde. Ihr besäßet das Reich, das dem Wall am nächsten läge.“

„Mein Lord, es geht hier nur um den geeigneten Ort, nur um Gilneas. Ich hoffe, Ihr wollt nicht andeuten —“

„Hört schon auf, Godfrey. Ihr habt recht in dieser Angelegenheit. Das ist mir klar … was immer auch Eure Motive sein mögen, alter Freund.“

„Sir, ich —“

„Der Bau des Walls durch diese Berge, mit dem Reich am Nordtor als Zwischengebiet, sorgt für unsere Sicherheit. Ich muss mich Euren Argumenten beugen. Lord Crowley … Darius wird es einsehen müssen.“

Godfrey trank seinen Kelch aus und goss sich schnell einen weiteren ein. Er würde eine Menge Wein und auch Bier in den kommenden Jahren benötigen, und er ahnte es bereits. Doch heute, wie sie in den tropischen Klimazonen von Beutebucht zu sagen pflegten, hatte er ‚aus Limonen Limonade gemacht‘. Er bekämpfte den inneren Drang, breit zu lächeln.

„Dann müssen wir einen Rat der Adligen einberufen.“ Godfrey stand auf. „ Dies ist der rechte Weg, mein Lord, wenngleich womöglich ein unebener Weg.“

„Das ist mir bewusst.“ Glenn schien wie hypnotisiert von der flackernden Kerzenflamme. Er starrte sehnsüchtig hinein, als träumte er von einer Zukunft, die irgendwie in diesen Flammen läge. „Doch stellt Euch nur vor … stellt Euch nur vor, wie gleißend unsere Zukunft ohne störende Einflüsse aussehen wird. Stellt es Euch nur vor.“

***

Die Schiffe kämpften gegen die tosenden Wellen an und wogten in konzertierter Formation aufeinander zu. Seeleute der Nachtelfen kauerten an den Backbord- und Steuerbordseiten der Schiffe und warfen den Besatzungsmitgliedern der benachbarten Schiffe Taue zu.

Der Hintergedanke dabei war klar: Wenn die Schiffe eine massive Flottille bilden konnten, fest miteinander vertäut, waren die Chancen, den brutalen Sturm zu überstehen, besser, als sie für einzelne Schiffe gewesen wären.

„Die hintere Gruppe hat schwere Schäden an ihren Masten, Sir!” brüllte einer der Deckhelfer. Talar stürzte zur hinteren Brücke, um es selbst zu sehen.

„Ho, Talar … wo ist die Glanz der Elune? Ist sie nicht bei der hinteren Gruppe?“ rief Genn, während er die regennassen Stufen zur Schiffsbrücke hinauf stürmte.

Talar zögerte. „Ihr habt Recht. Sie fehlt noch.“ Talar zeigte mit seinem langen, lavendelfarbenen Finger nach rechts. Genn blinzelte. Durch den grauen Regenschleier konnte er schemenhaft die Umrisse zweier Schiffe erkennen. Eines davon war schwer angeschlagen und wurde von dem anderen geschleppt.

„Nachtelf, Euer Fernglas. Sofort!” Statt zu warten, entriss Genn es dem Matrosen.

Durch das Glas konnte Genn beobachten, wie ihm die Formen entgegensprangen. Die Glanz der Elune führte ein beschädigtes Schiff mit gebrochenem Mast und zerfetzten Segeln, die über seinen Bug ausgebreitet waren.

„Alle Mann sofort festhalten!“ schrie der Ausguck im Krähennest.

Aber es war zu spät. Die Welt wurde Genn unter den Füßen weggerissen, und die ihn Umgebenden trieben in der Lücke dazwischen. Das Fernglas flog aus seiner Hand und schepperte das Deck herunter, das sich himmelwärts neigte.

Dann war da nur der kalte, salzige Wellenschlag des Ozeans … und der hämmernde, dumpfe Schmerz des Aufschlags von Kopf auf Holz, das Zurückgleiten des Körpers vor dem Fall.

Der Schmerz brachte die Bilder zurück. Ein Kelch, der den Steinboden entlang schepperte. Liams Gesicht.

BUMM! Das Schiff verließ die Luft und schlug mit solcher Gewalt auf das Meer auf, dass es Genn in den Ohren tönte.

Er hörte ein Knacken, und als er aufblickte, konnte er bereits sehen, dass der Kreuzmast durch den Aufprall in zwei Teile geborsten und auf das Deck geprallt war. Er hörte die nervösen Schreie der Seeleute, die über das Deck huschten und taten, was sie konnten, um die steigenden Fluten vom Schiff zu schaffen.

„Diese Welle muss dreißig Meter hoch gewesen sein. Wir können solchen Gewalten nicht viel länger standhalten, Sir!“ brüllte der Deckhelfer, während er seinen zerschlagenen Körper aufrichtete. Auch Genn wuchtete sich auf die Beine und versuchte, das Gleichgewicht wieder zu finden. Seine Ohren waren noch immer von dumpfem Klingeln erfüllt. Die Welle bewegte sich nun schnurstracks auf die Schiffe am Horizont zu … auf die Glanz der Elune und ihren angeschlagenen Schützling.

„Mia! Tess!“

Bevor etwas getan werden konnte, prallte die Welle auf die schwerfälligen Schiffe. Genn fühlte sich, als wäre die Zeit zum Stillstand gekommen.

Die beiden Transportschiffe kollidierten miteinander, hölzerne Planken barsten wie Splitter aus einem abgesägten Baum. Es war, als hätte der Ozean seinen Rachen geöffnet und würde versuchen, alle Fremdkörper in der Umgebung zu verschlingen. Das zerfallende Schiff wurde eingesogen, die Glanz der Elune trieb beschädigt auf dem Wasser.

„Beim Licht!“ hauchte Genn, seine Worte kaum mehr als ein Flüstern, wie ein sanftes, hilfloses Gebet.

Das andere Schiff war verschwunden, bevor Genn auch nur blinzeln konnte. Die Glanz der Elune blieb allein zurück, während der Ozean begann, sie langsam hinab zu ziehen.

„Holt die Barken … setzt die Rettungsboote ab. Wir müssen eine Rettung versuchen!!!“ brüllte Talar nun in konzentriertem Tatendrang.

„Aber die Sturmwellen kommen noch immer, Talar! Welle über Welle!“ rief ein Seemann. Die Worte gruben sich in Genns dröhnende Ohren.

***

„Sie kommen noch immer, Herr, Welle über Welle! Sie … hören einfach nicht auf! Ich … es gibt kaum etwas, das wir tun könnten.“ Der Hauptmann der Wache konnte sein Entsetzen nicht verbergen, den Mund geöffnet, den Blick nach unten gerichtet. Genn, der junge Liam, der Hauptmann und der berüchtigte königliche Erzmagier, der als Arugal bekannt war, standen auf den Bollwerken hoch über dem Graumähnenwall.

Unter ihnen war ein Meer aus schlurfenden untoten Körpern, zahllosen spinnenhaften Kreaturen und riesigen Monstrositäten, deren Körper anscheinend aus der Haut faulender Leichen zusammengenäht worden waren. Der Ursprung dieser bösen Nekromantie war unklar, doch ihre Herkunft war es nicht – Lordaeron. Lordaeron, das Gilneas einige Wochen zuvor um Hilfe angefleht hatte, die man verwehrt hatte.

„Beim Licht, seht sie nur an. Es sind so … so viele.” Genn war von dem, was er sehen konnte, erschüttert. Das Mondlicht schimmerte auf der zerfetzten Rüstung der skeletthaften Gestalten. Ihr Stöhnen hallte nach oben wider, beharrlich und unablässig. Die Untoten bewegten sich wie ein einziges Wesen mit einem klaren Ziel: dem Durchbrechen des Walls.

Gilnearische Soldaten außerhalb des Walls hielten die Stellung und schossen vergeblich flammende Pfeile in das Gedränge. Ihre Flammenschweife zogen sich durch die Dunkelheit, bis sie ihr Ziel erreichten. Doch sobald einer der Untoten in Flammen stand, nahm ein anderer seinen Platz ein.

„Es ist kein Ende in Sicht. Wir machen das jetzt schon seit Tagen. Ich … ich glaube nicht, dass wir noch viel länger standhalten können. Selbst unser großer Wall wird dieser Unzahl weichen müssen.” Der Hauptmann war verstört. Er hatte in den letzten paar Tagen viel Schreckliches gesehen, Dinge, die kein Mensch jemals sehen sollte – Dinge, die kein Mensch je vergessen könnte.

„Beruhigt Euch! Ihr seid Gilneer. Wo ist Euer Stolz? Natürlich wird der Wall standhalten, und natürlich werden wir auch dies überstehen.” Genn war streng. Er musste Führungsqualitäten zeigen, egal was passierte. Er musste der Herr über sein Rudel sein, das schlagende Herz von Gilneas.

Er sah nach draußen, lauschte den Schreien unten, sah, wie seine Männer zurückweichen mussten, wie sie zurück zu seinem Wall drängten. Er fragte sich, was sein Vater in Zeiten wie diesen getan hätte. Es musste eine Lösung geben.

„Vater, Ihr … Ihr hättet auf mich hören sollen.“

Genn wandte sich der Stimme zu. Er konnte nicht glauben, was er hörte. Sein eigener Sohn, Liam, sein eigener Junge, stellte ihn wieder in Frage, und das hier, vor den Anderen, während Genn tat, was er konnte, um Mut einzuflößen.

„Das ist nicht der geeignete Zeitpunkt, Junge! Nicht jetzt.“ Genns Augen loderten vor Zorn.

Genn blickte zu dem Erzmagier, der still bei ihm stand. Arugal. Immer ein wenig rätselhaft. Selbst hier zeigte er kein erkennbares Gefühl, keine Furcht, nur den ruhigen, kalkulierenden Blick eines Mannes, der die lebenden Leichen dort unten analysierte und von ihnen fasziniert war. Aber so verhielten sich diejenigen, die ihr Leben dem Arkanen widmeten. Genn hatte nie auch nur einen getroffen, den er mitfühlend hätte nennen können.

„Meister Magier …“

„Ja, mein Fürst?“ Arugals Worte waren kalt und rauchig, während seine Augen den Anblick, der sich unten bot, verschlangen.

„Tut, was wir besprochen haben. Tut es endlich!“

Arugal neigte leicht den Kopf, ein seltsames Lächeln auf den Lippen, als wäre er ein Kind, dem ein neues Spielzeug gegeben wurde. „Es wird geschehen, Herr.“

Er verschwand und überließ Genn, Liam und den Hauptmann den fürchterlichen Geräuschen unten – das Klirren von Stahl auf Rüstung, das anschwellende Stöhnen der Untoten und die Schreie sterbender gilnearischer Soldaten. Einen winzigen Moment lang dachte Genn darüber nach, was er gerade getan hatte. Er hatte die Wolfsmenschen gesehen, die Worgen, die Arugal beschworen hatte. Sie waren gefährliche Bestien und weitere von ihnen könnten ein Risiko darstellen. Aber dies waren verzweifelte Zeiten; vielleicht brauchte man Monster, um Monster zu besiegen.

***

Die Flottille erlitt nun die volle Wucht des Sturms, riesige Wellen hämmerten auf die Schiffe, doch die vereinte Kraft des festen Holzes und der Stahlnieten einer gesamten Flotte hielt stand. Jeder Schaden, den ein einzelnes Schiff erlitt, wurde sofort von der Besatzung eines anderen behandelt.

Die Flottille konnte jedoch der Glanz der Elune nicht helfen. Sie half Mia und Tess nicht. Das Schiff, oder das, was davon übrig war, rutschte weiter unter Wasser.

Vier Rettungsboote platschten in den Ozean, weiß und schäumend von den peitschenden Wellen und dem prasselnden Regen, seine Farbe im starken Kontrast zum tiefschwarz bewölkten Himmel. Mehrere Schildwachen stiegen über Strickleitern in die Barken hinab, die scharfen Gleven der Nachtelfen auf ihre Rücken geschnallt. Genn folgte Talar zur Steuerbordseite des Schiffes.

„Talar … ich muss einfach mit Euch gehen.“ flehte er.

„König Graumähne, es ist meine Pflicht, Euch und Euer Volk sicher nach Darnassus zu bringen.“ Er schrie über den rollenden Donner und die peitschenden Winde. „Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, auch Euer Leben zu riskieren. Dies ist eine gefährliche Aufgabe, weshalb ich als Leiter dieser Expedition derjenige bin, der sie auf sich nehmen muss. Ich weigere mich, mehr als eine Handvoll meiner Leute zu riskieren … ich verspreche Euch, dass ich alles tun werde, was in meiner Kraft steht, um Eure Frau und Euer Kind zurückzubringen.“

„Sie sind alles, was ich habe, Talar. Ich muss – “

„Ihr müsst bleiben!“ Talar stieg die Strickleiter hinab und ließ sich in das Boot fallen. Die Rettungsboote legten schnell ab und bewegten sich in Richtung der Glanz der Elune und den winzigen violetten und rosa Punkten, die mit den Armen wedelnd im Meer schwammen.

Genn sah zu, wie die Barken in den schweren Wellen auf und ab trieben. Nein. Er konnte nicht bleiben. Er konnte einfach nicht. Dies war seine Familie. Er war ihnen viel schuldig. Selbst jetzt, da ihre Welt in tausend Stücke zersprungen war, selbst nach allen törichten Entscheidungen, die er getroffen hatte, glaubten Mia und Tess noch immer an ihn und unterstützten ihn. Er atmete tief durch, und ihm entfuhr ein Brüllen. Er konnte den Wandel spüren, seinen Körper, der sich ausdehnte, sein blitzschnell wachsendes Haar, sein Gesicht, das sich zu einer ergrauten Schnauze verlängerte.

Mit einem lauten Heulen, mit gebeugtem Rücken und dem Himmel entgegengestreckten Armen, vollendete er seine Transformation. Er war ein Worgen, einer der Wolfsmenschen, um deren Beschwörung er Arugal vor all diesen Jahren gebeten hatte – einer der Wolfsmenschen, die zusammen mit den Verlassenen unaufhaltsam sein Land zerstört hatten. Aber in dieser Form war er schneller und stärker. Der Fluch, mit dem er geschlagen war, hatte seine Vorteile.

Er rannte auf die Steuerbordseite des Schiffes zu, mit voller Geschwindigkeit. Das nasse Deck hatte keinen Einfluss auf seine Balance: er war vollkommen auf sein Ziel fixiert. Der tierische Instinkt, der ihm innewohnte, pulsierte durch seine Adern. Sein Geist war nur auf die Tat versessen, nichts weiter, nur das Handeln. Und dann, als er die Reling erreichte, sprang er!

Talar schnellte herum, als er das Heulen hörte. Über ihm, in sein Rettungsboot springend, ein Koloss vor dem Hintergrund des Regens, war Graumähne.

Graumähne war perfekt auf den Füßen gelandet und stand dem Druiden Auge in Auge gegenüber. Die Schildwachen zu seiner Rechten und Linken zogen instinktiv ihre Gleven, um zuzuschlagen.

„In Dingen, die meine eigene Familie betreffen, muss ich handeln.“ Genns Stimme war jetzt wild, furchteinflößend.

Talar winkte die Schildwachen zurück. „Was für ein störrischer Mensch.“ Doch einen Augenblick später nickte Talar.

Die Rettungsboote näherten sich dem sinkenden Schiff. Die Glanz der Elune stöhnte, ihr Holz splitterte, der Rumpf barst, ihr Bug war gen Himmel gerichtet.

„Ho, ihr da! Hilfe!“

„Beim Licht, bitte, rettet mich!“

„Bruder Druide, Hilfe!“

Die Arme rudernd, die Beine verzweifelt strampelnd, versuchten Gestalten aus Gilneas und der Kaldorei mit aller Macht, ihre Köpfe über dem tosenden Wasser zu behalten.

Die Schildwachen in den Booten griffen nach klammernden Armen und rissen Überlebende aus dem Wasser. Das Rettungsboot von Talar und Genn stürmte auf das zerstörte Transportschiff zu. Hoch über ihnen, auf dem umgedrehten Bug, waren Überlebende. Ihre Schreie verschwanden in den strudelnden Geräuschen, die sie umgaben – Regen, peitschende Winde, das schwankende Schiff. Es waren nicht viele, oder auch nur soviele, wie es hätten sein sollen… und Genn sah es sofort. Die anderen mussten vom Großen Meer oder den Bestien, die in ihrem ewigen Grund lauerten, ergriffen worden sein.

„Mia! Tess!“ rief Genn aus. Seine Sicht war in seiner Worgenform besser, und durch den Regen konnte er seine Familie nicht auf dem Bug sehen. „Sie müssen noch immer dort drin sein! Sie müssen.”

„Rückt auf das Schiff vor. Werft die Seile nach dort oben aus. Jetzt!“

Die Schildwachen auf der Barke warfen ihre Gleven hoch, jetzt mit starken Tauen verbunden. Die uralten Waffen bohrten sich in den Bug, und die Seile entrollten sich, bis sie in die starken Hände der Kriegerinnen fielen.

„Sie sind nicht da oben. Wenn sie am Leben sind, müssen sie innen sein.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, sprang Genn aus dem Rettungsboot und klammerte sich an die Nieten, die aus dem Rumpf des Schiffes hervorragten. Er kletterte zu einem der Bullaugen hinauf, dessen Glas gebrochen war.

„Graumähne! Halt. Überlebende werden immer zu Bug oder Heck geschickt. Wenn sie am Leben sind, sind sie –“ Doch es war zu spät. Genn hatte den hölzernen Rahmen des Bullauges bereits herausgerissen und war in das sinkende Schiff verschwunden.

„Narr … er wird ertrinken. Wenn er allein sein will, soll es so sein“, flüsterte Talar. Mit diesen Worten verwandelte er sich in eine riesige Sturmkrähe und segelte hoch in den grauen Himmel, auf den Bug und die Überlebenden darauf zu.

Im Schiff wütete ein Feuer. Wolken aus dunkelgrauem Rauch breiteten sich aus. Genn konnte kaum sehen. Die Hitze war erdrückend, und das Atmen fiel schwer. Alles war schräg, auf die Seite gekippt. Die Gänge waren verzogen und voller gebrochener Planken und verkohlter Ausstattung. Über Genn, außerhalb der Kabine, konnte er die verzweifelten Schreie überlebender hören.

„Mia?“

Mit einem beherzten Atemzug ließ er die Rage, die seiner wilden Form innewohnte, übernehmen, und er rannte los, aus der Kabine in den Seitengang, durch die Flammen und das zerfallende Schiffsgerüst.

„Tess?!“

Die Schwerkraft zog ihn hinab, jede Bewegung nach oben war ein Kampf. Die schrägen Gänge waren von Leichen übersät. Viele davon waren eins stolze Schildwachenkriegerinnen der Kaldorei, manche von hölzernen Pflöcken durchbohrt, andere bleich und so aussehend, als wären sie überrascht worden, mit dem Ausdruck würdevollen Entsetzens: so hatten sie nicht erwartet zu sterben. Er lief nun über die über Kopf stehenden Wände. Der Boden befand sich zu seiner linken.

Der Rauch wehte ihm entgegen, der Geruch brennenden Fleisches umschmeichelte seine Nüstern. Es war ein Geruch, der ihm wohlbekannt war.

***

Gilneas stand in Flammen. Rauch kroch durch die Seitenstraßen und Kanonendonner hallte durch die Luft. Genn stand auf der Befestigungsmauer und schaute nach unten. Auf derselben Mauer hatte er als Junge mit seinem Vater orangefarbene Sonnenuntergänge beobachtet, von dort aus hatte er die großartige Stadt und die Nation, über die einst herrschen würde, bewundert.

Doch jetzt wurde die Stadt bedroht. Crowley war mit seinen Männern, diesen Nordtorrebellen, wie sie genannt wurden, durch die Tore marschiert. Für Genn waren sie Terroristen und mit ihrem Verrat musste entsprechend verfahren werden.

Crowley hatte den Wall nicht billigend hingenommen. Er hatte sich gegen Graumähne aufgelehnt und sogar der Allianz in dem, was jetzt als der Dritte Krieg bekannt war, geholfen, indem er die „Brigade von Gilneas“ zu Lady Jaina Proudmoore entsandte.

Genn hatte versucht, den stolzen Edelmann zu überzeugen. Er hatte versucht, ihm klar zu machen, dass der Wall den Weg in die Zukunft bereiten würde. Er hatte versucht, zu erklären, warum es falsch war, der Allianz zu helfen, wenn auch sein eigener Sohn selbst mit ihm geteilter Meinung war. Doch Crowley sah die Wahrheit dahinter nicht. Crowley bestand darauf, dass er das tat, was am besten für die Zukunft von Gilneas war und dass er Genns „Tyrannei“ ein Ende setzen würde.

Ein Bürgerkrieg ergriff die Nation. Die Hauptstadt stand in Flammen, angegriffen von Gilneas’ eigenen Bürgern. Der große Traum von Archibald Graumähne verblasste.

***

Genn bog scharf ab und begann, einen Gang hinaufzuklettern, der eigentlich hätte eben verlaufen sollen. Er eilte Hilfeschreien entgegen.

Über ihm konnte er violette Arme sehen, die aus umgestürzten Trümmern reichten, welche eine Tür blockierten. Die Hände analysierten die Trümmer, die sie gefangen hielten, und suchten verzweifelt nach einem Ausweg. Sie mussten zu Seeleuten gehören, die sich in einer Kabine im Bug verbarrikadiert hatten.

Genn verlor keine Zeit. Mit seinem rechten Arm schwang er sich vorwärts, ergriff den mit einem Netz überspannten hölzernen Rahmen mit seiner linken Hand und riss den Schutt nach unten. Durch die verbogenen Hölzer der Trümmer hindurch konnte er nun das Gesicht eines männlichen Nachtelfen sehen, das ihn voller Freude anblickte.

„Beim Licht der Elune, wo kommt ihr denn her?“ rief eine Stimme.

„Wir sind gekommen, Euch zu retten.“ Er zog mit aller Kraft an den Trümmern, doch sie gaben nicht nach. Das konnte er nicht alleine bewerkstelligen.

„Drückt mit aller Kraft dagegen. Wenn wir unsere Kräfte vereinen, kann ich Euch befreien!“

„Was immer ihr sagt, Worgen.“

Genn konzentrierte sich und versuchte, die Erinnerungen aus seinem zerstreuten Kopf zu halten. Ein fallender Kelch. Wein, der über den Boden floss wie Blut. Nicht schon wieder. Sie durften ihn hierbei nicht ablenken. Sie durften ihn hier nicht schwächen. Schließlich zog er mit aller Macht an dem Schutt, während der Nachtelf dagegen drückte.

Krach! Die Trümmer stürzten nach unten. Genn warf seinen Körper gegen den Türrahmen. Ein Seemann der Nachtelfen begann, zu fallen. Doch dann konnte er Halt fassen. Sie waren frei!

„Habt Dank. Wir hatten uns schon fast mit unserem Tod abgefunden.“

„Ihr solltet Unsicheres nicht so leichtfertig akzeptieren, Nachtelf. Folgt mir.“

Schnell hasteten einige der Seemänner mit ihm nach unten. Dicke Rauchschwaden wirbelten von unten auf.

„Wo sind meine Frau und meine Tochter?“

„Eure was?“ fragte ein Seemann mit blutverschmiertem Gesicht.

„Ihr … seid König Graumähne?“ fügte ein anderer Nachtelf hinzu.

Graumähne nickte.

„Ihre Quartiere liegen unterhalb, aber wir haben sie nicht gesehen. Schildwachen waren damit beauftragt, sie in den Bug zu bringen, doch …“

„Doch was?“

„Keiner hat sie mehr gesehen oder von ihnen gehört … Sie waren in den Steuerbordkabinen.“

Genns Gedanken schwangen zu den zerfetzten Körpern der Schildwachen, die er gesehen hatte, als er das Schiff betrat. Dieses Bild wurde schnell von einer anderen einschneidenden Erinnerung verdrängt: eine Gruppe Schildwachen, die in Kielwasser in Gilneas in einer Blutlache lagen. Die Schildwachen waren von den Todeswachen der Verlassenen erschlagen worden. Diese untoten Monster, die der Bansheekönigin dienten, waren mit einem Kult abtrünniger Worgen, die sich der Einverleibung von Genns Ländereien verschworen hatten, im Bunde gewesen.

Genn und die Seeleute eilten durch einstürzende Gänge. Sie konnten fühlen, wie das Schiff mehr und mehr abrutschte. Alles passierte nun so schnell in langen, magenerschütternden Rucken. Beim Herunterklettern passierten sie die Körper der toten Schildwachen.

„Runter und dann links. Rettungsboote warten vor dem Fenster. Geht jetzt!“ Genn deutete in Richtung der rauchgefüllten Hallen zur Kabine, durch die er gekommen war.

„Die Kabine Eurer Frau liegt tiefer, in der Nähe des Achterdecks. Viel Glück und habt Dank“, sagte der Matrose.

Und so lockerte Genn seinen Halt und lies sich selbst fallen, durch den Gang, durch den Rauch. Es war ein seltsamen Gefühl, durch das Schiff zu fallen. Er konnte das Wasser unter sich steigen sehen wie es den Gang füllte.

„Helft uns!“ Es war die Stimme einer Frau. Es war Mias Stimme. Genn wusste es sofort. Er streckte seine Hand aus und ergriff einen Türrahmen, wodurch er seinen Fall stoppte.

„Ich komme, meine Liebste!“

Genn drängte sich durch einen durchnässten Korridor. Weißes Kielwasser spritzte durch die Bullaugen. Er konnte kaum sehen, ob der dicken Schicht aus Rauch und Asche, die seine Sicht erschwerte.

„Liebster!“ rief Mia. Sie befand sich vor ihm. Er musste sich nur weiter vorwärts kämpfen.

„Halte durch! Ich werde dich nicht verlieren!“ Die Erinnerungen überkamen ihn nun noch schneller, wieder waren es zerrissene Bilder von Liams verwundetem Körper in seinem Armen, ein Kelch der im Kriegsraum auf den Boden fiel, verschütteter Wein. Er schlug sie zurück — nein, nicht jetzt!

Mit den schwindenden Erinnerungen schlug er die Tür ein und drängte in die Kabine.

„Vater!“ Tess, seine wunderschöne Tochter, umschloss ihn eng. Hinter ihr lag Mia. Ihr Bein war seitlich gebogen, angeschwollen und blau: eindeutig gebrochen. „Mutter … ihr … ihr Bein ist gebrochen! Ich konnte sie nicht zurücklassen … Als das Schiff getroffen wurde, stürzte die Kommode auf sie …“

„Geht, beide. Geht, meine Lieben … Geht solange noch Zeit ist. Lasst mich einfach zurück, bitte!“ Mia versuchte trotz der Schmerzen schlüssig zu bleiben.

„Ich werde Euch nicht zurücklassen, Mutter!“

„Wir werden dich nicht zurücklassen. Niemals!“ Genn eilte an Mias Seite und umschloss sie zärtlich mit seinen Armen. Sie schrie laut ob ihrer Schmerzen und ging Genn zu Herzen. Ihr Bein baumelte schlapp.

„Psst … ruhig jetzt , meine Liebste. Ich werde dich hier raus bringen. Du musst durchhalten.“ Trotz ihrer Schmerzen lächelte sie Genn mit weiten Augen an. Ihr Lächeln erleuchtete wie immer ihr gesamtes Gesicht und kräuselte ihre Stupsnase. Es war dieses Lächeln, das ihn dazu brachte, sich vor diesen vielen Jahren, als sie sich zum ersten Mal auf dem königlichen Adreicbankett trafen, in sie verlieben ließ. Sie verfiel durch die Schmerzen in einen Schock, aber ihr Lächeln strahlte noch immer. „Halte dich an meinem Rücken fest, Tochter. Wir müssen uns sputen!“

Tess schloss ihre Arme um seine kräftige Statur und mit einer Konzentration, die er seit Tagen nicht mehr gekannt hatte, preschte Genn vorwärts in den Rauch und hielt mit jeder Faser seiner selbst an Mia fest. Die Decks waren nahezu überflutet und der Gang zum Bug stand unter Wasser. Mit einem Arm zog er sich vorwärts und schwerfällig nach oben. Tess half dabei, ihre Mutter festzuhalten. Langsam aber sicher kämpfte Genn sich und seine Familie nach vorne.

„Schneller, Vater. Das Wasser steigt!“

Genn blickte nicht nach unten. Er hörte die Dringlichkeit in ihrer Stimme und wusste, dass das Wasser sie bald einholen würde. Es zu sehen, wäre keine Hilfe gewesen.

Einen Korridor weiter passierten sie die Leichen der Schildwachen und stürzten in Richtung der Kabine, durch die er gekommen war. Doch bevor Genn noch einen Schritt weiter gehen konnte, sank ihm das Herz in die Hose. Die Schreie seiner Frau und seiner Tochter drangen ihm in die Ohren, gingen jedoch im lauten, krachenden Gejaule der Glanz der Elune unter, als diese tiefer sank. Die Zeit war gegen ihn und mit einem letzten Kraftschub hastete er so schnell er konnte zum Ausgang.

Außerhalb des Bullauges konnte er die Rettungsboote sehen, wie sie sich tummelten und die letzten Überlebenden aufnahmen. Die Strömung stieß die Ruderboote gegeneinander und Talar vollführte einen empfindlichen Balanceakt, als er die Geretteten an Bord führte. Genn konnte sehen, dass die Seeleute, die er zuvor gerettet hatte, jetzt an Bord der Ruderbote und am Leben waren.

„Talar! Die Königin ist verletzt. Ihr müsst Ihr und der Prinzessin helfen!“ schrie Genn mit einer durch die Winde dringenden Stimme.

„Lasst sie herab, ich nehme sie auf! Wir können sie heilen!“ rief Talar zurück, beeindruckt von dem Anblick, der sich ihm bot.

Genn sah nach links und rechts. Diese beiden Damen waren alles, wofür er jetzt noch lebte. Kein Volk, kein Sohn. Sie waren sein Ein und Alles. „Liebste, es wird furchtbar wehtun, wenn du fällst. Wenn ich die Schmerzen aufhalten könnte, würde ich es tun. Du musst stark sein.“

„Ich kann jeden Schmerz ertragen, wenn du bei mir bist, mein Liebster. Ich liebe dich … für immer. Und nun lass mich gehen.“

Genn lächelte und lies sie dann durch das Bullauge sinken, bis sie in den Ozean platschte. „Tess, du musst gehen. Hilf deiner Mutter!“

Tess warf ihm ein schiefes Lächeln zu, Tränen formten sich in ihren Augen. Dann schob sie sich selbst durch das Bullauge und sprang ins Meer.

Beide schossen schnell an die Oberfläche, rangen nach Luft und ruderten mit den Armen. Talars Ruderboot schob sich neben sie, während Schildwachen nach ihnen reichten und sie hochzogen.

Erleichtert und stolz ob seiner Taten, begann Genn selbst, sich durch das Bullauge zu ziehen. Doch noch bevor er seinen Weg hindurch finden konnte …

Wuschhhhhhhh!

Talar spürte einen Sog von unten. Die Ruderboote sprangen und knallten gegen einander. Als ob eine große Kraft an ihr ziehen würde, schoss die Glanz der Elune nach unten.

Genns Augen wurden weit als er schlagartig nach hinten geschleudert wurde. Er stolperte durch die Kabine in den überfluteten Gang. Ein Sog zog ihn nach unten in den Bauch des gefluteten Schiffes.

„Genn!“ rief Mia. Das Schiff war verschwunden. Alles, was noch blieb, waren schäumende, konzentrische Kreise, die in einem einzigen riesigen Punkt zusammenliefen.

Wasser füllte Genns Lungen und ließ ihn das letzte bisschen Luft aushusten. Er ruderte mit den Armen und versuchte, nach oben zu schwimmen und gegen den starken Sog von unten anzukämpfen.

Panik überwältigte ihn, sein Herz raste und klopfte in seinem Hals. Er merkte, dass er nicht mehr lang zu leben hatte.

***

Genn war von Panik ergriffen. Er konnte Godfrey, Ashbury und ein paar andere Edelmänner hören, wie sie in den Wäldern nach ihm riefen. Er wusste, es würde nicht lange dauern, bis man ihn fand. Vor ihm auf dem Boden lag eine dieser Bestien, einer dieser Worgen, die den Schwarzforst unsicher machten. Eine schreckliche Erinnerung daran, dass Arugal vor Jahren versagt hatte. Schreckliche Erinnerungen daran, dass Genn befohlen hatte, diese Bestien im Kampf gegen die Geißel einzusetzen. Noch schlimmere Erinnerungen daran, dass sich die Bestien gegen Genns eigenes Volk gewandt hatten. Sie war erschossen worden. Die Schüsse der Donnerbüchse waren nun Löcher in ihrer Brust. Wärme strömte aus dem Körper und Blutlachen formten sich.

Es war ein Geheimnis der Adligen, von dem die Bevölkerung niemals erfahren durfte. Bei jedem Vollmond gingen Genn, Godfrey, Ashbury, Marley und die anderen bis an die Zähne bewaffnet in den Schwarzforst und suchten nach Bestien, die die meisten seiner Bürger für nicht mehr als Mythen hielten, übertriebene Geschichten von Söldnern, die vom Graumähnenwall zurückkehrten. Die Edelleute jagten sie zum Sport und aus Rache, um die Plagegeister auszurotten.

Er griff in Richtung der feuchten Wärme seiner Schulter, wo seine Haut aufgerissen war und brannte. Seine Hand war beschmiert mit klebrigem, dickem, dunkelrotem Blut. Er war gebissen worden. Die Bestie hatte ihn in einen Hinterhalt gelockt und sich an seiner Schulter festgekrallt, bevor Genn einen Schuss lösen konnte. Furcht überkam ihn. Ihm wurde schlecht. Würde er sich in eines dieser Monster verwandeln, die er so hasste? Er wusste, wenn Godfrey, Ashbury und Marley den Biss sehen würden, würden sie genau das tun, was er von ihnen erwartete. Was würde er denn machen, wenn er an ihrer Stelle wäre? Sie würden ihn erschießen. Der Fluch durfte sich nicht weiter ausbreiten. Er beeilte sich, wischte das Blut von seiner Schulter und zog seinen Kragen hoch.

„Sire, wie geht es Euch?“ Es war Marley, der durch das Gestrüpp rief.

Hastig riss er mit seinen Händen ein Stück aus seinem Tornister und steckte es unter die Schulterpolster seiner Jacke. Er zog den Kragen seines Mantels noch höher und hielt sein Stöhnen zurück.

„Lord Graumähne. Wo seid ihr?“ rief Godfrey durch den Wald.

Genn zog den Kragen so hoch er nur konnte. Seine Wunde brannte und er rang vor Schmerzen nach Luft.

„Ja … Ich bin … Ich bin hier drüben. Ich habe die Bestie erwischt“, rief Genn zurück, in der Hoffnung, dass er sie täuschen könnte. Langsam trat er vom Körper zurück und atmete in kurzen, nervösen Zügen. Dann fiel er auf die Knie, um seine blutigen Hände am nassen Gras abzuwischen.

Die Zunge des Worgen hing heraus wie eine offene, rosafarbene Schleife und die glasigen Augen der Bestie bohrten sich verurteilend in ihn hinein.

***

„Vater!“ kreischte Tess, als sie sah, wie das Schiff im Meer versank.

„Kehrt zur Flottille zurück. Sofort. Ich schwimme ihm nach. Geht!“ brüllte Talar seine Befehle, als er im Rumpf des Rettungsbotes stand.

„Bitte … bitte bring meinen Mann zurück“, bat Mia.

„Ich tue, was ich kann, Königin Graumähne.“ Mit diesen Worten sprang Talar ins Wasser. Unter der Wasseroberfläche verwandelte er sich in einen Seelöwen mit glatter Haut, eine Gestalt, die er über Jahrtausende hinweg perfektioniert hatte. Diese Gestalt war ihm in seinem Matrosenleben sehr dienlich. Er konnte sehen, wie die Glanz der Elune in die Tiefen glitt und von der Dunkelheit umschlossen wurde.

Genn schwamm mit aller Kraft, trat um sich. Der Druck in seinen Lungen war unerträglich. Er konnte fühlen, wie sein Geist zu entschwinden suchte, wie er um die süße Erlösung bat, wie er darum bat, das Brennen in der Brust oder den Druck auf seinen Ohren nicht länger fühlen zu müssen. Sein Geist kämpfte, brach zusammen, wiederholte Bilder aus Erinnerungen und tanzte am Rande der Bewusstlosigkeit. Der Schmerz war vielleicht das einzige, weshalb er sich noch vorwärts bewegte.

Er sah den Tag, an dem die Worgen Gilneas angegriffen hatten. Er sah die Silhouette der mysteriösen Nachtelfenpriesterin, die ihm erschienen war, um ihn vor den bevorstehenden Gefahren zu warnen. Er konnte sehen, wie sein Sohn voller Stolz das Volk dazu aufrief, die Verlassenen zu bekämpfen. Er konnte sehen, wie sich die Leute hinter dem jungen Prinzen versammelten, die Gesichter voller Inspiration. Er erinnerte sich sehr klar daran, wie stolz er auf den jungen Mann gewesen war, den er großgezogen hatte.

Doch er wurde schnell schwächer. Sein Griff um den Türrahmen, an dem er sich festgehalten hatte, lockerte sich. Er spürte, wie ihn die Strömung nach unten riss.

Steh auf eigenen Beinen, Junge. Du kannst erreichen, was immer du möchtest, wenn du nur den Schneid und die Motivation findest, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Stimme seines Vaters hallte in seinem Kopf.

Ich weiß, Vater. Ich weiß. Als ob Genn einen dieser roten Tränke, die die Apotheker herstellten, eingenommen hätte, gab ihm die Stimme seinen Vaters neue Lebenskraft. Er schob sich selbst vorwärts, seine Augen zuckten, sein Geist fast leer …

Du kannst dich auf Weisen anspornen, die du nicht einmal selbst kennst!

Er war schon fast am Bullauge. Draußen konnte er die Umrisse einer Kreatur sehen, die sich der Öffnung näherte. Es war sein Seelöwe, der seinen Körper mit der Strömung drehte.

Genn kämpfte gegen den Sog von hinten an, der versuchte, ihn in die Tiefe zu ziehen. Er kämpfte gegen das Dunkel in seinem Geist, das mit der gleichen Intensität wie das Wasser versuchte, ihn nach unten zu ziehen. Er schloss seine Augen. Als er sie wieder öffnete sah er eine ausgestreckte, violette Hand, die durch das Fenster reichte. Es war Talar. Seine andere Hand umklammerte fest den Fensterrahmen, als die Strömung versuchte, ihn hineinzuziehen.

Genn sah direkt in die glühenden Augen des Nachtelfen, dann hinunter auf die ausgestreckte Hand. Talar war seinetwegen gekommen. Er hatte sein Leben riskiert, um einen Mann zu retten, den er kaum kannte und kaum leiden konnte.

In einem letzten Anstrengungsakt sammelte Genn jedes bisschen Stärke, das er noch finden konnten und schob sich vorwärts, seine Hand ausgesteckt, bis er Talars festen Griff erreichte.

Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

***

Das Sendschreiben lag entrollt auf dem Tisch. Liam schlug hart mit der Faust darauf, als er verzweifelt versuchte, seinen Standpunkt zu vertreten. Er war nur ein Jugendlicher, aber er würde nie wieder davor zurückschrecken, seine Meinung zu äußern. Er hatte Angst und war wütend, und er stimmte mit seinem Vater nicht überein.

„Du darfst jetzt gehen, Liam. Ich habe Deine Meinung zu dieser Angelegenheit gehört und ich weiß diese Vorstellung nicht zu schätzen.“ Genn nippte erneut an seinem Wein.

„Was, wenn die Seuche hierher kommt? Was dann?” drängte Liam.

„Das ist der Grund, aus dem der Wall unsere große Nation von den Anderen trennt”, blaffte Genn zurück. Er begann, sich leicht angetrunken zu fühlen und dieses Gespräch bereitete ihm Kopfschmerzen.

„Und was, wenn diese Kreaturen durch deinen Wall gelangen? Was dann, Vater? Überdies, was wenn wir etwas hätten tun können, um sie schon vorher aufzuhalten?

In einer einzigen hastigen Bewegung stand Genn auf und warf seinen Kelch, noch immer voller Wein, mit aller Kraft auf den Steinboden. „Wie kannst du es wagen, deinen Vater in Frage zu stellen, Junge? Hinfort mit dir!”

Der Kelch schlingerte und schepperte und vergoss den Wein über den Boden wie Blut aus einer frischen Wunde. Liam starrte ihn an, erschrocken, bevor er erneut sprach.

„Nein, Sir. Ich werde nicht gehen, bis Ihr mir zugehört habt. Vollständig zugehört. Ein einziges Mal wirklich zugehört. Sie flehen uns in diesem Schreiben an, Vater. Lordaeron bittet nur in einer höchst verzweifelten Lage um Hilfe. Sie sterben von Minute zu Minute. Das sind keine Bitten um Zölle oder—…”

„Es sind Bitten der Schwäche! Willst Du da hinausgehen? Willst Du diesen Monstrositäten entgegentreten? Ist es das? Nein. Ich werde das Leben meines Sohnes nicht aufs Spiel stellen, genauso wenig wie das irgendeines Sohnes von Gilneas. Das hätte mein Vater nicht getan, und sein Sohn wird es auch nicht tun!“

„Immer wieder Großvater. Immer. Als wärst nicht du selbst König, nur irgendein Verwalter, der den Stuhl warmhält, bis er zurückkehrt.“

„Wie kannst du es wagen, Junge?!“

„Es gibt andere Methoden, deren Erwägung sich lohnt … Dieser Sohn würde andere Entscheidungen treffen als sein Vater.“

„Als ich in deinem Alter war, war es mein größter Wunsch, so zu sein wie mein Vater. Das ist die Pflicht eines Prinzen.“

„Und ich dachte, es wäre die Pflicht eines Prinzen, eines Tages ein großer König zu sein.“ Liam wandte sich ab. Er wusste, dass er diese Auseinandersetzung verloren hatte; Sein Vater würde das tun, was er immer tat.

„Geh mir aus den Augen! Geh! Geh weit weg! … der Wall wird uns schützen, Junge, ” rief Genn aus, in seinen Stuhl torkelnd. „Er wird halten, und Gilneas wird immer groß sein … immer!“

Seine Worte hallten von den Mauern des leeren Raumes wider.

***

Genns Augenlider flatterten. Als sie sich öffneten, wurde er von stechenden Sonnenstrahlen geblendet. Schnell schirmte er seinen Blick ab. Er lebte. Er konnte keinen Regen hören oder spüren. Über ihm war eine Decke aus Schäfchenwolken an einem azurblauen Himmel.

„Ihr seid wach”, sagte eine fröhliche, bekannte Stimme.

„Talar,“ flüsterte Genn mit einem Lächeln. „Ihr habt mir das Leben gerettet.“

„Ihr habt geträumt, guter König, und dabei gesprochen.“

„Ich habe von meinem Jungen geträumt … mein Sohn hätte einen guten König abgegeben, einen besseren als dieser störrische alte Mann es ist.“

„Genn … Lord Graumähne, tut Euch das nicht an. Ihr seid–“

„Oh, nein, Talar, das ist weit entfernt von aller Trauer … es ist wahr, es wird Zeiten geben, in denen dieser Verlust mich wie ein Stein auf die Brust trifft, aber jetzt kann ich mich trösten …“

„Ich verstehe nicht.“

„Liam verstand, dass es immer andere Möglichkeiten gibt, die in Betracht gezogen werden können, dass verschiedene Zeiten verschiedene Handlungen erfordern. Ich bin als Vater stolz darauf, dass mein Sohn ein weiserer Mann war als ich.“

„Vielleicht können wir alle andere Möglichkeiten in Betracht ziehen … Euer Volk ist störrisch und das seid Ihr auch, aber ohne diese Eigenschaft wären viele der Seeleute heute nicht mehr am Leben. Es wird mir eine Ehre sein, Euch nach Teldrassil zu befördern.“

„Ach ja, Teldrassil. Man sagt, es sei ein überwältigender Anblick.“

„Kommt, Eure Frau und Eure Tochter warten. Das Bein der Königin wurde verarztet.“ Talar reichte Genn die Hand, um ihn von Deck zu heben.

Genn starrte die Hand einen Moment lang an.

„Dieser alte König braucht weder Eure Hilfe noch die irgendeines Anderen, um aufzustehen, Talar Eichenklaue. Sagt mir, dass Ihr das nicht vergessen habt,“ sagte er, während er sich mit einem verschmitzten Grinsen aufrappelte.

Talar brach in herzliches Gelächter aus. „Wie Ihr wünscht, mein Freund.“ Talar lachte noch immer in sich hinein. Es war das erste Mal, dass Genn den Nachtelfen lachen hörte oder ihn lächeln sah.

Stehend sah Genn das Sonnenlicht auf dem ruhigen Ozean glitzern. Er hatte Schmerzen. Sein ganzer Körper tat weh, doch sein Geist war wacher als er es seit Wochen gewesen war. Er wartete einen Moment lang, sicher, dass seine Gedanken bald mit Erinnerungen erfüllt sein würden, die er lieber vergessen würde. Aber in diesem Moment wurde er von keinen davon verfolgt. Die Schiffe trennten sich von der Flottille. Jetzt, da die Gefahr vorüber war, löste jedes von ihnen sein eigenes buntes Segel und glitt weiter über die sonnenbefleckte See.

„Ihr habt mir gesagt, dass dieser Erzdruide Sturmgrimm glaubt, dass mein Volk ein wichtiger Gewinn für die Allianz sein würde.”

„Das habe ich.“

„Vielleicht hat er also Recht … vielleicht hat er Recht.“

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