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Cyntall Eisflamme/Das Vergangene

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Cyntall Eisflamme Das Gegenwärtige Das Vergangene

~ Ein langer Weg ~

Cyntall bog auf den Weg ab, der zum thalassischen Pass führte. „Endlich, endlich da“, dachte sie. Eine weite Reise hatte sie hinter sich gebracht. Nur noch den Weg nach oben gehen und dann war sie da. War endlich wieder in Quel’Thalas. Würde durch das südliche Quel’Thalas wandern und immer weiter in den Norden in Richtung Immersangwald. Ihn durchqueren und dann würden die Tore von Silbermond direkt vor ihr liegen.  
Obwohl ihre Füße brannten und ihr jeder Knochen weh tat, beflügelten die Gedanken an die Heimat ihre Schritte. Sie war lange fort gewesen. Ihr Vater hatte sie mitgenommen als ihre Mutter vor Jahren starb. Eine junge Elfe, mehr lästiges Gepäck für Ihren Vater, der durch seinen Dienst bei der thalassischen Armee nicht wirklich Zeit hatte, sich um ein junges Mädchen zu kümmern. Immer untergebracht im Versorgungstross, der der Einheit folgte.

Früh lernte sie was harte Arbeit bedeutete. Ob im Küchenzelt oder im Zelt der Heiler. 
“Sie kann ja niedere Dienste verrichten“, hatte ihr Vater sie angepriesen. Dafür bekam sie Kost und Logis frei. „Logis“, kicherte Cyntall leise vor sich hin und dachte an ihren Schlafplatz unter dem Küchenwagen. Eine schmutzige Decke und ein Bärenfell, alt und zerschlissen. Ihren Vater bekam sie nur selten zu Gesicht. Meist wenn sie Halt machten oder für längere Zeit an einem Ort blieben. Dann traf sie ihn, immer in Begleitung von sogenannten Damen. Oh ja, sie hatte in der Zeit viele „Mütter“ gehabt. Die erste Elfe hatte sie sogar etwas lieb gewonnen, da sie ebenfalls im Küchenzelt tätig war. Aber als Cyntall merkte, dass mit jedem Halt auch eine neue Elfe an der Seite ihres Vaters erschien, ließ das Interesse merklich nach. 
Anfangs dachte sie noch, dass alles besser war als das Waisenhaus in Silbermond. Aber mit der Zeit änderte sich ihre Einstellung. Sie wollte weg aus diesem Dreck, nicht mehr knietief bei Regen im Matsch neben den Karren herlaufen, weg von dem Blut und den Schreien der verletzten Soldaten und von der Kälte. Vor allem von der Kälte. Und damit meinte sie nicht nur die kalten und manchmal nassen Nächte. Sie wollte nicht mehr die Verletzten pflegen, sie tapfer anlächeln, obwohl sie wusste, dass sie die Nacht nicht überleben würden. Sie wollte kein Trost mehr sein, nicht mehr Mitleid vorgaukeln. Ja vorgaukeln! Mittlerweile war sie schon so abgestumpft, dass sie kaum noch etwas empfand. Sie die Schicksale der Verstümmelten und Sterbenden nicht mehr rührten.

Sie wollte wieder Wärme spüren. Saubere Kleidung tragen. Etwas anderes sehen als die dreckigen Lager in denen sie Halt machten. Sie wollte endlich richtig Lesen und Schreiben lernen und ihre Begabung für Magie voranbringen. Ihre Mutter hatte zwar angefangen sie zu unterrichten, aber sie erinnerte sich kaum mehr. 
Ihr Vater hatte sie lange gehalten. Ihr nicht erlaubt allein zurückzureisen und in Silbermond zu leben. „Erst wenn du alt genug dafür bist. Erst wenn du erwachsen bist“, hatte er immer zu ihr gesagt. Überlegungen anzustellen, warum ihr Vater so handelte, obwohl er doch kaum Interesse für sie zeigte, hatte sie schon lange aufgegeben.

Noch an dem Tag, an dem sie volljährig geworden war, hatte sie ihren kleinen Beutel gepackt und war losgezogen. Sie hatte sich nicht umgesehen. Sich nicht verabschiedet. Warum auch? Ihren Vater hatte sie schon fast zwei Monate nicht gesehen. Er war zu sehr mit der neuen rothaarigen Soldatin beschäftigt. Cyntall verabscheute diese Elfe sehr. Ihre Art sich an die männlichen Elfen anzubiedern, bei jeder noch so platten Bemerkung lachend loszugackern. Ihr ständiges Geplapper ohne Sinn und Verstand in einer, für Cyntalls Geschmack, zu schrillen Tonart. Aber ihrem Vater schien das zu gefallen. Nicht einmal zu ihrem Geburtstag war er erschienen. Egal, das alles lag nun weit hinter ihr.

Cyntall hatte fast die höchste Stelle des Passes erreicht. Schon konnte sie das große Tor in der Ferne sehen. Sie freute sich darauf das Grün von Quel’Thalas zu erblicken. Die prächtigen Bauten in der Sonne strahlen zu sehen. Die Geisel sollte ja schlimm gewütet haben. Immer wieder wurden Schauergeschichten im Lager erzählt und Cyntall hatte fasziniert gelauscht, wenn davon erzählt wurde. Aber so richtig vorstellen konnte sie es sich nicht. Übertrieben wurde ja immer und Geschichten am abendlichen Feuer, mit entsprechenden Metkonsum, ordentlich aufgebauscht. Geisterlande hatten die Besucher oder zurückgekehrten Soldaten das südliche Quel’Thalas genannt. Darunter konnte sie sich schon gar nichts vorstellen.

Nun war es soweit! Cyntall hatte das Tor durchschritten und folgte dem Weg abwärts. Ihre Schritte wurden immer schneller, ja sie rannte fast. Die Sonne schien in ihr Gesicht, sodass sie die Augen mit der Hand abschirmte. Sie blinzelte in die Sonne um sofort etwas sehen zu können, wenn die seitlichen Berge den Blick freigaben.

Abrupt blieb sie stehen. Mit offenem Mund, die Hand immer noch an der Stirn die Sonne abschirmend erstarrte sie. „Was zum...“. Cyntall stieß die Worte regelrecht hervor. Eine ganze Weile blieb sie so stehen, ungläubig auf die zerstörte Landschaft schauend. Es war wahr gewesen. Alles, alles was erzählt wurde war wahr gewesen.  
Ihre freie Hand ballte sich zur Faust und die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein. Wie konnte sie nur gedacht haben es wäre nicht so schlimm. 
„Naiv, so naiv“, schoss es ihr durch den Kopf. In ihrer kleinen Lagerwelt in der sie gelebt hatte, hatte sie es sich schön geredet. Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht. Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch sehnte sie sich zurück unter ihren Küchenwagen. „Nein, nicht zurückdenken – vorwärts, vorwärts“, mahnte sie sich. 
Mit einem Ruck kam Leben zurück in ihren Körper. Sie rannte nun den Berg hinab. Sie schaute weder rechts noch links, sondern rannte als seien alle bösartigen Kreaturen hinter ihr her, die sie je gesehen hatte. „Immersang“, schrie es in ihr, „in Immersang soll es auch Verwüstungen gegeben haben.“ Die Tränen liefen ihr über das Gesicht und der kleine Beutel auf ihrem Rücken schlingerte wild hin und her.

Sie stoppte erst ein Stück vor Tristessa. Heftig atmend blieb sie stehen und beäugte das Dorf erst mal von weitem. Verlassene sah sie dort...und, und...Elfen! Cyntall jubelte innerlich. 
Tränenverschmiert und völlig außer Atem lachte sie wild los. Sie war fast zu Hause.

Cyntall blieb einige Tage in Tristessa. Zum einen um sich zu informieren und zum anderen hatte sie auch kaum noch Geld. Sie gruselte sich zwar vor den Verlassenen, aber für die Elfen hier schienen sie kein Problem zu sein – im Gegenteil. Sie schienen froh zu sein, dass sie hier waren. Also, erledigte Cyntall einige kleinere Aufgaben und verdiente sich so ein paar Kupferstücke. Sie hatte es grob überschlagen. Sie würde einiges an Silber brauchen um über die ersten Tage in Silbermond zu kommen.

Wenn alles gut lief würde sie vielleicht eine Anstellung bekommen. Vielleicht in einem Laden oder Gasthaus, vielleicht sogar in einem Adelshaus. Ihr Traum war zwar ein anderer, aber immer schön der Reihe nach. Cyntall schmunzelte während sie den Boden im Gasthaus fegte. Auf so eine magische Schule zu gehen wie ihre Mutter es getan hatte und wie es die edel gekleideten Elfen bestimmt getan hatten, die ab und an im Versorgungslager aufgetaucht waren, das wäre etwas! 
Cyntall hatte hier in Tristessa einiges erfahren über den Sonnenzornturm und über das Arkaneum in Silbermond. Auch einen Orden sollte es geben, die magisch begabte Elfen aufnahmen. Allerdings hatte Cyntall die mitleidigen Blicke bemerkt, die ihr von den Elfen, mit denen sie über diese Möglichkeiten sprach, zugeworfen wurden. 
Cyntall verließ das Gasthaus und klopfte den Besen aus. Als sie sich anschickte am Brunnen Wasser zum Aufwischen zu holen, hörte sie lautes Geschrei. „Wieder einmal ein Angriff dieser Monster“, dachte Cyntall und zog sich schnell in die Sicherheit des Gasthauses zurück. 
Nachdem die Wachen den Angriff zurückgeschlagen hatten, konnte Cyntall ihr Wasser holen. Sie räumte die Sitzkissen nach draußen und besprenkelte dann den Boden etwas mit Wasser. Dann tauchte sie den Schrubber in den Eimer und wischte so gut es ging den Dreck vom Boden.

Mitleidige Blicke. Ja, sie hatte sie gespürt. Sie wusste ja, dass sie nicht viel hermachte. Ihre knochige, magere Gestalt. Die alte Robe die sie trug war zwar immer frisch gewaschen, allerdings gingen die etlichen Flecken schon gar nicht mehr ganz raus.  
Dabei hatte sie sich so gefreut, als ihr Vater ihr die Robe eines Tages mitgebracht hatte. 
Erst später erfuhr sie, dass er die Robe für eine seiner Liebchen gekauft hatte. Offensichtlich hatte sie nicht gefallen. Barfuss lief sie seit die Sohlen an ihren Schuhen so abgelaufen waren, dass sie sowieso keinen Schutz mehr boten.

Das waren auch die Dinge, die sie erledigen wollte, bevor sie sich bei diesen Stellen bewarb. Eine Robe. Schuhe, vielleicht sogar einen Umhang. Und einen neuen Lederbeutel wollte sie auch. Eine Unterkunft musste auch gefunden werden. Und lesen und vielleicht sogar schreiben wollte sie richtig lernen. 
Cyntall seufzte leise vor sich hin. Das würde Unsummen verschlingen. So viele Böden konnte sie gar nicht wischen. Nein, sie würde so schnell es ging weiterreisen. Silbermond entgegen. 
Sie schreckte vor harter Arbeit nicht zurück. Sie würde schon etwas finden.

„Geht das nicht etwas schneller?“ Die laute Stimme des Gastwirtes, der sie anschrie, schreckte Cyntall aus ihren Gedanken. Sie hatte aufgehört zu wischen und wohl gedankenversunken an den Wischmob gelehnt und ins Leere gestarrt. Mit hochrotem Kopf nickte Cyntall entschuldigend dem Gastwirt zu und fing wieder an zu wischen. 
„Blöder Kerl“, dachte Cyntall. Als ob es hier noch etwas zu retten gab. 
Sollte er lieber das Haus reparieren. Aber es bestärkte Cyntall nur in ihrem Vorhaben weiterzuziehen. Morgenluft! Morgen würde sie aufbrechen. Dort konnte sie bestimmt auch noch ein paar Kupfer verdienen.


~ Angekommen ~

Cyntall verließ Silbermond in Richtung Westen. Ziel war ihr kleiner Angelplatz bei der Brücke, die auf die Sonneninsel führte. Gedankenverloren spazierte sie durch den Immersangwald, lief über den Falkenplatz und beschleunigte dann ihre Schritte, um so schneller das zerstörte Gebiet mit den vielen Vertriebenen zu durchqueren. „Arme Seelen“, dachte sie. Diese ehemaligen Elfen waren ihr zwar nicht geheuer, aber sie empfand auch tiefstes Mitleid mit diesen Kreaturen.

Cyntall durchquerte das Tor und erreichte die kleine Brücke. Sie bog zum Ufer ab und wanderte ein Stück daran entlang. Als sie einen Platz fand, der durch einen schattenspendenden Baum etwas angenehmer war, breitete sie eine kleine Decke aus und ließ sich nieder.

Es war nun fast schon einen Monat her, dass sie den thalassischen Pass heruntergelaufen und in Silbermond angekommen war. Cyntall seufzte leise. Alles hatte sich doch viel schwerer gestaltet, als sie sich das so vorgestellt hatte. Sie hatte immer noch kein Zimmer und lebte in einem kleinen Zelt auf einem Wiesengrundstück, dass der hiesige Fischer für sich beanspruchte. Auch eine Arbeit, von der sie leben konnte, hatte sie noch nicht gefunden. Sicher, das Ausnehmen der Fische, wodurch sie sich das Recht verdiente dort ihr Zelt aufzuschlagen, war zumindest ein Anfang....aber dennoch.

Cyntall schnupperte an ihren Händen. Angewidert verzog sie das Gesicht. „Wenn ich das noch lange mache, bekomme ich den Geruch gar nicht mehr weg“, dachte sie. Erst vor einigen Tagen, als sie zu diesem Gelehrtentreffen ging, hatte sie sich die Hände fast blutig geschrubbt. Sie wollte auf keinen Fall, dass die Gelehrten die Nase rümpften weil sie nach Fisch stank.

Mit einem melancholischen Gesichtsausdruck sah sie übers Wasser. Wie einfach war alles gewesen...früher....als sie noch Kind war und bei ihrer Mutter hier gelebt hatte. Heute gehörte ihre damalige Heimat zu dem noch zerstörten Teil von Silbermond. Sie hatte versucht zu ihrem Haus zu kommen, wollte nachsehen, ob noch etwas dort war... Erinnerungsstücke, alte Sachen oder wenigstens kaputte Einrichtungsdinge. Aber sie war gar nicht so weit vorgedrungen. Die Vertriebenen schienen überall zu sein und hatten das Gebiet fest im Griff.

Cyntall erinnerte sich an das prachtvolle Haus, an die Empfänge und Feste die dort gefeiert wurden. Sie immer an der Seite ihrer Mutter. Jedenfalls so lange, bis es Zeit war ins Bett zu gehen. Heimlich hatte sie an dem Geländer der Empore zugeschaut. Die Elfen in ihren herrlichen Gewändern beobachtet, den Gesprächen über Magie gelauscht....Magie...Cyntalls Augen leuchteten bei dem Gedanken daran.

Ihre Mutter hatte angefangen sie zu unterrichten, obwohl ihr Vater sie noch für zu jung hielt. „Aber das Kind hat ein so großes Potential“, hörte sie noch ihre Mutter sagen. Sie hätte sogar auf eine Schule gehen sollen. Alles war schon in die Wege geleitet worden, das Schulgeld bezahlt. Ein Magister hätte sie unterrichtet. Cyntalls Augen leuchteten nun so stark, dass das normale Grün so tief war, dass es fast schwarz wirkte.

Aber dann war alles anders gekommen. Ihre Mutter starb. Ihr Vater, eh kaum zu Hause, nahm sie mit, riss sie aus ihrer gewohnten Umgebung und schleppte sie in ferne Länder. Abgestellt in einem Versorgungstross, der der Einheit ihres Vaters folgte. Verurteilt zu harter Arbeit und um sich herum nur derbe Gesellen, die in einem rauen Ton kommunizierten. Magie hatte Cyntall nur heimlich gewirkt. Unter ihrem Küchenwagen hatte sie kleine Flämmchen ab und an entstehen lassen. Tanzende kleine Lichter die ihr Wärme spendeten. Ihre einzigen Freunde.

Cyntall schüttelte sich und riss sich damit aus den Gedanken der Vergangenheit. Das alles lag weit hinter ihr. Sie wusste was sie wollte...und sie wusste was sie nicht wollte.

Aber leider war es nicht leicht ihre Wünsche zu erfüllen. Sie war nicht mehr die reiche Tochter einer angesehenen Arkanistin. Die Kriege hatten tiefe Wunden in ihr Volk geschlagen. Viele waren den Feinden zum Opfer gefallen. Keiner kannte mehr ihre Mutter. Jedenfalls hatte sie dieser Elf mit dieser Begründung aus dem Sonnenzornturm verjagt. Sie hatte auch sonst niemand Bekanntes mehr in Silbermond angetroffen. Die Namen, die sie im Kopf hatte schienen ausgelöscht.

Cyntall streckte ihre Beine aus und berührte mit den Zehen leicht das kühle Wasser. Sie stütze sich mit den Armen ab und legte sich leicht zurück. Die Sonne schien auf ihr Gesicht. Schien ihren ganzen Körper zu durchfluten. Sie spürte die Energie die sie durchströmte. Cyntall schloss die Augen und konnte die Energie fast anfassen, berühren, mit den Gedanken formen. Immer mehr und mehr floss durch sie hindurch, immer tiefer tauchte sie ein. Das Glücksgefühl, dass sie dabei empfand wurde immer größer, immer gieriger.

„Hör auf, NEIN“, schrie es in ihr. Cyntall riss die Augen auf und atmete heftig und stoßweise aus. Genau das wollte sie nicht. Das hatte bestimmt auch der Magister beim Gelehrtentreffen gemeint. Unkontrollierte Magie wirken war gefährlich. Die Abhängigkeit, die Gefahr sich zu verirren....

Cyntall richtete sich ruckartig wieder auf und starrte übers Wasser. Was hatte sie eigentlich bisher erreicht? Sie hatte ein einfaches Kleid angezahlt. Aber es fehlten ihr immer noch 4 Silberlinge um es endgültig ihr eigen zu nennen. Sie hatte eine Arbeit bei einem Fischer. Dafür durfte sie auf der kleinen Wiese hinter dem Fischerwagen schlafen.

Sie war bei einem Vortrag und bei einem Gelehrtentreffen gewesen. Aber der Magister vom Arkaneum hatte deutlich durchblicken lassen, dass eine Ausbildung mit einem entsprechenden Obolus verbunden ist. Und Cyntall war sich durchaus bewusst, dass der Magister damit bestimmt nicht nur ein paar Silberstücke gemeint hatte. Ab und an verdiente sie zwar ein paar Kupferstücke, wenn sie half Einkaufskörbe zu tragen oder kleine Dienstgänge übernahm, aber die gingen meist für den täglichen Bedarf wieder drauf.

Sie brauchte noch so viel. Schuhe, sie musste ihren Rucksack reparieren lassen oder gar einen neuen kaufen. Sie wollte sich im Lesen und Schreiben unterrichten lassen. Aber der Unterricht würde auch einiges kosten, geschweige die Materialien, die sie dafür benötigte. Ein Zimmer mit einem richtigen Bett, feinen Laken, Kopfkissen.

Cyntall seufzte wieder und stieß dann trotzig mit einem Fuß ins Wasser. Es musste einfach gehen...ES MUSSTE!


~ Piri ~

Recht früh, der Morgen war noch nicht erwacht, war Cyntall aufgestanden. Sie wusch sich und zog sich an. Dann verließ sie das Anwesen von Magister Blutflamme und eilte nach Silbermond. Meister Drathen war bestimmt schon mit dem Fang zurück. Sie würde einiges zu tun haben. Und Cyntall freute sich darauf. So sehr sie sich gewünscht hatte in einem schönen Haus zu wohnen, elegante Kleidung zu tragen und gepflegte Konversationen zu betreiben, so ungewohnt war das alles für sie.

„Ich gewöhne mich schon daran“, murmelte Cyntall sich selbst zu. Es war ja nicht so, dass es ihr nicht gefiel. Aber als sie jetzt den Weg entlang lief, das noch von der Nacht nasse Gras unter ihren Füßen spürte und gleich munter mit Meister Drathen plaudern würde, freute sie auf gewisse Weise auch.

Als Cyntall beim Fischer eintraf war er schon damit beschäftigt die großen Fischkisten vom Wagen zu laden. „Du kommst gerade recht“, begrüßte er sie. Cyntall setzte sich auf ihren gewohnten Platz und begann damit die Fische auszunehmen, zu waschen und zu salzen.

Nebenher plauderten sie über alles mögliche. Den neuesten Tratsch über die Silbermonder Gesellschaft, Meister Drathen erzählte wie ihm ein Netz heute morgen gerissen war, weil ein Baumstamm das Boot gerammt hatte und Cyntall sprach natürlich über den Unterricht bei der Magistrix, erzählte von den Magistern und berichtete von ihrer neuen Unterkunft. Die Zeit verging wie im Fluge und als der letzte Fisch ausgenommen war und Cytall den Abfall aufräumte und die Messer auswusch, war ihr sogar etwas wehmütig zumute.

„Wirst du denn weiterhin jeden Morgen kommen?“ Meister Drathen sah sie fragend an. „Natürlich, warum denn nicht. Immerhin muss ich ja etwas Silber verdienen.“ Cyntall lachte ihn beruhigend an. „Gut, dann muss ich niemand neues suchen und einlernen.“, nickte Meister Drathen erleichtert. „Könntest du auf dem Heimweg noch ein paar Köder zu Mavael bringen?“ „Gerne“, antwortete Cyntall dem Fischer und nahm das Bündel mit den Ködern entgegen.

Cyntall bog nach Westen ab, auf die Straße, die zur Sonneninsel führte. Sie würde Mavael sicher bei seiner kleinen Hütte finden. Sie freute sich auf den einfachen Elfen. Sicher, er war kein Meister der Konversation, aber Cyntall mochte ihn gerade deshalb. Für ihn war weiß einfach weiß und schwarz einfach schwarz. Er sprach nicht in den vielen Grautönen, wie manche Elfen in Silbermond.

Schon von weitem sah sie, dass er zuhause war. Sein weißer Schreiter stand in der kleinen Koppel neben der Hütte. Mavael hatte ihr den Schreiter schon zweimal geliehen, damit sie sicher zu dem Gelehrtentreffen nach Morgenluft kam. „Na du?“ Cyntall streichelte sanft über seinen Hals, als der Schreiter an das Gatter kam. „Wo ist denn dein Herrchen?“ In diesem Augenblick trat Mavael ins Freie und sah Cyntall erfreut an. Er mochte die kleine, schmächtige Elfe die aussah, als ob sie der Flügelschlag eines Drachenfalken wegwehen könnte, sehr.

„Ich hab was für dich von Meister Drathen.“ Cyntall streckte ihm das Bündel entgegen. Mavael nahm es entgegen und setzte sich auf die kleine Bank vor seiner Hütte, um die Köder gleich zu inspizieren. „Ich freue mich zwar immer wenn du mich besuchst, aber es wäre nicht nötig gewesen. Ich wollte eh noch beim Abdecker vorbei, da hätt ich sie auch abholen können.“ Mavael betrachtete weiter interessiert die Köder.

„Abdecker?“ Cyntall wiederholte das Wort. „Was willst du denn bei dem?“ Mavael sah kurz auf und widmete sich dann wieder den Ködern. „Er ist in die Jahre gekommen. Er lahmt auf einem Bein und den Buckel nach Morgenluft kommt er auch nur noch mit Mühe hoch.“ Mavael deutete auf den weißen Schreiter in der Koppel. Cyntall sah ihn erschreckt an. „Als ich nach Morgenluft mit ihm bin, ist er ohne Mühe da hoch gekommen“, antwortete sie trotzig. Mavael sah sie kurz an. Hätte er doch nur nichts gesagt. „Du bist auch nicht so schwer wie meine Fischtaschen und Netze. Beim Abdecker bekomme ich noch einen guten Preis dafür.“ Mavael vermied es Cyntall direkt in die Augen zu sehen und widmete sich ausgiebig weiter seinen Ködern.

Cyntall starrte ihn immer noch an. Bilder aus der Vergangenheit schossen in ihr hoch. Als die Abdecker der Armee nach einer großen Schlacht oder einem Kampf die verletzten Tiere töteten. Sie hatte das immer als sehr grausam empfunden, aber die Leute im Lager hatten sich, in Aussicht auf frisches Fleisch zu den Mahlzeiten, immer gefreut. Die herrlichen Schlachtrösser der Blutritter, die herrlichen Schreiter. Manche wären mit viel Mühe wohl zu retten gewesen. Aber dafür war nie Zeit gewesen. Ein Schwertstreich war um so vieles einfacher.

„Wie viel“, herrschte Cyntall den Elfen an. Mavael sah auf und sie diesmal direkt an. „Kleines, so ein Schreiter kostet einiges an Unterhalt“, versuchte er die aufkommende Diskussion im Keim zu ersticken. „Das habe ich nicht gefragt...WIE VIEL!“

Mavael sah die aufgebrachte Elfe weiterhin ruhig an. „Fünf Gold wird er mir schon bringen. Die weißen Federn sind ja auch selten bei Schreitern.“ Mavael wandte sich wieder seinen Ködern zu in der Hoffnung, der hohe Betrag würde die kleine Elfe zum Schweigen bringen.

Cyntall schwieg auch. „Fünf Gold“, flüsterte sie innerlich. Das war für sie ein unvorstellbares Vermögen. So viel würde sie nicht aufbringen können, sie besaß doch nichts an Wert. Fieberhaft überlegte Cyntall. Es musste gehen, es musste einfach gehen.

In diesem Augenblick bekam sie einen Stoß von hinten, der sie ein, zwei Schritte vortaumeln ließ. Der Schreiter hatte die kleine Elfe, die immer noch beim Gatter stand, leicht angeschubst. Cyntall drehte sich um, ging auf ihn zu und streichelte wieder seinen Hals. „Na du? Ich hab gar kein Leckerli für dich.“ Cyntall klopfte zur Bekräftigung auf ihren Rucksack.

Halt! Cyntall erstarrte. Ihre Hand hatte gegen die im Inneren des Rucksacks verborgene Seitentasche geklopft. Sie besaß etwas Wertvolles. Die kleine Elfe ließ ihre Hand in den Rucksack gleiten. Wie automatisch öffneten ihre Finger die Lasche der Seitentasche und sie holte das kleine Kästchen heraus und schlug den Deckel zurück. Die Kette, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte, strahlte im Sonnenlicht. Cyntall dachte an den Ball. Dort hatte sie sie zuletzt getragen. Die blaue Perle war selten und bestimmt wertvoll. „Was machst du? Du kannst doch nicht einfach die Kette weggeben“, flüsterte es in ihr.

Sie legte die Kette auf die flache Hand und hielt sie Mavael hin. „Hier! Sie bringt dir bestimmt mehr als fünf Gold.“ Mavael sah Cyntall erstaunt an und dann auf ihre Hand. Er wusste, woher sie die Kette hatte und wie viel sie ihr bedeutete. Voller Stolz hatte sie sie ihm vor dem Ball gezeigt und fast geweint, als sie von ihrer Mutter sprach. War das wirklich ihr Ernst? Prüfend sah er in ihre Augen. Er sah darin eine wilde Entschlossenheit, aber auch noch etwas anderes, was er nicht deuten konnte.

Cyntall hielt den Atem an. Würde er akzeptieren? Wollte sie das überhaupt? Vor ihrem geistigen Auge erschien ihre Mutter. Der Tag an dem sie ihr die Kette geschenkt hatte. Sie hatte gelächelt und gesagt, dass die blaue Perle gut zu ihren großen blauen Augen passen würde, dass sie sie immer in Ehren halten solle und dass die Kette an sie erinnern soll, wenn sie mal nicht mehr sei. Cyntall schluckte. Jetzt bloß nicht weinen, nicht weinen!

Mavael sah sie immer noch prüfend an. „Cyntall, willst du das wirklich?“ „Nein“, schrie es in ihr. „Nicht meine Kette. NEIN!“ Aber sie nickte dem Elfen zu. Mavael überlegte. So energisch und zugleich verzweifelt hatte er die kleine Elfe noch nie erlebt. Schließlich nickte auch er. „Dann soll es so sein.“ Er nahm die Kette aus ihrer Hand und packte sie in seine Tasche.

Cyntall stand wie versteinert. Sie konnte sich nicht rühren. Einzig ihre Augen folgten der Kette und dann der Tasche, die Mavael nun schulterte. „Ich werde die Köder gleich ausprobieren. Nimm ihn ruhig aus der Koppel. Zaumzeug und Sattel findest du in dem Verschlag da hinten.“ Mavael nickte der Elfe zu und verschwand dann in Richtung Meer.

„Was hast du getan?“ Cyntalls innere Stimme schrie immer noch. Erst als der Schreiter anfing an ihren Haaren zu knabbern und zu zupfen, kam sie in die Wirklichkeit zurück.

Sie drehte sich um und betrachtete den alten Schreiter. Ihre innere Stimme war immer noch am schimpfen. „Toll, das hast du ganz Klasse gemacht. Kein Geld, keine richtige Kleidung, keine eigene Wohnung, keine richtige Arbeit, die Kette von deiner Mutter weg....aber einen Schreiter. Toll, wirklich toll.“

Der Schreiter knabberte weiter ausgiebig an ihrer Robe herum. Ein Bändchen am Arm schien es ihm besonders angetan zu haben. Cyntall fing wieder an seinen Hals zu streicheln.

„Hallo Piri.“


~ Alles Gute ~

Cyntall hatte sich in die gemütliche Bibliothek im Anwesen des Magisters Blutfamme zurückgezogen. Es war tief in der Nacht, das ganze Haus war dunkel, bis auf die kleinen Leuchter in den Fluren.
Barfuss war sie in die Bibliothek getrapst, hatte sich nicht unten hingesetzt...nein, ihr Lieblingsplatz war der große Ohrensessel, der auf der obersten Galerie vor dem schönen Fenster mit den bunten Glasscheiben stand. Sie wickelte die Decke, die auf dem Sessel lag, um sich herum, zog die Beine an, kuschelte sich zusammen, zündete die kleine Kerze auf dem Beistelltisch an und starrte in die Dunkelheit.

Auf den Tag genau war sie nun ein Jahr aus dem Armeelager ihres Vaters weg. Seit gut vier Monaten hier in Silbermond. Es war ihr Geburtstag.
Sie feierte ihn wie alle anderen Geburtstage, seit ihre Mutter gestorben war – alleine und mitten in der Nacht.
Cyntall zog einen kleinen Beutel aus ihrem Umhang. Keiner beim Arkanistentreffen hatte es bemerkt. Hatte bemerkt, wie sie heimlich zwei der leckeren Kekse in ihren Beutel verschwinden ließ. Die schmächtige Elfe biss genüsslich ein Stück ab, dann starrte sie wieder in die Dunkelheit.

Was hatte sie bisher erreicht? Cyntall zog ein altes und zerfleddertes Pergamentstück aus ihrem Beutel. „Meine Liste.“ Fast liebevoll betrachtete die kleine Elfe das fast schon zerfallende Pergament - geschrieben über Jahre. Je älter sie wurde, umso mehr Punkte waren dazugekommen.
Fast alle Punkte waren durchgestrichen. Ein paar wenige noch offen, aber sie waren wenigstens angegangen. Kein Punkt mehr, der noch gar nicht erledigt wurde.
„Wenn das kein Grund zum Feiern ist.“ Cyntall biss wieder ein Stück von ihrem Keks ab, dann ging sie Punkt für Punkt durch, indem sie symbolisch mit ihrem Finger einen Haken hinter jeden setzte.

„Nach Silbermond.“ Der erste Punkt auf ihrer Liste war schon so verwischt, dass Cyntall ihn mehr aus der Erinnerung wusste.
Früh am Morgen hatte sie sich aus dem Lager geschlichen, war erst recht ziellos durch das Ödland gewandert, bis sie zu dem großen, feurigen Graben kam. Zwei Tage hatte sie gebracht, um den richtigen Ab- und Aufstieg zu finden. Dann hatte sie sich durch das Land der Zwerge geschlichen. Cyntall wusste nicht wie es genannt wurde. Sie hatte gehofft einen Weg abseits zu finden, aber dann musste sie doch durch die Berge.
Wochen hatte es gedauert, bis sie durch die Pässe kam, die immer gut bewacht wurden. Bei Regen und Kälte hatte sie gewartet, bis sich eine Lücke in der Wachablösung ergab und sie durch den Tunnel schlüpfen konnte, nur um dann vor dem nächsten zu stehen.

Aber dann hatte sie es geschafft. War unten im Tal gestanden. Das Einzige was sie wusste war, dass sie nach Norden musste. Sie war an den nördlichen Berghängen weitergeschlichen, immer wartend, dass der Weg frei war, dass sie im Schatten der Dunkelheit durchhuschen konnte. Fast zwei Monate war sie dann in dem Land, dass der großen Steinbrücke folgte herumgeirrt. Hatte keinen Durchgang nach Norden gefunden, bzw. keinen, den sie sich traute zu gehen. Obwohl sie Siedlungen der Horde fand, wagte sie sich nicht dorthin. Panische Angst beherrschte sie. Sie wollte nicht zurückgebracht werden.

Als auch noch ein Mensch sie bei ihrem Nachtlager aufspürte, dachte sie ihr letztes Stündlein hätte geschlagen.
Cyntall dachte an den jungen Mann, der vor ihr gestanden hatte mit gezücktem Schwert. Jung war er gewesen, sehr jung...fast noch ein Kind. Aber sie hatte Glück gehabt. Was sie letztendlich rettete wusste sie nicht. Vielleicht die paar Bocken Menschensprache, die sie ihm an den Kopf warf, vielleicht auch nur ihre inzwischen recht verwahrloste Gestalt. Dreckig, zerlumpt und halb verhungert hatte er wohl Mitleid gehabt.
Angeschrieen hatte er sie. Bedrohlich war er näher gekommen und hatte wild gestikuliert.
Die kleine Elfe hatte nicht viel verstanden, nur einige Worte. Aber offensichtlich wollte er, dass sie dahin verschwand wo sie hergekommen war. Immer wieder hatte er in eine Richtung gezeigt und sie angeschrieen.
Cyntall hatte begriffen, hatte ihren Rucksack geschnappt und war losgelaufen, ja gerannt...nach Westen. Immer weiter und weiter. Und dann war sie vor dem großen Wall gestanden, den sie von früher kannte. Verlassene bewachten den Eingang, aber sie fand ein Loch in der Mauer, wo sie durchschlüpfen konnte.

Cyntall lachte leise und biss erneut von ihrem Keks ab. Der Weg wurde nicht einfacher, aber sie kannte sich einigermaßen aus. Sie kam sogar recht gut voran. Sie durchstreifte weiter vorsichtig die Wälder, schlich an Unterstadt vorbei und dann nur noch durch die Pestländer.
Wenn sie doch nur gewusst hätte, dass es in Unterstadt ein Portal mitten nach Silbermond gab. Ihre Reise wäre um Wochen kürzer gewesen.

Die nächsten Punkte waren alle ebenfalls erledigt. Sie hatte eine Bleibe gefunden, verdiente etwas Silber. Sogar eine recht ansehnliche Garderobe hatte sie schon. Und die Ausbildung! Sie hatte es geschafft unterrichtet zu werden.
„Die liebe, liebe, hohe Dame“, flüsterte Cyntall leise. Was für ein Glück hatte sie gehabt, diese wunderschöne Elfe zu treffen.
Cyntall tat so, als ob sie ein Glas in der Hand hätte und prostete ins Leere. „Auf Euch, hohe Dame und auf Euch, hoher Herr.“

Die kleine Elfe wollte eigentlich beim Arkanistentreffen, wenn es etwas ruhiger geworden war, mit der hohen Dame anstoßen. Aber es hatte sich nicht ergeben. Auch die schlichte Silberkette, die Cyntall aus Dankbarkeit für sie gefertigt hatte, konnte sie nicht übergeben.
Es war alles recht unglücklich gelaufen.

Schon in Silbermond hatte sie den Magister vom Sonnenzornturm getroffen. Sie konnte doch nicht einfach vorbeilaufen. Das wäre unhöflich gewesen. Also war sie mit ihm zusammen Richtung Morgenluft gegangen. Dann kam die hohe Dame auch noch später und der Magister wies sie an sich neben ihn zu setzen.
Cyntall hatte genau gespürt, dass es der hohen Dame nicht recht gewesen war, hatte ihren Blick aufgefangen. Und als der Magister dann vorzeitig ging und sie vor allen Anwesenden auch noch an das morgige Treffen erinnerte, hatte sogar der hohe Herr Magister vom Arkaneum irritiert geschaut. Nein, das war wirklich nicht gut gelaufen.

Cyntall schob sich den Rest des ersten Kekses in den Mund und griff zum zweiten. Sie verstand sowieso nicht, was zwischen dem Magister vom Sonnenzornturm und der hohen Dame ablief. Irgendetwas musste vorgefallen sein. Sie konnte jedenfalls die Spannung, die in der Luft lag wenn die Zwei aufeinander trafen, fast körperlich spüren.
„Und ich mittendrin“, flüsterte sie.
Genau das hatte sie eigentlich verhindern wollen. Cyntall mochte die hohe Dame sehr, aber entgegen allen Horrormeldungen, die sie über den Magister gehört hatte, mochte sie ihn irgendwie auch...irgendwie.
Wenn all die Zwänge und Verpflichtungen, die ihm durch seinen Stand auferlegt waren wegfielen, dann, ja dann war er sogar recht....Cyntall suchte nach einem Wort...umgänglich.
Leider blitzte dieser Magister nur sehr selten hervor. Die kleine Elfe kicherte in die Nacht.
„Wenn alle Archäologen zusammen gruben, ob sie je das wirkliche Wesen des  Magisters ausbuddeln könnten?“

Ihr Vater hatte immer zu ihr gesagt, wenn sie ihn nach magischer Ausbildung fragte: „Ich möchte nicht, dass du so wirst wie deine Mutter.“
Hatte sie ihn missverstanden? Hatte er nicht gemeint „so wie deine Mutter“, sondern eher „so wie eine Magistrix?“ Cyntall wusste es nicht. So zu werden wie ihre Mutter war immer ihr größter Traum gewesen, aber sie verstand nun, dass es einen haarfeinen Unterschied in der Aussage ihres Vaters geben konnte.

Als sie heute Abend allein nach Hause ging, hatte Cyntall ein Gefühl gehabt, dass sie nie für möglich gehalten hätte. Sie hatte Heimweh gehabt. Heimweh nach dem geregelten Lagerleben. Nach den einfachen Elfen, die dort arbeiteten, nach den manchmal rauen Gesellen, die nach dem Dienst ans Feuer kamen und so machen derben Spaß mir ihr trieben.
Sogar Heimweh nach der Kälte ihres Vaters.

Nein! Sie würde weiterlernen. Sie würde mit der hohen Dame arbeiten und alles was nötig war lernen. Sie würde auch mit dem Magister lernen. Sie würde nicht wieder davonlaufen.
Und wenn es den Herrschaften nicht genügte was sie tat, Cyntall schluckte schwer, dann konnte sie auch nichts daran ändern.

Cyntall steckte das alte Pergament wieder in ihren Beutel. Den letzten Punkt konnte sie noch nicht abhaken. Sie kuschelte sich tiefer in den Sessel. Die Kälte der Nacht zog nun doch durch die Mauern.

„Alles Gute zum Geburtstag, Cyntall“, flüsterte sie leise und biss in den Keks.


~ verwirrend klar ~

Cyntall saß am Strand, angelehnt an einen Baumstamm und verfolgte das muntere Treiben der Elfen, die teilweise im Wasser herumplantschten oder mit einem Ball im weichem Sand spielten.
Meister Drathen hatte sie erst heute Morgen zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und die kleine Elfe war versucht gewesen es einfach abzulehnen. Zu müde und erschöpft fühlte sie sich. Aber dann hatte sie seinen Ausdruck im Gesicht gesehen, als er die Einladung stammelte. Ja, stammelte! Er, bei dem sie anfangs Fische ausgenommen hatte, der ihr eine Bleibe auf seiner Wiese zugestanden hatte als sie nichts besaß und halb verwildert in Silbermond angekommen war. Sie hatte es in seinen Augen gesehen. Er hatte Bedenken gehabt. Bedenken sie zu so einer einfachen Feier einzuladen.
Dabei kannte Cyntall die meisten Elfen die hier anwesend waren und sie kannten die kleine Elfe. Aber als sie auf Piri hier angekommen war, hatte sie den gleichen Ausdruck in den Gesichtern der Elfen gesehen. Eine Elfe, die als Dienstmädchen arbeitete und mit der Cyntall oft geschwatzt hatte, hatte sogar einen Knicks gemacht und sie mit „Miss Eisflamme“ angesprochen. Selbst Mavael, was Cyntall am meisten verletzte. Was war sie mit ihm durch die Wälder gestreift, hatte mit ihm geangelt und oft stundenlang geredet über alles Mögliche. Distanziert hatte er dagestanden und sich sogar leicht verbeugt.

Dabei hatte sie sich auf einen entspannten Nachmittag gefreut. Sprechen so wie der Schnabel gewachsen war. Nicht abwägen, was man erwähnen könne und was nicht. Barfuß im Sand herumspringen, lachen und einfaches Essen am Feuer genießen.
Aber nun stand da diese Mauer zwischen ihnen. Cyntall konnte sie spüren. Sicher, sie hatte in letzter Zeit kaum Zeit für sie gehabt. Hatte zu viel gelernt und andere Aufgaben wollten erledigt werden. Sie hatte es kaum noch geschafft bei Meister Drathen vorbeizuschauen und Mavael zu besuchen.

Zwei Elfen, deren Namen Cyntall partout nicht einfallen wollten, setzten sich vor ihr in den Sand. „Ihr wart auf dem Spendenball? Erzählt doch mal, wie war es dort? Wurde viel gespendet? Wer hat denn am meisten gegeben?“
Schon das „ihr“ tat Cyntall in der Seele weh. Sie schaute in neugierige Augen, die auf Klatsch und Tratsch aus waren. Die sich auf Kosten der hohen Herrschaften amüsieren wollten. Cyntall schüttelte innerlich den Kopf. Das war nicht mehr ihre Welt, so sehr sie das auch einerseits bedauerte.

Sicher, sie hatte den Parcours der Eitelkeiten beobachtet. Von ihrem recht zentralen Platz aus konnte sie gut sehen und hören. Und die hohen Herrschaften hatte ja sowieso diese Angewohnheit Personen, die nicht ihrem Stand entsprachen, einfach auszublenden. So hatte sie einiges mitbekommen, was wohl nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen war. Aber das jetzt so offen weiter zu plappern schien ihr nicht richtig. Man vertraute ihr schließlich. Obwohl sie erst eine Anwärterin war, hatte ihr das Arkaneum doch diese recht wichtige Aufgabe übertragen. Cyntall schickte die zwei Elfen mit einigen belanglosen Informationen wieder fort. Sie sah aber an den enttäuschten Gesichtern, dass die Mauer gerade wieder etwas höher geworden war.

„Vertrauen“, murmelte Cyntall und musste an das gestrige Gespräch denken. Einerseits hatte sie es herbeigesehnt, andererseits sich davor gefürchtet.
Wäre sie doch nur vorbei gelaufen, hätte nur kurz gegrüßt und wäre dann schnellen Schrittes weiter gegangen. Dann hätte ihre kleine Welt noch etwas länger bestanden, anstatt mit so einem lauten Knall auseinanderzuspringen. „Nein“, flüsterte es in der kleinen Elfe. „Es war gut so.“

Aber was sie gehört hatte erschreckte sie zutiefst. Cyntall konnte sich einfach gar nicht vorstellen, dass das was er gesagt hatte der Wahrheit entsprach. Aber warum sollte er sie anlügen? Wieso sich so etwas ausdenken? Um ihr zu schaden?
„Mach dich nicht lächerlich“, flüsterte es erneut in ihr. „Du bist so unwichtig für ihn, dass er sich kaum deinen Namen merken konnte.“

Nein, er hatte nicht gelogen. Tief in ihrem Inneren wusste die kleine Elfe das. Aber wenn er nicht gelogen hatte, wenn das was er ihr erzählt hatte wirklich die Wahrheit war, dann bedeutete es ja andererseits, dass...

Cyntall atmete tief durch und versuchte die Gedanken erneut zu verscheuchen. Schon die ganze Nacht hatte sie das versucht. Erst als sie sinnlos anfing zu zaubern, so lange bis sie völlig erschöpft war, waren sie verschwunden. Aber sie würde sie nicht ewig verdrängen können.

Er hatte sie nicht vor die Wahl stellen wollen und dafür war sie auch dankbar. Aber Cyntall wusste, dass sie nicht immer so aus einer Sache herauskommen würde. Irgendwann würde sie sich entscheiden müssen. Würde einen Weg wählen müssen. Würde Partei ergreifen müssen.

Vielleicht war es genau das, was sie so fürchtete. Was, wenn sie sich falsch entschied? Sie hatte so gar keine Erfahrung mit Entscheidungen treffen. Sicher hatte es auch im Lager der Armee Zwistigkeiten gegeben, herrschte Hass und Neid und Uneinigkeit. Aber letztendlich hatten dann doch alle für das Gleiche gekämpft. Hatten Seite an Seite gestanden. Sie hatte sich nie für eine Seite entscheiden müssen.
Die einzig wirkliche Entscheidung die sie bisher getroffen hatte, war das Lager zu verlassen um hierher zu kommen mit dem Endziel Magistrix zu werden.

Ach, wenn sie doch nur mit jemanden sprechen könnte, sich jemanden anvertrauen. Mit einer Person sprechen, die Erfahrung in diesen Dingen hatte. Cyntall ließ ihren Blick über die noch immer unbeschwert feiernden Elfen gleiten. Mit Meister Drathen vielleicht oder mit Mavael? „Nein“, Cyntall schüttelte wieder den Kopf. Sie bezweifelte, dass diese einfachen Elfen ihre Probleme verstanden. Mit der hohen Dame oder dem hohen Herrn vielleicht?
„Nein“, murmelte sie leise. Das ginge schon gar nicht. Wem also vertraute sie so sehr, dass sie so etwas besprechen könne?

Der Ball knallte mit Wucht direkt neben ihr in den Sand und die kleine Elfe zuckte erschrocken zusammen. „Ver...Verzeihung, Miss“, stotterte die rothaarige Elfe, deren Namen Cyntall immer noch nicht einfiel. „Was heißt hier Verzeihung?“ Die kleine Elfe schnappte sich den Ball, sprang auf, stürmte Richtung Stand und rief laut „ich bin dran.“

Nein, heute wollte sie nicht weiter darüber nachdenken. Heute würde sie feiern. Würde tanzen und lachen und vielleicht Mauern einreißen. Morgen....Morgen war auch noch Zeit.


~ Eine glückliche Fügung ~

Cyntall lief schwer bepackt über den königlichen Markt. Die kleine Elfe wirkte noch hagerer als sonst, was an den tiefen und dunklen Rändern unter ihren Augen, und an ihrem fast geisterblassen Gesicht liegen konnte. Immer wieder sah sie sich nervös um. Folgte ihr jemand? „Sei nicht albern“, murmelte sie vor sich hin. Natürlich folgte ihr niemand. Um sich in ihre Gedanken zu schleichen, musste niemand hinter ihr her rennen. So etwas konnte jemand aus weiter Entfernung bewerkstelligen, wie sie schon erfahren hatte. Leicht strich sie über ihren linken Handrücken, auf dem sie immer noch die Reste der Kratzspuren sehen konnte.

Sie fühlte sich aber verfolgt. Nächtelang hatte sie schon nicht mehr geschlafen, sondern war in ihrem Bannkreis gesessen und hatte gewartet. Die Tage verliefen auch nicht besser. Wenn es sich vermeiden ließ, blieb sie in ihrem Zimmer. Nur zum Unterricht bei der hohen Dame musste sie natürlich gehen. Dann pflasterte sie sich mit Schmuckstücken zu, die mit Schutz- und Abwehrzaubern versehen waren. Cyntall wusste, dass es nicht die Masse war auf die es ankam, aber sie fühlte sich sicherer. Die Adepten in der großen Bibliothek hatten sie zwar seltsam angesehen und getuschelt, aber das war die kleine Elfe ja gewohnt.
Und die hohe Dame hatte nur kurz eine Augenbraue gelupft und war dann zum normalen Unterricht übergegangen. Cyntall war darüber am meisten froh gewesen. Ihr war nämlich keine einigermaßen glaubwürdige Erklärung für das vermehrte Schmuckaufkommen eingefallen.

Die schmächtige Elfe ließ sich erschöpft auf eine Bank sinken und stellte die schweren Taschen neben sich ab. Unmengen an Materialien zum Erstellen von Bannkreisen hatte sie gekauft. Jeden Morgen entfernte sie den alten Bannkreis in ihrem Zimmer und zeichnete akribisch einen neuen. Sie wusste ja nicht, wie lange so ein Kreis hielt und daher...Cyntall atmete tief durch und blinzelte in die Sonne. Das Wetter war herrlich. Die warme Sonne tauchte die Elfenstadt in ein majestätisches Licht und der leichte Wind umspielte sanft den Körper der kleinen Elfe. Immer schwerer wurden ihr die Lider.

„Schlafen? Und das mitten am Tag. Ist das die heutige Einstellung von Lehrlingen?“
Cyntall zuckte erschreckt zusammen und riss die Augen auf. Sie schnellte nach oben und machte einen Knicks, noch bevor sie richtig wusste, wer da vor ihr stand. „Ich...ich habe...ich wollte...“, stammelte sie, dann erhellte sich ihr Gesicht. „Magister Blutnebel! Ihr hier?“
Cyntall strahlte den alten Magister aus der Einheit ihres Vaters an. Zum ersten Mal seit Tagen war sie froh, richtig froh. „Die kleine Eisflamme, schau an.“ Der Magister lächelte leicht, aber seine Blick drückte auch Sorge aus. „Du siehst furchtbar aus“, fuhr er fort.
„Ist mein Vater auch wieder zurück?“ Cyntall sah sich sogleich auf dem Markt um, konnte aber niemanden entdecken. „Nein, ich bin alleine hier...Zwangsurlaub sozusagen.“ Die kleine Elfe bemerkte erst jetzt, dass der Magister am Stock ging und leicht gekrümmt dastand. „Ihr seid verletzt“, hauchte sie entsetzt.
„Ja, sehr ärgerlich. Einer dieser Fischköpfe hat mich erwischt“, brummte er zurück. „Ich werde langsam alt“, setzte er trocken nach. Cyntall sah ihn immer noch erschreckt an, dann sah sie allerdings das leichte Zwinkern in seinen Augen. „Und mein Vater?“ Der alte Magister fing den besorgten Blick der kleinen Elfe auf. „Es geht ihm gut. Er hat nur ein paar Kratzer davon getragen. Cyntall atmete erleichtert auf. Der Magister setzte sich und deutete der kleinen Elfe an es ihm gleich zu tun.

„Aber nun zu dir, junge Dame. Wieso schläfst du hier am helllichten Tage?“ Die Stimme des Magisters nahm einen strengen Ton ein, aber die kleine Elfe kannte ihn gut genug um zu wissen, dass er nicht wirklich böse, sondern nur besorgt war. Cyntall überlegte kurz. Konnte sie ihm anvertrauen was sie bedrückte? Aber wenn nicht ihm, wem dann? Er gehörte weder zum Arkaneum noch zum Sonnenzornturm. Naja, jedenfalls nicht so direkt. Die magere Elfe zögerte nur kurz, dann sprudelte es aus ihr heraus. Sie erzählte von ihrer Idee mit den Schmuckstücken, von dem Magister, der ihr dabei half den Schmuckzauber zu erproben, von seinem Angriff auf ihre Gedanken und von ihrer Angst sich nicht dagegen wehren zu können.

Der alte Magister hörte mit ernstem Gesicht zu. Ab und an nickte er oder runzelte irritiert die Stirn. Als Cyntall geendet hatte sah sie ihn hoffnungsvoll an. „Könnt ihr mir vielleicht helfen?“
So richtig verstanden hatte der Magister nicht, das konnte man aus seinem Blick entnehmen. „Dann bist du nicht mehr Schülerin dieser Magistrix und des Magisters vom Arkaneum?“ Die kleine Elfe sah ihn überrascht an. „Doch, doch natürlich“, erwiderte sie. „Dann hast du sie und den Magister vom Arkaneum und den Magister vom Sonnenzornturm, und alle bilden dich aus? Sehr ungewöhnlich“, murmelte er und schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, nein, nein, nein....nein“, Cyntall schüttelte nun ihrerseits mit dem Kopf. „Der Magister unterrichtet mich nicht. Er hilft mir nur...freundlicherweise“, fügte sie noch hinzu.

Magister Blutnebel sah die Elfe immer noch irritiert an. War er so lange weg gewesen? Hatte sich die Struktur der Ausbildung hier in Silbermond so sehr verändert? Er wusste ja, dass der Nachschub an Magieschülern aufgrund der Dezimierung seines Volkes nicht so üppig war. Aber drei Magister und ein Schüler schien ihm doch etwas übertrieben.

„Nein...nein, lieber Magister Blutnebel. Das habt ihr falsch verstanden.“ Cyntall erklärte die Zusammenhänge nun nochmals mit hochrotem Kopf. Nicht auszudenken, wenn er etwas in den falschen Hals bekam und das womöglich an anderer Stelle wiederholte. Dann würde sie Ärger bekommen...richtigen Ärger. „Ich bin sehr glücklich mit meiner Ausbildung. Die hohe Dame und Magister Blutflamme sich überaus nett zu mir. Und ich mache schon gute Fortschritte.“ Cyntall lächelte stolz. „Ich kann bestimmt bald die Aufnahmeprüfung ablegen.“

Die kleine Elfe beobachtete das Gesicht des alten Magisters genau und als er leicht nickte fuhr sie fort. „Magister Morgentau hilft mir nur bei meinen Versuchen der Schmuckverzauberung.“
„Das habe ich nun verstanden“, nickte der Magister abermals, „aber warum wendest du dich nicht an deine Lehrerin. War sie nicht ebenfalls Dozentin für Verzauberungskunst?“ Der alte Elf war immer noch irritiert. „Das könnte ich natürlich“, Cyntall atmete nochmals tief durch, „aber eines der Schmuckstücke soll ja ein Geschenk für sie sein. Quasi als Überraschung. Und da wäre es ja dumm, wenn ich sie dazu frage.“

Der alte Elf schaute Cyntall lange an. Er kannte sie seit Jahrzehnten, seit ihr Vater sie noch blutjung mitgebracht hatte. Sie war zwar mit ihnen durch die ganze Welt gereist, aber viel davon gesehen, geschweige denn Lebenserfahrung gesammelt, hatte sie nicht. Sie war noch unverdorben von politischen Windungen, gutgläubig, ja sogar noch etwas naiv, wenn es um Einschätzungen anderer Charaktere ging. Und das Häufchen Elend, das jetzt neben ihm saß, schien eindeutig überfordert zu sein mit der jetzigen Situation.

„Und was soll ich jetzt deiner Meinung nach machen?“

Cyntall zuckte kurz mit den Schultern. „Ich weiß nicht“, entgegnete sie leise und senkte den Kopf.
„Nun gut“, der Magister rückte kurz in eine angenehmere Sitzposition, atmete entspannt ein und aus und hob dann den Kopf der kleinen Elfe wieder an, indem er mit der Hand unter ihr Kinn fasste und es nach oben drückte. „Es ist zwar schon ein paar Jährchen her, aber so viel wird sich nicht verändert haben“, fuhr er fort.

„Die wichtigste Grundlage in der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist das Vertrauen. Eine magische Ausbildung ist nicht einfach und je nach Art des Lehrers auch härter oder gar brutal anmutend. Ich zum Beispiel hatte einen Lehrer in Illusion, der stark sadistisch angehaucht war und mir meine Ausbildung zum wahren Alptraum gestaltete.“ Der Magister verzog schmerzlich das Gesicht bei dieser Erinnerung. „Aber er war ein fähiger Elf und ich habe ihm vertraut. Im Nachhinein würde ich sogar behaupten, aufgrund meiner Angst und dem damit verbundenen Lerntrieb, habe ich bei ihm am meisten gelernt. Daher stellt sich eigentlich für mich nur eine Frage. Vertraust du diesem Magister Morgentau?“ Der alte Elf sah Cyntall fragend an.

Die kleine Elfe nickte entschlossen. „Er würde mir nie schaden, das weiß ich“, fügte sie hinzu. „Nun“, der Magister lächelte sanft, „wo ist dann dein Problem?
Cyntall sah ihn unsicher an. „Aber wenn er nochmals versucht meine Gedanken zu kontrollieren und ich es nicht schaffe ihn abzuwehren?“
„Kleines“, der Magister lächelte immer noch, „wenn er es wirklich darauf anlegt, wirst du in deinem jetzigen Lehrstadium sowieso nichts dagegen machen können. Du musst ihm einfach vertrauen. Lerne und vertraue auf die Lehrer die du hast. Damit bin ich immer ganz gut gefahren und sieh was aus mir geworden ist.“ Der alte Magister reckte sich etwas in die Höhe und grinste aufmunternd.
Cyntall lächelte immer noch etwas unsicher aber wesentlich beruhigter. „Und es ist mir noch nicht zu Ohren gekommen, dass Magister in Silbermond ihre Schüler fressen. Dieser Morgentau mag ja ein harter Hund sein, aber wie gesagt, das sind nicht die schlechtesten Lehrer.“

Noch bis spät in den Abend dachte Cyntall über das Gespräch nach. Es hatte gut getan, mal jemanden das Herz ausschütten zu können. Sie zog ihr bequemstes Nachtgewand an, kuschelte sich in ihr Bett und dann fielen ihr auch schon die Augen zu. „Vertrauen....“, murmelte sie. „....ich muss noch viel lernen.“


~ Ja oder ja?  ~

Nachdenklich blieb Cyntall an dem kleinen Tümpel zurück. Sie setzte sich an den Rand, ließ ihre Beine baumeln und starrte in ihr Spiegelbild, das verzerrt auf der Wasseroberfläche zu schwimmen schien.
„Wieso sagte er so etwas? Wieso meinte er sie solle keine Magistrix werden, sondern nur eine Arkanistin und dann ganz gemütlich vor sich hin forschen. Traute er ihr das etwa nicht zu?“

Diese Fragen hämmerten der kleinen Elfe durch den Kopf.  Cyntall schlüpfte aus ihren Sandalen und planschte dann mit den Füßen leicht im kühlen und angenehmen Wasser.
Ihr ganzes Leben über hatte sie dieses Ziel gehabt, hatte dafür gekämpft und allerlei erduldet. Hatte gewartet…eine lange Zeit gewartet…eine sehr lange Zeit. Dann hatte sie alles zurückgelassen und war in eine ihr fremde Welt gekommen, und endlich….endlich hatte sie die Möglichkeit sich ihren Traum zu erfüllen.

„Meinen Traum?“ War es wirklich ihr Traum? Cyntall nickte gedankenverloren vor sich hin.  Seit sie sich zurückerinnern konnte, wollte sie Magistrix werden. So wie ihre Mutter es gewesen war. So wie ihre Mutter es für sie gewünscht hatte.

Die kleine Elfe forschte weiter in sich hinein. „Nun sei mal ehrlich…ganz ehrlich“, flüsterte ihre innere Stimme.  „Bin ich doch“, fauchte sie zurück.
Cyntall begann kleine Kreise mit ihren Zehen im Wasser zu malen. „Du unterhältst dich schon wieder mit dir selbst“, murmelte sie deprimiert.  Die kleine Elfe seufzte, aber so war es schon immer gewesen. Mit wem hätte sie auch reden sollen?
Im Armeelager ihres Vaters hatte sich sowieso niemand für sie interessiert.  Wenn sie nicht gearbeitet hatte oder schlief, dann saß sie unter dem Küchenwagen und träumte vor sich hin, träumte davon Magistrix zu werden.

Und hier in Silbermond war es auch nicht anders. Am Anfang…ja, da hatte sie Meister Drathen, Mavael und noch ein paar andere Elfen. Aber je mehr ihre Ausbildung fortschritt, je mehr sie zu lernen hatte, je weniger sah sie sie. Und wenn, dann wusste sie meist nicht über was sie mit ihnen sprechen sollte. Sie hatten sich zu weit voneinander weg bewegt.
Und mit den Adepten im Arkaneum kam sie auch nicht zurecht. Meist grinsten sie nur und tuschelten dann, wenn sie vorbei gegangen war. Die wenigen, die mit ihr sprachen, verstand sie nicht. Entweder sprachen sie über Dinge, von denen sie noch nie gehört hatte und dann kam sie sich dumm vor oder sie taten gar nichts und faulenzten.  Faulenzen war Cyntall nun gar nicht gewohnt.  Entweder lernte oder arbeitete sie oder sie schlief. Rumsitzen und über belanglose Dinge sprechen war für sie Zeitverschwendung.

Hatte er also mit seinem gut gemeinten Rat Recht? War er überhaupt gut gemeint gewesen? Oder lief da wieder irgendeine Intrige, von der sie nichts wusste?
Cyntall schüttelte leicht den Kopf und beobachtete dann, wie sich ihr Spiegelbild im Wasser ebenfalls bewegte.
Hatte sie das Zeug dazu eine Magistrix zu werden? Konnte sie sich in die politischen Windungen einfügen, konnte sie entgegen ihren eigenen Empfindungen handeln, nur um möglichst weit zu kommen, um…wie hatte er es genannt?....um Macht zu erlangen? Wollte sie Macht erlangen und dafür ihre eigenen Ideale verraten?

Die kleine Elfe seufzte wieder und zuckte mit den Schultern. Wie sollte sie das wissen? Sie hatte noch nie Macht besessen.
Es war alles so einfach…früher. Im Lager der Armee waren die Elfen immer eine Einheit gewesen. Egal mit welchen Verbündeten, sie blieben unter sich. Es war ihr Volk und sie musste sich nicht zwischen den Gruppen entscheiden.  Hier war es anders. Jedes Wort wollte auf die Goldwaage gelegt werden. Andeutungen waren teilweise wichtiger als die Aussage. Es gab so viele unterschiedliche Gruppen, so erschien es der kleinen Elfe jedenfalls.  Und die größte Kunst schien es zu sein, die einzelnen Gruppen gegeneinander auszuspielen.  Und wer da am geschicktesten war, der hatte die meiste Macht?

Das war ein Punkt, wo Cyntall ihm innerlich Recht gab. Sie war sich nicht sicher ob sie das je schaffen würde….schaffen sich zwischen ihrem Volk zu entscheiden.
„Doch das schaffst du“, flüsterte es wieder in ihr. „Das lernst du mit der Zeit.“

Cyntall antwortete ihrer inneren Stimme diesmal nicht. Denn wenn sie es getan hätte, dann hätte sie ihr sagen müssen, dass sie das vielleicht gar nicht wollte. Und soweit sich das einzugestehen, war sie noch lange nicht. Also stieß sie mit dem Fuß in ihr grüblerisches Spiegelbild, das sofort in viele wässrige Linien verschwamm, erhob sich und schaute sich um.

„Na toll“, murmelte sie. „Erst schleppt er mich in die Pampa und dann lässt er mich hier einfach stehen.“ Die schmächtige Elfe lief langsamen Schrittes zurück Richtung Silbermond. Die Sonne verneigte sich bereits vor dem Mond und ließ ihn an seinen Platz ziehen.

So ganz konnte Cyntall ihre Gedanken nicht abstellen.  Wieso war er so erbost gewesen, dass sie diese Übung nicht hinbekommen hatte?  Wieso musste er gleich beleidigend werden? Sogar gegenüber der hohen Dame. Cyntall war doch erst Anwärterin. Die meisten Zauber die er verlangte konnte sie doch noch gar nicht. Und auf die Idee ihn zu schlagen war sie nun wirklich nicht gekommen. „Du hast dich trotzdem dumm angestellt“, schimpfte es wieder in ihr. „Und du hast die hohe Dame blamiert.“
Cyntall biss sich auf die Lippen. Ja, das hatte sie. Und darüber ärgerte sie sich am meisten.  Auch etwas was sie nicht gewohnt war.
Wenn sie früher einen Fehler gemacht hatte, dann wurde sie ordentlich zusammengestaucht, bekam manchmal eine Strafe und dann war es gut. Hier aber fielen ihre Fehler gleich auf die hohe Dame zurück.  Die kleine Elfe machte etwas falsch und die hohe Dame wurde für unfähig erklärt. „Ich werde noch mehr lernen müssen…“, murmelte Cyntall vor sich hin.

Die Nacht hatte schon ihren Mantel über die Landschaft gelegt, als Cyntall total erschöpft im Anwesen des Magisters ankam.  Gähnend machte sie sich am Waschtisch zurecht und schlüpfte dann unter ihre weiche Bettdecke und kuschelte sich ein.   Und was sollte dann noch diese Frage zum Schluss? Wieso fragte er so etwas Offensichtliches nach? Es müsste ihm doch völlig klar sein.
Ob er sich mit der Antwort zufrieden gegeben hatte? Sie hätte ihm natürlich viel mehr antworten können, ausführlicher darauf eingehen können, aber das hatte sie sich nach dem Fiasko bei der Übung nicht mehr getraut. Außerdem sprach die kleine Elfe nicht gerne über so etwas.
Gleich morgen würde sie sich beim Sekretär erkundigen, wann sie zum Aufräumen erscheinen sollte.   Wenn sie das zu seiner Zufriedenheit erledigte, dann vergaß er vielleicht ihr Missgeschick und erzählte es nicht weiter.  Erzählte es vor allem nicht der hohen Dame.

Nur kurz kreisten die Gedanken der kleinen Elfe noch um den Magister und um die hohe Dame und wie sie noch Zeit für die zusätzliche Arbeit finden konnte, dann entglitten sie in eine andere Welt. Eine Welt in der sie Magistrix war. Eine richtige Magistrix!


~ Strafe muss sein ~

Müde trabte Cyntall vom Arkaneum rüber zum Sonnenzornturm. Sie hatte eigentlich früher zu ihrer Strafarbeit erscheinen wollen, aber der Unterricht bei der hohen Dame dauerte diesmal länger als erwartet und dann wollte noch etliches an Lesematerial verarbeitet werden.
Bereits unten an dem großen Aufgang lief sie dem Sekretär in die Arme. Offensichtlich wollte er etwas außerhalb des Sonnenzornturms erledigen und war gar nicht erfreut darüber, mit der kleinen Elfe nochmals zurück zu müssen. Seinen Vortrag über pünktliches Erscheinen, Rücksicht gegenüber anderen gespickt mit diversen „nicht, nicht“ und „ja, ja“ am Satzende, ließ sie geduldig über sich ergehen.
Dann standen sie vor dem großen Schreibtisch des hohen Herrn Magisters...unaufgeräumt, chaotisch...so wie Cyntall ihn kannte. Der Sekretär sprach unaufhörlich. Offenbar teilte er wichtige Dinge, wie sie was zu machen hatte, mit. Aber die kleine Elfe lauschte nur mit einem Ohr. Sie war wie immer fasziniert von dem Zimmer, in dem man die Magie förmlich anfassen konnte. Viele Dinge bewegten sich, sonderten weißlich grünlichen Nebel ab oder sahen so seltsam aus, dass Cyntall nicht wusste, was es war. Ein deutlicher „Rumms“ ließ sie zusammenzucken. Die kleine Elfe wendete sich zum Sekretär, um erschreckt festzustellen, dass er nicht mehr da war. Sie war völlig allein...sie war HIER völlig alleine.
Cyntalls Herz fing an schneller zu schlagen. Sie war noch nie hier alleine gewesen. Plötzlich erschienen ihr die hohen Bücherregale, die dunklen Teppiche und die schweren Vorhänge, die gerade noch etwas Licht einfallen ließen, bedrohlich. Aus sämtlichen Ecken schien sie etwas anzustarren, ja etwas zu beobachten. „Sei nicht albern“, murmelte sie. „Das ist nur ein Büro.“
„Sein“ Büro zwar, aber Cyntall sollte hier ja nur den Schreibtisch aufräumen. „Einmal die Woche“, hatte er gesagt.
Und irgendwie war sie auch stolz. Stolz diese Aufgabe, obwohl als Strafe gedacht, bekommen zu haben. „Vertrauen…“, murmelte sie. Nur hatte sie im Leben nicht daran gedacht hier ganz alleine werkeln zu können. Eigentlich hatte sie mit dem Sekretär, der wie ein Wachhund neben ihr stand, gerechnet. Aber es musste ja seine Anweisung gewesen sein, sonst hätte sie der Sekretär bestimmt nicht alleine gelassen.

„Also dann.“ Cyntall umrundete den Schreibtisch und schüttelte den Kopf. Wie konnte jemand, der einerseits so eitel und pedantisch war, andererseits so chaotisch sein? Die schmächtige Elfe schob die am unteren Ende liegenden Briefstapel ein Stück nach oben um wenigstens etwas Platz zur Ablage zu schaffen. Dadurch schob sie die am oberen Ende des Tisches liegenden Stapel natürlich auch zurück. Aus den Augenwinkeln sah Cyntall wie etwas über den Rand nach unten fiel. „Nein!“ Die kleine Elfe versuchte es noch zu fassen, griff allerdings ins Leere.
Sie erstarrte, und als ein deutliches Klirren zu hören war, spürte Cyntall wie ihr Herz aussetzte. „Ich bin tot“, hauchte sie.
Langsam umrundete Cyntall den großen Schreibtisch und linste vorsichtig um die obere Ecke. Ein Bilderrahmen lag mit der Rückseite nach oben auf dem Steinboden. Gleich daneben lagen etliche, kleinere Glasscherben. „Ich bin so was von tot.“
Einem ersten Instinkt folgende rannte Cyntall zur Tür. „Weg hier, nur weg.“ Sie würde verschwinden. Er würde sie nicht finden. Weit weg würde sie laufen. Die kleine Elfe stoppte kurz vor der schweren Tür. „Halt“, durchzuckte es sie. Er hatte ja noch etwas von ihr. Mit einem Zauber könnte er sie damit bestimmt finden. Panisch wendete sie ihren Blick und ließ ihn durch den Raum schweifen. „Wo, wo hatte er es versteckt?“ Die kleine Elfe stürmte auf einen großen Wandschrank zu, stoppte ihre Hand aber kurz über dem Knauf, als ihre innere Stimme tobte.
„Was machst du? Du kannst doch nicht seine Sachen durchsuchen!“ Cyntalls Hand schwebte noch immer über dem Griff. „Warum nicht? Er wird mich umbringen“, schrie sie.
Die kleine Elfe dachte daran, wie hysterisch er schon geworden war, als die Befürchtung bestand sie würde einige Zeittel mit Notizen aus seinen Büchern entfernen. Aber sie zog die Hand trotzdem zurück. Sie hasste es, wenn sie mit sich selber diskutierte. Das brachte sie nicht weiter. „Beruhige dich....“, Cyntall versuchte ihre hörbare Schnappatmung unter Kontrolle zu bringen und ruhiger zu werden.

Die schmächtige Elfe sank neben dem Rahmen auf die Knie und hob ihn vorsichtig an. Dadurch fielen nochmals Glasscherben zu Boden. Als sie den Rahmen wendete, schaute sie in das Abbild einer jungen Frau. Vielleicht eine der Mätressen, von denen er ab und an sprach? Cyntall hob das Bild mehr ins Licht und fuhr langsam mit der Fingerspitze die Gesichtszüge nach. „Nein.“ Die Elfe darauf war noch ein Mädchen. Cyntall kannte diese Augen, und die schmale Nase. Die Lippen waren etwas voller, aber die Elfe auf dem Bild wies deutliche Ähnlichkeit mit dem Magister auf. Vielleicht seine Mutter? Nein, dazu war das Bild nicht alt genug. Vielleicht seine Schwester oder Kusine? Gesprochen hatte er ihr gegenüber bisher nur kurz von seinem Vater, und den schien er nicht besonders gemocht zu haben. Cyntall entfernte die restlichen im Rahmen verbliebenen Glassplitter und hielt ihn unschlüssig in den Händen. Panik stieg wieder in ihr auf wenn sie an seine Reaktion dachte. Sollte sie das Bild mitnehmen und neu rahmen lassen? Aber sie konnte doch nicht einfach etwas aus diesem…aus seinem Zimmer entfernen.

„Eins nach dem anderen“, beruhigte sich Cyntall weiter und legte das Bild auf den kleinen Beistelltisch, der zwischen zwei riesigen Ledersesseln stand. Danach sammelte sie die Glassplitter auf und warf sie in den Papierkorb. „Du wirst jetzt die dir aufgetragene Arbeit machen. Und zwar nicht nur gut, sondern perfekt.“ Cyntall nickte. Ja, wenn sie alles zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigte, dann brachte er sie vielleicht nicht um. Bestrafte sie anders, aber bestrafen würde er sie, dessen war sie sich sicher. Die kleine Elfe seufzte tief und ging wieder zum Schreibtisch.

Unschlüssig sah sie auf das Wirrwarr aus Pergamenten, teils geöffnet, teils noch geschlossen.
„Die noch geschlossene Post nicht öffnen.“ Cyntall erinnerte sich an die Worte des Sekretärs. Gut, dann würde sie damit anfangen alle Post, die noch nicht bearbeitet war auf einen Stapel zu legen. Die größten Briefe nach unten und dann die immer kleiner werdenden darauf ablegen. Sie nickte zufrieden.
Danach sortierte sie die Briefe nach den ihr genannten Stapeln. Die kleine Elfe war froh, dass aufgrund ihrer Schreibschwäche ihr Gedächtnis so gut geschult war.  Sonst hätte sie sich das Heruntergerassel des Sekretärs bestimmt nicht merken können.

Cyntall stutzte kurz. Um die Briefe den Stapeln zuordnen zu können, musste sie sie ja lesen. Ob das so von ihm angedacht war? Die kleine Elfe gähnte kurz. „Nicht schon wieder lesen“, murmelte sie. Aber es half ja nichts. Sie nahm den ersten Brief in die Hand und erkannte sofort das Zeichen der Akademie. „Ha!“ Das war einfach. Den Stapel mit den Forschungen der Akademie hatte sie schon entdeckt. Sie fand noch einige Briefe über diese Artefakte von den Mogu und legte sie ebenfalls auf den Stapel.
Als Cyntall den nächsten Brief auseinanderfaltete, fielen ihr mehrere kleine Stofffetzen auf den Schoß.
„Was zur…“ Als sie den Brief las, verstand sie. Werbung der Schneiderei Abendrot. Cyntall nahm die Stoffmuster in die Hand und fühlte sie zwischen ihren Fingern. „Wie weich und zart“, murmelte sie erstaunt. Eine Robe aus so einem Stoff musste ja unglaublich sein. Vielleicht konnte sie sich irgendwann auch mal so ein Gewand leisten. Falls sie das noch erlebte. Cyntall verzog das Gesicht mit kurzem Seitenblick auf den Rahmen, legte die Stoffmuster wieder zwischen die Pergamentbögen und legte diese auf den Stapel, der offensichtlich die private Korrespondenz enthielt.

„Was haben wir denn hier?“ Einige Schlagwörter verstand sie auf Anhieb. Es waren militärische Bezeichnungen. Kurz beschlich die kleine Elfe ein anheimelndes Gefühl. Sie lehnte sich im Sessel zurück und fing an, entgegen ihrem Vorsatz nur das Nötigste zu lesen, die Berichte genauer zu studieren. Es waren Truppenbewegungen, Kampfberichte und Berichte über benötigtem und verbrauchtem Proviant, teils älterem, teils neueren Datums. Cyntall verschlang die Berichte regelrecht und dann stockte ihr Atem. Da stand der Name der Einheit ihres Vaters.

„Er weiß wo mein Vater genau ist.“ Insel des Donners stand dort. Cyntall las den Bericht mehrfach, dachte an die Elfen, die sie vor über einem Jahr verlassen hatte. Ob es allen gut ging? Ob wer gestorben war? Cyntall suchte im Stapel „Militär“ ob sie irgendwelche Namenslisten fand, wurde aber enttäuscht. Die kleine Elfe hielt die Berichte noch lange in der Hand und dachte an vergangene Zeiten. Nur widerwillig legte sie sie dann auf den dafür bestimmten Stapel, nicht ohne nochmal zärtlich mit dem Finger über den Namen „ihrer“ Einheit zu fahren.

Mit den Briefen war sie fast fertig. Ein dickerer Pergamenthaufen stand noch an. „Transpla… Transplane…“, las Cyntall mühsam. Illusion stand hinter dem merkwürdigen Wort. Ohne weiter nachzudenken landete alles auf dem Stapel „Forschung magischer Art“.

Nun widmete sich Cyntall den Briefen, die sie zuerst beiseitegelegt hatte. Alle privater Natur, das konnte sie an der vertrauten Anrede „Cial“ erkennen. Die kleine Elfe grinste schief. Für sie hatte der hohe Herr Magister irgendwie keinen Vornamen. Cyntall packte nun doch die Neugierde. Wer sprach den hohen Herrn Magister wohl mit „Cial“ an? Wer durfte das? Sie nahm die Briefe zur Hand, fand aber keine Angaben zum Verfasser. Die kleine Elfe betrachtete die Schrift genauer. Was sie von einer Frau geschrieben? Auch das konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. Cyntall überflog die Briefe. Klatsch und Tratsch und Berichte über den Fortschritt eines Babys. Enttäuscht ließ die Elfe die Briefe sinken. „Er interessierte sich für so etwas? Wer, wann und wo mit wem? Welche Worte ein Säugling brabbelte?“  Cyntall schob die Briefe ordentlich zusammen und legte sie zu dem Angebot der Schneiderei. „Ich werde diesen Elfen nie verstehen.“

Nun musste sie nur noch die herumliegenden Bücher und Schriftrollen in die Regale räumen, dann hatte sie es auch schon geschafft…dachte sie. Die Regale waren riesig und gingen bis unter die Decke. Und sie hatte ja keine Ahnung wo was hinkam. Mühsam arbeitete sie sich durch die Literatur. Fand hier und da eine Lücke, wo ein Buch fehlte. Folianten, die zuckten oder seltsam schimmerten ging sie lieber aus dem Weg. Die Erinnerung an den letzten Folianten, der sie bei einem Versuch angegriffen hatte, reichte ihr noch völlig.

„Fertig“, murmelte Cyntall zufrieden. Es sah gut aus. Alles sah ordentlich und aufgeräumt aus. „Hoffentlich habe ich alles richtig gemacht.“ Ihr Blick fiel wieder auf den Rahmen. Cyntall nahm ihn erneut auf und setzte sich dann an den Schreibtisch, auf den ihr riesig erscheinenden Sessel. Sie zog die Beine an und legte den Rahmen auf ihre Knie. „Was mache ich jetzt mit dir?“

Sie tippte wieder leicht mit dem Zeigefinger auf das Bild und schob die Unterlippe vor. „Verschwinden lassen?“ Nein, das brachte sie nicht übers Herz. Wenn er das Bild aufgestellt hatte, dann bedeutete ihm die Person darauf auch etwas. Und an den Spuren die die Zeit darauf hinterlassen hatte, konnte sie ebenfalls erkennen, dass er es schon länger hatte. Der Rahmen erschien ihr neu, woraus sie schloss, dass er dafür sorgte, dass das Bild gut aufgehoben war.
„Behaupten es war jemand anders?“ Cyntall lachte leise auf. Sie hatte kein Talent zum Lügen. Das hatte noch nie geklappt. Krebsrot wurde sie dann und stotterte wie schwachsinnig. Nein, das würde er sofort durchschauen.

„Also, was mach ich jetzt mit dir?“ Cyntall sah in die Augen des freundlich schauenden Mädchens. „Also den netten Blick hast du mit deinem Verwandten aber nicht gemein.“ Die kleine Elfe überlegte, ob sie schon je so einen Blick beim hohen Herrn Magister gesehen hatte. Sie wiegte den Kopf hin und her. Doch, selten…aber er hatte schon mal so geschaut. Cyntall fiel nicht mehr ein, wen er mit so einem freundlichen Blick bedacht hatte. Sie sicher nicht.

„Du machst mir ganz schön Ärger, junge Dame“, sagte sie gespielt streng. Dann stand sie auf und stellte das Bild wieder an den oberen linken Rand. Aus dem Korb, in dem einige leere Pergamente lagen und der nun wieder sichtbar war, nahm sie eines heraus und öffnete das Tintenfass. „Mit bleibt heute auch nichts erspart“, murmelte sie vor sich hin. Widerwillig nahm sie eine Feder zur Hand.
Cyntall schrieb ein paar Zeilen. Eine Entschuldigung und natürlich die Zusicherung, dass sie für den Schaden aufkommen würde. Sie hoffte nur, sie hatte nicht allzu viele Schreibfehler gemacht.

Dann machte sie sich auf den Heimweg. Sie würde gerade passend zum Frühstück kommen, sich dann schnell umziehen und wieder zum Arkaneum zurückkehren. Aber sie würde nicht über den königlichen Markt gehen, sie würde überhaupt nicht dort gehen, wo sie ihm begegnen konnte. Vielleicht war seine Wut ja bis zum nächsten Unterricht etwas verraucht….hoffte sie.


~ Es wird schon gehen ~

Nachdem sie eine Elfe aus dem Sonnenzornturm in das Zimmer gelassen hatte, stand Cyntall erneut völlig alleine im Büro des hohen Herrn Magisters. Als erstes fiel ihr Blick auf den Rahmen, der wieder an seinem gewohnten Platz auf dem Schreibtisch stand.
Die schmächtige Elfe umrundete den Tisch und sah erneut in die Augen des Mädchens. „Da bist du ja wieder.“ Cyntall nahm den Rahmen in die Hand und beäugte ihn kritisch. Etliche Verschnörkelungen und Muscheln als Verzierungen waren darauf angebracht. „Das sieht ja aus wie selbst gebastelt“, murmelte sie. Ob der hohe Herr Magister sich hier ausgetobt hatte? Die kleine Elfe grinste schief. „Na das hätte ich aber schöner hinbekommen. Soviel zum Thema erlesener Geschmack.“ Sie stellte den Rahmen vorsichtig zurück und sah sich weiter um.
Cyntall entdeckte einen Stapel Bücher mit einer Anweisung vom Sekretär, diese doch in die Bibliothek des Sonnenzornturms zurückzubringen. Außerdem stand neben dem Schreibtisch ein Korb mit Roben. Vier an der Zahl. Eine schwarze und drei in Rottönen. Sie nahm eine rote Robe heraus und fühlte den Stoff. „Wie weich und zart“, murmelte sie und hielt sie sich an den Körper.
Natürlich war die Robe viel zu groß für sie, aber sie tänzelte dennoch damit durch den Raum und drehte sich ein paar Mal.
„Ein Spiegel, ein Spiegel “, dachte sie und sah sich um. „Das gibt es doch nicht“, sagte sie enttäuscht. „So ein eitler Elf und keinen Spiegel im Zimmer?“

Cyntall trat an die Wand, wo er bei ihrem letzten Besuch die Nische geöffnet hatte, worin sich einige Dinge und auch die Roben befunden hatten.  Dort war bestimmt ein Spiegel. Sie untersuchte die Stelle genau, konnte aber nichts entdecken das daraus schließen ließ, dass sich hier eine Öffnung befand. Die kleine Elfe trat näher an die Wand. Die Magie konnte sie deutlich spüren. Sie bewegte ihre Hand, so wie er es getan hatte und murmelte einen Zauber, aber nichts geschah. Die Wand gab ihr Geheimnis nicht preis. „War ja klar“, murmelte sie enttäuscht.

Die kleine Elfe legte die Robe zurück in den Korb und machte sich an die Korrespondenz. Wieder konnte man die Schreibtischplatte, die sie erst mühevoll aufgeräumt hatte, vor lauter Briefen, Büchern und Rollen kaum sehen.

Sie machte sich zuerst an die ungeöffnete Post. Es war ihm ja nicht recht gewesen, dass sie diese der Größe nach gestapelt hatte und er hatte gewünscht, dass sie nach Datum aufgereiht wurden. Auf den meisten Briefen fand Cyntall jedoch nur eine Anschrift und kein Datum.  Die kleine Elfe hielt die Briefe unschlüssig in der Hand. „Öffnen darf ich sie nicht…na toll, das Datum wird aber innen stehen“, maulte sie.
Cyntall überlegte kurz und wendete dann wieder ihre bewährte Stapelmethode an. „Er wird toben“, kicherte sie leise.

Dann machte sie sich an die offenen Briefe. Sie sortierte wieder nach den ihr genannten Stapeln. Die meisten Briefe landeten auf dem Haufen „Akademie“ oder „Forschung“.
Auf zwei Briefe sollte sie ja eine Antwort schreiben, aber Cyntall wartete noch auf die passenden.
Vielleicht hatte sie ja Glück und sie musste nur einen kurzen Dank notieren. Rausschicken würde er sie sowieso nicht, dessen war sich die kleine Elfe sicher. Ob nun Schikane oder von ihm als Übung gedacht, er würde sie vernichten und den Sekretär die richtige Antwort überlassen.

Bei einem Brief von einer Waldläuferin war sich Cyntall nicht sicher. Es ging um einen Bogen und um Brandpfeile, daher tendierte sie zum Militärstapel. Andererseits….die Anrede war „Cialnir“ und am Ende stand „Alles Liebe“. Dann doch auf den privaten Stapel?
Cyntall legte ihn erst mal beiseite. Er war in der engeren Auswahl für ihre Antwortschreiben.

Als nächstes hielt sie ein recht förmliches Scheiben von einem Magister in den Händen. „Stimmenillusion“, las sie. „Was ist das denn?“
Cyntall las genauer und sie beschlich ein maues Gefühl in der Magengegend. „Na hoffentlich testet er das nicht an mir aus.“ Sie wiegte den Kopf hin und her und legte den Brief dann auf den Forschungsstapel.

„Fast fertig“, jubelte sie innerlich und griff sich wieder einen Brief.

Wohl von einer Frau geschrieben, wie Cyntall an der geschwungenen Schrift und der herzlichen Anrede erkannte. Sie las einige Zeilen, dann aber erstarrte sie. Die kleine Elfe merkte wie ihr die Farbe ins Gesicht schoss. Als ob der Brief plötzlich glühend heiß wurde, ließ sie ihn fallen und trat ein paar Schritte zurück.

„Was zur Sonne…“ Cyntall sah immer noch entsetzt auf den Brief, der nun wieder ganz unschuldig auf dem Schreibtisch lag. Die kleine Elfe war ja einiges aus dem Armeelager gewohnt. Wenn dort ein Halt in einem Dorf war, hatten die sogenannten „Damen“ im Gasthaus auch einen lockeren Ton am Leibe und als prüde würde sich Cyntall auch nicht bezeichnen, auch wenn sie nicht gerne über solche Sachen sprach, aber was diese Elfe hier schrieb….wie und was sie mit dem hohen Herrn Magister beim Wiedersehen anstellen würde…das war ihr doch etwas viel.
„Ein Versehen, bestimmt ein Versehen“, flüsterte sie. Die kleine Elfe konnte es sich nicht anders erklären. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der hohe Herr Magister wollte, dass jemand diesen Brief las. Das überhaupt jemand erfuhr, dass er solche „Damen“, die sich so frivol ausdrückten, kannte.

Cyntalls Herz schlug schneller. Was sollte sie nun machen? Den Brief ganz normal ablegen? Dann wusste er, dass sie ihn gelesen hatte. Einfach liegen lassen? Auch dann würde er es wissen.
„Ich lasse ihn verschwinden“, durchzuckte es sie. Er würde nicht davon ausgehen, dass er ihn offen hatte liegen lassen, also würde er sie auch nicht verdächtigen. Er wäre einfach weg. Vielleicht würde er ihn nicht einmal vermissen.
Die kleine Elfe schaute sich im Zimmer um. „Der Kamin“, dachte sie. Ja, sie würde ihn verbrennen. Cyntall trat wieder etwas näher und nahm den Brief mit zwei spitzen Fingern auf, trug ihn zum erloschenen Kamin und warf ihn mit Schwung in die hinterste Ecke.
Sie fing an sich zu konzentrieren und die Formel zu murmeln. „Halt“, schrie ihre innere Stimme.
Die kleine Elfe stoppte. „Was, wenn es ein Test war, wenn er den Brief mit Absicht dort drapiert hatte?“ Zutrauen würde sie es ihm.

„Na toll….erst machst du sein Eigentum kaputt und nun verbrennst du seine persönlichen Briefe“, schimpfte sie mit sich selbst. „Mach nur so weiter, dann wirst du dein weiteres Leben als ein Häschen verbringen oder in was er dich auch immer verzaubern wird.“
Etwas hilflos stampfte die kleine Elfe mit dem Fuß auf und starrte auf den nun mit reichlich Ruß bedeckten Brief.
Es half alles nichts. Sie würde den Brief ganz einfach ablegen, ganz nach unten packen und so tun, als ob es einfach nur ein ganz normaler Brief war. Er hatte ja schließlich Anstand, so als Magister. Er würde sie sicher nicht darauf ansprechen.

Die kleine Elfe versuchte den Brief wieder aus dem Kamin zu holen, aber kam mit der Hand nicht bis ganz nach hinten. Sie musste ein Stück hineinkrabbeln, was zur Folge hatte, dass ihre Robe und die Hände sich schwärzlich durch den vorhandenen Ruß färbten.

Nun stand sie mitten im Raum, rußbedeckt und hielt den Brief, der auch einige Rußspuren zeigte in den Händen. Sie musste ihn irgendwie reinigen. Er würde die Rußspuren sofort sehen und dann wissen was sie vorgehabt hatte.
Cyntall sah sich suchend um. Es musste doch so etwas wie ein Tuch hier geben. Sie fand aber nichts geeignetes, dann fiel ihr Blick auf den Korb. „Die schwarze Robe“, durchzuckte es sie.
Die schmächtige Elfe trat zögerlich näher und schaute zwischen Robe und Brief hin und her. „Das wird schon gehen“, sprach sie sich selbst Mut zu. „Die Robe wird ja eh gewaschen.“ Ganz wohl war ihr aber dabei nicht.
Trotzdem nahm sie die Robe heraus und trat an den Schreibtisch. Vorsichtig wischte sie so gut es ging den Ruß von dem Brief, der allerdings dann den Schreibtisch verdreckte. Nachdem sie den Brief wieder sauber bekommen hatte, wischte sie mit dem unteren Teil der Robe noch den Schreibtisch ab.

Kritisch trat Cyntall erneut zurück und betrachtete ihr Werk. „Fast nichts mehr zu sehen“, murmelte sie und packte den Brief dann ganz nach unten und warf die Robe wieder in den Korb.

Dann schrieb sie noch zwei kleine Antwortschreiben. Eines ging an die Waldläuferin und eines an die Akademie und legte sie zur Prüfung in eine Mappe.  Viel Mühe gab sich die kleine Elfe nicht mit den Briefen. Sie wollte jetzt weg, nur weg, ehe ihr noch mehr Missgeschicke passierten.

„Du hast nichts gesehen“, lächelte sie das Mädchen auf dem Bild verschwörerisch an. Dann legte sie die Bücher für die Bibliothek in den Korb und trug alles nach draußen.


~ Auswege ~

Cyntall rannte durch das große Tor. Ja, sie rannte wie schon lange nicht mehr. Die missbilligenden Blicke der Stadtwachen ignorierte sie. Piri am Zügel hinter sich herziehend, rannte sie den kleinen Hügel hinauf zum Anwesen des Magisters. Der alte Schreiter krächzte und ließ sich nur mit Mühe weiterziehen.

„Es ist passiert“, flüsterte es in ihr. Was sie am meisten gefürchtet hatte, war nun eingetreten. Sie musste sich entscheiden. Sie wollte sich aber noch nicht entscheiden. Sie war noch nicht soweit. Es musste noch einen anderen Weg geben.

Die kleine Elfe blieb keuchend auf der Mitte des Hügels stehen und hielt sich die Seite.  „Dabei hatte der Tag so gut angefangen“, dachte Cyntall. Sie hatte sogar vorgehabt Meister Drathen am Abend zu besuchen. Vielleicht wäre Mavael auch dort gewesen. Die schmächtige Elfe wollte sich ein paar Köder und Angeltipps holen. Die wären doch bestimmt nützlich für die anstehende Reise. Und danach hätten sie noch gemütlich tratschen können.  Auch hatte sie vorgehabt Mavael zu fragen ob er sich solange um Piri kümmern könnte. Dass sie den alten Schreiter alleine lassen musste, lag ihr etwas im Magen.

„Weiter“, schrie es in ihr. „Du musst das Schreiben finden.“  Cyntall hoffte, dass sie es noch hatte. Sie musste es einfach noch haben. Die kleine Elfe lief weiter. Allerdings etwas gebremst, da Piri sich weigerte auch nur ansatzweise in den Trab zu verfallen.
„Du bist der störrischste Nichtreitschreiter, den ich je gesehen habe“, schimpfte sie mit ihm, als sie die Zügel einem Stallburschen in die Hände drückte. Nein, heute würde sie nicht bleiben bis er versorgt war, sie musste das Schreiben finden.
Cyntall lief  in ihr Zimmer und entfachte mit ihren Gedanken und einem Handwinken alle Kerzen auf einmal.
„Wo, wo hab ich dich hingelegt“, murmelte sie. Sie zog nacheinander alle Schubladen ihres Schrankes auf. Etliche Pergamente, vollgeschrieben mit Übungen und Sprüchen sprangen ihr entgegen.
„Nichts“, murmelte sie enttäuscht. Cyntall trat an ihren Schreibtisch, aber auch nach gründlichstem Untersuchen konnte sie das gewünschte Schreiben nicht finden.
Verzweifelt sah sie sich um. Millimeter für Millimeter glitt ihr Blick durch ihr Zimmer. „Ha!“ Cyntall schrie auf. Aus dem ersten Buch, das ihr die hohe Dame hier gegeben hatte, schaute ein Stück Pergament heraus. Die kleine Elfe stürmte zum Regal und zog das Schreiben heraus. „Gerettet“, jubelte sie. Sie musste sich noch nicht entscheiden. Hier war die Lösung.

Auf dem Briefkopf thronte das pompöse Stadtwappen von Silbermond. Darunter stand „Identifikationsbehörde/Meldeamt“. Cyntalls Finger rutschte weiter im Text nach unten.
„….wird Ihrem Anliegen nach Prüfung entsprochen….seid Ihr hiermit registriert…“ Ungeduldig las die kleine Elfe weiter. „…besteht Anspruch auf Wohnraum.“

„Das ist es“, dachte Cyntall. Sie würde eine eigene kleine Wohnung beziehen. Sie würde bei Magister Blutflamme ausziehen, das hatte sie ihm beim Essen, zu dem er sie eingeladen hatte, auch schon gesagt. Ihr Vater würde es sowieso nicht gutheißen, wenn sie weiterhin alleine mit einem Mann zusammen wohnte. „Nicht gutheißen?“ Die kleine Elfe lacht. Umbringen würde er sie, dessen war sie sich sicher.
Und der Magister war sehr verständig gewesen. Cyntalls Blick fiel auf die Kette mit dem gelben Stein, die er ihr geschenkt hatte. Ja, verständig und gütig. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass er….

Die kleine Elfe verscheuchte die Gedanken. Viel wichtiger war ihr ob ER sich damit zufrieden geben würde. Die Anweisungen, ja fast Befehle des hohen Herrn Magisters waren sehr klar gewesen. Er hatte sie sogar nachdringlich an den Schultern gepackt. Cyntall war richtig erschrocken ob der unvermittelten Berührung und hatte nicht gewagt sich zu rühren, aber sie hatte auch Sorge in seinem Blick gesehen. Ja, er war sogar richtig aufgebracht gewesen. Die kleine Elfe hatte den hohen Herrn Magister so noch nie erlebt.
Aber Quartier im Sonnenzornturm zu beziehen?  Der hohen Dame würde das ganz und gar nicht gefallen, dessen war sich Cyntall sicher.

Der Blick der kleinen Elfe fiel auf das Datum des Schreibens. „Das ist schon etliche Monate her“, murmelte sie. Da sie beim Magister und der hohen Dame ein Zimmer bekommen hatte, war ihr das Schreiben des Meldeamtes nicht mehr so wichtig gewesen. Ob so eine Zusage für immer galt? Wie schnell ging so etwas überhaupt und konnte sie sich das überhaupt leisten? Zweifelnd kaute Cyntall auf ihrer Unterlippe.  Aber sie musste etwas unternehmen. Er hatte ihr die Alternativen deutlich aufgezählt. Und sie wollte doch so gerne mit auf die Reise gehen.

„Das wirst du auch“, flüsterte ihre innere Stimme wieder mit ihr. Cyntall dachte an die vielen Länder, die sie mit dem Armeelager durchzogen hatte. Aber richtig gesehen hatte sie eigentlich kaum etwas.
Sicher, abends am Lagerfeuer erzählten die Soldaten so allerlei, aber sie selbst war ja fast nie aus dem Lager herausgekommen. Jetzt selbst ein Land sehen und entdecken können - nein, das wollte sie sich auf keinen Fall nehmen lassen.

Cyntall stand auf und öffnete die Flügeltüren zur Terrasse. Sie stellte sich an die Brüstung und starrte in den Sternenhimmel….wie immer, wenn sie an ihre Mutter dachte. „Du fehlst mir“, flüsterte sie in den Himmel.  „Was soll ich denn jetzt machen?“ Die kleine Elfe schaute noch lange in die Sterne, als ob sie auf eine Antwort hoffte.

„Krötengesicht“, durchzuckte es sie plötzlich. „Ich werde nochmal zu Krötengesicht gehen.“ Cyntall dachte an den glupschäugigen Elfen im Meldeamt.  Er würde ihr sagen können, wie das mit einer Wohnung aussah und funktionierte.

Dann konnte sie dem hohen Herrn Magister berichten.  Spätestens wenn sie den Schneidertermin mit ihm hatte. Cyntall hoffte, dass die Kampfrobe, die er ihr für die Reise kaufen wollte nicht allzu teuer war. Sie hatte doch vor, ihm den Betrag so schnell wie möglich zurückzuzahlen.
Nur hübsch sollte sie sein und aus einem feinen Stoff….so ähnlich wie die, die die edle Dame heute Abend getragen hatte.


~ Meins! ~

Schon recht früh erwachte Cyntall. Das Bett im Gasthaus war doch etwas ungewohnt und da das Fenster direkt gegenüber lag, schien ihr die morgendliche Sonne direkt ins Gesicht. Die kleine Elfe setzte sich auf und betrachtete das Gastzimmer genau.
Sie hatte schon einmal im Gasthaus gewohnt...kurz, bis sie bei Meister Drathen untergekommen war. Nur nicht hier am königlichen Markt, sondern in dem, gleich neben dem Haupttor.
Cyntall zog die winzige Lade des Nachtkästchens auf und holte einen kleinen Lederbeutel hervor. Kurz schüttelte sie ihn und ein leises Klimpern war zu hören. Dann öffnete sie den Beutel und ließ den Inhalt auf ihre Bettdecke plumpsen.
„Damit komme ich nicht weit“, seufzte sie. Die schmächtige Elfe zählte die wenigen Münzen zusammen. Cyntall nahm einige der Kupferstücke auf und ging zum Schrank. Darin befand sich ein kleines Holzkästchen. Nach kurzem Zögern ließ sie die Münzen hineingleiten. Es fiel ihr zwar nicht leicht, von dem Wenigen noch etwas zu sparen, aber sie wollte es dennoch versuchen.

Im Frühstückszimmer setzte sich Cyntall und dachte über den gestrigen Abend nach. „Das waren ja mal Neuigkeiten gewesen“, murmelte sie vor sich hin. Die kleine Elfe lächelte, als sie daran dachte wie viel Überwindung ihn das wohl gekostet haben mag. Dann hatte sie sich bei dem Vortrag doch nicht verhört.
„Miss?“ Die Bedienung schaute sie fragend an. “Das wurde für euch abgegeben.” Der Elf legte einen Umschlag neben ihrem Teller ab und verschwand wieder.

Als sie ihn öffnete, fiel ihr ein Schlüssel auf den Schoß. „Ha, von Krötengesicht. Das ging aber fix.“ Cyntall sprang auf und rannte nach draußen. „Aber Miss? Ihr habt noch gar nichts gegessen“, rief ihr der Elf hinterher.
Das musste sie gleich Piri erzählen. Cyntall lief zum Stall des Gasthauses. Der alte Schreiter schaute ärgerlich auf, als er so unsanft überfallen wurde und plötzlich eine Elfe an seinem Hals hing. „Piri, schau. Wir haben eine Wohnung...eine eigene Wohnung.“ Die kleine Elfe hielt ihm das Schreiben unter den Schnabel, was Piri aber nur mit einem Picken quittierte.
Cyntall las den Brief wieder und wieder „...haben wir etwas gefunden, das Eurem Budget entspricht.“
Die kleine Elfe warf ihrem weißen Schreiter eine lockere Trense um und zog ihn nach draußen. „Komm, das schauen wir uns gleich an.“ Nur widerwillig schritt Piri hinterher.

„Das muss irgendwo am Platz der Weltenwanderer sein.“ Cyntall drehte die beigefügte Karte hin und her. „Wie rum gehört die denn?“ Nach einigem Suchen, fand sie einen kleinen Weg, der zwischen zwei Gebäuden in die Hinterhöfe führte, gerade breit genug, dass Piri noch hindurchpasste. Recht verwinkelt ging es weiter. Die Eleganz der Gebäude nahm sichtlich ab.

Schließlich gelangte sie an einen winzigen Platz mit einem kleinen Brunnen. „Da muss es sein“, murmelte sie und ging auf einen kleinen Turm zu, der eine Ecke des Platzes ausfüllte und eindeutig schon bessere Tage gesehen hatte.
Cyntall schloss auf und stand dann im unteren Teil des Turmes, der nur aus einem runden Raum und einer Treppe, die nach oben führte, bestand. Auf dem Boden lag noch altes Stroh und es roch muffig nach Stall. „Das ist dann ja wohl dein Zimmer“, zog sie Piri hinein.

Neugierig ging sie die schmalen Steintreppen hinauf und gelangte in den nächsten Stock. Sie erwarteten die gleichen Gegebenheiten wie unten, nur dass hier kein Stroh lag, sondern ein kleiner Herd und ein etwas wackeliges Regal stand. Cyntall öffnete die verschlossenen Läden und ließ Licht in den Raum. Was nur spärlich einfiel, da die Scheiben fast blind vor Schmutz waren. Die kleine Elfe strich mit einem Finger über die Kochgelegenheit.
„Hier hat eindeutig schon lange niemand mehr gewohnt“, murmelte sie und begriff langsam was der glupschäugige Elf vom Meldeamt mit „Eurem Budget entspricht“ gemeint hatte.

Cyntall stieg erneut eine Treppe nach oben, die allerdings nur noch aus Holz war. Sie gelangte wiederum in einen runden Raum, der noch kleiner ausfiel, als der untere und der mittlere, allerdings gab es hier keine weitere nach oben führende Treppe.
Der Raum war völlig leer und die kleine Elfe wollte wieder die Fenster öffnen. Eines klemmte jedoch und beim anderen traute sie sich nicht den Laden zu öffnen, da er doch sehr wackelig in seiner Verankerung hing.

Die kleine Elfe ging langsam wieder nach unten. „Und? Was meinst du Piri?“ Der alte Schreiter krächzte empört und schickte sich an den Turm zu verlassen. Cyntall griff die Trense und hielt ihn fest. „Natürlich nicht so luxuriös wie bei Magister Blutflamme, aber lass mich hier erst mal sauber machen.“ Die schmächtige Elfe schaute sich glücklich um. „Meins!“


~ Aus und vorbei? ~

„Das hast du nun ja richtig verbockt“, schimpfte die innere Stimme der kleinen Elfe. „Hab ich nicht“, zischte Cyntall zurück. Sie saß auf ihrem Bett, den gepackten Rucksack auf dem Schoß und die Arme fest darum geschlungen. Ihr war immer noch nicht klar, was eigentlich passiert war. Was sie eigentlich falsch gemacht hatte. Gut, sie hatte das ganze Dorf in Aufregung versetzt und sie hätte vielleicht nicht mit dem Feuer rumspielen sollen, aber sie war schließlich zu Tode erschreckt gewesen.

Noch nie war sie so verwandelt worden. Nur einmal bisher...kurz und schnell...und zu einem Hasen. Aber dieses Gefühl, als sich ihr ganzer Körper langsam verwandelte, sich ihr Gesicht und ihre Haare veränderten, sie sich in dieses „Ding“ veränderte und das auch noch völlig überraschend, hatte sie in Panik versetzt. Cyntall schüttelte sich wieder und wischte mit den Händen erneut hektisch über ihre Arme, als ob sie noch Reste von der Verwandlung abschütteln musste.

Sie hatte sich doch nur gewehrt. Sie hatte nichts anderes gemacht, als das was er ihr gesagt hatte. Die kleine Elfe erinnerte sich noch sehr gut an die Stunde am Tümpel auf der Sonneninsel. Zur Übung hatte er sie angegriffen und sie sollte sich wehren. Aber sie hatte sich nicht getraut. Wie böse war er geworden, hatte sie für unfähig erklärt und gesagt, sie müsse sich auf jeden Fall wehren, müsse mit aller Macht versuchen ihn zu unterbrechen. Nun hatte sie es gemacht und es war auch nicht richtig gewesen. Woher sollte sie denn wissen, nach was ihm gerade die Laune stand?

Wieder schüttelte sich die kleine Elfe und fuhr sich durch die Haare. Waren da nicht noch Blätter? „Vertrauen, Kleines. Du musst Vertrauen in deine Lehrer haben“, hämmerten die Worte von Magister Blutnebel durch ihren Kopf. „Als ob das so einfach war“, murmelte sie. Sie hatte noch nie jemanden gänzlich vertraut. Nicht einmal ihrem Vater. Zu oft hatte er sie enttäuscht.

„Ich versuche es ja“, murmelte sie. Schließlich war sie mit ihm in ein fremdes Land gegangen, war mit diesem Arkanisten mitgegangen und was war passiert? Er hatte sie hinterrücks und aus heiterem Himmel angegriffen. Sie hatte genau gespürt wie ihr etwas in den Rücken folg. Und dann kam diese schreckliche Verwandlung. Alle hatten es gesehen, aber niemand hatte ihr geholfen. Nicht einmal die edle Dame. Und wenn sie nicht das ganze Dorf zusammengeschrien hätte, würde sie wahrscheinlich jetzt noch so rumlaufen....zur allgemeinen Belustigung der hohen Herren. Ihre einzige Sorge waren diese Pelzwesen gewesen, und wie sie auf den Aufstand der kleinen Elfe reagierten.
Dann hatte er behauptet es wäre ja nur Unterricht gewesen, Unterricht, der als Bestrafung gedacht war. Was war denn der Unterschied zu dem Unterricht beim Tümpel? „Das passiert also, wenn ich jemanden vertraue“, murmelte Cyntall.

Die kleine Elfe erhob sich und ging zum Lager des hohen Herrn Magisters. Sie würde die Roben wie gewünscht ordnen...ein letztes Mal wahrscheinlich, wenn er seine Drohung wahr machte und sie zurückschickte. Sie nahm jede einzelne auf, schüttelte sie, entfernte etwaige Fussel und legte sie dann so akkurat zusammen, das man Bücher an die geraden Kanten anlegen könnte und es würde ein perfektes Rechteck erscheinen.

Danach sah sie sich um. Sie war völlig alleine. Er war noch nicht wieder herunter gekommen.
Cyntall streifte ihre Schuhe ab und schlich barfuß nach unten. Dort saßen zwar einige Expeditionsteilnehmer, aber die kleine Elfe stellte wieder einmal fest, dass ihre schmächtige, unscheinbare Erscheinung ein Segen war. Unbemerkt schlüpfte sie im Dunkeln der Wand nach draußen.

Cyntall bog gleich nach links zu den Stallungen ab. Sie öffnete das Gatter und trat vorsichtig an den roten Schreiter heran, den man ihr zugeteilt hatte. „Ich weiß nicht mal wie du heißt“, sprach sie leise und freundlich auf ihn ein. Sanft strich sie ihm über die Federn. Der Schreiter, wohl gewöhnt an wechselnde Besitzer, schien sich nicht sehr für die kleine Elfe zu interessieren.

Dann brach es plötzlich aus ihr heraus. Sie erzählte ihm von dem unschönen Gespräch, das sie noch einen Tag vor der Abreise mit ihrem Vater hatte. Erzählte dem Schreiter, dass ihr Vater sie gewarnt hatte. „Es kommt nichts Gutes von diesen Leuten“, hatte er gesagt. Da die kleine Elfe wusste, dass sein Hass wohl auf die Erfahrungen, die er mit ihrer Mutter gemacht hatte zurückging, hatte sie ihn angeschrien, dass ER nicht so sei...hatte ihn verteidigt. Und sie erzählte weiter über den heutigen Tag, diesen furchtbaren Tag. Sie erzählte ihm, dass sie es einfach nicht verstand, wie man so brutal gegen sein eigenes Volk vorgehen konnte. Sicher war sie auch im Lager der Armee bestraft worden, aber doch nicht so. Dieses Verhalten, scheinbar willkürlich und zur Belustigung bestraft zu werden war ihr völlig fremd.

Der Schreiter kam nun doch, ob des wohl für ihn monotonen Singsangs der Elfe näher heran.
Cyntall legte sich sanft gegen seinen Körper und streichelte ihn weiter. Die gleichmäßige Atmung des Schreiters, die sie in langsamen Schüben auf- und abgleiten ließ, beruhigte sie langsam. Sie kuschelte sich tiefer in die weichen Federn. „Wärme“, murmelte sie und dann ließ sie ihren Tränen freien Lauf.


~ Von aufmüpfigen Lehrlingen und einheimischer Flora ~
Wein am Morgen war üblich. Bier zu irgendeiner Tageszeit eine Tortur. "Aber die Beziehungen sind angespannt genug. Diesem Orang-Utan sei Dank. Tz!"
Zumindest sollte man sie nicht verärgern. "Da Garroshs diplomatisches Geschick allerdings Ähnlichkeit mit einem Elekk im Porzellanladen hat..." Also runter mit dem Gebräu. Wer sich an Talbukmilch gewöhnt, der gewöhnt sich letzten Endes an alles.
Cyntall schien das anders zu sehen, oder zumindest nicht den Hauch von diplomatischem Geschick zu besitzen. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." Wenn er zurück an die scheinbar endlose Liste der Bemängelungen bezüglich ihres Vaters dachte, konnte man sich nur wünschen, in der Zeit zurückzureisen und das Kind adäquat bei der Mutter aufwachsen zu lassen.
Dann wären vielleicht auch ihre Gedanken logischer. Ganz bestimmt wären sie das sogar. "Wer grüßt denn Wachen vor deren Vorgesetzten? Einmal so eine Aktion vor meinem Vater und sie wäre eine Woche herumgehoppelt. Mindestens."
Nein, er würde die Dinge so handhaben, wie er es immer getan hatte, wie er es gelernt und anschließend gelehrt hatte. Es wurde langsam Zeit, dass Silbermond wieder in einen alten Rhythmus verfiel und mit ihm seine Bewohner. "Und dazu gehören auch die richtigen Umgangsformen. Man grüßt sie nicht vor mir. Unter absolut keinen erdenklichen Umständen dieser Welt."
Sie war aufmüpfig, definitiv. Anstatt zumindest so zu tun, als würde ihr dieses Gebräu schmecken, hieß es lediglich sie trinke ja nur Wasser und sie wolle sich die Stadt ansehen. Das konnte sie offenbar kaum erwarten. "Es war eine simple Anweisung. Eine absolut simple. Sachen auspacken. Aber nein, die werte 'kleine Lady' muss ja unbedingt wieder unter Beweis stellen, dass ihr Anweisungen egal sind. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." So langsam reichte es.


~ Einsichten? ~

Überglücklich hatte Cyntall Piri buchstäblich in die Arme geschlossen. Nachdem sie die letzte Nacht mit Nachdenken verbracht hatte und früh morgens durch das Portal geschritten war, hatte sie sich zwar mit nachdrücklicher Höflichkeit bei allen bedankt und verabschiedet, dann aber hatte die kleine Elfe nichts mehr gehalten.
Sie hatte sich ihren Rucksack geschnappt und war losgerannt. Losgerannt zu den Stallungen mit der inständigen Hoffnung, dass es ihrem alten Schreiter gut ging.

Es ging ihm gut. Etwas irritiert war Piri zurückgewichen, als Cyntall so urplötzlich angeflogen kam, dann allerdings hatte er sie erkannt und schnäbelte jetzt mit dem Hals um ihren Körper herum, um an den kleinen Lederbeutel zu kommen, den die schmächtige Elfe für gewöhnlich am Gürtel trug.
„Ich hab dich wieder“, weinte Cyntall leise in seine Federn. „Jetzt wird alles gut. Komm, lass uns heimgehen.“ Da der Stallmeister sich bereits mehrmals geräuspert hatte, schnappte sie sich die lockere Trense und zog Piri, nach einem erneut überaus höflichen Dankeschön an den Stallmeister, nach draußen.

Cyntall redete den kurzen Weg von den Stallungen zu ihrem Turm ununterbrochen auf Piri, der wie gewöhnlich neben ihr schritt, ein. Sie bemerkte vor lauter Reden nicht einmal, dass ihre Eingangstüre nicht verschlossen war.
Sofort begann sie neues Stroh auszulegen und Heu in den Trog zu füllen, dann schnappte sie sich den Eimer um frisches Wasser vom Brunnen zu holen.
„Du bist also wieder da.“ Die kleine Elfe erstarrte in der Bewegung und fuhr herum. Ihr Vater stand auf der Mitte der Steintreppe die in den ersten Stock führte und musterte sie kühl.

Wie sie es hasste, wenn er sich so anschlich, urplötzlich und leise neben ihr auftauchte oder ebenso wieder verschwand. „Was...was...was machst du denn noch hier? Ich dachte, du bist schon wieder weg“, erwiderte sie erstaunt.
„Nein, bin ich nicht...wie du siehst....mach Frühstück“, entgegnete er knapp und ging wieder nach oben.
Cyntall beeilte sich mit dem Wasser für Piri und ging dann ebenfalls in den ersten Stock, wo sich die kleine Küche befand. Überrascht sah sie sich um. Bisher hatte sie nur einen Herd und ein wackeliges Regal besessen, nun stand hier ein Tisch mit vier Stühlen. Auf einem saß ihr Vater, leicht damit zurück an die Wand gekippt, ein Bein locker auf einem zweiten Stuhl abgelegt.

„Ich hatte nicht vor auf dem Boden zu sitzen“, entgegnete er auf ihren fragenden Blick hin. Dann deutete er auf das Regal, das mit einigen Kochzutaten gefüllt war. Die schmächtige Elfe nickte und nahm einige Eier aus dem Regal, entzündete ein Feuer und stellte eine Pfanne darauf. „Du bleibst also länger?“ Cyntall erhielt nur ein Brummen, was sie als ein Ja deutete.

Sie schlug die Eier auf und begann langsam zu rühren. Ihr Vater und sie in einer gemeinsamen Wohnung? Die kleine Elfe schüttelte unbemerkt den Kopf. Das würde nicht gut gehen mit der Zeit, das wusste sie. Zum ersten Mal bedauerte sie, dass sie das Angebot des Magisters nicht angenommen hatte und in den Sonnenzornturm gezogen war. „Obwohl“, dachte sie, „in der momentanen Situation, wäre das wohl auch nicht gut.“ Sie wäre vielleicht von ihrem Vater verschont, aber könnte dann auch auf der Straße stehen. Und wo sollte sie dann hin?

„Und? Hast du schon genug von deinen Rockträgern?“ In seiner Stimme schwang eine gewisse Häme mit, die Cyntall mit einem trotzigen „Nein“ beantwortete.

„Ach nein? Sie haben sich also nicht bedienen lassen? Nicht schikaniert nach Lust und Laune? Dir nicht den Mund verboten oder dich abfällig behandelt? ...Ganz was Neues“, murmelte er gespielt überrascht weiter. Die schmächtige Elfe biss sich auf die Lippen und umklammerte den Rührlöffel fester.

„NEIN“, fuhr sie schreiend herum, um dann erschreckt festzustellen, dass er direkt hinter ihr stand. „Sie waren ausgesprochen höflich und freundlich zu mir“, schrie sie. „Fürsorglich, ja fürsorglich waren sie...und gekümmert habe sie sich....nicht so wie DU!“ Cyntall warf ihm die letzten Sätze, obwohl sie nicht ganz der Wahrheit entsprachen, zornerfüllt entgegen. Sie sah nur noch wie er mit einer Hand wütend die Pfanne vom Herd fegte und die zweite hob. Die kleine Elfe duckte sich und hielt ihre Hände reflexartig über ihren Kopf.
Als nichts passierte öffnete sie, nach einer gefühlten Ewigkeit die Augen und blinzelte durch ihre Finger. „Als ob ich dich je…was machen sie nur mit dir“, murmelte er, schüttelte den Kopf und verschwand gekränkt noch einen Stock höher.

Die kleine Elfe ließ sich neben der am Boden liegenden Pfanne auf die Knie sinken. „Was mache ich nur falsch“, flüsterte sie. Bisher hatte sie doch keine Schwierigkeiten gehabt sich einzufügen. Doch in letzter Zeit schien sie nur noch anzuecken. Am meisten bei der Expedition.
Dabei war sie so froh gewesen, endlich wieder jemanden vertrauen zu können...nach so langer Zeit. Und er schien ihr ja auch zu vertrauen, sonst hätte er ihr bestimmt nicht so einiges erzählt. Umso verletzter war sie gewesen, als er für ihre Bestrafung gesorgt hatte. Und selbst wenn er es noch so oft logisch und nachvollziehbar erklärte. Selbst wenn sie es mittlerweile sogar ein bisschen verstand. Zu dem Zeitpunkt war sie einfach nur tief enttäuscht gewesen. Und wütend. Ja, wütend. Ihr Vater hatte sie noch gewarnt, hatte gesagt, dass von diesen Leuten nichts Gutes kommen würde. Und wenn sie etwas noch mehr hasste als enttäuscht zu werden, dann war es wenn sie ihrem Vater bei diesem Thema Recht geben musste.

„Aber du hast dich dumm verhalten“, flüsterte ihre innere Stimme. Cyntall nickte langsam. Ja, das hatte sie. Anstatt es einfach hinzunehmen, wie schon so oft, hatte sie ihre Enttäuschung auf die anderen Expeditionsteilnehmer projiziert, hatte sich bockig und stur verhalten. Die Arkanisten und die Waldläuferin konnten schließlich auch nichts dafür, befolgten auch nur Befehle. Und ihre Hinwendung zu der einzigen Elfe, die ihr bisher immer freundlich entgegengekommen war, hatte es auch nicht besser gemacht.

„Wer bin ich“, flüsterte sie. Darüber hatte sie die ganze Nacht nachgedacht. War sie die Tochter einer Magistrix aus angesehenem Hause? Die Enkelin einer langen Reihe von Magiekundigen? Oder war sie doch eher die Tochter eines Waldläufers, der impulsiv und wild handelte und Schwierigkeiten hatte sich unterzuordnen. Ihr Vater hatte sie immerhin doppelt so lange geprägt, wie ihre Mutter Zeit gehabt hatte.

„Was will ich sein“, flüsterte sie erneut. Das musste sie herausfinden. Wenn sie das wusste, dann würde sich alles andere finden.
Eines wusste sie bereits mit Sicherheit. Sie wollte nie mehr zurück in dieses Armeelager.

„Du musst dich beugen, ihnen geben was sie verlangen.“ Cyntall nickte wieder. Ja, die Gedanken waren frei. Sie müsse nur so tun. Nur nach außen hin funktionieren. Was sie hinter geschlossenen Türen machte oder dachte war egal. Wieder nickte die kleine Elfe. Ja, das hatte sie so verstanden. „Das schaffe ich, das wird schon gehen.“ Sie würde in Zukunft ihren Mund halten. Sie würde nur noch sich selbst vertrauen und sonst keinem mehr.

Cyntall begann die Reste des Omeletts einzusammeln und hob die Pfanne auf. Als sie den Boden wieder sauber hatte begann sie ihre Tasche auszupacken und streifte ihre Kampfrobe ab. Nachdem sie wieder eines ihrer einfachen Kleider übergeworfen hatte, legte sie die Robe mit den einzelnen Teilen ordentlich zusammen. „Meine erste Kampfrobe“, murmelte sie und strich traurig über den feinen Stoff und die eingewebten Steine. „Ich werde sie noch reinigen, bevor ich sie morgen zurückgebe.“


~ Es bleibt schwierig ~

Bereits zum dritten Mal schrieb Cyntall an dem Protokoll der Gesamtsitzung des Arkaneums. Immer wieder machte sie Schreibfehler oder kleckste die Tinte von der Feder auf das Pergament. „Ich und Protokoll führen“, maulte sie vor sich hin.
Sie schrieb doch viel zu langsam und dann noch die Wörter! Besonders die nette Elfe aus der Rechtsabteilung drückte sich mit Begriffen aus, die Cyntall noch nie gehört hatte.
„Wieso sprechen die hohen Herrschaften immer so gestelzt“, dachte die kleine Elfe.
Das war auch Thema am See gewesen, als sie mit ihrer kleinen Gruppe von Adepten dort etwas „feierte“. Offenbar ging es einigen Adepten ähnlich.

Cyntall grinste leicht vor sich hin, als sie an den Abend dachte. Was hatten die Adepten gestaunt, als sie vom Magister berichtete. Sie hatte zwar maßlos übertrieben und einige Gegebenheiten weit möglichst ausgeschmückt, aber sie hatten es, wohl aufgrund seines Rufes den er genoss, bedenkenlos geglaubt. Und es hatte ihr einen gewissen „Mitleidsbonus“ bei den anderen eingebracht.
Einzig, als das Gespräch auf die edle Dame kam, war Cyntall etwas in Bedrängnis geraten.
Offenbar wurden die Beiden gesehen, als sie durch Silbermond gingen und die edle Dame war nicht in Uniform gewesen.
Sofort wurden natürlich die unterschiedlichsten Spekulationen angestellt, die erst endeten, als die kleine Elfe „auch so ein Tick von ihm“ in die Runde geworfen hatte.
Danach hatten sich alle Augen fragend auf sie gerichtet. „Er hat einen Kleidungstick...er schreibt anderen gern vor, was sie anzuziehen haben, je nach seinem momentanem Gusto“, hatte Cyntall erklärt.
„Echt?“ Eine Adeptin hatte sie ungläubig angesehen. „Ja, er schreibt mir sogar die Farbe der Roben vor, die ich tragen muss“, hatte Cyntall weiter ausgeführt.
„Ist nicht wahr?!“ Die Adepten hatten mit offenen Mündern mitleidig ihre Köpfe geschüttelt. Cyntall hatte gewichtig genickt und war ganz zufrieden gewesen. Offenbar war ihr „Mitleidsbonus“ weiter angestiegen und sie hatte das unschöne Geschwätz im Keim erstickt.

„Mist“, fluchte die kleine Elfe, als sich erneut ein Tintenklecks auf dem Pergament bildete.
Wütend knüllte sie das Pergament zusammen und nahm ein neues vom Stapel. Allerdings schweiften ihre Gedanken nach den ersten Sätzen erneut ab.

„Die Roben und ihre Farben“, murmelte Cyntall. Auch so etwas, was wohl mehrere Möglichkeiten offen ließ. Die kleine Elfe dachte an die Farbe des Gewandes, welches die edle Dame am letzten Abend der Expedition trug. Cyntall wollte sich gar nicht die Kommentare vorstellen die es gehagelt hätte, wenn sie in so einer Farbe erschienen wäre. Aber die kleine Elfe hatte sich zu keiner Äußerung hinreißen lassen, hatte keine erneute Diskussion über Kleiderfarben angestrengt. Zu offensichtlich war die Provokation ob der Farbe gewesen.

Genauso schien es sich mit dem Grüßen zu verhalten. Es schienen mehrere Regeln zu existieren. Als die Dame Glockenhell sich bei der Gesamtsitzung verabschiedete, hatte sie sich eindeutig zuerst an Cyntall gewandt, dann erst an die verbliebenen Magister....und diese schien das gar nicht gestört zu haben.

Cyntall hatte aufgehört zu schreiben und starrte vor sich hin. Es gab also ihre, von Jugend auf gelernten Regeln, dann wohl „Silbermonder“ Regeln und dann noch seine Regeln...und die Ausnahmen seiner Regeln.

„Die Ausnahmen“, murmelte sie gedankenverloren vor sich hin. Damit hatte sie die größten Schwierigkeiten.

Obwohl sie sich eigentlich sicher war, dem Sekretär vollkommen korrekt geantwortet zu haben, hatte ihr jedes Wort des knappen Zweizeilers weh getan. Sie mochte den alten, so komisch vor sich hin bruddelnden Elfen. Aber der Magister konnte es wenden wie er wollte, genau genommen war er ein Angestellter...also ein Bediensteter, und so jemanden schrieb man eben keine ausführlichen Briefe, so jemanden erklärte man sich nicht.
„Seine Regeln...seine Ausnahmen“, flüsterte sie wieder. Bestimmt fiel der Sekretär unter seine „Ausnahmen“. Bestimmt hatte sie schon wieder etwas falsch gemacht.

„Jetzt konzentriere dich aber mal“, schimpfte ihre innere Stimme. Cyntall saß immer noch vor ihrem Protokoll, auf dem bisher nur ein paar Sätze niedergeschrieben waren.
Die kleine Elfe sah wieder in ihre Aufzeichnungen. Einige Änderungen würde es im Arkaneum geben. Lehrstühle wechselten und sogar die stellvertretende Leitung. Cyntall freute sich für Magister Blutflamme und die Magistrix, obwohl sie auch traurig war, dass Magister Sommerlicht sie verließ. Aber für Magister Blutflamme war es endlich die Anerkennung, die ihm zustand. Und in seiner gütigen Art wäre er bestimmt ein hervorragender stellvertretender Leiter.

Als Cyntall an die Stelle in ihren Aufzeichnungen kam, in der es um ihre Prüfung ging schluckte sie allerdings. Dieser Magister Sommersang schien die Prüfung abzuhalten oder sollte sie koordinieren. So genau hatte die kleine Elfe das nicht verstanden. Als sie hörte, dass die Prüfung schon bald stattfinden sollte, hatte es in ihrem Kopf nur noch gerauscht.

„Das geht doch nicht“, flüsterte es in ihr. Sie war davon ausgegangen, dass Magister Sommerlicht die Prüfung abhielt. Und überhaupt konnte sich die kleine Elfe unter einer Prüfung nicht so richtig etwas vorstellen. Musste sie da schreiben? Oder einen Vortrag halten? Wurde sie befragt? Wenn ja, von wem? Wie viele Magister waren da überhaupt anwesend? Musste sie auch zaubern? Gehörte das Pergament mit der verschwundenen Schrift von Magister Sommersang schon zur Prüfung? Diese ganzen Fragen hämmerten ihr durch den Kopf.

Außerdem war sie davon ausgegangen, dass er bei der Prüfung dabei war. Nun ja, Magister Sommersang wollte wohl Kontakt mit dem Sekretär aufnehmen, aber was, wenn er nicht rechtzeitig zurück war? Oder gar kein Interesse mehr hatte daran teilzunehmen? Die kleine Elfe wusste ja im Moment nicht einmal, ob sie noch seine Schülerin war.
Davon hatte sie den Magistern gegenüber natürlich nichts erwähnt. Immerhin versuchte sie ja sich zu ändern. Sie versuchte es wirklich....auch wenn ihr manches so gänzlich gegen ihr Naturell ging. Aber sie hielt sich zurück. Nickte, lächelte, knickste und hielt den Mund. Sogar mit Piri sprach sie nicht mehr in der Öffentlichkeit.
Aber würde ihm das ausreichen? Cyntall wusste auch nicht genau woran es lag, aber wenn sie in seinem Unterricht war, dann sprach sie meist das aus, was sie dachte. Und zwar ohne vorher groß abzuwägen oder nachzudenken.
Bei ihm hatte sie keine Angst sich zu blamieren, hatte das Gefühl ihm alles sagen zu können.
„Auch das werde ich ändern müssen“, dachte sie. Denn offenbar war genau das der Fehler.

„Fertig“, murmelte Cyntall nach einiger Zeit und betrachtete das Protokoll kritisch. Es sah ganz gut aus....fand sie zumindest.
Die schwierigen Wörter hatte sie nachgeschlagen und die sie nicht gefunden hatte, wurden von ihr so geschrieben wie sie gesprochen wurden. Das konnte doch nicht allzu falsch sein.
Trotzdem war es ihr gar nicht recht, dass sie so ein Schreiben an Magister Sommerlicht geben musste....und das auch noch vor der Prüfung.


~ Klarheit ~

Recht spät kam Cyntall vom Gespräch mit dem Magister nach Hause. So leise wie möglich öffnete sie die schwere Holztür, dann trat sie an Piri heran. „Er hat mich nicht rausgeschmissen, Piri....ist das zu glauben?“ Die kleine Elfe umarmte den alten Schreiter glücklich. „Und ich muss auch noch nicht so schnell eine Prüfung machen. Nur das  Arkaneum muss ich verlassen ... und meine schöne Robe darf ich wiederhaben und...“ Cyntall teilte die ganzen Neuigkeiten ihrem Schreiter aufgeregt und im Flüsterton mit. Piri hingegen hatte seinen Kopf auf die Schulter der schmächtigen Elfe sinken lassen und genoss die Streicheleinheiten.

„Wo bitte kommst du jetzt her?“ Cyntall zuckte zusammen und drehte sich um. „Du bist noch wach?“ Die kleine Elfe sah ihren Vater entschuldigend an. „Offensichtliche Dinge zu fragen, lernst du das bei deinen Rockträgern?“ Seine Stimme klang verärgert und kalt.
„Nein, meine Frage war mehr eine Floskel....und ich hatte eine Besprechung mit Magister Morgentau“,  antwortete sie. „Mitten in der Nacht? Hat der Kerl keinen Anstand?“ Ihr Vater drehte sich um und ging nach oben.
Cyntall strich Piri noch ein letztes Mal über den Hals und folgte ihm dann in die Küche. Wenn ihr Vater noch wach war, dann konnte sie ihn auch gleich über die Neuigkeiten informieren.

Die kleine Elfe trat an den Tisch, an dem ihr Vater Platz genommen hatte heran und griff nach dem Krug Wein, der dort in einem Kreis aus Bechern stand. Ein kleines Glas Wein würde ihr jetzt, nachdem die Entscheidung gefallen war, gut tun. Sie hatte schließlich was zu feiern.   „Was soll DAS denn werden?“ Die Stimme ihres Vaters klang scharf und gefährlich leise. Die schmächtige Elfe zuckte mit der Hand zurück und griff stattdessen nach einem Becher, den sie mit Wasser aus einem Krug am Herd füllte, dann setzte sie sich ebenfalls.
„Gehe jetzt nur klug vor“, flüsterte ihre innere Stimme. Cyntall wusste, dass ihr Vater in solch einer Stimmung und nach entsprechenden Weinkonsum, wie sie aus dem fast leeren Krug schließen konnte, nicht sehr zugänglich für ihre Belange war, schon gar nicht, wenn es mit Magie und Magistern zu tun hatte.
„Die Besprechung hat sich hingezogen, tut mir leid. Ich werde nicht mehr so spät nach Hause kommen, versprochen“, versuchte sie versöhnlich einzulenken. „Davon gehe ich aus“, entgegnete er, schenkte den letzten Wein in sein Glas und ging dann wortlos noch ein Stockwerk höher.

Cyntall blieb sitzen und starrte auf die Maserung der Tischplatte. „Na, toll“, murmelte sie. Wie gerne hätte sie ihm berichtet. Hätte ihm erzählt, dass sie nun ihrem Ziel wieder etwas näher gekommen war. Dass sich der Magister ihrer als richtige Adeptin annahm und dass sie das Arkaneum verließ. Dass sie das auch traurig machte, die Magister und besonders der gütige, hoher Herr und die hohe Dame würden ihr fehlen und sie hatte sich doch erst mühsam mit ein paar Adepten angefreundet. Sie hätte mit ihm so gerne die Bedingungen und Konsequenzen besprochen, die ihr der Magister genannt hatte. Hätte ihn so gerne gefragt, ob sie sich richtig entschieden hat.

„Es interessiert ihn sowieso nicht.“ Die kleine Elfe schickte einen wütenden Blick die Treppe hinauf.  Er hatte sich noch nie für sie interessiert. Cyntall schüttelte den Kopf. Nein, das stimmte nicht ganz.  Wenn sie spät nach Hause kam, wenn sie Roben als Geschenke annahm, wenn sie Dinge tat, die für ihn nicht „anständig“ waren, dann, ja dann interessierte es ihn.

Die schmächtige Elfe dachte mit Grausen daran, dass er doch tatsächlich verlangt hatte, dass sie von Mavael die Kette ihrer Mutter zurückforderte und ihm Piri zurückgab.  „Piri weggeben“, lächelte Cyntall schmal. Sie war böse geworden...richtig böse, was eigentlich gar nicht in ihrem Naturell lag. Sie hatte sich das erste Mal gegen ihn durchgesetzt. Sich zum ersten Mal gegen ihn richtig aufgelehnt. Sie hatte sogar ihre „Freunde“ gerufen, weil sie genau wusste, dass er sich zurückzog wenn sie Magie wirkte.  „Piri weggeben“, schnaubte sie immer noch empört.
Aber sie hatte  alle schönen Roben, die sie von der hohen Dame bekommen hatte, zurückschicken müssen.  Jetzt musste sie ihm nur noch beibringen, dass der Magister ihr eine Adeptenrobe schenken wollte.  Sie würde versuchen ihm das als „Uniform“  zu verkaufen, war sich aber so gar nicht sicher, ob er es akzeptieren würde. „Wahrscheinlich nicht...“, murmelte sie und sah einen neuen Streit auf sich zukommen.

Cyntall stand auf und räumte den Tisch ab. Sollte sie ihm überhaupt von dem Angebot des Magisters berichten? Sicher war es gut gemeint und die kleine Elfe fand es auch irgendwie rührend, dass er sich dafür überhaupt interessierte...sogar Lösungen vorschlug, aber ihr Vater würde es wohl schon ablehnen, weil es von einem Magister kam.

„Irgendetwas muss aber passieren“, flüsterte sie wieder. Sie musste lernen und üben. Und dafür brauchte sie Ruhe und Platz.


~ Standpunkte ~

„Hast du gesehen wie ich geblinzelt bin, Piri?“ Cyntall brachte ihren alten Schreiter in den Stall und nahm ihm die Trense ab. Piri schien sich dafür nun so gar nicht zu interessieren. Mit einer schnellen Bewegung seines Halses versuchte er an den kleinen Beutel zu kommen, den die kleine Elfe am Gürtel trug. „Nein, heute gibt es nichts mehr“, drückte sie ihn leicht weg. „Du hast so feine Sachen vom Magister bekommen. Das reicht erst mal.“
Cyntall nahm ihren Rucksack auf und dann nieste sie. Jetzt war ihr doch kalt. Sie hatte nach ihren unfreiwilligen Bädern zwar eine trockene Robe angezogen, aber trotzdem fühlte sich alles klamm an.
Sie stieg die schmale Steintreppe hoch, die in die Küche führte und packte ihre nasse Robe aus um sie zum Trocknen aufzuhängen und griff nach einem Tuch um ihr Haar trocken zu rubbeln.

„Was ist denn mit dir passiert?“ Cyntall hob den Kopf und schüttelte ihre Haare, die recht verstrubbelt in alle Richtungen abstanden. Ihr Vater sah erst auf die nasse Robe, dann auf die trockengerubbelten Haare. Die kleine Elfe hörte einen Hauch von Sorge aus seiner Stimme und lächelte ihn beruhigend an. „Nichts schlimmes, ich bin ins Wasser gefallen“, entgegnete sie. „Und wieso bist du ins Wasser gefallen“, hakte er nach.
Cyntall überlegte schnell. Wenn sie jetzt mit Magie und Magister anfing, dann konnte sie den Abend vergessen. Und sie wollte ihn doch um etwas bitten und da war es besser, wenn er gute Laune hatte.
„Ich bin ausgerutscht...ein blöder Unfall.“ Cyntalls innere Stimme meldete sich. „Du belügst deinen Vater? DEINEN VATER?“ Die schmächtige Elfe blinzelte unter ihrem Pony in seine Richtung. Würde er sich mit dieser Antwort zufrieden geben?
Ihr Vater blickte erst wieder auf die nasse, aufgehängte Robe und dann auf seine Tochter. Sein Blick wanderte dann betont langsam von ihrem Gesicht runter auf ihre Robe. „Wie praktisch, dass du „zufällig“ eine trockene Robe dabei hattest.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging nach oben.

„Wie dumm bist du eigentlich“, schimpfte Cyntall mit sich selber. Sie hätte wissen müssen, dass er sie sofort durchschaute.  Schließlich war er Ausreden aller Art von seinen Männern gewohnt, die kleinere Unzulänglichkeiten, wie zu spätes Erscheinen zum Dienst oder mangelhafte Ausrüstung auch versuchten mit entsprechenden Notlügen zu entschuldigen.

Cyntall schnappte sich eine Flasche Wein und stieg ihm nach. Im obersten Stockwerk befanden sich nur ein paar Sitzkissen und ein kleiner, bodennaher Tisch. Größere Kissen lagen an einer Wand und dienten als Bett. Die kleine Elfe schlief im Moment bei Piri im Stroh und überließ ihrem Vater das oberste Stockwerk.
„Es tut mir leid“, sagte sie, stellte die Flasche auf den Tisch und setzte sich dann auf eines der Kissen.
Ihr Vater griff die Flasche, zog den Korken mit den Zähnen heraus und spuckte ihn zur Seite. Schweigend schenkte er zwei Becher voll und donnerte einen recht laut vor Cyntall hin. „Hier, lügen und saufen scheint ja das Einzige zu sein, was du im Moment lernst.“
Die kleine Elfe biss sich auf die Unterlippe. „Das stimmt doch gar nicht“, begehrte sie auf. „Ich lerne eine Menge....du willst es nur nicht sehen.“ Mit Nachdruck schob sie ihren Becher wieder zurück in die Tischmitte.
Dann erzählte sie ihm, dass sie heute Unterricht beim Magister gehabt hatte. Dass sie das Blinzeln geübt hatte, sicherheitshalber am Wasser. Und dass sie natürlich des Öfteren im selbigen gelandet war, da sie die Entfernungen noch nicht abschätzen konnte, wenn sie es überhaupt schaffte den Zauber richtig zu wirken.

Cyntall erzählte mit immer mehr Begeisterung. Ihre Augen leuchteten und strahlend verkündete sie, dass sie es zum Schluss schon recht gut hinbekommen hatte. Ihr Vater starrte schweigend auf seinen Weinbecher.
„Natürlich war ich deshalb klatschnass, aber ich habe die Sachen doch alle ausgezogen, als wir fertig waren.“ Im gleichen Moment biss sich die schmächtige Elfe erneut auf die Unterlippe. Sie sah, wie ihr Vater den Blick hob und sie mit schmalen Augen ansah. „Du hast dich ausgezogen?“
„Umgezogen....ich habe mich umgezogen“, versuchte sie zu retten, konnte aber nicht verhindern, dass ihr die Röte ins Gesicht schoss.
„Das wird ja immer besser.“ Seine Stimme war nun kalt und schneidend. „Mach was“, flüsterte es in Cyntalls Kopf, „lass es nicht so stehen, geh zum Angriff über, du hast nichts Schlechtes getan.“

Cyntall setzte sich aufrecht hin und sah ihn direkt an. „Wieso machst du das? Wieso machst du immer alles schlecht? Ich kann schließlich nichts dafür, dass man dich beurlaubt hat. Daran bist du selbst schuld“, warf sie ihm trotzig hin. „Wieso freust du dich nicht, dass ich einen schwierigen Zauber hinbekommen habe? Wieso bist du nicht stolz, dass ich meinen Weg gehe? Wieso hörst du immer nur das Negative aus dem heraus, was ich erzähle. Ich mache nichts schlimmes. Ich lerne nur. Ich arbeite hart dafür. Ich...ich......ich...“ Die kleine Elfe konnte nicht verhindern, dass die Tränen kamen und ihr die Stimme wegbrach.

Ihr Vater sah ihr mit einem seltsamen Blick direkt in die Augen. „Diese großen, runden Augen“, dachte er. “Ihre“ Augen. Wieso musste sie ihrer Mutter auch so verdammt ähnlich sehen? Er war schon mal auf diese großen Augen reingefallen...damals. Es würde ihm nicht nochmal passieren. „Aber sie ist deine Tochter, nicht deine Frau. Du tust ihr vielleicht Unrecht?“ In ihm meldete sich diese leise und tief vergrabene Stimme.
„Also schön, jetzt beruhige dich“, lenkte er mit etwas weicherer Stimme ein. Cyntall wischte sich die Tränen ab, schluckte mehrmals und sah ihn unsicher an. „Trotzdem wünsche ich, dass du abends nicht mehr unterwegs bist. Außerdem werde ich dir jeglichen Umgang mit diesem Magister verbieten, wenn er mit dieser Art von Unterricht weiter macht. Du bist nicht dafür da, für seine Belustigung zu sorgen. Blinzeln kann man bestimmt auch anders üben.“ Ihr Vater schüttelte verständnislos den Kopf und fuhr dann fort. „Und wenn du nochmal mehr Kleidungsstücke als deinen Umhang ablegst, junge Dame, dann...dann bekommst nicht nur DU richtigen Ärger. Und das kannst du deinem Magister von mir ausrichten.“

Cyntall sah in seinem Blick, dass er diese Drohung durchaus ernst meinte. „Das kannst du ihm selbst sagen“, entgegnete sie leise mit gesenktem Kopf. „Er bittet dich um ein Gespräch.“ Die kleine Elfe gab bewusst nicht seine direkte Wortwahl wieder. Bemerkte sie doch gerade, dass ihr Vater etwas zugänglicher wurde.
„Ach, tut er das, ja?“ Ihr Vater lächelte schmal, sagte aber nichts weiter und trank seinen Wein mit einem großen Schluck aus. „Ich bin noch verabredet...ich komme spät.“ Mit diesen Worten stand er auf und griff nach seiner Jacke.
„Was ist jetzt mit dem Liederabend?“ Die kleine Elfe sah ihn bittend an. „Erlaubst du mir doch dahin zu gehen...bitte?“

Ihr Vater blieb am Treppenansatz stehen und wandte sich um. „Du belügst mich und dann soll ich dir erlauben abends auszugehen...alleine? Was sagte ich gerade?“
Cyntall nickte enttäuscht und sah dann, wie er die Treppen herunterging und den Turm verließ. Sie hätte ihm ja sagen können, dass sie nicht alleine gewesen wäre, dass sie den Magister begleiten würde, aber die kleine Elfe war sich sicher, dass das auch keinen Unterschied gemacht hätte.
„Ob er zu ihm gehen würde?“ Cyntall war gar nicht wohl bei dem Gedanken.


~ Nachtrag ~

Cyntall saß in ihrer Küche und übte. Für Teleportationszauber war nicht genügend Platz, deshalb versuchte sie ihre Frostzauber zu verbessern. Aber so richtig war sie nicht bei der Sache. Sie zündete mit einer wischenden Handbewegung einige Kerzen an, als sich der Abend ankündigte und die Sonne langsam versank.
„Jetzt konzentrier dich gefälligst“, murmelte sie zu sich selbst, als erneut ein Zauber misslang. Nein, ihre Gedanken waren woanders, waren beim Liederabend, der in diesem Moment anfing.
Wie gerne wäre sie dahin gegangen. Besonders seit sie die Lieder von der Bardin gehört hatte. Die kleine Elfe kannte solche Musik nicht. Sicher, im Armeelager wurde auch musiziert...aber das waren meist Trink- oder Kampflieder. Keine Lieder, die mit einer Harfe gespielt wurden. Cyntall lächelte, als sie an das filigrane Instrument dachte. Ihr Vater hatte vor kurzem den Turm verlassen. Er wurde von dieser weißblonden Elfe abgeholt, die Cyntall schon lange kannte. Eine alte Freundin von ihm oder jetzt wieder eine neue. Cyntall war sich da nicht so sicher. Die Elfe schien eine der wenigen „Freundinnen“ ihres Vaters zu sein, die den Sprung von der Geliebten zur Vertrauten geschafft hatte.
Die schmächtige Elfe mochte sie dennoch nicht besonders, obwohl sie es nicht mal vernünftig erklären konnte. Sie hatte einfach schon vor langer Zeit aufgegeben Gefühle für seine Liebschaften zu entwickeln. Zu kurzlebig war deren Bestehen.

„Verdammt“, fluchte sie, als ein Frostzauber derart misslang, dass ein Glas zu Bruch ging. Cyntall stand auf und ging einen Stock tiefer. Sie öffnete die schwere Holztür und trat kurz ins Freie. Sie spürte, wie Piri hinter sie trat, wohl in der Hoffnung noch hinaus zu können. „Nein, Piri... wir dürfen nicht“, entgegnete sie dem alten Schreiter leise.
Durfte sie wirklich nicht? Sie war schließlich erwachsen. Die kleine Elfe trat trotzig an den Brunnen heran, der in der Mitte des kleinen Platzes stand und setzte sich auf den Rand. Mit einer Hand strich sie langsam im Wasser hin und her. Piri war hinter ihr her getrabt und trank etwas, dann blieb er abwartend stehen.
Und wenn sie sich heimlich zum Tümpel schlich? Ihr Vater würde bestimmt im Gasthaus sitzen. Dort ging er ja immer hin, wenn er den Turm verließ. Sicher würde er den ganzen Abend mit seiner Neu-/Altfreundin dort sitzen.
„Das riskiere ich lieber nicht“, murmelte sie. So gerne sie auch die schöne Musik gehört hätte, wenn er sie erwischte, dann würde es übel werden. „Also weiterüben“, seufzte sie und führte Piri wieder hinein.

Nach einigen Stunden gähnte sie müde. Das lange Üben hatte sie doch sehr angestrengt, aber sie war mit dem Ergebnis zufrieden. Als sie sich gerade nach unten zum Schlafen legen wollte, hörte sie wie ihr Vater die Eingangstüre öffnete und die Steintreppe nach oben kam.
„Hattest du einen schönen Abend?“ Cyntall sah in an und versuchte in seinem Gesicht die momentane Stimmung zu erforschen.
„Nein“, antwortete er knapp. „Und wieso nicht?“ Die kleine Elfe war doch überrascht, von seiner harschen Antwort.  „Weil sie mich zu diesem Liederquatsch geschleppt hat, wenn du es genau wissen willst.“ Ihr Vater zog sich die Jacke aus, schnappte sich eine Weinflasche und ging nach oben.

Cyntall horchte auf und ging ihm nach. „Du warst auf dem Liederabend? Oh, wie war es?“ Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Wie soll es schon gewesen sein...Lieder halt...und zur Krönung hat auch noch dein Magister den Zauberkünstler gespielt.“ Die kleinen Elfe schluckte kurz. „Du hast Magister Morgentau kennengelernt?“ Ein ungutes Gefühl stieg in ihr hoch. „Nein, das blieb mir, der Sonne sei Dank, erspart.“ Cyntall atmete erleichtert auf, sah ihn aber dann unsicher an. „Wirst du denn seiner Bitte nachkommen?“ Ihr Vater sah sie ärgerlich an. „Wieso sollte ich? Wenn er das Bedürfnis hat etwas mitzuteilen, soll er gefälligst auf mich zukommen und mich nicht über meine Tochter einbestellen. Wofür hält sich der Kerl?“

~ Wieso nur dann? ~

Müde stolperte Cyntall vom Sonnenzornturm weg in Richtung ihres kleinen Turms. Immer wieder murmelte sie leise vor sich hin. „Notwendig…es ist notwendig. Es ist eine gute Sache.“ Das war es ja vielleicht auch. Sicher war es das. Die kleine Elfe nickte sich selbst zu. Aber…aber hatte sie nicht deshalb das Armeelager verlassen? Weil sie das Elend, die Not und die Grausamkeiten nicht mehr sehen wollte? Die Toten, die Verletzten und Verstümmelten, die verbrannten Dörfer und verwüsteten Gegenden nicht mehr ertragen konnte? Die Schicksale der Sterbenden, die ihr die letzten Gedanken anvertrauten nicht mehr aufnehmen wollte?

Trotzdem ärgerte sich die kleine Elfe. „Wieso kannst du auch deinen Mund nicht halten?“ Ja, wieso hatte sie bei der Besprechung nicht einfach nur begeistert zugestimmt? Einfach ab genickt, was sie scheinbar hören wollten. „Wieso musst du immer rausplappern, was dir so durch den Kopf geht“, schimpfte sie mit sich selbst. „Jetzt denken sie wieder du bist komisch.“
Cyntall schlurfte durch die schmale Gasse, die auf den Platz mit dem kleinen Brunnen führte. Gleich würde sie zuhause sein, würde Piri noch vom Abend erzählen und dann schlafen…endlich schlafen.
Als der Blick auf den Brunnen freigegeben wurde, stoppte sie kurz und rannte dann erschreckt auf ihn zu.

„Piri, was machst du denn hier draußen?“ Die schmächtige Elfe griff nach der Trense und wendete sich ihrem Turm zu. Ihr Vater lehnte am Rahmen der offenen Tür und sah sie düster an.
Cyntalls Herzschlag wurde schneller, aber sie streckte sich und ging dann mit so festen Schritten wie möglich auf ihn zu. Auf dem kurzen Weg versuchte sie in seinem Gesicht zu lesen. Er hatte getrunken, soviel stand fest. Auch wenn er reichlich geeicht war und es ihm daher nur schwer anzumerken ist, Cyntall wusste immer wenn er getrunken hatte.
„Darf ich bitte vorbei?“ Die kleine Elfe versuchte so bestimmt wie möglich zu sprechen und stellte überrascht fest, dass ihr Vater wortlos beiseite trat. „Das ist nicht gut“, flüsterte es in ihr, als sie ihren alten Schreiter in den Stall führte. Ja, wenn er tobte und schrie, so wie gestern Abend, dann war alles in Ordnung. Aber wenn er schwieg oder leise wurde, dann war Vorsicht geboten.

„Dann werden wir unser Gespräch von gestern fortsetzen? Scheinbar hast du ja nicht verstanden…“, sprach er in ihren Rücken. Zorn stieg in Cyntall auf. Was dachte er eigentlich? Sie war jung, ja. Aber trotzdem erwachsen. „Ich denke nicht“, entgegnete sie kühl ohne sich umzudrehen. „Ich werde schlafen gehen, mach was du willst.“
„Was glaubst du eigentlich….“, rief er aus, packte sie am Arm und riss sie herum. „Au!“ Die kleine Elfe schrie auf, konnte aber nicht verhindern, dass er sie die Steintreppe hochzog. „Lass mich sofort los“, schrie sie erneut und trommelte mit der Faust der anderen Hand auf ihn ein.
Piri krächzte laut, stellte die Flügel seitlich auf und kam drohend näher. Der alte Schreiter wurde dann allerdings durch die Steintreppe gestoppt. Wütend tobte er weiter.

„So redest du nicht mit mir, junge Dame!“ Wütend zog er seine Tochter die letzte Stufe hoch und schubste sie dann in die Mitte des Raumes. Es war nur ein kleiner Stoß und normalerweise hätte sie sich abgefangen und wäre zum Stehen gekommen. Aber Cyntall war müde. Sie strauchelte und stürzte nach vorn. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihr Vater noch versuchte sie zu greifen, dann raste der eiserne Ofen auf sie zu und Dunkelheit umfing sie.

„Glocken? Wieso dröhnten Glocken?“ Cyntall öffnete die Augen, nur um sie nach einem stechenden Schmerz, der über die Stirn zog, sofort wieder zu schließen. Sie öffnete die Augen erneut und versuchte sich zu orientieren. Die Decke über ihr drehte sich und kam nur langsam zum Stehen. Sie lag im oberen Stockwerk auf den Schlafkissen. Die kleine Elfe griff an ihre Stirn und fuhr über einen Verband. Sie tastete vorsichtig darüber, zog die Hand aber wieder weg, als erneut ein heftiges Stechen durch ihren Kopf raste.
Langsam versuchte sie sich aufzurichten. Alles lag im Dunkeln. Nur eine kleine Kerze brannte auf dem runden Tischchen. „Lass das…bleib liegen“, ihr Vater kam von unten die Treppe herauf mit einem Tablett in der Hand.
Cyntall sank in die Kissen zurück und sah mit halb geschlossenen Augen wie er näher trat und das Tablett auf den Boden stellte. Die kleine Elfe sah in ein völlig ausdrucksloses Gesicht, konnte aber keine Spuren von Alkohol mehr erkennen. Er schien völlig nüchtern zu sein. „Wie lange…“, setzte sie an, „wie lange…was, was ist eigentlich passiert?“

„Nicht sprechen, du bist ziemlich heftig gestürzt“, entgegnete er und schenkte etwas Tee in eine Schale. Dann richtete er sie kurz auf, setzte sich hinter sie und ließ sie wieder gegen seinen Oberkörper sinken. „Trink das aus.“ Ihr Vater führte die Schale an ihren Mund. „Ich habe ein Pulver beigemischt. Das dürfte die Schmerzen nehmen.“
Die kleine Elfe trank wie befohlen und als er die leere Schale beiseite stellte, drehte sie sich etwas, so dass sie den Arm um seine Taille legen und den Kopf an seine Brust lehnen konnte.

„Wieso nur immer, wenn etwas passiert war“, überlegte sie. Als sie gestürzt war, sie sich verirrt hatte und das Lager weitergezogen war, als ein heftiger Angriff sogar bis ins Versorgungslager überschwappte und sie unter dem brennenden Küchenwagen eingeklemmt war. Er hatte sich den ganzen Arm verbrannt und sie dann tagelang mit den offenen Brandwunden durch die Gegend getragen. Cyntall fielen noch mehr Gegebenheiten ein. Wieso nur dann? Wieso ließ er nur dann Nähe zu?
„Es tut mir leid…bitte entschuldige. Das…das wollte ich nicht.“ Seine Stimme war ruhig und leise, trotzdem konnte Cyntall eine gewisse Unsicherheit und Schuld heraushören. „Ich weiß“, flüsterte sie leise und schmiegte sich noch fester an ihn. Sein Herzschlag und seine sich langsam auf und ab bewegende Brust wirkten unglaublich beruhigend auf die kleine Elfe.

Dann erzählte sie, was sie eigentlich nicht erzählen wollte. Sie erzählte wo sie gewesen und um was es in der Besprechung gegangen war. Sie erzählte von ihren Ängsten und Bedenken. Ihr Vater hörte schweigend zu, streichelte nur manchmal sanft über ihren Rücken.
„Was hältst du davon?“ Cyntall hob kurz den Kopf und sah in sein Gesicht. „Hmm…gewagt, sehr gewagt sogar, aber es hat Potential. Richtig ausgeführt, könnte es ungemein hilfreich sein…und befriedigend“, beim letzten Teil grinste er leicht. „Aber…aber du hast schon verstanden, wie sie vorgehen wollen?“ Die schmächtige Elfe sah etwas ungläubig in sein Gesicht.

„Kleines“, setzte er an, „die Zeiten wo wir fernab von allem in Frieden und Wohlstand lebten sind lange vorbei. Du bist fast ein halbes Jahrhundert über die Schlachtfelder dieser Welt gezogen. Du weißt also wie es läuft. Wir wurden verraten, wieder und wieder. Wir wurden angegriffen und fast ausgelöscht. Das Schicksal unseres Volkes ist es aufzustehen und erneut zu kämpfen. Nicht umsonst ist unser Wappen ein Phönix.“
Ihr Vater machte eine kurze Pause und reichte ihr erneut eine Schale Tee. „Wir sind nicht mehr allzu viele, und das auch noch auf den verschiedensten Schlachtfeldern aufgeteilt. Wir müssen die wenigen Chancen nutzen, die sich bieten. Und wenn auch nur der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass sich durch dieses Unterfangen ein Vorteil für unser Volk ergibt….nun, dann sollte man danach greifen. Dachtest du wirklich als Magistrix muss man nicht kämpfen?“

Cyntall schüttelte kurz den Kopf, legte ihn dann aber wieder an seine Brust. Plötzlich umschloss sie eine ungeheure Müdigkeit. „Dann hast du nichts dagegen, dass ich daran teilnehme?“ Die kleine Elfe gähnte wieder und nuschelte den Satz mehr schläfrig vor sich hin.
„Darüber sprechen wir morgen“, antwortete er mit einem leichten Lächeln. „Du bleibst im Bett, ich werde dich bei deinem Magister entschuldigen.“ Den letzten Satz bekam die schmächtige Elfe schon nicht mehr mit. Das Pulver, das dem Tee beigemischt war, fing jetzt an zu wirken und sie schlief fest ein.
Ihr Vater versuchte sie nach einiger Zeit seitlich auf die Kissen zu legen, aber Cyntall krallte, als sie unterbewusst seine Bewegung spürte, ihre Hand fest in sein Hemd. Er zog sie wieder an sich und starrte dann in die Dunkelheit. „Ich werde etwas tun müssen“, murmelte er leise. Er hatte sie verletzt. Wenn auch nicht absichtlich und wenn sie ihm auch verzieh. Er würde es sich selbst nie verzeihen. Diese Stadt machte ihn noch völlig verrückt. „Ich werde etwas tun müssen.“


~ Am nächsten Tag ~

Die Sonne schien schon hell in das oberste Stockwerk des Turmes als Cyntall erwachte. „Der Magister…mein Dienst…verschlafen“, zuckte es durch ihre Gedanken und sie schreckte hoch, um im selben Moment aufzustöhnen und sich an den Kopf zu fassen.
Richtig, sie war gestürzt. Langsam kamen die Erinnerungen wieder. Die kleine Elfe versuchte aufzustehen und kam nur mühsam auf die Beine. Hinter ihrer Stirn dröhnte es immer noch gewaltig und das leichte Schwindelgefühl war auch noch da.
Sie trat wankend an den Spiegel und nahm vorsichtig den Verband ab. „Na toll“, murmelte sie, als sie ihr Gesicht betrachtete. Ihre Stirn schimmerte in verschiedenen dunklen Farbtönen von Lila bis hin zu einem Blaugrün. Ein Riss zog sich quer über die rechte Stirn und war blutig verkrustet. Außerdem war ihr rechtes Auge halb zugeschwollen.

Cyntall sah sich um. So konnte sie nicht auf die Straße gehen. Sie trat an ein kleines Tablett, das auf dem Boden stand und füllte die darauf befindliche Schale mit Wasser. Sie tränkte ein Tuch, trat wieder vor den Spiegel und versuchte die blutige Kruste leicht abzutupfen, was nur halbwegs gelang.
„So müsste es gehen“, murmelte sie und schlang sich dann ein Tuch um den Kopf, das sie mittig in die Stirn zog. Die kleine Elfe fingerte ihren Pony so gut es ging in die Stirn, dann nickte sie. Langsam wankte sie die Treppe hinunter.

„Was, bei allen Dämonen machst du da?“ Ihr Vater kam ihr die Treppe entgegen. „Ich…ich muss..“, entgegnete sie mit zittriger Stimme. „Du musst gar nichts, außer dich wieder hinlegen“, erwiderte er und zeigt mit dem Finger nach oben. „Aber…aber der Magister. Er wird warten.“ Ihr Vater sah sie mit einem unergründlichen Blick an. „Das glaube ich kaum. Ich habe ihn informiert.“ Cyntall sah ihn überrascht an. „Du hast mit Magister Morgentau gesprochen?“ In ihrer Stimme schwang Ungläubigkeit, aber auch Sorge mit.

„Oh ja, wir hatten ein nettes Gespräch. Erst haben wir Höflichkeiten ausgetauscht, dann unsere Standpunkte dargelegt, dann haben wir uns ein bisschen beleidigt und uns gegenseitig gedroht und als es am schönsten war bin ich gegangen, sonst hätte ich ihm sein arrogantes Grinsen aus dem Gesicht geschlagen. Aber die Andeutung in Bezug auf seine Wache dürfte er verstanden haben.“

Cyntall sah ihren Vater nun mit blankem Entsetzen an. „Was hast du getan? Ich werde Ärger bekommen…mächtigen Ärger“, rief sie. „Du hast versprochen, es niemals an anderer Stelle zu erwähnen.“ Ihr Vater sah sie mit einem bösartigen Grinsen an. „Das werde ich ja auch nicht…aber das weiß ER ja nicht.“ „Ich muss…ich muss sofort…“ Die kleine Elfe wollte sich an ihm vorbeidrücken und die Treppe hinunter. „Du musst dich hinlegen.“ Ihr Vater hob sie einfach hoch und trug sie die Treppe wieder ganz nach oben. „Nein, lass mich los. Ich muss ihm doch erklären“, strampelte sie.

„Du musst diesem Kerl gar nichts erklären. Du bist ihm doch völlig egal“, antwortete er völlig ruhig und legte sie wieder auf die Kissen. „Seine einzige Sorge war, dass seine Abendbegleitung fehlte und jemand, der ihm die Langeweile vertreibt. Nicht mal Grüße hat er ausrichten lassen, geschweige denn Genesungswünsche übermittelt. Und jetzt ruh dich aus.“ Mit diesen Worten drückte er sie erneut zurück, als sie sich wieder aufrichten wollte und ging dann nach unten.

Cyntall blieb erschöpft liegen. Der Raum fing an sich erneut zu drehen und ihr wurde schlecht. „Morgen“, flüsterte sie, „gleich morgen werde ich…werde ich…“ Dann schlief sie ein.


~ Veränderungen ~

Die kleine Elfe lief schnellen Schrittes in Richtung von Meister Drathen. Sie hatte Piri dort auf der Wiese stehen lassen bevor sie zum Sonnenzornturm, und damit zum Unterricht, aufgebrochen war.
Der Fischstand mit seinen beiden Wagen lag bereits in tiefer Dunkelheit. „Piri? Wo steckst du? Piiirriii.“ Cyntall flüsterte in die Nacht. Hinter dem großen Wagen schien etwas in Bewegung zu kommen. Es raschelte und scharrte, dann hörte die schmächtige Elfe ein Krächzen und sah den alten Schreiter heranstürmen.

„Na du? Hast du auch keinen Unsinn angestellt?“ Piri begrüßte Cyntall wie üblich, indem er sie leicht anstupste und danach seinen Schnabel in Richtung des kleinen Beutels bewegte, den sie am Gürtel trug. Die kleine Elfe öffnete den Beutel, ließ ihn die kleinen Leckerlis herausholen und wendete sich dann in Richtung ihres Turmes.

„Rat mal wo ich heute war, Piri“, plapperte sie los. „In Shattrath! Da staunst du was? Eine wirklich große Stadt. Aber auch komisch. Da ist so ein Summen. Irgendwie schön, aber auch irgendwie total nervig.“ Cyntalls Gesichtsausdruck wechselte von strahlend auf düster. „Und er hat mich schon wieder bestraft, Piri.“ Die kleine Elfe blieb stehen und sah ihren Schreiter traurig an. „Und das, obwohl ich es doch nur gut gemeint habe. Immer wenn ich jetzt an etwas Bestimmtes denke, dann schießt mir dieses Lied durch den Kopf…und sprechen kann ich auch nicht darüber. Da fange ich an zu singen.“

Trotzig trat Cyntall näher an eine Wand und begann mit dem Finger unsichtbare Buchstaben zu schreiben. „Kannst du das lesen? Natürlich kannst du das nicht“, kicherte sie dann. „Aber ich könnte es aufschreiben. Könnte Zettel machen und sie jedem Elfen in Silbermond in die Hand drücken. Was will er dagegen machen? Mir die Hände wegzaubern?“ Die kleine Elfe zuckte unmerklich zusammen. „Ich bringe ihn besser nicht auf Ideen“, murmelte sie dann. „Wenn ich es wirklich wollte, Piri, dann könnte er es nicht verhindern. Aber ich will es ja gar nicht“, fuhr sie dann fort, „wieso versteht er das nicht? Wieso muss er mich gleich verzaubern?“

Cyntall ging schweigend und nachdenklich weiter. Piri pickte ab und an einen kleinen Happen aus dem Beutel und trabte hinter ihr her. Dann blieb die kleine Elfe abrupt stehen. „Es ist weg“, rief sie aus. Sie dachte nochmals angestrengt an den Magister und die edle Dame, aber kein Lied kam ihr in den Kopf, sondern nur das, an was sie tatsächlich dachte. „Er hat es wieder weg genommen“, lachte sie glücklich und umarmte Piri. Er musste es mit diesem Tippen getan haben. Sie hatte nicht gewusst was das sollte, sich aber auch nicht getraut zu fragen. „Es ist wieder weg, Piri“, rief sie erneut. Dem alten Schreiter schien das egal zu sein. Mit einem Krächzen brachte er lediglich zu Ausdruck, dass er nicht mehr an den Beutel kam, wenn sie ihn so umklammerte.

Fröhlich ging Cyntall weiter. Er hatte sie also doch verstanden. Er war ihr nicht böse. Die kleine Elfe trat an die Holztür ihres Turms und warf einen besorgten Blick in den Himmel. Es war wieder spät geworden. Aber sie hatte vorgesorgt, hatte die Scharniere ordentlich geschmiert und alles getan, damit die Tür lautlos aufschwang. So leise wie möglich brachte sie Piri rein und nahm ihm die Trense ab, dann spitzte sie die Ohren. Von oben hörte sie lautes Stimmengewirr.

„Das ist das letzte Mal, dass ich dir geholfen habe, Marla. Reiße dich bitte zukünftig zusammen“, hörte sie eine dunkle Stimme. „Das allerletzte Mal, und das ist mein bitterer Ernst!“ Cyntall lächelte. Sie kannte diese Stimme. „Magister Blutnebel ist hier“, murmelte sie lautlos. „Ja, ich weiß“, hörte sie ihren Vater antworten. „Jetzt bin ich erst mal froh, aus diesem Käfig herauszukommen. Das Stadtleben ist so gar nichts für mich. Ich werde hier irre.“ Seine Stimme klang heiter.
„Hörst du mir eigentlich zu?“ Der Magister fuhr in strengem Ton fort. „Das war mehr als knapp diesmal. Noch eine Sache, noch ein einziges Vergehen und ich kann und WERDE nichts mehr für dich tun.“ Die kleine Elfe zuckte leicht zusammen. Sie hatte den Magister noch nie mit so einem ernsten Unterton sprechen hören. Meist war er leise und sanft.

„Und was ist mit der Kleinen?“ Cyntall trat etwas die Treppe hinauf um besser hören zu können, was ihr Vater antworten würde. „Was soll mit ihr sein? Sie hat doch ihren Magister. Der scheint ihr ja wichtiger zu sein als ich“, entgegnete er seinem Freund. Der alte Magister lehnte sich scheinbar zurück, was Cyntall an dem Knarzen der Lehne hören konnte. „Eifersucht steht dir nicht.“ Magister Blutnebel schien dies mit einem Schmunzeln zu sagen, was die kleine Elfe dem Tonfall entnahm. „Ich bin nicht eifersüchtig auf diesen Kerl. Aber sie ist meine Tochter und ich bestimme. Soll er sich doch eine eigene zulegen, die er dann scheuchen kann“, maulte ihr Vater nun hörbar genervt zurück.

Cyntall hörte den alten Magister seufzen. „Marla…das Verhältnis zwischen einem Lehrer und seinem Schüler ist sehr fragil. Damit erfolgreich vermittelt werden kann benötigt es Vertrauen und viel guten Willen. Es entsteht eine Bindung. Je nach Personen sogar eine sehr enge. Sonne! Das hat doch nichts damit zu tun, dass er dir deine Tochter klaut.“ Magister Blutnebel versuchte einen ruhigen Ton in das Gesagte zu legen, was ihm jedoch nicht ganz gelang.

„Fragen wir sie doch selbst. Schließlich steht sie unten an der Treppe“, erwiderte ihr Vater leicht zynisch und Cyntall wurde krebsrot. Er hatte sie gehört. Wahrscheinlich schon als sie den Turm betreten hat. Schnell erklomm sie die restlichen Stufen. „Magister Blutnebel, wie schön euch zu sehen“, rief sie etwas lauter als gewollt aus, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Der alte Magister drehte sich erstaunt um und lächelte sie dann sanft an. „Kleines Flämmchen, ich hatte gehofft dich noch zu sehen, bevor ich morgen schon wieder abreise.“ Die kleine Elfe sah ihn enttäuscht an. „Ihr reist schon wieder ab? So schnell?“

„Ich bin nur hier, um deinen Vater abzuholen“, entgegnete er. Cyntall sah ihren Vater erstaunt an. Er lächelte ebenfalls und schien nicht böse zu sein, dass sie gelauscht hatte, ganz zu schweigen von der Zeit, zu der sie nach Hause kam. „Stell dir vor, meine Suspendierung ist aufgehoben. Ich trete meinen Dienst wieder an“, erklärte er lachend.

„Aber…aber wieso denn auf einmal? Was ist passiert?“ Die kleine Elfe sah ihn fragend an. „Das kann dir Nufen erklären, ich muss packen.“ Ihr Vater schnappte sich seinen Reisesack und stieg noch eine Treppe höher. Cyntall wendete sich neugierig dem alten Magister zu. „Nun“, begann dieser langsam und zögerlich, „es sind Ereignisse eingetreten, die eine Anklage nicht mehr rechtfertigen.“ Der alte Magister erklärte ihr dann ausführlich, was vorgefallen war. „Und es ist einfach verschwunden“, fragte Cyntall skeptisch nach, als er geendet hat.

„Manchmal geht eben etwas verloren“, antwortete er ausweichend. „Aber nun lass uns doch über dich sprechen. Du lernst fleißig?“ Die kleine Elfe nickte und sie verstand. Er schien nicht weiter darüber sprechen zu wollen, also lächelte sie und erzählte.

„Im Moment übe ich Transmutationszauber“, fuhr sie fort. Cyntall nahm den leeren Weinbecher ihres Vaters, stellte ihn vor sich ab und bewegte ihre Handflächen erst auseinander und schob sie langsam wieder zusammen. Der Becher schrumpfte entsprechend auf die Hälfte seiner Größe zusammen, nachdem sie noch ein paar Worte gesprochen hatte. „Das habe ich heute gelernt“, schmunzelte sie. „Sehr schön, sehr schön“, murmelte der alte Magister, dann sah er sie mit forschendem Blick an. „Sonst ist alles in Ordnung? Du bist zufrieden bei deinem Magister? Er behandelt dich anständig?“

„Ja. Es ist alles in bester Ordnung, Magister Blutnebel.“ Und obwohl sie sicher war, dass ihr Vater von oben zuhörte fügte sie an, „schwierig ist es nur, da mein Vater so gar kein Verständnis für meinen Berufswunsch hat.“ Der alte Magister nickte zufrieden. „Sehr gut“, lächelte er. „Und dein Vater wird sich schon fügen.“ Den letzten Satz betonte er lauter. „Nicht wahr, Marla?“ Von oben war nur ein Brummen zu hören und der alte Magister lachte kurz auf. „Du kommst hier also gut zurecht, sehr schön. Und falls du mal Hilfe brauchst…“ Er ließ den Satz offen, aber Cyntall verstand und nickte dankbar.

„Dann lasst uns noch etwas feiern“, rief ihr Vater aus, als er wieder herunter kam. Im Arm hatte er zwei Flaschen Wein. Er stellte sie auf den Tisch, zog Cyntall aber dann beiseite. „Es kommt jetzt zwar alles etwas überstürzt und so hatte ich das auch nicht geplant, aber das kennst du ja von der Armee“, sprach er leise auf sie ein. „Ich werde veranlassen, dass dir ein Teil von meinem Sold ausbezahlt wird. Ich möchte nicht, dass dieser Kerl auch nur ein Kupferstück für dich bezahlt. Ist das klar?“ Cyntall nickte nur knapp. Sie wollte jetzt auf keinen Fall eine Diskussion starten. Er würde sowieso nicht davon abzubringen sein. „Und wenn irgendetwas ist. IRGENDETWAS! Egal was. Dann wirst du mich sofort verständigen, junge Dame.“

Die kleine Elfe nickte erneut. „Nun ist aber gut, Marla“, mischte sich der alte Magister ein. „Ich bin sicher, deine Tochter ist bei ihrem Magister in den besten Händen.“ Er grinste deutlich und ihr Vater warf ihm einen giftigen Blick zu. „Wehe, wenn nicht!“ Cyntall sah in seinem Blick Unsicherheit und aus seiner Stimme hörte sie Sorge heraus. Sie legte ihm sanft ihre Hand auf den Unterarm. „Es wird mir nichts passieren….und ich werde dir schreiben und berichten.“ Die kleine Elfe sah ihn treuherzig an. „Sehr schön, dann ist das ja geklärt und wir können die Flaschen köpfen“, rief der alte Magister lachend und hob eine schon mal hoch.

Sie saßen bis fast zum Morgengrauen zusammen, erzählten über alte Zeiten und lachten über die eine oder andere Begebenheit. Cyntall realisierte langsam, was passieren würde. Ihr Vater würde gehen. Er würde wieder für lange Zeit weg sein. „Aber hast du dir das nicht gewünscht?“ Ihre innere Stimme flüsterte ihr zu. Ja, seit Wochen hatte sie sich das gewünscht, aber nun würde er tatsächlich fortgehen. Sie sah ihn vielleicht nie wieder. Die kleine Elfe sah ihn an, sah in sein Gesicht um es sich einzuprägen. Sah in seine Augen, die jetzt vergnügt lachten, umrandet von kleinen Fältchen. Nahm seine rabenschwarzen Haare wahr, die wild über die Schultern fielen. Sie prägte sich jede kleine Narbe ein. Versuchte so gut es ging sein Antlitz zu konservieren.

Ihr Vater bemerkte den Blick und zwinkerte ihr kurz zu, ehe er weiter mit dem alten Magister sprach. Cyntall schüttelte leicht den Kopf. Sein bester Freund…ein Magister. Auch das war typisch für sein widersprüchliches Wesen. Nein, sie würde ihn nicht so in Erinnerung behalten, wie er die letzten Wochen gewesen war. Sie würde ihn in Erinnerung behalten, so wie er jetzt ist. Lachend, zwinkernd und scherzend…einfach glücklich. Es stimmte, sie war froh dass er ging…einerseits. Andererseits vermisste sie ihn schon jetzt.


~ Korrespondenzen ~

Silbermond, im neunten Monat

Lieber Vater,

hier nun, wie versprochen, mein Brief über die Ereignisse der letzten Zeit. Zuerst jedoch hoffe ich, ihr seid gut angekommen. Ist der Nachfolger von Oberst Regental schon im Dienst? Kommst Du mit ihm besser zu Recht? Gab es noch ein Nachspiel vom Kommandanten?

Bei mir hat sich nicht so viel getan. Piri hatte wieder diesen Husten, aber die Kräuter, die Du mir gegeben hast haben sehr geholfen. Ich habe ihn gerade in den Stall vom Sonnenzornturm gebracht, da die Abreise ja unmittelbar bevorsteht. Es ist ein schöner Stall und die kümmern sich da bestimmt gut um ihn, trotzdem ist es mir verdammt schwer gefallen.

Nun bin ich völlig alleine. Es ist ganz schön still geworden, seitdem Du abgereist bist. Ich habe versucht einige Bekannte vom Arkaneum zu treffen, allerdings hat das nicht geklappt. Also lerne und arbeite ich viel. Das vertreibt die Stille und die Zeit geht auch rum. Grüßen soll ich Dich von Mavael. Der Angelausflug hat ihm großen Spaß gemacht und er lädt Dich gern erneut ein, wenn Du wieder hier bist.

Mit Deinen Befürchtungen hast Du leider Recht gehabt, auch wenn ich das nur ungern zugebe. Aber ich habe mir nun fest vorgenommen Deinen Rat und auch den von Magister Blutnebel zu befolgen. Das hat gestern bei einem Treffen schon sehr gut geklappt. Ich habe nur meine Arbeit getan und mich dann gleich zurückgezogen. So ist es wohl besser. Heute Abend habe ich noch ein Waffentraining mit der edlen Dame. Ich bin gespannt ob ich noch alles weiß, was Du mir beigebracht hast.

Nun muss ich enden, da ich noch einiges zu tun habe. Ich versuche so schnell wie möglich weiter zu berichten, weiß aber noch nicht ob ich von dort die Briefe auch verschicken kann.

Bitte richte Magister Blutnebel meinen Gruß aus. Seid beide bitte sehr vorsichtig. Möge die Sonne Euch schützen.

Herzlichst Cyntall




~ Zwischenspiel ~

Cyntall konnte nicht schlafen, wie so oft in den letzten Tagen. Ihr Lager auf dem Boden und die einfache Bastmatte störten sie nicht weiter. Sie hatte jahrelang auf dem Boden geschlafen. Aber die stickige Luft, der muffelige Gestank und die lauten Geräusche, sei es nun von den Orcs oder Trollen oder von den Maschinen, ließen sie nicht zur Ruhe kommen.
Die kleine Elfe hob leicht den Kopf und linste zu den zwei Hängematten neben ihr hinüber. Sowohl der Magister, den ein recht unfreundlicher bis erboster Blick in den Rücken traf, als auch die edle Dame, die mit einem eher traurigen und mitleidigen Blick bedacht wurde, schliefen fest. „Und sie hat gedacht, er würde das mit ihr nie machen“, murmelte die schmächtige Elfe leise und schüttelte enttäuscht den Kopf.

Cyntall setzte sich auf. Im Gasthaus war nicht mehr sehr viel Betrieb. Ein paar Trolle saßen um einen niederen Tisch und der Gastwirt werkelte im Hintergrund. Sie zog ihre leichten Sandalen über, griff nach ihrem Rucksack und erhob sich leise, dann trat sie ins Freie.
Obwohl es etwas ruhiger gegenüber dem Tagesbetrieb geworden war, herrschte hier und dort noch immer emsiges Treiben.

Wenn die kleine Elfe in Silbermond oder im Sonnenzornturm durch die Gegend lief, wurde sie meist, aufgrund ihrer schmalen und unscheinbaren Figur, übersehen. Hier war das anders. Schon als sie das Gasthaus verließ, wendeten sich mehrere Trolle und Orcs zu ihr um.
Cyntall konnte nicht einschätzen was die Blicke bedeuteten. Sie hatte zu wenig Erfahrung mit den Gesichtsausdrücken dieser Wilden, aber freundlich schienen sie nicht zu sein.

Sie versuchte so neutral wie möglich zu schauen und die Blicke so weit wie möglich zu ignorieren. Langsam schlenderte sie den kleinen Hügel hinauf und setzte sich auf eine der schmalen Steinplatten. So konnte sie recht gut über das Dorf hinwegsehen. Wenigstens war hier oben die Luft etwas erfrischender.
Sie öffnete ihren Rucksack und nahm ein kleines Tintenfässchen, eine Feder und ein Stück Pergament heraus. „Er hat gesagt, du sollst keinen Brief schreiben“, mahnte ihre innere Stimme. „Er sagt so vieles und hält sich dann selbst nicht dran“, zischte sie zurück.
Es war noch nicht lange her, da hat er ihr gesagt, er würde die edle Dame nie gegen ihren Willen verzaubern und nun hatte er es doch getan. Cyntall konnte sich noch gut an ihren Disput am Tümpel erinnern.

Die kleine Elfe fing mit dem Brief an ihren Vater an. Sie berichtete über die Reise, die verschiedensten Vorfälle und Schwierigkeiten. Sie berichtete, wie sie auf die Allianzler getroffen waren und welche Angst sie gehabt hatte. Dann hielt sie inne.

Hatte sie wirklich Angst gehabt? Sicher, es war eine bedrohliche Situation gewesen und sie war ängstlich gewesen. Aber richtige Angst hatte sie nicht gehabt. Er war schließlich dabei gewesen, er hätte sie schon beschützt. Er hatte ganz souverän und sicher gewirkt.
Cyntall schaute nachdenklich über das Dorf. Er war eigentlich die ganze Reise über zu ihr recht nett gewesen, obwohl sie ihm doch einiges an den Kopf geworfen hatte. Selbst den ihm entgegengeschleuderten „Heuchler“ hatte er eigentlich recht gnädig aufgenommen. Die kleine Elfe hatte sich schon auf allen Vieren krabbeln gesehen. Auch beim Unterricht war er nett gewesen, hatte sie sogar mehrfach gelobt.

Die kleine Elfe schüttelte den Kopf. Wieso dann heute so eine Reaktion? Er hatte doch selbst die ganzen letzten Tage das Gespräch mit diesem kleinen, grünen Kerl gesucht. Und dass die bloß Ärger bringen, das wusste doch jeder?
Cyntall schüttelte erneut nachdenklich den Kopf. Sie hatte ja nicht alles verstanden. Offenbar war er gezwungen worden diesen Satz zu sagen. Und dann hatte er seine Wut darüber an der edlen Dame ausgelassen und hätte die schmächtige Elfe weiter aufbegehrt und ihre Empörung zum Ausdruck gebracht, dann wäre sie wohl ebenfalls an der Reihe gewesen.
„Andererseits“, murmelte Cyntall. Andererseits war er dann doch mit ihr aufgebrochen und hatte die edle Dame, die nach ihrer Rückverwandlung erbost davongerauscht war, gesucht. Und erst als sie sie gefunden hatten, war er umgedreht…erst als er wusste, dass sie in Sicherheit war. „Was für ein widersprüchlicher Elf“, flüsterte Cyntall in die warme Nachtluft.

Sie beendete den Brief noch mit einigen Fragen an ihren Vater und faltete ihn zusammen. Dann legte sie den Kopf auf ihre angewinkelten Knie ab und starrte über das Dorf hinweg ins Leere.
„Piri“, murmelte sie. „Ich hätte dir einiges zu erzählen.“ Ob es ihm gut ging? Ob er nochmal diesen Husten bekommen hatte? Und wenn ja, ob man sich dann dort gut um ihn kümmern würde? Cyntall seufzte. Wenn sie doch nur wissen würde, wann sie wieder bei ihm sein könnte.

Die kleine Elfe zuckte zusammen, als hinter ihr plötzlich eine Orc-Wache auftauchte und sie barsch ansprach. „Nein verstehen“, radebrechte sie und schüttelte den Kopf, allerdings verstand sie die Geste der Wache, die erst auf sie zeigte und dann auf das Dorf. Cyntall nickte und packte schnell Fässchen und Feder in ihren Rucksack.
Als sie sich Richtung Dorf wenden wollte, fiel ihr Blick auf den Brief, der immer noch auf dem Boden lag. Mit einem kurzen Seitenblick sah sie, wie die Wache sich wieder entfernte.

„Ich werde Ärger bekommen, wenn ich ihn wegschicke“, murmelte sie vor sich hin. Und das nicht nur vom Magister, wenn er davon erfuhr, sondern ganz sicher auch von ihrem Vater. Einen Brief mit allen Details in einem Feindgebiet zu versenden, ja alleine all das aufzuschreiben würde bei ihm sicher auf Unverständnis stoßen. Cyntall hob ihre Hand, deutete gen Brief und ließ diesen in Flammen aufgehen. Der leichte Wind sorgte dafür, dass sich die Asche schnell verstreute.
Die kleine Elfe huschte zurück ins Gasthaus auf ihre Matte. Die edle Dame und der Magister schliefen noch und hatten ihre Abwesenheit wohl nicht bemerkt. Sie zog die Decke über ihren Körper und starrte dann wieder gegen die Lehmwand. Der Schlaf wollte immer noch nicht kommen.

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Morgensucherkap, Ende des neunten Monats

Cyntall,

sind gut angekommen.

Die Sonne schütze Dich!
M.



~ Frohe Rückkehr? ~

Cyntall war froh, richtig froh. Sie versuchte zwar einigermaßen normal zu schauen, als sie das Portal durchschritt, lachte aber innerlich. „Endlich wieder daheim“, flüsterte es in ihr. Sie drückte den verletzten Elfen noch Magister Morgentau in die Arme und hatte jetzt nur einen Gedanken. „Piri.“
Nein, sie wollte nicht baden oder sich ausruhen oder irgendwelchen Schriftkram erledigen. Sie wollte zu Piri, das war ihr jetzt das Wichtigste.

Die schmächtige Elfe rannte zu den Stallungen des Sonnenzornturms, bog in die Gasse ein und öffnete dann die Tür. Cyntall wusste genau, wo die Box des Magisters war, hatte ja schon nach Pandaria Piri dort abgeholt.
Sie stürmte den Gang entlang und stoppte so abrupt vor der Box, dass sie sogar etwas weiter schlidderte. „PIRI“, schrie sie, „ich bin wieder dahaaa!“ Die Box war leer. Kein Stroh war ausgelegt, kein Futter im Trog und auch der Wassereimer war nicht gefüllt. Offenbar hatte hier schon seit einiger Zeit kein Schreiter mehr gestanden. Die kleine Elfe spürte, wie eine kalte Hand sich um ihr Herz legte.

„Pi..ri?“ Cyntall hauchte den Namen ihres alten Schreiters fassungslos, dann hörte sie hinter sich ein Schlurfen. Ein Stallbursche näherte sich langsam und sah sie fragend an. „Wo ist…hier hat doch…der alte Schreiter…wo“, stammelte sie und versuchte krampfhaft zu verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
„Der Weiße, ja…der war krank…“, entgegnete ihr der Stallbursche. Der kleinen Elfe wurde schwindelig und in ihrem Kopf rauschte und dröhnte es nur noch. Sie sah zwar, wie der Stallbursche weiter die Lippen bewegte, verstand aber kein Wort. Wie in Trance sah sie sich neben sich stehen. „Piri.“ An etwas anderes konnte sie nicht denken. Sie hatte ihn allein gelassen, war zu dieser Reise aufgebrochen obwohl sie wusste, dass er diesen Husten hatte. „Aber es war doch besser gewesen“, flüsterte sie innerlich. „Deine Schuld…nur deine Schuld.“ Ihre innere Stimme war unerbittlich.
Cyntall sah wie der Stallbursche mit besorgtem Blick näher an sie herantrat. Er war immer noch am Sprechen, hatte sich aber zusätzlich aufs Gestikulieren verlegt, da die kleine Elfe vor ihm so gar nicht zu reagieren schien.

Cyntall war wie erstarrt. Vor ihrem geistigen Auge erschien Piri. Alt und humpelnd sah sie ihn, wie er mit ihr über die Wiesen tollte, wie er sie schubste und an ihren Haaren knabberte und ärgerlich krähte, wenn er nicht an den Beutel kam, den sie am Gürtel trug.
Ja, dieses kurze Krähen zweimal hintereinander. „Als ob er deinen Namen ruft“, hatte Mavael einmal lachend angemerkt. Sie würde es nie wieder hören, nie wieder.

Nur in ihrer Erinnerung krächzte es durch ihren Kopf. Jetzt…gerade jetzt wieder. Der Stallbursche hatte sich darauf verlegt die schmächtige Elfe an den Schultern zu packen und leicht zu schütteln.
Cyntall kam nur langsam in die Wirklichkeit zurück. „Alles in Ordnung mit euch, Miss?“ Der Elf hörte auf sie zu schütteln. Die kleine Elfe nickte obwohl sie innerlich heftig mit dem Kopf schüttelte. Sie wollte nur noch weg, wollte allein sein, wollte allein mit den Gedanken sein.

Cyntall nahm ihren kleinen Rucksack wieder auf, den sie hatte fallen lassen, und lief zum Ausgang. Nur weg hier…nur schnell weg.
Wieder hörte sie dieses Krächzen, diesmal lauter…diesmal empörter. Cyntall blieb kurz vor der Stalltür stehen und lauschte. Da! Nochmal, so als ob es von weit her kam. „Als ob er deinen Namen ruft“, durchzuckte es sie wieder.
Die kleine Elfe fuhr herum. Ihre Augen suchten die Reihen der Boxen ab, streiften über die verschiedensten Schreiter. Auch weiße waren dabei, aber kein Piri. Der Stallbursche stand immer noch an seinem Platz kurz vor der Box des Magisters und sah sie recht verdattert an.

Da! Wieder hörte sie Piri und diesmal zuckten ihre Ohren ganz deutlich. Piri, das war eindeutig Piri. Unter tausend Schreitern hätte sie ihn herausgehört. Leben kehrte in die kleine Elfe zurück. Sie stürmte wieder zurück, direkt auf den Stallburschen zu. „Wo ist mein Schreiter…WO?“ Ihre Hände krallten sie in das Hemd des Elfen, der tatsächlich etwas ängstlich zurückwich. Diese kleine und völlig hysterische Elfe war ihm nicht geheuer.

„Wie ich gesagt habe, Miss….den Gang runter und dann gleich nach links. Wir haben ihn separiert, weil er doch…“ Cyntall hörte schon nicht mehr zu. Noch während der Stallbursche sprach rannte sie den Gang runter. „PIRI“, schrie sie dabei laut, „Piri ich bin gleich da.“

Die kleine Elfe musste scharf abbremsen, damit sie nicht geradeaus gegen die Stallwand knallte. Heftig atmend blieb sie stehen und sah in den linken Gang.
„Piri“, murmelte sie glücklich, als sie seinen langen Hals sah, der sich über die Box in ihre Richtung reckte und freudig auf und ab wackelte, dann hing sie auch schon an ihm.
„Wie kannst du mir so einen Schrecken einjagen. Ich lass dich nie mehr allein“, flüsterte Cyntall ihm zu, nachdem sie eine ganze Weile in seine Federn geweint hatte. „Nie mehr.“

Der Stallbursche war langsam hinter ihr her geschlurft und sprach sie erneut an, als sie Piri aus dem Stall führte. „Ihr solltet die Medizin noch weiter verabreichen, obwohl sich der Husten schon gebessert hat.“ Der Elf trat an eine Kiste vor der Box und holte ein Pergament heraus, das er der kleinen Elfe übergab. „Besorgt euch die Kräuter und lasst die Reagenzien mischen. Immer ein paar Tropfen über das Futter geben.“
Cyntall nahm das Pergament und überflog die Zeilen. Von einigen Zutaten hatte sie noch nie etwas gehört, aber wenn es sie beim Händler gab, waren sie bestimmt teuer.
„Egal“, flüsterte sie innerlich, sie würde das Geld schon auftreiben. Zur Not konnte sie am Essen sparen oder eine zusätzliche Arbeit annehmen. Cyntall nickte, gleich nachher würde sie bei der Anschlagtafel nachschauen was gesucht wird. „Das wird schon gehen“, flüsterte sie erneut.

Nachdem die kleine Elfe sich bedankt und verabschiedet hatte, machte sie sich mit Piri auf den Weg. „Der hält mich bestimmt für verrückt“, kicherte sie ihrem alten Schreiter zu und sah kurz zu dem Stallburschen zurück, der ihr immer noch konsterniert nachsah.

Auf dem ganzen Weg zu ihrem Turm sprach sie auf den alten Schreiter ein. Sie hatte so viel zu erzählen. Als sie die Tür öffnete schurrte diese über einen Brief, der wohl unten hindurch geschoben worden war. „Von Vater“, durchzuckte es sie. „Komm Piri, ich mache dir schnell alles neu und dann lesen wir Vaters Brief.“

Als alles erledigt war, setzte sich Cyntall neben Piri ins Stroh und öffnete das Pergament. Die kleine Elfe lachte leise. „Typisch“, murmelte sie. „Ich schreibe ihm drei Seiten und er mir einen Satz.“ Aber sie war nicht böse, nein…heute nicht.


~ Ein guter Tag ~

Müde trabte Cyntall vom Sonnenzornturm in Richtung des Königlichen Marktes. Die Aufräumaktion im Büro des Magisters hatte ewig gedauert, was jedoch nicht an der kleinen Elfe gelegen hatte, sondern mehr am Sekretär, der fast die ganze Zeit über um sie herumgesprungen war.

Sonst konnte sie dort eigentlich alleine vor sich hin werkeln und dann ging es auch schnell von statten, da sie sich immer besser auskannte. Aber heute hatte sie der Sekretär bereits am Eingang abgefangen und sie in das Zimmer des Magisters begleitet. Cyntall hatte genau bemerkt, dass er eigentlich nichts dort zu erledigen hatte. Er tat geschäftig, schien sie aber aus den Augenwinkeln zu beobachten.

Ließ sie der Magister überwachen? Hatte sie etwas falsch gemacht? Vertraute er ihr nicht mehr? All diese Gedanken waren der schmächtigen Elfe durch den Kopf geschossen, als sie die Papierstapel auf dem Schreibtisch abarbeitete. Nach einiger Zeit war auch wieder das Bild des jungen Mädchens aufgetaucht, das von den angesammelten Briefen völlig verschüttet gewesen war. Cyntall hatte ihr gedanklich zugelächelt. „Vielleicht sollte man das Bild woanders platzieren? Es ist doch sonst kaum zu sehen“, hatte sie den Sekretär unvermittelt angesprochen. „Wie? Ja…nein…“ Die kleine Elfe hatte innerlich gegrinst, als der Sekretär dann ausholend die Vor- und Nachteile dieser von ihr angedachten Umplatzierung erörterte.

Sie hatte allerdings gestutzt, als der Sekretär sie während seiner Ausführung des Öfteren musterte. Cyntall hatte unauffällig an sich herab gesehen. Hatte sie irgendeinen Fleck auf der Robe? „…und deshalb ist anzuraten, das Bild an seinem Platz zu belassen“, hatte er geendet. „Wie geht es euch sonst? Die Reise gut überstanden, ja? Sicher habt ihr einige Zeit gebraucht um euch wieder zu erholen und zu stärken, nicht? Bestimmt habt ihr das, ja, ja“, hatte er dann unvermittelt das Thema gewechselt. Und die kleine Elfe hatte plötzlich verstanden. Sie hatte nichts falsch gemacht und er vertraute ihr auch noch. Der Magister wollte wohl nur über den Sekretär nachprüfen, ob sie sich an seine Anweisung genügend zu essen und sich entsprechend auszuruhen hielt.

Cyntall hatte den Sekretär beruhigt und erzählt, was sie heute schon alles gegessen hatte und angefügt, dass sie sich nach Beendigung der Arbeit ausruhen würde. Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber sie hatte sich fest vorgenommen noch einige Lebensmittel zu kaufen. Vielleicht etwas Obst oder sogar Fleisch. Nachdem dann der Sekretär, wohl zufrieden mit ihren Antworten, endlich gegangen war, dauerte es nicht mehr lange und die kleine Elfe war ebenfalls fertig geworden.

Cyntall hielt kurz am Brunnen an und setzte sich auf die Umrandung. Mit der Hand fuhr sie langsam durchs Wasser. „Ein seltsamer Elf“, murmelte sie vor sich hin. Er schien sich tatsächlich Sorgen um sie zu machen. In der letzten Unterrichtsstunde hatte er ihr sogar angeboten all ihre Rechnungen zu bezahlen. „Nein“, murmelte sie wieder. Er hatte es nicht angeboten, er hatte es einfach beschlossen. Die kleine Elfe hatte lediglich die Medizin für Piri sofort bezahlt. Bis sie drei Gold verdient hatte, würden Monate vergehen. „Alles Weitere werde ich sehen“, dachte sie. Es widerstrebte ihr einfach. Sie war es so gar nicht gewohnt, dass sich jemand um sie kümmerte. Und einfach einkaufen gehen und die Rechnungen an den Sekretär zu schicken….nein, das lag ihr so gar nicht. Sie konnte doch kein „fremdes“ Geld ausgeben.

Aber wenn er es sogar nachprüfte, dann musste es ihm ja auch wichtig sein….musste sie ihm wichtig sein. „Wieso zeigt er diese Seite so selten?“ Cyntall malte mit dem nassen Zeigefinger kleine Symbole auf den Brunnenrand. Erst neulich beim Kolloquium war er wieder….unmöglich gewesen. Dabei hatte ihn die Kuratorin doch recht nett angesprochen, hatte doch nur Höflichkeiten austauschen wollen.
Aber er war abweisend und arrogant gewesen. Hatte sie mit ein paar knappen Sätzen abgekanzelt. Und seine Laune hatte sich die Veranstaltung über auch nicht gebessert. Sie musste sich nicht wundern, wenn sie immer mitleidige Blicke erntete sobald sie erwähnte, dass sie Schülerin von Magister Morgentau war. Und danach?

Danach hatte er sie ins Gasthaus eingeladen, hatte ihr ein warmes Essen spendiert, hatte sich fürsorglich nach ihrem Befinden erkundigt und sogar nach Piri gefragt. Er schien sogar etwas gekränkt, dass sie mit ihren Sorgen nicht wie selbstverständlich zu ihm kam. „Ein seltsamer Elf“, murmelte sie vor sich hin. Cyntall lächelte als sie aufstand. Sie würde jetzt einkaufen gehen. Wenn es ihm wichtig war, dann sollte es ihr auch wichtig sein. Sie würde sich Äpfel und vielleicht etwas Käse kaufen…und Brot, Fleisch vielleicht, Gemüse oder Fisch? Beim Überlegen fing der Magen der kleinen Elfe an zu knurren.

Schließlich ging sie in zwei Läden und kaufte einen Apfel, Käse und etwas Brot. Mehr Geld hatte sie nicht und sie brachte es einfach nicht fertig mehr zu kaufen und den Händlern zu sagen, sie sollen die Rechnung dafür an den Sekretär schicken. Stolz und zufrieden lief sie nach Hause. „Das gibt ein Festmahl“, flüsterte sie innerlich. Nachdem sie Piri versorgt und ausreichend geknuddelt hatte ging sie nach oben in die Küche und deckte ordentlich den Tisch, legte Teller und Besteck bereit, schnitt den Apfel auf und drapierte den Käse appetitlich auf einem Brettchen. Nachdem sie noch eine Kerze angezündet hatte und ein Glas mit Wasser füllte…nein, nicht die groben Becher…ein schön geschliffenes Glas wurde genommen, rief sie nach unten. „Das müsstest du sehen Piri!“

Sie lief noch schnell nach oben um das Heftchen zu holen. Die kleine Elfe hatte es einem Goblin abgekauft, der sich so gar nicht abschütteln ließ. Bis nach Hause hatte er sie verfolgt und immer neue Angebote gemacht. Erst als sie dieses Heftchen für ein Kupfer gekauft hatte, gab er sich zufrieden. „Der größte Liebesroman aller Zeiten“, hatte er es angepriesen. Das würde sie jetzt lesen…und entspannen, so wie gewünscht. Cyntall hatte sich gerade hingesetzt als es an der Tür klopfte. Das übliche Kreischen und Scharren von Piri war zu hören, dann ein dumpfer Schlag, als sich der alte Schreiter von innen gegen die Tür warf. „Piri…zurück…du sollst doch nicht immer…“, schimpfte die schmächtige Elfe und zog den weißen Schreiter zurück. „Wer ist da“, fragte sie mit lauter Stimme. Es war spät und sie bekam eigentlich nie Besuch.

„Mach auf“, ertönte es von der anderen Seite der Tür. „Vater“, durchzuckte es die schmächtige Elfe und sie riss die Tür auf. Cyntall konnte es kaum glauben, aber er stand tatsächlich vor ihr. „Was machst du denn hier?“
Ihr Vater lächelte sie an. „Bericht erstatten? Meine Tochter besuchen?“ Die kleine Elfe ließ ihn eintreten. Nachdem Piri sein Recht einforderte ausgiebig begrüßt zu werden, gingen sie nach oben in die Küche. Ihr Vater ließ sich auf einen Stuhl fallen und sah über den gedeckten Tisch. „Abendessen? Prima, ich hab einen Mordshunger.“ Cyntall schob ihm den Teller hin. „Iss ruhig, ich bin schon fertig“, log sie, ließ das Heftchen aber noch schnell verschwinden.
Sie ließ ihn erst einmal in Ruhe essen und beobachtete ihn. Müde sah er aus, seine Kleidung war verschmutzt und so wie er schlang, hatte er auch schon lange nichts Anständiges mehr gegessen.

„Ein guter Tag“, dachte sie. „Ich bin jemandem wichtig und Vater ist wieder da.“ Das empörte Knurren ihres Magens ignorierte sie erst mal.


~ Risse ~

Es war spät geworden und der Mond stand schon hoch am Himmel, als Cyntall in die kleine Gasse einbog, die zu ihrem Turm führte. Die kleine Elfe dachte immer noch über den Vortrag der Pandaren nach. Eigentlich mochte sie diese bärenartigen Wesen, sie strahlten Ruhe und Gemütlichkeit aus. Cyntall hatte heute einiges erfahren über die Sitten, Gebräuche und die Lebensphilosophie. Zwar hatte sie manches nicht so verstanden, aber im Großen und Ganzen war es doch ein vergnüglicher Abend gewesen.

Als sie versuchte die Eingangstür leise zu öffnen, wurde diese nach vorangegangenem Gescharre und Gekrächze sofort wieder zugeworfen. „Piri…“, murmelte Cyntall und drückte mit aller Gewalt von außen gegen die Tür. „Zurück…du sollst zurück“, keuchte sie und konnte schließlich eintreten. „Wann begreifst du endlich, dass es nichts bringt, sich von innen gegen die Tür zu werfen, wenn man jemanden begrüßen möchte der außen steht?“ Die schmächtige Elfe schimpfte nicht wirklich mit dem alten Schreiter und huschte dann, ein paar Leckerlis später, die Steintreppe noch oben in die Küche.

Ihr Vater lehnte am schmalen Fenster und sah sie mit einem seltsamen Blick an. „Du bist noch wach…“, versuchte sie das Gespräch zu beginnen. Als er schwieg, versuchte sie in seinem Gesicht zu lesen. Er war nicht betrunken, obwohl er das obligatorische Weinglas in seiner Hand hielt.
Alles in der kleinen Elfe schrie Alarm. Wenn er nüchtern war und sie so ansah, das Schweigen lauter war als alles andere, dann hatte sie richtigen Ärger. „Soll ich dir von dem Vortrag erzählen? Es ist etwas spät geworden“, versuchte sie die Richtung auszuloten, aus der der Ärger kommen würde, wurde aber unterbrochen.

Ihr Vater holte kurz aus und ein kleiner Beutel flog mit Wucht durch die Luft und knallte auf den Holztisch, ein deutliches Klimpern von Geldstücken war zu hören. Cyntall zuckte erschreckt zusammen und starrte erst auf den Beutel, mit zunehmend errötendem Gesicht, und dann auf ihren Vater, der ansonsten noch immer ruhig an der Wand lehnte.

„Wo hast du das her?“ Seine Stimme war wie ein kalter Hauch. „Ich…ich habe…es…es  gehört mir…ich…ich arbeite dafür“, stammelte sie doch recht verlegen zusammen. Ihr Vater löste sich von der Wand und kam in seiner typisch katzenhaften Art näher. Cyntall blickte kurz über die Schulter. „Wenn ich jetzt losrenne, dann schaffe ich es vielleicht noch zur Tür“, dachte sie. „Niemals“, flüsterte ihre innere Stimme zurück. „Das schaffst du niemals.“

Dicht vor ihr blieb er stehen, so dass Cyntall hochschauen musste, überragte ihr Vater sie doch um Längen. „Belüg mich nicht“, herrschte er sie an. „Ich…ich…ich habe es verdient.“ Die kleine Elfe spürte, wie der Kloß in ihrem Hals immer größer wurde, versuchte ihn aber herunterzuschlucken. „Möchte ich wissen womit?“ Im Blick ihres Vaters lag eine eisige Kälte und in Cyntall regte sich Widerstand. „Mit Arbeit? Womit denn sonst…was denkst du eigentlich von mir“, warf sie ihm empört hin.

„Von wem hast du das“, er deutete auf den immer noch mittig auf dem Tisch liegenden Beutel. „Und ich frage nicht nochmal, junge Dame.“
Die kleine Elfe schritt an ihm vorbei und setzte sich auf einen der Stühle. So dicht vor ihm kam sie sich noch winziger vor und das stärkte nicht unbedingt ihr Selbstbewusstsein, das sie für die kommende Diskussion brauchen würde. „Vom Sekretär des Magisters“, sagte sie so ruhig wie möglich, aber ihr Herz raste.

„Verkauf mich nicht für dumm“, entgegnete er, setzte sich aber ebenfalls. „Ich kenne die Varianten für eine magische Ausbildung. Entweder bezahlt man eine Schule oder einen Magister, oder man bekommt Unterricht gegen Dienstleistung, wie zum Beispiel das Erledigen von kleineren Arbeiten. Dass aber ein Magister dafür zahlt, damit er eine Schülerin unterrichten darf, wäre mir neu.“
Cyntall atmete kurz unauffällig durch. Jetzt musste sie sehr vorsichtig vorgehen, aber dass er sich gesetzt hatte, nahm sie mal als gutes Zeichen. „Es ist mehr eine Unterstützung. Ich…ich verdiene doch nichts und das Leben hier ist teuer. Die Pacht, Piri, die Lebensmittel und was man sonst noch so braucht. „Du bekommst Geld von mir“, unterbrach er sie wütend.

Die schmächtige Elfe lächelte ihn treuherzig an. „Das ist auch sehr großzügig von dir und ich versuche ja wirklich zu sparen, aber manchmal fehlt eben ein bisschen Geld. Die Medizin für Piri war teuer. Ich…ich hatte wirklich kaum mehr Geld um Essen zu kaufen“, beendete sie den Satz leiser.
Ihr Vater schwieg und sah sie nachdenklich an. „Ich hatte auch nicht vor viel davon zu verbrauchen, nur wenn es wirklich…wirklich nötig wäre“, setzte sie mit bittendem Blick nach.

Er betrachtete sie weiter. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er hatte doch alles versucht, hatte versucht sie von ihrem gewählten Weg Magistrix zu werden abzubringen. Hatte versucht eine Waldläuferin aus ihr zu machen, aber sie war immer nur bockig gewesen, hatte es immer abgelehnt. Innerlich musste er grinsen. Wenn seine Tochter etwas von ihm hatte, dann seine Sturheit.
Er stand auf, trat ans Fenster und schaute hinaus. „Sie ist dir ähnlicher als du denkst“, hatte Nufen, sein ältester Freund, gesagt. Nufen kannte sie fast genauso lange wie er. „Sie wird nie so werden wie Calliope, sie hat nicht ihr Wesen, sondern deines. Wenn ihr etwas im Wege steht Magistrix zu werden, dann das und nichts anderes. Lass sie einfach ihre Erfahrungen machen, vertrau ihr“, hatte er ihm geraten. „Vertrauen“, dachte er. „Ihr vertraue ich ja, aber diesem Magister? Nein!“

Ihr Vater drehte sich abrupt um. „Du wirst es zurückgeben“, sagte er recht ruhig und deutete auf den Beutel. „Das…das kann ich nicht, das geht nicht…wirklich.“ Cyntall sah ihn verzweifelt an. „Selbst wenn ich es wollte….er würde es nicht akzeptieren, die Notwendigkeit nicht verstehen.“ Aber die kleine Elfe sah auch, dass es für ihn beschlossen war. Und wenn ihr Vater mal etwas beschlossen hatte, dann wich er nicht mehr davon ab.
„Nun, dann werde ich ihm eine entsprechende Nachricht zukommen lassen, die er bestimmt versteht.“ Ihr Vater wollte den Beutel greifen, aber die kleine Elfe kam ihm zuvor.

„Du wirst gar nichts tun“, erwiderte sie bestimmt und ihr kühler Ton erschreckte sie selbst am meisten. „Was machst du da“, flüsterte ihre innere Stimme, aber Cyntall ignorierte sie. Sie musste sie ignorieren. Wenn sie jetzt keine Grenze setzte, dann würde sie nie selbst entscheiden. Der Magister sagte ihr was sie zu tun hatte…ihr Vater ebenso. Eigentlich sagten ihr alle immer was sie zu tun hatte. Und sie versuchte es allen recht zu machen. So ging das nicht weiter.

„Ich werde es behalten und ich werde es ausgeben wenn nötig. Ich werde dafür hart arbeiten, und wenn es mir später möglich ist, werde ich meine Schuld begleichen. Und wenn dir das nicht passt…“, Cyntall zeigte mit kaltem Blick auf die Treppe, die nach unten führte.
Ihr Vater starrte sie ausdruckslos an, dann stand er auf, ging nach oben und die kleine Elfe hörte, wie er seine Sachen zusammenpackte. Nach einer Weile kam er wieder herunter und verließ wortlos den Turm. Als die Tür ins Schloss fiel, brach die kleine Elfe in Tränen aus.

Ihr Vater blieb kurz am Brunnen stehen und sah tief ein- und ausatmend in den Nachthimmel. „Sie wird also nie so werden wie ihre Mutter“, murmelte er vor sich hin, „nun mein alter Freund, das eben war Calliope wie sie leibte und lebte.“


~ Was für ein Abend ~

„Was für ein Abend“, dachte Cyntall, als sie den Tisch abräumte. Dabei hatte sie alles so schön geplant gehabt. Schließlich war es ein aufregendes Ereignis für sie. Der Magister zum ersten Mal in ihrem Turm!
Die kleine Elfe hatte den ganzen Tag geschuftet, hatte die gewünschten Illusionen geschaffen und sogar hinbekommen, dass in den Vasen jeweils ein kleines Lichtlein schwebte. Dann hatte sie den ganzen Turm auf Hochglanz poliert. Hatte den Stall ausgemistet, frisches Stroh ausgelegt, die Böden geschrubbt, die Fenster abgewaschen, hatte Kissen aufgeschüttelt, Teppiche geklopft und Geschirr zur Vorsicht nochmals gespült. Dann hatte sie noch zwei Kuchen gebacken, Tee aufgebrüht, obwohl der Magister sowieso den Wein bevorzugen würde, und den oberen Wohnbereich entsprechend eingedeckt. Es war also alles bereit gewesen, und als es klopfte, war sie so aufgeregt die Treppe herunter gelaufen, dass sie fast gestürzt wäre.

Aber anstatt eines Magisters, war da nur ein Bote der Blutritter gestanden und hatte sie aufgefordert, ihm ins Ordenshaus zu folgen, der Magister würde sie dort erwarten. Cyntall dachte schon ihre ganzen Mühen wären umsonst gewesen, aber der Termin dort zog sich, der Sonne sei Dank, nicht allzu lange hin.
Die kleine Elfe dachte kurz an die erblindete Elfe und hoffte von Herzen, dass der Magister ihr helfen konnte.

Und dann war es tatsächlich soweit gewesen. Gut, Piri hatte seine übliche Show abgeliefert, dann aber den Magister und sie eintreten lassen. Cyntall grinste, als sie das Geschirr nach unten in die Küche trug.
Ihr Heim war sicherlich nicht mit den üblichen Silbermonder Standards zu vergleichen, aber ihr genügte es und mit den Lichtervasen sah es noch gemütlicher aus. Und das Beste war, dem Magister hatten ihre Illusionen gefallen. Er hatte sie sogar indirekt gelobt. Es hätte also ein rundum schöner Abend werden können.

Aber dann musste ja ihr Alptraum erscheinen. Die schmächtige Elfe verzog das Gesicht, während sie die Teller in eine Wasserschüssel legte. „Die Tür zu nehmen, wäre ja viel zu normal gewesen“, spöttelte sie vor sich hin. „Gut“, seufzte Cyntall erleichtert, „wenigstens hatte er nichts transmutiert im Haus oder sogar mich.“
Nein, er war sogar recht nett gewesen, auch wenn sie innerlich in Habachtstellung war und jederzeit damit rechnete, dass er irgendetwas anfing zu transmutieren.
Vielleicht war er ja doch nicht so gefährlich wie sie dachte. „Egal“, murmelte die kleine Elfe wieder und gähnte laut vor sich hin. Sie war höflich gewesen, so wie er es gewünscht hatte.

„Nun aber ins Bett“, dachte sie, stieg noch kurz runter zu Piri um ihm eine gute Nacht zu wünschen und schlüpfte, wieder oben angekommen, in ihr Nachthemd. Gerade als sie sich auf ihr großes Kissen kuscheln wollte, hörte sie erneut von unten ein Klopfen und dann ihren Schreiter, der sich mit Karacho gegen die Tür warf.

Die kleine Elfe erhob sich zögerlich und zog einen Morgenmantel über ihr Hemd. Barfuß trapste sie nach unten. Den aufgeregten Schreiter, der mit gespreizten Flügeln hinter der Tür stand, brachte sie jedoch nicht zur Ruhe. Sollte der Besucher ruhig denken, dass hier ein Monster hauste.
„Wer ist da?“ Cyntall rief recht laut, um Piris Getöse zu übertönen. „Flämmchen? Flämmchen bist du das?“ Das Herz der schmächtigen Elfe machte einen Sprung und sie riss die Tür auf.
Piri, der darauf nur gewartet hatte, stürmte in diesem Moment nach vorn und katapultierte die kleine Elfe direkt in die Arme des Besuchers. „Piri…“, rief Cyntall erbost, hörte dann aber das tiefe Lachen, das sie so mochte. „Wir sollten Wachhunde abschaffen und Schreiter dafür nehmen.“ Der alte Magister stellte die kleine Elfe, die er aufgefangen hatte, wieder auf die Beine. „Magister Blutnebel, wie schön euch zu sehen“, strahlte Cyntall und schaute hoffnungsvoll an ihm vorbei in die Dunkelheit. „Er ist nicht da“, entgegnete der alte Magister, als er ihren Blick auffing. „Bitte kommt doch herein“, bat ihn die kleine Elfe mit einem enttäuschten Gesicht. „Was führt euch zu so später Stunde hierher?“

„Ja, ich muss mich entschuldigen“, entgegnete er. „Aber früher war es mir leider nicht möglich und ich muss morgen ganz zeitig schon wieder weg.“
Cyntall führte ihn nach oben in die Küche und ließ ihn am Tisch Platz nehmen. „Das macht doch nichts, ich freue mich immer, wenn ihr mich besucht.“ Cyntall stellte eine Flasche Wein und ein Glas auf den Tisch und sah ihn neugierig an. „Was gibt es Neues? Wie geht es meinem Vater?“

Der Blick des alten Kampfmagiers aus der Einheit ihres Vaters verdunkelte sich etwas. „Setz dich Cyntall“, sagte er leise und deutete auf einen Stuhl ihm gegenüber.
Das Herz der kleinen Elfe hörte für einen Moment auf zu schlagen und sie fing an innerlich zu zittern. Er hatte sie noch nie bei ihrem vollen Namen genannt. „Flämmchen“, „Kleines“ oder auch „Liebes“, ja, das waren die Namen mit denen er sie sonst bedachte. Und als er sich erst mal Wein einschenkte und einen großen Schluck nahm, da bekam Cyntall richtig Angst. Unsicher setzte sie sich und sah ihn mit leicht panischem Blick an. „Ist mein Vater…ist er…ist mein Vater… stotterte sie ihn an und traute sich nicht den Gedanken zu Ende zu denken, traute sich nicht es auszusprechen.

„Enttäuscht? Deprimiert? Beleidigt? Verärgert?“ Der alte Magister führte ihren Satz zu Ende und dachte kurz nach. „Volltrunken? Ja, ich denke, das trifft alles zu“, nickte er dann. „Was zur Sonne ist nur das letzte Mal passiert als er hier war, Cyntall?“

Die kleine Elfe begriff langsam. Es war überhaupt nichts mit ihrem Vater passiert, und obwohl sie innerlich aufatmete, gab sie ein doch recht zorniges „Fragt ihn doch selbst“, zur Antwort.
Der ergraute Magister sah sie kurz schweigend an. „Das würde ich ja gerne, allerdings ist er dazu nicht nüchtern genug gewesen, was die Sache nicht unbedingt erleichtert. Also frage ich dich. Was ist zwischen euch vorgefallen?“
In Cyntall stieg Wut auf. „Wieso meint ihr ich bin für seinen Zustand verantwortlich? Was kann ich denn dafür, dass er sich ständig betrinkt?“

Die Worte hallten in dem alten Magister nach und er bedachte die kleine Elfe vor sich mit nachdenklichem Blick. Er dachte an das kleine, verwöhnte und arrogante Mädchen, das sein Freund vor über vierzig Jahren ins Lager mitgebracht hatte. Direkt aus der Silbermonder Gesellschaft hinein in ein Armeelager. In Seidenslipper und mit edlen Roben war sie anfangs durch das Lager stolziert und hatte gezetert ob der Zustände, die dort herrschten. Es war die Idee ihres Vaters gewesen, sie unter dem Küchenwagen, nur mit Decke und Bärenfell, einzuquartieren. „Sie muss sich ändern, und das schnell, sonst wird sie hier nicht lange überleben“, war seine damalige Aussage gewesen.

Und Cyntall hatte sich geändert. Obwohl der alte Magister eine sanftere Methode vorgezogen hätte, musste er mit der Zeit doch einräumen, dass ihr Vater wohl Recht hatte. „Besser kurz und schmerzhaft, als lang und quälend“, hatte er gesagt. Sie lernte sich einigermaßen zu verteidigen oder sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, wenn Gefahr drohte. Ihr Leben veränderte sich völlig, war geprägt von harter Arbeit und Entbehrungen und von Einsamkeit.
Eines aber hatte sein Freund nicht bedacht. „Ihr“ Küchenwagen, der mehr eine Erziehungsmaßnahme sein sollte, wurde ihre Burg. Dorthin zog sie sich zurück, dort glorifizierte sie ihre Mutter und dort wuchs ihr Hass auf ihren Vater, dem sie das Elend, wie sie meinte, verdankte.
Aber die Jahre vergingen und Gewohnheit kehrte ein. Aus dem kleinen Mädchen wurde eine junge Frau, auch wenn ihr Vater das nicht sehen wollte. Anstatt sie aus ihrer Isolation zu holen, beließ er sie dort.
Der betagte Magister schüttelte innerlich den Kopf. Zu groß war die Angst seines Freundes gewesen, dass sie wieder so wird wie früher, dass sie so wird, wie sie ihre Mutter versucht hatte zu formen. Sein ganzes Zureden hatte nichts geholfen. Dabei war die Tochter seines Freundes schon lange nicht mehr diese Elfe von früher, im Gegenteil. Sie war schüchtern und ängstlich und von Lebenserfahrung und zwischenelfischen Beziehungen konnte schon gar keine Rede sein. Aber das sah sein Freund nicht.

Der Magister blickte während seinen Überlegungen der kleinen Elfe direkt in die Augen. Cyntall wurde ob des undefinierbaren Blickes des Magisters immer unsicherer. „Ich wollte doch nicht dass er geht“, murmelte sie leise vor sich hin. „Aber er wollte zu Magister Morgentau gehen, wollte sich zwischen mir und meinen Traum stellen.“
„Dein Traum ist dir wichtiger als dein Vater?“ Die kleine Elfe biss sich auf die Unterlippe. „Nein, nicht wichtiger…aber auch wichtig…anders eben“, versuchte sie sich zu rechtfertigen.

„Vielleicht solltest du das deinem Vater mal sagen“, bemerkte der alte Magister mit einem aufmunternden Unterton. „Wie denn? Er hört doch gar nicht zu, wenn das Thema auf Magie kommt“, verteidigte sich die kleine Elfe weiter.
„Kleines“, fuhr der Magister fort, „es geht hier nicht um Magie, es geht um deinen Vater und seine Angst dich zu verlieren. Weißt du eigentlich, dass er dich über drei Monate gesucht hat, nachdem du einfach so davongelaufen bist? Weißt du, dass er fast verrückt wurde vor Sorge als er dich nicht gefunden hat? Und erst als ich Nachricht erhielt, dass eine Elfe, auf die deine Beschreibung passt in Silbermond eingetroffen ist, kam er einigermaßen zu sich. Ich mische mich wirklich ungern in andere Angelegenheiten, aber er ist mein Freund und er leidet…und das deinetwegen“, fügte er noch an.

Cyntall hatte mit starrem Gesichtsausdruck den Ausführungen des Magisters gelauscht. Nun schüttelte sie den Kopf. „Nein, das habe ich nicht gewusst. Das hat er nie erwähnt“, antwortete sie leise.
Der Magister leerte sein Weinglas und stand dann auf. „Ich muss weiter, aber ich bitte dich zu bedenken, dass dein Tun und Handeln immer entsprechende Reaktionen nach sich ziehen. Das betrifft alle, ob nun deinen Vater oder deinen Magister oder sonst wen. Du möchtest erwachsen sein? Alleine leben und Magie studieren? Dann verhalte dich bitte auch so.“ Der Magister ging die Treppe hinunter zur Tür und Cyntall lief langsam hinter ihm her. Als er die Tür öffnete, drehte er sich nochmals um. „Und um der Sonne Willen, sprich mit deinem Vater und bringe das in Ordnung. Er ist unerträglich.“

Die kleine Elfe kam nicht mehr zu einer Antwort oder zu einem Abschiedsgruß. Nachdenklich blieb sie in der Tür stehen und sah dem alten Magister hinterher. „Erst die blinde Blutritterschülerin, dann der überraschende Besuch des Arkanisten und des alten Magisters und dann noch die Nachricht über ihren Vater. „Was für ein Abend“, murmelte sie leise und schloss die Tür.


~ Notwendigkeiten ~

Cyntall schimpfte den ganzen Weg vom Gasthaus am Königlichen Markt bis zu ihrem Turm leise vor sich hin. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie das getan hatte. „Was hätte ich denn machen sollen, ich konnte doch nicht einfach nur zusehen…es war doch nötig“, entschuldigte sie sich vor sich selbst. Die kleine Elfe blieb kurz vor dem kleinen Platz, an dem sich ihr Turm befand stehen und atmete tief durch. Fast gleichzeitig presste sie die Hand vor den Mund und würgte. Ihr war schlecht, nein, nicht schlecht …sterbenselend. „Ich hätte doch nur nippen sollen“, murmelte sie wieder. Aber sie hatte nicht genippt, sie hatte große Schlucke getrunken. „Es sollte doch echt aussehen.“

Die kleine Elfe lehnte ihren Kopf an die kühle Steinmauer eines Hauses und versuchte ihren Magen in den Griff zu bekommen. Sie war nur froh, dass sie den Rum nicht hatte trinken müssen. Nachdem das würgende Gefühl etwas abflachte, ging sie langsam weiter. Gleich würde sie zu Hause sein, gleich würde sie sich zu Piri kuscheln und dann würde bestimmt auch das Schwindelgefühl verschwinden.

Die Nacht senkte sich bereits über die Stadt und die Gassen in dem alten Silbermonder Viertel waren nur spärlich mit Lampen erhellt, trotzdem stoppte Cyntall abrupt, als sie einen großen Schatten sah, der direkt vor ihrer Haustür zu stehen schien. „Was zur…“, flüsterte sie in die Dunkelheit und trat vorsichtig näher. Als sie den Brunnen, der mittig auf dem kleinen Platz stand passierte, konnte sie erkennen, was da ihren Eingang blockierte.

„Was machst du denn hier?“ Cyntall trat an ein Ross heran, das nicht nur zufällig dort stand, sondern mit dem Zügel direkt an einem eisernen Ring an ihrer Tür befestigt war. Das Pferd wendete den Kopf in ihre Richtung, offensichtlich erfreut, dass endlich jemand kam, und schnaubte leise.

Die schmächtige Elfe sah sich um, konnte aber niemanden, schon gar nicht den Besitzer des Pferdes, entdecken. Etwas unschlüssig streichelte sie über das weiche Maul und klopfte sanft gegen seinen Hals. Aus dem Inneren ihres Turmes war der übliche Schlag gegen die Tür zu hören und Piris empörtes Gekreische, da sie die Tür nicht öffnete, obwohl sie doch schon davon zu stehen schien.

„Gleich Piri“, rief sie lauter, obwohl sie wusste, dass Piri sich nur beruhigen würde, wenn sie die Türe öffnete. Cyntall betrachtete das Pferd nun genauer. Es war ein ziemlich großes und kräftiges Tier und es flößte der kleinen Elfe schon einiges an Respekt ein. Als sie es vorsichtig losband, stieg es hoch und hob sie ohne Mühe kurz in die Luft, da sie den Zügel nicht losließ. „Ruhig, ganz ruhig“, versuchte sie das Tier zu beruhigen, das zurückgewichen war, nun aber langsam zum Stehen kam. Etwas hilflos sah sich Cyntall nochmals um. Piri tobte nun hinter der Tür, wenn sie nicht bald öffnen würde, dann konnte sich der alte Schreiter noch verletzen.

„Weißt du was? Ich binde dich einfach hier an, dein Herr wird schon bald kommen… bestimmt“, sprach sie beruhigend auf das Tier ein und band es an einen Balken neben ihrem Turm.

„Zurück, Piri…zurück“, rief sie dann ihrem Schreiter zu, schloss die Tür auf und drückte sie mit aller Kraft auf. Der weiße Schreiter ließ sich nur schwer beruhigen und stürmte auf die kleine Elfe zu, als diese sich endlich den Weg in ihren Turm erkämpft hatte. Erst als Cyntall nach dem Futtereimer griff, wurde der Schreiter ruhiger.

Die kleine Elfe füllte ihn auf und wankte dann, als Piri genüsslich fraß, die Treppe in ihre Küche hinauf. „Essen…ich muss etwas essen“, hämmerte es durch ihren Kopf. Gut, sie hätte besser etwas gegessen, bevor sie den Wein konsumierte, aber das war nun nicht mehr zu ändern. Cyntall schnitt sich eine Scheibe Brot ab und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Ihr Magen rebellierte immer noch, aber nach der Scheibe Brot wurde es besser, und das kühle Wasser tat den Rest…der Schwindel verschwand und auch ihr Magen beruhigte sich etwas. Sie nahm sich eine Decke vom Stuhl und tapste wieder die Stufen hinunter.  „Nun aber schlafen, Piri“, flüsterte sie dem alten Schreiter zu und kuschelte sich auf ihre Decke. Sobald sie jedoch die Augen schloss, drehte sich der ganze Turm um sie, einschließlich Piri.

Tief durchatmend setzte sich die kleine Elfe wieder auf. Von draußen war das leise Schnauben des Pferdes zu hören. Cyntall schlang sich ihre Decke um den Körper und öffnete die Tür erneut. „Du bist ja immer noch da.“ Unschlüssig blieb sie an der Tür stehen, tapste dann jedoch hinaus und trat erneut an das Ross heran. Mehr unterbewusst spürte sie, wie Piri ihr folgte. „Was machen wir denn jetzt mit dem, hmm, Piri?“

Die kleine Elfe umrundete das Pferd und fand auf der anderen Seite eine größere Satteltasche. Nach kurzem Zögern öffnete sie die Lasche und linste hinein. Cyntall zupfte an einigen Kleidungsstücken. Ein paar Hemden und Tücher befanden sich wohl darin, genaueres konnte sie in der Dunkelheit nicht erkennen. Die kleine Elfe stellte sich auf die Zehen und fasste tiefer in die Tasche. Ihre Hände ertasteten einen harten Gegenstand und sie zog ihn heraus.

„Ich kenne diesen Dolch, Piri“, murmelte sie erstaunt vor sich hin. Ja, sie kannte diesen Dolch, hätte ihn unter Tausenden herausgefunden. Aber wie kam der Dolch…

„Was machst du da“, ertönte es hinter ihr. Cyntall zuckte zusammen und drehte sich um. Zu schnell, wie sie sofort merkte, denn ihr Magen forderte nun sein Recht und sie übergab sich direkt vor die Füße des Elfen. „Reizend…“, bemerkte ihr Vater trocken.


~ Ganz egal! ~

Cyntall hatte sich etwas beruhigt. Der Sekretär des Magisters hatte sie durch seine ruhige Art wieder etwas runter gebracht. Sie lief langsam vom Sonnenhof in Richtung ihres Turmes und schloss dann die schwere Holztür auf. Entgegen seiner Angewohnheit schmiss sich Piri nicht von innen gegen die Tür, sondern krächzte nur beleidigt. Die kleine Elfe hatte ihn angebunden. Es ging nicht anders, da außer Piri, nun auch noch das Ross und Amriel, der schwarze Schreiter ihres Vaters, hier unten im Turm standen. Cyntall schlängelte sich zu Piri durch und fing an ihm vom heutigen Nachmittag zu erzählen.

Und je mehr sie erzählte, desto wütender wurde sie wieder. „Er war unmöglich, Piri. Er hat gesagt, es sei mir alles egal. MIR!“ Der schmächtigen Elfe stiegen wieder die Tränen in die Augen. „Obwohl ich doch alles getan habe, was er verlangt hat…und das, obwohl ich es gar nicht wollte. Das müsste ihm doch zeigen, dass es mir NICHT egal ist.“
Trotzig stieß Cyntall mit ihrem Fuß gegen einen Heuballen. „Ich werde es ihm beweisen, werde ihm beweisen, dass es mir nicht egal ist.“ Sie füllte die Futtereimer, gab allen noch einen liebevollen Klapps und stieg dann einen Stock höher und setzte sich in der Küche an den Tisch.

„Aber wie…“, murmelte sie vor sich hin. Wie sollte sie es beweisen? Cyntall überlegte angestrengt, dann zuckte sie plötzlich zusammen. „Das ist es!“ Ja, das würde sie machen. Dann musste er doch sehen, dass es ihr nicht egal war, dass es ihr wichtig war.
Die kleine Elfe rannte noch ein Stockwerk höher und fing an, die Sachen ihres Vaters zu durchwühlen. Sie war froh, dass er nicht da war, wohl noch im Gasthaus hockte. „Da ist er“, jubelte sie und zog einen langen, schwarzen Umhang mit einer Kapuze hervor. Sie legte ihn um, schnappte sich ihren Rucksack und rannte die Treppen wieder herunter. Eilig verließ sie den Turm und ging erneut zum Sonnenzornturm.
Die Hallen und Gänge waren schon recht verlassen, da der Abend bereits hereingebrochen war und die meisten Elfen längst in ihren Wohnungen waren. Da die kleine Elfe recht bekannt war, hielt sie niemand auf als sie durch den Turm lief und den Portalraum ansteuerte.
Vorsichtig linste Cyntall um die Ecke und verzog enttäuscht das Gesicht. Vor der Portalkugel nach Unterstadt standen zwei Wachen. „Das wird nicht so einfach, wie ich mir das gedacht habe“, murmelte sie.
Die kleine Elfe atmete tief durch und trat dann mit einem arroganten Gesichtsausdruck auf die beiden Wachen zu. „Guten Abend“, wünschte sie und schickte sich an vorbei zu gehen. „Halt“, schnarrte eine Wache und hob ihr die Handfläche entgegen. „Wohin wollt ihr?“

Cyntall behielt den Gesichtsausdruck bei, legte jetzt allerdings ein mitleidiges Lächeln auf ihre Lippen. „Nach Unterstadt natürlich…das ist doch offensichtlich, oder?“ Die Wache, die sie aufgehalten hatte setzte erneut an. „Und was wollt ihr da?“
Das Herz der kleinen Elfe raste. „Ja, was willst du da“, protestierte ihre innere Stimme, die sie aber gekonnt überhörte. Cyntall schob ihren Rucksack nach vorn und deutete darauf. „Etwas für Magister Morgentau abgeben. Es ist eilig“, fügte sie noch an. Die Wache sah sie zweifelnd an und warf der zweiten Wache einen fragenden Blick zu.
„Ihr könnt das natürlich überprüfen, obwohl ich nicht glaube, dass Magister Morgentau über die späte Störung erfreut sein würde“, setzte die kleine Elfe spitz nach.
„Ich kenn sie“, nuschelte nun die zweite Wache, die näher herantrat. „Lass sie durch, du willst keinen Ärger mit dem Magister haben, glaub mir“, flüsterte er dann seinem Kollegen zu. Nach kurzer Überlegung winkte die erste Wache Cyntall dann durch. „Manchmal ist euer Ruf auch ein Segen, Magister“, kicherte die kleine Elfe innerlich.
Etwas weiter stand sie dann vor der Kugel. „Was machst du denn da? Da willst du doch gar nicht hin“, flüsterte ihre innere Stimme. Nein, sie wollte wirklich nicht dahin. Aber wie sollte sie ihm sonst beweisen, dass es ihr nicht egal war. Cyntall atmete nochmals tief durch und berührte dann mit zittriger Hand die Kugel. Kurz darauf stand sie in den Ruinen von Lordaeron.

Cyntall warf sich die Kapuze über den Kopf und zog sie tief ins Gesicht, dann machte sie sich auf tiefer in die alte, wohl einst herrliche Stadt.
„Ist das gruselig hier“, murmelte sie vor sich hin und durchschritt einen Saal. Danach ging der Weg stetig nach unten, bis sie schließlich vor einem steinernen Tor stand. Allerlei seltsame Geräusche drangen an ihr Ohr und sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie näher kamen.
„Hier geht’s nicht weiter“, sagte sie enttäuscht und hörte wieder ein lautes, schurrendes Geräusch.
Die kleine Elfe drehte um und lief alle Gänge und Wege ab, aber es schien keinen Eingang in die tote Stadt zu geben.
„Na gut, noch einen Versuch“, flüsterte sie, als sie einen neuen Weg entdeckte.  Dann würde sie umkehren, ganz sicher. Ihr war kalt, es stank und sie zitterte vor Angst am ganzen Körper. Wieder ging es tief hinunter und als sie um die letzte Ecke bog, sah sie zwei Wachen, die vor einem weiteren Tor standen. Cyntall war sich nicht sicher, ob sie sich nun freuen sollte, ihr Wunsch umzukehren wurde immer größer. Sie zog den Umhang fester um ihren Körper. „Wenn da Wachen stehen, musste es auch irgendwo hin gehen“, dachte sie. Als sie auf die Beiden zulief, hörte sie erneut dieses furchtbare Geräusch. Die kleine Elfe zuckte erschreckt zusammen, als sich das große Steintor plötzlich bewegte und einen Eingang freigab.
Da die Wachen sie nur anstarrten, aber nicht aufhielten, nahm sie allen Mut zusammen und trat in den Raum ein. Kurz danach schloss sich das Tor wieder und Cyntall stand eingesperrt in dem runden Raum. „Wie in einem Grab“, flüsterte sie erschreckt und schrie auf, als sich der Boden mit einem Ruck in Bewegung setzte.
Es ging eine Weile in die Tiefe, dann schwang das Steintor wieder auf und Cyntall betrat einen weiteren Gang. Beißender Geruch schlug ihr entgegen und sie hörte weitere Geräusche. Geräusche, die ihr nicht gefielen, aber auch Stimmen waren darunter. Unschlüssig blieb sie stehen, ihr Herz schlug nun bis zum Hals.
„Was machst du eigentlich hier“, meldete sich ihre innere Stimme. „Dem Magister beweisen, dass es mir nicht egal ist“, maulte sie zurück. „Du wirst sterben, lebendig eingemauert, wirst nie mehr die Sonne sehen.“ Die Gedanken der kleinen Elfe malten sich allerlei Szenarien aus, die ihr allesamt nicht gefielen.

Cyntall stand immer noch ein paar Gänge von dem steinernen Auf- und Abgang entfernt. Weit war sie noch nicht gekommen.  Dann drang ein Schrei an ihr Ohr und es schüttelte ihren ganzen Körper.
Es kam Leben in die kleine Elfe. „Weg, nur weg hier“, schrie es jetzt in ihr und sie drehte auf dem Absatz um und lief zurück.
Sie stoppte allerdings, als sie hörte, wie das Steintor sich erneut öffnete. „Da kommt jemand“, durchzuckte es sie. Sie hörte Schritte, nein mehr ein Schlurfen. Cyntall wurde noch blasser. Irgendetwas Großes kam direkt auf sie zu. Panisch sah sie sich um. Sollte sie weiter in die Stadt hineinlaufen? Oder einfach stehen bleiben und sich ihrem Schicksal ergeben. Verzweifelt tastete sie um sich, bis ihre Hand an etwas stieß. „Eine Tür“, jubelte sie und ohne nachzudenken drehte sie den Knauf und schlüpfte in das vermeidliche Versteck und schlug die Tür wieder zu. Dunkelheit umfing sie, aber sie ignorierte erst einmal das Innere und lauschte durch die Tür.  Sie sah einen gewaltigen Schatten unter dem Türspalt vorbeigehen, dann wurde es wieder ruhig.
„Der Sonne sei Dank“,  flüsterte sie und tastete nach dem Türknauf. Sie wollte weg, nur schnell weg. Sollte der Magister doch denken was er wollte, das tat er sowieso. Vielleicht hatte der Sekretär ja auch Recht und er hatte nur seine verrückten fünf Minuten gehabt. Jetzt war es ihr wirklich egal. Sie wollte nur raus aus diesem riesigen Grab.

Cyntall tastete verzweifelt an der Tür, aber da war kein Knauf. „Beruhige dich“, flüsterte ihre innere Stimme. „Ruhig.“ Die kleine Elfe atmete tief durch um sich etwas zu beruhigen und murmelte dann leise. Drei kleine Flämmchen erschienen und tauchten den Raum in ein schummriges Etwas. Sie starrte die Tür an….sie ließ sich nicht von Innen öffnen. „Na toll“, murmelte sie, dann drehte sie sich langsam um und betrachtete den Raum. Er war nicht groß und mit einigen Töpfen, Krügen und Kisten bestückt. Offenbar ein Lagerraum. Cyntall trat etwas tiefer in den Raum. „Und Särge“, murmelte sie entsetzt. Erneut ergriff sie Panik, sie konnte aber ihr Verlangen unterdrücken laut zu Schreien und wild gegen die Tür zu klopfen. Vielleicht kam ja dann jemand und würde sie befreien, aber irgendwie wollte sie gar nicht, dass jemand kam. Cyntall lehnte sich an eine freie Wandstelle und rutschte dann langsam daran herunter, bis sie in der Hocke saß. Die drei Flämmchen tanzten immer noch munter durch den Raum. „Klasse“, maulte ihre innere Stimme, „das hast du ja fein hinbekommen.“


~ Der nächste Tag ~

Die Sonne stand schon am Himmel, als Cyntall wieder die Kugel benutzte und im Sonnenzornturm ankam. Sie klopfte so gut es ging den Staub von ihrem Umhang und verließ den Turm so schnell es ging. Die fragenden Blicke der Wachen und anderen Elfen vermied sie. Sie wollte nur nach Hause. Die kleine Elfe schlang den Umhang fest um ihren Körper und rannte über den Sonnenhof, stieg die Treppen hinab und eilte dann über den Platz der Weltenwanderer. Sie verlangsamte erst ihre Schritte, als sie im alten Viertel von Silbermond ankam und ging dann etwas außer Atem zu ihrem Turm.
Sie hatte den Schlüssel noch nicht ganz in das Schloss gesteckt, als die Tür auch schon aufgerissen wurde. „Hat er dich endlich gehen lassen“, herrschte sie ihr Vater an, blickte dann aber erschrocken auf seine Tochter. „Was ist denn mit dir passiert?“ Sein Blick wanderte über ihre Gestalt. Sein Umhang, den sie trug, war dreckig und in ihrem Gesicht konnte man deutlich die Spuren sehen, die ihre Tränen hinterlassen hatten. „Wer hat mich gehen lassen?“ Cyntall blinzelte irritiert, ging dann einfach an ihrem Vater vorbei, die Treppen hoch. „Der Magister? Ich habe ihm geschrieben“, antwortete ihr Vater und ging leicht konsterniert hinterher.

„Jetzt bleib gefälligst stehen.“ Ihr Vater griff nach ihrem Arm um zu verhindern, dass sie weiterlief und zuckte erschrocken zurück. „Du bist ja eiskalt.“ Er bemerke erst jetzt, dass seine Tochter vor Kälte zitterte. „Setz dich“, befahl er mit einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ und Cyntall ließ sich tatsächlich auf einem der Stühle nieder. Ihr Vater setzte Teewasser auf und stellte einen Teller, der gefüllt war mit Schinken, Trauben und ein paar Brotscheiben vor ihr ab. Die kleine Elfe schaute ihn fragend an. „Ich habe eingekauft“, erwiderte er, als er ihren Blick sah. „In diesem Haushalt verhungern ja sogar die Mäuse.“

Cyntall pickte sich ein paar Trauben ab und steckte sie recht lustlos in den Mund. „Also?“ Ihr Vater sah sie auffordernd an. „Ich war nicht beim Magister. Ich hatte“, sie stockte leicht, „ich hatte etwas zu erledigen. Es war also nicht nötig, den Magister zu belästigen.“ Ihr Vater verzog das Gesicht. „Das lass mal meine Sorge sein“, erwiderte er. „Wo warst du?“

Die kleine Elfe sah ihn kühl an. „Du hast es versprochen“, entgegnete sie leise. „Du hast versprochen, dich nicht mehr einzumischen. Und nun entschuldige mich. Ich muss mich fertig machen…ich, ich habe viel zu tun“, fuhr sie fort und stand auf um nach oben zu gehen.
„Schön…“, fuhr er sie wütend an. „Wenn du es so willst, dann ist es mir auch egal.“ Ihr Vater schnappte sich sein Wams, ging die Treppen wieder hinunter und schlug dann von außen die Tür mit einem lauten Knall zu.

Cyntall war auf der Treppe stehen geblieben und lächelte bitter, als sie den Knall hörte. „Egal“, murmelte sie leise.


~ Doch nicht egal ~

Zerknirscht ging Cyntall nach Hause und grübelte über das Gespräch von eben nach. „Wie ich es mache, ist es nicht recht“, maulte sie vor sich hin. Sie schloss ihren Turm auf und trat direkt zu Piri. Sie umarmte den alten Schreiter und legte ihren Oberkörper gegen seine warme Brust. „Ach, Piri…“, schluchzte die kleine Elfe. „Früher war das alles einfacher.“

„Erzählst du deinem alten Herrn was passiert ist oder wird nur Piri erleuchtet?“ Ihr Vater stand am Ende der Steintreppe, das obligatorische Weinglas in der Hand. Cyntall richtete sich auf und sah ihn kurz zweifelnd an, dann schossen ihr aber die Tränen ins Gesicht und sie warf sich heulend an seine Brust. Ihr Vater riss erschrocken die Hand, die das Weinglas hielt, nach oben. Kurz zögerte er, dann aber legte er den freien Arm um ihren Körper und streichelte sanft über ihren Rücken. „Na, na. So schlimm wird es doch nicht sein.“

Eine Weile standen sie so da, aber da die kleine Elfe sich so gar nicht beruhigen wollte, biss er kurzerhand in den Rand seines Glases um es mit dem Mund zu halten, hob seine Tochter dann hoch und trug sie in das oberste Stockwerk, wo er sie auf den Schlafkissen runterließ.

Danach schenkte er ihr ein Glas Wasser ein, nahm ein Leinentuch auf und schenkte sich das Weinglas randvoll. Irgendwie war er der Meinung, er würde es brauchen. Nachdem er ihr das Glas Wasser gegeben, das Tuch gereicht und sich neben sie gesetzt hatte, legte er erneut den Arm um sie. „Also? Was war früher einfacher?“

Cyntall trank einen Schluck, wischte sich das tränenverschmierte Gesicht und kuschelte sich dann wieder an seinen Oberkörper. „Der Umgang mit anderen Elfen“, murmelte sie leise. „Ich hatte nie Ärger…früher.“

Ihr Vater trank einen großen Schluck. „Ist er denn so fürchterlich?“ Cyntall nickte mit dem Kopf und verfiel wieder in leichtes Schluchzen. Ihr Vater nahm nochmal einen gewaltigen Schluck und leerte das ehemals volle Weinglas fast bis zum Grund. Eine Diskussion über den Magister. Das hatte ihm noch gefehlt. Düster starrte er in die beginnende Dunkelheit und dachte an die Worte seines alten Freundes. „Du musst sie unterstützen, je mehr du gegen ihre Magie und ihren Magister sagst, desto weiter wird sie sich von dir entfernen. Willst du das?“

Nein, das wollte er nicht. Er hatte einiges in seinem Leben verbockt, das wusste er, und wenn er nüchtern genug war, dann gestand er sich das auch manchmal ein. Aber seine Tochter wollte er nicht auch noch verlieren.

Er löste sich kurz von ihr um sein Glas aufzufüllen. Gefühlsduseliges Reden über Magister würde ihm alles abverlangen, da musste der Pegel stimmen. Er stellte vorsorglich zwei weitere Flaschen an die Kissen und setzte sich dann wieder.

„Und was ist so fürchterlich an ihm?“ Erneut nahm er einen großen Schluck. Die kleine Elfe hatte sich wieder an ihn geschmiegt. „Er versteht mich nicht, wirft mir Sachen vor die gar nicht stimmen und….und…“ Cyntall ging wieder ins Schluchzen über. „…und schmettert jede Erklärung ab und glaubt mir nicht.“

Ihr Vater nickte verstehen. „Er hat eben keine Kinder, woher soll das Verständnis auch kommen. Er wird einfach zu viel voraussetzen.“ Cyntall richtete sich kurz auf und sah ihm in die Augen. Sie setzte an, etwas zu erwidern, biss sich dann auf die Lippen und legte den Kopf wieder an seine Brust. „Du verteidigst ihn? Das ist ja mal was ganz Neues. Gestern noch wolltest du ihm die Zähne einschlagen.“

„Das stimmt“, ihr Vater grinste in die Dunkelheit. „Und der Gedanke daran bereitet mir durchaus Freude, aber ich habe Erkundigungen eingezogen. Zusammen mit den Berichten von Nufen, der natürlich als Magister noch mehr in Erfahrung bringen konnte, scheint er gar nicht so fürchterlich zu sein.“

Die kleine Elfe richtete sich ruckartig auf. „Du hast Erkundigungen eingezogen?“ Ihr Vater  nickte erneut. „Sicher. Glaubst du ernsthaft ich lasse dich bei einem Mann, über den ich nicht Bescheid weiß?“ Cyntall sah ihn zweifelnd an. „Und was hast du erfahren?“

Ihr Vater nahm erneut einen riesigen Schluck, bevor er antwortete. „Also den Preis für den beliebtesten Elfen wird er nicht gewinnen“, witzelte er trocken und zauberte seiner Tochter tatsächlich ein winziges Lächeln auf die Lippen. „Ernsthaft bitte“, gab sie zurück.

„Ernsthaft, hmmm..“, er überlegte kurz, „er hat wohl zu diesem Verräterpack gehört und du weißt, dass ich für die nicht besonders viel übrig habe.“ Die kleine Elfe nickte. Der Magister hatte ihr ein bisschen über seine Zeit in Shattrath erzählt. „Nun“, fuhr ihr Vater fort, „die Geschichtsschreibung hat sie wohl im Nachhinein rehabilitiert, trotzdem werde ich nicht vergessen, was sie getan haben.“ Cyntall schossen die Bilder der großen Schlacht in den Kopf…dieser furchtbaren Schlacht. Ihr Vater hatte nie ganz verwunden, dass er an diesem Tag fast seine ganze Einheit verloren hatte, nur weil die versprochene Verstärkung nicht kam. Es war auch der schwerste Angriff auf den Versorgungstross gewesen, den sie je erlebt hatte. Und wenn ihr Vater sie nicht unter dem brennenden Wagen hervorgezogen hätte, würde sie heute nicht hier sitzen.

Ihr Vater richtete sich auf und köpfte die zweite Flasche. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie sehen, dass er ebenfalls an damals gedacht hatte. „Wie auch immer“, erzählte er nach einem kräftigen Schluck weiter, „er scheint nicht sehr beliebt zu sein an einigen Stellen und die meisten sind wohl froh, wenn sie ihn von hinten sehen.“ Er hielt kurz inne. „Dennoch…dennoch scheint er sein Handwerk zu verstehen. Seine Meinung wird geschätzt und er gilt allgemein hin als…“, ihr Vater leerte das eben gefüllte Glas mit einem Zug und spukte das Wort eher widerwillig aus. „…als integer.“ Er beugte sich vor um erneut sein Glas zu befüllen. „Ich habe also nichts gefunden, was mich berechtigen würde, ihm die Zähne einzuschlagen“, grinste er dann.

„Wieso hast du ihm dann geschrieben? Wieso ihm gedroht?“ Cyntall sah ihren Vater verständnislos an. „Wieso ihm vorgeworfen, er würde mich zu etwas zwingen, wenn du weißt, dass es nicht so ist?“ Ihr Vater lachte leise. „Weil es ihn ärgert? Weil es Spaß macht?“ Die kleine Elfe schüttelte den Kopf. „Ich verstehe euch beide nicht.“

„Aber jetzt erzähl mir doch mal genau, worum euer Streit eigentlich geht“, bat er sie mit einem aufmunternden Lächeln. Cyntall lehnte sich an die Wand und erzählte. Sie erzählte ihm die ganze Geschichte und ihr Vater hörte aufmerksam zu, während sich der Inhalt der zweiten Flasche dem Flaschenboden näherte.

„Er hat nicht mal gefragt ob ich etwas herausgefunden habe. Ich erzähle ihm, dass ich nach Unterstadt gegangen bin…für ihn…und weißt du was seine einzige Antwort war?“ Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Wieso?“ Die kleine Elfe äffte den Tonfall des Magisters nach. „Als ob es nicht völlig offensichtlich war, wieso ich das getan habe.“ Cyntall schnaufte wütend und starrte dann in den nun fast gänzlich dunklen Raum.

Ihr Vater sah sie nachdenklich an. Er wusste, dass sie die Verlassenen nicht mochte, ja sogar große Angst vor ihnen hatte. Wenn sie trotzdem nach Unterstadt gegangen war, dann schienen ihr der Magister und seine Wache wirklich viel zu bedeuten. Mehr jedenfalls, als er gedacht hatte.

„Und hast du etwas herausgefunden?“ Die schmächtige Elfe schüttelte den Kopf. „Dazu kam es gar nicht….durch einen dummen Zufall bin ich in einen Raum geraten, der sich nicht von innen öffnen ließ und war eine Zeit eingesperrt. Als ich mich befreien konnte, wollte ich nur noch weg.“ Ihr Vater war froh, dass Dunkelheit den Raum beherrschte, denn er war sich nicht sicher, ob er sonst sein Schmunzeln vor ihr hätte verbergen können. „Cyntall und ihre dummen Zufälle“, grinste er innerlich. Er könnte Bücher damit füllen.

„Wie hast du dich denn befreien können?“ Die kleine Elfe verzog das Gesicht. „Mit einem Transmutationszauber“, antwortete sie gequält, „dieser Arkanist wär begeistert gewesen.“

„Was soll ich denn jetzt bloß machen“, rief sie dann verzweifelt. Ihr Vater seufzte gequält und köpfte die dritte Flasche. Für den folgenden Vorschlag war er eindeutig nicht betrunken genug. „Soll ich mal mit ihm sprechen?“

Cyntall sah ihn zweifelnd an. „Meist du das bringt was?“ Er nahm erneut einen Schluck und verzog leicht das Gesicht. „Ich weiß nicht. So wie ich ihn einschätze…und ehrlicherweise auch mich selbst, kann der Schuss auch nach hinten losgehen.“ Die schmächtige Elfe nippte gedankenverloren an ihrem Wasser. „Dann könntest du ihn ja mal fragen, was er immer damit meint wenn er sagt, dass ich es schon wieder mache.“

Ihr Vater sah von seinem Glas auf. „Wenn du was schon wieder machst?“ „JA, DASS WEIß ICH JA EBEN NICHT“, schrie sie dann wütend auf und fuchtelte wild mit den Armen. „Cyn…“, versuchte er sie zu beschwichtigen, „kann es sein, dass du da manches überinterpretierst? Er ist dein Lehrer und du magst ihn offensichtlich, er verhält sich anständig und kümmert sich um dich. Ich will dir nichts vormachen, aber von meinem Sold könnte ich dir eine Ausbildung nicht finanzieren. Also kann er doch nicht so falsch sein?“ Er trank nach diesem Bekenntnis sein Glas mit einem Zug aus.

Die kleine Elfe sah ihren Vater überrascht an. „Solche Worte hätte ich von dir nie erwartet“, murmelte sie. „Ich auch nicht…glaub mir, ich auch nicht“, gab er leise knurrend zurück und setzte dann die Flasche direkt an. „Versuch doch einfach einen Mittelweg zu finden“, sprach er weiter. „Bei dir ist immer alles wunderbar oder eben ganz schrecklich. Es gibt so viele Möglichkeiten dazwischen. Jemand ist nicht nur gut oder böse. Man kann auch beides sein…sieh mich an“, lachte er leise. „Nimm die Leute einfach so wie sie sind, und nicht nur so wie du sie gerne hättest.“

Die kleine Elfe starrte nachdenklich vor sich hin. „Das ist nicht leicht.“ „Nein“, antwortete ihr Vater, „leicht ist es nie.“


~ …Vater sein dagegen sehr ~

„Wer kommt denn jetzt noch?“ Cyntall sah ihren Vater fragend an und erhob sich um nach unten zu gehen und die Tür zu öffnen. „Magister Blutnebel“, rief sie erstaunt aus, sah den alten Magister jedoch recht teilnahmslos an. „Kleines Flämmchen“, erwiderte er fröhlich, trat dann aber nach kurzem Stirnrunzeln ein. „Vater ist oben“, sagte die kleine Elfe und deutete mit der Hand die Treppe hinauf. Cyntall drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Der alte Magister blieb recht konsterniert stehen, entschied sich aber doch der jungen Elfe zu folgen.

Im ersten Stock blieb er kurz stehen und sah die schmächtige Elfe in der Küche sitzen und lesen. Nachdenklich ging er weiter. „Da bist du ja endlich“, empfing ihn sein Freund recht ungeduldig, jedoch mit gedämpfter Stimme. „Was zur Sonne ist eigentlich los? Du bestellst mich zu dieser Stunde…und warum flüsterst du? Der alte Magister runzelte erneut die Stirn. „Sprich bitte leise, Nufen. Sie..“, Cyntalls Vater deutete nach unten, „…muss nicht wissen, dass ich dich ihretwegen hergebeten habe.“ „Ihretwegen?“ Der alte Magister schaute seinen Freund irritiert an. „Du hast sie doch gesehen…“, erwiderte Cyntalls Vater und schenkte seinem Freund und sich Wein ein. „Sie wird immer weniger und sie spricht nicht mit mir. Ich mache mir Sorgen“, fuhr er weiter fort und trank dann einen großen Schluck. „Du bist doch einer der Wenigen, die manchmal noch zu ihr durchdringen wenn sie so ist.“

Der alte Magister nahm nachdenklich sein Glas auf und trank ebenfalls einen Schluck. Sicher hatte er sie gesehen. Sie sah fürchterlich aus, aber die kleine Elfe hatte noch nie wie das blühende Leben ausgesehen. „Wenn sie wie ist, Marla?“ Er sah seinen Freund fragend an.

„Erinnerst du dich an die Zeiten, wo sie nicht unter ihrem Küchenwagen hervorzuholen war? Sie nichts aß und kaum sprach? Sich völlig zurückgezogen hatte?“ Der alte Magister nickte. Sicher erinnerte er sich an diese Zeiten. Es hatte sie immer mal wieder in den letzten Jahrzehnten gegeben. Meist, wenn etwas eingetreten war, mit dem die Tochter seines Freundes nicht klar kam oder nach einem Streit mit ihrem Vater.
„Ihr hattet wieder Streit?“ Er sah Cyntalls Vater ärgerlich an. „Nein“, gab dieser knurrend zurück. Und das „wieder“ verbitte ich mir….Ich hab keine Ahnung, was sie hat. Ich habe sogar mit ihrem Magister gesprochen.“

Der alte Magister sah fragend auf. „Naja, das war nicht meine stärkste Idee“, fuhr Cyntalls Vater mit betrübtem Gesichtsausdruck fort. „Also wenn du mal dein Glück bei ihr versuchen könntest“, bat er seinen Freund. „Ich kann es versuchen…“, antwortete der alte Magister zögerlich. „Wunderbar“, entgegnete Cyntalls Vater und rief dann laut nach unten. „Cyn?“

Beide hörten ein Rascheln und dann erschien Cyntall mit fragendem Blick. „Ich muss nochmal los. Würdest du Nufen Gesellschaft leisten, bis ich wieder da bin?“ „Sicher“, erwiderte die kleine Elfe und setzte sich mit ihrem Buch, dass sie bei sich trug auf eines der Kissen. Nachdem sein Freund gegangen war, wartete der Magister noch eine Weile und sah Cyntall beim Lesen zu. Nachdem sie sich nicht weiter rührte, begann er ein scheinbar oberflächliches Gespräch.

„Was liest du denn da?“ Cyntall schaute kurz auf. „Etwas über Illusionen“, sagte sie recht knapp und vertiefte sich wieder in ihr Buch. „Illusionen? Wie schön, mein Lieblingsbereich“, fuhr der alte Magister im vergnügten Plauderton fort und ließ sich durch ihre abweisende Art nicht weiter stören. „Und was darüber genau?“ Die kleine Elfe legte ihren Zeigefinger auf die Stelle im Buch an der sie war und sah erneut auf. „Ich versuche einen Schmetterling zum Fliegen zu bringen. So richtig mit Flügelschlag.“ Bevor sich die kleine Elfe wieder ihrem Buch widmen konnte, fuhr der alte Magister erstaunt mit dem Gespräch fort. „Sich bewegende Illusionen? Jetzt schon? Wie lange hast du schon Unterricht bei deinem Magister?“ Cyntall murmelte die Antwort vor sich hin und sah ausweichend zum Fenster hinaus. „Bitte? Verzeih, meine Ohren sind nicht mehr so gut…wie war das?“ Der alte Magister lächelte die kleine Elfe an.

„Ein paar Monate“, gab Cyntall dann lauter Auskunft und senkte den Blick wieder in ihr Buch. „Dann musst du erstaunliche Fortschritte machen, wenn das jetzt schon auf dem Programm steht.“ Der alte Magister nickte langsam vor sich hin und betrachtete die kleine Elfe wieder stumm beim Lesen, bis ein Ruck durch den alten Elfen ging.

„So geht das nicht“, sagte er mit energischem Unterton und nahm Cyntall das Buch kurzerhand weg und schlug es zu. Die schmächtige Elfe sah erschrocken auf. „Ich muss lernen“, entgegnete sie vorwurfsvoll. „Nein, musst du nicht“, erwiderte der alte Magister immer noch mit bestimmendem Ton. „Es ist bereits spät am Abend, wenn du etwas machen müsstest, dann dich ausruhen.“ „Wenn ich nicht lerne, dann bekomme ich Ärger“, versuchte Cyntall sich zu verteidigen.

„Von wem?“ Der alte Magister schlug wieder den unverfänglichen Plauderton an. „Von Magister Morgentau?“ Die kleine Elfe versuchte das Buch wieder an sich zu bringen, wagte es jedoch nicht, es unter den Händen des Magisters wegzuziehen. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, fuhr der alte Magister vergnüglich fort. „Meditation und Ruhe nach Übungen ist ein wichtiger und sogar elementarer Teil der Ausbildung. Dagegen kann er nichts haben.“

Die kleine Elfe schob trotzig ihre Unterlippe leicht nach vorn und starrte weiterhin auf das Buch. „Die anderen Adepten üben auch bis spät in die Nacht.“ Der alte Magister sah die schmächtige Elfe immer noch ruhig und leicht lächelnd an. „Andere Adepten haben vielleicht auch eine bessere Konstitution oder ruhen dann vielleicht am Nachmittag.“

„Kann ich bitte mein Buch wiederhaben?“ Cyntall sah ihn bitten an. „Nein“, entgegnete der alte Elf entschieden und legte das Buch seitlich auf den Boden. „Erst wirst du mir deinen Tagesablauf beschreiben.“ „Wieso? Was geht es euch an?“ Die kleine Elfe maulte den alten Magister nun offen an. „Ich kann auch Magister Morgentau darum bitten“, erwiderte der alte Elf nun einen Ton schärfer und er sah, wie die schmächtige Elfe deutlich zusammenzuckte.

„Früh morgens oder spät abends räume ich meist sein Büro auf“, begann Cyntall dann monoton. „Je nach Zeit des Magisters erfolgt dann der Unterricht. In der freien Zeit lerne oder übe ich.“ Der alte Magister nickte langsam. „Und wann ruhst du dich aus?“ Die kleine Elfe wich seinem Blick aus. „Wenn ich schlafe, nachts?“

Der Magister sah die schmächtige Elfe nachdenklich an. Sein Freund hatte Recht. Sie sah wirklich schrecklich aus und die magere Gestalt tat zu den dunklen Ringen unter den geröteten Augen noch ein Übriges. „Nun, wenn ich davon ausgehe, dass du nicht vor Mitternacht ins Bett gehst und schon früh morgens wieder raushüpfst, dann ist das definitiv zu wenig, besonders, wenn du für dich so anspruchsvolle Zauber wirkst. Das musst du ändern.“ Cyntall sah ihn entsetzt an. „Ich muss aber üben…ich muss besser werden…ich darf ihn nicht weiter enttäuschen.“ Die Augen des alten Magisters blitzten kurz auf. „Weiter enttäuschen?“

Die Augen der kleinen Elfe füllten sich mit Wasser. „Ja….er ist doch schon unzufrieden mit mir. Wenn ich weiter Fehler mache…dann…dann“, schluchzte sie leise. „Dann wird er mich rausschmeißen. Das sagen alle, sogar sein Sekretär.“ Cyntall wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. „Deshalb werde ich lernen, soviel es geht und werde alles machen, was er verlangt. Ich werde nicht mehr widersprechen oder Anlass für seinen Ärger sein.“ Sie schüttelte entschieden den Kopf.

„Hat er das denn auch gesagt?“ Der alte Magister schlug wieder einen weicheren Tonfall an. Als die kleine Elfe ihn verständnislos ansah, fuhr er fort. „Na du erzählst mir, was alle anderen sagen…die Adepten wohl oder gar sein Sekretär oder aber was du dir zusammenreimst. Aber was hat er gesagt?“ „Er?“ Cyntall sah ihn leicht irritiert an. „Er muss gar nichts sagen“, fuhr sie fort und starrte wieder auf das Buch.

Der alte Magister seufzte tief und schüttelte den Kopf. Eine Weile herrschte Stille, dann sprach er in ruhigem Ton auf die Elfe ein. „Kleines, ich möchte, dass du die nächste Woche überhaupt nicht zauberst, außer im Unterricht natürlich. Ich möchte, dass du ausreichend isst und dich ausruhst. Von mir aus tobe mit Piri über die Wiesen oder tue etwas, was dich entspannt. Magst du mir das versprechen?“ Cyntall sah ihn entsetzt an. „Nein, das geht nicht. Das würde er nie erlauben.“

Der alte Magister seufzte erneut und trank einen Schluck. „Dann werde ich dem Magister schreiben müssen, dass er sich besser mit der Aufzucht von Katzen beschäftigen sollte, als mit dem Ausbilden von Schülern“, erhob er sich langsam. „NEIN“, schrie Cyntall auf. „Bitte nicht. Ich verspreche es, Magister…ich verspreche es.“ Die kleine Elfe hatte sich an seinen Arm gehängt, um zu verhindern, dass er die Treppe hinunterging. Der alte Magister hob aufmunternd ihr Kinn an. „Abgemacht“, schmunzelte er. „Und ich werde das kontrollieren, Liebes. Und nun werde ich gehen. Dein Vater scheint doch länger zu brauchen.“

Nachdem Cyntall den alten Magister verabschiedet hatte, ging sie wieder nach oben und hob das Buch auf. „Du hast es versprochen“, zischte ihre innere Stimme. Die kleine Elfe nickte, stellte das Buch ins Regal und legte sich dann auf die Kissen.

Magister Blutnebel ging gemächlichen Schrittes zum Gasthaus. Schon vom Eingang aus, sah er seinen Freund in einer Nische sitzen. „Und? Konntest du sie zur Vernunft bringen?“ Cyntalls Vater sah seinen Freund gespannt an. „Sie wird außerhalb des Unterrichtes nicht mehr zaubern für eine Zeit und sie hat mir auch versprochen zu essen“, gab der alte Magister zur Antwort. „Na also“, erwiderte Cyntalls Vater erleichtert, „ich wusste doch, dass sie auf dich hört.“ Der alte Magister schüttelte den Kopf. „Auf mich hören, möchte ich nicht behaupten, Marla. Erst als ich ihr drohte, war sie einverstanden. Sie scheint eine panische Angst zu haben, dass der Magister sie rausschmeißt.“

Cyntalls Vater knurrte nur etwas und trank aus seinem Weinbecher. „Es besteht nicht die Möglichkeit einer Einigung zwischen dir und dem Magister? Eine gute Beziehung zwischen euch würde der Kleinen vielleicht helfen“, sagte der alte Magister uns sah seinen Freund hoffnungsvoll an.

Der Blick von Cyntalls Vater starrte kurz ins Leere, ehe er seinem Freund direkt in die Augen sah. „Weißt du eigentlich, was du da von mir verlangst?“ „Ich verlange von meinem Freund alles zu tun, um seine Tochter glücklich zu machen“, antwortete der alte Magister vergnüglich und grinste dann breit als er sah, wie sein Freund verzweifelt das Gesicht verzog.


~ Tiefe Wunden ~

In Gedanken versunken verließ Cyntall das Büro des Magisters. Sie lief sogar an Piri vorbei, der wie immer vor dem Sonnenzornturm auf sie wartete. Der alte Schreiter versuchte sich bemerkbar zu machen, indem der immer wieder leicht in ihren Rücken stupste, aber die kleine Elfe schien weit weg zu sein. Und als Cyntall die Holztür zu ihrem Turm öffnete, entschädigte sich Piri für die ausgebliebenen Streicheleinheiten und stürmte auf seinen Futtertrog zu.

Als die schmächtige Elfe Gelächter hörte, blieb sie kurz an der unteren Treppe stehen und starrte düster nach oben. Sie ballte beide Hände zu Fäusten und ging dann hinauf. „Da bist du ja endlich, Kleines“, begrüßte sie Magister Blutnebel, der mit ihrem Vater an dem kleinen, runden Tisch saß und offensichtlich ein Würfelspiel spielte, lachend. „Magst du mitspielen?“ Cyntall stand immer noch am Rand der Treppe, die Hände zu Fäusten geballt und den Kopf leicht gesenkt, so dass man ihr Gesicht durch den fallenden Pony nicht erkennen konnte. „Cyn?“ Ihr Vater stand besorgt auf. „Alles in Ordnung?“

Die Stimme der kleinen Elfe war kalt und schneidend. „Wieso musstest du sie bei ihm schlecht machen? WIESO?“ Cyntall schrie das letzte Wort heraus und sah ihn wild an. Das Gesicht ihres Vaters war wie aus Stein gemeißelt, aber der alte Magister, der zwischen beiden hin- und hersah, konnte erkennen, dass sein Freund wusste worüber seine Tochter sprach. „Ich…“, setzte ihr Vater an, wurde aber von der kleinen Elfe sofort unterbrochen, die ihn weiter anschrie. „Sie ist alles wofür ich je gelebt habe, sie ist alles, was mich die Jahre hat überstehen lassen…das wirst du mir nicht nehmen. Du wirst mir meine Erinnerungen an meine Mutter nicht wegnehmen!“

Die Augen der schmächtigen Elfe hatten nun ein dunkles Grün, ja fast Schwarz erreicht. Wie von selbst schien neben ihrer rechten Hand ein Feuerball zu entstehen, den sie mit aller Wucht und einem „NIEMALS, HÖRST DU“, gegen ihren Vater schleuderte. Es war einzig der blitzschnellen Reaktion des alten Kampfmaigers zu verdanken, dass der Feuerball an dem schnell gezauberten Schutzschild verpuffte und nicht die Brust des Elfen traf, der nach wie vor völlig bewegungslos auf seine Tochter starrte.

„CYNTALL“, schrie der alte Magister jetzt ebenfalls. „Was soll das?“ Die kleine Elfe hatte aber bereits auf dem Absatz kehrt gemacht und lief die Treppen nach unten. „Wirst du sofort wieder herkom….“, rief der Magister ihr hinterher, wurde aber von einem „Lass sie, Nufen“, von seinem Freund unterbrochen.

„BITTE?“ Der alte Magister war immer noch aufgebracht. „Sie lassen? Das ist kein Benehmen! Das muss bestraft werden! Sie hat dich angegriffen und der Feuerball hatte durchaus Kraft.“ „Sie hatte Grund dazu?“ Cyntalls Vater blieb erstaunlich ruhig und ließ sich wieder an dem kleinen Tisch nieder. Nufen kannte seinen Freund lange genug. Er versuchte sich so gut es ging zu beruhigen und setzte sich ebenfalls wieder. „Was hast du angestellt? Nicht, dass etwas diese Aktion von ihr rechtfertigen würde, aber was war es?“

Cyntalls Vater lächelte bitter und schenkte sich sein Weinglas wieder voll. „Ich mache denselben Fehler scheinbar immer und immer wieder“, bemerkte er trocken. „Und welcher wäre dies?“ Der alte Magister war immer noch verärgert. „Leuten aus deiner Kaste zu vertrauen?“ „Ach, jetzt komm mir nicht mit deiner Abneigung gegen Magister“, winkte der alte Magister ab. „Cyn hat noch nie einer Fliege etwas zuleide getan und nun greift sie dich an und hätte dich ernsthaft verletzen können?“ „Du weißt doch wie sie austickt, wenn es um ihre Mutter geht“, antwortete Cyntalls Vater. „Ich habe, bei dem Gespräch mit diesem Morgentau neulich, ihm gegenüber wohl angedeutet, dass ihre Mutter nicht die Heilige war, für die sie sie hält“, fuhr er aufgrund des fragenden Blickes seines Freundes fort. „Ja und?“ Der alte Magister schenkte sich ebenfalls Wein nach. Cyntalls Vater seufzte leicht. „Nun, ich nehme an er hat ihr davon erzählt.“ „Wieso erzählst du diesem Morgentau davon? Du weißt doch wie empfindlich sie bei diesem Thema ist“, entgegnete Nufen ärgerlich.

Von unten war das leise Weinen der kleinen Elfe zu hören. „Vielleicht hat er mir damit sogar einen Gefallen getan“, sagte Cyntalls Vater, nachdem er eine Weile in sein Weinglas gestarrt hatte. Er erhob sich und öffnete eine Truhe, die neben den Schlafkissen stand. Aus einem Kästchen holte er einen Brief und schmiss ihn auf den Tisch. Der alte Magister wurde blasser. „Das kann nicht dein ernst sein, Marla. Nicht nach so langer Zeit.“ Cyntalls Vater setzte sich wieder, trank einen großen Schluck und atmete dann tief aus.

„Ich bin müde, Nufen“, sagte er mit matter Stimme, „ich kämpfe nun seit über vierzig Jahren gegen die Erinnerungen an eine Tote an und ich kann diesen Kampf nicht gewinnen.“ Der alte Magister wiegte den Kopf abwägend hin und her. „Wenn du ihr diesen Brief gibst, dann kann alles passieren, dass ist dir hoffentlich klar, Marla.“ „Ja, das ist mir durchaus bewusst, aber es wird Zeit…höchste Zeit.“

Der alte Magister und Cyntalls Vater saßen noch eine Weile schweigend da und starrten beide auf den Brief, der immer noch unschuldig auf dem Tisch lag. Von unten war immer wieder ein Weinen oder ein Schluchzen zu hören, zusammen mit dem leisen Scharren und Schnauben der Tiere, die einzigen Geräusche. Dann erhob sich Cyntalls Vater, griff entschlossen nach dem Brief und stieg die Treppe hinunter.

Am unteren Absatz der Steintreppe, die ganz nach unten führte, blieb er stehen. Er sah seine Tochter ganz an der Wand unterhalb von Piris Kopf sitzen, die Beine angewinkelt und die Arme drum herum geschlungen. Ihr Kopf tief vergraben, weinte sie still vor sich hin. Cyntalls Vater trat näher und trieb mit einem leichten Klatscher Amriel, seinen kräftigen Schreiter, beiseite, dann setzte er sich neben sie. Der alte Magister war seinem Freund gefolgt und beobachtete von der Steintreppe aus. Da aber keine weiteren Feuerbälle flogen, ging er wieder nach oben.

Cyntall sah kurz auf, zischte etwas und rutschte etwas weiter weg. Ihr Vater ließ sie gewähren und wartete stumm neben ihr ab. Nach einer für ihn gefühlten Ewigkeit hob seine Tochter endlich den Kopf und wischte sich das Gesicht mit den Ärmeln ab. „Egal was du sagst, ich glaube dir kein Wort“, schleuderte sie ihm kalt entgegen und er sah tatsächlich aufrichtigen Hass in ihren Augen. Er lächelte schmal.

„Ich werde gar nichts sagen“, entgegnete er mit leicht brüchiger Stimme. „Ich möchte dir nur etwas geben.“ Die kleine Elfe sah ihn fragend an, worauf er ihr wortlos den Brief reichte. „Was ist das?“ Cyntall machte keine Anstalten den Brief zu nehmen. „Das ist ein Schreiben von deiner Mutter an mich, kurz bevor sie starb“, entgegnete er so ruhig wie möglich, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme leicht zitterte.

Die kleine Elfe schniefte hörbar und griff nach dem Brief. Langsam und bedächtig drehte sie ihn hin und her. „Was steht da drinnen?“ In ihrer Stimme schwang nun auch eine Portion Angst mit. „Lies ihn einfach….er wird dir einiges erklären, aber auch weitere Fragen aufwerfen. Ich werde sie dir alle beantworten, wenn du denn magst.“ Cyntall starrte nachdenklich auf den Brief, dann schmiss sie ihn kurzerhand beiseite.

„Und wenn ich gar nicht wissen will was darin steht?“ Ihr Vater zuckte mit den Schultern und erhob sich wieder. „Kein Elf ist perfekt, Cyni“, sagte er leise. „Gestehe mir und vor allem auch deiner Mutter Fehler zu. Keiner von uns hat sie mit der Absicht gemacht dich zu verletzen, aber sie sind passiert.“ Ihr Vater deutete auf den Brief, der achtlos im Stroh lag. „Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, sich Dingen zu stellen, die einem unangenehm sind. Man muss sie akzeptieren und einfach…einfach weiterleben.“ Er drehte sich um und ging die Steintreppe wieder hoch. „Vater?“ Die kleine Elfe rief ihm leise hinterher und er blieb auf halber Höhe stehen und drehte sich nochmals um. „Ich bin froh, dass Magister Blutnebel da war, um schlimmeres zu verhindern.“ Ihr Vater nickte knapp. „Vergiss es. Es war nicht der erste und wird nicht der letzte Feuerball sein, der in meine Richtung fliegt.“


~ Familie ~

Cyntall lief schnellen Schrittes vom Sonnenzornturm in Richtung ihrer Wohnung. „Endlich wieder daheim“, dachte sie. Piri wurde recht streng hinterher gezogen, da der alte Schreiter in seine gemächliche Gangart verfallen war. Das Gezerre der kleinen Elfe wurde mit empörten Krächzern quittiert.

Shattrath war recht nett gewesen, aber irgendwie hatte sie sich mit dieser Stadt und seinen Bewohnern nicht anfreunden können. Und mit dem Magister war es auch irgendwie nicht günstig verlaufen. „Ich mache immer alles falsch“, murmelte sie vor sich hin. Deshalb wollte sie sich auch gleich nach der Ankunft zurückziehen. Sie hatte genau gemerkt, dass der Magister nicht gut auf sie zu sprechen war. Da war Abstand besser. Aber dann hatten sie diese entsetzliche Nachricht bekommen. „Der arme Herr Arkanist“, dachte Cyntall, „ob er jetzt auch sterben musste, so wie die Elfe?“

Der Magister war ganz schön geschockt gewesen. Da konnte sie ihn doch nicht allein lassen. Und so richtig böse war er auch nicht auf sie gewesen, wie die kleine Elfe dann bemerkt hat. Sonst hätte er sie weggeschickt und nicht mitgenommen. „Das war höchstens eine Vier“, murmelte Cyntall, die begonnen hatte die Stimmungslage des Magisters zahlenmäßig einzustufen.

Die schmächtige Elfe rannte fast durch die kleinen und verwinkelten Gassen, die zu ihrer Heimstätte führten und als sie an den kleinen Platz kam blieb sie abrupt stehen. Die Tür ihres Turmes war geöffnet und sie kannte die zwei Elfen davor. Auf einer kleinen Bank saß Magister Blutnebel. Cyntall wunderte sich nur kurz über die Bank, dann schweifte ihr Blick weiter zum zweiten Elfen. Ihr Vater stand lässig angelehnt im Türrahmen. Mit einem Weinglas in der Hand schien er sich mit dem Magister zu unterhalten und wendete, aufgrund eines Nickens seitens des Magisters in ihre Richtung, nun den Kopf. Cyntall sah, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl und wie er ihr in seiner gewohnten Art leicht zuzwinkerte.

Da hielt die kleine Elfe nichts mehr. Sie ließ die Trense von Piri los und stürmte voran. Der Kloß, den sie die ganze Rückreise über im Hals gehabt hatte, schien sich zu lösen, und obwohl sie nicht weinen wollte, liefen ihr die Tränen nur so übers Gesicht. Sie warf sich mit Schwung an die Brust ihres Vaters, der doch etwas erschrocken versuchte den Inhalt seines Weinglases zu retten und ihr dann etwas unbeholfen über den Rücken fuhr.

„Na, na“, versuchte er seine Tochter zu beruhigen. „Ich möchte mal erleben, dass du nicht weinst, wenn du von dem Kerl kommst“, fügte er dann in einem ärgerlichen Ton hinzu. Cyntall löste sich von ihrem Vater und lachte beide Elfen an. „Nein“, wischte sie sich die Tränen vom Gesicht, „es ist nicht wegen dem Magister. Ich freu mich nur so. Freu mich wieder zuhause zu sein…bei meiner Familie.“ Die kleine Elfe strahlte und gab ihrem Vater, sowie dem alten Magister einen stürmischen Kuss auf die Wange. „Ich bin gleich wieder da“, deutete sie auf ihren Rucksack und rannte die Treppe hinauf.

Ihr Vater blickte ihr konsterniert nach. „Ich werde dieses Kind nie verstehen“, murmelte er vor sich hin, aber sein Freund schmunzelte nur. „Sie hat mich zum ersten Mal „Familie“ genannt“, lächelte er stolz. „Du bestichst sie ja auch mit Roben“, entgegnete Cyntalls Vater sarkastisch. „Lass mich doch“, sagte der alte Magister, „ich hab doch sonst niemanden, den ich verwöhnen könnte. Die Kleine ist doch wie eine Enkeltochter für mich.“

Aus dem Turm war ein Aufschrei zu hören und dann ein Gepolter, als die kleine Elfe die Treppen wieder herunterstürmte. „Ich hab ein Bett? Und Teppiche? Und Wandbehänge?“ Cyntall trat aufgeregt wieder zu den beiden Elfen. „Nufen hat seine gestalterische Ader ausgelebt“, erklärte ihr Vater und deutete mit dem Daumen und einem schiefen Grinsen auf den alten Magister. „Es geht doch nicht, dass eine Schülerin der arkanen Künste im Stroh schläft“, schmunzelte dieser. „Es ist wunderschön“, entgegnete Cyntall begeistert. „Vielen Dank, Magister Blutnebel…vielen, vielen Dank.“

„Dann…war es also schön in Shattrath?“ Cyntalls Vater hakte nun doch nochmal nach um sich zu vergewissern, dass die Tränen wirklich nur Freude ausdrücken sollten. Die schmächtige Elfe nickte entschieden. „Ja, ich hab viel gesehen…und viel gelernt. Über Magie…Illusion und sogar Transmutation“, erzählte sie lachend. „Und dann die verschiedenen Kulturen“, schwärmte Cyntall den beiden Elfen vor. „Da waren diese riesigen Elekks, aber ich konnte leider auf keinem reiten….und die riesigen Reitvögel, von denen mir die edle Dame erzählt hat, aber die waren nicht da, dann waren wir in den Marschen, bei ganz komischen Wesen…und dann…“ Cyntall erzählte und erzählte und die Zeit verging wie im Fluge.

„….und die edle Dame ist noch dort geblieben…und stellt euch vor es gibt wieder einen Spinnenfall.“ Cyntall erzählte von dem Vorfall im Sonnenzornturm und ihr Vater wie auch der alte Magister sahen sie ernst an. „Aber am Wichtigsten ist die Familie“, endete die kleine Elfe, „das hab ich nun verstanden. Nur der Familie kann man ganz vertrauen…nur die Familie ist immer für einen da.“ Obwohl Cyntall mit geröteten Wangen und strahlenden Augen berichtet hatte, wurde sie nun ernst und in ihrem Tonfall lag ein Hauch von Traurigkeit.

Cyntalls Vater zog eine Augenbraue nach oben und tauschte einen bedeutungsvollen Blick mit seinem alten Freund aus. „Alles in Ordnung, Kleines?“ Der alte Magister sah sie liebevoll an. „Ja“, erwiderte die kleine Elfe nach einem Räuspern, „nun ist alles in Ordnung.“ Ein kurzes Schweigen folgte und dann lief Cyntall wieder nach oben um das Abendbrot zu machen.

Ihr Vater sah seinen Freund fragend an. „Was hältst du davon, Nufen?“ Der alte Magister seufzte leicht und zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen, Marla. Du kennst sie doch. Entweder war es wirklich eine schöne Reise oder aber sie war furchtbar und sie redet sich wieder was ein um es zu verdrängen.“ Cyntalls Vater nickte leicht, leerte sein Weinglas und starrte dann versunken vor sich hin. „Familie.“ Das Wort durchzuckte seine Gedanken. Sie waren nie eine Familie gewesen. Sicher, er war ihr Vater, aber ein Familienleben im herkömmlichen Sinne hatten sie nie geführt, nicht einmal als ihre Mutter noch lebte. Sie wusste doch gar nicht was das war, konnte es nicht wissen. Er kannte sie. Wenn sie sich so in etwas verbiss, dann lag irgendetwas im Argen.

„Ich werde mit ihr reden“, murmelte er, mehr zu sich selbst, vor sich hin. Sein alter Freund, der wohl ähnlichen Gedanken nachgehangen war, nickte. „Das wird nötig sein“, stimmte er zu. Dann schwiegen die beiden Elfen wieder und genossen die letzten Sonnenstrahlen, bis durch den Körper von Cyntalls Vater ein Ruck ging. „Lass uns reingehen….mein Wein ist alle.“


~ Wahrheiten ~

Cyntall hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Immer noch liefen Tränen aus den nun völlig verquollenen Augen. Sie malte irgendwelche sinnlosen Linien und Muster mit dem Finger an die Wand. Ihre Gedanken rasten. Das konnte doch nicht stimmen. Auf keinen Fall. Sie hätte doch bemerkt, wenn sie jemand so getäuscht hätte. Hatte sie sich selbst belogen? Und warum jetzt? Warum nicht gleich? Wieso musste sie es erst jetzt erfahren…und dann noch nicht mal von ihm. Er spielte den liebenden Vater und überließ die unangenehmen Sachen dem Magister. Hatte er gehofft, sie überwarf sich deswegen mit ihrem Lehrer? War das seine Absicht gewesen? Wem sollte sie denn nun noch vertrauen?

Die kleine Elfe lauschte in die Dunkelheit des Büros, leicht hob sie den Kopf und spähte zur Nische hinüber, aber sie konnte keine regelmäßigen Atemgeräusche vernehmen. „Er ist noch wach“, fuhr es ihr durch den Kopf. Cyntall wunderte sich nicht darüber. Er hatte schließlich auch genug Probleme. „Und du bist dabei nicht hilfreich“, flüsterte ihr ihre innere Stimme zu.

Die schmächtige Elfe schob ihre Unterlippe leicht vor und puhlte an der kleinen Mörtelkante, die sie an der Wand gefunden hatte, herum. Nein, sie war nicht hilfreich. Niemand brauchte sie wirklich. Niemand hatte sie je wirklich gebraucht. „Anhängsel, ich war immer nur ein Anhängsel“, dachte sie. Einzig ihre Mutter hatte sie verstanden, einzig mit ihrer Mutter konnte sie sprechen, einzig ihre Mutter hatte ihr Trost gegeben. Sie war immer da gewesen. Ob sie nun unter ihrem Küchenwagen gelegen hatte und die Holzbohlen angestarrt oder ob sie in die Sterne geschaut hatte, hoch am Himmel. Sie war immer für sie da gewesen. Und das sollte sie sich alles eingebildet haben? „Wäre ich doch nur damals verbrannt“, überlegte sie düster, „dann müsste sich niemand mehr um mich kümmern…dann würde ich niemanden mehr zur Last fallen…dann wären alle von mir befreit.“

Cyntall hörte wie ein Schlüssel im Schoß herumgedreht wurde und die Zofe eintrat um die morgendlichen Aufräumarbeiten zu erledigen. Überrascht sah sie, wie die kleine Elfe sich von der Liege erhob und als sie etwas sagen wollte, hob Cyntall nur den Finger an den Mund und deutete mit einem „psssst“ in Richtung der Nische. Die Zofe nickte nur knapp, warf ihr einen besorgten Blick zu und flüsterte: „Ihr solltet nicht so viel arbeiten, Adeptin. Ihr seht furchtbar aus.“ Verständnislos schüttelte sie ihren Kopf, fuhr aber dann mit ihrer Arbeit fort. Die kleine Elfe nutzte die Gelegenheit und huschte aus dem magisterlichen Büro.

Auf dem Weg nach draußen vermied sie es so gut es ging, den Angestellten und Wachen des Sonnenzornturms in die Augen zu schauen. Mit tief gesenktem Kopf schlich sie durch die Gänge, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass einige der Elfen ihr besorgte Blicke zuwarfen, einige sie sogar ansprachen ob alles in Ordnung sei. Cyntall erwiderte nichts, huschte nur schnell weiter. „Nur raus hier…nur schnell weg.“ Dann stand sie auf dem Sonnenhof und blinzelte durch ihre geschwollenen Augen in die Sonne. Es war noch früh…sehr früh. Silbermond war noch nicht erwacht. Unschlüssig lief sie in Richtung ihres Turms, stoppte allerdings kurz vor dem kleinen Platz. Ihr Drang zu Piri zu gehen, Piri alles zu erzählen war groß, allerdings war ER dann bestimmt auch da. Und Cyntall fühlte sich noch nicht bereit ihm gegenüber zu treten. Also machte sie kehrt und verließ Silbermond. Sie hatte keine bestimmte Richtung. Sie ging einfach, lief immer weiter, bis das Meer ihr Einhalt gebot. Ungeachtet ihrer Robe lief sie ein Stück ins Wasser hinein. Kälte umfing sie. Die kühlen Wellen schlugen gegen ihren Körper und sie hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten. „Und wenn ich mich jetzt einfach fallen lasse? Wenn ich einfach verschwinde? Dann fall ich niemanden mehr zur Last. Wer wird mich schon vermissen?“

Cyntall überlegte und ging die Elfen durch, die sie kannte. „Wahrscheinlich niemand“, flüsterte sie in den Wind. Die Tränen liefen wieder über ihr Gesicht und bei der nächsten Welle wehrte sie sich nicht mehr. Der Sog des Wassers zog ihr die Füße weg und das Meer hatte leichtes Spiel. Sog ihre Kleidung voll und drückte sie unbarmherzig in die Tiefe. „Es ist gar nicht kalt“, dachte sie, „es ist klar…klar und rein…ohne Falschheit.“ Die kleine Elfe starrte mit offenen Augen in die grünliche Umgebung. Sie sah einen Krebs und kleine Fische, die munter ihre Kreise zogen. „Ob Piri mich vermissen wird?“ Cyntall schüttelte den Kopf. „Er ist ein Schreiter…läuft dem nach, der ihn füttert. Zuneigung und Liebe gibt es doch gar nicht…alles erlogen. Was hab ich mir ein Leben lang nur eingebildet.“

Die letzte Luftblase stieg vor ihren Augen auf, der Druck auf ihren Brustkorb wurde größer. „Was ist denn nun mit meinem Traum?“ Plötzlich erschien der Magister vor ihr. Er hatte sie in den Arm genommen, hatte versucht sie zu trösten und die kleine Elfe wusste, dass ihn das viel Überwindung gekostet hatte. Gefühlsmäßig gehörte er ja eher zu den Minimalisten. „Er hat sich überwunden“, flüsterte ihre innere Stimme, „denk nach…denk genau nach…warum hat er sich überwunden?“ Cyntall fiel es immer schwerer klare Gedanken zu fassen. Immer dunkler wurde es vor ihren Augen. „Ich weiß es nicht“, zischte sie zurück, „weil es die Konventionen so vorgeben? Weil man jemanden nun mal tröstet, der traurig ist?“ „Glaubst du wirklich, dass er so ein Elf ist? Glaubst du wirklich er würde jeden trösten, nur weil er traurig ist? Denk nach…denk…“, gab ihre innere Stimme zurück.

„Nein“, durchzuckte es die kleine Elfe, „niemals würde er so etwas machen.“ Sie hatte seinen Umgang mit anderen Elfen öfters beobachten können. Er war beileibe niemand, der anderen nach dem Mund redete. „Also?“ Wieder flüsterte ihre innere Stimme. „Wieso also hat er sich überwunden?“ Cyntall spürte nichts mehr. Ihr Körper schien schwerelos dahin zu treiben. Sie wollte nicht mehr denken…wollte nichts mehr fühlen…wollte nur noch, dass es vorbei war. „Wieso…?!“

„Weil er mich mag“, antwortete sie ihrer inneren Stimme leise und unsicher. „Weil…weil er… ER wird mich vermissen!“ Die Erkenntnis traf die kleine Elfe wie ein Keulenschlag. Sie bäumte sich gegen die Tiefe und holte Luft. Ihre Lungen füllten sich mit Wasser und fast gleichzeitig machte sich ein stechender Schmerz breit. Sie hustete wild los, verschluckte sich und sah nach oben…sie sah die Sonne. Verzweifelt strampelte sie nach oben. „Er wird mich vermissen“, das war alles an was sie denken konnte. Dieser Satz hämmerte durch ihre Gedanken. Als ihre Arme die Wasseroberfläche durchstießen, versuchte sie erneut einzuatmen, was schwerlich auch gelang. Sie hustete und keuchte eine ganze Weile, bis sie wieder einigermaßen frei atmen konnte. Cyntall sah zum entfernten Strand. Der Sog hatte sie weit rausgetrieben. Aufgrund ihrer mangelhaften Schwimmkünste dauerte es für sie eine gefühlte Ewigkeit, bis sie wieder am Strand ankam. Taumelnd ließ sie sich in den Sand fallen und hustete erneut.

Als der Hustenkrampf etwas nachließ drehte sie sich auf den Rücken und starrte finster in den Himmel. „WIESO“, schrie sie dann urplötzlich los. „WIESO HAST DU MICH SO VERRATEN? Ich…ich habe dich doch geliebt. WIESO? LOS, ANTWORTE MIR GEFÄLLIGST. Das bist du mir schuldig“, wimmerte und schimpfte die kleine Elfe im Wechsel, und weinte dann, bis sie völlig erschöpft war.

Starr und völlig ruhig lag sie eine Zeitlang auf dem Rücken. Ihr Blick schien in weite Ferne gerückt. Nach einer Weile richtete sich Cyntall langsam auf und trottete in die Stadt zurück. „Antworten“, dachte sie, „ich will endlich Antworten haben.“

Als sie wieder in Silbermond eintraf, war es immer noch früh am Morgen. Es schien nicht so viel Zeit vergangen zu sein, wie sie gedacht hatte. Sie öffnete die schwere Holztür ihres Turms, trat zu Piri und lehnte sich müde gegen den alten Schreiter. „Antworten, Piri. Ich brauche Antworten.“ Sie zog den Brief, der in der Robentasche ihr Bad einigermaßen gut überstanden hatte, heraus und öffnete ihn. Mit starrem Blick flog sie nochmals über die leicht verlaufene Tinte. „Antworten“, murmelte sie wieder. „Es wird Zeit.“ Von oben hörte sie keinerlei Geräusch. Schlief ihr Vater noch? Cyntall stieg die Treppen ganz nach oben und blieb am Eingang zum Wohnraum stehen. Tiefe und gleichmäßige Atemzüge konnte sie hören und sie sah im dämmrigen Licht ihren Vater auf den großen Schlafkissen liegen.

„Ich weiß, dass du wach bist“, sagte sie mit tonloser Stimme. Sie kannte ihn. Er hatte sie bestimmt schon gehört, als sie den Turm betreten hatte. „Dann kannst du mir ja erklären, wo du die Nacht über warst“, gab er erstaunlich leise zurück. Ja, die kleine Elfe kannte ihn. Wenn er leise war, zog man sich besser zurück, aber nicht heute. Heute wollte sie Antworten.

„Beim Magister“, versuchte sie mit so fester Stimme wie möglich zu sprechen. Er wandte ihr immer noch den Rücken zu. „Er hat dich die ganze Nacht unterrichtet?“ „Nein“, gab Cyntall zurück, „ich habe dort geschlafen.“ Die kleine Elfe hörte, wie seine Kieferknochen aufeinander malten und sah, wie seine Hand sich zur Faust ballte. Er richtete sich abrupt auf und sah sie an. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von wütend recht schnell in Bestürzung, als er seine Tochter in nasser und dreckiger Robe, die Haare verstrubelt, die Augen aufgequollen und die Tränen sah, die wieder lautlos über die Wangen liefen. „Was zur Sonne hat er dir…“, er brach ab, als er den Brief sah, den seine Tochter in der Hand hielt.

Eine Weile starrten sie sich schweigend an, dann ergriff ihr Vater mit leicht brüchiger Stimme das Wort. „Du hast den Brief also gelesen?“ Cyntall nickte. „Hat der Magister ihn auch gelesen?“ Wieder nickte die kleine Elfe knapp. „Hast du ihn geschrieben?“ Cyntall legte all ihre Hoffnung in diese Frage. Wenn er ihn geschrieben hätte, dann wäre ihre Welt wieder in Ordnung, dann hätte sie noch eine Mutter gehabt, so wie sie sie in Erinnerung hatte, herzlich und liebevoll. Dann wär ihr Leben nicht eine einzige Lüge gewesen.

„Du kennst meine Schrift, Kleines“, entgegnete er und versuchte Wärme und gleichzeitig Festigkeit in seine Stimme zu legen. „Hast du diesen Brief geschrieben“, herrschte sie ihn erneut an. Ihr Vater schüttelte schweigend den Kopf. „Ich…ich verstehe es nicht…warum…warum hast du mir nie etwas gesagt?“ Ihr Vater wandte sich ab, ging zum Fenster und starrte hinaus. „Jetzt ist es soweit“, dachte er, „Jetzt holen mich meine Fehler ein. Fehler, für die ich nicht einmal alleine verantwortlich bin.“ Er atmete tief ein und aus. Er kannte seine Tochter. Ein falsches Wort und er würde sie verlieren.

„Ich habe es dir gesagt…mehrfach“, begann er dann leise. „Du wolltest es nie hören.“ Er blickte kurz über die Schulter, da seine Tochter allerdings ganz ruhig dastand, fuhr er fort. „Wenn deine Mutter nicht gestorben wäre, dann würdest du schon seit vierzig Jahren wissen, was sie für ein Mistst…“, er bremste sich als er sah, wie sich der Blick seiner Tochter verfinsterte. „…was sie für einen Charakter gehabt hat. Für sie waren andere immer nur Mittel zum Zweck. Sie benutzte sie und warf sie dann weg, wenn sie nicht mehr dienlich waren. Dich, mich und dutzend andere Elfen, sogar ihre Eltern.“ Er drehte sich nun doch wieder um, um die Reaktion seiner Tochter auf diese Worte zu sehen.

Cyntall hörte die Worte wie in Trance. Das Verlangen einfach wegzulaufen war groß, aber sie blieb steif stehen. „Wieso hast du mir diesen Brief erst jetzt gegeben? Dachtest du ich gebe meinen Traum dann endlich auf?“

Ihr Vater kam näher und ließ sich auf eines der Kissen fallen. Der Griff zur Weinflasche war obligatorisch. Er trank einen tiefen Schluck. „Cyn, ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Der Brief kam auch für mich überraschend. Wie oft hatte ich dich seit deiner Geburt gesehen? Sieben, acht Mal? Ich kannte dich doch überhaupt nicht. Hatte keine Erfahrung mit Kindern. Als ich dich dann sah…ein kleines Abbild deiner Mutter. Jede Bewegung von dir…jeder Blick, die Art dich zu artikulieren, erinnerte mich an…“ Ihr Vater brach ab und rang sichtlich nach Fassung. „Erinnerte mich an etwas, das ich vergessen wollte…was ich tief in mir…“ Er atmete hörbar aus und trank dann nochmals einen Schluck, bevor er weitersprach. „Wie auch immer…ich bekam eine Zwanzigjährige vor die Tür gestellt mit Magistrixallüren, deren Mutter gerade gestorben war. Ich…ich hielt es nicht für ratsam dich gleich über deine Mutter aufzuklären. Ich wollte sie einfach vergessen und du warst so unendlich traurig“, fügte er leise hinzu. „Wichtiger war es, dich in meine Welt zu integrieren und zwar so, dass du länger als einen Tag darin überlebst“, erklärte er weiter. „Ich…ich hab versucht dich gegen so etwas zukünftig zu schützen. Ich hab dir beigebracht selbstständig zu denken und deine Meinung zu sagen….selbst zu erkennen, was diese Magister für eine Art haben. Recht von Unrecht zu unterscheiden und gegen alles zu verteidigen.“

Cyntall wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Ja, das hatte er ihr beigebracht. Und genau das war es, was Magister Morgentau teilweise rasend machte. „Wieso dann nicht nach einem Jahr? Wieso hast du mich die ganze Zeit in meiner Traumwelt gelassen?“ Ihr Vater stand auf und schnappte sich eine Decke. Langsam und unsicher näherte er sich seiner Tochter und legte ihr die Decke über die Schultern. „Du holst dir noch den Tod, wenn du weiterhin so nass hier rumstehst“, fügte er an, lächelte aber erfreut, als sie es anstandslos geschehen ließ.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er dann auf ihre Frage und zog sich ein Hemd über, bevor er sich wieder auf das Kissen setzte. „Es war schwierig…es war Krieg…du warst so…so anders als alles was ich bis dato kannte. Du sahst deiner Mutter so ähnlich und du hast mich gehasst…abgrundtief gehasst.“ Er nahm erneut einen großen Schluck. „Ich…ich kam einfach nicht zu dir durch…wollte es vielleicht auch gar nicht.“

Cyntall war selbst erstaunt, wie ruhig sie blieb und wie kühl. „Und warum dann jetzt? Was kümmerte es dich jetzt. Was bringt es dir mir nach so langer Zeit noch so weh zu tun?“ Ihr Vater schluckte schwer, worauf ein weiterer Schluck Wein folgte. „Ich hatte dich endlich groß. Hatte dich durch die Kriege gebracht. Unser Verhältnis war fast als normal anzusehen und dann bist du einfach weggelaufen….und wohin? Wieder zu einem Magister.“

„Dann hast du es aus Rache gemacht?“ Die kleine Elfe sah ihn ungläubig an. „NEIN“, entgegnete er lauter als gewollt, senkte seine Stimme aber wieder als er sah, wie seine Tochter zusammenzuckte, „ich hab es gemacht um dich zu schützen…um dir zu zeigen, dass sie alle gleich sind. Dieser Kerl wird dich genauso enttäuschen, wie sie es getan hat. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen…aber irgendwann bestimmt.“

Cyntall zog die trockene Decke fester um ihren Körper. Ein kleiner See hatte sich bereits unter ihr gebildet. Stetig tropfte das Meerwasser aus ihrer Robe auf den Boden. Sie sah sich wieder unter Wasser schweben, spürte wieder wie die Luft knapper wurde, fühlte ihre Bereitschaft zu gehen. „Du solltest ihm dankbar sein“, sagte sie sehr leise. „Er ist der einzige Grund warum ich noch hier vor dir stehe.“ Ihr Vater sah sie fragend an. „Wie meinst du das?“

Die kleine Elfe lächelte schmal und sah ihn nachdenklich an. Noch nie hatte sie ihn so gesehen. Unsicher und schuldbewusst saß er da. Seine Hand zitterte, als er erneut zur Weinflasche griff. Fahrig und nervös fuhr er sich immer wieder durch die Haare. Ja, sie hatte ihn gehasst…eine lange Zeit über. Aber trotzdem hatte sie sich immer sicher gefühlt, wenn sie wusste, dass er in der Nähe war. Er war immer stark gewesen. Er hatte immer alles geregelt. Seine Größe, seine Kraft und seine Selbstsicherheit hatten ihr immer Halt gegeben. Und nun stellte sie fest, dass das teilweise auch nur Fassade gewesen war…dass auch er seine „Mauern“ hatte, genau wie sie. Ihre Mutter war nicht die Elfe gewesen, die sie in ihr gesehen hatte. Ihre Mutter hatte sie opfern wollen, um gesellschaftlich aufzusteigen. Ihre Mutter hatte ihn kalt und berechnend aufgefordert sie zu „entsorgen“. Hatte ihm sogar gedroht, wenn er sich nicht zurückzog und sie mitnahm. „Familie“, dachte die kleine Elfe bitter, „die Bande sind stärker als alles andere, aber sie schmerzen auch mehr, wenn sie reißen.“

„Cyn? Alles gut?“, fragte er schließlich, als er ihr Schweigen nicht mehr ertrug. Die kleine Elfe blinzelte kurz, und kehrte in die Wirklichkeit zurück. „Nein“, entgegnete sie leise, „nichts ist gut.“


~ Prioritäten ~

Cyntall vermied es zwar so gut es ging Silbermond zu betreten, aber heute ging es nicht anders. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen huschte sie durch das Tor, ging dann zügig die Straßen und Gassen entlang und überquerte, nachdem sie sich sorgsam umgesehen hatte und niemand Bekanntes entdecken konnte, den Königlichen Markt. Eine Querstraße dahinter hatte sie ihr Ziel erreicht. Die kleine Elfe stand vor einem prächtigen Haus mit kleinem Vorgarten, indem die herrlichsten Blumen blühten. Cyntall streifte ihre Kapuze zurück und nahm dann den schweren, goldfarbenen Ring, der die Form eines Falken hatte und mittig an der schweren Holztür angebracht war, auf und klopfte. Es dauerte nicht allzu lange und ein ältlicher Elf in Dieneruniform öffnete ihr mit einem „Ja, bitte?“ „Ich möchte Lady Rasariel sprechen“, antwortete Cyntall in recht kühlem und bestimmendem Ton. „Und wen darf ich melden?“ Der Diener sah sie weiter fragend an. „Cyntall, sagt ihr Cyntall möchte sie sprechen“, entgegnete die kleine Elfe und fügte ihrem Ton eine Spur Ungeduld hinzu. „Cyntall wer?“ Der Diener zog das letzte Wort gekünstelt in die Länge. „Lady Rasariel kennt mich, und nun meldet mich unverzüglich an.“ Der entschlossene Ton ließ keine weitere Fragerei des Dieners mehr zu. Mit einem „Sehr wohl, Miss…wenn ihr bitte eintreten und im Salon warten wollt“, zog er sich zurück. Cyntall streifte, als sie in die Eingangshalle eintrat, ihren Umhang ab und legte ihn über einen der Stühle, dann betrat sie den Salon.

„Cyni? Bist du das wirklich?“ Eine schwarzhaarige, junge Elfe betrat den Raum und kam strahlend näher. Cyntall erwiderte das Lächeln. Sie hatte die Adeptin schon gemocht, als sie noch beim Arkaneum gewesen war. Obwohl sie auf ihre Arkanistenprüfung hin übte, hatte sie immer ein offenes Ohr für die kleine Elfe gehabt. Und für den Maskenball hatte sie ihr sogar eine ihrer Roben geliehen. „Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Belegt dich der Morgentau mit so viel Arbeit, dass du es nicht mal mehr zum See schaffst?“ Cyntall stutze kurz. „Konnte es sein, dass es sich noch nicht rumgesprochen hatte?“ Sie ging zu einem entschuldigenden Grinsen über und entgegnete ausweichend. „Nun ja, es gibt immer etwas zu lernen, nicht?“ Rasariel lachte auf, dann aber glitt ihr Blick über die Gestalt der kleinen Elfe. „Du hast dich verändert! Du bist nicht mehr so mager und…und deine Haare…sie sind weiß und länger.“ Die Adeptin umrundete die kleine Elfe mit gespieltem Erstaunen. „Es sieht…interessant aus“, entgegnete sie dann und nur kurz spiegelte ihr Gesichtsausdruck Sorge wieder. „Aber ich freue mich, dass du mich besuchst.“

„Ja, ich…ich wollte dich um etwas bitten“, fing Cyntall zögerlich an. „Dachte ich es mir doch“, lachte Rasariel erneut, „du kommst immer noch ohne Umschweife zum Punkt. Tee?“ Die schwarzhaarige Elfe deutete nun auf ein Hausmädchen, das in diesem Moment den Raum mit einem Tablett betrat. Cyntall überlegte kurz. Eigentlich wollte sie keinen Tee, eigentlich wollte sie nur ihr Anliegen vorbringen und dann wieder verschwinden, aber sie entschied sich dann doch für ein „sehr gerne“ und ein überaus erfreutes Lächeln. Landmann hatte gesagt, sie müsse diplomatisch sein. Die Maske der Freundschaft war eine der hilfreichsten. Es dauerte eine Weile, bis das Hausmädchen die Tassen, Kannen, Döschen und den Teller mit kleinem Gebäck abgestellt und den Tee eingeschenkt hatte. Rasariel schnatterte die ganze Zeit über und erzählte der kleinen Elfe den üblichen Silbermonder Klatsch und Tratsch, der für sie so wichtig schien und der Cyntall so gar nicht interessierte. Trotzdem nickte sie gewichtig zu den Themen, hob an entsprechenden Stellen entrüstet oder erstaunt eine Braue und ließ ab und an passend ein „wirklich?“, „was du nicht sagst“ und „das gibt’s doch gar nicht!“ einfließen. Als das Hausmädchen verschwunden war, endete Rasariel abrupt mit dem Geschnatter. „Also, was kann ich für dich tun“, wechselte sie unvermittelt das Thema und lächelte die kleine Elfe auffordernd an.

„Ich…ich hab hier eine Liste für dich“, begann Cyntall. „Ich bräuchte diese Bücher, natürlich nur leihweise. Hast du sie eventuell? Ich passe auch gut darauf auf.“ Die Adeptin nahm den Zettel entgegen und überflog die Titel. „Hui, das ist aber schwere Kost“, murmelte sie mehr vor sich hin und entgegnete dann lauter „bist du denn schon so weit? Da sind Sachen dabei, die hab noch nicht mal ich im Unterricht gehabt.“ „Ich…ich mache gute Fortschritte, ja“, erwiderte Cyntall und nickte bekräftigend. Es gelang ihr sogar einen selbstsicheren Ton anzuschlagen und erneut ein zuversichtliches Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Rasariel wiegte überlegend den Kopf. „Und warum besorgst du dir die nicht in der großen Bibliothek des Sonnenzornturms?“

Das Lächeln der kleinen Elfe gefror. „Jetzt hat sie mich“, dachte sie. Cyntall hatte mit dieser Frage nicht gerechnet. Sie war davon ausgegangen, dass alle wussten, dass sie nicht mehr im Sonnenzornturm war. „Wie blöd bist du denn wieder?“, schimpfte sie innerlich mit sich selbst. „Hör endlich auf zu denken, dass sich hier irgendjemand für dich interessiert.“ Alles was ihr auf die Schnelle einfiel war recht dünn. Egal, es würde reichen müssen. „Nun, weil…ich…ich…es sind“, stotterte sie dann doch recht unbeholfen, „es sind die meisten ausgeliehen und ich müsste sie anfordern oder warten…und…und es ist doch recht eilig, daher dachte ich…“ Rasariel hätte wohl bei jedem anderen Zweifel bekommen, aber die kleine Elfe war schon immer etwas verschroben gewesen und wie sie jetzt so vor sich hin stammelte, tat sie ihr auch irgendwie leid. „Na gut“, lächelte sie, „ich werde sehen, was wir in unserer Bibliothek davon haben. Ich bringe sie dir dann nach Hause?“ „Nein“, rief Cyntall lauter als gewollt aus. „Ich meine nein, das ist nicht nötig“, schraubte sie ihre Stimme etwas runter und legte wieder etwas Selbstsicherheit hinein. „Ich kann sie abholen oder wir treffen uns? Am Brunnen auf dem Markt vielleicht? Morgen gegen Mittag? Ginge das?“ Rasariels Blick flog nochmals über die Liste, schließlich nickte sie. „Ja, morgen Mittag ginge.“ Die kleine Elfe nippte erfreut an ihrem Tee und strahlte die Adeptin an. „Aber nur unter einer Bedingung“, rief Rasariel dann. Cyntall blickte auf. „Ja?“ Rasariel lachte, als sie den ängstlichen Blick auffing. „Nichts Schlimmes, keine Angst. Aber du kommst mal wieder zum See? Die Anderen haben sich auch schon gefragt wo du steckst.“ Cyntall überlegte kurz. Sie hatte wenig Lust mit den anderen Adepten am See abzuhängen, über das Studium zu lamentieren oder über Lehrer zu lästern, aber andererseits waren Kontakte auch wichtig. Sie waren sogar das A und O, hatte Landmann gesagt. Rasariel und die anderen Adepten konnten noch hilfreich sein, besonders jetzt, wo sie alleine da stand, daher nickte sie. Rasariel nahm dann wieder das Thema „Klatsch und Tratsch“ auf und so erfuhr die kleine Elfe so manches, was sich in ihrer Abwesenheit ereignet hatte.

Recht spät am Nachmittag machte sich Cyntall dann wieder auf und verließ Silbermond. Am kleinen Tümpel vor der Stadt blieb sie kurz stehen und starrte ins Wasser. „Das war doch recht leicht gewesen“, dachte sie. „Leicht? LEICHT?“ Ihre innere Stimme war schon eine ganze Weile am Toben. „Du hast sie belogen, sie absichtlich getäuscht“, schimpfte ihre Stimme weiter. „Sei still“, zischte Cyntall zurück und ihr Blick schweifte düster ins trübe Wasser. Sie wollte es nicht hören. Sie hatte es ja mit Ehrlichkeit und Freundlichkeit versucht, aber damit kam man nicht weiter. Das hatte sie jetzt verstanden.

Ihr ganzes Leben hatten sie Elfen betrogen und belogen. Angefangen über ihre Mutter, bis hin zu ihrem Vater, aber sie war trotzdem immer ehrlich und freundlich geblieben, hatte Verständnis gezeigt. Und was war der Dank gewesen? Als naiv hatte man sie beschimpft, immer und immer wieder weggestoßen. Nein, das war jetzt vorbei. Landmann hatte völlig Recht. Wenn man weiterkommen wollte, dann musste man die Ellenbogen einsetzen, man musste täuschen und geschickt agieren, die Schwachstellen der Anderen für sich sinnig ausnutzen. Wie immer, wenn sie an ihn dachte, trat dieser stechende Schmerz im Kopf auf und die kleine Elfe rieb sich die Schläfen. Nein, sie hatte lange nachgedacht. Ihr Leben war immer unbeständig gewesen, immer voll von Enttäuschungen. Immer wenn sie gedacht hatte, dass es besser wird, immer wenn sie anfing zu vertrauen, hatte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen. Nur eines hatte sich immer wie ein roter Faden durch ihr Leben gezogen. Nur eins war ihr immer treu geblieben und hatte sie nie verlassen. „Die Magie“, flüsterte die kleine Elfe und ihre Augen glühten kurz auf.

„Aber sie ist eine Freundin“, meldete sich ihre innere Stimme erneut. „Freundin…ppffff“, gab Cyntall zurück. „Sie wusste nicht mal, dass ich weg war, wusste nicht mal, dass ich nicht mehr in meinem Turm lebe…eine tolle Freundin.“ Nein, sie würde jetzt nur noch ihr einziges Ziel, das sie ein Leben lang hatte, weiterverfolgen. Sie würde nicht mehr versuchen es allen recht zu machen, das schaffte sie sowieso nicht. Landmann hatte gesagt, sie müsse Prioritäten setzten und ihre Wünsche hatten oberste Priorität. „Ellenbogen und andere ausnutzen“, murmelte sie vor sich hin. Cyntall kaute heftig auf ihrer Unterlippe. Sie musste nur noch schaffen ihre innere Stimme zum Schweigen zu bringen… „dann wird alles gut“, murmelte sie weiter, „vielleicht wird dann endlich alles gut.“


~ Allein ~

Cyntall lief gemächlich durch den Immersang zurück zu ihrem kleinen Lager. Sie lief nicht die üblichen Wege, sondern stromte mitten über die Wiesen und durch die Wälder. Ab und an blieb sie stehen und pflückte ein paar Halme und Blumen von denen sie wusste, dass Piri sie mochte. Ihr alter Schreiter stürzte sich auch gleich auf selbige, als sie ihr Lager erreichte. „Das ist doch wirklich nicht zu glauben, Piri“, fing die kleine Elfe an zu erzählen und ließ sich neben ihrem Schreiter auf dem Boden nieder. „Da meide ich Silbermond um nicht allen möglichen Personen zu begegnen und dann scheinen die alle hier im Immersang rumzulaufen.“ Cyntall kicherte leise. Erst war sie einer Gruppe vom Arkaneum in die Arme gelaufen und das kurz vor den Geisterlanden und nun, als sie weitab am Oststrand angelte, dem Magister und der edlen Dame.

Die kleine Elfe legte sich zurück, zog sich ein Kissen unter den Kopf und blinzelte in die Sonne. Dass sie der Arkaneumsgruppe begegnet war, war nicht schlimm. Der Vortrag war sogar interessant gewesen. „Zur Zeit scheint sich alles um Runen zu drehen“, überlegte sie. Erst die alte Magistrix, der sie sogar geholfen hatte ein Siegel zu erstellen und nun der Vortrag an dem alten Runenstein. Cyntall dachte wieder an die betagte Elfe. Sie hatte tatsächlich überlegt der alten Dame bei der Erstellung von Siegeln zu helfen, aber den Gedanken dann doch wieder verworfen. „Nichts ist mächtiger als „richtige“ Magie“, dachte sie und ihre Augen leuchteten kurz auf. Trotzdem würde sie sich dieses Buch besorgen, das Magister Sommersang für die Runenlehre empfohlen hatte. „Umfangreiches Wissen in allen Bereichen ist wichtig“, hatte Landmann gesagt und schließlich hatte er ihr auch Runensymbole auf die Haut gebrannt. „Unendliche Macht“, hatte er gesagt und dann wild gelacht. Es waren drei kleine Symbole, die direkt über ihrem Herzen saßen. Am Anfang hatte es fürchterlich gebrannt, aber nun fand die kleine Elfe es sogar schick. Ihr Vater hatte schließlich auch Runensymbole auf seinem Unterarm tätowiert. „Eins verstärkt deine Zauber, eines schützt dich und das dritte sorgt dafür, dass du nie mehr allein bist“, hatte Landmann gesagt.

„Allein“, flüsterte Cyntall und konnte nicht verhindern, dass Tränen aus ihren Augen rannen. Sie war immer allein gewesen, das störte sie nicht. Aber so verlassen wie in den letzten Wochen hatte sie sich noch nie gefühlt. Durch die Wahrheit über ihre Mutter verlor sie diese für immer. Verlor ihren Halt, der sie so viele Jahre hatte morgens aufstehen lassen und ihr Vater…. Die kleine Elfe zog die Nase hoch und wischte sich eine Träne, die drohte in ihr Ohr zu laufen, ab. „Lügen“, flüsterte sie erneut. Nein, sie hatte keinen Vater mehr.

Und der Magister? Er hatte genau das getan, was ihr Vater prophezeit hatte. Wohl einige der wenigen Ausnahmen, wo er nicht gelogen hatte. Trotzdem hätte sie niemals für möglich gehalten, dass auch er sie alleine ließ. „Er hat dich angegriffen“, flüsterte es in ihr und Cyntall nickte sich selbst zu. „Ja, das hat er“, murmelte sie. „Aber du konntest dich wehren. Hast du gesehen, wie er zurückgesprungen ist…angstvoll?“ Die kleine Elfe nickte wieder. „Aber…aber das wollte ich gar nicht“, murmelte sie.

Cyntall versuchte sich die Begegnung mit dem Magister in Erinnerung zu rufen, aber es war seltsam. Je mehr sie daran dachte, je mehr verschwamm alles im Nebel. Sie konnte sich an jedes Wort von dem Vortrag beim Runenstein erinnern, aber was genau Magister Morgentau gesagt hatte, den sie ja danach getroffen hatte, wusste sie kaum noch. Sie hatte Angst gehabt, ihn wiederzusehen, deshalb mied sie Silbermond auch. Sie hätte es nicht ertragen, wenn er so kalt und abweisend wie an dem Abend gewesen wäre, als er sie fortscheuchte. Aber er war gar nicht so gewesen…er wahr… Cyntall überlegte krampfhaft, aber obwohl ihr das Wort auf der Zunge lag, schien sie es nicht greifen zu können.

Er hatte irgendetwas wegen Piri gesagt, das wusste sie noch. Aber was? „Bestimmt hat er nur wieder geschimpft, weil ich ihn mehr wie ein Freund und nicht wie einen Schreiter behandele“, murmelte sie. Dabei ging es Piri gar nicht gut. Seine tiefen Wunden wollten gar nicht heilen und die grünliche Salbe von Landmann half auch nicht wirklich. Manchmal hatte sie den Eindruck sie hielt die Wunden sogar offen. Aber immer wenn sie das ihm gegenüber anmerkte wurde er böse. Und sie wollte nicht, dass Landmann böse wurde. Sie hatte den Magister böse gemacht und er hatte sie fortgescheucht. „Verschwinde und lass dich nie mehr blicken“, hatte er ihr entgegengeschleudert. Nein, sie würde diesen Fehler nicht nochmal machen, sie würde Landmann nicht böse machen.

Die kleine Elfe setzte sich auf. „Das wird schon wieder, Piri“, sagte sie sanft und streichelte seinen Hals langsam herunter um ja nicht die offenen Stellen zu berühren. „Bei mir hat die Salbe doch auch geholfen.“ Komischerweise waren ihre Wunden am Rücken recht schnell verheilt. Der alte Schreiter gab einen herzerweichenden Krächzer von sich und Cyntall stiegen wieder die Tränen in die Augen. „Verzeih mir, Piri. Wenn ich nicht alles falsch gemacht hätte, dann wäre ich jetzt noch beim Magister und dann würdest du bestimmt in dem schicken Stall behandelt werden….Ach, Piri…es ist alles meine Schuld.“

Cyntall griff in die kleine Kiste, wo sie besondere Beeren aufbewahrte, die nur schwer zu finden waren und die Piri am Liebsten mochte. Sie steckte ihm zwei zu, dann stand sie auf und ging hinunter zum Strand. Langsam ging sie am Wasser entlang. Die auslaufenden Wellen umspielten ihre Knöchel. „Ist es wirklich alles meine Schuld?“ Die kleine Elfe blieb stehen und beobachtete die Sonne, die im weiten Horizont zu versinken schien. Landmann hatte gesagt, dass es nicht ihre Schuld gewesen ist. Weder dass ihre Mutter sich abgewendet hatte, noch dass ihr Vater sie nicht verstand. Und gegen das fehlende Vertrauen des Magisters konnte sie auch nichts machen. „Vertrauen beruht nun mal auf Gegenseitigkeit“, sagte Landmann. „Er kann nicht von dir Vertrauen erwarten und dir keines entgegenbringen.“

Und was war mit Landmann? Sicher, er hatte Piri und ihr geholfen, aber sie hatte die Verlassenen eigentlich nie gemocht. Sie hatte Angst vor ihnen, sie waren ihr unheimlich. Kann etwas das tot war Gefühle haben? Aufrichtige Gefühle? Sagte er ihr nur was sie hören wollte? Machte sie schon wieder einen Fehler?

Die kleine Elfe griff sich an die Stirn, als erneut ein heftiges Stechen durch ihren Kopf raste. Mit leerem Blick starrte sie zum Horizont. „Es geht mir bestens…“, murmelte sie.


~ Eins + eins = drei ~

Er beobachtete seine Tochter nun schon vier volle Tage. „Lass mich erst mit ihr sprechen“, hatte Nufen gesagt, „das ist bestimmt hilfreicher, als wenn du dich gleich wieder mit ihr streitest.“ „Nufen hat leicht reden“, schimpfte Marla leise vor sich hin. Der alte Kampfmagier hatte scheinbar alle Zeit der Welt. Gerade hatte er einen Auftrag vom Sonnenzornturm bekommen und musste Silbermond kurz verlassen. „Ich spreche mit ihr, wenn ich wieder da bin. Ich möchte nichts überstürzen“, hatte er gesagt. Marla fluchte leise vor sich hin. Nufen schien ja Zeit zu haben, er hatte aber keine. Eine Woche hatte er nur frei bekommen, dann musste er zurück zu seiner Einheit. Und wenn er an das letzte Gespräch mit seinem Vorgesetzten dachte dann wusste er, dass er so schnell nicht nochmal Freigang bekommen würde.

Cyntall saß immer noch am Meer kurz unterhalb ihres Zeltes und angelte friedlich vor sich hin. Marla hatte sich auf einen Baum geschwungen und saß auf einem Ast, verborgen von den Blicken anderer. „Das ist doch Blödsinn. Warum sollte ich mich streiten? Wieso sollte ich nicht mit meiner…“, schimpfte er weiter vor sich hin und sprang dann mit einem Satz von dem Ast und lief langsam auf seine Tochter zu.

Die kleine Elfe warf erneut die Angel aus und starrte auf den Schwimmer, der dann leicht auf den Wellen tänzelte. „Das war doch ganz gut gelaufen“, murmelte sie und dachte an ihr Gespräch mit Meister Drathen. Es war ihr zwar peinlich gewesen wieder zu dem Fischer zu gehen und ihn um Arbeit zu bitten, aber sie musste schließlich etwas verdienen. Sie hatte auch mit der Dame vom Schmuckladen gesprochen. Auch dort konnte sie wieder ihre gefundenen Steine und Muscheln hinbringen und sogar ab und an ihren selbst erstellten Schmuck in Kommission verkaufen. Das Gespräch mit der Dame war ihr nicht so unangenehm gewesen wie das Gespräch mit dem Fischer. Die Dame wusste schließlich nicht was passiert war. „Euch habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen“, war das Einzige gewesen, was sie angemerkt hatte.

Meister Drathen hatte da schon anders reagiert. Er hatte ihr deutlich gezeigt, dass er von ihr enttäuscht war…vielleicht war er auch ein bisschen verärgert. Schließlich hatte sie sich ja fast gänzlich von ihm zurückgezogen. Cyntall sprach lange mit ihm und am Ende lächelte er zwar nicht, aber nach einem „nun gut“, durfte sie ihm wieder gegen ein kleines Entgelt helfen. Zusammen mit dem, was sie von Landmann für ihre Dienste erhielt, konnte sie sich ganz gut über Wasser halten. Schließlich kostete ihr Zeltplatz nichts. Sie brauchte also nur etwas Geld um Essen zu kaufen und der Rest konnte für Bücher und Reagenzien genutzt werden. Die Gedanken der kleinen Elfe waren weit weg, deshalb zuckte sie auch erschrocken zusammen, als plötzlich jemand neben ihr auftachte. „Vater…“, zuckte es erschrocken durch ihren Kopf und dann starrte sie wieder mit unbewegter Miene auf ihren Schwimmer.

Als Waldläufer war es für ihn völlig normal sich so leise wie möglich fortzubewegen aber er wusste, dass sie es hasste, wenn er sich so anschlich. Also ging er von seinem Beobachtungsposten mit festen Schritten und so geräuschvoll wie möglich auf sie zu. Trotzdem zuckte sie zusammen und sah ihn kurz mit erschrockenem Blick an. Sie schien weit weg gewesen zu sein. Da sie den Blick gleich wieder abwandte, sagte er erst mal nichts und setzte sich stumm neben sie.

Eine ganze Weile saßen sie so schweigend nebeneinander, bis er es nicht mehr aushielt. „Du bist also wieder da“, versuchte er das Gespräch etwas unbeholfen zu eröffnen. „Es ist unnötig das Offensichtliche zu erwähnen“, entgegnete sie recht kühl. Marla hatte mit einer Antwort in dieser Art gerechnet. Er kannte sie. Wenn sie einem Gespräch aus dem Weg gehen wollte, dann versuchte sie ihn zu provozieren, damit er wütend wurde und das Gespräch somit recht schnell endete, da er dann meist ärgerlich davonstürmte. Er musste sich eingestehen, dass sie damit des Öfteren schon Erfolg gehabt hatte. Diesmal würde er klüger vorgehen, daher nickte er nur.

„Ich habe mir Sorgen gemacht“, entgegnete er dann leise. Cyntall warf erneut die Angelschnur ins Wasser. „Wieso?“ Ihre Stimme war immer noch kühl und abweisend. „Weil du einfach verschwunden bist? Ich nicht wusste wo du warst oder ob es dir gut geht?“ Die kleine Elfe warf einen kurzen Seitenblick auf ihn. „Seit wann interessiert es dich ob es mir gut geht“, fügte sie dann recht bissig an. Marla wandte sich ihr ebenfalls zu, aber bevor er ihr in die Augen schauen konnte, wandte sie sich wieder dem Meer und ihrem Schwimmer zu. „Du bist etwas ungerecht, nicht? Ich wollte immer, dass es dir gut geht und Nufen auch und das weißt du ganz genau.“ Die kleine Elfe zuckte nur mit den Schultern.

Erneut saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander. „Wieso bist du nicht zu mir gekommen“, eröffnete er wieder das Gespräch. „Wieso hätte ich mir das antun sollen“, erwiderte Cyntall prompt. „Um mir dein „ich hab es ja gleich gewusst“ anzuhören?“ Marla betrachtete sie kurz, ehe er antwortete. „Ich hätte dir helfen können“, sagte er dann, „Nufen hätte dir helfen können. Zusammen hätten wir eine Lösung gefunden. Du hättest deinen Turm nicht aufgeben und weglaufen müssen. Du hast deinen Turm geliebt.“ Die kleine Elfe sah ihn zum ersten Mal direkt in die Augen. „Nein, ich habe meine Ausbildung geliebt. Ich habe geliebt, dass ich endlich das lernen durfte, was ich ein Leben lang wollte und das hast DU mir kaputt gemacht“, schrie Cyntall ihn an und sprang auf.

„ICH?“ Marla war so perplex, dass er kurz wie erstarrt dastand und gar nicht realisierte, dass seine Tochter die Angel gepackt hatte und schon über die Wiese davonstürmte. Er hatte keine Mühe sie einzuholen. „Einen Moment, junge Dame“, rief er und hielt sie am Arm fest. „Was meinst du damit, dass ich dir das kaputt gemacht habe?“ Cyntall wandte sich um ihren Arm frei zu bekommen, aber gegen seine Kraft kam sie nicht an. „LASS MICH SOFORT LOS“, schrie sie nun und ihre Augen glühten auf. Sie sprach Worte in einer fremden Sprache und wenn es stimmte was ihm dieser Morgentau geschrieben hatte, dann würde jetzt ein Zauber folgen, der ihn ernstlich verletzen konnte und er war sich nicht sicher ob seine Abwehrrunen dem Stand halten würden.

Marla ließ seine Tochter los und hob abwehrend die Hände. „Cyni beruhige dich….das willst du nicht, glaub mir“, sprach er dann beschwichtigend auf sie ein. Cyntall starrte ihn an, der kleine Ball zwischen ihren Händen wurde jedoch nicht mehr größer. „Du willst wissen, warum du Schuld bist? Nun, dann sage ich dir das. Landmann hat mir die Augen geöffnet. Nur deinetwegen habe ich versagt, nur weil du mir plötzlich Familie vorgespielt hast, weil ich dir vertraut habe, dir einiges erzählt habe, nur deshalb hab ich versagt…nur wegen DIR!“

Der Späherhauptmann war nicht für seine Engelsgeduld bekannt und es reichte ihm langsam. „Vielleicht solltest du aufhören immer anderen die Schuld zu geben“, schnauzte er sie an. „Vielleicht solltest du endlich mal selbst Verantwortung übernehmen…und Landmann? Hören wir jetzt auf dieses untote Gezücht? Stellst du dieses Monster über dein eigenes Blut?“ Seine Tochter griff sich an die Stirn und stöhnte leicht auf. „ER IST KEIN MONSTER“, schrie sie dann urplötzlich los und sprach erneut. Der Ball wuchs zu einer beachtlichen Größe heran, den sie dann mit hassverzehrtem Gesicht auf ihren Vater abfeuerte.

Marla sah sich gehetzt um. Sie waren auf freiem Feld. Es war nichts in der Nähe, das ihm Schutz geben könnte. Er kreuzte seine Arme vor seinem Körper und konnte nur hoffen, dass seine Schutzrunen einen Teil des Balls abfangen würden. Er erwartete den Schlag, als er plötzlich sah, wie seine Tochter von den Füßen gerissen wurde und vor seinem Körper ein weißliches Schild auftauchte, auf dem der Ball heftig aufschlug, das Schild scheinbar zu fressen schien und dann ohne Schaden an ihm anzurichten verpuffte. Cyntall sprang auf und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Lasst mich in Ruhe…alle beide“, schrie sie, rannte über die Wiese hinweg und verschwand im Wald.

„Was hast du von „ich möchte zuerst mit ihr sprechen, da ihr euch eh nur wieder streitet“ eigentlich nicht verstanden“, fragte Nufen ärgerlich.


~ Hoffnung ~

„Keine Spur von ihr“, war die niederschmetternde Nachricht von Cyntalls Vater gewesen, der die ganze Nacht über die Geisterlande abgesucht hatte, bevor er wieder zurück zu seiner Einheit musste. „Dann lege ich das Wohlergehen von Cyn jetzt in deine Hände“, sagte er recht zerknirscht zu seinem alten Freund. Umso erfreuter war Nufen, als ein dunkel gewandeter Elf ihm nun die Nachricht brachte, dass er Cyntalls Lager an der Grenze vom Immersang kurz vor Goldnebel gefunden hatte. Der alte Kampfmagier entlohnte den Mann großzügig für die Information und begann eilig eine Tasche zu packen, in die er einige Beutel, Fläschchen und andere Reagenzien packte. Dann ging er zum Stall des Sonnenzornturms und holte seinen Schreiter aus der Box. Etwas mühselig schwang er sich in den Sattel. Er würde in Morgenluft übernachten, dann hatte er morgen den ganzen Tag Zeit. Er hoffte nur, dass sie noch an der angegebenen Stelle aufzufinden war.

Cyntall hatte ihr Lager direkt am Strand aufgeschlagen. Sie hatte notdürftig ein kleines Zelt errichtet, das nur aus ein paar Stecken und eine darüber geworfene Decke bestand. In einem kleinen Steinkreis glimmte noch etwas Holz. Die kleine Elfe saß davor und starrte müde in ein dickes Buch, das auf ihren Beinen ruhte. „Lies, übe und lerne“, hatte Landmann gesagt, aber Cyntall fiel es immer schwerer die ungewohnte Sprache zu lesen. Sie war müde, müde und erschöpft. Die Zauber wurden anspruchsvoller und sie spürte, wie sie sie auszusaugen schienen. Aber immer wenn sie versuchte das Buch zur Seite zu legen, stieg ein zwanghaftes Verlangen in ihr hoch weiter zu zaubern, mehr auszuprobieren…immer tiefer einzutauchen.

Obwohl der alte Kampfmagier sich nicht leise genähert hatte, bemerkte Cyntall ihn erst, als Piri mit lautem Krächzen aufstand und einige Schritte auf den Elfen zulief. „Na, kennst du mich noch?“, erwiderte Nufen die stürmische Begrüßung des alten Schreiters, dann lächelte er die kleine Elfe freundlich an. Cyntall starrte den Elfen mit ausdruckslosem Gesicht an und erst als sie sich von dem Buch und seinen Sprüchen losriss, erkannte sie den alten Kampfmagier.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte sie schwach. „Um diese Jahreszeit soll es ganz zauberhaft in den Geisterlanden sein“, erwiderte er schmunzelnd. Die kleine Elfe nickte nur abwesend. Normalerweise hätte sie aufgrund des Scherzes des Magisters gelacht, hätte etwas lustiges gekontert, ihre großen Augen hätten gestrahlt, aber er sah nur in ein stumpfes Gesicht und Nufen war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn wirklich erkannt hatte. Der alte Magister ließ seinen wachen Blick über ihr Lager schweifen. Den Bannkreis entdeckte er sofort und auch die einzelnen Zeichen an einigen Steinen und im Sand entgingen ihm nicht. „Darf ich näher treten?“, fragte er die kleine Elfe mit sanfter Stimme. Cyntall schüttelte den Kopf. „Ich muss lernen…und üben…ich…ich habe keine Zeit.“

Nufen zog eine Decke von seinem Schreiter und ging einige Schritte in Richtung Ufer. Dort schüttelte er die Decke aus und legte sie auf den warmen Sand. Als er sich niederließ, kam Piri an und versuchte an seinen Gürtel zu picken. Der alte Kampfmagier lachte. „Das weißt du also noch“, tätschelte er Piri leicht und gab ihm ein paar Leckereien aus einem Beutel. Cyntall beobachtete das Ganze und Nufen entdeckte einen Hauch von einem Lächeln auf dem Gesicht der kleinen Elfe. Zögerlich lief sie auf beide zu, stoppte aber kurz bevor sie den Bannkreis verließ. „Ich…ich darf hier nicht raus“, murmelte sie leise. „Wer sagt das?“, hakte der alte Magister nach. „Landmann“, antwortete Cyntall. „Der Verlassene, der dir geholfen hat?“ Die kleine Elfe nickte nur. „Der Bannkreis ist von ihm?“, fragte Nufen erneut. „Ja.“ „Er ist also in der Nähe?“ Obwohl er wusste, dass es Unsinn war, blickte Nufen sich um. Cyntall rieb sich leicht die Stirn. „Ihr wollt mich aushorchen“, entgegnete sie dann mit recht fester und lauter Stimme. „Lasst mich in Ruhe…es geht mir gut.“

Der alte Kampfmagier spürte wie die Stimmung der kleinen Elfe umschlug. Eben noch völlig erschöpft und apathisch, schien sie jetzt wachsam und ablehnend zu sein. Ihre Augen blitzten ihn böse an. Sein Blick fixierte jetzt die kleine Elfe. Das schmächtige, schutzbedürftige und liebenswerte Wesen schien völlig verschwunden zu sein. Ihr Gesichtsausdruck war kalt bis hasserfüllt, ihr Haar schien schlohweiß geworden zu sein. Die großen, runden Augen, die so herrlich lachen konnten, blitzten nun in einem tiefen Grün, ihre ganze Haltung war ihm gegenüber drohend. Sie trug wirklich nur ein paar Lumpen. Eine kurze Hose, die schon ausgefranst war und ein Hemd, das man nicht wirklich sauber nennen konnte.

„Nun, ich freue mich, dass du so gut voran kommst und so schnell einen neuen Lehrer gefunden hast“, entgegnete Nufen mit warmer Stimme, dann streckte er sich und schaute mit gespielt entspannten Blick über das Meer. Eine Weile schwiegen sie und der alte Magier spürte, wie der Blick der kleinen Elfe in seinem Rücken brannte. „Wirklich?“, fragte Cyntall dann recht erstaunt und ungläubig. „Natürlich“, erwiderte Nufen mit immer noch sanfter Stimme, „magst du mir nicht etwas über deinen neuen Lehrer erzählen? Ich bin gespannt, was du schon für Fortschritte gemacht hast. Die Verlassenen haben bestimmt andere Unterrichtsmethoden wie wir, nicht?“ Der alte Magister hielt kurz die Luft an. Würde Cyntall darauf hereinfallen oder war sein Versuch Informationen zu bekommen zu offensichtlich?

Die kleine Elfe starrte ihn unentschlossen an, so als ob sie auf irgendeinen Befehl zu warten schien. „Liebes?“, setzte Nufen nach, als sich so gar nichts tat. „Ihr müsst gehen“, sagte sie dann steif. „Muss ich das?“ Cyntall trat etwas auf ihn zu. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Der alte Kampfmagier konnte hinter der steifen Fassade nun einen Hauch von Sorge sehen. „Ja, müsst ihr“, entgegnete sie dann kalt und lauter als nötig. Ihr „Bitte, geht sofort“ war nur ein Flüstern, ein Hauch im Wind.

Nufen hob seine Decke auf und schüttelte ausgiebig den Sand aus. So unauffällig wie möglich inspizierte er dabei die Umgebung. Dann trat er auf seinen Schreiter zu. Er würde sich zurückziehen. Er hatte nur einen ersten Kontakt herstellen, einen ersten Eindruck bekommen wollen und ihr sorgenvolles „Bitte, geht sofort“ war ein Hoffnungsstreif am Horizont. Darauf würde er aufbauen.

Cyntall hatte sich wieder an der Feuerstelle niedergelassen, ihr Buch auf den Schoß genommen und schien ihn völlig vergessen zu haben. „Auf bald, Kleines“, sagte er leise.


~ Lichtblicke ~

Cyntall schlug die Augen auf und spürte sofort den stechenden Schmerz direkt über dem Herzen. „Ich kann mich nicht bewegen“, schrie sie innerlich, als sie versucht hatte Kopf und Hand zu heben, um den Grund des Schmerzes zu eruieren. Langsam wurde ihr Blick klarer und sie sah sich panisch um. Sie lag unter einer magischen Kuppel, die leicht golden strahlte und ihre Hände waren seitlich mit ebenfalls magischen Fesseln an ihr Lager gebunden. Die kleine Elfe versuchte zu zaubern, aber sie schaffte es nicht auch nur einen kleinen Zauber hervorzubringen. Immer und immer wieder rief sie die ihr bekannten Sprüche, aber nichts geschah. Panik stieg in ihr hoch als sie sah, wie sich jemand ihrem Bett näherte. Erst als sie die rote Robe sah und die langen, weißlichen Haare, machte ihr Herz einen Freudensprung. Er würde ihr helfen, er hatte ihr immer geholfen.

„Magister Mor…“, brauch sie dann ab, als sie den alten Kampfmagier und Freund ihres Vaters erkannte. „Magister Blutnebel. Wo…wo bin ich. Was…was ist passiert?“ Der Magister trat an ihr Bett und setzte sich behutsam auf die Kante. „Wie schön, Liebes, du bist wach“, sagte er lächelnd und strich ihr mit der Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Cyntall versuchte sich erneut zu befreien. „Langsam, Kleines. Die Fesseln dienten nur deinem Schutz und können jetzt weg“, erklärte der alte Magister und wandte sich um. „Besilaer? Wärst du so nett?“ Die kleine Elfe bemerkte erst jetzt, dass sich noch ein zweiter Elf in dem Zimmer befand. Ein recht großer und hagerer Mann mit langen, braunen Haaren. „Bist du dir sicher?“, fragte er den Magister und sah Cyntall recht düster an. „Sie hat ein ganz schönes Tamtam gemacht.“ Der alte Kampfmagier nickte nur, worauf der andere Elf etwas murmelte und die Kuppel sich kurz öffnete und die magischen Fesseln verschwanden. „Deine Verantwortung“, grummelte er und verschwand auch schon durch die Tür.

„Ich habe ein Tamtam gemacht?“, fragte Cyntall irritiert nach. Der Magister musterte sie ausgiebig und nickte zufrieden ehe er antwortete. „An was erinnerst du dich noch, seit du Silbermond verlassen hast, Kleines?“ Die kleine Elfe setzte sich etwas auf und erwiderte leicht empört: „Na, an alles. Wieso sollte ich mich nicht erinnern können?“ Dann schien sie angestrengt zu überlegen und ihr Gesichtsausdruck wandelte sich von selbstsicher in nachdenklich und schließlich legte sich ihre Stirn in Falten. „An Tirisfal…Tirisfal…und dann…dann ist alles wie im Nebel. Ich sehe Magister Morgentau, die edle Dame und meinen Vater und die Arkanistin Abendlicht?…Irgendeine Versammlung an einem Runenstein, das Café…und euch. Aber nur Bruchstücke…ich…ich kann mich nicht an Einzelheiten erinnern. WO BIN ICH?“, schloss Cyntall dann verzweifelt. „Ruhig, ganz ruhig, Liebes. Das kommt alles wieder in Ordnung“, versuchte der alte Kampfmagier zu trösten. „Du bist im Sonnenzornturm“, erklärte er dann. „Die Kuppel, die dich umschließt, ist eine magische Barriere. Kein Zauber kann gewirkt werden oder dort eindringen.“ Die kleine Elfe starrte ihn mit offenem Mund an. „Und das ist nötig?“ Der alte Magister nickte ernst.

„Verrätst du mir, was du in Tirisfal wolltest?“ Cyntall sah ihn betrübt an. „Ich wollte etwas herausfinden“, murmelte sie dann. „Und was?“, fragte der Magister sanft nach. „Das darf ich nicht sagen“, entgegnete die kleine Elfe leise, „aber ich wollte Magister Morgentau helfen.“ „Dann hat er dich nach Tirisfal geschickt?“, hakte der Magister nach. „Nein“, nuschelte Cyntall etwas verschämt, „er wusste nichts davon.“ Der alte Kampfmagier schüttelte leicht den Kopf. „Du bist also als Anfängerin ohne die nötige Ausbildung allein durch die Pestländer und dann nach Tirisfal gezogen, weil du irgendetwas herausfinden wolltest?“ Der Magister klang nun leicht verärgert. „Das ist die pure Unvernunft, Kind.“ Die kleine Elfe schob leicht ihre Unterlippe vor. „Ich hatte doch Piri dabei“, setzte sie eine schwache Verteidigung an und zuckte dann erschrocken zusammen. „Piri! Wo ist Piri?“ Die kleine Elfe machte Anstalten aus dem Bett zu springen. „Hiergeblieben“, donnerte der alte Magister los und drückte Cyntall zurück in die Kissen. „Aber….aber Piri!“ Der Griff des alten Kampfmagiers war erstaunlich fest. „Piri ist im Stall des Sonnenzornturms und wird bestens versorgt. Es geht ihm gut und er erholt sich zusehends. Wichtig ist nun, dass wir dich wieder auf die richtige Spur bringen.“

Der Magister sprach dann mit sanfterer Stimme weiter. „Du wolltest also Magister Morgentau helfen, richtig? Dafür hast du viel riskiert. Dachtest du, er nimmt dich wieder auf?“ Die kleine Elfe schüttelte traurig den Kopf. „Nein, das hab ich gründlich verbockt. Er wird mich nicht mehr aufnehmen, das weiß ich.“ Der alte Magister sah sie fragend an. „Warum hast du es dann getan?“ Cyntall starrte auf das Weiß ihres Lakens und malte kleine Linien mit dem Finger darauf. „Er war so böse auf mich“, antwortete sie dann leise. „So richtig böse. Ich hab ihn enttäuscht….da dachte ich…ich dachte…nun ja, ich dachte, wenn ich etwas herausfinde, dann ist er nicht mehr böse.“

„Nun gut“, schüttelte der alte Magister wieder den Kopf. „Und was ist dann in Tirisfal passiert?“ „Ich kam eigentlich ganz gut voran“, sprach die kleine Elfe zögerlich weiter, „aber dann war da plötzlich ein Rudel Wölfe, und die sind alle auf Piri los. Ich hab gezaubert was ich konnte und dann sind einige auf mich los. Ich…ich“, schluchzte Cyntall und die Tränen schossen in ihre Augen, „ich sah wie Piri zu mir wollte um mich zu beschützen, aber dann ist er eingeknickt…da waren so viele…und dann regnete es Feuer.“

„Landmann?“, fragte der alte Magister nach. Die kleine Elfe nickte. „Ich wurde ohnmächtig, aber als ich aufwachte waren alle Wölfe weg und ich lag auf einem Lager und war verbunden. Auch Piri war versorgt.“ Der Kampfmagier nickte ernst. „Also hat dir der Verlassene zuerst wirklich geholfen.“ Die kleine Elfe nickte. „Das hat er. Und er bot sogar an, mir Zauber beizubringen, damit ich mich besser wehren könne.“ Der Magister verzog das Gesicht. „Und das kam dir nicht komisch vor? Ein Verlassener, der großzügig seine Zauber weitergibt und das ohne Hintergedanken? Sonne, Kind, du musst wirklich noch viel lernen!“ Cyntall sah den alten Freund ihres Vaters unsicher an. „Aber…“, setzte sie an, der alte Magister donnerte jedoch dazwischen. „Kein aber, Kind! Er hat dich verbotene Magie gelehrt, er hat dir kontrollierende Runen auf die Haut geschrieben. Du hast Elfen angegriffen. Er hat dir nicht geholfen, sondern geschadet. Und darüber diskutiere ich nicht mit dir!“

Die kleine Elfe zuckte zusammen. So verärgert hatte sie den alten Magister selten gesehen. „Ich hab Elfen angegriffen?“, sagte sie leise und legte sich erschöpft zurück in die Kissen. Der Kampfmagier senkte seine Stimme wieder. „Deine Erinnerung wird wiederkommen, Liebes. Aber jetzt musst du dich viel ausruhen und vor allem den Heilern hier in all ihren Anweisungen folgen. Willst du mir das versprechen?“ Cyntall nickte und der Magister erhob sich.

„Magister Blutnebel?“, setzte die kleine Elfe leise nach, als der Magister schon fast an der Tür war. „Ja?“, drehte er sich wieder um. „Was wird denn jetzt aus mir?“ Der Kampfmagier trat zurück an ihr Bett. „Es wird sich alles finden, Liebes. Mach dir darüber keine Sorgen.“ „Keine Sorgen machen? Aber wer wird mich denn jetzt noch ausbilden wollen?“, erwiderte Cyntall. „Bei einem angesehenen Magister rausgeflogen und dann verbotene Magie gewirkt, so was macht sich nicht gut in einem Bewerbungsschreiben.“ Der Magister seufzte leise. „Ich bin sicher, dass du kein schlechtes Zeugnis, jedenfalls keines was bei deinem weiteren Fortkommen hinderlich ist, ausgestellt bekommst“, versuchte er sie zu beruhigen. „Kein schlechtes Zeugnis?“, setzte die kleine Elfe verzweifelt nach. „Habt ihr seinen Sekretär mal kennengelernt? Der schreibt doch bestimmt schon seit meinem ersten Tag dort an meinem Niedergang.“

Der alte Magister musste nun doch schmunzeln, als er an das Treffen mit dem Sekretär dachte und an das dicke Dossier über die kleine Elfe. „Sekretäre schreiben nun mal alles Wichtige auf, das gehört zu ihren Aufgaben. Mach dir da mal keine Sorgen, Liebes“, versuchte er zu trösten. „Ich mach mir aber Sorgen“, schniefte die kleine Elfe und sah ihn verzweifelt an. „Also schön“, antwortete er und setzte sich wieder an das Bett. „Eigentlich brauchst du Ruhe und daher wollten dein Vater und ich erst später mit dir darüber sprechen.“ Cyntall horchte auf. „Mein Vater?“ „Ja, dein Vater. Er hat einen neuen Auftrag und es ist im Moment nicht abzusehen, wann er wieder hier sein kann“, erklärte der alte Kampfmagier. „Solange hat er dich in meine Obhut übergeben, wenn ich es so formulieren darf“, fügte er schmunzelnd an und musste an die hitzige Diskussion mit seinem Freund denken. „Du wirst also, wenn dich die Heiler hier entlassen, bei mir wohnen.“ Die kleine Elfe stutze. „Mein Vater sagt, euer Zimmer hier im Sonnenzornturm ist nicht größer als ein Hasenstall. Wo soll ich da bleiben?“

Cyntall merkte, dass sie mal wieder ohne nachzudenken gesprochen hatte und sah den alten Magister entschuldigend an. „Ich habe entsprechende Räumlichkeiten angemietet“, erklärte der alte Kampfmagier lediglich, „aber nun Schluss. Du brauchst Ruhe!“ Er erhob sich erneut und ging, nachdem er der kleinen Elfe noch tröstend über den Kopf gestrichen hatte, zur Tür. „Magister?“, fragte Cyntall. „Mein Vater“, fuhr sie dann schnell fort, als sie sah, dass er den Finger auf den Mund legte und auf ihr Kopfkissen deutete, „ist er auf einer gefährlichen Mission? Muss ich mir Sorgen machen?“ Der Magister sah sie offen an und nickte leicht. „Die Aufträge deines Vaters sind immer gefährlich, das weißt du ja“, erwiderte er ernst. „Aber mach dir keine Sorgen“, fügte er dann schmunzelnd hinzu. „Er ist viel zu stur um zu sterben…und jetzt wird geschlafen!“


~ Auf und ab ~

Als Besilaer die Räumlichkeiten seines ehemaligen Lehrers und heutigen Freundes betrat, bot sich ihm ein chaotisches Bild. Der alte Kampfmagier stand schimpfend und fluchend hinter seinem Schreibtisch und durchwühlte die darauf befindlichen Pergamente. „Kann ich dir behilflich sein?“, fragte er mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Nufen sah nur kurz auf und ließ sich dann schnaufend auf seinen Sessel fallen. „Ich finde das Dossier über Portalanomalien von diesem Funkenhell nicht. Und auch nicht die Anmerkungen von dieser Magistrix Tersol-Dingens oder so….es ist alles so völlig durcheinander“, stand der alte Magister wieder fluchend auf, raufte sich die Haare und begann erneut seinen Schreibtisch zu durchforsten.

Nein, das war nicht seine Welt. Besprechungen, Vorträge, Untersuchungen und dann wieder Besprechungen. „Theoretiker“, dachte er wütend. Er war Kampfmagier, er agierte. Sonne, wie er es hasste. Diese ganzen Wichtigtuer, die jetzt aus ihren Ecken kamen und ihren Senf beisteuerten in der Hoffnung, einen Treffer zu landen und für zwei Minuten ein Jemand zu sein. „Uns läuft die Zeit davon“, tobte er weiter über seinen Schreibtisch. „Es gibt keine neuen Erkenntnisse, keine Lösungen…gar nichts.“

Besilaer betrachtete den fluchenden Magister mit schmalen Augen. So hatte er ihn noch nie erlebt. Eigentlich war er die Ruhe selbst. In den größten Krisen hatte er besonnen und überlegt gehandelt. Ein Fels in der Brandung und immer ein Vorbild für andere Kampfmagier. Zu sehen, wie er jetzt zittrig und nervös Pergamente durchwühlte und gar auf das Übelste fluchte, passte nicht zu dem Bild, dass er von seinem ehemaligen Lehrer hatte.

„Du machst dir Sorgen um deinen Freund“, sagte Besilaer unvermittelt. Dass er damit richtig lag, konnte er an Nufens Reaktion erkennen. „Natürlich mache ich das! Sonne! Ich habe seine Tochter hier und er sollte sich um sie kümmern. Sie braucht ihn jetzt“, donnerte der alte Kampfmagier los. „Und dabei habe ich ihn gebeten…nein, regelrecht angefleht nicht zu gehen, aber er ist so ein verdammter Sturkopf“, wetterte Nufen weiter. „Er könne seine persönlichen Wünsche nicht über die des hohen Reiches stellen“, schnaubte er, „und das Schlimmste….ich kann ihm nicht mal helfen, wenn er in Schwierigkeiten ist. Wir MÜSSEN es schaffen wieder Portale zu öffnen und dafür brauche ich diese Papiere!“ Es folgte ein langer Fluch und Nufen beugte sich erneut über seinen Tisch. Er wollte doch noch vor der nächsten Besprechung bei Cyntall vorbeischauen. Ihm war durchaus bewusst, dass er sie in den letzten Wochen stark vernachlässigt hatte. Daher hatte er auch eine kleine Überraschung geplant.

Besilaers Blick ruhte auf seinem ehemaligen Lehrer, dann schweifte er durch den Raum und er sah auf einem kleinen Tischchen, gleich neben dem Eingang eine sorgfältig drapierte Pergamentrolle liegen. „Suchst du vielleicht das da?“ Nufen sah zuerst zu seinem ehemaligen Schüler und dann auf die mit dem Zeigefinger angegebene Richtung, dann verzog er das Gesicht. „Ja, danke“, murmelte er ärgerlich und nahm die Rolle auf. „Ich werde jetzt bei der Kleinen vorbeischauen und dann habe ich noch eine Besprechung. Mittagessen?“ Besilaer konnte noch nicken, dann war der alte Magister auch schon verschwunden.

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Cyntall stand an ihrem Fenster in dem kleinen Krankenzimmer des Sonnenzornturms und starrte hinaus. Viel sehen konnte sie nicht, da ihr Zimmer zu einem kleinen Innenhof hinausging. Sie schaute auf eine Mauer. Zugegeben eine sehr hübsche Mauer. Gestrichen in Gelb, Gold und Rot und eine Ranke kletterte daran empor, die kleine, tiefrote Blüten trug. An der längsten Ranke die von ganz unten kam, waren 159 Blüten. Die kleine Elfe hatte mehrfach nachgezählt. Heute wollte sie die Blüten der seitlichen Ausläufer zählen. „vierunddreißig…fünfunddreißig….sechsund…“, brauch sie dann ab. Sie entdeckte braune, vertrocknete Triebe. „Ihr Armen bekommt bestimmt nicht genug Wasser hier drinnen“, murmelte sie. „Da kann ich helfen.“ Ohne groß Nachzudenken begann Cyntall einen Frostzauber zu wirken. Der Einfachheit halber erschuf sie mehrere kleine Eislanzen, da sie diesen Zauber recht gut beherrschte, und ließ sie nach unten in den Innenhof sausen. „Wenn sie tauen, dann habt ihr genügend Wasser“, rief sie den Blüten zu.

Von unten donnerte wütendes Geschrei nach oben. Die kleine Elfe zuckte zusammen und linste über das Fensterbrett in die Tiefe. Erschrocken biss sie sich auf die Lippen. Unten stand ein Elf und fluchte nach oben. „Auwei“, nuschelte sie und rief dann nach unten: „Entschuldigung. Ich hab euch nicht gesehen. Ist etwas passiert?“ Der Elf unten wetterte und gestikulierte immer noch nach oben, aber offenbar war er noch in einem Stück.

„Was machst du da?“, fragte Nufen, als er das Zimmer betreten hatte und sah, wie Cyntall halb aus dem Fenster hing. Die kleine Elfe zuckte herum. „Ich…ähm…ich habe Blumen gegossen.“ Sie zog das Fenster schnell zu und war froh, dass das Schimpfen von unten aufhörte. „Blumen…ja, die wollen gut gewässert werden“, entgegnete der alte Magister abwesend, riss sich aber dann zusammen. „Ich habe gerade mit deiner Priesterin gesprochen. Du machst gute Fortschritte, klagst aber über Langeweile?“ Cyntall nickte langsam. „Ja, ich komme mir hier wie eingesperrt vor. Das Nichtstun macht mich noch ganz verrückt.“ Der alte Magister lächelte verständnisvoll. „Depressionen sind nicht hilfreich, meinte deine Priesterin. Daher machen wir einen kleinen Ausflug“, entgegnete Nufen. „Vielleicht in den kleinen Innenhof, hier gleich unten? Dort kann man ganz gemütlich sitzen.“

Cyntall kaute auf ihrer Unterlippe herum und überlegte. Bestimmt war dort alles nass und sie hatte auch keine Lust auf einen tropfenden Elfen zu stoßen. Und sie war sich nicht sicher, ob mit der Erlaubnis kleinerer Hauszauber, die sie vor kurzem erhalten hatte, auch das Wirken von Eislanzen gemeint war. „Können wir nicht woanders hingehen? Den Innenhof kann ich doch von meinem Fenster sehen“, fragte sie mit bittendem Unterton.

„Woanders? Hmm….Natürlich, vielleicht der kleine Garten seitlich den Portalräumen?“, schlug der alte Magister vor. Die kleine Elfe nickte begeistert und sie machten sich auf den Weg. Sie setzten sich auf eine Bank, die in der Sonne lag und schauten auf einen Springbrunnen, der munter sein Wasser in die Höhe schoss. Cyntall hatte den Weg über von ihrem Alltag erzählt, als sie nun gemütlich saßen konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und platzte mit den Fragen raus, die ihr schon seit dem Besuch von Sekretär Feuersturm auf der Seele brannten.

„Stimmt es, dass mein Vater durch das Portal gegangen ist? Und stimmt es, dass es keinen Kontakt mehr gibt und das Portal nicht mehr zu öffnen ist? Stimmt es, dass die, die durch das Portal gegangen sind, ganz auf sich gestellt sind und man gar nicht weiß wo sie genau sind?“ Die Stimme der kleinen Elfe überschlug sich vor Aufregung, rote Flecken hatten sich auf ihren Wangen gebildet und sie sah den alten Magister ängstlich an. Nufen zog eine Braue hinauf und sah die kleine Elfe ärgerlich an. „Woher weißt du davon?“

Cyntall biss sich auf die Unterlippe. Sie durfte den Sekretär nicht verraten, sie hatte es versprochen. „Ich…ich habe ein Gespräch aufgeschnappt, als ich bei der Priesterin gewartet habe“, erklärte sie. „Stimmt es denn? Und ist mein Vater da auch gefangen?“ Der alte Magister seufzte tief. Eigentlich hatte er Cyntall durch ihre Unwissenheit schützen wollen. Es reichte völlig, wenn er sich sorgte und sich im Moment der Hilflosigkeit preisgeben musste.

„Ja“, begann er zögerlich, „dein Vater ist mit vielen anderen hochqualifizierten Kräften durch das Portal in den Verwüsteten Landen geschritten. Kurz danach soll das Portal zusammengebrochen sein und wir haben im Moment Schwierigkeiten Portale dorthin zu öffnen, aber das wird sich bald legen“, lächelte er aufmunternd und legte alle Zuversicht in seine Stimme. „Du wirst sehen, in Nullkommanichts ist er wieder hier und ihr könnt euch wieder streiten.“

Die kleine Elfe sah ihn zweifelnd an. „Und wenn nicht?“, entgegnete sie leise und senkte den Kopf, „ich hab doch sonst niemanden mehr.“ Der alte Magister fasste unter ihr Kinn und hob es sanft an. „Du hättest noch mich“, sagte er sanft, „aber das ist völlig irrelevant, da dein Vater wohlbehalten wiederkommen wird. Daran glauben wir ganz fest, hmmm?“ Cyntall nickte langsam und starrte betrübt auf den Springbrunnen. Nufen konnte sehen, dass er sie nicht gänzlich überzeugt hatte. „Hörst du, du verdammter Dickschädel“, dachte er an seinen Freund, „stirb mir jetzt bloß nicht, wo immer du auch bist.“

Depressionen, Ängste und Trübsinn waren Gift für die kleine Elfe, das hatte die Heilerin gesagt. Nufen stand auf und reichte Cyntall die Hand. Ein Wenig würde er sie aufheitern können, das wusste er. „Na komm“, sprach er aufmunternd, „dein alter Herr kann gut auf sich selbst aufpassen und ich hab noch eine Überraschung für dich.“ Zögerlich stand Cyntall auf und ließ sich von dem alten Kampfmagier mitziehen. „Wo gehen wir denn hin?“ Nufen antwortete nicht und zog die kleine Elfe weiter mit sich. Vorbei an den Portalräumen, durch die Gänge zur großen Eingangshalle und dann hinaus und den Aufgang hinunter zum Sonnenhof. „Raus? Ich darf nicht raus?“, protestierte Cyntall schwach. „Wir gehen auch nicht ganz raus“, schmunzelte der alte Magister und blieb stehen, als sie fast die Hälfte des Aufgangs hinuntergelaufen waren.

„Und nun?“, fragte Cyntall irritiert. Nufen deutete lediglich den Aufgang hinunter und lächelte geheimnisvoll. Die kleine Elfe folgte dem Finger und blickte über den Sonnenhof. Sie sah einige Elfen, die am Brunnen saßen und sich unterhielten, geschäftig rumlaufende Händler, einige Stadtwachen und unweit des Aufgangs…. Cyntall stockte der Atem und ihre Augen weiteten sich. „Piri“, hauchte sie und dann stürmte sie auch schon los.


~ „munter“ weiter ~

Cyntall lief gut gelaunt die Flure im Sonnenzornturm entlang, um dann am Ende eines Flures vor einem Eckzimmer stehenzubleiben. Sie horchte kurz und hörte leises Stimmengewirr von innen das erstarb, nachdem sie zaghaft mit den Handknöcheln an die Tür geklopft hatte. Stühle wurden geschoben und dann öffnete ihr ein hagerer, braunhaariger Elf, der sie fragend ansah. „Grüße, Herr Arkanist Sonnenglut“, sagte die kleine Elfe und machte artig einen Knicks. „Ist der Herr Magister zu sprechen?“ „Cyntall?“, fragte es aus dem Inneren des Zimmers heraus und dann folgte ein: „Besilaer, lass sie doch eintreten.“ Besilaer Sonnenglut trat beiseite und Cyntall huschte an ihm vorbei um dann etwas unsicher vor dem Schreibtisch des Magisters zu stehen. „Stör ich?“ Nufen lächelte sie freundlich an. „Du störst mich nie, Kleines.“ Dann wendete er sich an seinen ehemaligen Schüler. „Wir sind dann fertig, Besilaer?“ Der braunhaarige Elf nickte knapp. „Ich werde die Papiere erst mal zur Magistrix bringen und komme nachher nochmal vorbei.“ Er nahm einige Schriftrollen auf, verabschiedete sich mit einem Nicken und verließ dann das Zimmer.

„Schön, dass du mich besuchen kommst“, eröffnete er das Gespräch. „Setz dich doch“. Er hatte sich erhoben und war zu einer kleinen Sitzgruppe gegangen, wo er sich nun auf einem Kissen niederließ. Die kleine Elfe setzte sich ebenfalls und dann sprudelte es auch schon aus ihr heraus. „Ich war gestern bei meinem ersten Vortrag“, erzählte sie und Nufen nickte erfreut. Er war froh, dass er die Priesterin überzeugen konnte der kleinen Elfe zu gestatten, sich frei in Silbermond zu bewegen. Cyntall war in dieser Beziehung wie ihr Vater. Die Enge von Räumen und Häusern war nichts für sie. „Und worum ging es?“, fragte er interessiert.

„Um die theoretischen Grundlagen des Kampfes an Seit eines Zauberers aus Sicht eines Nichtzauberers“, erklärte die kleine Elfe. „Also quasi um ein besseres Verständnis und Miteinander zwischen Zauberern und nicht so gut des Zauberns mächtigen, wie zum Beispiel Waldläufern“, fügte sie weiter an. Nun musste der alte Magister und seines Zeichens Kampfmagier doch schmunzeln. „Ein interessantes Thema. Ich habe gar keine Ankündigung in der internen Post gehabt. Wer hat den Vortrag denn gehalten?“ „Eine Magistrix Vecilis Whisperwell“, antwortete Cyntall. „Whisperwell?“, fragte Nufen nach und schien zu überlegen, „eine Kollegin aus dem Arkaneum?“ Die kleine Elfe nickte. „Nun, dann hattest du also Spaß in den Hallen des Arkaneums?“ fuhr der alte Magister fort. „Es fand auf der Insel statt, nicht im Arkaneum“, erklärte Cyntall und wollte mit der Erzählung fortfahren, als Nufen sie ärgerlich unterbrach. „Du hast Silbermond verlassen und bist durch den Immersang gelaufen? Alleine?“

Cyntall zuckte leicht zusammen und ihre Wangen röteten sich etwas. „Ihr habt gesagt, ich darf einen Vortrag nach meinem Wunsch besuchen.“ Nufen sah sie immer noch ärgerlich an. „Ja, das habe ich gesagt. Ich habe aber auch gesagt, dass du Silbermond nicht verlassen sollst. Herrje, Kind…lernst du denn gar nichts dazu“, schimpfte er weiter. Die kleine Elfe kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Ich war ja gar nicht alleine…“, versuchte sie zu erklären, aber der alte Magister unterbrach sie erneut. „Jetzt sag mir nur nicht, dass Piri dich begleitet hat. Wo das hinführt haben wir ja kürzlich erst gesehen.“

„Nicht Piri…Mavael hat mich begleitet. Er hat mich bis zum Veranstaltungsort gebracht, da gewartet und mich wieder bis zum Sonnenzornturm zurückbegleitet.“ Cyntalls Stimme klang nun leicht trotzig und auch verletzt. „Ich habe durchaus etwas gelernt.“ Nufen betrachtete die kleine Elfe, die mit vorgeschobener Unterlippe zerknirscht vor ihm saß. Mavael, den alten Fischer und ehemaligen Waldläufer kannte er aus den Erzählungen von Cyntalls Vater. „Nun gut“, sagte er etwas versöhnlich, „war der Vortrag denn gut besucht?“

Die kleine Elfe nickte. „Es füllte sich nach und nach und sogar die Zuhörer haben zum Schluss noch einige Tipps gegeben, also andere, ebenfalls anwesende Magister.“ Die kleine Elfe erzählte noch von den Ringen für die verschiedenen Schulen und von den drei Regeln, die die Magistrix erwähnt hatte. Der alte Magister hörte aufmerksam zu, nickte ab und an oder stellte eine Zwischenfrage. „Das nächste Mal nimmst du mich einfach mit, dann ist es auch nicht schlimm, wenn der Vortrag außerhalb stattfindet“, schlug er Cyntall vor, als sie geendet hatte. Die kleine Elfe nickte erfreut, dann legte sich aber ein düsterer Schleier über ihre Augen. „Habt ihr Nachricht von meinem Vater?“

Nufen sah die kleine Elfe nachdenklich an. Sollte er ihr berichten? Sollte er Hoffnung wecken, wo es vielleicht keine gab? „So schlimm?“, fragte Cyntall aufgrund des Gesichtsausdruckes des alten Kampfmagiers ängstlich.

„Nein“, entgegnete er und versuchte seiner Stimme ein sicheres Timbre zu geben, „es ist gelungen einige, wenige Versorgungsportale zur Unterstützung der Truppen zu öffnen, allerdings ist das nicht so einfach, aber ich möchte dich nicht mit magischen Details langweilen“, erörterte er vorsichtig weiter. „Natürlich müssen persönliche Angelegenheiten ganz hinten anstehen, daher konnte ich auch nur eine vage Bitte, sich nach deinem Vater zu erkundigen, formulieren. Ich habe keine Ahnung ob oder wann ich eine Antwort bekomme. Das wird, denke ich, noch eine ganze Weile dauern…leider“, seufzte er tief und strich der kleinen Elfe beruhigend über das Haar.

Cyntall nickte langsam und kaute dabei traurig weiter auf ihrer Unterlippe herum. „Aber ich habe auch eine erfreuliche Nachricht“, versuchte der alte Magister sie aufzumuntern. Die kleine Elfe sah ihn fragend an. „Nächste Woche werden wir umziehen!“ Cyntall sah ihn zweifelnd an. „Wohin ziehen wir denn?“ „Ah, das ist noch ein Geheimnis, aber es wird dir gefallen, da bin ich ganz sicher“, erklärte er, fügte aber aufgrund eines recht ungläubigen Gesichtes noch an: „Du kannst dein Zimmer und das deines Vaters ganz nach deinen Wünschen gestalten. Meinst du nicht, es würde ihn freuen, wenn er wieder da ist?“

Die kleine Elfe rang sich ein Lächeln ab. Sie wusste, wie gerne der alte Magister dekorierte und arrangierte. Hatte er doch erst kurz bevor sie ihren Turm verlassen hatte, diesen neu eingerichtet. Aber das Zimmer ihres Vater einrichten, so dass er sich darin wohlfühlte? Ein Weinregal, das war das Erste und Einzige, was ihr spontan einfiel und es erschreckte sie etwas, dass sie so gar nichts über ihren Vater und seine Vorlieben wusste. „Das werde ich ändern“, dachte sie, „wenn er wiederkommt, werde ich das sofort ändern.“ Nufen konnte mit dem Gesichtsausdruck der kleinen Elfe nicht wirklich etwas anfangen. Sie lächelte immer noch, aber die Augen schauten düster, die Stirn war überlegend in Falten gelegt und auf der Unterlippe wurde ebenfalls noch rumgekaut.

„Alles in Ordnung, Kleines?“, fragte er nach und sie schüttelte leicht den Kopf. „Wollt ihr nicht lieber das Zimmer meines Vaters einrichten? Ihr kennt ihn doch viel besser als ich“, entgegnete sie leise. „Nachher gefällt es ihm nicht und dann wird er böse und schimpft, dass ich schon wieder alles falsch mache.“ Nufen atmete tief durch. „Nein“, antwortete er sanft, „ich möchte, dass du das übernimmst. Und ich bin sicher, dass es ihm gut gefallen wird.“ Die kleine Elfe schüttelte den Kopf. „Aber…aber ich weiß doch gar nichts über ihn“, versuchte sie erneut abzulehnen. Der alte Magister hob ihren gesenkten Kopf leicht an und sah ihr ernst in die Augen. „Das ist nun ja auch zum Teil deine Schuld….nicht? Schließlich hast du ihn vierzig Jahre lang gekonnt ignoriert.“

Cyntall wollte erst etwas erwidern, schwieg aber dann. „Er hat ja recht“, dachte sie. Sie hatte es ihrem Vater nicht leicht gemacht. So wie sie es dem Magister nicht leicht gemacht hatte. Sie musste sich über deren Ablehnung nicht wundern. Beide hatten sie verlassen. Beide kehrten vielleicht nie mehr zurück. Und beiden konnte sie dann auch nicht mehr sagen wie leid es ihr tat und wie gern sie sie eigentlich hatte. „Dann mach es zukünftig besser“, maulte ihre innere Stimme und ein Ruck ging durch den Körper der kleinen Elfe.

„Ihr habt Recht“, nickte sie dem alten Magister entschlossen zu. „Ich werde mein Bestes geben und ein schönes Zimmer herrichten. Und ich muss dem Herrn Sekretär die Pergamente mit den Geschichten vom Magister wiedergeben. Es muss alles seine Ordnung haben wenn sie wiederkommen.“ Nufen verstand zwar den Schwenk von ihrem Vater zum Magister nicht ganz, aber der frische Ausdruck im Gesicht der kleinen Elfe gefiel ihm. Und so richtig verstanden hatte er sie ohnehin noch nie.


~ teils glücklich ~

Leise schloss die kleine Elfe die Tür hinter dem Magister. Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie sich dann mit dem Rücken dagegen und rutschte langsam nach unten. „Einen hab ich wieder“, dachte sie und lächelte glücklich. Er war einfach vorbei gekommen und er war gar nicht mehr böse auf sie gewesen, jedenfalls hatte er sich nichts anmerken lassen. Er half ihr sogar einen neuen Lehrer oder eine Lehranstalt zu finden, indem sie für ihn arbeiten durfte und so etwas Silber verdienen konnte. Cyntall saß eine ganze Weile grinsend auf dem Boden, dann sprang sie auf. Sie musste jemanden davon erzählen.

Ihr Weg führte sie automatisch zu den Stallungen. Jedoch stoppte sie kurz davor ab und überlegte. „Du willst groß und erwachsen sein?“, flüsterte ihre innere Stimme. „Dann hör auf mit Schreitern zu sprechen.“ Die kleine Elfe wiegte den Kopf hin und her. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie es Piri erzählen würde, aber er sollte vielleicht nicht ihre erste Anlaufstelle sein. Sie wendete und begab sich in den Teil des Sonnenzornturmes, wo die Büros untergebracht sind und klopfte an die Tür von Magister Blutnebel. Als keine Reaktion erfolgte versuchte sie die Tür zu öffnen. „Was machst du da?“, fragte eine Elfe mit spitzer Stimme. Cyntall drehte sich erschrocken um und sah auf eine hagere Elfe, die einige Bücher in der Hand hatte. „Ich…ich wollte zu Magister Blutnebel“, entgegnete sie mit einem entschuldigenden Lächeln.

„Der Herr Magister hat sich bereits zur Ruhe begeben“, antwortete die Elfe und schickte sich an weiter zu gehen. „Wo befindet sich denn sein Privatzimmer?“, fragte die kleine Elfe nach. Die hagere Elfe wendete nochmal und sah Cyntall missbilligend an. „Brennt es irgendwo? Steht etwas unter Wasser? Ist jemand verletzt?“, schnarrte sie die kleine Elfe an. „Nei…nein“, sagte Cyntall etwas irritiert. „Nun, wie bereits gesagt. Der Magister hat sich zurückgezogen. Es ist schon etwas spät, nicht? Wenn also keine Gefahr für Land oder Leute besteht….“, schnarrte sie weiter und deutete Cyntall mit ihrer Hand den Weg nach unten.

Die kleine Elfe nickte und trottete dann an der Elfe vorbei, den Aufgang wieder hinunter und stand dann etwas unschlüssig in der großen Halle. Sie versuchte sich an die Worte ihres Vaters zu erinnern, der ihr den Weg einmal beschrieben hatte, im Zusammenhang mit der Beschreibung von der Winzigkeit der Räumlichkeiten des Magisters. „Nicht größer als ein Hasenstall“, hatte ihr Vater gesagt. „Erst ganz nach hinten durch den Seitentrakt, dann eine Wendeltreppe ganz nach oben und einen Flur entlang, der so schmal ist, dass ich fast seitlich hindurch musste“, hatte ihr Vater lachend erzählt. „Das finde ich“, dachte Cyntall und machte sich auf den Weg. Der Sonnenzornturm hatte nun mehrere Seitentrakte, aber im dritten Trakt den sie ablief, entdeckte sie am Ende eine Wendeltreppe. Sie ging wie von ihrem Vater beschrieben und hoffte, dass es die richtige Treppe war. Ganz oben angelangt ging sie von Tür zu Tür und freute sich, als sie auf einem Schild „N. M. Blutnebel“ las. „Er ist noch wach“, dachte die kleine Elfe, als sie deutliche Geräusche von innen hörte. Sie klopfte zaghaft an, worauf die Geräusche augenblicklich erstarben.

„Wer ist da?“, klang es etwas ärgerlich von innen. „Ich bin es Magister….Cyntall“, rief die kleine Elfe durch die Tür. „Cyntall? Oh….Moment…gleich.“ Die kleine Elfe hörte ein Scharren, ein Poltern und etwas schien eindeutig zu flattern. Als die Tür sich dann wie von selbst öffnete, bot sich ihr ein seltsames Bild. Der alte Magister stand inmitten eines wirklich kleinen Zimmers, dutzende von Kisten standen auf dem Boden oder schwebten in der Luft und hunderte von Büchern und Pergamentrollen kreisten und schwebten ebenfalls herum. „Ich habe Hasenställe gesehen, die größer waren“, dachte Cyntall und lächelte etwas schief.

„Komm doch rein, Kind“, lächelte der alte Kampfmagier. „Was verschafft mir das Vergnügen zu so später Stunde?“ Die kleine Elfe konnte nicht wirklich eintreten, erst als der Magister mit einem Wink einige Bücher und Kisten beiseiteschob, wurde ein schmaler Gang frei, der zu einer kleinen Sitzecke führte. Der alte Magister schien noch einen Zauber zu wirken, denn plötzlich erstarb jegliche Bewegung und die Bücher, Pergamente und Kisten erstarrten. „Was hast du auf dem Herzen, Kleines?“, fragte Nufen und setzte sich zu der kleinen Elfe.

„Was macht ihr hier?“, fragte Cyntall mit einem ungläubigen Blick auf das ganze Tohuwabohu. Sie hatte bei Weitem keine Platzangst, aber so beengt wie im Moment hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. „Packen“, rief der Magister mit einem Lächeln aus. „Wir ziehen doch um.“ Cyntall konnte seine Vorfreude deutlich spüren. „Die ganzen Bücher waren hier untergebracht?“, deutete sie auf die Unmengen an Folianten, Essays und Pergamentrollen. Nufen lachte wieder. „Ein magisterliches Zimmer muss nicht immer so klein sein, wie es wirkt, nicht?“ Die kleine Elfe nickte beeindruckt. „Also?“, fragte der alte Magister nach, „was gibt es so dringendes?“

„Magister Morgentau ist wieder da“, strahlte Cyntall ihn an. „Er hat mich besucht und er war sehr nett gewesen.“ Nufen nickte und lächelte sanft. Er wusste, dass der Streit mit dem Magister der kleinen Elfe tief in der Seele gebrannt hatte. Sie hatte zwar nichts darüber verlauten lassen, aber er kannte sie gut genug um zu wissen, dass gerade dann sie etwas schwer belastete.

„Das freut mich“, entgegnete er, „einerseits für dich und andererseits für den wohlbehalten zurückgekehrten Kollegen. Das gibt doch Hoffnung.“ „Ja, nicht?“, sprudelte die kleine Elfe weiter, „mein Vater wird auch zurückkommen, ganz sicher.“ Der alte Magister nickte zustimmend und hoffte innerlich, dass er bald Nachricht über den Verbleib seines Freundes erhalten würde. „Für was steht das „M“?“, fragte Cyntall unvermittelt. „Das was?“, fragte Nufen irritiert nach. „Na, das „M“. Draußen an der Tür steht N. M. Blutnebel.“ „Ach, das“, nuschelte der alte Magister, „nur ein zweiter Vorname…magst du mir vielleicht helfen?“

Nufen griff ein Buch aus der Luft und reichte es der kleinen Elfe. „Alle Bücher von hier oben, kommen in diese Kiste“, erklärte er und zeigte auf eine mittelgroße Box auf dem Boden. Die Ablenkung gelang und Cyntall packte munter die Bücher aus der Luft in die Kiste. „Magister Morgentau möchte euch sprechen“, erzählte sie dann unvermittelt. „Recht bald, wenn es möglich ist.“ Der alte Magister erhob sich und ging zu seinem kleinen Schreibtisch um ein kleines Büchlein aufzunehmen. Er blätterte etwas, schüttelte den Kopf, dann nickte er. „Ich werde ihm eine Nachricht zukommen lassen.“

Der alte Kampfmagier hatte sich die rechte Seite vorgenommen und Cyntall fischte die Bücher links aus der Luft. Munter plauderten sie und die kleine Elfe erzählte noch in allen Einzelheiten von dem Gespräch mit dem Magister. Einen besonders schönen Folianten sah sie sich genauer an. Er war in herrlichen Seidenstoff mit wertvollen Applikationen eingebunden und innen waren die schönsten Zeichnungen. Die kleine Elfe blätterte durch die Seiten, als ihr plötzlich ein Bild entgegenfiel. „Für immer B.“ stand verwaschen auf der Rückseite und als sie das Bild umdrehte, schaute sie in das Gesicht einer rassigen, schwarzhaarigen Schönheit. Cyntall errötete etwas. Es war ihr unangenehm in der Privatsphäre des alten Magisters herumzuschnüffeln, wenngleich ihr das Bild auch zufällig in die Hände gefallen war. Sie wollte es zurück in den Folianten legen, blieb aber am Gesicht der schwarzhaarigen Elfe hängen. Etwas kam ihr bekannt und vertraut vor, obwohl sie die Elfe auf dem Bild nicht kannte. „Wer ist das auf dem Bild?“, traute sie sich dann doch zu fragen.

Der alte Magister schaute auf und erstarrte. „Lass dir nur nichts anmerken“, durchzuckte es seine Gedanken. Er trat an die kleine Elfe heran und nahm ihr das Bild aus der Hand. „Eine alte Bekannte…nur eine alte Bekannte“, erklärte er und versuchte seiner Stimme einen langweiligen Unterton zu geben. „Es ist spät geworden“, fuhr er fort. „Was meinst du, machen wir Schluss?“ Cyntall nickte und musste tatsächlich gähnen. „Gern, aber ich kann euch morgen früh weiter helfen.“ Nufen nickte und strich ihr zärtlich über den Kopf. „Gute Nacht, Kleines. Träum was Schönes.“

Als die kleine Elfe gegangen war, setzte er sich an den kleinen Tisch, schenkte sich einen Becher Wein ein und stellte das Bild an die Flasche während er einen tiefen Schluck nahm. „Das hast du mir wohl nicht zugetraut, mein Herz“, sagte er und nahm das Bild wieder auf. „Aber ich passe auf beide auf…wie versprochen.“


~ Endlich ein Heim ~

Nufen Blutnebel, seines Zeichens Magister und Kampfmagier, hatte nach der alarmierenden Nachricht von Sekretär Feuersturm ein ausführliches Gespräch mit der zuständigen Priesterin des Sonnenzornturms geführt. Nach Abwägung aller Gefahren konnte er erreichen, dass Cyntall in seine persönliche Verantwortung übergeben wurde.
„Hast du nun alles verstanden?“, fragte er die kleine Elfe, die zerknirscht vor seinem Schreibtisch saß. „Ja“, erwiderte Cyntall, „aber….“ „Aber?“ Die kleine Elfe sah ihn etwas hilflos an. „Ich…ich wollte doch nur eine Möglichkeit aufzeigen.“ Nufen nickte verständnisvoll. „Kleines, deine Versuche zu helfen in allen Ehren, aber du stehst noch ganz am Anfang deiner magischen Ausbildung. Du kannst in diesem Fall nicht helfen. Und die Hilfe eines unberechenbaren Untoten, von dem wir so gut wie nichts wissen, außer, dass er durch dich Elfen angegriffen hat, ist keine Option….niemals! Hast du das jetzt begriffen?“ Cyntall nickte langsam. „Und ich bin jetzt quasi bei Euch in Haft?“ Der alte Magister schmunzelte über das vor ihm sitzende Häuflein Elend. „Du sollst nur nirgends alleine hingehen. Ich werde dich grundsätzlich begleiten. Du wirst alle Anweisungen von Herrn Feuersturm ausnahmslos befolgen und deine Termine bei der Priesterin wahrnehmen. Versprichst du mir das?“ Die kleine Elfe sah ihn treuherzig an und nickte. „Natürlich. Es tut mir leid, dass ich schon wieder etwas falsch gemacht habe.“ Nufen strich ihr sanft über den Kopf. „Es wird schon alles gut werden, Liebes.“

Die letzten Tage über hatte die kleine Elfe zusammen mit dem alten Kampfmagier sein gesamtes Zimmerchen im Sonnenzornturm in Kisten verpackt. Nun gingen sie nochmal in die leere Räumlichkeit und Cyntall spürte eine gewisse Wehmütigkeit, die vom Magister ausging. „Und das alles nur wegen mir“, sagte sie traurig. „Genau, wegen dir“, erwiderte er schmunzelnd, „und das freut mich sehr.“ Die kleine Elfe sah ihn zweifelnd an. „Wirklich? Ihr liebt doch dieses Zimmer.“ Der alte Magister ließ den Blick nochmal schweifen und nickte dann. „Das ist richtig. Ich war sehr lange hier. Viele Erinnerungen verbinden mich damit, aber es ist ja nicht verloren. Es ist ja nach wie vor mein Zimmer, das ich nutzen werde, wenn es mal wieder spät wird.“ Nufen sah, dass er die kleine Elfe nicht wirklich überzeugt hatte. „Schau mal, Kleines“, fuhr er fort, „du warst auch gerne in deinem Turm, hast ihn aber ohne zu zögern verlassen um jemanden zu helfen, der dir wichtig war. Freunde oder geliebte Elfen sind immer wichtiger als Räume“, stellte er dann mit gewichtigem Unterton fest und verließ demonstrativ und mit gespielt theatralischer Geste sein Zimmerchen.

Cyntall musste lächeln. Seit ihrer Geburt kannte sie den alten Kampfmagier und als ihr Vater sie mitnahm, sah sie ihn auch sehr häufig. Er war immer für sie da gewesen. Wenn sie traurig gewesen war, hatte er sie getröstet, wenn sie sich mit ihrem Vater gestritten hatte, hatte er versucht zu vermitteln. Die kleine Elfe wusste, dass er lieber nach ihrem Vater suchen würde und dass er nur geblieben war um zu verhindern, dass sie noch länger in ihrem Zimmer im Sonnenzornturm eingesperrt war. Er war für sie der geliebte Großvater, den sie nie hatte, aber noch nie hatte sie mehr Liebe für ihn empfunden, als in diesem Moment.

Sie folgte ihm auf den Sonnenhof, wo ein großer Wagen stand, der über und über mit Kisten und Körben bepackt war. Auf dem Kutschbock saß ein kräftiger Elf und nach einem Nicken des Magisters ließ er die Peitsche knallen und der Wagen setzte sich in Bewegung. Cyntall und der alte Kampfmagier gingen gemächlich hinterher. Es dauerte nicht lange und der Wagen war verschwunden. „Wo ziehen wir denn nun hin?“, fragte die kleine Elfe neugierig, aber Nufen lächelte nur geheimnisvoll.

Es ging über den Sonnenhof und nach diversen Treppen weiter in Richtung des Platzes der Weltenwanderer. Etwas wehmütig blinzelte Cyntall in die kleine Gasse, die zu ihrem Turm führte, schritt aber dann zügig dem Magister hinterher. Als sie den Königlichen Markt erreichten sah sich die kleine Elfe um ob sie den Wagen entdeckte, aber sie fand ihn nicht. Als sie weitergingen und der Magister gar kein Halt machen wollte, wurde Cyntall nun immer aufgeregter. Sie waren fast am großen Tor angelangt. „Es ist doch noch in Silbermond?“, versuchte sie dem alten Magister zu entlocken. „Natürlich“, schmunzelte er erneut und bog kurz vor der Außenmauer nach links ab. Eine lange Straße führte an der Mauer entlang, die auf der rechten Seite von ihnen lag. Links war Haus an Haus oder wie Cyntall sich eingestand eher Villa an Villa.

Sie gingen die Straße immer weiter, bis sie einen Linksknick machte und weiter um Silbermond herum führte. In der Kurve war rechter Hand eine kleine Stadtvilla gebaut, die sich direkt in die Ecke kuschelte. Nufen blieb stehen und breitete strahlend die Arme aus. „Und? Was sagst du?“

Cyntall betrachtete die kleine Villa mit neugierigen Augen. Ganz in die Ecke gebaut schloss sie seitlich an die Stadtmauer an. Hinter der Villa konnte man einen kleinen Eckturm sehen, der das Haus etwas überragte. Vor der Villa waren kleinere Grünflächen, die mit Büschen und zwei nicht allzu hohen Bäumen bepflanzt waren. Mittig ging eine Treppe in den ersten Stock und mündete in einer kleinen Terrasse, die durch größere Pflanzenkübel vor neugierigen Blicken geschützt war. Drei Stockwerke konnte die kleine Elfe zählen und im Erdgeschoss waren wohl die Dienstbotenräume untergebracht. Seitlich neben dem Haus war noch ein kleines, längliches Gebäude…offensichtlich der Stall. Gerade als die Augen der kleinen Elfe darüber huschten, hörte sie das bekannte Krächzen zweimal hintereinander. „Piri!“, rief Cyntall aus und stürmte los in Richtung Stall.

Der alte Magister nahm die Arme wieder herunter und blickte der kleinen Elfe enttäuscht nach. „Sie interessiert der Stall und ich mache mir Sorgen ob ihr das Haus gefällt“, ging er kopfschüttelnd hinter der kleinen Elfe her. Er fand Cyntall an Piris Hals und sie strahlte ihn begeistert an. „Das ist ein sehr schöner Stall. So hell und freundlich“, rief sie aus. „Dann hat der Stall also schon bestanden“, schmunzelte der alte Kampfmagier, „dann ist das Haus ja nicht mehr so wichtig.“

Die kleine Elfe löste sich von ihrem alten Schreiter. „Verzeiht“, nuschelte sie leicht errötend, „ihr habt euch so viel Mühe gemacht und ich renne als erstes in den Stall.“ Nufen schmunzelte immer noch. „Falls du doch jemals Magistrix wirst, solltest du deine Vorliebe für Ställe lieber nicht so öffentlich zeigen.“ Cyntall lachte und schüttelte den Kopf. „Zeigt ihr mir jetzt den Rest?“ Sie drückte Piri nochmal kurz und stürmte auch schon nach draußen. Der alte Magister starrte ihr nun doch recht entgeistert hinterher. „Den Rest des Hauses?“, schüttelte er erneut den Kopf, „sie hat den Stall gesehen und möchte nun den Rest sehen.“ „Kommt ihr?“, tönte es von draußen.

Sie gingen die Treppe hinauf und oben konnte man rechts und links jeweils zu einer kleinen Terrasse abbiegen; geradeaus gelangte man zur Eingangstür. Zwei Hausmädchen standen davor und machten einen Knicks, als der alte Magister und die kleine Elfe die Treppe hochkamen. Nufen stellte sie kurz vor. Cyntall trat als Erste in die Eingangshalle und schaute sich mit großen Augen um. Über dem kühlen Steinfußboden lagen edle Läufer und die Wände waren mit Ornamentik reich verziert. Ein großer Spiegel hing auf der rechten Seite und links hing ein Gemälde, das offensichtlich den Immersang zeigte. Zwei Türen gingen vom Eingangsbereich ab, rechts und links. Geradezu begann eine weiße Steintreppe sich in die Höhe zu winden.

„Beginnen wir doch im Wohnbereich“, schlug Nufen vor und öffnete die linke Tür. Cyntall betrat einen großen, fast dreieckigen Raum der wiederrum mit dicken Läufern ausgelegt war. An den Wänden hingen einige Landschaftsbilder. Große bodentiefe Fenster gaben den Blick auf die Terrasse frei, die man durch eine Glastür erreichen konnte. Vor einem großen Kamin, über dem ein thalassisches Wappen aufgehängt war, stand eine gemütliche Sitzgruppe aus Leder bestehend aus einzelnen Sesseln und einem edel gearbeiteten Chaiselongue. Mehrere kleine Glastischchen rundeten das Bild ab. Im hinteren Teil des Raumes, der etwas schmaler wurde, stand ein großer Holztisch mit eingearbeiteten Intarsien und drum herum gepolsterte Stühle. An der Rückwand führte eine Tür in den Turm, dessen halbe Rundung in den Raum ragte. Offensichtlich ging es von dort nach oben und unten zu den Diensträumen wie Küche und Vorratslager. Der Raum war einheitlich in einem hellen und warmen Gelb gehalten mit einigen rötlichen Farbpunkten. Das dunkle Holz des Kamins und der ebenfalls dunkle Steinboden setzen weitere Akzente.

„Was sagst du?“, fragte der alte Magister, der die kleine Elfe nicht aus den Augen gelassen hatte. Cyntall lächelte ihn an. Das ist ein sehr schöner Raum, Magister. „Er ist nicht zu pompös?“, fragte er nach, „dein Vater mag nämlich nicht pompös, aber ich habe den Hang zu übertreiben, wenn ich in Einrichtungslaune bin.“ Die kleine Elfe lachte und schüttelte den Kopf. „Er ist schlicht und elegant“, erwiderte sie. Nufen nickte begeistert und zerrte die kleine Elfe fast in den gegenüberliegenden Raum. „Der wird dir erst gefallen“, rief er und schubste sie hinein. Cyntall war tatsächlich begeistert. „Eine Bibliothek“, rief sie aus, „eine richtige Bibliothek.“

Dieser Raum war sehr dunkel gehalten. Die Regale gingen bis unter die Decke und schienen den Raum einzuschließen. Eine Sitzgruppe mit großen Ledersesseln stand vor einem weiteren Kamin und im hinteren Teil standen zwei große Chaiselongues, die zum Verweilen einluden. Alles war in einem tiefen Braun gehalten und obwohl auch hier bodentiefe Fenster auf die Terrasse führten, war man versucht einige der vielen Leuchter anzuzünden. Auch hier konnte man über eine Tür in den Turm eintreten. „Endlich hab ich Platz für all meine Bücher“, sagte der alte Magister und deutete auf die noch leeren Regale. „Ich glaube, ich werde hier oft sein“, grinste Cyntall. „Das wird mein Lieblingsraum.“ Nufen strahlte.

Sie gingen dann in den zweiten Stock und von der Treppe zweigten erneut zwei Zimmer ab. Das rechte Zimmer erkannte Cyntall sofort. Dicke Teppiche verdeckten auch die kleinste Sicht auf den schönen Steinfußboden. Die Sitzgruppe und das Chaiselongue waren mit allerlei Kissen und Decken belegt. Rote Wandteppiche mit thalassischen Ornamenten, ein riesiges Bett und ein ausladender Waschtisch rundeten den ersten Eindruck ab. Auf jeder freien Stellfläche standen Antiquitäten in Form von Statuen, Vasen oder ähnliches. „Etwas pompös, ich weiß“, grinste der alte Magister und schob sie auch schon weiter in den Raum links.

Cyntall betrat den Raum und bekam fast gleichzeitig Magenschmerzen. Der Raum war völlig leer. Nicht einmal die Wände waren gestrichen. „Hier kannst du dich austoben“, schmunzelte der alte Magister. „Ich bin sicher, dass es deinem Vater gefallen wird“, sagte er aufmunternd. Die kleine Elfe starrte düster in das Zimmer und war sich da gar nicht so sicher. „Wenn ihr meint“, sagte sie ohne jegliche Begeisterung und war froh, dass der alte Magister sie weiterzog.

Es ging die Treppe ein letztes Mal hinauf. Nun wurde es merklich schmaler und nur eine Tür ging von dem kleinen Flur ab. „Und nun….dein Reich“, lächelte Nufen und Cyntall konnte sehen, dass er tatsächlich noch aufgeregter war, als bei den unteren Räumlichkeiten. Die kleine Elfe trat in den Raum und blieb erst einmal erstaunt stehen. Dicke, rote Teppiche lagen auf einem weißen Steinfußboden. Weiße Ledersessel standen in einer Gruppe am Kamin und eine ebenfalls weiße Chaiselongue mit roten Kissen und einer roten Decke stand vor der Fensterfront. 

„Von den Vorbesitzern wurde das der „weiße Salon“ genannt, wie ich erfahren konnte“, fügte der alte Kampfmagier erklärend an. „Die roten Accessoires stammen von mir“, lächelte er, „sonst fand ich es zu kühl für ein kleines Mädchen.“ Cyntall grinste innerlich. „Egal wie alt ich werde“, dachte sie, „für den alten Magister werde ich wohl immer ein Kind bleiben.“ Der Blick der kleinen Elfe wanderte weiter durch den Raum. Im hinteren Teil stand ein weißer Schreibtisch mit einem weiß gepolsterten Stuhl davor. „Ich habe nur das Nötigste in diesem Zimmer veranlasst. Natürlich kannst du die Wände und noch freie Flächen ganz nach deinem Gusto einrichten.“ Cyntall nickte dem alten Magister zu. „Es ist sehr schön, Magister. Aber wo soll ich denn schlafen?“ Der Raum war nicht übermäßig groß. Mit der Sitzgruppe und der Liege und im hinteren Teil der Schreibtisch, war er recht gut gefüllt.

Nufen strahlte, als habe er nur auf diese Frage gewartet. Mit ausladender Geste trat er etwas tiefer in den Raum und öffnete eine fast verborgene Tür. Durch einen schmalen Flur, der quasi hinter der Treppe herumführte, kam man auf die andere Seite. Nun fiel der kleinen Elfe doch die Kinnlade herunter. „Ich habe zwei Zimmer?“ Sie betrachtete mit großen Augen ein Bett, das mit seiner Größe und dem Baldachin fast das ganze Zimmer einnahm. Ansonsten standen Schränke an den Wänden und ein kleiner Sessel mit einem Tischchen vor dem Fenster. Der hintere Bereich war mit einem Paravent abgeschirmt dort befanden sich ein Waschtisch und sogar eine kleine Badewanne.

„Und das ist wirklich mein Reich?“, fragte Cyntall und konnte es kaum glauben. „Es gefällt dir also?“ Der alte Kampfmagier sah forschend in das Gesicht der kleinen Elfe. „Gefallen?“, entgegnete Cyntall, „gefallen ist gar kein Ausdruck. Ich bin begeistert!“

„Ha!“, rief Nufen aus. „Das Beste kommt zum Schluss.“ Er zog sie in den kleinen Flur zurück und Cyntall sah, dass hier ebenfalls eine Tür in den Turm führte, der alle Stockwerke zu verbinden schien. „Na hopp, rauf mit dir“, lachte er und schob die kleine Elfe fast die Treppen hoch. Cyntall stolperte mehr die schmale Wendeltreppe hinauf und gelangte so in die Spitze des Turms. Hier oben standen ein Tischchen und eine Liege. Die bunten Fensterscheiben ließen ausreichend Licht hinein und wenn man sie öffnete, dann sah man in den Immersang und auf der anderen Seite auf die Häuser von Silbermond. „Es ist nur ein Ziertürmchen und daher nicht so hoch, aber man hat doch einen schönen Blick, nicht?“ Der alte Magister schaute gespannt auf den Rücken der kleinen Elfe, die scheinbar erstarrt war.

Als Cyntall sich umdrehte, liefen ihr die Tränen übers Gesicht und Nufen blickte sie erschrocken an. „Ich….ich…ich habe wieder einen Turm?“, schluchzte sie und dann warf sie sich weinend an die Brust des alten Magisters. „Ich habe doch gesagt, dass alles wieder gut wird, Kleines“, sagte er leise und klopfte beruhigend auf ihren Rücken.


~ Dunkelheit ~

Gutgelaunt stand Cyntall vor ihrem Kleiderschrank. Diverse Roben und Accessoires hatte sie auf dem Bett drapiert, aber sie war noch nicht ganz zufrieden. Schließlich ging sie auf einen öffentlichen Vortrag, und das wieder mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Vielleicht sah sie ein paar Bekannte oder vielleicht sogar einige Adepten des Arkaneums. Schon seit der hohe Herr vom Elfenbeinturm den Phönix gezaubert hatte, war sie von den Vorträgen begeistert und die kleine Elfe war froh, dass Magister Blutnebel doch die Zeit dafür gefunden hatte, obwohl ihn das Thema nun so gar nicht interessierte. Die kleine Elfe wiegte kurz den Kopf hin und her. „Gut, wenn ich ehrlich bin, interessierte es mich auch nicht so sehr“, dachte sie. Aber sie kam wieder einmal raus. Die langweiligen Arbeiten und die ständige Kontrolle dabei gingen ihr gewaltig aufs Gemüt.

„Das grüne oder das rote Kleid?“, überlegte sie. Letztendlich entschied sie sich für eine weiß/schwarze Kombination, weil dazu der weiße Schal passte, den ihr Magister Blutnebel geschenkt hatte und der ihr wegen den silbernen Stickereien so gut gefiel. Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel und ging dann die Treppen hinunter. Im ersten Stock öffnete sie kurz die Tür zum Zimmer von ihrem Vater. Sie war mit dem Einrichten fertig und es gefiel ihr sehr gut. Der alte Magister war begeistert gewesen. „Als ob du dieses Talent von mir hättest“, hatte er gesagt und dann gelacht. Trotzdem ging sie mehrmals am Tage in das Zimmer und sah sich um. „Es muss ihm gefallen“, dachte sie. „Es muss ihm einfach gefallen.“

Sie stand noch eine Weile im Zimmer und stellte sich vor, wie ihr Vater reagieren würde. Sie malte sich die verschiedensten Reaktionen aus. Fakt aber war: sie wusste es nicht; und das bereitete ihr Magenschmerzen. „Es wird ihm schon gefallen“, sprach sie sich selbst Mut zu, dann zuckte sie zusammen. „Schon so spät“, kommentierte sie die tief liegende Sonne, die sich noch spärlich durch die Fenster kämpfte. Sie mussten los. Cyntall hoffte, dass der alte Kampfmagier und sein ehemaliger Schüler, der sie begleiten wollte, bereit waren. Sie wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Sie schloss die Tür und hüpfte vergnügt die Treppen nach unten.

„Wir müssen looooss“, rief sie fröhlich in den Wohnraum nachdem sie die Tür schwungvoll geöffnet hatte. Der Raum war leer und recht dunkel, da die Sonne nicht mehr so weit nach unten kam. Die kleine Elfe schaute verwundert und ging dann in die Bibliothek auf der anderen Seite des Flures. „Magister? Herr Arkanist?“, fragte sie in die auch hier herrschende Dunkelheit. Nun kam nur noch ein Zimmer in Frage, das des alten Magisters. Cyntall erklomm wieder die Stufen in den ersten Stock. „Magister?“, klopfte sie zaghaft an. Die Tür wurde nur einen Spalt geöffnet. Besilaer Sonnengluts Hakennase erschien im Spalt. „Was möchtest du?“ Die kleine Elfe kannte ihn schon lange und warmherzige Freundlichkeit lag nicht in der Persönlichkeit des Arkanisten, heute allerdings war noch etwas anderes in seiner Stimme. Sofort stellte sich ein enttäuschtes Gefühl bei Cyntall ein. „Wieder mal typisch“, dachte sie. „Immer wenn ich mich mal auf was freue, kommt was dazwischen.“

„Der Vortrag….wir wollten doch zu dem Vortrag“, antwortete sie. „Das geht jetzt nicht“, entgegnete der Arkanist und lächelte sie an. Er lächelte! Bei Cyntall sprangen alle Alarmglocken an. Der Arkanist hatte sie noch nie angelächelt, eher wie ein Insekt betrachtet, von dem er überlegte, ob er es nun ignorieren oder doch zerdrücken sollte. Sie wusste jetzt auch was sie an seiner Stimme gestört hatte. Sie hatte so einen sanften Tonfall, als ob er verhindern wollte, dass eine Irre ausrasten würde. Wieso sollte sie ausrasten? „Was ist denn los? Wo ist der Magister?“, wollte Cyntall wissen. Besilaer sah sie weiter unbeirrt mit leichtem Lächeln an. „Geh am besten auf dein Zimmer, Kleines. Der Magister ist im Moment indisponiert. Er wird dich später rufen.“ Der Arkanist hatte die Tür nur einen Spalt geöffnet, aber nicht bedacht, wie schmal Cyntall war. Die kleine Elfe wusste spätestens nachdem er sie „Kleines“ genannt hatte ganz genau, dass etwas Schlimmes passiert war und nun zwängte sie sich mit einem kurzen Dreh durch den Spalt und in das Zimmer.

Es war dunkel. Es brannten nur wenige Kerzen. Der alte Magister saß in seinem Sessel. Cyntall wusste zwar, dass er sehr alt war, aber durch seine jungenhafte, drahtige Art wirkte er meist viel jünger. Das war jetzt anders. Die kleine Elfe erschrak regelrecht. Sein Gesicht war ausdruckslos und fahl, wirkte wie aus Wachs und hatte tiefe Furchen. Er starrte vor sich hin ins Leere und das Kerzenlicht tat ein Übriges.
„Ma…Magister?“, sagte Cyntall nun ängstlich. Der alte Kampfmagier starrte weiter ins Leere. Nein, nicht ins Leere. Er starrte auf einen Brief, der geöffnet und auseinandergefaltet auf dem Boden vor ihm lag. Cyntall trat näher und bückte sich. Sie sah Besilaer nur als Schatten, aber er war vor ihr beim Brief und schnappte ihn regelrecht weg. „Nufen?“, sagte er dann behutsam und legte dem alten Magister die Hand auf die Schulter und rüttelte ihn leicht. „Cyntall ist hier.“

Der alte Elf hob den Blick und sah Cyntall in die Augen. Sie blickten sich eine Weile stumm an. Nufen sah bestimmt die Angst in den Augen der kleinen Elfe, sie konnte unendlichen Schmerz in seinen sehen. „Cyntall, …Liebes“, sagte er dann mit brüchiger Stimme, richtete sich aber etwas auf und versuchte ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern. Der kleinen Elfe konnte er aber nichts vormachen. „Was ist denn passiert?“, fragte sie ängstlich und zeigte auf den Brief in der Hand des Arkanisten. „Schlechte Nachrichten? Mein Vater?“

Der alte Kampfmagier warf kurz einen Blick auf seinen ehemaligen Schüler, dann rappelte er sich hoch. „Ein kleiner Schwächeanfall. Das passiert ab und an, aber wir sprechen nicht darüber, nicht?“, sagte er und schaffte es sogar einen vergnügten Ton in die Stimme zu legen. „So was dauert nie lange und Besilaer hat mich schon mit meinen Tropfen versorgt.“ Cyntall sah ihn skeptisch an. „Und der Brief? Was steht in dem Brief?“ Erneut warf der alte Magister seinem ehemaligen Schüler unbemerkt einen bittenden Blick zu. „Eine Verlustliste aus Draenor“, schnarrte Besilaer und Nufen zuckte regelrecht zusammen und schüttelte unmerklich den Kopf in Richtung des Arkanisten. „Euer Vater steht nicht unter den Verlusten, falls ihr das wissen wollt“, entgegnete er Cyntall.

„Darf ich mal sehen?“ Die kleine Elfe blieb hartnäckig. Irgendetwas stimmte hier doch nicht. „Tut mir leid, aber bevor die Namen nicht veröffentlicht sind, darf das keiner sehen“, lehnte der Arkanist ab und steckte den Brief in seinen Wams. "Leider auch keine erfreulichen Nachrichten", erläuterte der alte Magister. "Der Aufenthaltsort deines Vaters ist leider nach wie vor ungewiss. Ich hoffe aber bald positivere Nachrichten zu bekommen." Cyntall begann ihre Unterlippe zu malträtieren. "Leider wird das mit dem Vortrag nichts, Liebes", fuhr der alte Kampfmagier fort, "ich fühle mich wirklich nicht wohl. Magst du vielleicht mit Besilaer hingehen?" Der Kopf des Arkanisten ruckte herum und er schenkte seinem ehemaligen Lehrer einen entsetzten Blick, der der kleinen Elfe nicht entging. Sie schüttelte leicht den Kopf. "Nein", antwortete sie etwas steif, "der Herr Arkanist muss sich nicht bemühen. Dann verschieben wir das halt." Besilaer Sonnenglut atmete hörbar auf. "Du musst gar nicht denken, dass ich erpicht bin mit dir da hin zu gehen", dachte Cyntall finster, "da gehe ich ja lieber mit diesem irren Transmutationskerl, als mit dir."

Der alte Magister ging zum Schreibtisch und nahm nach kurzer Suche ein kleines Buch in die Hand. "Ja, wir werden das nachholen. Magst du mir hier die markierten Stellen herausschreiben? Damit würdest du mir sehr helfen." Die kleine Elfe nahm das Buch entgegen. "Na toll, eine weitere Beschäftigungstherapie", dachte sie, erwiderte aber laut: "Natürlich, sehr gern." Ein kurzes Schweigen entstand und ehe es peinlich wurde verabschiedete sich Cyntall, nachdem sie dem alten Magister noch eine gute Besserung wünschte.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, sank der alte Elf wieder zusammen. "Findest du es richtig sie so zu belügen?", fragte Besilaer in seiner trockenen Art. "Ich habe sie nicht belogen. Der Aufenthalt ihres Vaters ist ungewiss und er steht nicht auf der Gefallenenliste." Besilaer schenkte nochmals das Wasserglas des Magisters voll und reichte es ihm dann. "Schwerverletzt in einer Orcfeste zurückgelassen, lässt nun nicht viele Möglichkeiten offen. Diese Waldläuferin hat doch deutlich geschrieben, dass..." "ICH WEIß, WAS DA STEHT", brüllte Nufen dazwischen. Besilaer sah seinen alten Meister nachdenklich an. "Du solltest ruhen." Die gut gemeinten Worte hörte Nufen schon nicht mehr. Er war weit weg. Bei der Frau, die er einst geliebt hatte. Er sah Marlatans Mutter deutlich vor sich. "Ich habe versagt, Bela." Nur dieser Satz hämmerte durch seinen Kopf. "Ich habe versagt."

Cyntall war nicht in ihr Zimmer gegangen um die aufgetragene Arbeit zu erledigen. Sie stand bei fast vollständiger Dunkelheit im Zimmer ihres Vaters. "Wieso halten mich eigentlich alle für blöd", dachte sie und schloss die Augen. Früher im Armeelager hatte das immer geklappt. Wenn ihr Vater länger als gedacht auf einer Mission blieb oder man nicht wusste was passiert war und ob er wiederkommen würde, dann war sie in sein Zelt geschlichen. Sie hatte seine Sachen berührt, hatte ihr Gesicht tief in ein Hemd oder eine Jacke von ihm vergraben, hatte sich auf seine Liege gekuschelt und seine Decke fest um sich geschlungen. Dann hatte sie ihn immer gespürt. Dann wusste sie immer, dass er zurückkommen würde.
"Nichts", murmelte sie und öffnete die Augen. Wie sollte sie ihn auch hier spüren. Er war noch nie in diesem Raum gewesen. Trotzdem ging die kleine Elfe zum Bett und vergrub sich tief unter den Decken. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, waren sie im Streit auseinander gegangen. Wie so oft. Wie eigentlich immer.

"Ich muss ihm doch sagen, dass ich ihn liebe", flüsterte sie in die Dunkelheit.


~ Hoffnung oder Realität ~

Cyntall blieb noch kurz an der Eingangstüre stehen und sah Magister Morgentau traurig nach. Der Spaziergang durch den Immersang hatte ihr gut getan. Seine Anwesenheit hatte sie getröstet. Er hatte sie getröstet. Obwohl sie seine Robe mehrfach mit Tränen getränkt hatte, hatte er sie nicht losgelassen, hatte sie tröstend im Arm behalten. Als sie sah, wie er um die Biegung verschwand, stellte sich das ohnmächtige Gefühl wieder ein, spürte sie wieder die Trauer und die Einsamkeit, seit sie erfahren hatte, dass ihr Vater wahrscheinlich gefallen war. „Hoffnung, wir müssen hoffen“, hatte Magister Blutnebel gesagt. „Der Realität ins Auge blicken“, bevorzugte Magister Morgentau. Und sie selbst? Konnte man, wenn man der Realität ins Auge sah, weiterhin hoffen? Starb die Hoffnung nicht mit der Realität?

Cyntall stiegen wieder die Tränen ins Gesicht. Wie gerne würde sie hoffen…hoffen dass alles gut wird, dass er irgendwann wieder vor ihr stand. Aber wenn Magister Blutnebel vor Kummer zusammenbrach, Magister Morgentau ihr deutlich gesagt hatte, dass es wohl keine Hoffnung gab und selbst die Waldläuferin, die ja schließlich bei ihrem Vater gewesen war, keinen Lichtblick in Aussicht stellte, war es dann vernünftig sich der Realität zu versperren?

Die kleine Elfe schloss nun die Haustür und ging langsam in den ersten Stock. Leise klopfte sie an die Zimmertür des Magisters. „Magister Blutnebel?“ Als keine Reaktion erfolgte, drückte sie die Klinke leise herunter und trat ein. „Magister?“, flüsterte sie. Der Raum lag im Halbdunkeln. Es brannten nur wenige Kerzen. Cyntall sah den alten Magister in einem hohen Ledersessel sitzen. Als sie den Sessel etwas umrundete sah sie, dass er wieder das Bild der schwarzhaarigen Frau in den Händen hielt. Als sie den Sessel ganz umrundete, sah sie wie ihm die Tränen über das Gesicht liefen.

Cyntall trat vorsichtig näher und ließ sich stumm zu seinen Füßen nieder. Leise weinend legte sie den Kopf auf seinen Schoß. Nufen erschrak etwas, räusperte sich dann und wischte sich etwas unbeholfen über das Gesicht. Das Bild ließ er im Robenärmel verschwinden. Sanft strich er ihr über das Haar. „Liebes…du bist wieder da. Hat dich der Kollege Morgentau sicher begleitet?“, fragte er. Die kleine Elfe antwortete nicht sofort. Erst nach einiger Zeit hob sie den Kopf und sah ihn an. Sie erschrak. Der alte Magister schien in den letzten Tagen um Jahrzehnte gealtert zu sein. „Sieht so eure Hoffnung aus?“, fragte sie leise.

„Ach, Kleines“, entgegnete er mit erstickter Stimme. „Mein Herz schreit nach Hoffnung, mein Herz wünscht sich nichts mehr als das, aber in den Jahrhunderten des Kampfes habe ich auch gelernt mich der Realität zu stellen….es sieht…es sieht einfach nicht gut aus“, endete er und hatte sichtlich Mühe die Contenance ihr gegenüber zu behalten. „Werdet ihr mich auch verlassen?“ Cyntall legte ihren Kopf wieder auf seinen Schoß. „Ich warte auf den Bericht aus Draenor“, erwiderte er und strich ihr wieder beruhigend über das Haar. „Dann werde ich mich entscheiden.“ Die kleine Elfe schüttelte leicht den Kopf. „Ich will nicht, dass ihr geht. Ihr dürft mich nicht auch noch alleine lassen.“ Nufen schluckte schwer und zog Cyntall dann zu sich hoch und nahm sie in den Arm. Wie gerne würde er ihr sagen, dass alles gut werden würde, aber Morgentau hatte recht. Er sollte sie nicht belügen oder falsche Hoffnungen wecken, also schwieg er und hielt sie einfach.

Cyntall genoss die Geborgenheit, die von ihm ausging. Als sie sich die Tränen abwischte, sah sie ein Teil des Bildes aus seinem Robenärmel hervorschauen. „Sie kommt mir so bekannt vor. Wer ist das?“ Die kleine Elfe setzte sich auf und zog das Bild aus dem Ärmel und betrachtete es. Nufen erschrak und war versucht ihr das Bild aus den Händen zu reißen. „Du kennst sie nicht“, antwortete er mit belegter Stimme. „Aber mir ist, als ob ich sie kennen würde“, widersprach Cyntall und reichte ihm das Bild.

Nufen nahm es entgegen und zögerte. Sollte er etwas sagen? War jetzt der richtige Moment? Sollte er ihr sagen, dass ihr die Elfe bekannt vorkam, weil sie ihren Vater in deren Gesicht erkannte? Dann würde die nächste Frage drohen, dessen war er sich sicher. Sie würde wissen wollen, warum er dieses Bild hatte, warum er seit Tagen darauf starrte.

„Nein“, dachte er. Jetzt war definitiv nicht der richtige Moment. Er würde ihr irgendwann sagen, wer die Frau war. Und er würde ihr auch irgendwann sagen, wer er war. Aber nicht jetzt. „Sie hätte dich auf jeden Fall gerne kennengelernt, dessen bin ich mir sicher“, sagte er leise und legte das Bild zurück in die schmale Schachtel, aus der er es entnommen hatte. Cyntall erhob sich dann. „Ich bin oben, wenn ihr mich braucht“, bot sie an und Nufen nickte. „Ruh dich etwas aus, Liebes.“ Die kleine Elfe drehte sich an der Tür nochmals um, aber der alte Kampfmagier starrte schon wieder abwesend in die Dunkelheit.

Eine ganze Weile stand sie einfach in ihrem Zimmer. So gar nichts tun zu können machte ihr am meisten zu schaffen. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und überlegte angestrengt, aber ihr fiel nichts ein. Sie konnte schließlich nicht alleine nach Draenor. Sie wusste ja nicht einmal wie man da hinkam. „Wenn, dann brauche ich Hilfe“, dachte sie. In der Vergangenheit hatte sie sich immer an ihren Vater gewandt. Er hatte ihr immer geholfen. Oder sie hatte sich an den alten Magister oder an Magister Morgentau gewandt. Diese kamen jedoch alle nicht in Frage.

Cyntall versuchte den Gedanken, der ihr schon seit einigen Tagen im Gehirn rumspukte auch jetzt zu verdrängen, aber sie schaffte es nicht. Sie kannte jemanden, der ihr helfen konnte. Jemand der mächtig war….sehr mächtig. Sie hatte seine Magie gesehen und sie war stärker gewesen, als alles was sie bisher kannte. Aber die kleine Elfe hatte auch Angst. Der Untote hatte sie schließlich dazu gebracht geliebte Elfen zu verletzen. Er hatte sie benutzt. Und wenn sie ihn jetzt benutzte? Vielleicht konnte er ihren Vater finden. Vielleicht konnte sie mit ihm einen Handel schließen. Landtmann hatte etwas aus ihrem Besitzt gehabt. So hatte er immer Kontakt aufgenommen. Wenn sie ihm etwas von ihrem Vater gab, dann fand er ihn vielleicht?

„Bist du völlig irre?“ Cyntalls innere Stimme meldete sich lautstark. „Du hast den Magister doch gehört? Du sollst keinen Blödsinn machen? Du hast es ihm versprochen.“ Die kleine Elfe nickte. Das stimmte. Sie hatte es versprochen. Und er hatte ihr auch deutlich mitgeteilt, dass er sie nur wieder unterrichten würde, wenn sie sich stets an seine Anweisungen hielt, und dass eine erneute Verfehlung ihrerseits ein endgültiges Ende ihrer Ausbildung bedeutete. Cyntall konnte es drehen und wenden wie sie wollte. Mit Landtmann Kontakt aufzunehmen, würde sicher in die Kategorie „Blödsinn“ fallen. Dabei hatte sie nicht einmal eine Ahnung wie sie Kontakt aufnehmen sollte. Und sie wollte es sich auf keinen Fall mit Magister Morgentau verderben. Schließlich würde er der letzte Halt sein, wenn der alte Kampfmagier nach Draenor ging. Nein, Landtmann war keine Option.

Die kleine Elfe sah sich um. Vielleicht konnte Magister Morgentau ja auch so einen Kontaktzauber. Wenn sie ihm etwas von ihrem Vater gab, dann würde er es bestimmt versuchen. Cyntall lief in ihr Schlafzimmer und durchstöberte ihre Schubladen. Sie wühlte darin herum, riss sie heraus wenn es nicht schnell genug ging und widmete sich dann der nächsten. „Hier ist nichts“, murmelte sie enttäuscht und ging in den Wohnraum. Dort setzte sie die Verwüstung fort. „HIER IST ABSOLUT NICHTS“, schrie sie enttäuscht und schlug die Holzschublade wütend auf den Boden. Die kleine Glasvase auf dem Beistelltisch flog mit Schwung hinterher. „Was bei allen Dämonen ist denn hier los?“, fragte Nufen, der aufgrund des Gerumpels nach oben gekommen war und nun entsetzt auf das Chaos starrte. Cyntall hatte sich eine kleine Statue vom der Vitrine gegriffen und war im Begriff sie hinter der Vase her zu donnern. Jetzt stoppte sie zittrig.

„Ich…ich habe…habe gar nichts“, schluchzte sie verheult. „Nichts…gar nichts. Kein Andenken, kein Bild…ich habe gar nichts von ihm.“ Nufen trat näher und nahm sie in den Arm. Beruhigend klopfte er sacht auf ihren Rücken. „Du hast sehr viel von deinem Vater, Kleines“, sagte er leise. „Deine Liebe zur Natur, zu allen Lebewesen, zu deinem Volk, deine unumstößliche Treue und auch deine Sturheit“, hierbei lächelte der alte Magister leicht, „und das Wichtigste…dein gutes Herz. All das hast du von deinem Vater.“ Cyntall schniefte leicht. „Das meinte ich nicht“, entgegnete sie. „Ich weiß. Aber die Liebe und Erinnerung die du im Herzen trägst, sind viel wichtiger als irgendein Bild oder etwas aus seinem Besitz. Die Erinnerung an ihn, kann dir niemand nehmen.“ Die kleine Elfe zitterte leicht. „Aber ich wollte ihm doch noch was sagen… was Wichtiges.“ Der alte Magister verzog schmerzlich das Gesicht. „Ja, das wollte ich auch“, murmelte er leise.

Cyntall löste sich aus dem Armen des Magisters und blinzelte ihn an. „Ich hab mich entschieden“, sagte sie mit leiser aber fester Stimme. Nufen runzelte die Stirn. Die Kleine würde doch jetzt keinen Unsinn machen? Bei ihr konnte man ja nie ganz sicher sein. Vorsichtig fragte er nach: „Und was hast du entschieden?"

Die kleine Elfe stellte die Statue wieder auf ihren Platz und lächelte den alten Kampfmagier an. „Ich habe mich für die Hoffnung entschieden. Er kommt wieder….darauf hoffe ich ganz fest.“


~ Die Macht des Willens ~

„Was für ein seltsamer Vormittag“, dachte Cyntall und betrat das Arbeitszimmer von Saedan Feuersturm, seines Zeichens Sekretär von Magister Morgentau. „Ich habe zwei Rechnungen für euch“, berichtete sie ihm nach der Begrüßung. „Und diese zwei Sachen“, erklärte sie weiter und reichte ihm den Ring und den Holzstab. „Der Herr Magister braucht sie für den Kontaktzauber“, fügte sie an. „Ich überlasse sie euren Händen. Würdet ihr die Sachen bitte morgen dem Herrn Magister geben?“ Sekretär Feuersturm nickte nur und wollte sich dann wieder seinem Schreibtisch zuwenden. „Vielleicht seht ihr besser mal nach ihm. Er möchte, dass ihr zusperrt“, sagte die kleine Elfe dann zögerlich. Der Sekretär schaute fragend auf. „Und vielleicht könnt ihr es schaffen, dass er...ähm, feste Nahrung aufnimmt, wenn ihr versteht“, schlug sie verlegen vor. Er verstand.

Gegen Mittag kam sie dann zu Hause an und ging wie üblich in den Stall. „Hallo, Piri“, begrüßte sie den alten Schreiter und streichelte seinen Hals entlang. Mit der anderen Hand wurden Leckerlis aus dem Beutel gefischt und Piri hingehalten. Der weiße Schreiter ließ sich nicht zweimal bitten und pickte gierig alles auf. „Jetzt ist es bald soweit, Piri“, begann Cyntall zu erzählen. „Magister Morgentau wird den Zauber weben und dann wird Magister Blutnebel nach Draenor gehen und Vater finden. Ist das nicht toll? Er ist bald wieder da.“ Die kleine Elfe langte erneut in den Beutel. „Dann ist aber Schluss“, lächelte sie ihren alten Freund an, „heute Abend gibt’s nochma….AU!“

Ein stechender Schmerz raste durch Cyntalls Schulter und sie fuhr erschrocken herum. Sie konnte kaum glauben was sie sah. „Amriel?“ Fassungslos starrte die kleine Elfe auf den großen und pechschwarzen Schreiter ihres Vaters, der, bösartig wie er nun mal war, erneut ausholte. Cyntall trat einen Schritt zurück, so dass der Schreiter sie nicht mehr erreichen konnte. „Amriel? Du bist wirklich da? Wenn du da bist, dann….“ Die kleine Elfe rannte los. Wenn Amriel da war, dann war auch ihr Vater zurück. Sie hetzte zum Haupthaus und rannte die Stufen hinauf, nahm zwei auf einmal. Die Eingangstür flog so laut auf, dass die Bedienstete erschrocken zusammenzuckte. „Wo ist er?“, schrie Cyntall die hagere Elfe an. „Die Herrschaften sind oben“, antwortete Sarbel etwas irritiert und deutete die Treppen hinauf.

Die kleine Elfe hatte nur oben verstanden und spurtete weiter. „Er ist wieder da“, schrie es in ihr, „ich habe es doch gewusst…ich habe es gewusst.“ Gleich würde sie ihn in den Arm nehmen können, gleich würde sie ihm sagen können, dass sie ihn liebte…gleich. Sie riss die Tür zu den Räumlichkeiten des Magisters auf. „Vat…“, brach sie dann ab und blieb erstarrt in der Tür stehen.

Im Raum standen Rhothomir Sturmbrand, der Stellvertreter ihres Vaters und der alte Magister. Der alte Kampfmagier hatte eine blonde Elfe im Arm und schien sie zu trösten. Alle wendeten jetzt den Blick zur kleinen Elfe hin, die immer noch in der Tür stand. Cyntall bekam das nur am Rande mit. Ihr Blick war gefangen von der Tasche, die mittig auf dem Tisch zwischen den Elfen stand. Langsam ging sie darauf zu. Wie magisch schien sie sie anzuziehen. Sie kannte diese Tasche.

„NEIN, nein…bitte..“, schrie es in der kleinen Elfe. Dann stand sie davor und ihre Finger glitten über den grünen Leinenstoff. Sie fuhr über die Stelle am Riemen, die sie selbst geflickt hatte, dann öffnete sie die Schnalle wie in Trance. 

Da waren seine Sachen, da waren all die Dinge, die sie so vermisst hatte. Cyntall fuhr durch Hemden, Tücher, Waschzeug und persönliche Sachen ihres Vaters und zog dann schließlich einen flachen Gegenstand heraus. Sie starrte auf ein kleines Bild. „Er…er trug ein Bild von mir bei sich?“, wandte sie sich weinerlich an den Magister. Der alte Kampfmagier antwortete nicht. Cyntall konnte sehen, dass er alle Kraft benötigte um nicht die Contenance zu verlieren. Er nickte nur. 

Die blonde Elfe hatte sich vom Magister gelöst und trat nun an Cyntall heran. „Es tut mir so leid, Kleines“, sagte sie mit warmen Ton und wollte die kleine Elfe in den Arm nehmen. „Was tut euch leid, Ayen?“, sagte Cyntall mit kalter Stimme und trat zurück. Ayen Wolkenbrecher lächelte die kleine Elfe sanft an. „Es ist in Ordnung“, erwiderte die Waldläuferin so herzlich wie möglich, „er wird mir auch fehlen.“ „Dann habt ihr ihn also schon abgeschrieben?“, giftet Cyntall zurück. Sie mochte die ab-und-an-Freundin ihres Vaters so gar nicht. „Das ging ja schnell.“ Ayen lächelte immer noch. Sie war von der Tochter ihres Freundes schon einiges gewöhnt und dass sie keine Freundinnen werden würden, war schon seit Jahren klar.

„Cyntall“, räusperte sich nun der alte Magister. „Rhothomir und Ayen haben mir detailliert Bericht über die Gegebenheiten erstattet. Die kleine Elfe zog ein Hemd aus der Tasche und drückte ihr Gesicht hinein. Sie wollte es nicht hören…sie wollte es so gar nicht hören. Der alte Kampfmagier erzählte genau, was sich zugetragen hatte. Cyntall hörte seine Stimme wie durch dichten Nebel. „…und letztendlich haben sie das Lager aufgelöst, da die Truppen woanders zusammengezogen werden. Ayen und Rhothomir haben die Neustrukturierung der Einheit dazu genutzt, die Sachen deines Vaters und Amriel hierher zu bringen“, endete er dann.

„Die Neustrukturierung der Einheit“, schallte es in Cyntall nach. „Es war seine Einheit, seit Jahrzehnten. Und nun ersetzten sie ihn einfach. Sie hatten ihn abgeschrieben…sie hatten ihn einfach abgeschrieben.“

Die kleine Elfe stand wie versteinert, ihr Gesicht immer noch in das Hemd ihres Vaters vergraben. Der alte Elf wollte gerade etwas zu ihr sagen, da hob sie ihren Kopf und sah den Stellvertreter ihres Vaters kühl an. „Könnt ihr das bestätigen?“, fragte sie Rhothomir mit tonloser Stimme. Der Waldläufer räusperte sich kurz und sprach dann mit belegter Stimme. „Dein Vater und ich…wir…er war nicht nur mein Vorgesetzter…er war mein Freund, das weißt du, Kleines. Es…es ist so schrecklich.“

Cyntalls Augen blitzten nun und das Grün wurde deutlich intensiver. „Könnt ihr das bestätigen, hab ich gefragt“, wiederholte sie schärfer. „Habt ihr gesehen, wie mein Vater starb?“ Rhothomir schluckte. „Er…er war schwer verletzt“, entgegnete er. „HABT IHR GESEHEN WIE ER STARB, WILL ICH WISSEN“, brüllte die kleine Elfe ihn an. „Liebes, beruhige dich“, warf der alte Magister ein, aber Cyntall starrte mit wütendem Blick auf den Waldläufer. „Nein“, antwortete er, „gesehen hab ich es nicht.“

„Wie könnt ihr dann sicher sein?“, schnaubte die kleine Elfe regelrecht. „Ihr alle“, blickte sie dann von Rhothomir zu Ayen und dann zu dem alten Elfen. „Ihr alle habt ihn vielleicht aufgegeben, aber ich nicht. Ich weiß es. Er lebt. Ich WILL es so“, spuckte sie die Worte regelrecht aus, schnappte sich die Tasche ihres Vaters und stürmte aus dem Zimmer.

Sie war wütend, richtig wütend. Wieso half ihr keiner. Wieso glaubte ihr keiner. „Ich werde es alleine machen“, schoss es ihr durch den Kopf. „Ich werde es ganz alleine machen. Ich gehe nach Draenor und brenne das ganze Land nieder…sie werden bezahlen…sie alle werden bezahlen. Die Augen der kleinen Elfe leuchteten nun in einem tiefen Dunkelgrün. „Ruk zar mannor!“, diese Worte formten sich in ihren Gedanken. Immer mehr Worte drängten sich in den Vordergrund. „Daz Belaros belaros zila, daz Belaros belaros enkil asj Tor kar Tiros.“ Zaubersprüche die sie gelesen hatte, erschienen wie zum Greifen nahe vor ihr. Sie würde es schaffen, ganz alleine. „Kar zilthuras tor!“ Sie brauchte keine Hilfe…von niemanden.

Eine leise Stimme meldete sich, kaum zu verstehen. Sie schien sie zu rufen. Cyntall ignorierte sie, warf ihr „Daz xi!“ entgegen, aber die Stimme blieb hartnäckig. Die kleine Elfe lauschte. Die Stimme war vertraut, vermittelte Geborgenheit. „Du musst dich wehren, es ganz nach hinten drängen, tief in dir vergraben.“ Sie wurde immer lauter. „Du darfst keine Angst davor haben.“

„Ich versuche es ja, Magister“, murmelte Cyntall vor sich hin und wurde ruhiger, je mehr sie sich seine Worte vom Strand in Erinnerung rief. Die bösen Laute wichen tatsächlich. „Ich versuche doch immer alles zu machen, was ihr mir sagt, aber…aber es gelingt manchmal einfach nicht“, ließ sie dann ihren Tränen freien Lauf.

„Liebes? Alles in Ordnung mit dir?“, fragte der alte Magister und trat ein. Die kleine Elfe saß auf dem Boden und hielt die Tasche ihres Vaters fest umschlungen. „Er will den Zauber nicht machen“, schluchzte sie. „Ihr wollt nicht nach Dreanor gehen.“ Cyntall wischte sich die Tränen notdürftig mit ihrem Ärmel ab und schaute ihn vorwurfsvoll an. „Der Kollege Morgentau möchte den Zauber nicht machen?“, fragte der alte Magier irritiert nach. Die kleine Elfe schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Er glaubt nicht daran. Und ihr glaubt auch nicht mehr daran. Deshalb wollt ihr auch nicht dorthin gehen und den Zauber ausprobieren, nicht?“

„Und was möchtest du?“, fragte der alte Elf und setzte sich neben der kleinen Elfe auf den Boden. „Ich will, dass er den Zauber macht…und ich will, dass ihr nach Draenor geht und ihn dort benutzt.“ Der alte Kampfmagier nickte langsam. „Es kann sein, dass es nicht funktioniert, das weißt du?“ Cyntall nickte so heftig mit dem Kopf dass ihre Tränen von ihrem Gesicht auf die Tasche ihres Vaters sprangen. „Ich will doch nur alles probieren. Ich will mir nicht ein Leben lang die Frage stellen, ob ich mehr hätte tun können.“

Der alte Magister nickte erneut. „Dann werde ich Morgentau schreiben, dass er den Zauber recht zeitnah fertigstellen und dein Zimmer richten lassen soll, da du ja dann bei ihm wohnen wirst. Sowie der Zauber fertig ist, reise ich ab.“ Der alte Elf wischte ihr sanft die Tränen ab. „Bist du dann glücklich?“ Cyntall nickte langsam. „Gut“, dachte der alte Magister. Mehr hatte er nie gewollt, nicht für die Kleine und nicht für ihren Vater. Die kleine Elfe griff wieder in die Tasche und zog abermals das Bild heraus. Erneut schossen ihr die Tränen in die Augen. „Er hat wirklich immer ein Bild von mir dabei gehabt?“


~ Weltschmerz ~

Über zwei Wochen waren nun schon vergangen, seit die kleine Elfe bei Magister Morgentau eingezogen war. Cyntall saß auf ihrem Bett und starrte vor sich hin. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauern würde. Sie hatte gedacht Magister Blutnebel würde durch das Portal nach Draenor gehen, sich mit Sturmbrand und Wolkenbrecher treffen und dann die Spruchrolle bei der Festung benutzen. Dann würden Sie ihren Vater finden und nach Hause holen. Wieso dauert das denn so lange?

Sie sah sich in ihrem Zimmer um. Zimmer war ein recht übertriebener Begriff. Ein mit einem Vorhang abgetrennter Bereich, wäre richtiger. „Jetzt sei nicht undankbar“, flüsterte ihre innere Stimme. Die Wohnung von Magister Morgentau war nicht groß, trotzdem hatte er sie aufgenommen, hatte er Platz für sie geschaffen, kümmerte er sich um sie. „Ich bin doch dankbar“, maulte sie zurück.

Cyntall war wirklich dankbar. Und ihre schlechte Laune hatte auch nichts mit dem Magister zu tun. Die Untätigkeit machte ihr zu schaffen. Die Hilflosigkeit und letztendlich die Tatsache, dass je mehr Zeit verstrich, ihre Hoffnung bezüglich der Rettung ihres Vaters sank. Sie war in einem Armeelager aufgewachsen. Sie wusste wie es lief. Auch wenn sie das im Moment erfolgreich verdrängte.

Ihr Blick fiel auf das von der edlen Dame für sie gemalte Bild und aufgrund des dort abgebildeten Schreiters, musste sie an Piri denken. Sie ging ihn nicht mehr so oft besuchen wie sonst und auch das machte ihr zu schaffen. Es lag nicht an Piri, es lag an dem Schreiter, der gleich in der Box neben Piri einquartiert war. „Amriel“, dachte Cyntall an den schwarzen und großen Schreiter ihres Vaters. Die kleine Elfe hatte das Gefühl, dass er sie komisch ansah, wenn sie Piri besuchte. So als ob er fragen wollte: „Und wo ist mein Herr?“. Deshalb hatte sie ihre Besuche stark eingeschränkt. Aber Piri fehlte ihr. Magister Blutnebel fehlte ihr. Jemand dem sie ihre Ängste anvertrauen konnte, fehlte ihr.

Cyntall grinste. Sie konnte den Magister in ihrem Kopf hören, wie er ihr gekränkt entgegnen würde: „Du kannst doch mit mir sprechen“. Ja, das könnte sie sicherlich. Aber sie wollte es nicht. Er hatte gerade genug Probleme und sie wollte ihn nicht auch noch damit belasten. Er glaubte sowieso nicht daran, dass ihr Vater noch lebte und was er von Gesprächen mit Schreitern hielt, hatte er ihr oft genug mitgeteilt.

Die kleine Elfe griff ein Pergament, das neben dem Bett auf einem Tischchen lag. Nochmals las sie die lieben Zeilen der edlen Dame. Cyntall war ein bisschen stolz, dass sie mit einem Brief bedacht wurde. „Ob ich ihr meine Sorgen mitteilen kann?“

Die kleine Elfe seufzte tief und legte den Brief zurück. Vielleicht sollte sie es nicht erwähnen. Die edle Dame war auf Reisen und hatte bestimmt besseres zu tun, als sich die Nöte einer kleinen Adeptin anzuhören. „Aber sie schreibt doch, dass sie wissen möchte wie es dir geht“, meldete sich wieder die innere Stimme der kleinen Elfe zu Wort. „Und sie bietet ihre Hilfe an, wenn sie etwas tun kann.“ Cyntall wiegte den Kopf hin und her. Was sollte sie aus der Entfernung schon machen können? Es war wohl mehr eine Höflichkeitsfloskel der edlen Dame. Aber Cyntall würde ihr antworten. Sie würde schreiben, dass alles in Ordnung ist und sie sich keine Sorgen machen solle, dass sie sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren und diese mit Bravour erledigen müsse, damit sie recht schnell wieder hier wäre.

Die kleine Elfe stand auf und tapste barfuß an den Vorhang und lauschte. Es war nichts zu hören, also schnappte sie sich ihre Sandalen und durchquerte das Zimmer und trat in den Flur. Die Wohnung lag in fast völliger Dunkelheit wenn man von einigen wenigen, kleinen Wandlampen die brannten absah. Es musste mitten in der Nacht sein.

Die Gedanken hatten Cyntall aufgewühlt. Ihr Vater, Magister Blutnebel, die edle Dame und der Magister…sie musste mit jemanden sprechen, und da fiel ihr nur Piri ein. „Du darfst nicht alleine raus“, mahnte sofort wieder ihre innere Stimme. „Das weiß ich“, fauchte sie zurück, „aber der Magister schläft oder hat bestimmt keine Lust zum Stall aufzubrechen und eine Wache werde ich jetzt auch nicht finden auf die Schnelle.“ Außerdem brauchte sie keinen der ihr dabei zuhörte, wie sie sich mit Piri unterhielt. Das hatte sie einmal gemacht und die Wache hatte sie angesehen, als ob sie nicht alle Drachenfalken beisammen hatte.

Zögerlich blieb sie an der Tür stehen. Ihre Hand verharrte kurz vor der Klinke. Er hatte sie nicht eingeschlossen, keinen Zauber gewirkt, der das Öffnen der Tür von innen verhinderte. „Er vertraut mir“, dachte sie. Wenn sie jetzt alleine loszog und er es herausbekam, dann würde er sie zukünftig wahrscheinlich einschließen. Und bekam er nicht immer alles heraus?

Cyntall ließ die Hand mit einem Seufzer sinken und schlich dann zurück in ihr Zimmer. Die Sandalen wurden mit Vehemenz in die Ecke gedonnert. Die kleine Elfe schmiss sich frustriert aufs Bett. „Wenigstens hat er dem Ausflug zugestimmt“, dachte sie.

Ein paar Tage auf dem Land oder am Meer würden ihm gut tun. Jedenfalls hatte sie ihm das so verkauft. Und sicher würde es ihm auch nicht schaden. Tatsache war aber, dass sie weg wollte. Weg aus der Enge der Wohnung, weg von den beaufsichtigten Ausflügen, weg aus Silbermond und weg von ihrer Angst. Der Angst, dass ihr Vater nicht zurückkam, dass sie dann gänzlich alleine war.

Sie wollte einfach frei über die Wiesen toben, zusammen mit Piri. Wollte durchs Wasser waten und die Sorgen für ein paar Tage vergessen. Die Nachricht würde kommen, so oder so. Und wo wollte sie sie lieber entgegennehmen als in der freien Natur, im Wald. Ihr Vater liebte den Wald. Alles war besser als die Enge Silbermonds.

Und sie konnte üben ohne zu befürchten den ganzen Sonnenzornturm abzufackeln. Der Magister würde aufpassen, dass sie nicht übertrieb oder ihr der Zauber aus den Händen glitt. Vor der Reise würde sie sich nochmals eine Segnung von Priesterin Silbersang vom Sanktum abholen. Dann konnte gar nichts passieren.

Ob es an ihren Gedanken lag oder dem Wunsch endlich wieder zu zaubern, konnte die kleine Elfe nicht sagen, aber plötzlich erschien eine winzige Flamme direkt vor ihr an der Wand. Cyntall hielt vor Schreck die Luft an. Sie hatte eigentlich nichts gemacht nur kurz gedacht, wie schön es doch wäre ihre kleinen Freunde zu rufen. Die kleine Elfe versuchte ruhig zu atmen. Sie versuchte sich gänzlich zu entspannen und tatsächlich, die kleine Flamme verschwand.

„Ich sollte dringend schlafen“, murmelte Cyntall und drehte sich um, um an den kleinen Waschtisch zu treten und erstarrte. Sie stand vor einem Meer aus kleinen Flammen. Es mussten Hunderte sein, die im ganzen Raum verteilt und auch gefährlich nahe an dem Vorhang in der Luft tanzten.

„MA…MAGISTER“, schrie die kleine Elfe ängstlich und Panik überfiel sie. Immer mehr Flämmchen schienen sich wie von selbst zu entfachen, je größer ihre Panik wurde. Cyntall wich zurück aufs Bett und drückte sich ganz an die Wand. „Es sind deine Freunde“, schrie es in ihr. „Das waren sie immer. Du kontrollierst sie…beruhige dich“, sprach sie sich selbst Mut zu. „Aber wie?“

„Licht ist ein schönes Gefühl, wenn du es zulässt“, hatte Priesterin Silbersang gesagt. „Wie eine Umarmung.“ Cyntall brauchte nicht lange zu überlegen. Die einzige Umarmung, die sie im Moment haben wollte war von ihrem Vater.

Die kleine Elfe schloss die Augen und rief sich das Scenario, von dem sie seit Wochen träumte und sich ausmalte, in Erinnerung. Wie ihr Vater durch die Tür kam, wie er sie in den Arm nahm, wie er sie auf die Stirn küsste und sie ihm endlich sagen konnte, dass sie ihn liebte. Als sie die Augen öffnete waren alle Flammen verschwunden und der kleine Raum lag im Dunkeln wie zuvor. Der kleinen Elfe schossen die Tränen in die Augen. „Es muss einfach so sein…es muss.“


~ Schockstarre ~

Seltsam ruhig und schon fast gelassen räumte Cyntall das Geschirr vom Frühstück weg. Gedanken, wie sie die Melonenstücke am besten wieder verpackte und wie sie die Teller platzsparender in die Schränke räumen konnte, huschten ihr durch den Kopf. Sie dachte an den weiteren Tagesablauf und wie alles organisiert werden musste, bevor der Magister und sie abreisen konnten.

Sicher hatte sie geweint. Sehr sogar. Schließlich erhielt man eine so schreckliche Nachricht nicht jeden Tag. „Dein Vater ist tot“, hatte der Magister gesagt. Die Endgültigkeit seiner Stimme hatte sie zum Weinen gebracht. Der Ring, den ihr Vater bei sich trug, und seine letzten Worte, die der Magister ihr übermittelte, hatten sie zum Weinen gebracht. Die zweite Nachricht vom Magister, nämlich dass der Freund ihres Vaters, den sie ein Leben lang als großväterlichen Freund angesehen hatte, in Wirklichkeit ihr richtiger Großvater war, hatte sie zum Weinen gebracht.

Aber die Tränen wurden von der Wut, die sich in ihr hochkämpfte, zurückgeschlagen. Wut auf ihren Vater, Wut auf die Orcs, die ihn umgebracht haben sollen, Wut auf ihren neuen Großvater, Wut auf ihre Mutter, Wut auf alles und jeden, am meisten auf sich selbst.

Wieso war sie nicht gleich aufgebrochen, als er vermisst wurde? Wieso hatte sie nicht darauf bestanden mitzukommen und den Überbringer des Rings, der behauptete mit ihrem Vater gefangen gewesen zu sein, zu treffen? Wieso hatte sie ihm nicht selbst die wichtigen Fragen gestellt? Wieso hatte sie es dem Magister überlassen, der sowieso nicht daran glaubte, dass ihr Vater noch lebte? Wieso war sie so klein und hilflos? Wieso war sie zu nichts zu gebrauchen? Wieso war sie immer nur ein Anhängsel, abhängig von der Gnade anderer?

Magister Blutnebel sollte ihr Großvater sein? Wieso hatte er ihr nie etwas gesagt? Wieso hatte er es nie ihrem Vater gesagt. War es so bequemer für ihn? Sparte er sich die Verantwortung? Warum wollte er sie nicht? Wo war er jetzt? Warum tröstete er sie nicht? Der Trost war von jemanden gekommen, von dem sie es nicht erwartet hätte. Magister Morgentau hatte sie getröstet. Hatte sie gehalten und hatte nicht einmal geschimpft, als sie seine Robe vollgeheult hatte. Aber er würde sie auch irgendwann verlassen. Alle verließen sie. Sie war allein…sie war immer allein.

Die düsteren Gedanken wichen der Gleichgültigkeit. Sie konnte Dinge die passiert waren nicht ändern. Sie konnte sich nur darauf einstellen. So hatte sie es immer gemacht. Sie hatte es mit sich selbst ausgemacht. Wenn sie alle immer wieder verließen, was brachte es dann sich emotional zu binden? „Du wirst auch irgendwann einen Gefährten haben“, hatte Magister Morgentau ihr prophezeit. Wieso sollte sie so etwas wollen? Damit sie letztendlich doch wieder alleine dastand? Was machte es für einen Sinn Freunde zu haben, die sie wieder und wieder alleine ließen? War es da nicht besser niemanden nahe zu stehen? Das würde ihr doch so manche Enttäuschung ersparen.

„Wenn ich die Schüsseln auf die Teller stelle, dann habe ich rechts noch mehr Platz“, sinniert Cyntall vor sich hin und stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Schüsseln ganz nach oben zu wuchten. Sie räumte noch einiges in der kleinen Küche um, aus und dann doch wieder zurück. Danach schob sie die Stühle wieder richtig nahe an den Esstisch, sortierte den Läufer und die darauf dekorierte Obstschale und den Kerzenständer neu, bevor sie alles wieder an den angestammten Platz stellte. Schließlich ging sie in ihr Zimmer und setzte sich auf ihr Bett.

„Er hat ihn tatsächlich die ganze Zeit über bei sich getragen“, dachte sie und drehte den filigranen, elfischen Ring an ihrem Finger. „Also hat er Mutter nicht gehasst, wie er es immer behauptet hatte“, spann sie die Gedanken weiter. Er musste sie geliebt haben, trotz der vielen Dinge, die sie ihm angetan hatte. Wieso sollte er sonst ihren Ehering bei sich tragen und wieso wollte er unbedingt, dass seine Tochter ihn bekam?

Und was hatte der Traum von letzter Nacht zu bedeuten? Die kleine Elfe hatte von beiden geträumt. Von ihrer Mutter und von ihrem Vater; und das in ein und demselben Traum. Das passierte fast nie. Und wieso war ihr Vater verschwunden, als sie seine Hand greifen wollte? Nur ihre Mutter war noch da gewesen und hatte sie angelächelt. Wieso war ihr Vater aus dem Traum verschwunden?

„Weil er nicht dahin gehört“, murmelte Cyntall vor sich hin. „Weil er nicht tot ist.“ Die kleine Elfe war nicht wirklich überrascht von dieser Erkenntnis. Sie hatte nie daran geglaubt, dass ihr Vater tot ist. Es fühlte sich einfach nicht so an. Sie konnte es nicht anders erklären. Aber ihr würde keiner glauben. „Du musst dich den Tatsachen stellen“, hatte Magister Morgentau gesagt, „musst es akzeptieren.“

Selbst Magister Blutnebel hatte ihr geschrieben, dass seine Suche erfolglos war, dass er ihren Vater für tot hielt. „Selbst sein eigener Vater hat die Hoffnung aufgegeben“, dachte die kleine Elfe. Sie würde das nicht tun…niemals. Solange man ihr nicht den geschundenen Körper vor die Füße legte, wie es Magister Morgentau so treffend formuliert hatte, solange würde sie ihn nicht aufgeben. Er hatte sie auch nie aufgegeben. Das war sie ihm schuldig.

Sie würde weiter hoffen und wenn sie stark genug war, dann würde sie sogar nach ihm suchen…und wenn es Jahre dauern würde… oder gar ihr ganzes Leben. Und sie würde ihre Hoffnung tief in sich einschließen. Würde mit niemanden darüber sprechen. „Es glaubt mir sowieso keiner. Sie werden mich nur für verrückt halten, für realitätsfremd.“ Mit Piri würde sie drüber sprechen. Ihm würde sie ihre Hoffnung anvertrauen. Er würde sie verstehen.

Cyntall lächelte still vor sich hin. Sie würde gleich nachdem sie im Meldeamt bei dem krötengesichtigen Elfen gewesen war und dem Herrn Sekretär die Papiere für die Anmietung ihres Ausflugdomizils gebracht hatte, ihren alten Schreiter besuchen. Sie würde auch Amriel besuchte, den schwarzen Schreiter ihres Vaters. Auch ihm würde sie sagen, dass er die Hoffnung nicht aufgeben und auf seinen Herrn warten solle.

„Wieso sind Tiere die einzigen Lebewesen, die mich verstehen?“, dachte sie und griff nach der Kiste, wo sie die Leckerlis für Piri aufbewahrte. Sie packte die gewohnte Handvoll in ihre Robentasche und griff nochmals zu. Schließlich musste sie nun zwei Schreiter versorgen. „Vielleicht weil sie die einzigen sind, denen du dich öffnest“, entgegnete ihre innere Stimme. Cyntall nickte leicht. „Sie haben mich auch noch nie enttäuscht.“


~ So einfach ist das ~

Nufen wanderte unruhig in seinem Zimmer hin und her. Sein in Draenor verletztes Bein zog er dabei etwas nach. Immer, wenn er an seinem Schreibtisch vorbei kam, nahm er das Pergament auf und las es durch. „Was meint Morgentau damit?“, murmelte er vor sich hin, „hatte er es ihr gesagt?“ Dem alten Kampfmagier war nicht wohl in seiner Haut. Wusste Cyntall Bescheid? So wie er den Brief verstand, hatte Morgentau ihr offensichtlich schon gesagt, dass er ihr richtiger Großvater war.

Er hatte es ihr doch selbst sagen wollen, hatte sich selbst erklären wollen, mit seinen eigenen Worten. Und wie hatte sie reagiert? Wieso schreib Morgentau nicht, wie sie reagiert hatte? Was würde ihn erwarten, wenn sie gleich erschien? Die Reaktionen der kleinen Elfe waren immer schwer vorherzusehen. Würde sie sich freuen? Würde sie darüber böse sein, dass er solange geschwiegen hatte? Und wie hatte sie die Nachricht über den Tod ihres Vaters verkraftet? Vielleicht würde sie sich von ihm abwenden, würde ihn nie wiedersehen wollen. „Nun mach dich nicht verrückt“, murmelte er erneut, „wieso sollte sie so etwas tun?“ Fakt war, er wusste es nicht, und das machte ihm im Moment am meisten zu schaffen.

Cyntall ging langsamen Schrittes in Richtung des Hauses, das bis vor ein paar Wochen noch ihr Heim sein sollte. Sie hatte sich so über ihr Zimmer gefreut, hatte für ihren Vater das Zimmer eingerichtet und war so nervös gewesen, weil sie nicht gewusst hatte, ob es ihm gefallen würde. Sie hatten alle dort leben wollen. Der Magister, ihr Vater und sie. Zusammen....endlich eine Familie, endlich ein Heim, nach so langer Zeit. Und dann war alles ganz anders gekommen. Das Schicksal hatte zugeschlagen und ihre Träume wieder einmal mit nur einem Streich beendet. Ihr Vater sollte tot sein. Sie hatte diese Tatsache inzwischen fast akzeptiert.

Das winzige, zusammengeschrumpfte Wesen namens Hoffnung, dass sich in der hintersten Ecke ihres Gehirns verkrochen hatte, konnte sie jedoch immer noch nicht zum Schweigen bringen. Und Magister Blutnebel? Der beste Freund ihres Vaters über Jahrhunderte? Er war für sie immer wie ein Großvater gewesen, hatte immer ein offenes Ohr für ihre Probleme gehabt oder schlichtend eingegriffen, wenn sie sich mal wieder mit ihrem Vater gestritten hatte...er war wirklich ihr Großvater? Wieso hatte er das nicht längst gesagt? Wieso hatte er so lange Zeit geschwiegen? Wollte sie das überhaupt wissen?

Die kleine Elfe ging die Stufen hinauf und kam vor der schweren, weißen Eingangstür mit den eingelassenen und reichlich verzierten Glasscheiben zum Stehen. Sie starrte auf den runden Eisenring. Ein Phönix, der seine Schwingen nach oben ausbreitete und so einen Ring bildete. Ihre Hände waren wie Blei. Sie konnte sich nicht überwinden den Ring gegen die Tür zu schlagen. „Will ich das überhaupt wissen?“, dachte sie. Und was würde dann passieren? Musste sie dann hier wohnen? Magister Blutnebel war ihr immer ein großväterlicher Freund gewesen, ja. Sie mochte ihn und hatte sich immer gefreut, wenn er sie besucht hatte. Aber auf einmal zu ihm zu gehören? Würde er die Rolle ihres Vaters übernehmen, ihr sagen was sie zu tun hatte?

Ihr Leben lang hatte man sie nur herumgeschubst. Von ihrer Mutter weg in das Lager. Von dort in die ganze Welt...immer an andere Orte. Das hatte erst aufgehört, als sie sich entschloss nach Silbermond zu gehen...als sie sich entschloss Magistrix zu werden. Magister Morgentau hatte ihr eine Kontinuität und Sicherheit gegeben, die sie nie gekannt hatte. Obwohl er sich nach außen manchmal anders gab, obwohl er sie manchmal bestrafte und schimpfte, obwohl sie ihn manchmal nicht verstand...er strömte eine Selbstverständlichkeit aus, die sie so lange vermisst hatte. Sie war seine Schülerin und somit wurde sich gekümmert. Immer und jederzeit. Ohne viel Worte darüber zu verlieren. Es...es war einfach so. Sie war glücklich...endlich. Würde das jetzt enden?

„Ja, das kleine Fräulein“, sagte Sarbel, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. „Wieso steht ihr denn hier draußen herum? Habe ich euer Klopfen nicht gehört? Der Herr Magister erwartet euch.“ Die hagere Bedienstete lächelte die kleine Elfe freundlich an und machte eine einladende Geste. Cyntall schrecke aus ihren Gedanken hoch und nickte langsam. „Grüße, Sarbel“, sagte sie höflich und trat ein. „Mein Beileid, kleines Fräulein“, sagte die hagere Elfe mit traurigem Ton, nachdem Cyntall ihr den Umhang gereicht hatte. „Danke“, erwiderte Cyntall leise und stand dann etwas unschlüssig in der Eingangshalle. „Geht nur hinauf. Der Herr Magister ist in seinem Zimmer“, sagte Sarbel und verschwand nach unten in die kleine Küche. Die kleine Elfe ging zögerlich die Treppe hinauf. Am oberen Absatz angekommen, sah sie nach rechts zur Tür des Magisters. Aber eine andere Türe schien sie wie magisch anzuziehen. Sie trat nach links und blieb vor der Tür, die zum Zimmer ihres Vaters führte, stehen. Zärtlich strich sie über das Holz und legte ihre Hand auf den Knauf. Sie drückte die Klinke nach unten und trat vorsichtig ein und sah sich um.

Wie oft hatte sie hier gestanden und alles überprüft. Wie oft hatte sie überlegt, ob es ihm gefallen würde...ob es perfekt war. Die Augen der kleinen Elfe füllten sich mit Tränen. Sie trat an das große Chaiselongue, das vor dem bodentiefen Fenster stand und Platz für zwei Personen bot. Wie glücklich war sie gewesen, als sie es bei einem hiesigen Schreiner entdeckt hatte. Das Holz war weißlich gebeizt und an den Kanten reichlich verziert. Der Bezug und die Kissen in einem sachten Lindgrün luden zum Verweilen ein. Sanft strich Cyntall mit der Hand über die aufwendigen Schnitzereien.

„Es tut sehr weh, nicht?“, sagte der alte Kampfmagier hinter ihr und die kleine Elfe zuckte leicht zusammen. Sie nickte nur. „Es tut mir so leid, Liebes“, fuhr er fort und drehte sie herum. Vorsichtig umarmte er sie und drückte sie leicht, ließ sie aber wieder los, als keine Reaktion seitens der kleinen Elfe erfolgte. „Möchtest du, dass wir uns hier unterhalten?“, fragte er sanft nach, aber Cyntall schüttelte den Kopf. „Dann komm mit.“ Der alte Magister nahm sie bei der Hand und zog sie aus dem Zimmer hinüber in seines. „Setz dich doch“, schlug er vor, „Sarbel wird uns gleich etwas zu trinken bringen.“ Die kleine Elfe hörte ein Zittern in seiner sonst so ruhigen Stimme. Sie trat an eine Liege heran und setzte sich, nachdem sie gefühlte hundert Kissen beiseite geräumt hatte. Der alte Kampfmagier nahm ihr gegenüber Platz und schaute sie unsicher an.

„Wie geht es dir?“, fragte er nach einer Weile. Cyntall starrte auf das Kissen, dass sie auf ihren Schoß gelegt hatte und auf dessen Samtoberfläche sie kleine Linien zeichnete. „Es geht mir gut“, antwortete sie leise. Sie antwortete das immer, wenn sie so eine Frage gestellt bekam. Es war Gewohnheit und kam automatisch. Bis dato hatten sich nicht viele wirklich dafür interessiert, wie es ihr ging....hatten diese Frage mehr aus Höflichkeit gestellt. Nufen lächelte gequält. Er kannte die kleine Elfe lange genug um zu wissen, dass das so gar nicht der Fall war. „Kollege Morgentau hat dich also bezüglich meiner Person informiert?“, versuchte er einen Vorstoß auf das brisante Thema zu machen und war im selben Moment über die Wortwahl nicht glücklich. „Sie ist deine Enkelin, zur Sonne...nicht eine Arbeitskollegin“, schimpfte er innerlich.

Cyntall schwieg. Die Linien auf dem Samt, die in der einen Richtung erschienen und in der anderen wieder verschwanden, schienen viel interessanter zu sein. „Liebes“, fuhr er in sanfteren Ton fort, „ich kann mir vorstellen, dass du viele Fragen hast. Ich...ich werde dir alles beantworten und das hätte ich schon viel früher machen sollen, das weiß ich.“ Nufen schwieg nun und betrachtete seine Enkelin still und abwartend. Sarbel trat nach einem Klopfen ein und stellte ein Tablett auf den Tisch. Nufen nickte nur kurz und die hagere Elfe verschwand wieder. Er ließ die Teekanne mit einer Handbewegung ihren Dienst tun und zwei Tassen wurden gefüllt. Eine Weile saßen sie schweigend, bis die kleine Elfe die Stille brach.

„Wieso wolltet ihr uns nicht?“, fragte sie leise. Der alte Kampfmagier stand auf und setzte sich neben sie. Er griff sanft an ihr Kinn, hob es an und drehte es in seine Richtung. „Liebes“, antwortete er, „so etwas darfst du niemals denken. Dein Vater und du...ihr beide...seid das Wichtigste auf der Welt für mich...immer gewesen.“ Cyntall stiegen wieder die Tränen in die Augen. Diesmal schwappten sie über die Ränder und liefen über ihr Gesicht. „Und wieso...wieso habt ihr dann nie etwas gesagt? Wenn schon nicht zu mir... wieso nie zu meinem Vater. Er...er hätte...hätte...“, brach sie dann schluchzend ab und legte ihren Kopf weinend an seine Brust. Nufen nahm sie nun richtig in den Arm und strich ihr sanft über den Rücken. Er schluckte und hatte ebenfalls mit den Tränen zu kämpfen.

Du hast Recht“, begann er zögerlich, „aus heutiger Sicht unverständlich. Ich verstehe es selbst manchmal nicht“, fuhr er fort. „Ich werde dir alles erklären...von Anfang an.“ Nufen holte tief Luft, ein Ruck ging durch seinen Körper, dann erzählte er mit leicht zittriger Stimme. „Ich war so alt wie du. Ich bin auf einem Hof aufgewachsen. Meine Eltern züchteten Schreiter. Ein kleines Nest südlich von Quel'Lithien. Ich war ein recht naiver Bursche, wenn du so willst. Und dann erfüllten meine Eltern meinen Wunsch Magie zu studieren. Im fernen Silbermond...in der großen Stadt. Die Reise dorthin war für einen Tag zu lang, also übernachtete ich immer in einem Gasthaus.“ Cyntall nickte an seiner Brust. „In dem „Tänzelnden Schreiter“?“, fragte sie nach. „Ja, in dem Gasthaus, das von deinen Urgroßeltern geführt wurde“, antwortete er. „Und da traf ich sie.“

Nufen räusperte sich mehrmals und die kleine Elfe spürte, wie schwer es ihm noch heute fiel, darüber zu sprechen. „Meine Großmutter?“, fragte sie erneut. Der alte Magister nickte. „Sie war so anders als alle anderen Frauen, die ich bis dahin getroffen hatte“, sagte er mit schwerer Stimme. „Nun, um es abzukürzen...wir kamen uns näher...und es passierte, was wohl passieren musste. Sie trug ein Kind unter dem Herzen und ich gestehe...“, setzte er kurz aus, „...ich gestehe, dass ich heillos überfordert war. Ich war noch nicht mal Adept, hatte kein Einkommen. Meine Eltern sparten sich mein Lehrgeld vom Mund ab. Ein Kind...eine Wirtstochter..ich...ich...“stotterte er kurz und schwieg dann.

„Deine Großmutter und ich...wir stritten uns. Offenbar hab ich auf die Nachricht wohl nicht so reagiert, wie sie es erwartet hatte“, fuhr er dann bitter fort. „Sie jagte mich fort. Sprach von diesem Tag an kein Wort mehr mit mir...nie wieder. Sie...sie war unglaublich stur.“ Der alte Magister lächelte sogar bei diesen Worten. „Dein Vater und du...ihr habt viel von ihr.“

„Und“, fragte Cyntall, als der Magister schwieg, „was habt ihr dann gemacht?“ Nufen fuhr schwerfällig fort. „Zuerst war ich erleichtert. Sie hatte niemanden gesagt wer der Vater des Kindes war. Aber als dann dein Vater geboren wurde...als ich einen Sohn hatte...ich, ich versuchte erneut Kontakt aufzunehmen. Aber sie wollte nicht. Nunja...“, räusperte er sich wieder. „Ich besuchte dann regelmäßig den „Schreiter“, war so oft es ging da um ihn zu sehen. Ich verbrachte so viel Zeit im „Schreiter“, dass ich sogar eine Prüfung versaute und das Jahr wiederholen musste“, fügte er an.

„Ich versuchte mich zu kümmern so gut es ging. Unterstützte den „Schreiter“ und indirekt sie alle über Dritte. Sie hätte nie auch nur ein Kupferstück von mir angenommen. Sie war so stur. Sagte ich das schon?“ Cyntall nickte erneut und sah in ein weit entrücktes Gesicht des alten Kampfmagiers.

„Als der „Tänzelnde Schreiter“ abbrannte und alle, bis auf deinem Vater, in dem Feuer starben“, sprach er mit belegter Stimme weiter, „da wäre der Moment gewesen, es ihm zu sagen. Der einzig richtige Moment, aber ich ließ ihn verstreichen.“ Die kleine Elfe richtete sich etwas auf und sah ihn fragend an. „Wieso?“

Nufen sah sie gequält lächelnd an. „Ich hatte Angst. Ich hatte eine Heidenangst, dass er es nicht verstehen würde, dass ich ihn verlieren würde. Dass er mir die Schuld für alles geben würde, also blieb ich weiterhin der „nette Onkel“, den er aus dem „Schreiter“ kannte.

Ich sorgte für seine Aufnahme bei den Waldläufern und wechselte etwas später zu den Kampfmagiern um bei Einsätzen wenigstens ab und an in seiner Nähe zu sein. Irgendwann sprach er mich an und wir tranken manchmal etwas. Wir wurden Freunde und ich genoss das sehr. Ich konnte endlich an seinem Leben richtig teilnehmen. Er erzählte mir über seine Freuden und über seine Sorgen. Endlich konnte ich richtig helfen. Ich glaube die Angst das zu verlieren, ließ mich alle weiteren Möglichkeiten mich ihm zu erklären verstreichen.“

Cyntall starrte ihn nur stumm an. „Ich weiß, es ist schwer nachzuvollziehen und ich weiß auch, dass es nicht richtig war so lange zu schweigen und glaub mir...wenn...wenn ich die Möglichkeit hätte es ihm noch zu sagen, würde ich es sofort machen. Ich...ich wollte es ihm wirklich sagen. Wenn wir zusammen gewohnt hätten, wenn...wenn es endlich wie eine Familie gewesen wäre...wenn...“, brach er erneut ab. Nun liefen ebenfalls Tränen über sein Gesicht. Er zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte sich die Augen.

Ihr...du“, sagte die kleine Elfe dann zögerlich und Nufen lächelte erfreut über ihre vertraute Anrede, „du hast also in Draenor keinen Erfolg gehabt?“ Der alte Kampfmagier schüttelte den Kopf. „Nein, Liebes. Es war nichts von ihm zu spüren. Er war einfach nicht da“, endete er leise. Cyntall nickte sacht und drehte dann nachdenklich an dem kleinen Ring an ihrem Finger. Als Nufen den Blick ebenfalls der Hand der kleinen Elfe zuwandte erstarrte er und wurde blass.

„Wo...wo hast du den Ring her“, fragte er lauter und griff nach ihrer Hand um ihn genau zu betrachten. Er kannte den Ring. Er hatte, zusammen mit seinem Sohn, den Ring ausgesucht. Zwei sich windende Drachen. Einen größeren für seinen Sohn und einen zierlicheren für seine Schwiegertochter. „Woher hast du ihn?“ Seine Stimme zitterte nun aufgeregt. „Dein Vater trug ihn bei sich....immer.“

„Als du weg warst, bekam ich Nachricht, dass ein Mitgefangener von Vater mir diesen Ring übergeben wollte. Es war Vaters letzter Wunsch, dass ich ihn haben sollte“, erklärte sie leise. „Ein Mitgefangener? In der Orcfeste? Er hat Marlatan gesehen? War mit ihm gefangen? Er war hier?“ Der alte Kampfmagier sprudelte die Fragen nur so hervor. „Wo ist er? Ich möchte ihn sprechen.“ Nufen war kurz davor aufzuspringen. „Wieso erfahre ich das erst jetzt?“

„Magister Morgentau hat mit ihm gesprochen und den Ring entgegengenommen“, erklärte Cyntall ganz ruhig. „Du warst ja nicht da.“ Nufen versuchte sich etwas zu beruhigen. „Ich möchte trotzdem nochmals mit ihm sprechen. Sonne! Ich möchte alle Details...“ „Das geht nicht“, unterbrach die kleine Elfe ihn.

„Wieso nicht?“, fragte Nufen sofort nach. Cyntall ließ sich mit einem Seufzen in die Kissen fallen und drückte das Kissen auf ihrem Schoß fest an sich. „Weil er wieder in Sturmwind ist...wahrscheinlich“, entgegnete sie leise. „Ich konnte auch nicht mit ihm sprechen.“

„In Sturmwind?“, fragte Nufen ungläubig nach. „Es war ein Mensch. Vater und er waren zusammen gefangen und haben sich wohl angefreundet. Der Mensch sollte den Ring an mich übergeben.“ Nufen starrte sie immer noch irritiert an. „Aber wie? Was? Wann?“, stammelte er fragend, aber die kleine Elfe erhob sich mit einem Ruck.

„Ich möchte jetzt gehen...ich möchte jetzt nach Hause gehen“, sagte sie leise. Nufen erhob sich ebenfalls. „Du bist Zuhause, Liebes“, sagte er zärtlich, aber die kleine Elfe schüttelte den Kopf. „Versteh mich nicht falsch“, erwiderte sie, „ich....ich kann jetzt noch nicht hier wohnen. Später vielleicht einmal...aber jetzt noch nicht. Magister Morgentau braucht mich.“

„Er braucht dich?“, fragte Nufen ungläubig nach. Cyntall nickte erneut und lächelte versonnen. „Er ...er ist im Moment allein. Ich werde ihn nicht verlassen, nur weil du dich daran erinnert hast, dass du eine Enkelin hast“, entgegnete sie dann härter als gewollt.

Der alte Kampfmagier stand etwas unschlüssig hinter ihr. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte damit gerechnet, dass sie es verstand, dass sie ihm vergeben würde. Trotz seiner Zweifel hatte er tief in sich damit gerechnet, dass sie ihn ohne viel Worte akzeptieren würde. Dass sie sich ihm zuwenden würde und er wenigsten an ihr sein Unrecht wieder gut machen konnte. Es lag einfach nicht in ihrem Naturell abweisend zu sein. „Du bist böse auf mich?“, fragte er unsicher nach.

Cyntall hatte die Tür erreicht und drehte sich langsam um. „Nein“, erwiderte sie sogar mit einem sachten Lächeln, „ich bin nicht böse. Aber...aber ich kenne dich nicht...nicht wirklich. Du bist mein Großvater, aber bis vor ein paar Tagen hatte ich keinen Großvater. Bis vor ein paar Tagen hatte ich niemanden...nur Magister Morgentau. Er braucht mich jetzt. Er war immer für mich da und jetzt bin ich es auch. Das schulde ich ihm. So einfach ist das.“

Nufen sah sie nachdenklich an. Druck auszuüben würde nichts bringen, das wusste er. Sie war genauso wie ihr Vater und wie ihre Großmutter. Er lächelte ebenfalls. „Aber du wirst mich besuchen?“ Die kleine Elfe nickte. „Wir haben viel Zeit uns kennenzulernen“, antwortete sie leise. Nufen nickte ebenfalls. „Ich freue mich darauf. Bitte richte meinem Kollegen Grüße aus und sage ihm, ich werde mich alsbald mit ihm ins Benehmen setzen.“ Cyntall ging langsam auf ihn zu und hauchte ihm leicht rot werdenden einen Kuss auf die Wange, dann wandte sie sich um und verließ das Zimmer ohne weitere Worte.

Der alte Kampfmagier ging zu einem kleinen Schränkchen und entnahm eine Karaffe Wein und ein Glas. Er schenkte sich voll und prostete in die Luft. „Du hast eine ganz wundervolle Tochter, mein Sohn. Ich werde gut auf sie aufpassen. Das schwöre ich dir.“


~ Hörst du? ~

„Jetzt ist aber Schluss, Piri“, sagte Cyntall lachend und verschloss ihren kleinen Beutel mit Leckereien, den sie am Gürtel trug. Ihr weißer, alter Schreiter schien dies anders zu sehen. Er umkreiste die kleine Elfe und trat immer, wenn sie die Box verlassen wollte, schnell zwischen sie und die Tür, so dass Cyntall nicht herauskam. Die kleine Elfe ließ sich darauf ein und so tobten sie munter eine Weile in der Box herum.

„Nein, Piri…Ende“, keuchte Cyntall und Piri gab sich dann, nachdem er nochmals Leckereien ergattert hatte, auch zufrieden. Die kleine Elfe blieb noch ein Wenig bei ihrem geliebten Schreiter stehen und streichelte sanft über seine Federn. Dann fiel ihr Blick über ihn hinweg in die Nachbarbox und ihr Herz zog sich etwas zusammen.

Amriel stand wie erstarrt und sah sie an, als ob er die kleine Elfe fixieren würde. Cyntall kannte diesen Blick nur zu gut. „Wenn du nicht so böse wärst, würdest du auch Leckerlis bekommen.“ Sie löste sich von Piri und trat vorsichtig an die Box des großen und schwarzen Schreiters ihres Vaters heran. „Bist du brav?“, fragte sie und holte noch ein Leckerli aus dem Beutel und legte es auf ihrer Handfläche ab. „Brav, Amriel, ganz brav…wir kennen uns doch. Na, komm…hols dir“, lockte sie den Schreiter mit sanftmütiger Stimme.

Amriel rührte sich immer noch nicht und sein Blick wie seine gesamte Haltung verrieten nichts Gutes. Cyntall war gewarnt. „Er fehlt dir auch, hm?“, sprach sie mit ruhiger Stimme weiter. „Mir auch…. Wärst du nur bei ihm gewesen… Du hättest auf ihn aufgepasst, nicht? Du hättest diese Orcs angegriffen…Du hättest ihn beschützt.“ Der kleinen Elfe liefen nun wieder die Tränen über das Gesicht, wie so oft in letzter Zeit. Sie konnte es nicht verhindern. Sie liefen einfach…immer wenn sie an ihren Vater dachte. „Du armer Kerl, weißt gar nicht was los ist, nicht? Weißt nicht, dass dein geliebter Herr nicht wiederkommt. Aber nun bin ich ja da…ich kümmere mich um dich. Na, was sagst du dazu?“

Entgegen allen bisherigen Erfahrungen, öffnete Cyntall die Box und trat langsam ein, die Hand mit dem Leckerli immer noch vor sich gestreckt. „Na, komm…sei brav. Ich tu dir nichts.“ Dann blieb sie stehen und wartete ab. Amriel machte tatsächlich einen Schritt auf sie zu. Er war nun durchaus in Reichweite, um seinen mächtigen Schnabel einzusetzen, was er ab und an ganz gerne tat.

Die kleine Elfe hielt den Atem an. „Das kann jetzt so oder so ausgehen“, überlegte sie und biss sich auf die Unterlippe. „Bist du irre? Raus, lauf… sofort“, schrie allerdings ihre innere Stimme.

„Ruhig…ganz ruhig, Amriel…Ich bins…na, komm“, lockte Sie den großen Schreiter erneut. Amriel umkreiste sie mit zwei Schritten und stellte sich direkt vor den Ausgang. „Nicht gut“, warnte ihre innere Stimme. Cyntalls Herz raste zwar, aber sie versuchte so selbstsicher und gelassen zu wirken, wie möglich.

Der schwarze Schreiter schaute sich erst scheinbar gelangweilt um, nahm ein Halm vom Boden auf und verspeiste es. Gerade als die kleine Elfe etwas aufatmen wollte, machte er einen Satz und stand dann direkt vor ihr. Er bäumte sich auf, breitete seine Flügel aus und schlug mehrfach mit ihnen. Ein ohrenbetäubendes Krächzen dröhnte durch die Ohren der kleinen Elfe.

Cyntall zuckte zusammen und hörte Piri ebenfalls laut Krächzen. Ihr weißer Schreiter war schon groß für die kleine Elfe, obwohl Piri nicht zu den Riesen unter den Schreitern gehörte, aber wie Amriel jetzt in voller Drohgebärde vor ihr stand, kam sie sich winzig vor. „Renn! Unter ihm durch und raus!“, schrie ihre innere Stimme nun und die kleine Elfe war sogar versucht ihr zu folgen. „Nein“, ging dann ein Ruck durch ihren Körper und sie hob trotzig den Kopf und versuchte so groß wie möglich zu wirken.

„Hör auf!“ Sie schrie nicht. Ihre Stimme war laut und ruhig. „Du beeindruckst mich nicht und du wirst mich auch nicht los. Also hör auf!“ Amriel stieg noch ein paarmal hoch und stand dann wieder in seiner starren Haltung vor ihr. Sein Schnabel ging zweimal dicht an ihrem Kopf vorbei als wolle er sie warnen, dann pickte er sich das Leckerli von der Hand, hob den Kopf und schaute betont gelangweilt in die andere Richtung. Auch Piri beruhigte sich wieder in der Nachbarbox. „Na, geht doch“, sagte Cyntall dann sanft. Den Schreiter aber anzufassen und zu streicheln traute sie sich dann doch nicht. „Nicht übertreiben“, sagte sie zu sich selbst und ging dann sicheren Schrittes an ihm vorbei und aus der Box heraus. Als sie den Riegel vorschob, atmete sie allerdings erleichtert aus.

„Das war ja unglaublich“, sagte Nufen mit beeindruckter Stimme. Cyntall bemerkte den alten Magister, der still am Eingang des Stalles stand, erst jetzt. „Und gefährlich“, fügte er an. Er überlegte kurz, ob ein Verbot für zukünftige Aktionen dieser Art ausgesprochen werden sollte, verwarf die Idee aber wieder. Cyntall würde sich sowieso nicht daran halten, das wusste er.

„Ich muss doch anfangen mich mit ihm anzufreunden. Er kann doch nicht Zeit seines Lebens in der Box bleiben. Vielleicht lässt er mich ja irgendwann aufsitzen“, erklärte die kleine Elfe ihr Handeln. Nufen schaute nun zu Amriel. Der schwarze Schreiter seines Sohnes hatte seine typisch, starre Haltung angenommen und schien ihn und die kleine Elfe zu fixieren. „Wie ein schwarzes Ungeheuer“, murmelte Nufen und schüttelte leicht den Kopf. „Vielleicht ist es besser, wenn du das nicht alleine angehst. Bitte rufe in Zukunft einen Stallburschen oder mich, ja? Magst du mir das versprechen?“ Cyntall blickte erst zu ihm und dann zu Amriel. Er wirkte wieder so bedrohlich wie immer. „Ich verspreche es“, nickte sie dann. „Tee und Gebäck?“, fragte der alte Kampfmagier und streckte ihr die Hand entgegen. Die kleine Elfe nickte und ergriff sie. Zusammen gingen sie zurück zum Haupthaus und dann auf die Terrasse, wo Sarbel den Tee und allerlei Süßigkeiten gerichtet hatte.

Cyntall besuchte nun schon seit gut drei Wochen jeden Nachmittag ihren Großvater. Das lag einerseits daran, dass der alte Magister listigerweise ihren Schreiter wieder hier untergebracht hatte und andererseits daran, dass sie es in der Zwischenzeit auch richtig genoss. Endlich konnte sie all die Fragen zu ihrer Vergangenheit stellen, die ihr ihr Vater nie beantwortet hatte. Sie hatte viel über ihre Mutter erfahren, über ihren Vater, über deren Kindheit und Jugend und über ihre ganze Familiengeschichte. Und sie fühlte sich dem alten Elfen immer mehr verbunden, je mehr er sich ihr öffnete und erzählte.

„Du wolltest mir heute erzählen, wie du meine Mutter kennengelernt hast, und wie du auf die Idee kamst, dass sie die richtige Frau für meinen Vater wäre“, fragte sie kauend und biss auf einem Schokoladenhörnchen herum. „Richtig“, schmunzelte Nufen. Er fand es nicht mehr schlimm, dass Cyntall nicht bei ihm wohnen wollte. Sie besuchte ihn ja jeden Tag und er war sich sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie wieder in ihre Zimmer im oberen Stockwerk einzog. Sie schien ihn aber als Großvater akzeptiert zu haben und sie schien ihm sein langes Schweigen vergeben zu haben, worüber er am Meisten froh war.

„War das so eine Absprache, wo das Pärchen nichts von wusste? So wie das immer Magister Morgentau erzählt?“, wollte Cyntall wissen und der alte Kampfmagier schüttelte den Kopf.

„Mein Kollege hat über eine Möglichkeit gesprochen, aber so war das bei deinen Eltern nicht“, erklärte er. „Sie haben sich auf einer Feierlichkeit zu Ehren des Königs kennengelernt. Das heißt, deine Mutter sprach mich an, wer der gutaussehende Waldläufer wäre. Dein Vater war viel zu schüchtern um sie anzusprechen.“

Cyntall sah den alten Elfen entgeistert an. „Mein Vater war schüchtern?“ Nufen lachte kurz. „Sollte man nicht glauben, hm? Nun, da dein Vater mich schon vorher angesprochen hatte, wer die schöne Elfe sei“, erklärte er weiter, „habe ich die beiden dann einander vorgestellt.“

„Dann war das Liebe auf den ersten Blick?“, lächelte die kleine Elfe. Das würde sie Magister Morgentau erzählen. So was gab es doch. Er würde staunen.

„Nun“, wollte der alte Magister weiter erklären, wurde dann allerdings von Sarbel unterbrochen. Die hagere Bedienstete trat auf die Terrasse und machte einen Knicks neben dem Tisch. „Verzeiht die Unterbrechung, Magister“, sagte sie, „aber Waldläufer Schattengrün möchte euch in einer dringlichen Angelegenheit sprechen.“

Nufen sah zu seiner Enkelin. „Schattengrün? Sagt mir nichts…dir?“ Cyntall schüttelte den Kopf. „Nein, den Namen habe ich noch nie gehört.“ Der alte Magister wandte sich wieder der Bediensteten zu. „Dann herein mit ihm.“

Es dauerte nicht lange und ein hochgewachsener Elf der hinkte und am Stock ging, betrat die Terrasse und grüßte militärisch. „Magister Nufen Blutnebel?“, fragte er etwas steif und bedachte Cytall mit einem knappen Blick. „Völlig richtig“, erwiderte Nufen und wies mit einer Hand auf einen freien Stuhl. „Danke, ich stehe lieber“, schüttelte der Waldläufer den Kopf. „Ich komme schwer wieder hoch“, erklärte er und zeigte auf sein Bein und dann auf seinen Stock.

„Was kann ich für euch tun?“, fragte Nufen und ließ die Teekanne schweben um für Cyntall und sich erneut einzuschenken. „Ich bin hier zwecks Überführung von…“, der Waldläufer rollte ein Pergament auf und fuhr dann fort. „…von Hauptmann Zalyr.“

Bei dem alten Magister setzte kurz der Herzschlag aus. Die Teekanne sackte recht unsanft wieder auf den Tisch und zerbrach die Tasse, auf der sie landete. Nufen erhob sich langsam. „Zwecks was?“, fragte er ungläubig nach. „Zwecks Überführung von einem Späherhauptmann Marlatan Zalyr“, wiederholte der Waldläufer ausführlicher, nachdem er das Pergament nochmals überflogen hatte. „Dann…dann haben sie seine Leiche gefunden?“ Nufens Stimme war jetzt nur noch ein Hauch. Erst nach diesem Satz besann er sich und sah zu seiner Enkelin hinüber.

Cyntall war wachsweiß und saß völlig regungslos auf ihrem Stuhl. „Nein!“, schrie es in ihr. „Du glaubst es wohl erst, wenn sie dir seinen geschundenen Körper vor die Füße legen“, hatte Magister Morgentau gesagt. Und genauso war es. Sie hatte immer noch Hoffnung gehabt, ein winziges Stück zwar nur, aber sie hatte noch an die Möglichkeit einer Rettung geglaubt. Wenn man aber nun seinen Körper brachte, dann musste sie…musste sie…dann war er wirklich tot. Dann hatte sie ihn wirklich verloren. „Nein! Bitte!“

Der Waldläufer stutzte kurz. „Leiche? Nein. Wie kommt ihr denn darauf“, erneut schaute er seelenruhig in sein Pergament und Nufen war kurz versucht es einfach aus seiner Hand zu reißen. „Hauptmann Zalyr befindet sich im Moment auf der Krankenabteilung in unserem Hauptquartier. Ein Leutnant Sturmbrand hat euren Namen angegeben. Ihr würdet weitere Entscheidungen treffen.“

Nufen brauchte ein paar Sekunden um den Sinn der Worte zu erfassen. Sagte ihm dieser Waldläufer gerade, dass sein Sohn lebte? Hatte er das gesagt? Er wollte gerade etwas erwidern, als ein lautes Scheppern ertönte. Erschrocken schaute er zu Cyntall, aber der Platz war leer. Ihr Stuhl lag umgeschmissen auf dem Boden. Er sah sich erschrocken um und sah seine Enkelin gerade noch die Straße entlangrennen, dann verschwand sie hinter der Biegung.

Cyntall rannte wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie hatte den Rock weit mehr gerafft als schicklich war, aber das war ihr egal. „Ich habe es gewusst“, hallte es durch ihren Kopf, „ich habe es immer gewusst.“

Als sie durch das Tor zum Königlichen Markt rannte, knallte sie mit einem Elfen in feinster Robe zusammen, der sie recht irritiert ansah. „Vorsicht, passt doch auf“, schimpfte er, aber die kleine Elfe rief nur: „Mein Vater lebt“ und dann lachte sie wild und rannte weiter. Kurz hielt sie sich an einer Laterne am Markt fest und versuchte keuchend etwas Luft zu bekommen. Die stechenden Schmerzen in ihrer Seite ignorierte sie völlig. Dann rannte sie weiter. Wo die Krankenabteilung im Waldläuferhauptquartier war wusste sie. Sie stürmte auf eine Elfe am Eingang zu und fragte japsend nach. „Zalyr…wo…Zimmer…Tochter“, fügte sie noch an und zeigte mit dem Finger auf sich selbst. Dann stützte sie sich mit den Händen auf den Knien ab und versuchte Luft zu bekommen.

Die Elfe lächelte leicht. „Ihr werdet hier nicht rennen, junge Dame. Euer Vater liegt im Ost-Trakt. Den Gang runter…dann nach rechts…den zweiten Gang links, das dritte Zimmer auf der rechten Seite. Soll ich euch begleiten?“

Cyntall schüttelte den Kopf, drehte sich um und wollte los spurten, aber ein „Nicht rennen!“ brachte sie dazu doch gesittet zu gehen. Als die Elfe außer Sicht war, beschleunigte sie wieder.

„Das dritte Zimmer“, dachte sie und rannte den Flur lang, „eins…zwei..“ Dann stoppte sie vor einem Zimmer, dessen Tür offen war. Sie sah ihren Großvater an einem Bett stehen und dann sah sie… Cyntall weinte los. Sie trat an das Bett heran. „Wir benutzen Portale, wenn wir es eilig haben“, bemerkte Nufen, „ich hätte dich mitgenommen.“

Die kleine Elfe hörte ihn nicht. Sie setzte sich auf die Bettkante und strich sanft über das Gesicht ihres Vaters. Dann nahm sie seine Hand auf und drückte sie kurz an ihr Gesicht. „Was ist mit ihm? Er sieht… er sieht furchtbar aus.“ Cyntall wendete den Blick nicht von ihrem Vater ab. „Er ist sehr schwer verletzt und sein Zustand ist nach wie vor kritisch. Er war noch nicht bei Bewusstsein, seitdem er gefunden wurde.“ Die kleine Elfe registrierte erst jetzt einen weiteren Elfen, offenbar einen Heiler, der sich in dem Zimmer befand. „Aber…aber er wird doch wieder gesund?“, fragte sie ohne den Elfen anzuschauen.

„Das kann ich beim besten Willen noch nicht prognostizieren“, antwortete der Heiler und Cyntall sah ihn nun doch erschreckt an. „Wir tun alles, was in unserer Macht steht“, lächelte sie der Heiler beruhigend an. „Er ist hier in den besten Händen“, versuchte nun auch Nufen ihr Hoffnung zu machen.

Die kleine Elfe nickte nur und wandte sich wieder ihrem Vater zu. Der alte Magister neigte sich nach einer Weile zu ihr hinunter. „Ich werde noch einiges mit dem Priester besprechen, Liebes. Bitte warte hier“, sagte er leise und verließ, nachdem er kurz über den Kopf seines Sohnes gestreichelt hatte, zusammen mit dem Heiler das Zimmer.

Cyntall hielt immer noch die Hand ihres Vaters. Er sah schrecklich aus, ja. Sie hätte ihn fast nicht erkannt. Sein Kopf war teilweise verbunden. Sein linkes Auge völlig zugeschwollen, die Lippen aufgeplatzt, sein ganzer Oberkörper war verbunden, sein rechtes Bein war geschient.

Sogar die Hand die sie hielt, war mit bereits verschorften Wunden und Kratzern übersäht, wie eigentlich der ganze restliche Körper.

„Ich bin da“, flüsterte die kleine Elfe und beugte sich leicht zu ihm runter. „Hörst du? Ich bin da. Es wird alles gut. Du musst nur wach werden…hörst du? Ich…ich liebe dich, hörst du? Ich muss dir das unbedingt sagen. Also werde wach, hörst du?“ Cyntall liefen nun wieder die Tränen über die Wangen. „Ich liebe dich, hörst du?“


~ Freudiges Erwachen? ~

Als ob eine Horde Goblins um eine riesige Glocke standen und abwechselnd mit Hämmer dagegen schlugen. Gerade wenn das Dröhnen des einen Schlages langsam nachließ, folgte ein erneuter Knall und das Dröhnen schwoll wieder an. „Verfluchte Goblins.“

Etwas hatte sich verändert. Nicht das Gefühl, als ob ihm gleich der Kopf explodiert, nicht die Schmerzen, die durch seinen ganzen Körper rasten und ihn kaum zu Bewusstsein kommen ließen, aber etwas hatte sich verändert.

Es war nicht mehr so kalt. Es stank nicht mehr so fürchterlich und der Rauch, der die ganze Hütte durchzogen und in seiner Lunge gebrannt hatte war auch verschwunden. Es war ruhig, ja fast still. Die Decke war weiß. Keine Felle und Holzbalken. Sie war weiß und er konnte Stuck an einigen Stellen entdecken. „Ich bin tot“, dachte er.

Er tastete mit der Hand an sein Gesicht. Ein Verband schien sein Auge abzudecken, was erklärte, warum er nur begrenzte Sicht hatte. Schon die Bewegung der Hand zum Kopf hatte höchste Anstrengung erfordert. Nun versuchte er den Kopf zu drehen. Die Goblins purzelten durcheinander, standen schreiend auf und schlugen umso lauter auf die Glocke. „Boshafte Goblins.“

Er lag in einem großen Raum. Die ganze Einrichtung war eindeutig thalassischer Art. Er schien nicht mehr in der Orchütte zu sein und wenn er seinen Ohren trauen konnte, war er in einer Stadt. Er hörte eindeutig Karren, die über Steinplatten gezogen wurden, hörte die typischen Stadtgeräusche. „Haltet euch fest.“ Er versuchte mühsam den Kopf auf die andere Seite zu drehen, um mehr von dem Zimmer sehen zu können. Die Goblins wurden zorniger. Sie hoben die Hände und zauberten Blitze, die schmerzhaft durch seinen Kopf zuckten. „Verdammte Magier.“

Er konnte eine Sitzgruppe sehen, Schränke, eine große Liege und eine grelle Fensterfront. Die Helligkeit tat seinem Auge weh, tat den Goblins weh, die ihre Anstrengungen verstärkten. Den großen Sessel, der direkt vor seinem Bett stand, sah er zuletzt. Es dauerte etwas, bis sein Blick klarer wurde. Etwas lag darauf. Jemand lag darauf. Eine Elfe, die sich auf der Sitzfläche eingerollt hatte wie ein junges Kätzchen und zu schlafen schien. Er brauchte etwas, bis er begriff, wer da auf dem Sessel lag. „Cyntall.“

Wie oft hatte er sich in den letzten Wochen gewünscht sie zu sehen, mit ihr zu sprechen, sie einfach in den Armen zu halten und nun sollte sie einfach vor ihm sitzen? Er musste tot sein.

Er versuchte zu sprechen, er versuchte Luft zu holen. Seine Lungen brannten, der Hals schnürte sich zu. Er bekam keine Luft. „Nur noch einmal“, dachte er, „ich will doch nur noch einmal mit ihr sprechen.“

Nufen war in seinem Element. Seit Tagen organisierte der alte Kampfmagier den Transport seines Sohnes von der Krankenabteilung des Waldläuferhauptquartieres hier in sein Haus. Er hatte zusätzliches Pflegepersonal eingestellt und zwei Heiler beauftragt, sich rund um die Uhr um seinen Sohn zu kümmern. Das Wohnzimmer wurde umgerüstet zu einem zusätzlichen Schlafzimmer, damit die Leute das Haus nicht verlassen mussten. Sogar zwei Bedienstete hatte er eingestellt, die Sarbel bei der Verpflegung der Elfen helfen sollten.

Gestern war es dann soweit gewesen. Sein Sohn war immer noch nicht aufgewacht. Nur einmal hatte es den Anschein gehabt als würde er wach werden. Der Transport war gut verlaufen und Cyntall saß seitdem die ganze Zeit an seinem Bett. Nufen hatte schon vorhin nach ihr gesehen und sie hatte friedlich geschlafen. Nun aber wollte er sie wecken. Sie musste etwas essen und er wollte sie auch auf andere Gedanken bringen. Nur den ganzen Tag auf ihren Vater zu starren war für ihr Gemüt nicht gut.

Nufen betrat das Zimmer seines Sohnes und Cyntall schlief immer noch tief und fest auf ihrem Sessel, dann erstarrte der alte Elf. Sein Sohn war wach. Er war wach! Nufen bekam nur beiläufig mit, dass ein Priester an ihm vorbei huschte, das bereitgelegte Tuch auf dem Tisch neben dem Bett aufnahm, mit einer Flüssigkeit beträufelte und seinem Sohn dann an die Nase hielt. „Es beruhigt die Atmung. Er bekommt dann besser Luft“, erklärte der Priester.

Cyntall schreckte hoch. „Was?“, murmelte sie verschlafen, dann starrte sie ebenfalls auf ihren Vater, der sie anzusehen schien.

Marlatan sah alles wie durch einen Nebel. Die fehlende Luft, die Anstrengung welche zu bekommen, rief wieder die Dunkelheit herbei. Mühsam kämpfte er gegen sie an. Den Elfen, der in der Tür auftauchte, nahm er nur als Schatten wahr. Dann schien ihm jemand etwas aufs Gesicht zu drücken. Er wollte sich wehren, wollte die Arme heben, den Kopf wegdrehen. „Cyntall“, dachte er wieder, „nur kurz mit ihr sprechen.“

Der Duft war angenehm. Gierig atmete er ein und…und es ging. Die brennenden Schmerzen ließen nach. Er bekam endlich Luft. Sein Blick wurde klarer. Cyntalls Gesicht tauchte neben ihm auf. „Er sollte noch nicht sprechen“, hörte er jemanden sagen. Wieso nicht? Er versuchte Worte zu formulieren. Mühsam brachte er ein Wort zustande, das er selbst nicht verstand. Er hörte nur ein Krächzen. Aber offenbar verstand man ihn. „Du bist zu Hause…in Silbermond“, antwortete ihm ein Elf dessen Stimme er kannte. „Du bist in Sicherheit.“ Die Stimme war vertraut und er hatte gedacht sie nie wieder zu hören. „Nufen?“

Er spürte einen sanften Kuss auf seiner Stirn. „Wir sind alle hier.“ Der kleinen Elfe liefen die Tränen über die Wangen. „Cyni“, brachte er mühsam zustande. „Das ist zu anstrengend“, hörte er wieder jemanden sprechen, „er braucht Ruhe. Bitte verlasst jetzt das Zimmer.“ „Wer ist der Kerl?“, dachte er wütend. Er hatte so viele Fragen, er wollte so viele Antworten haben.

„Noch einen kleinen Moment, bitte“, erwiderte Nufen. Der Priester rümpfte etwas die Nase und verließ nach einem „Eure Verantwortung!“ den Raum. Der alte Kampfmagier setzte sich auf die andere Seite des Bettes und legte seinem Sohn sanft die Hand auf die Schulter. „Wie geht es dir?“

Marlatan sah immer noch seine Tochter an. Cyntall war so unendlich glücklich, dass der riesige Kloß, den sie im Hals hatte, es ihr nicht ermöglichte etwas zu sagen. Er hob die Hand und wischte die Tränen sanft weg. „Alles in Ordnung mit dir, Kleines?“

Cyntall schluchzte nun richtig los. Sie nahm seine Hand auf und hielt sie fest. „Ja“, heulte sie. „Nun ist wieder alles in Ordnung.“ Marlatan drehte den Kopf, was die Goblins wieder mit wütendem Gebimmel beantworteten, und sah Nufen fragend an. „Ist alles in Ordnung?“, formulierte er mühsam. „Mach dir keine Sorgen mehr. Es ist alles gut. Du musst nur noch gesund werden“, antwortete der alte Magister.

Marlatan schloss die Augen. Das Wichtigste wusste er nun. Cyntall ging es gut. Mehr hatte er nie gewollt. Er war müde. Er war so unendlich müde. Wie der Priester wieder im Zimmer erschien und mit Vehemenz verlangte, dass die kleine Elfe und der alte Magier den Raum verließen, bekam er nicht mehr mit. Wenn das nicht der irrste Traum gewesen war, den er je hatte, dann war er nicht tot, dann war dieser Albtraum endlich zu Ende.

Die nächsten Tage ging es stetig bergauf. Die kleine Elfe verbrachte fast die ganze Zeit im Krankenzimmer und wartete auf jeden Moment indem ihr Vater aufwachte. Die Abstände wurden immer kürzer und die Wachzeiten immer länger. Da ihr Vater endlich richtige Nahrung aufnehmen konnte und auf die Medizin gut ansprach, wie der Priester sagte, kam er langsam zu Kräften. Grundvoraussetzung für seine weitere Genesung. Erst wenn er über genügend Kraft und Reserven verfügen würde, konnten die Knochenbrüche, die Wunde am Auge und vor allem die Brustverletzung richtig behandelt werden.

Brisante Themen vermied Cyntall noch. Dass er sich aufregte, sollte dringend vermieden werden. Immer wenn das Thema auf ihre weitere Ausbildung kam, versuchte sie so ausweichend wie möglich zu antworten.

Sie hatte ihm bisher nur berichtet, dass Nufen sie gefunden hatte, ihr die Runen entfernt worden waren und sie eine Weile auf der Krankenstation des Sonnenzornturms gelegen hatte, bis sie zu dem alten Kampfmagier gezogen war. Normalerweise hätte ihr Vater ihr das nicht abgekauft, hätte ihre Ausweichtaktik durchschaut. Aber er schien noch zu erschöpft um genauer nachzufragen. So dachte sie wenigstens.

„Er schläft wieder?“, trat der alte Magister in den Raum und Cyntall nickte. „Ja, er war nur kurz wach“, antwortete sie. „Dann leg dich etwas hin, Liebes“, schlug Nufen vor, „ich bleibe solange bei ihm.“ Die kleine Elfe war tatsächlich müde und der Sessel als Schlafgelegenheit war nicht wirklich bequem. Sie nickte, hauchte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Der alte Kampfmagier hatte sich noch nicht richtig gesetzt, als die Frage unvermittelt kam. „Wie lange wollt ihr mir eigentlich noch diese Komödie vorspielen?“

„Du bist ja wach“, entgegnete er und versuchte seine Verlegenheit zu überspielen. „Was meinst du?“ Marlatan versuchte sich etwas aufzurichten, was mithilfe des alten Elfen auch gelang. „Cyntall ist glücklich, du bist glücklich. Ihr beide strahlt um die Wette und die Welt ist ein einziges Sommerfest. Für wie naiv haltet ihr mich eigentlich?“

Nufen verzog leicht das Gesicht. Sein Sohn hatte schon immer ein Gespür dafür gehabt, wenn ihn jemand belog, was durchaus von Vorteil war, wenn man eine Einheit Waldläufer führte, aber ein Nachteil, wenn man versuchte etwas vor ihm zu verheimlichen.

„Cyntall geht es gut“, sagte er, „und du sollst dich nicht aufregen.“ Nufen wusste, dass es nur ein schwacher Versuch war und Marlatan sich damit bestimmt nicht zufrieden geben würde. „Es gibt also etwas was mich aufregen würde?“, fragte Marlatan nun etwas schärfer nach. Der alte Magister seufzte.

„Also schön“, antwortete er, ging zur Tür und schloss sie. „Dann ist also jetzt die Zeit zu reden.“ Er atmete tief durch, während er die Tür zumachte. Er hatte gewusst, dass dieser Zeitpunkt kommen würde, sogar schon recht bald. Aber nun wurde ihm doch flau im Magen. „Reiß dich zusammen“, machte er sich selbst Mut, dann setzte er sich in den Sessel.

Er starrte seinen Sohn eine Weile lang an, suchte einen Anfang. „Du machst mir Angst, Nufen“, sagte Marlatan, der den alten Kampfmagier nicht aus den Augen ließ. „Was ist mit Cyntall?“

Nufen lächelte leicht. „Es ist gar nichts mit Cyntall. Es geht ihr wirklich immer besser. Sie zaubert sogar schon wieder“, erzählte er zögerlich, „nur…nur über ihren neuen Lehrer haben wir dir noch nichts erzählt.“ Als sein Sohn ihn einfach nur weiter ansah, fuhr er fort.

„Er unterrichtet sie wieder“, sagte er dann leiser. „Wer?“, fragte Marlatan sofort, setzte aber gleich ein „Morgentau?“ nach. „NEIN!“ Marlatan stieß das Wort zu heftig aus. Die Luft, die er dafür brauchte, hatte er nicht. Sein Luftschnappen ging in ein Husten über und er beruhigte sich erst wieder etwas, als Nufen ihm das getränkte Tuch vor die Nase hielt. „Siehst du? Du regst dich auf“, sagte der alte Magister besorgt.

„Wieso?“, keuchte Marlatan, als er wieder etwas Luft bekam. „Ich dachte, wir wären uns einig? Der Kerl ist nicht gut für sie. Ich verbiete es…hörst du Nufen? Ich verbiete es!“ Der alte Elf sprach so ruhig wie möglich. „Du kannst es nicht verbieten. Ich habe den Kollegen kennengelernt. Er ist nicht ansatzweise so, wie du ihn darstellst. Und ich habe meine Einwilligung gegeben. Außerdem ist Cyntall erwachsen.“  

Marlatan richtete sich wütend auf. Die Schmerzen, die er dabei hatte ignorierte er. „Du hast deine Einwilligung gegeben? Wie kommst du dazu? Was bildest du dir eigentlich ein, über meine Tochter zu entscheiden?“ Das Tuch ließ er vorsichtshalber vor seinem Gesicht. Das Atmen fiel ihm immer schwerer und er wollte auf keinen Fall bewusstlos werden.

Nufen lächelte schmal und stand auf. „Was mich zu der nächsten Neuigkeit bringt“, sagte er schwerfällig und ging zum Fenster. Er hielt sich mit einer Hand am Rahmen fest. Seine Knie waren weich und er spürte ein leichtes Zittern am ganzen Körper. „Wie du dazu kommst solche Entscheidungen zu treffen, will ich wissen“, krächzte Marlatan hinter ihm.

„Wir kennen uns schon eine Ewigkeit, nicht?“, begann er dann vorsichtig. „Was hat das jetzt damit zu tun?“, baffte Marlatan zurück. „Eine Menge…oh, eine Menge“, fuhr der alte Kampfmagier fort. „Ich…ich habe mich…nein, ich muss anders anfangen“, zitterte seine Stimme nun. „Nufen?“, kam es vom hinteren Teil des Raumes, „könntest du dich bitte kurz fassen und einfach meine Frage beantworten?“

„Sei jetzt still“, fuhr er seinen Sohn an, „das ist nicht einfach für mich.“ Er sah dann, wie sein Sohn sich nun doch erschöpft zurücklegte und versuchte weiter Luft zu bekommen. „Ich…ich war früher sehr oft im „Tänzelnden Schreiter“. Ich meine, bevor du geboren wurdest. Ich…ich verbrachte sehr viel Zeit dort. Also auch nachdem du geboren wurdest…aber eben auch vorher.“

Nufen warf einen kurzen Blick über die Schulter. Sein Sohn atmete nun ruhig, schien aber noch wach zu sein und zuzuhören. Der alte Kampfmagier holte tief Luft, ehe er weiter erzählte. Seine Hand krallte sich regelrecht in den Fensterholm. „Ich…ich lernte deine Mutter kennen und….und…und ich verliebte mich in sie. Sie…wir…es war eine Zeitlang wunderschön. Dann…dann…und du musst mir verzeihen, dass ich nie etwas gesagt habe,…dann…dann wurdest du geboren…unser…mein…Sohn“, endete der alte Elf zittrig und hielt den Atem an. Es war totenstill in dem Raum. Selbst der rasselnde Atem seines Sohnes war nicht mehr zu hören. Nufen traute sich nicht sich umzudrehen. „Es ist raus“, rauschte es durch seinen Kopf, „ich hab es endlich gesagt.“ Er fühlte sich erleichtert, aber auch ängstlich. Wie würde sein Sohn auf diese Nachricht reagieren? Wieso sagte er nichts? War er eingeschlafen?

„Gibst du es also endlich zu“, kam dann recht leise vom Bett. Nufen erstarrte kurz, dann fuhr er herum. „Du…du hast es gewusst?“, fragte er völlig entgeistert und trat wieder an das Bett heran, sah seinem Sohn fassungslos ins Gesicht. „Ich bin nicht blöd, Nufen“, erwiderte Marlatan. „Aber…aber, wieso hast du nie etwas gesagt?“, fragte der alte Elf erneut. Marlatan sah ihn mit recht kühlem Blick an. „Es war nicht an MIR etwas zu sagen?“

Nufen ließ sich auf den Sessel sinken und nickte langsam. „Natürlich…natürlich, du hast völlig Recht. Ich hätte…ich hätte viel früher etwas sagen müssen. Seit wann…seit wann weißt du es?“

Marlatan schloss kurz die Augen und atmete so ruhig wie möglich. Die Schmerzmittel, die er bekam, linderten seine Schmerzen nur etwas und das Sprechen und das Atmen strengten ihn nach wie vor an.

„Ich vermutete es eigentlich schon immer, aber als Mutter starb fand ich deine Briefe in ihrem Bankfach.“ Nufen wurde nun noch etwas blasser. Sein Sohn hatte es die ganze Zeit gewusst. Er hat es von klein auf an gewusst. Nur er hatte nie den Mut gehabt es ihm zu sagen. „Hast du mich deshalb damals einfach angesprochen?“, fragte der alte Elf mit schwacher Stimme. Marlatan nickte knapp. „Deine Versuche in meiner Nähe zu sein, waren schon fast peinlich. Und irgendwie wusste ich, dass du mich nie ansprechen würdest.“

„Es…es tut mir so leid“, antwortete Nufen mit gesenktem Kopf. „Ich kann das nie wieder gut machen.“ Marlatan hustete und nahm sich erneut das getränkte Tuch. Nach einer Weile konnte er wieder freier atmen.

„Wir waren vielleicht nie Vater und Sohn, aber wir sind Freunde und wir haben eine Menge zusammen durchgemacht… ich würde es gern dabei belassen“, sagte er mit leicht erstickter Stimme. Nufen nickte. „Das würde mich sehr glücklich machen“, entgegnete er leise. Marlatan schloss erschöpft die Augen. „Du kannst mir einen Gefallen tun“, setzte er dann noch nach. Der alte Magister sah auf. „Alles was du möchtest“, antwortete er. Marlatan grinste leicht. „Dann schick diesen Morgentau zum Nether.“


~ Das normale Leben ~

Cyntall lief schon das zweite Mal durch Silbermond. Sie genoss die warme Sonne, schaute sich die Auslagen in den Geschäften an und setzte sich immer mal wieder kurz auf eine Bank, um das Treiben auf den Gassen zu beobachten. „Ist es nicht herrlich, Piri?“, fragte sie ihren alten Schreiter. „Endlich können wir wieder ungezwungen herumspazieren.“ Der weiße Schreiter zupfte sich ein paar Grashalme und hob kurz den Kopf, als die kleine Elfe ihn ansprach. „Du hast das auch vermisst, nicht?“, stand Cyntall auf und streichelte liebevoll über seine Federn.

Landtmann war tot. Die Gefahr, die von dem Untoten ausgegangen war vorbei. Nun konnte das normale Leben wieder beginnen. Die kleine Elfe strich nachdenklich mit ihrer Hand durch das Brunnenwasser. „Das ‚normale‘ Leben“, dachte sie. Was war das? Hatte sie bisher überhaupt ‚normal‘ gelebt? Sie hatte es so empfunden, aber wenn sie mit anderen Adepten gesprochen hatte, hatte sie immer das Gefühl gehabt, es sei nicht so gewesen. Sie hatten sie angestarrt, als käme sie aus einer anderen Welt…hatten sie komisch gefunden. „Was meinst du, Piri? Beginnt jetzt unser normales Leben?“, sprach sie erneut den Schreiter an. Piri stupste sie kurz an und lief dann einige Schritte vom Brunnen weg. Er hatte genug Gras gefressen und schien nicht einzusehen, warum er hier noch verweilen sollte. Cyntall lachte. „Ist ja gut“, rief sie und lief hinter ihm her, „wir gehen ja weiter.“

Trotzdem ließ sie der Gedanken an ein normales Leben nicht los. Sie hatte etwas Angst davor. Und so richtig darunter etwas vorstellen konnte sie sich auch nicht. Was war normal? Sie wohnte wieder bei ihrem Großvater und ihrem Vater. Der alte Magister hatte Personal eingestellt und ihre Räumlichkeiten waren fast so groß wie die, die sie mal bei Magister Blutflamme bezogen hatte. Sie würde weiter Magie studieren. Sie würde bei Magister Morgentau arbeiten und lernen. Er würde ihr sogar ein Zimmerchen einrichten, falls die Unterrichtsstunden sich wieder mal hinziehen würden. Sie würde mit ihm Vorträge besuchen und ihr Großvater hatte schon angekündigt dass er plante, mit ihr einige gesellschaftliche Einladungen zu besuchen. Sie würde ihre alten Freunde wieder besuchen, sich mit anderen Adepten austauschen und vielleicht neue Freundschaften schließen. Und ihr Vater schien damit völlig einverstanden zu sein. Das wunderte die kleine Elfe am meisten.

So war also das normale Leben? Unbekümmert und sorgenfrei mit Piri durch die Straßen spazieren gehen? Keine Angst zu haben, dass jede Sekunde etwas passieren könnte, dass sich von einem Moment auf den anderen ihr ganzes Leben änderte? Es gab niemanden, der mit ihr schimpfte? Sie machte nichts falsch und entschied selber über ihr Leben? Es grummelte leicht im Magen der kleinen Elfe. So richtig anfreunden konnte sie sich noch nicht mit dem Gedanken. Ihre ganzen bisherigen Erfahrungen sprachen dagegen.

„Cyntall?“, sprach sie dann jemand an und trat an sie und den Schreiter heran. Die kleine Elfe zuckte zusammen und fuhr herum. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie an dem Waldläufer-Hauptquartier vorbeigelaufen war. Rhothomir Sturmbrand, seines Zeichens Leutnant in der Einheit ihres Vaters, stand freundlich lächelnd hinter ihr. „Du machst einen Spaziergang? Dann geht es dir wieder gut?“, fragte der Leutnant und sah sie aufmerksam an. „Ich…ich führe meinen… meinen Schreiter spazieren“, stammelte die kleine Elfe und spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Rhothomir nickte lächelnd. „Wie geht es Marlatan? Auch besser?“ Cyntall nickte. „Vater geht es besser, ja“, gab sie krebsrot Auskunft. Unmerklich strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wünschte wirklich, sie hätte sich mehr gerichtet, als sie heute Morgen zum Spaziergang aufgebrochen war. Hatte sie wirklich ihre alte Hausrobe an? „Kommt ihr…kommt ihr Vater besuchen?“, fragte sie zaghaft und verschränkte dann ihre Arme etwas ungelenk vor dem Körper. Wie stand man eigentlich ganz gelassen da? Das musste sie dringend vor dem Spiegel üben. „Dafür wird die Zeit nicht reichen“, erwiderte der Leutnant freundlich. „Grüß ihn bitte von mir, ja?“ Cyntall nickte und der Leutnant wendete und verschwand wieder im Gebäude.

„Wie blöd bist du eigentlich?“, schimpfte ihre innere Stimme. „Ich führe meinen Schreiter spazieren“, äffte sie sich selbst nach. Bestimmt hielt er sie für leicht zurückgeblieben. Wieso hatte sie nicht etwas Intelligentes gesagt? Wieso hatte sie kein Gespräch angefangen? Wieso hatte sie ihn nicht für irgendwann zum Essen eingeladen. Das wäre ganz normal gewesen. „Ach, Piri“, seufzte sie. „Ich hab große Probleme mit diesem normalen Leben.“ Ob man so was auch lernen konnte? Ob ihr das der Magister beibringen könnte? Gab es ein Unterrichtsfach „Wie meistere ich mein Leben“? „Ich werde ihn fragen“, murmelte sie vor sich hin.

„Ich bin wieder da!“, rief sie, nachdem sie Piri in den Stall gebracht und die Eingangshalle betreten hatte. „Ich bin hier, Liebes“, rief ihr Großvater und Cyntall bog nach rechts in die gemütliche Bibliothek ab. Der alte Magister saß auf einem bequemen Sessel und hatte die Füße hochgelegt. Ein Buch lag auf seinem Schoß und er lächelte die kleine Elfe an. „Na, hattest du einen schönen Tag?“, fragte er nach. „Ich war mit Piri spazieren“, erzählte Cyntall und hier fand sie diesen Satz nun gar nicht so blöd. „Ich hab Rhothomir getroffen“, fuhr sie dann fort. „Hast du ihn zum Essen eingeladen?“, erkundigte sich ihr Großvater und sie schüttelte den Kopf. „So viel Zeit hatte er nicht. Was machst du?“, fragte Cyntall dann. Der alte Elf hob kurz sein Buch an. Die kleine Elfe las den Titel und schluckte kurz. So was las man freiwillig? Der alte Magister schmunzelte. Er sah wohl am Gesicht seiner Enkelin was sie gerade dachte.

„Ist Vater wach?“, fragte Cyntall und stand etwas unschlüssig neben dem Sessel. „Nein“, erwiderte der alte Elf, „Priester Silberschatten war da und jetzt schläft er.“ „Hmhmmm…“, nuschelte die kleine Elfe leise und blieb unschlüssig neben ihrem Großvater stehen. Der alte Elf schlug lächelnd das Buch zu und legte es beiseite. „Du hast nichts zu tun, kann das sein?“, fragte er sie und Cyntall nickte. „Ich hab mein Zimmer aufgeräumt und war mit Piri draußen“, erklärte sie leise. „Magister Morgentau hat mir frei gegeben, da er einiges zu erledigen hat.“ Die kleine Elfe ließ sich dann seufzend auf die Armlehne des Sessels plumpsen. „Ich bin so ein normales Leben nicht gewohnt“, fuhr sie dann fort. „Magister Morgentau sagte ich solle noch nicht ohne ihn zaubern…ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Der alte Magister schmunzelte über die so furchtbar unglücklich aussehende kleine Elfe. „Wie wäre es, wenn wir meinen Schneider besuchen?“, fragte er und hob ihren gesenkten Kopf mit der Hand leicht an. „Ich kann dich gerne begleiten“, erwiderte Cyntall nicht wirklich begeistert. „Das musst du auch“, lächelte der alte Elf. „Schließlich kann ich keine Roben für dich kaufen, wenn du nicht dabei bist.“ Die kleine Elfe horchte auf. „Roben? Für mich?“, fragte sie nach. „Für dich“, antwortete ihr Großvater. „Schließlich musst du adäquat gekleidet sein, wenn du mich auf Festivitäten begleitest.“

Cyntall sprang begeistert auf. „Dann los“, rief sie und zog ihren Großvater fast auf die Beine. „Langsam, Liebes“, lachte er, aber die kleine Elfe stürmte schon mit einem „Ich muss mich kurz umziehen“ aus dem Raum. Cyntall wechselte ihre Hausrobe gegen eine etwas schickere aus und betrachtete sich prüfend im Spiegel. So war also auch das normale Leben. Dieser Aspekt gefiel ihr schon wesentlich mehr. Und an den würde sie sich auch schnell gewöhnen. „Das andere bekomme ich auch hin“, murmelte sie sich dann selbst zu. „So schwer kann das doch nicht sein.“


~ Aus Kindern werden Leute ~

Cyntall wählte eine neue Robe und betrachtete sich ausgiebig im Spiegel. Ihr Blick fiel auf die wenige Schminke die sie besaß. Bisher hatte sie darauf verzichtet, aber etwas Rouge konnte doch nicht schaden? Vorsichtig tupfte sie sich das rote Pulver auf die Wangen und verrieb es etwas. Danach trug sie noch etwas Lippenstift auf. „Weniger ist mehr“, erinnerte sie sich dunkel an die Worte ihrer Mutter. „Vater wird es sicher hassen“, dachte sie, kümmerte sich aber erst mal nicht darum. Sie fand sie sah älter aus. Nicht mehr so wie ein Kind. Mehr wie eine junge Frau, die durchaus die Aufmerksamkeit der Männer... „Mach dir doch nichts vor“, sinnierte sie weiter. Sie musste den Waldläufer endlich vergessen. Es durfte einfach nicht sein. Ihr Vater würde sie außerdem umbringen und ihn wahrscheinlich auch.

Sie hopste fröhlich die Treppe nach unten und lief Sona in die Arme. „Das Fräulein sieht heute aber besonders hübsch aus“, lächelte die Bedienstete. „Steht etwas Besonderes an?“ Cyntall schüttelte den Kopf. „Nein“, grinste sie, „einfach nur so.“

Sie verließ das Haus und betrat den kleinen, angrenzenden Stall. „Schau mal, Piri“, rief sie ihrem alten Schreiter zu und stellte sich demonstrativ vor ihn und drehte sich hin und her. Der weiße Schreiter krächzte erfreut, schien sich aber mehr für ihre Leckerlis in der Hand zu interessieren.

„Es gefällt dir also?“, lachte die kleine Elfe und fütterte ihn dann ausgiebig. Danach drängte der alte Schreiter zur Stalltür. „Nein, Piri“, seufzte Cyntall. „Wir dürfen nicht raus.“ Piri krächzte empört und versuchte die kleine Elfe zur Seite zu drängen. „Dir ist langweilig, nicht?“, fasste sie die Trense und hielt ihn zurück. „Vielleicht nur auf den Weg raus?“ Cyntall überlegte. Ihr Großvater hatte ihr strengstens verboten das Haus zu verlassen. Und der Magister schon dreimal. Aber die schmalen Grünstreifen waren doch direkt vor dem Haus. Sie war in Sichtweite. Es war ja nicht so, dass sie durch Silbermond lief.

„Nur ganz kurz, Piri“, ließ sie dann die Trense etwas lockerer. „Und nur vor dem Haus. Da kannst du ein paar grüne Halme zupfen.“ Das ließ sich der alte Schreiter nicht zweimal sagen und zog, als er die lockere Leine spürte, auch gleich hinaus.

Piri zupfte ausgiebig und die kleine Elfe stand sich die Beine in den Bauch. Ab und an linste sie zu den Fenstern ihres Großvaters hoch. Noch hatte weder er noch Sona sie entdeckt. „Nun mach schon, Piri“, zog sie dann wieder an der Trense, aber der alte Schreiter zupfte munter weiter und schlug dabei mit den Flügeln. Freiheit war doch etwas Herrliches.

„Du bist wohl immer mit deinem Schreiter unterwegs“, sagte eine dunkle, leicht rauchige Stimme hinter ihr. Cyntall fuhr erschrocken herum. „Miss Eldaran“, hauchte sie entsetzt und zog nun heftig an der Trense um Piri wegzuziehen. „Grüß dich, Cyntall“, erwiderte die rassige Elfe und trat etwas näher heran. „Ich muss los“, rief die kleine Elfe und zog so kräftig an der Trense, dass Piri empört aufkrächzte. „Nun…komm…schon“, fuhr Cyntall ihn verzweifelt an.

„Ich halte dich nicht lange auf“, trat die schwarzhaarige Elfe noch näher heran. „Dein Vater hat mich gebeten nach dir zu sehen. Wie geht es dir?“ Piri schien nicht in der Laune zu sein, seine grünen Halme aufzugeben. „Es geht mir gut“, kam sofort als Antwort. „Alles bestens.“ Die Arkanistin lächelte. „Du siehst etwas gestresst aus“, erwiderte sie.

Cyntall verlegte sich aufs Schieben und endlich bewegte sich der alte Schreiter. Sie spürte nur ein leichtes Kribbeln, dann wurde ihr schwarz vor Augen. Die Arkanistin trat noch näher heran und fasste den Kopf der kleinen Elfe indem sie ihre Handflächen an die jeweilige Schläfe legte. Cyntall stand völlig steif da und rührte sich nicht mehr. Piri bemerkte, dass er nicht mehr geschoben wurde und kehrte zu seinen Halmen zurück.

„Jetzt schauen wir doch mal, warum dein Großvater so vehement vermeiden möchte, dass ich etwas erfahre“, lächelte sie leicht und verstärkte den Druck. Nach einiger Zeit ließ sie die Schläfen los und zuckte regelrecht zurück. Entgeistert starrte sie die kleine Elfe an, die sich immer noch nicht rührte. „Ob Marla das weiß?“, hauchte sie entsetzt, dann nuschelte sie ein paar Worte. „Was macht ihr da?“, rief jemand und als sie sich umwandte sah sie eine recht beleibte Elfe aus dem Haus stürmen. „Lasst sofort das Fräulein in Ruhe“, fuhr Sona die schwarzhaarige Elfe von weitem an. Noch bevor sie Cyntall erreichte, löste sich die rassige Elfe auf und verschwand.

„Alles in Ordnung, kleines Fräulein?“, fragte Sona besorgt und rüttelte Cyntall leicht an der Schulter. Die kleine Elfe blinzelte irritiert. „Alles bestens“, murmelte sie und fasste sich an den Kopf. Sona nahm die Trense in die Hand und zog energisch. Piri krächzte, aber gegen die Kraft der robusten Elfe hatte er keine Chance. „Ihr sollt doch nicht das Haus verlassen“, schimpfte die Bedienstete und zog Piri sowie Cyntall in den Stall. „Wer war die Elfe?“, fragte sie, nachdem sie Piri in die Box gestellt hatte. „Welche Elfe?“, entgegnete Cyntall. „Na die Schwarzhaarige, die bei euch stand? Ihr saht ganz abwesend aus.“

Die kleine Elfe schüttelte erstaunt den Kopf. „Ich habe niemanden gesehen? Vielleicht nur eine Spaziergängerin, die vorüber ging.“

Sona kniff argwöhnisch die Augen zusammen. Nur vorbei war die Elfe nicht gegangen. Sie hatten gesprochen und das junge Fräulein war ganz blass gewesen. Sie würde den Magister informieren. „Ich gehe zu Großvater“, rief Cyntall als sie wieder im Haus waren. Sona ließ sie springen und stieg in die Küche hinab. Der kleinen Elfe schien es gut zu gehen, da konnte sie den Magister auch noch später informieren.

„Großvater schau mal“, rief Cyntall als sie in das Zimmer stürmte. „Ich hab eine der neuen Roben an.“ Nufen ließ das Buch sinken und sah lächelnd auf. „Und wie mir scheint, hast du auch etwas Farbe aufgelegt“, schmunzelte er. „Zu viel?“, fragte die kleine Elfe nach und drehte sich ausgiebig. „Es sieht sehr hübsch aus“, entgegnete Nufen. Cyntall strahlte. „Wollen wir spazieren gehen? Oder liest du mir was vor?“, fragte sie um ihren Großvater etwas aufmuntern. „Ich…habe eigentlich keine…“, wollte er erwidern, da trat Sona nach kurzem Klopfen ein. „Es wurden zwei Briefe für euch abgegeben, Magister“, strahlte sie wie üblich. „Ich sollte euch gleich informieren.“

Nufen erhob sich sofort und trat nickend an die Bedienstete heran. Als er das waldäuferische Siegel sah, riss er ihr die Briefe fast aus den Händen. „Der Sonne sei Dank“, stieß er erleichtert aus, als er beide gelesen hatte. „Eine gute Nachricht?“, fragte Cyntall. Nufen nickte. „Deinem Vater und Besilaer geht es gut“, entgegnete er lächelnd. „Vater? Wieso Vater“, horchte die kleine Elfe auf. Sie wusste, dass der Arkanist verschwunden war, aber ihr Vater? „Dein Vater wurde bei einem Einsatz kurzfristig vermisst“, erklärte er. „Und wieso sagt mir das niemand?“, antwortete Cyntall entsetzt. „Es geht ihm wirklich gut?“ Nufen reichte ihr die Briefe von seinem Sohn und Sonnenpfeil.

Als Cyntall zu lesen begann, zog Sona den Magister am Arm beiseite, der das irritiert geschehen ließ und erzählte von der dunkelhaarigen Elfe. „Sie war schwarzhaarig?“, fragte Nufen leise. „Ja“, entgegnete Sona, „eine recht düstere Erscheinung und etwas zu knapp bekleidet für meinen Geschmack.“

Nufen warf Cyntall einen besorgten Blick zu. Es schien ihr gut zu gehen. Sie war fröhlich gewesen. „Was hast du mit der Elfe auf der Straße gesprochen, Liebes?“, fragte er als Cyntall die Briefe beruhigt sinken ließ. „Gar nichts?“, entgegnete sie unbekümmert. „Ich hatte dich gebeten nicht das Haus zu verlassen“, warf ihr Nufen vor. „Ich kann nicht ganz Silbermond abschirmen.“ Die kleine Elfe nickte schuldbewusst. „Es war doch nur der Grünstreifen vor dem Haus. Und Sona hat mich ja gesehen.“

Nufen ließ es dabei bewenden. Vielleicht war es ja gar nicht die Nethermantin gewesen, vielleicht hatte Sona die Situation falsch interpretiert, vielleicht hatte die Bedienstete sie auch rechtzeitig verscheucht. Cyntall ging es gut, das konnte er sehen. „Dann lass uns zum Markt gehen“, schlug er vor. „Ich möchte etwas vom Juwelier abholen.“ Die kleine Elfe strahlte. Mit Großvater einkaufen zu gehen war einfach nur wundervoll. Sie blieb den ganzen Weg vor jedem Fenster stehen und betrachtete sich. Ihr Großvater ließ sie schmunzelnd gewähren. „Ich wollte noch vor Ladenschluss zum Juwelier“, sagte er. „Ja, ja“, grinste Cyntall. „Ich muss doch sehen, ob alles sitzt.“ „Du siehst wunderschön aus“, lächelte ihr Großvater. „Du wirst sicher allen Männern den Kopf verdrehen.“ Die kleine Elfe wurde leicht rot. „Das trägt man jetzt so“, versuchte sie abzulenken. „Ich bin gespannt, was der Magister sagt.“ Ihr Großvater grinste. „Ich bin eher gespannt, was dein Vater dazu sagt.“

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