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Vorbereitung

Das schmale Mädchen sieht sich mit deutlichem Unbehagen um. In der Ferne wandeln zum Leben erweckte Skelette über einen Friedhof, doch Fiene ist mit dem Ort – direkt neben einem Grab – zufrieden. Näher könnten sie dem Tod wohl nicht sein, ohne dass es zu gefährlich werden würde. Zwischen den Bäumen streifen Wölfe umher, doch darum macht sich zumindest Fiene keine Gedanken.

Mit einem leisen Schnalzen lockt sie Svenja – ihre Stute – näher. Dem Pferd gefällt die Umgebung noch weniger als den Menschen, doch vertraut sie dem Mädchen genug um nicht durchzugehen. Fiene hofft, dass sie auch bleibt, wenn sie das Ritual begonnen hat.

Mit wenigen Handgriffen leert sie die Taschen, die die Stute trägt, und legt verschiedene Gegenstände auf dem Boden ab. Sherodan beobachtet sie dabei und obwohl Fiene ihn anlächelt, erkennt er doch ihre Anspannung und wieder fragt er sich, was ihn dazu verleitet hat, sie bei ihrem wahnsinnigen Vorhaben zu unterstützen.

Fiene beginnt damit, Schalen in einem Kreis aufzustellen, füllt sie mit verschiedenen Kräutermischungen auf und legt mit Runen beschriebene Steine dazu. Darauf folgen einige Kerzen, die sie ebenfalls dem Kreis hinzufügt. Mit einem Lächeln erklärt sie, dass sie nur dazu dienen, es etwas heller bleiben zu lassen. Ganz zum Schluss zeichnet sie mit einigen Zweigen, die sie ebenfalls mitgebracht hat, Runen in die Erde, schließt damit den Kreis, dann legt sie die Zweige darüber. Schließlich entnimmt Fiene einem Beutel am Gürtel eine Kerze, die sie Sherodan gibt. „Zünde sie an, sobald ich angefangen habe. Komm nicht in den Kreis, fass mich unter keinen Umständen an. Nur wenn die Flamme der Kerze erlischt, dann hol mich aus dem Kreis und bring mich zu Sash. Zerstör nur den Kreis auf keinen Fall!“

Mit diesen Worten zündet sie die Räucherschälchen an, ebenso die Kerzen und fängt einen leisen Singsang an, der ihren Geist in die Welt der Toten bringen soll. Zurück bleibt ein junger Mann, der voller Unbehagen neben dem Ritualkreis Platz nimmt und das Mädchen darin nicht mehr aus den Augen lässt.



Die Reise

Die Zwischenwelt

Fiene spürt noch, wie ihr Geist sich von ihrem Körper löst, dann wird alles schwarz. Es dauert eine Weile, bis die Schwärze einem immer heller werdenden Grau weicht, bis ihre Seele einem Pfad folgen kann, der sie nach... ja wohin bringt sie der Pfad wohl? Sie folgt ihm, denn sonst scheint es nichts zu geben in dieser grauen Welt. Obwohl sie das Gefühl hat, einen Fuß vor den anderen zu setzen, könnte Fiene niemals schwören, dass sie sich wirklich fortbewegt. Auch könnte sie nicht beantworten, wie lange sie so gegangen ist. Seltsamerweise fühlt es sich an, als sei sie ewig gewandert und überhaupt nicht.

Die erste Veränderung nimmt sie schließlich wahr, als etwas an ihr vorbeihuscht. Ein Schatten, der größer und gefestigter wirkt, als ihr eigener. Bald darauf hört sie ein Schlurfen hinter sich und als sie sich umdreht, folgt ihr in einigem Abstand ein weiterer Schatten. Er wirkt jedoch im Gegensatz zu dem Ersten nicht so stark, sondern eher erschöpft.

Fiene bleibt stehen, wartet bis der Schatten zu ihr aufgeschlossen hat und hebt ruhig die Hand zum Zeichen, dass sie ihm nichts tun wird. Der Schatten bleibt neben ihr stehen und sie nimmt wahr (ob durch sehen, hören, riechen oder fühlen kann sie nicht sagen), dass sie es mit dem Geist eines alten Mannes zu tun hat. Freundlich grüßt sie ihn und fragt: „Kann ich dir helfen, alter Mann?“

Ihre Stimme ist nicht mehr als ein Wispern und unbewusst ist sie bei diesen Worten in ihre Muttersprache gefallen, doch der Mann versteht sie. Müde schüttelt er den Kopf und antwortet mit einem ähnlichen Wispern: „Dies ist mein letzer Weg, Schwester, den ich alleine zurücklegen muss. Aber sag mir, was bringt eine junge Schwester wie dich schon hierher? Du bist anders, als die anderen Geister, die mir auf dem Weg hierher begegnet sind.“

Fiene nickt ihm zu und erklärt, dass sie lediglich hier ist, um ihren Bruder zurückzuholen, dass ihr Körper noch in Azeroth liegt und lebt. Der Mann streckt seine Finger aus, berührt mit seiner Schattenhand ihren Schattenarm. „Eile dich, Schwester, denn du hast nicht viel Zeit. Dein Körper wird sterben, wenn du zu lange hier verweilst. Die Titanen mögen deinen Weg auch hier schützen.“ Mit diesen Worten schiebt er sie weiter und Fiene versucht sich schneller davon zu bewegen.

Azeroth

Sherodan sitzt schon eine Weile an Ort und Stelle, sein Blick pendelt zwischen Fiene und der Kerzenflamme hin und her. Immer wieder fragt er sich, ob es richtig war, mit Fiene hierher zu gehen. Doch er hat ihr versprochen, ihr zu helfen, und das wird er halten. Dennoch wandern seine Gedanken wieder und wieder zu Chandra, seiner Rose, und Tika und Wyn. Niemand von ihnen weiß, dass er hier ist und wenn ihm und Fiene etwas zustößt, dann werden sie vielleicht niemals erfahren, was passiert ist. Wenigstens eine Nachricht an Chandra hätte er schreiben sollen.

Er zuckt zusammen, als durch Fienes Körper plötzlich ein Zittern geht. Erschrocken sieht er auf ihren linken Arm, der in einem Schatten versinkt und zu verschwinden scheint. Dann jedoch weicht der Schatten wieder von ihrem Arm und sie hört auf zu zittern.

Mit einem Keuchen sieht er sich um, doch alles wirkt, als wäre nichts gewesen. Fienes Körper liegt wieder ruhig in dem Kreis, ihr Atem geht regelmäßig und ruhig. Beunruhigt sieht er auf die Flamme, doch die flackert nicht einmal.

Die Zwischenwelt

Es sind wieder gefühlte Sekunden und Stunden zugleich, bis sich schließlich eine Änderung einstellt. Erst tauchen am Horizont dunkelgraue Schatten auf, dann werden sie immer größer. Dennoch dauert es noch (oder nicht?), bis sie schließlich vor einer Gruppe von Wesen stehen bleibt, die den Weg versperren. Einige davon sehen aus wie Menschen, die mit Vögeln gekreuzt wurden. Auf den langen Hälsen sitzen Köpfe, die statt Haare Gefieder aufweisen. Im Gesicht sitzt ein langer, streng aussehender Schnabel. Andere haben Fell wie Katzen und starren aufmerksam jeden an, der vorbeikommt. Wieder andere haben gar nichts mit Menschen oder Wesen gemein, die Fiene kennt. Deutlich unsicher nähert sich das Mädchen diesen Wesen, die nach und nach alle in seine Richtung starren.

Ein Vogelmensch schließlich ist es, der es anspricht. „Fiene Finndottir. Tochter von Finn Svolfson und Svanhild Udirsdottir. Dein Weg hat dich hierher geführt. Doch dein Körper hat die Welt der Lebenden noch nicht verlassen. Erkläre dich!“

Fiene zuckt unter dem strengen Krächzen zusammen, doch dann regt sich in ihr der Wille, der sie hierher geführt hat: „Ich bin hier, um Cirgo Finnson, meinen Bruder, zurückzuholen. Ich bin bereit, dafür alles zu tun!“

Die Wesen mustern sie abschätzend, ziehen sich zurück und reden miteinander, wieder ist es der Vogelmensch, der schließlich das Wort erneut an sie richtet: „Es gibt nur eine Möglichkeit, deinen Bruder in die Welt der Lebenden zurückzuschicken. Du musst hierbleiben und seinen Platz einnehmen.“

Obwohl sie mit so etwas gerechnet hat, meldet sich doch Fienes Überlebensinstinkt und lässt sie zögern. Doch dann stimmt sie zu, bereit weiter zu gehen und sich hier zu verlieren. Die Wesen weichen auseinander und machen Fienes Geist Platz um ihn endgültig in die Geisterwelt einzulassen.

Azeroth

Sherodan bleibt beinah das Herz stehen, als er bemerkt, dass Fienes Körper das Atmen aufgegeben hat. Fast ist er schon aufgesprungen, um ihn aus dem Kreis zu ziehen, als ihm Fienes Warnung einfällt. Komm nicht in den Kreis, fass mich unter keinen Umständen an... Sein Blick wandert zu der Kerzenflamme, hält den Atem an, als diese flackert. Nur wenn die Flamme der Kerze erlischt, dann hol mich aus dem Kreis... Doch das Feuer erlischt nicht. Wie um sie zu beschwören, starrt er die Flamme an, flüstert leise Worte ans Licht, dass sie nicht erlöschen mag.

Die Zwischenwelt

Fiene geht weiter und weiter und weiter. Längst hat sie vergessen, woher sie gekommen ist und wohin sie geht. Sie wird die Welt nicht mehr verlassen und versucht sich damit abzufinden. Doch auch solche Gedanken verliert sie mehr und mehr. Mit jedem Schritt vergisst sie mehr.

Irgendwann schwebt etwas schon blendend Weißes auf sie zu. Ohne darüber nachzudenken, ohne zu wissen warum, folgt das Mädchen dem Vogel, weicht vom Pfad ab und geht ins Niemandsland. Wieder wandert sie ewige Zeiten und wenige Momente, bis sie an einen Ort kommt, der nicht grau ist. Er ist auch nicht weiß oder schwarz. Er scheint einfach farblos zu sein. Das Mädchen, das einst den Namen Fiene Finndottir trug, sieht sich um, seltsame Wesen stehen vor ihm. Eines davon, ein Vogelmensch mit einem strengen Vogel, sieht es besonders lange an. Auch ist er es, der dem Mädchen seine Erinnerungen zurückschenkt. Dann wirkt er sogar so, als würde er lächeln.
„Du warst tatsächlich bereit dich und dein Leben aufzugeben, um deinem Bruder das Leben erneut zu schenken. Sanguine hat dich getestet auf deinen Willen. Du darfst deinen Bruder suchen und ihn mit dir zurück ins Leben holen. Aber beeil dich, denn wenn du zu lange bleibst, wirst du wieder vergessen. Birk – dein Begleiter – wird dir den Weg zurück zeigen.“ Er zeigt auf den Vogel neben Fiene, dann verschwindet er langsam im Nichts und mit ihm die anderen Wesen.

Azeroth

Sherodan seufzt laut und erleichtert auf, als Fienchens Körper wieder zu atmen beginnt. Die Anspannung, die seinen Körper die letzten Minuten beherrscht hat, weicht aus ihm. Er bemerkt sie erst jetzt und lacht leise und erleichtert auf. Dann erhebt er sich und geht einige Runden um den Ritualkreis herum, die Kerze fest in seiner Hand.

Die Zwischenwelt

Dieses Mal sitzt der Vogel auf Fienes Schulter. Birk. Ihr Freund und Begleiter aus alten Zeiten. Wie früher hockt der Falke auf ihrer Schulter und lässt sich von ihr tragen. Sie wandern. Mal tauchen an ihren Seiten Geister auf, mal sind sie ganz alleine unterwegs. Doch wen sie auch trifft, nie ist jemand dabei, den sie kennt. So wandert sie durch eine graue Welt, immer tiefer hinein oder vielleicht auch hinaus. Sie weiß es nicht mehr. Und so rechnet sie kaum noch damit, Cirgo zu finden, als sie plötzlich vor ihm steht. Sofort erkennt sie ihn.

Cirgo!“ Er reagiert gar nicht. Ob sie nicht gesprochen hat? Sie hat keinen Körper, nur ihre Seele. Sie versucht es erneut. „Cirgo! Cirgo hör mich doch!“ Seine Gestalt dreht sich ihr zu, mustert sie mit leerem Blick. Er erkennt sie nicht. „Cirgo, oh, bitte, ich bin es. Fiene!“ Sie verzweifelt, als er sich wieder wegdreht und einfach davongehen will. Sie will ihn am Arm packen, doch ihre Hand greift durch ihn hindurch. Dass Birk sich von ihrer Schulter erhebt und mit einem Kreischen in eine andere Richtung davonfliegt, bekommt sie gar nicht mit. Verzweifelt folgt sie dem Geist ihres Bruders – immer tiefer in die Welt der Toten, immer tiefer in ihr eigenes Vergessen.

Azeroth

Immer wieder wird Fienes Körper geschüttelt und von Schatten durchzogen. Sherodan starrt sie an, verzweifelt und inzwischen gequält. Ohnmächtig beobachtet er, wie Tränen über Fienes Wangen laufen. Dieses Mal ist er beinah erleichtert, als die Flamme flackert, gibt ihm Hoffnung, bald selber handeln zu können. Als die Flamme schließlich tatsächlich erlischt, springt er in den Kreis und hebt den schmalen Körper des Mädchens auf, drückt ihn an sich, um sie nicht ganz an die Totenwelt zu verlieren und macht sich in Eile auf den Rückweg nach Sturmwind.

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