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Als Scarlet das erste Mal in dieser Nacht erwacht war, war ihr noch klar gewesen, dass sie etwas geträumt haben musste. Zwar war ihr nicht mehr bewusst gewesen, was genau sie geträumt hatte, doch sie hatte wenigstens gewusst, was sie geweckt hatte. Dieses Mal war es anders. Sie war einfach wieder wach geworden. Vielleicht hatte es etwas mit den diffusen Kopfschmerzen zu tun, die sich langsam hinter ihren Augen auszubreiten begannen. Vielleicht war es aber auch die allgemeine Unruhe, die sich seit nunmehr fast einem Jahr in ihr festgesetzt hatte.

Seit Ian fort war, lastete ein ständiger Druck auf ihrem Brustkorb, der bis zum heutigen Tage noch nicht verschwunden war. Und doch hatte sie, was das betraf, in den letzten Wochen – und besonders in den letzten Tagen – einen Fortschritt erlebt. Das beklemmende Gefühl war schwächer geworden. Mit einem Blick zur linken Seite wusste sie auch, warum. Er schlief ganz ruhig, zumindest für diesen Moment. Er lag auf dem Rücken und sein schulterlanges, braunes und gepflegtes Haar verteilte sich ein klein wenig wirr auf dem Kopfkissen.

Ganz vorsichtig setzte Scarlet sich auf und schob die Beine aus dem Bett. Sie wollte ihn kein zweites Mal in dieser Nacht aufwecken. Ihre ersten Schritte führten sie an das Ostfenster. Sie verweilte einen Moment dort, blickte hinaus in die Dunkelheit, ehe sie ihre Schritte auf die andere Seite lenkte und den Blick aus der Balkontür hinaus bis zum Ozean senkte. Das Mondlicht ließ seine Oberfläche glitzern, aber zu solch später Nachtstunde konnte sie keine sich brechenden Wellen sehen. Tief sog sie die Luft ein, atmete sie genau so tief wieder aus. Schon immer hatte das Meer eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt. Das Rascheln der Bettwäsche und ein leises Knarzen rissen sie aus ihren Gedanken und als sie sich umdrehte, sah sie, dass er sich im Bett gedreht hatte. Nun lag er auf der linken Seite, hatte ihr das Gesicht zugewandt.

Eolarios. Langsam bewegte sie sich auf ihn zu, ehe sie schließlich vor seiner Bettseite auf die Knie sank. Die Arme legte sie auf der Kante der Matratze ab – und ihren Blick auf seinem Gesicht. Sein Gesicht... es war so anders. So absolut anders. Jetzt fiel es ihr auf. Er sah ihm, Ian, nicht im Geringsten ähnlich. Kein blondes, leicht lockiges Haar. Keine blauen Augen. Kein breites, verschmitztes Grinsen. Nicht einmal die Form des Kopfes stimmte. Es gab körperlich nicht eine Facette an dem schlafenden Mann, die ihrem verstorbenen Ehemann auch nur im Geringsten geglichen hätte. Sie waren nicht einmal gleich groß oder gleich kräftig. Und doch verspürte sie nichts Schmerzliches, als ihr all diese Tatsachen beim Betrachten des vor ihr liegenden Mannes bewusst wurden. Im Gegenteil. Sie spürte, wie sich der Knoten in ihrer Brust weiter löste. Ihr Kinn senkte sich auf ihre Arme, und ihre Augen wanderten weiter über sein Gesicht. Sie betrachtete die Form seiner Augenbrauen, die Nase, die Wangen, den Bart, die Lippen. Das Kinn und die Stirn. Den Haaransatz. Sie fand nichts an diesem Gesicht, das ihr nicht gefiel. Absolut gar nichts. So sehr die beiden Männer sich in ihren Äußerlichkeiten auch unterschieden, so sehr ähnelten sie sich dafür im Inneren. Sanftheit dominierte, paarte sich jedoch des Öfteren mit ernster Bestimmtheit. Kaum eine seiner Entscheidungen würde sie jemals anzweifeln können, denn dieser Mann hatte das Herz eines Königs. Und das war es auch, was ihn mit der Goldkönig-Statue im Hafen von Sturmwind verband: Güte, Mut und grimmige Entschlossenheit. Und auch, wenn es beinahe schon einem Klischee entsprach... dass er so empfindlich sein konnte, gefiel ihr ebenfalls.

Plötzlich regte er sich. Sein Atem wurde unruhig, er spannte sich an. Ohne nachzudenken hob Scarlet die linke Hand und platzierte sie vorsichtig und ruhig auf Eolarios' Brust. Augenblicklich fast entspannte sich seine Gestalt wieder und der Schlaf wurde ruhiger. Sie ließ ihre Hand dort liegen, denn sie spürte seinen Herzschlag und schloss selbst die Augen. Sie spürte, wie ihre Augen vor Müdigkeit brannten. Und jetzt erst spürte sie sie auch wieder, diese Kopfschmerzen, die der Ruf des Bösen waren.

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